LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Der nachfolgende Beitrag war ursprünglich als eine Zusammenfassung meiner ersten Erfahrungen mit LaTeX geplant. Beim Schreiben aber hat er sich nach allen Richtungen ausgedehnt: Ausgehend von einem speziellen Problem der Literaturverwaltung habe ich begonnen über allgemeine Problemen von Open Source Software und einer (angedeuteten) Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise zu reflektieren und dabei auch Literatur verarbeitet, die ich in den letzten beiden Monaten gelesen habe. So ist der Beitrag zu einem Rundumschlag, zu einem sich nach allen Seiten ausdehnendes Ungeheuer geworden: Mir aber haben diese Reflexionen Spass gemacht und vielleicht gefallen sie Ihnen auch?

Die letzten Tage (und Nächte!) war ich damit beschäftigt mich in LaTeX einzuarbeiten. Deshalb der etwas zweideutige Titel dieses Beitrages. Nach einer anfänglichen Euphorie sind nun in den „Niederungen“ des Arbeitsalltags die ersten praktischen Probleme aufgetaucht. Die Suche nach Abhilfen hat interessante Lösungsmuster ergeben, die weit über das direkte Problem mit LaTeX hinausgehen und wahrscheinlich für Open Source Software generell typisch sind.

Literaturverwaltung als Beispiel

Als Ausgangsbeispiel für meine Überlegungen dient das Generieren eines Literaturverzeichnisses. Das ist für mich ein essentielles Problem: Meine über 3.000 Einträge (!)) verwalte ich mit EndNote. Das komfortable Zusammenspiel meiner Bibliografie-Software mit einem neuen Texteditor ist für mich daher sehr wichtig.
Konkret geht es für mich vor allem darum, dass die Software zur Literaturverwaltung das Einfügen von Kurzbelegen in den Text so automatisieren soll, dass daraus die vollständige Biografie mit allen Schikanen erstellt werden kann. „Mit allen Schikanen“ heißt:

  • Das ständig neue händische Eintippen von Literaturquellen, die sich ja in verschiedenen Beiträgen häufig wiederholen, sollte vermieden werden. Einmal in der Datenbank eingetragen, sollen die erfassten Detailinformationen immer wieder verwendbar sein.
  • Die Formatierung des Kurzbelegs sowie auch der automatisch generierten Bibliografie muss dabei leicht an die speziellen Erfordernisse des jeweiligen Verlegers angepasst werden können. Das geschieht dadurch, dass es entsprechende Dateien für Zitierstile gibt, die automatisch die gewünschte Formatierung erzeugen. Wenn eine solche Datei nicht vorhanden ist, sollte sie selbst leicht erstellt werden können.
  • Jeder Kurzbeleg muss eindeutig einer Literaturquelle in der Literaturliste entsprechen. Das manuelle Kontrollieren am Ende des Schreibprozesses kann damit entfallen. Sowohl das Erscheinen einer überflüssigen (weil im Text dann der entsprechende Kurzbeleg entfernt wurde) aber vor allem das Fehlen einer Quellenangabe sollte der Vergangenheit angehören. Die eindeutige Referenzierung ist im speziellen Detail manchmal gar nicht trivial, so z.B. wenn im Text auf unterschiedliche Beiträge desselben Autors im selben Jahr referenziert wird. Dann sollte die Software ein „a“ bzw. „b“ die Jahreszahl im Kurzbeleg einfügen wie Z.B. (Baumgartner 2007a) und (Baumgartner 2007b).

Gerade weil Endnote – nach einigem Herumfummeln und Lesen im Handbuch – recht gut mit Word zusammenarbeitet, bin ich bisher nicht völlig auf NeoOffice (OpenOffice für den Mac) umgestiegen. Und das obwohl mir NeoOffice extrem gut gefällt, weil es extrem schnell und komfortabel ist und auch ein sehr gutes User Interface hat. (Siehe dazu auch meinem Beitrag in diesem Weblog.)

Daraus lässt sich gleich einmal eine erste – sehr allgemeine – Schlussfolgerung ziehen

Sytemperspektive einnehmen:

Ob das Umsteigen auf eine neue Software Vorteile hat, lässt sich nicht bloß durch ihre Funktionen in der Stand-alone Nutzung des Programms selbst ermessen. Beurteile die Vor- und Nachteile der Software in Deinem jeweiligen Arbeitskontext indem Du Deinen gesamten Arbeitsprozess (Workflow) untersuchst. Die Evaluierung erfolgt daher auf einer Metaebene bzw. aus einer Systemperspektive heraus.

