Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Strategische Überlegungen zur 1. Forschungswerkstatt „Didaktische Entwurfsmuster“

Am 24./25. April 2009 fand zum ersten Mal eine Forschungswerkstatt meines Departments statt. Aus meiner Sicht – und ich habe darüber bereits berichtet – ist diese Veranstaltung äußerst erfolgreich abgelaufen, was sicherlich auch mit den besonderen Format zu tun hatte.

Ich habe bereits über meine persönlichen Eindrücke zum Ablauf der Veranstaltung berichtet. Hier versuche ich nun diese Besonderheiten zu analysieren und zu beschreiben. Ich verwende dazu – eher spielerisch, also (noch) nicht wirklich ernst gemeint – ein Beschreibungsformat das sich an die Pattern-Community anlehnt: Kontext-Problem-Lösung.

Der Kontext

Im Zuge der von mir bereits beschriebenen Überlegungen zu einer Forschungsoffensive, habe ich mir die folgende Fragen gestellt: Wie kann ich es erreichen, dass innerhalb der speziellen Bedingungen an der Donau-Universität Krems (DUK) – wo wir dzt. 80% (!) unseres Budgets durch Drittmittel hereinholen müssen – eine Forschungskultur an meinem Department aufgebaut wird? Eine Erhöhung der Taktzahl und/oder der Größenordnung von Projekten kann dies aus meiner Sicht alleine nicht erreichen: In der budgetären Logik der DUK können sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte nicht den geforderten (budgetären) Freiraum schaffen, um über das einzelne Projekt hinausgehend, längerfristige zusammenhängende Forschungsthemen zu verfolgen. So sind z.B. die Arbeitszeiten für grundlegende Publikationen (z.B. Monografien) in diesem System der Vollkostenrechnung nicht finanzierbar.

Dazu kommt noch, dass die DUK als Organisation derzeit kein Promotionsrecht hat. Daher gibt es auch nicht die Möglichkeit sich über die inhaltlichen Ausarbeitungen von „kostengünstigen“ Promotionsstudierende sich diesen längerfristigen Forschungsthemen konzentriert zu widmen.

Das Problem

Wenn ich innerhalb der Bedingungen an der DUK mit einer abstrakten und auf eine längerfristige Perspektive angesetzten Diskussion beginne, dann bin ich mit folgenden Schwierigkeiten konfrontiert:

  1. Meine Mitarbeiter/-innen sind zwar projekterfahren, haben sich aber über das Tagesgeschäft hinaus bisher kaum mit grundsätzlichen Fragen der Forschungsprogrammatik beschäftigen können.
  2. Eine Diskussion zur Forschungsprogrammatik kommt immer in zeitlichen und budgetären Widerspruch zum „normalen“ stark marktabhängigen Tagesablauf an der DUK. Einerseits weil sie laufende, zeitlich befristete Projektarbeiten „behindern“; andererseits weil die unmittelbare Verwertbarkeit für einen Projektantrag nicht sofort sichtbar bzw. umsetzbar ist.
  3. Es fehlt an der DUK bzw. an meinem Department an zeitlichen und personellen Ressourcen um über einen längeren Zeitraum eine „kritische“ Masse von Personen zu einer Gruppe zusammen fassen zu können, die diese längerfristig angelegten Forschungsfragen verfolgen kann.

Ich habe daher nach einem Veranstaltungsformat gesucht, das

  1. grundsätzliche Fragen der Forschungsprogrammtik in den Mittelpunkt stellt
  2. sich aus dem Kontext des Alltags der DUK löst und
  3. eine kritische Masse von interessierten Forscher/-innen nicht nur zusammen bringt, sondern auch für die Inhalte der Forschungsfrage begeistert.

Besonders dieser letzte Aspekt (Begeisterung) ist aus meiner Sicht nur durch persönliche „Eintauchen“ in das Forschungsfeld möglich. Das erfordert aber ein Format, das nicht bloß ein interessantes Thema vermittelt, sondern den Teilnehmer/-innen auch erlaubt eine eigene Motivation dazu zu entwickeln.

Die Lösung(saspekte)

Gemeinsame inhaltliche Basis schaffen

Ich habe als Format nach einer Veranstaltungsform gesucht, die den Charakter einer offenen Werkstatt hat, bei der alle Beteiligten sich in einem gemeinsamen Forschungs(produktions)prozess einlassen können. Um dies zu ermöglichen, war ein gewisser Vorlauf notwendig, der den Teilnehmer/-innen die inhaltliche Ausgangslage („state of the art“) darlegt. Es bot sich daher eine zwei-tägige Veranstaltung an: Am ersten Tag wurden Grundlagen vermittelt, darauf aufbauend sollte dann die eigentliche Werkstatt beginnen.

