Zitieren – eine Geheimwissenschaft?

Initiationsrituale: Quellenangabe, Zitierschema und Zitierstil

In den letzten zwei Wochen meines Urlaubs habe ich mich im Zusammenhang des geplanten Buches wissenschaftlich.arbeiten.buch (gedacht als komplette Neubearbeitung von Studieren und Forschen mit dem Internet) nochmals ausführlich mit den derzeit aktuellen Zitierregeln auseinander gesetzt. Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso absurder kam mir dieses gesamte Thema vor.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Natürlich halte ich das sorgfältige Belegen der verwendeten Quellen für eine extrem wichtige Sache beim wissenschaftlichen Arbeiten. Es geht mir in diesem Beitrag nicht um die sachlich richtige Anwendung, sondern vielmehr um den Wirbel, der um die Formalia betrieben wird.

  • Warum ist es denn soooo entscheidend für die Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit, dass erst bei vier und mehr AutorInnen mit „et al.“ abgekürzt wird, während eine andere Schule darauf besteht, dass bereits bei drei abgekürzt werden muss?
  • Warum besteht jede eigene Zeitschrift auf ihre eigene spezifische Variation, wo dann statt „und“ ein „&“ verwendet werden muss,  oder aber ein Strichpunkt statt einem Beistrich ein Innovationspotential darstellt, auf das man offensichtlich stolz ist?

Natürlich trete auch ich dafür ein, dass bei einer Arbeit ganz konsequent nach einem bestimmten System vorgegangen wird. Einmal die Vornamen ausschreiben, ein anderes mal nicht; einmal einen Strichpunkt setzen, wo sonst immer ein Beistrich steht – das ist selbstverständlich nicht zulässig. Auch ich bin für ein einheitliches System, das durchgehend und konsistent angewendet wird. Aber ist es nicht völlig egal, ob in der ganzen Arbeit bei Sammelbänden „Hrsg.“ und nicht „Hg.“ steht?

Formalia als Arbeitsplatzbeschaffung?

Diese kleinlichen Formalia sind mit ein Grund dafür, warum sich so viele – und es werden immer mehr! – Literaturverwaltungsprogramme auf dem Markt tummeln. (Vergleichende Übersichten finden sich in der Wikipedia und bei Francesco Dell’Orso.) Es geht dabei weniger um das Eingeben der nackten Fakten, da würde jede einfache Datenbank genügen. Die Quintessenz dieser Programme besteht vor allem darin, dass die einmal erfasste Literatur sich mit einem „Knopfdruck“ in genau das gewünschte Zitierformat herausspielen lässt. Und solch eine softwaretechnische Hilfestellung ist auch notwendig, weil jede Zeitschrift ihren eigenen Zitierstil hat. So bietet der Marktführer Endnote bereits mehr als 3000 (!) Zitierformate an.

Die Argumentation mit der Arbeitsplatzbeschaffung durch die vermehrte Notwendigkeit von Literaturverwaltungsprogrammen ist nicht ganz ernst gemeint. Die vielen Bibliografiestile hat es auch schon vorher gegeben, als es noch nicht so fähige Programme gegeben hat. Es scheint eher eine umgekehrte Kausalität vorzuherrschen: Weil es ja sowieso Softwarewerkzeuge dafür gibt, ist es nicht mehr weiters tragisch, wenn noch eine weitere (Ab-)Art eines Zitierstils erfunden wird.

Der Zitierstil als Geschäftsmodell

Kommerzielles Interesse hinter dem Zirkus mit den Zitierstilen ist meiner Ansicht nicht ganz von der Hand zu weisen. Die entsprechenden einschlägigen Fachbücher aus den USA erfreuen sich einer riesigen Auflage. Ein gutes Beispiel dafür ist die gesamte Industrie rund um das Chicago Manual of Style (CMOS):

Turabian BuchdeckelCMOS – inzwischen seit September 2003 in der 15. Auflage – hat nach amazon.com bereits eine Auflage von 7 Millionen (siehe unter Produktbeschreibungen der 1. Absatz unter der kleine Zwischenüberschrift „Kurzbeschreibung“ ) bzw. nach Angaben der University Chicago Press sogar 8 Millionen. Das ist aber nur das eigentliche Handbuch, Hardcover mit 984 Seiten, das rund 30 Euro kostet. Dabei ist dieses Buch gar nicht die Masse der Studierenden gerichtet, sondern soll Leute wie mich ansprechen – und in Schuld- bzw. Minderwertigkeitsgefühle stürzen. Dazu kommen dann CD-ROM Version und vor allem jeweils populäre Kurzfassungen, die das große Geld machen. Wie z.B. die 7. Auflage (April 2007) von A Manual for Writers of Research Papers, Theses, and Dissertations – Chicago Style for Students and Researchers (siehe nebenstehendes Foto).