Die Qual der Wahl

Yochai Benkler

Yochai Benkler

Der Prozess der Entwicklung von Open Source Software verläuft naturgemäß sehr dynamisch. Wenn wir es uns genau überlegen, dass ist es doch sehr erstaunlich, dass extrem komplexe Projekte in einer Produktionsweise, die auf freiwillige und häufig unentgeltliche Mitarbeit beruht, erfolgreich durchgeführt werden können. Es scheint sich hier eine Alternative zur monokratischen und zentralistischen kapitalistischen Produktionsweise herauszubilden. Yochai Benkler bezeichnet dies in seinem Buch The Wealth of Networks – How Social Production Transforms Markets and Freedom als Peer Production.

Steven Weber

Steven Weber

Steven Weber (der nichts mit dem österreichischen „Plagiatjäger“ Stefan Weber zu tun hat) untersucht in The Success of Open Source diese Organisationsprinzipien aus politilkwissenschaftlicher Sicht. Unter dem Stichwort „Governance“ (etwa mit Steuerung zu übersetzen vor allem in Hinblick auf Regierungs- bzw. Unternehmensführung) analysiert er die Koordinierungs- Macht- bzw. Führungsprozesse von Open Source Entwicklungsprozessen. Wie ist es möglich, so frägt er sich, dass auf freiwilliger annähernd demokratischer Basis effiziente Produktionsprozesse organisiert werden können?

Ich will hier aber nicht auf die gesellschaftspolitischen Konsequenzen abzielen, sondern auf eine ganz andere Eigenart von Open Source Software, nämlich der unheimlich – häufig beängstigenden Vielfalt der Möglichkeiten. Weil der Quellcode offen ist können EntwicklerInnen Anpassungen und Weiterentwicklungen vornehmen. Auf der Basis einer fruchtbringenden grundlegenden Idee werden nicht nur viele ergänzende Module und Werkzeuge entwickelt, sondern auch verschiedene Konzepte generiert, deren Umsetzung jeweils unterschiedliche Richtungen bzw. Spezialisierungen bedeuten. Für „normale“ AnwenderInnen entsteht dadurch eine scheinbar unübersichtliche Vielfalt von Möglichkeiten und Optionen.

Berry Schwartz

Berry Schwartz

Neuere psychologische Studien zeigen interessanterweise, dass es ein Irrtum ist zu glauben, dass eine größere Auswahl zu einer größeren Zufriedenheit der Kunden führt. Barry Schwarz zeigt in „The Paradox of Choice – Why more is less. How the culture of abundance robs us satisfaction“ das genaue Gegenteil auf (siehe auch seinen einstündigen Videovortrag in der Reihe Google TechTalsk vom 27. April 2006). Unübersehbare Auswahlmöglichkeiten sind häufig äußerst frustrierend aus mehreren Gründen:

  • Die Vielfalt der Möglichkeiten stellt unsere Entscheidung bereits in Frage, bevor wir sie getroffen haben.
  • Viele Möglichkeiten bringen automatisch ein extrem hohes Maß an Erwartungen mit sich, die kaum zu erfüllen sind.

    Daniel Gilbert

    Daniel Gilbert

  • Läuft etwas schief – was ja im normalen Leben immer in irgend einer Weise der Fall ist 😉 – dann scheint es, als ob wir die Schuld bei uns selbst wegen einer falschen Entscheidung zu suchen haben.

(Ähnliche Ergebnisse referiert übrigens auch Daniel Gilbert in seinem Bestseller Stumbling on Happiness.)

LaTeX, ConTeXt, XeTeX und andere Ungeziefer

Doch kehren wir psychologischen oder gar gesellschaftspolitischen Betrachtungen wieder zu unserem Open Source (LaTeX)-Auswahlproblem zurück:

Welche Version der Software auswählen?