Offenes Thema wählen

Von der inhaltlichen Seite habe ich „Didaktische Entwurfsmuster“ gewählt, weil es ein Thema ist, das

  • mit den 4-bändigen Werk „The Nature of Order“ (TNoO) von Christopher Alexander einen bisher noch recht unbearbeiteten Freiraum hat
  • im pädagogisch/didaktischen Bereich aus meiner Sicht noch sehr unbefriedigend bearbeitet ist und daher für meine Studierenden/Kolleginnen einen  fachlich interessanten Zugang ermöglichen kann

Einengende Rahmenbedingungen entfernen

Gleichzeitig war es notwendig die Veranstaltung in mehrfacher Form aus dem DUK-Kontext heraus zu lösen:

  • Statt sie in den eigenen DUK-Räumlichkeiten abzuhalten, habe ich einen Raum am IFF in Wien angemietet.
  • Statt sie für meine Mitarbeiter/-innen als „normale“ Dienstreise abzurechnen, habe ich sie als freiwillige Veranstaltung konzipiert, die auf eigene Kosten besucht werden muss und zumindest teilweise außerhalb der „normalen“ Arbeitszeit (Samstag) stattfindet.
  • Statt sie bloß intern für die eigenen Mitarbeiter/-innen zu konzipieren, habe ich überwiegend Studierende bzw. Kolleg/innen aus meinem inhaltlichen Umfeld als Teilnehmer/-innen eingeladen.
  • Statt die Veranstaltung in ein Curriculum einzubinden, oder sie sonst irgendwie mit einem Leistungsnachweis zu verbinden, hatte sie einen völlig unverbindlichen, freiwilligen Charakter.

Der Ablauf hat meine damit verbundene Erwartungshaltung vollauf bestätigt: Es kamen von meinen Mitarbeiter/-innen vor allem jene, die das Thema interessiert (Freitag) und es „opferten“ nur jene ihre Samstag-Freizeit, die selbst für sich eine längerfristige Perspektive als Forscher/-innen einnehmen.

Atmosphäre für Werkstattcharakter schaffen

Um einen echten Werkstattcharakter zu ermöglichen, war es notwendig, dass

  • zwar eine Richtung aber kein klares Ziel vorgegeben wird,
  • die hierarchischen Beziehungen zu den Vortragenden/Moderatoren abgebaut werden,
  • für alle Teilnehmer/-innen ein Flow-Erleben als Gruppe entstehen.

Das war wohl die schwierigste Bedingungen und ich bin mir auch nicht sicher, was die eigentlichen Voraussetzungen für das tatsächlich eingetretene Flow-Erleben am Samstag war. Meine Vermutungen dazu lauten:

  • Die beidem Moderatoren (Christian Kohls und ich) haben selbst unterschiedliche Positionen gehabt und heftig öffentlich unter einander diskutiert bzw. sich gegenseitig kritisiert.
  • Die Teilnehmer/-innen waren sowohl von ihrem akademischen Status als auch von ihren fachlichen Zugängen gemischt zusammen gesetzt.
  • Es gab keinen irgendwie gearteteten Leistungsdruck: Weder war ein Zeugnis zu erwerben, noch sonstwie eine Erwartungshaltung zu erfüllen.
  • Mit der versuchten Übertragung der 15 Struktureigenschaften von Alexander auf die Pädagogik wurde ein bisher unbeackertes thematisches Feld gefunden, das sowohl die inhaltliche und fachliche Kompetenz der Teilnehmer/-innen angesprochen hat aber gleichzeitig auch immer wieder wissenschaftstheoretische/philosophische Fragestellungen eröffent hat.

Dieses Oszillieren der verschiedenen Ebenen war für mich ganz besonders spannend: Auf der einen Seite sind – so glaube ich zumindest in meinem derzeitigen euphorischem Stadium 🙂 – wirklich interessante Ergebnisse in diesem Prozess entstanden, auf der anderen Seite wurde ständig über Grundsätzliches nachgedacht, die bisherige/weitere Vorgangsweise in Frage gestellt bzw. reflektiert.

Didaktische Entwurfsmuster: Programm Didaktische Entwurfsmuster: Programm

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Forschungswerkstatt: Didaktische Entwurfsmuster

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Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von rbauer am 11.05.2009 13:56

Da ich mich bereits im Vorfeld ein wenig mit Christopher Alexander und seinen Gedanken zu einer Pattern Language sowie deren Transferierbarkeit auf Didaktik/Pädagogik beschäftigt hatte, war es für mich ein besonderes Erlebnis, an der Forschungswerkstatt „Didaktische Entwurfsmuster“ teilzunehmen.