Und nicht zu vergessen die Webseite! Zwar gibt es eine Kurzfassung der Zitierstils kostenlos online, aber die ist nur als Appetizer gedacht. Will man ins Details gehen und klickt sich bis zum Inhaltsverzeichnis des Style Manuals durch, dann kommt eine Log In Seite mit der lakonischen Meldung „The page you requested is available only to subscribers.“ 30 Dollar pro Jahr – also genau soviel wie das Buch kostet – ist zwar nicht wahnsinnig viel, läppert sich aber in der Masse und über die Jahre auch ganz schön zusammen…

Kleine schlechte Geschäftsentwicklung, wenn man bedenkt, dass es 1937 mit einem dünnen Manuskript von Kate Turabian angefangen hat. Frau Turabian hat als Sekretärin die Dissertationsverfahren an der University of Chicago betreut und sich offensichtlich über die immer wiederkehrenden Fragestellungen der Studierenden zum Zitieren geärgert. Im Laufe der Zeit ist ihr Manuskript immer wieder überarbeitet worden und aus dem hausinternen Papier wurde ein kommerzielles Produkt, das die University of Chicago Press bereits 1947 – damals noch erstellt von Frau Turabian – verbreitete und schließlich 1955 erstmals als eigenständiges Buch druckte. – Wenn Ihnen also in Zukunft der Begriff oder Zitierstil Turabian auf einer Website auffällt, wissen Sie nun was damit gemeint ist<grin>.

Beliebt ist das Turabian Format vor allem deswegen, weil es eine vereinfachte Variante des Chicago Stils ist und sowohl Kurzbeleg- als auch Fuss/Endnoten-Zitierung zulässt (Über diese beiden Begriffe sage ich weiter unten mehr.) Der Turabian Zitierstil wird vor allem in der Musik- Geschichts- und Kunstwissenschaft, aber auch Theologie und neueren „progressivere“ Studienrichtungen wie Genderstudies verwendet. Auch der renommierte WorldCat mit seinen derzeit fast 1,3 Milliarden (!) Bestandselementen (26. August 2008) bietet seit kurzer Zeit unter anderem auch das Turabian Zitierformat an.

Drei Ebene von Initiationsritualen

Meiner Ansicht nach ist jedoch auch kommerzielles Interesse nur ein kleiner – relativ unbedeutender Grund – für den ganzen Zirkus mit den Zitierregeln.  Die eigentliche Motivation scheint mir in einer Art Einweihungszeremonie, bzw. kultischen Handlung zu liegen. Es geht darum, dass Wissenschafts-NovizInnen erst über einen erfolgreich abgelegten Initiationsritus als „Insider“ akzeptiert werden. Das Zeremoniell der Promotion(sfeier) signalisiert, dass die dafür notwendigen Prüfungen erfolgreich absolviert wurden und die KandidatInnen nun in die Wissenschaftsgemeinschaft aufgenommen werden können. Die Beherrschung des Formalismus zur Quellenangabe ist sozusagen das äußere Zeichen dafür, dass man „dazu gehört“. Diese „Einweihungszeremonie“ findet jedoch im Laufe einer Wissenschaftskarriere auf drei unterschiedlichen hierarchischen Ebenen statt:

1. Aufnahme in das Wissenschaftssystem generell:

Darunter fällt ganz allgemein die Vermittlung der Bedeutung, die eine korrekte Quellenangabe für die Wissenschaft hat:

  • Eine Reihe formaler Regeln soll sicherstellen, dass eigene und fremde Gedanken sauber voneinander getrennt werden und damit einer der schlimmsten aller „Sünden“ in der Wissenschaft, nämlich dem Plagiat – ein Riegel vorgeschoben wird. (Die andere, vielleicht noch größere Sünde, ist die Fälschung.)
  • Es soll mit einer korrekten Quellenangabe klar gemacht werden, dass Wissenschaft ein soziales System ist. Wir alle verdanken unsere Erkenntnisse den Vorarbeiten anderer WisssenschaftlerInnen. Wir sehen nur deshalb mehr oder etwas Neues, weil wir sozusagen auf den Schultern anderer Menschen stehen, wir sind Zwerge auf den Schultern von Giganten (vgl. auch den Slogan von Google Scholar.)
  • Darüber hinaus müssen andere WissenschaftlerInnen unsere Rezeptionen fremder Werke und Gedanken kontrollieren können (= Prinzip der intersubjektiven Überprüfbarkeit). Es müssen daher entsprechend genaue Angaben gemacht werden, damit die Quellen aufgesucht und nachvollzogen werden können.