Wenn Sie denken, dass es wohl am Besten ist, die letzte (stabile) Version zu nehmen, dann ist das zwar richtig aber bei Open Source für einen Laien nicht immer leicht zu überschauen:

  • Da gibt es die aktuelle Entwicklerversion von denen AnwenderInnen auf alle Fälle die Hände lassen sollten.
  • Dann gibt es die erste stabile freigegebene Version, der so genannte „Release Candidate“ oder Pre-Release: Hier gilt jedoch ebenfalls „Hände weg davon!“. Unabhängig von dem viel versprechenden Namen handelt es sich dabei um eine Version, die bloß ein möglicher „Kandidat“ für eine stabile Version darstellt, dh. mehr oder minder bloß eine stabile Grundlage darstellt, auf der aber sicherlich noch von einer ganzen Reihe so genannter „Maintenance releases“ (Versionen mit größeren Änderungen) folgen.
  • Dann gibt es den Beta Version, bei der die Verwechslung für Laien weniger groß ist, weil alleine schon der Namen abschreckt. Es handelt sich dabei um eine Version bei der nicht mehr wenige neue und auch keine sehr bedeutenden Features zu erwarten sind.
  • Auch die Alpha Version ist immer noch eine Version, die unter Entwicklung steht und bei der höchste Vorsicht geboten ist. Zwar sind kaum mehr Änderungen im Feature-Set zu erwarten aber diese Softwareversion ist noch nicht ausreichend getestet und es sind noch viele Bugs (Fehler) zu erwarten.
  • Aus meiner Anwendersicht kann ich eigentlich nur die stabile Version empfehlen. Aber auch hier gilt, dass der Entwicklungsprozess nie abgeschlossen ist. Häufig werden Fehler erst später entdeckt und durch nachgelieferten Patches („Flickwerk“) korrigiert. Es war früher häufig ein Problem zu wissen, ob die am Rechner laufende Version, tatsächlich die aktuelle Version darstellt. Heute aber werden AnwenderInnen automatisch von einem Patch verständigt und gefragt ob er installiert werden soll. Nach der Bestätigung erfolgt die Installation ohne viel Aufwand ganz automatisch.

Welche Entwicklungsrichtung auswählen?

Diese Problematik trifft ganz besonders auf LaTeX (sprich Latech oder Laytech, auf jeden Fall das „X“ wie das deutsche „CH“ in Blech) zu: Nachdem einmal die erste Verwirrung überwunden wurde – ja richtig: LaTeX ist eine Software und hat nichts mit Kondomen oder anderen suspekten Kleidungsstücken zu tun! – stellt sich die Frage nach der der Entwicklungsrichtung bzw. den zu verwendenden Modulen.

Donald Knuth

Donald Knuth

TeX wurde von Donald Knuth bereits in den 60er-Jahren (!) entwickelt. Es ist eine spezielle Programmiersprache für typografische Befehle mit einer besonderen Spezialisierung auf die Darstellung mathematischer Texte. Sie kennt etwa 300 „primitive“ Befehle, die aber vor uns BenutzerInnen versteckt sind und wir auch nicht zu kennen brauchen. Über diesen Steuersequenzen (TeX Primitives: blaue Ebene) liegen nämlich „Makroformate“ (rote Ebene), die die Nutzung der Programmiersprache wesentlich vereinfachen.

Die TeX Hierarchie

Die TeX Hierarchie

Nun gibt es aber ganz unterschiedliche Makropakete, die zudem auch noch in verschiedenen Versionen vorliegen. PlainTeX wurde noch von Knuth selbst programmiert; am Bekanntestes aber – und wohl am Häufigsten verwendet wird LaTeX. Das heißt aber noch lange nicht, dass es für den eigenen (speziellen) Anwendungsfall am Besten geeignet ist. So soll z.B. das von Hans Hagen entwickelte ConTeXt über das Spezialgebiet Mathematik hinaus auch für andere strukturierte Publikationsgebiete wie z.B. Physik, Chemie (Darstellung chemischer Verbindungen!) sehr gut geeignet sein. Eine Neuentwicklung XeTeX benützt intern eine 16 Bit Darstellung, die für Sprachen die Unicode verlangen (z.B. CJK-Sprachen wie Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, aber auch Arabisch, Hebräisch usw. usf.) sehr gut geeignet ist.