Dass v. a. der Samstag so produktiv, höchst interessant und spannend verlaufen ist, liegt m. E. am Setting der Werkstatt und natürlich in besonderem Maße an den Teilnehmer/innen:

– Nach den einführenden Vorträgen von Christian Kohls und Peter Baumgartner, einem „visuellen“ Experiment sowie Vorüberlegungen und -diskussionen (quasi Input und gleichzeitig Abgleichen des Vorwissens aller Teilnehmer/innen!) konnten am Samstag konkrete Überlegungen zu den die Patterns „zusammenhaltenden“ 15 Strukturmerkmalen von Ch. Alexander angestellt werden!

– Alle Teilnehmer/innen konnten sich in „Augenhöhe“ begegnen, hierarchisches Denken wurde während des (wissenschaftlichen) Diskurses ausgeblendet. Dies führte m. E. zu dem von Peter Baumgartner zitierten (allgemeinen) Flow!

– Die Teilnehmer/innen stammten aus unterschiedlichen (Fach-)Disziplinen. Gerade im Hinblick auf die Übertragbarkeit der Ideen von Ch. Alexander auf andere Bereiche sehr, sehr wichtig!

Ich hatte während der beiden Tage das angenehme Gefühl, an einer bedeutenden – auch wenn das jetzt etwas lobhundelnd oder gar anbiedernd klingen mag – Reflexion teilhaben zu können, für mich war die Werkstatt gleichsam der Spatenstich für meine weitere (kritische) Auseinandersetzung mit Alexander und der Pattern Community! 🙂

Reinhard Bauer

Übrigens, ich gratuliere zum (ausformulierten) Pattern „Forschungswerkstatt“!

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von zauchner am 11.05.2009 22:13

ok, ich gebe es zu: ich hatte kein flow-erlebnis. die forschungswerkstatt war sehr interessant, ich habe es nicht bereut, am freitag und am samstag aktiv teilgenommen zu haben, obgleich meine samstägliche alternative eine durchaus sehr nette gewesen wäre ;-). fairerweise muss ich sagen, dass ich nun noch um ein eckstück skeptischer bin, was den patterns ansatz und dessen sinnhaftigkeit für die didaktik anbelangt. zu simpel und nicht geeignet expertInnen-wissen zu transprotieren die vorliegenden patterns, gleichzeitig wohl durchaus ok für lehre-lernende. zu weit hergeholt/undurchsichtig die 15 strukturelemente um nicht gefahr zu laufen, dass der vorwurf der beliebigkeit entstehen kann. kein durchbruch in der architektur, große anerkennung in der software-entwicklung, der durchbruch steht in der didaktik kurz bevor? nun, wir werden sehen.

zu einem flow-erlebnis gehört für mich, dass ich mich inhaltlich mit der sache identifizieren kann. das war nicht der fall. aber ich habe die beiden tage trotzdem ehrlich genossen, weil wir aus meiner sicht sehr schnell die zentrale spielregel dieser forschungswerkstatt identifiziert und angewandt haben: wir tun für einen definierten zeitraum so, als ob es keine (universitären) hierarchien geben würde. wir tun so, als ob für jeden einzelnen nichts am spiel stehen würde (was de facto ja für niemanden der der fall war – es geht um anerkennung al dissertantIn anerkennung als mitarbeiterIn, anerkennung als kollege/in, anerkennung als fachexpertin/e, anerkennung des neuen formats oder ähnliches). und wir verhalten uns dementsprechend: in der tat sind wir sehr respektvoll miteinander umgegangen, in der tat war es nicht zentral, über viel vorwissen zu verfügen (weil wir insb. im hinblick auf die 15 strukturelemente – dem samstag-thema – sowieso auch lauter anfängerInnen waren/sind), in der tat ging es nicht darum, individuelles in den vordergrund spielen. wir haben es so geschafft, ein thema gemeinsam anzureißen, zumindest phasenweise den anderen aktiv zuzuhören. das gemeinsame lernen/entwickeln war ein schönes erlebnis. ein großer luxus und ich hoffe, wir können ein wenig davon in den alltag rüber retten. auch wenn uns die hierarchien bereits wieder eingeholt haben.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von cczaputa am 13.05.2009 00:03