Jede wissenschaftliche Arbeit ist ein Beitrag zu einem wissenschaftlichen Diskurs. Wir setzen uns dabei immer mit den Gedanken und Werken anderer AutorInnen auseinander, die wir in kritischer Sichtweise weiter zu entwickeln versuchen. Wir bauen unsere Argumentation somit auf fremde Überlegungen auf. Eigene und fremder Gedanke sollen sich zu einem neuem Werk bzw. zu einem neuen Gedankengang verdichten, ohne sich aber unterschiedslos zu vermischen.  Beim Schreiben übernehmen wir eine Moderationsrolle, indem wir anderen AutorInnen das Wort überlassen (= die fremde Position darstellen). Diese Kunst der Moderation, im Besonderen wie wir das Wort verteilen und an wen – d.h. die Reihenfolge der Wortmeldungen, die Auswahl der referierten Positionen, die Länge der Darstellung der einzelnen Positionen, die Art ihrer Darstellung (z.B. wörtliches Zitat, „In-Line“-Zitat oder Paraphrasierung) – ist eine der wichtigsten zu erlernenden Kompetenzen von angehenden WissenschaftlerInnen.

Es geht hier also mehr als um bloß formal richtige Zitierung, sondern ganz generell um die Beherrschung der Quellenangabe als Mittel zum schriftlichen wissenschaftlichen Diskurs. Die Reduktion auf die Einhaltung der äußeren Form würde hier zu kurz greifen. Leider wird dieser Fehler jedoch sehr häufig begangen (siehe weiter unten).

2. Aufnahme in eine bestimmte Wissenschaftscommunity:

Auf dieser Ebene geht es um die großen unterschiedlichen Paradigmen von Natur-, Technik-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Geprägt vom jeweils spezifischen Forschungsfeld haben sich bestimmte Konventionen pragmatisch durchgesetzt und in unterschiedlichen formalen Zitierschemata niedergeschlagen:

  • Da gibt es auf der einen Seite die „In-Text“ Zitierung mit einem Kurzbeleg in Klammern, oft auch als Parenthetical Citation bzw. Parenthetical Referencing(Kurzbeleg-Zitierung oder auch Klammerzitierung) bezeichnet. Hier scheiden sich dann nochmals die Geister – je nachdem ob nach der AutorIn das Jahr oder der (Kurz-)Titel kommt:
    • AutorIn-Jahr oder auch Harvard Stil wird vor allem in den Natur- und der Mehrheit der Sozialwissenschaften (Hauptvertreterin APA) verwendet, während die
    • AutorIn-Titel Referenzierung vor allem in den Geisteswissenschaften (Hauptvertreterin MLA) forciert wird.
  • Auf der anderen Seite stehen die Verfechter der Fuß- oder Endnotenzitierung (Note Systembzw. Notes-Bibliography Style), die mit einer Nummer auf den vollständigen bibliografischen Eintrag verweisen. Auch hier scheiden sich wieder die Geister in zwei Richtungen:
    • Auf der einen Seite die Technikwissenschaften, Informatik etc., – die unterstützt durch frühe LaTeX-Implementierungen – meistens mittels einer Zahl in eckiger Klammer auf die Literaturliste am Ende des Beitrages verweisen (Nummern-Endnoten System)
    • Auf der anderen Seite die Rechtswissenschaften und ein Teil der Geisteswissenschaften, die mittels hochgestellter Zahlen oder Zeichen zur Quellenangabe als Fußnote auf der jeweiligen Seite verweisen. (Symbol-Fußnoten System)

Je nachdem in welches Wissenschaftsfeld die „Einweihung“ vorgenommen wird, hat eines der oben angeführten Zitierschemata Priorität. Die nachfolgenden Beispiele sollen das exemplarisch andeuten:

  1. Bei Natur – und (der Mehrheit der) Sozialwissenschaften ist es oft hilfreich im Text bereits einen Hinweis über AutorIn und Jahr der Veröffentlichung zu bekommen. LeserInnen, die mit dem Fachgebiet vertraut sind, wissen dann meistens, welche Arbeit genau gemeint ist. Dafür eignet sich die Klammer-Zitierung mit Kurzbeleg und vollständiger Bibliografie am Ende der Arbeit besonders gut (Harvard System).
  2. Bei Geisteswissenschaften ist häufig der Hinweis auf ein bestimmtes Werk eines Autors bzw. einer Autorin von großer Bedeutung. Dies wird insbesondere bei den Werken von Klassikern sehr deutlich, wo es weniger um das Jahr der Neuausgabe als um den konkreten Text des jeweiligen „Klassikers“ geht. „Wittgenstein, 1984“ macht für eine spezielle geisteswissenschaftliche Community weit weniger Sinn als z.B. „Wittgenstein, Philosphische Untersuchungen“. Es bietet sich daher eine Fußnoten-Zitierung an, wo nicht auf das Jahr sondern auf den Kurztitel referenziert wird.
  3. Wird jedoch bereits extensiv mit Fußnoten gearbeitet, dann entsteht ein neues Problem durch die Mischung gleichartiger Anmerkungssysteme. Zwei verschiedene Typen von Fussnoten (Literaturangabe bzw. Kommentar) sind verwirrend. In diesem Fall ist daher als Zitierschema die Verwendung des Kurztitels als „in-text“ Format (Klammer-Zitierung) geeigneter als die beiden anderen erwähnten Schemata.

Eine der Hauptthesen dieses Beitrags ist es, dass die Bedeutung dieser zweiten Ebene des Initationsrituals von uns Lehrenden oft nicht entsprechend vermittelt wird. Ebene 1 (Quellenangabe) wird häufig mit der nachfolgende beschriebenen Ebene 3 (Zitierstil) ununterscheidbar verknüpft.

3. Aufnahme in eine bestimmte Fachcommunity:

Auf der Ebene der etablierten WissenschaftlerInnen wird mit einem spezifischen Zitierstil die Zugehörigkeit zu einer besonderen Zunft angezeigt. Es sind nicht nur inhaltlicher Forschungsgegenstand und Forschungsmethode, die für eine Differenzierung nach außen und Zusammengehörigkeit nach innen sorgen, sondern eben auch das verbindlich zu verwendende Literaturformat. AMA, APA, ASA, MLA, AERA und wie die amerikanischen Berufsverbände alle heißen, haben ihre je eigenen Zitiernotationen. Um „dazu“ zu gehören und als Insider der jeweiligen Fachcommunity anerkannt zu werden, müssen die Eigenheiten des jeweiligen speziellen Referenzierungssystems beherrscht werden. Ähnlich wie bei der Sprachkompetenz, zeigt der vertraute Umgang mit dem jeweils verlangten Zitierstil nicht nur die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft an, sondern auch ob man „MuttersprachlerIn“ ist oder sich der Sprache erst fehlerhaft und holprig bedienen kann.

Während Formalia für den richtigen Gebrauch der Quellenangabe als auch Zitierschemas durchaus inhaltlich argumentiert werden können, ist dies beim Zitierstil nicht mehr der Fall. Aus meiner Sicht haben die häufig nur geringfügigen Variationen eines Zitierschemas ausschließlich rituelle Bedeutung. Der ganze Zirkus mit den Regeln eines Zitierstils soll eine bestimmte Wissenschaftsschule konstituieren und gegenüber einer anderen – konkurrenzierenden – Schule abzugrenzen.  Lasst 100 Blumen blühen, lasst 100 Schulen miteinander wetteifern, dieser Spruch von Mao Tse-tung hat auch bezüglich des Zitiersstil im übertragenen Sinn durchaus seine Berechtigung. Gerade dort, wo die Berührungspunkte zwischen zwei Gebieten oder Fachzeitschriften relativ eng und verschwommen sind, wird peinlich auf die strikte Einhaltung der kleinsten Unterschiede geachtet.