TeX ist eine Auszeichnungssprache (Markup Language, ML), d.h. die Auszeichnungen im Text dienen als Anweisungen für Darstellung und Druck. Der Text in den Quelldateien wird dabei mit Tags an den entsprechenden Stellen markiert (ausgezeichnet) um schließlich von einem Programm interpretiert bzw. kompiliert zu werden. Die Grenzen zwischen Textverarbeitung und Programmiersprache verwischen sich damit. Das hat zweierlei Konsequenzen:

  1. Um produktiv entwickeln zu können, braucht es ein Entwicklungssystem mit einem komfortablen User Interface, das sogenannte „Front End“. Auch hier gibt es wieder eine Wahl zu treffen, die nun auch die Implementierung unter einem Betriebssystem berücksichtigen muss. So sieht das Front End unter Windows und Mac nicht nur unterschiedlich aus, sondern es kann auch sein, dass eine Software (bisher?) nur auf ein bestimmtes Betriebssystem implementiert wurde, dh nur für dieses System erhältlich ist.
  2. Um produktiv arbeiten zu können, ist es hingegen wichtig, dass die interaktive Programmumgebung so gestaltet ist, dass die technischen Details möglichst unsichtbar sind. Das ist aber schwer möglich, weil die vielen unterschiedlichen Distributionen (= Zusammenstellung des Gesamtpaketes) bereits von unterschiedlichen Annahmen und Entscheidungen auf den unterschiedlichen Ebenen ausgehen: Was soll die Distribution alles beinhalten und was kann hingegen auf Anwenderseite vorausgesetzt werden? Welche Module sollen mit welchem Frontend geliefert werden?

Fazit: Keine Systemumgebung gleicht der anderen! Für normale AnwenderInnen sind die Folgen desaströs:

  • Entscheidungsproblem: Habe ich die richtige Auswahl für mein Anwendungsproblem getroffen? Habe ich überhaupt alle relevanten Fakten um eine informierte Entscheidung treffen zu können?
  • Bewertungsproblem: z.B. wenn etwas nicht funktioniert: Auf welcher Ebene liegt der Fehler? Habe ich etwas im Anwendungsprogramm falsch gemacht (schließlich ist die Software für mich neu)? Oder habe ich eine falsche (veraltete, nicht komplette) Software(version) auf meinem System installiert? Oder ist es wirklich ein Fehler der Software (Bug)? z.B: Liegt es an der Tex Engine, dem TeX Macro, dem Tex Front End, an allem zusammen (dh an meiner Systemkonfiguration) oder an mir selbst?
  • Zeit- und Orientierungsproblem: Wo anfangen? Wo suchen? Wen was wie fragen? Wann aufhören?

Aus diesen Dilemma lässt sich schon weit schwieriger eine befriedigende Schlussfolgerung ziehen. Das Problem besteht darin, dass wir immer erst nach dem Versuch klüger sind, also Trial and Error nicht vermeidbar sind. Trotzdem möchte ich – zumindest für mich – meine Erfahrungen folgendermaßen zusammenfassen:

Leidensdruck abbauen, Risiko minimieren und Win-Win Situation schaffen

  1. Never change a running system! Wechsel zu einer neuen Software nur dann, wenn Leidensdruck inkl. absehbarer zusätzlicher (Ein-)Arbeitsaufwand zu den erwarteten Vorteilen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. In meinem Fall: ich habe nach dem Ausdienen von FrameMaker auf dem Mac derzeit kein Programm mit dem ich ansprechend und komplex formatierte Bücher druckfertig erstellen kann.
  2. Minimiere das Risiko eines Fehlschlags: Warte z.B. bis es in Deiner Community erste Erfahrungen gibt auf die Du zurück greifen kannst bzw. – falls die Software (bisher) kaum in Deiner eigenen Community verwendet wird – warte bis sich ein gewisser Trend abzeichnet, mit dem Du mit schwimmen kannst. In meinem Fall: Gehört habe ich von LaTeX bereits vor über 10 Jahren. Damals erschien mir diese Software aber (a) zu komplex und (b) bloß für Mathematiker geeignet zu sein. Inzwischen bin ich aber immer öfters in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf LaTeX gestoßen die (a) weder mit Mathematik zu tun hatten noch (b) von einer großen Komplexität geprägt waren.
  3. Schaffe eine Win-Win-Situation: Verknüpfe – wenn es irgend möglich ist – die notwendige Trial und Errorphase mit einer metakritischen Reflexion. Wenn sich letztlich vielleicht doch herausstellen soll, dass die ganze Mühe und der Aufwand umsonst war, weil die Software doch nicht passt, dann gibt zumindest es einen anderen Lerngewinn, der fruchtbringend verwertet werden kann. In meinem Fall: (Da gab und gibt es jetzt mehrere Möglichkeiten, wie z.B.) Wenn ich schon die Software nicht brauchen kann, dann zumindest über die damit verbundenen Probleme. Schließlich schreibe ich gerade an einem Buch über wissenschaftliches Arbeiten; da kann die Beschäftigung mit einer Software, die vor allem im Wissenschaftsbereich eingesetzt wird, nur nützlich sein. Wenn ich schon nicht die Software brauchen kann, habe ich zumindest etwas über Auszeichnungssprachen, über Typografie, die Innereien meines Mac etc. über Vorteile aber auch Nachteilen von Open Source Produkten, wie z.B. dieser Artikel) gelernt, usw. usf.