Auf meinem Weblog findet sich ebenfalls ein Kommentar zur Forschungswerkstatt ‚Didaktische Entwurfsmuster‘ unter http://christianczaputa.wordpress.com/2009/05/01/forschungswerkstatt-ubertragbarkeit-des-pattern-ansatzes-in-die-didaktik/

Noch eine Ergänzung zum Veranstaltungsformat: Die vergangenen Tage überflog ich einige Einträge auf dem lesenswerten Blog von Christian Spannagel ‚Chrisp’s virtual comments‘ unter http://cspannagel.wordpress.com/ , die sich mit neuen Gestaltungsformen von Präsenzseminaren bzw. -vorlesungen beschäftigen. Angelehnt an die Unterrichtsmethode ‚Lernen durch Lehren‘ von Jean-Pol Martin und dessen ‚Neuronenmetapher‘ (vgl. Blogeintrag von Lutz Berger unter http://www.lutzlandblog.de/tag/ldl-neuronenmetapher) realisierte Spannagel ein zur Forschungswerkstatt vergleichbares Szenario mit ähnlicher Wirkung. Dieses beschreibt Spannagel wie folgt:

‚So. Und dann ist etwas passiert, was ich so niemals vorher geahnt hätte: Die Studenten haben angefangen “wie Neuronen zu feuern” (ich liebe dieses Bild!): “Es gibt Scheitelpunkte bei Funkionen!” – Studentin schreibt “Scheitelpunkt” an die Tafel – “Es gibt auch Extrempunkte” – “Ok, ich schreib das hier unter Scheitelpunkt” – “Sind eigentlich alle Extrempunkte Scheitelpunkte?” – (intensive Diskussion, aber ohne Ergebnis) – “Es gibt auch noch Wendepunkte” – “Was sind jetzt eigentlich Scheitelpunkte” – “Nennt doch mal einen Extrempunkt, der kein Scheitelpunkt ist” – “Was ist eigentlich mit Sattelpunkten?” – “Sattelpunkte sind Wendepunkte” – “Wie sieht denn ein Sattelpunkt aus?” – (Studentin kommt nach vorne und zeichnet einen an, Vergleich mit Wendepunkt) – “Schreib nochmal Monotonie auf” – “Stetigkeit” – “Was ist Stetigkeit?” – “Wenn man die Kurve zeichnen kann, ohne den Stift abzusetzen” – “Muss eine Funktion stetig sein, damit sie monoton sein kann?” – (Diskussion ohne Ergebnis) – “Schreib noch Differenzierbarkeit auf” usw. usw. usw.‘ (vgl. Blogeintrag unter http://cspannagel.wordpress.com/2009/04/25/neuronen-in-der-vorlesung).

Die grundlegenden Gestaltungsmerkmale solcher Szenarien lauten in Anlehnung an die Neuronenmetapher (vgl. http://www.adz-netzwerk.de/wiki/index.php?title=Benutzer:Jeanpol/Folie_3&oldid=494):

1. Neuronen sind offen und transparent
2. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
3. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
4. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
5. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
6. Neuronen sind nicht beleidigt
7. Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
8. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
9. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

Dass solche Szenarien dennoch eine gewisse Rahmenstruktur und phasenweisen Zusammenfassung, Orientierung, Fokussierung für den gewünschten Lernerfolg benötigen, wird von Spannagel gut beschrieben unter http://cspannagel.wordpress.com/2009/05/02/neuronenvorlesungen-methodische-aspekte/.

Auch wenn ich meine Schwierigkeiten mit der ‚Neuronenmetapher‘ habe, bringt sie doch die grundlegende Idee eines offenen, hierarchiefreien, vernetzten und assoziativen Gedankenaustauschs in ein treffendes Bild, das in Phasen auch für das Veranstaltungsformat der Forschungswerkstatt charakteristisch sein könnte.

Christian Czaputa

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 13.05.2009 09:15

Peter,

du schreibst: „Wie kann ich es erreichen, dass innerhalb der speziellen Bedingungen an der Donau-Universität Krems (DUK) – wo wir dzt. 80% (!) unseres Budgets durch Drittmittel hereinholen müssen – eine Forschungskultur an meinem Department aufgebaut wird?“

Diese Frage definiert einen Anwendungskontext, dessen mustertheoretische Antwort in einer Mustersprache besteht. Wenn die Forschungswerkstatt ein Muster dieser Mustersprache ist, dann geht es darum, dieses Muster zu verstehen, seine Ausprägungsmöglichkeiten zu verstehen und es so an eure Bedürfnisse anzupassen, dass es eine maximale Wirkung entfaltet.