Formale statt inhaltliche Kritieren

Aus meiner Sicht besteht also das Problem nicht darin, dass dem Erlernen des richtigen Gebrauchs der Quellenangabe und den dabei zu verwendenden Zitierschema eine herausragende Bedeutung zukommt. Meine Kritik richtet sich auf die Verwischung der verschiedenen Ebenen und die damit einhergende Überbetonung der dritten – kleinräumigsten – Ebene des Zitierstils.  Es gibt hunderte Bücher zum richtigen Zitierstil aber kaum Bücher zur Begründung eines Zitierschemas.  Gar nicht davon zu reden, dass es an Büchern zum richtigen Argumentieren bzw. zum Erlernen eines wissenschaftlichen Diskurses überhaupt mangelt.  Unter wissenschaftlichem Arbeiten (im Englischen als „academic writing“ zum Unterschied von „research“ bezeichnet) werden häufig nur die Regeln zur Befolgung eines Zitierstils behandelt. So wurde – getreu dem Vermächtnis von Frau Turabian (die 1987 – kurz nach der 5. Auflage – im Alter von 94 Jahren gestorben ist) nur Zitierregeln und andere Formalia (Layout, Schreibweisen etc.) vermittelt. Erst jetzt mit der aktuellen 7. Auflage wird neben der Technik des Zitierens zumindest kurz auch auf die Technik des Forschens und wissenschaftlichen Arbeitens eingegangen: Aus einem anderen Bestseller der University of Chicago Press (The Craft of Research) wurde eine Kurzfassung von 130 Seiten den Zitierregeln – die immer noch den Hauptteil des Buches ausmachen – vorangestellt.

Der Einfluss dieses Buches von Frau Turabian war und ist nicht nur auf Studierende sondern auch auf ganze Generationen von High School Absolventen enorm. Und damit ist praktisch automatisch bereits eine Überbetonung der Beachtung der formalen Regeln gegenüber den Inhalten gegeben. Ein zitierter Nachruf in einem Artikel der University of Chicago Press (Who was Kate Turabian?) drückt das – ungewollt – sehr deutlich aus:

To write a term paper without a well-warn copy of Turabian handy was unthinkable. Our writing on term papers might be weak, our research haphazard, our insights sophomoric, but, thanks to Kate L. Turabian, our footnotes could always be absolutely flawless.

In der aktuellen 7. Auflage findet sich folgende bemerkenswerte Passage:

Readers expect you to follow the rules for correct citations exactly. These rules cover not only what data you must include and their order, but also punctuation, capitalization, italicizing, and so on. To get your citations right, you must pay close attention to many minute details that few researcher can easily remember. The next chapter provides a ready reference guide to those details. (217)

Abgesehen davon, dass hier das Geschäftsmodell wieder durchschlägt („…die Details sind von Niemandem zu merken, daher muss jeder dieses Buch kaufen und als Nachschlagwerk parat haben…“), fragte ich mich ständig: Wieso erwarten LeserInnen (also wir!), dass alle formalen Details genau eingehalten werden? Ob der Titel in einer Arbeit durchgehend mit großen Anfangsbuchstaben (headline-style) oder ob nur der Anfang des Titels und Eigennamen groß geschrieben werden müssen (sentence-style), ob der Titel in Anführungszeichen gesetzt wird oder nicht – warum ist das so wichtig und muss eingehalten werden? Nach langem Nachdenken kann ich mir das nur mit dem hier angeführten Argument des Initiationsritus erklären.  – Wenn Sie vielleicht andere Erklärungsmodelle haben, dann lassen Sie mich es bitte wissen!

Und die deutschsprachigen Länder?

Es gibt in den deutschsprachigen Ländern keine so weitreichenden eigenständigen Zitierstandards. Wir lehnen uns hier an die Vorbilder aus den USA an und verwenden die dort propagierten bibliografischen Stile. Manchmal werden kleine Änderungen vorgenommen, die aber eigentlich nur eine Anpassung an die deutsche Grammatik darstellen. So muss bei uns nach einem „In“ oder „Zugegriffen“ (accessed) ein Doppelpunkt kommen und der letzte Autor bzw. die letzte Autorin vor einem „und“ darf natürlich nicht mit einem Beistrich – wie es im Englischen verpflichtend ist – geschrieben werden.

Selbstverständlich habe auch bei uns die verschiedenen Berufsverbände ihre eigenen Zitierregeln und natürlich auch die deutschsprachigen Zeitschriften. Alle aber lehnen sich auf die eine oder andere Weise an die großen amerikanischen Vorbilder an. Und das obwohl es ganz ausdrücklich eigenständige nationale Normierungen dafür gibt. (Ich habe mir die genaueren Details für Österreich und Deutschland angeschaut. – Sorry, Schweiz: Ich glaube aber, dass sich nachfolgende Bemerkungen durchaus generalisieren lassen):

  • So gibt es in Deutschland die DIN 1505-2 (Titelangaben von Dokumenten: Zitierregeln) und DIN-1505-3 (Titelangaben von Dokumenten: Verzeichnisse zitierter Dokumente – Literaturverzeichnisse).
  • In Österreich regelt die ÖNORM A 2658-1 (Zitierregeln: Zitat und Grundsätze) sowie A 2658-2 (Zitierregeln: Kurzzitat) das Zitieren. (ÖsterreicherInnen: Hand auf’s Herz – schon jemals davon gehört?)