Odysee der Erstellung einer Literaturliste

Nun aber zurück zu dem anfangs erwähnten Bibliografie-Problem. Doch Schritt für Schritt – zuerst einmal gab es Erfolgserlebnisse

Bei der Installation gab es glücklicherweise keine großen Optionen: Zur MacTeX Distribution der TeX Users Group (TUG) gibt es seit kurzem eigentlich keine Alternative mehr. Es handelt sich um eine sehr umfangreiche Distribution, die alles notwendige Zubehör in einem einfachen Installationsvorgang mit liefert. Kein Herumfummeln mit (für mich) unbekannten Befehlen auf der Ebene der Kommandozeilen des Terminals. Kein Setzen von Schaltern in Präferenzdateien, kein Suchen, Herunterladen und Installieren von zusätzlichen (Patch)Dateien. Einfach Installer herunterladen und dem Installationsvorgang folgen. (siehe meine Beschreibung dazu.)

Es wird TeXShop als Frontend installiert und vor allem auf LaTeX 2€ abgezielt, obwohl es – versteckt im Auswahlmenü auch andere Optionen gibt (Plain TeX, ConTeXt, XeLaTeX, XeTeX).

Soweit, so gut. Nun beginnen aber die Schwierigkeiten: Nachdem ich noch recht rasch ein geeignetes Einsteigerhandbuch gefunden habe und auch die ersten Tests recht erfolgreich verliefen, tauchten im Zusammenhang mit der Erstellung der Literaturliste erste Schwierigkeiten auf:

  • Es gibt ein eigenes Makropaket BibTeX für Bibliografien, das sich ebenfalls im oben erwähnten Auswahlmenü von TeXShop versteckt. Produktives Arbeiten ist aber nur mit dem dazugehorigen FrontEnd BibDesk möglich. Obwohl das alles glücklicherweise bei der Distribution dabei war und automatisch installiert wurde und noch jeder einzelne Vorgang für sich einfach ist, wächst zusammen genommen die Komplexität:
    • BibDesk aufrufen und sich mit dem User Interface vertraut machen (einfach)
    • Die Einträge von EndNote nach BibDesk überspielen (überraschend einfach, es gibt in EndNote dafür eine eigene Exportfunktion)
    • Die gewünschten Einträge von BibDesk nach TexShop und damit LaTeX überspielen (nicht mehr ganz so einfach)
    • Den Kurzbelegen und der Literaturliste die gewünschte Formatierung verpassen.

Und hier beginnen nun die eigentlichen Schwierigkeiten!

  • (La)TeX verwendet standardmäßig als Kurzbelege Nummern in eckigen Klammern, was für mich nicht akzeptabel ist. Ich möchte einen Kurzbeleg mit Autor und Jahr in runder Klammer haben.
  • LaTeX transferiert (mit Ausnahme von Buchstaben am Satzanfang) alle Einträge der Literaturliste in Kleinschreibung! Das mag ja für Englisch Sinn machen…
  • Zudem tauchen auch erste Probleme mit den sogenannten German Umlaute auf.

Ich könnte sie würgen, unsere amerikanische Freunde! Eigentlich würde man glauben, dass die Zeiten der Vorherrschaft des ASCII-Codes – der nur 128 Zeichen kennt – vorbei sind. Offensichtlich ist dem aber nicht so, wie neuere Brandreden an die Adressen von Programmierer und Systementwickler zeigen (ein übrigens sehr gut geschriebener und äußerst informativer Artikel!)

Also rein in die Präferenzen und herumgefiddelt mit den Zeichensätzen: Umstellung auf Unicode, am besten utf8- da habe ich gehört, das soll wirken. Ich bilde mir ja nicht viel ein, aber ich glaube doch, dass dies nicht gerade ein Standardwissen für jeden ist. Aber gut, man/frau ist ja schließlich nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen und schließlich braucht es ja eine Herausforderung, damit Freude auftaucht und nachhaltig wirken kann. Dass die Umstellung auf den nicht konformen Zeichensatz wieder (später) andere (Konvertierungs-)Probleme mit sich gebracht hat, will ich nicht verschweigen. Es muss nämlich eine eigenes Paket mit dem bezeichnenden Namen Babel mit dem Befehl usepackage{babel} installiert werden. Zwar ist babel bereits von der MacTeX Distribution installiert worden aber langsam wird die Sache unlustig: Schließlich will ich ja Texte schreiben und mein Bibliografie-Problem ist immer noch nicht gelöst.

Die Lösung scheint in der Erstellung eines eigenen Zitierstiles für BibTeX (Sie wissen noch? Das Makropaket für Bibliografien…) zu bestehen. Also jetzt BibTeX lernen? Woher eine aktuelle Dokumentation bekommen? Die Suche nach Lösungen im Internet eröffnet eine immer größere Komplexität: Da gibt es hunderte (wörtlich!) von BibTex geeigneten Zitierstilen (Dateien mit der Endung bst), da müsste doch ein geeigneter dabei sein? Die Suche nach Ressourcen führt mich letztlich auf die ultimative TeXWebseite der CTAN:

The Comprehensive TeX Archive Network (CTAN) is the primary repository for TeX-related software on the Internet. CTAN has many thousands of items: whole systems, LaTeX packages, and much more. The TeX Catalogue can help you find what you need.

Es stellt sich heraus, dass die meisten der Zitierstile sowieso davon bereits von den TUG-Leuten in der Distribution verpackt worden. (Ein Prosit nach Portland/USA!- ich habe natürlich die beiliegenden kleingedruckten Dateien, was wohin alles vom Installer kopiert wurde, nicht gelesen. Hätte ja auch zum damaligen Zeitpunkt keinen Sinn gemacht. Was hätten mir auch schon Dateien wie abbrv.bst oder natabib (das ist die mit den Klammernausdrücken!) schon gesagt. Auf meinem Boden häufen sich die Audrucke: BibTeX Tips and FaQs, A BibTeX Guide via Example, Customizing Bibiografic Style Files, BibTeXting, Tame the BeaST – The B to X of BibTeX, sowie Natural Science Citation and References (Auhor-Year and Numerical Schemes). Um nur eine bescheidene aber sehr bezeichnende Auswahl zu nennen und amit ihr da draußen wisst, wie ich so die Weihnachten verbracht habe…

Einige – und vor allem die für deutsche Zitierungen vorgesehenen – Literaturstile bringen in BibDesk (Sie erinnern sich noch? – das Frontend für die Benutzung der Zitierstile) in der Vorschau eine Fehlermeldung. Es funktioniert zwar mit LaTeX, dh. ich kann meinen Text in TeXShop (Sie erinnern sich noch? – Das Frontend für LaTeX) als PDF generieren, aber die Fehlermeldung von BibTeX verunsichert mich. Ich habe das BeaST verflucht und die (dürftige) Dokumentation von vorne bis hinten mehrfach gelesen. Soll ich in die Mailingliste – von was eigentlich: LaTeX, TeXShop oder BibTeX? – einsteigen?

Letztlich finde ich endlich ein Programm (von Patrick Daly, einem der LaTeX Gurus), das mit einer interaktiven Abfrage den gewünschten Zitierstil zumindest annähernd automatisch erstellt. Ich hole mir das Programm und erstelle meinen ganz persönlichen Literaturstil, den ich bezeichnenderweise peter.bst taufe. Es werden dazu alle möglichen Optionen (ich glaube es sind an die 50-60) abgefragt, aber glücklich bin ich immer noch nicht (ganz). Schließlich soll es bei mir „Hg.“ und nicht „Herausgeber“ heißen. Ganz abgesehen von der damit aufgeblasenen Länge der Literaturliste gibt es ja schließlich auch noch die Genderfrage zu beachten 🙂

Lyx gehabt: Ende gut – alles gut!