Auffallend jedoch ist, dass es keine entsprechenden Geschäftsmodelle dazu gibt, die auf eine weite Verbreitung abzielen. Ganz im Gegenteil: Die Normenblätter sind schwer erhältlich. So findet man sie im Internet mit einer einzigen Ausnahme überhaupt nicht, weil sie in einem geschlossenen Bereich bei Beuth oder direkt beim jeweiigen Normeninstitut bestellt werden müssen. Wenn man „DIN 1505“ in die Suchmaschine eingibt, kommen zwar viele Treffer, die sich aber fast alle auf eine einzige – jedoch weit verbreitete – PDF-Datei von Herrn Klaus Lorenzen von der FH Hamburg beziehen, der 1997 eine recht umfassende Darstellung der DIN 1505 als graues Papier veröffentlicht hat.

In Österreich konnte ich trotz ausgiebiger Suche nur ein paar Dokumente finden, die auf die ÖNORM A 2658 verwiesen, aber keines, das sie auch beschrieben hätte. Selbst in den umfangreichen Arbeitsblättern von Stangl-Taller wurde ich nicht fündig. (Drei seiner interessanten Blätter zum Thema der Zitier-Formalia möchte ich bei dieser Gelegenheit jedoch nicht vorenthalten: Literatur, Präsentation und hier vor allem auch die allgemeinen Kriterien zur Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten.)

Neben dem Manko geeigneter Zusammenfassungen, ist auch noch die unverschämte Preisgestaltung einer weiten Verbreitung abträglich. So kosten die beiden deutschen Normen mit insgesamt 22 Seiten im Download € 102,65 während sie im Versand absurderweise etwas billiger (€ 92,30) erhältlich sind. Die österreichischen Preise sind ähnlich: 14 Seiten kosten € 81,29 im Download und € 73,09 im Postversand. (Um keine Missverständnisse bei meinen deutschen Freunden aufkommen zu lassen: Wir in Österreich haben nicht deshalb weniger Seiten, weil wir ein kleineres Land sind und daher weniger zu regeln und normieren hätten. – Das würde auch gar nicht unserer k.u.k-Vergangenheit samt Titelverliebtheit entsprechen und schließlich ist und bleibt eine Quellenangabe eine Quellenangabe. Nein, der Grund ist schlicht und einfach darin zu suchen, dass die österreichische Fassung der Zitierregeln weniger Beispiele anführt.)

Überbewertung und Verunsicherung

International wird das Zitieren durch die ISO 690 geregelt, die – wie man es eigentlich auch bei den nationalen Normen erwarten sollte – frei zugänglich im Internet erhältlich ist. Der Standard wird vom TC 46 (Technical Committee for information and documentation standards) herausgegeben und zwar von der Untergruppe 9, die sich mit der Standardisierung von Informationsressourcen beschäftigt. Es gibt zwei Teile: Bibliografische Referenzen allgemein (690-1) und von elektronischen Dokumenten oder Teilen davon (690-2).

Aus meiner Sicht hat die jahrzehntelange Geheimniskrämerei in den deutschsprachigen Ländern – wo offensichtlich kein Interesse an einer weiten Verbreitung der Normen vorhanden ist – zwei negative Folgen:

  1. Sie führt zu einer großen Verunsicherung der Studierenden, die noch zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass wir Lehrenden keine plausiblen Gründe für unsere Vorlieben zu einem bestimmten Zitiersystem geben können.
  2. Gleichzeitig wird der formale Apparat katastrophal überbewertet. Ich habe es inzwischen schon oft erlebt, dass Studierende die verkürzende Gleichsetzung machen: Wissenschaftliches Arbeiten = die Beherrschung der Zitierregeln.

Diese unglückliche Situation führt dazu, dass viel zu wenig Aufmerksamkeit den inhaltlichen Fragen gewidmet wird (Thesenbildung, Recherchiermethoden, Argumentationslinie, inhaltlicher Aufbau und Präsentation der Argumente).

Technologie als Bündnispartner?