Ich brauche wohl nicht zu verhehlen, dass mich um die Weihnachtsfeiertage ein gewisses Tief erfasst hat. Sowohl mein Drucker als auch ich bin etwas heiß gelaufen nachdem ich drei 3 volle Tage auf der Suche der Suche nach einer geeigneten Lösung war. Eigentlich wollte ich an meinem neuen Buch schreiben – aber glücklicherweise ist da ja auch ein Kapitel „Zitieren“ vorgesehen. Und ein eigenes Kapitel über LaTeX – wenn es dann dann doch funktioniert – ist ja vielleicht auch noch zu überlegen.

In solchen Situationen ist es oft sinnvoll „aus dem System aus zusteigen“ und auf eine andere (höhere oder niedere) Ebene zu wechseln: Vielleicht soll ich statt BibDesk eine anderes Frontend für die Bibliografie-Datenbank nehmen (ich habe kurz mit Bookends experimentiert; oder vielleicht soll ich statt TeXShop die andere Mac Alternative iTeXMac verwenden? Soll ich auf ConTexT oder XeTeX umsteigen? Nachdem ich mit allem ein wenig herum probiert habe, habe ich es bald wieder aufgegeben. Es sind ja alles nur Alternativen auf der gleichen Ebene und stellen keine Metaebene dar. Statt LaTeX ConTeXt oder XeTeX; statt TeXShop iTeXMac; statt BibDesk Bookends oder vielleicht gar Endnote mit Zusatzkonvertern zu verwenden, bedeutet keinen Systemausstieg sondern nur eine alternative Wahl auf derselben Ebene (siehe obige Farbgrafik).

Entweder ich steige ganz aus und freunde mich zähneknirschend mit den Möglichkeiten von Word (oder NeoOffice) an, oder ich wechsle die Systemebene. Ich habe dazu wieder zwei Möglichkeiten:

  • Nach unten: Ich kremple mir die Ärmel auf und begebe mich in die Niederungen der detaillierten – und vielleicht monatelange dauernden – LaTeX-Auseinandersetzung. Ich muss zugeben, dass ich diese Lösung kurz ins Auge gefasst habe und mir als – sozusagen als Weihnachtsgeschenk – die 4-bändigen LaTeX-Schuber gekauft habe. [Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich für eine komplett neue und noch mit Plastik verschweißte Ausgabe nicht 174€ sondern über einen Fremdanbieter bloß 89€ (mit Porto 93€) gezahlt habe. – Wie ist solch ein eklatanter Preisunterschied möglich?]

    LaTeX Buchset

    LaTeX Buchset

  • Nach oben: Ich suche nach einem Frontend, das noch eine Ebene höher ist. Ein Programm, das zwar auf LaTeX (ConTeXtm XeTeX, oder was auch immer) beruht, aber gleichzeitig mich von den Niederungen der Kommandosprache abschottet.

Und tatsächlich: Es gibt mit LyX (sprich Licks oder auch Lücks, ich ziehe letzteres vor) ein solches Programm. Auch wenn die Website nicht gerade einladend aussieht, LyX ist einfach super.

Es läuft unter der Mac Aqua-Umgebung und erscheint auf dem ersten Blick als ganz normales Textverarbeitungsprogramm. Es versteckt damit die darunter liegende LaTeX und TeX-Ebene fast vollständig. Trotzdem aber lassen sich bei Sonderwünschen  LaTeX-Programmbefehle direkt eingeben. Über ein eigenes Fenster kann betrachtet werden, wie LyX die verschiedenen normalen Textverarbeitungsbefehle in LaTeX-Befehle umsetzt. Damit lässt sich LyX auch als ein angenehmes Lernwerkzeug für LaTeX verwenden. Letztlich habe ich mit meiner  Odysee Glück gehabt („Lyx gehabt“). Doch über die Vorzüge von LyX möchte ich detaillierter ein anderes Mal schreiben.

[PS.: Wenn Sie sich die Vergrößerungen der beiden Bilder LyX UI-Beispiel und TeXShop UI-Beispiel klicken, sehen Sie sofort mit einem Blick den riesigen Unterschied in der Bedienbarkeit. Beides sind Front Ends zu LaTeX. Während aber TeXShop die Programmierumgebung nicht leugnen kann, muss man schon bei LyX das Fenster (unten) aufmachen, um dem Programm unter die Haube schauen zu können.]


 

Re:LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Kommentar von bz am 01.01.2008 22:55

Hallo Herr Baumgartner!

Erstmal Prosit Neujahr!
Bzgl. BibTeX: es gibt ein Package, das Zitate ins APA Format bringt – genau wie Sie es brauchen, und zwar apacite.sty

usepackage{apacite}
bibliographystyle{apacite}
bibliography{…}

Bzgl. Umlaute kenne ich
usepackage[applemac]{inputenc}

Ich selbst (Windows) verwende immer
usepackage{german}
usepackage[ansinew]{inputenc}

Großschreibung hatte ich bisher immer die einfache Variante gewählt, die entsprechenden Buchstaben in geschwungene Klammern zu setzen. Beispiel:

@incollection{Wessner2003,
author = {Martin Wessner},
title = {E-learning — quo vadis?},
booktitle = {Wirkungen und {W}irksamkeit {N}euer {M}edien in der {B}ildung},
publisher = {Münster u.a.:,Waxmann},
pages = „209–217“,
editor = {R Keil-Slawik and M Kerres},
year = 2003 }

Ich habe erst kürzlich die open source software zotero zur Literaturverwaltung entdeckt. Zotero kann auch BibTeX importieren und aus zotero in BibTeX exportieren. Es gibt auch eine Open Office Integration, die ähnlich wie EndNote oder BiBTex aus der Literaturdatenbank heraus Bibliographien und Zitate im Text erstellen kann.

Liebe Grüße
BZ
PS: ich verwende LaTeX seit 10 Jahren (mehr oder weniger häufig). Also wenn Sie mal konkrete Fragen haben… Sehr zu emfehlen ist außerdem die FAQs auf dante.de (http://www.dante.de/faq/de-tex-faq/html/de-tex-faq.html) und das LaTeX Forum auf mruni.de (http://www.mrunix.de/forums/forumdisplay.php?f=38). Außerdem hört man viel vom „LaTeX Companion“. Ich selbst habe in Buchform nur ein kleines Einführungsbuch, das mir sehr gute Dienste geleistet hat: LaTeX Einführung von Helmut Kopka.

Re:LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Kommentar von bz am 01.01.2008 23:01

Nachtrag: einschränkend muss ich sagen, dass ich ja Windows verwende und daher keine Ahnung habe, wie LaTeX unter Mac funktioniert…

Re:LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Kommentar von baumgartner am 04.01.2008 15:54

Hi,hi – da kommunizieren wir über das Weblog… Wenn ich das früher gewusst hätte, dass Sie eine LaTeX-Nutzerin sind! Ich komme auf das Angebot zum Fragen sicherlich noch zurück – LaTeX am Mac dürfte/sollte im Prinzip gleich funktionieren. — Ach ja: Zotero habe ich auch gerade (über die Weihnachtsfeiertage) kennengelernt und installiert. Ist super!

Re:LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Kommentar von wozzek am 31.03.2008 15:55 Ich bin mit ähnlichem Leidensdruck auf die Website gestossen. Siehe meine Story dazu. Danke für den Tipp mit Zotero. Ist es das? Ist das der Stein der Weisen für meine Bibliographien. Nach erstem Hinschauen, Ausprobieren und Testen würde ich sagen, ja. Aber für einen Befund ist es noch zu früh. Gibt es schon differenzierte Erfahrungen von Ihnen?

Re:LaTeX: Der Stoff aus dem meine Träume (der letzten Tage) sind

Kommentar von baumgartner am 31.03.2008 22:39 Meine ersten Erfahrungen finden sich unter Zotero: Research, not re-search. Ich habe vor noch einen weiteren Artikel zu schreiben, der aufzeigt, was sich mit Zotero alles in meinem Forschungsalltag geändert hat.

Flattr this!

Verschlagwortet mit , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.