Es scheint so zu sein, dass die Technologie – die ja immer besonders hilfreich bei standardisierten Prozessen ist – beim Widerstand gegen die schrankenlose Erfindung und Ausweitung der Zitierstile in gewisser Weise sogar ein Bündnispartner sein kann. Wenn wir uns das durchaus realistische Szenario vorstellen, dass die Literaturverwaltungssoftware sich um sämtliche formale Details beim Zitieren kümmert (also Ebene 2 und 3 der obigen Unterscheidung), dann sollten eigentlich unsere Studierenden von dieser unsinnigen Detailarbeit entlastet werden und sich vermehrt um die inhaltlichen Dinge kümmern können. Die technische Hilfestellung ist natürlich nur bei den formalen Vorschriften möglich: Welcher Autor wann, wo und wie referenziert werden muss, hängt natürlich von inhaltlichen Entscheidungen ab und ist nicht an eine Software zu delegieren.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund warum technologische Entwicklungen der absurden Detail-Reiterei von Zitierstilen Einhalt gebieten könnten: Eigenwillige Wünsche und persönliche Vorlieben von ProfessorInnen müssen jeweils softwaretechnisch implementiert werden. Das führt einerseits zu einem zusätzlichen (Programmier-)Aufwand, der sich aber erst dann kommerziell rentiert, wenn auch tatsächlich ein gewisser Bedarf an dieser Änderung vorhanden ist. Andererseits muss aber schon rein aus logistischen Gründen ein weiteres explosionsartiges Anwachsen von Zitierstilen durch Miniaturvarianten verhindert werden.

Es sind daher vielleicht gerade die EntwicklerInnen und ProgrammiererInnen, die einer leichtfertigen bzw. beliebigen Vielfalt von Zitierstilen die Stopptafel zeigen. Ein Beispiel, das meine These belegen soll, habe ich in einem Diskussionsforum von Zotero gefunden: Nan-Tze bittet dort um Hilfe, weil der Supervisor zwar den Harvard Stil verlangt, aber „et al.“ nicht – wie es bei diesem Referenzierungssystem der Standard ist – erst bei 4 oder mehr AutorInnen zum Zug kommen soll, sondern bereits bei drei. Das Problem wäre mit CSL (Citation Style Language), einem sehr mächtiges XML-Konstrukt, das speziell für Zitierstile und bibliografische Informationen entwickelt wurde, leicht zu beheben. Der Gründer und Hauptentwickler Bruce D’Arcus höchstpersönlich ist es sogar, der eine Variantenbildung oder gar Adaption (= Abgehen vom Standard) ablehnt.  Statt dessen soll sich der Supervisor gefälligst einen anderen der genormten Stile aussuchen!

Lessons learned

Welche Konsequenzen können aus den bisherigen Überlegungen gezogen werden? Nachfolgend einige Schlussfolgerungen, die sich einerseits auf meine jahrzehntelangen Praxis in der Betreuung von Diplomarbeiten, Masterthesen und Dissertationen gründet und andererseits die in diesem Beitrag angestellten Überlegungen einbezieht:

  1. Zitierphobie durch Technologie bekämpfen: Es macht wenig Sinn, die Überbetonung der Formalia wie sie bei Studierenden herrscht, nicht ernst zu nehmen. Vielleicht sollte daher relativ am Anfang des Studiums bereits diese Problem – unter der Verwendung von Technologie – aus dem Weg geräumt werden? Ich denke hier an die Erstellung und Verwendung von Stilvorlagen, die die gewünschte Referenzierungsart  programmtechnisch bis ins kleinste Detail umsetzen können. Das ist heutzutage – wo es eine Reihe von exzellenten open source, freeware oder für die Studierenden durch entsprechende Campuslizenzen kostenlose und relativ leicht zu bedienende Literaturmanager-Software gibt – keine Hexerei mehr. (Das war nicht immer so!) Eine grundlegende allgemeine Einführung in das System der Quellenangabe (Ebene 1) gefolgt von der Begründung für ein Zitierschema (Ebene 2) würde dann ausreichen. Die vielen kleinen Details des jeweiligen Zitierstils könnten dann an die Software delegiert werden. Statt dessen müsste dann allerdings eine kurze Einführung in die Softwarebedienung angeboten werden. In Summe gesehen wäre das trotzdem eine gewaltige Arbeits- und Zeitersparnis für Studierende, die dann relativ rasch – und ohne sich ständig um formalen Fragen sorgen zu müssen – ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf inhaltliche Forschungsfragen richten könnten.
  2. Überblick zu Zitierschemata geben: Das sieht verdächtig nach unnötigen Mehraufwand aus. Warum sollte man sich nicht auf den einen Stil, den es zu verwenden gilt, konzentrieren? – Mein Argument für die Vermittlung einer Vogelperspektive als Orientierungshilfe besteht darin, dass Studierende in anderen Lehrveranstaltungen bzw. bei anderen DozentInnen auch immer mit anderen Zitierstilen in Berührung kommen werden. Zwar versuchen Hochschulen zunehmend einheitliche Richtlinien vorzugeben, aber die unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugänge als auch die Zunahme an interdisziplinärer Kooperationen torpedieren diese Bemühungen ständig. Ganz abgesehen davon, dass wir beim lebenslangen Lernen mit vielen unterschiedlichen Biödungsinstitutionen, die jeweil ihre eigenen Formvorschriften haben, in Kontakt kommen.  Außerdem stoßen Studierende alleine schon beim Lesen von Büchern immer wieder auf andere Systeme. Es ist daher völlig unrealistisch zu versuchen, Studierende in einer eigenen Ziterwelt hermetisch von der „Außenwelt“, d.h. von anderen Zitierstilen abzuriegeln. Ein Überblick würden den Studierenden helfen mit der unvermeidlichen Vielfalt und Komplexität, der sie unweigerlich ausgesetzt werden, besser um zu gehen. Ohne Überblick ist es aus meiner Erfahrung für Studierende völlig unverständlich, warum es die unterschiedlichen Notationen gibt. Für sie sieht das nach Geheimwissenschaft bzw. bestenfalls nach persönlichen Vorlieben von DozentInnen aus.Ich habe die Erfahrung gemacht, dass DozentInnen (also wir!) selbst oft nur den eigenen Zitierstil gut beherrschen und nicht über die Für und Wider der verschiedenen grundlegenden Schemata Bescheid wissen. Auch ist uns manchmal nicht klar, dass wir nicht nur bloß einer Tradition folgen, sondern, dass es auch gute Gründe für ein bestimmtes Zitierschema gibt, die es zu argumentieren gilt.
  3. Einem Zitierstil konsequent folgen: Wenn auch das Zitierschema inhaltlich zu begründen ist, so gilt das meiner Meinung nach nicht mehr bei den verschiedenen Variationen der Zitierstile, bei denen es nur mehr um die erwähnten Initiationsrituale in die jeweiligen Fachcommunities geht. Trotzdem trete ich letztlich dafür ein, ganz bewusst sich einer solchen verbreiteten und in gewisser Weise durch die Praxis standardisierten Norm zu folgen und nicht nach eigenem Gutdünken seinen privaten Zitierstil zu frönen und diesen dann auch noch von den Studierenden zu verlangen. Es gilt hier in gewisser Weise analog das Privatsprachen-Argument von Wittgenstein (PDF, 188 kB, sowie Wikipedia): Private Zitierstile haben keine unabhängiges Konsistenzkriterium und sind damit schrankenlos und beliebig erweiter- bzw veränderbar.  Sie verlieren damit aber ihren Charakter als rituelle Handlung und erfüllen nicht mehr ihre eigentliche Funktion: Die Zugehörigkeit zu einer Fachcommunity anzuzeigen.

Aus meiner Perspektive besteht also der Hauptfehler beim Vermitteln korrekter Zitiertechniken darin, dass wir Lehrenden unmittelbar von den Prinzipien der Quellenangaben zur praktischen Beherrschung eines speziellen Zitierstils springen. Eine Haltung, die ich als didaktischen Kurzschluss charakterisieren möchte und die der Wissenschaft bereits großen Schaden zugefügt hat. Einen wichtigen Grund für diese verkürzte Sichtweise sehe ich in einer falschen Generalisierung unserer eigenen Arbeitspraxis: Weil wir unsere eigenen Lebenswelt als ForscherInnen in der Lehre unbewußt auf unsere Studierenden projizieren, neigen wir dazu die wichtige Vermittlungsebene der Zitierschemata zu überspringen und konzentrieren uns überproportional lange und intensiv auf die Details eines von uns präferierten Zitierstils. Dieser didaktische Kurzschluss verwirrt und verunsichert unseren wissenschaftlichen Nachwuchs und erschwert den Zugang zu den eigentlichen wichtigen Fragen der Wissenschaft.


Zu zitieren als: Baumgartner, Peter. 2008. Zitieren – eine Geheimwissenschaft? — Initiationsrituale: Quellenangabe, Zitierschema und Zitierstil. Gedankensplitter (29. August). http://www.peter-baumgartner.at/weblog/zitieren-eine-geheimwissenschaft/ (Zugegriffen: DATUM EINFÜGEN).

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