Erste Standardüberlegungen dazu wären:

Um welche Resourcen geht es, wie sind ihre Quellen, Senken, Tranfers etc. beschaffen?

Welche Alternativmuster mit gleichem Effekt, aber anderem Anwendungsspektrum existieren?

Welche Anschlussmuster sind notwendig oder können die Wirkung der FORSCHUNGSWERKSTATT verstärken?

Insgesamt scheint es mir um Aussagen zu gehen wie: „Liebe Studenten, wir wollen euch nicht nur etwas beibringen, sondern wir brauchen euch als Partner und Forscher. Ihr sollt ein tiefes Interesse für unsere Themen bekommen. Das ist die Grundlage für die Entwicklung eurer forscherische Kompetenzen, die ihr als Berufsgrundlage braucht, die jedoch für uns genauso lebensnotwendig sind …“ (Prozessprinzip: WHIRL OF PATICIPATION ?)

Mustertheorie liefert zu einem solchen Themenkomplex einen großangelegten Rahmen von Begriffen und Standardüberlegungen struktureller, prozessualer und systemischer Art. Hier scheint mir der wesentliche Wert der Mustertheorie zu liegen. Ich glaube, Ralf hat gemeint: was ist falsch einfach Muster zu sammeln. Anwort: nichts ist falsch daran, es schöpft das Potenzial der Alexanderschen Denkweise nur zu 1% aus (so als würde man Musik nur einstimmig in C-Dur und im 4/4-Takt spielen).

Liebe Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 13.05.2009 12:10

Das mit der Mustersprache habe ich zu kurz gefasst. Ich meine damit, dass vermutlich 20-30 Muster erforderlich sind, um eine Forschungskultur zu etablieren.

Ein Muster müsste dabei nichts völlig Neues sein, sondern es könnte auch bestehende Veranstaltungsformate (SPT Prozessprinzip: Structure Preserving Transformation) adaptiert werden.

Ein Muster könnte aber etwas völlig Neues sein, etwa eine jährlich vergebene „Jungforscherauszeichnung“.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 13.05.2009 19:05

Hallo Helmut,

1% und wozu sind die 99% nützlich? Muss ich um ein Fahrrad fahren zu können, den Verkehr der Welt verstehen, planen und verbessern können, da das Fahrrad ein Teil des Verkehrs ist? Sicher nicht.

Welchen Nutzen generieren Alexanders 99% Philosophie für die Entwicklung, Gestaltung und Nutzung von pädagogischen Pattern?
Im Kontext der Ausbildung können sie sicher eine zweckdienliche Haltung für die Aufgabe der Erziehung und Bildung darstellen. Damit wird es aber zum Überbau einer Ausbildung. Was passiert nur mit dem, der schon eine praxisbewährte Haltung hat? Will und muss ich ihn mit Alexanders Denken im Spätwerk konfrontieren? Lassen sich Werkzeug und Philosophie hier trennen?

Wie wird ein Handlungsmuster daraus, die Philosophie in den Mustern wieder auftreten zu lassen, so dass die Arbeit an Mustern Stolpersteine zum Weiter-darüber-nachdenken enthält? Oder machen wir ein auch für sich hilfreiches Werkzeug zu kompliziert und damit praxisuntauglich wenn wir es zwanghaft verkoppeln mit Denkstrukturen?

Sorry, wieder nur Fragen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 14.05.2009 10:00

Hallo Ralf,

deine Fragen sind nicht nur berechtigt, sondern fordern eine hochspannende Auseinandersetzung mit Sinn und Zweck von Mustern heraus. Ob ich in der Kürze hier befriedigend antworten kann, weiß ich nicht, aber ich versuchs mal.

Zunächst: Jemand, der eine bewährte Praxis hat (als Systembenutzer~Fahrradfahrer oder Gestalter~Komponist), mit dessen status-quo er zufrieden ist, der braucht keine Muster oder mustertheoretischen Betrachtungen. So wie er auch keine Naturwissenschaft~Physik~Akkustik braucht. Wer kann Nutzen ziehen: primär alle, die etwas verändern wollen, also Gestalter, Innovatoren, Berater, Führungskräfte, Wissenschaftler. Der selbstzufriedene Radfahrer ist nicht in der Rolle des Innovators.

Muster/Mustertheorie kann selbst als ein Muster verstanden, als ein optionales Artefakt (Modell, Mittel des Verstehens), das nur in bestimmten Kontexten~Anwendungszusammenhängen nützlich ist. Der Nutzen kann sich in unterschiedlicher Weise ergeben, es kann aber jemand für sich persönlich sagen „ich brauche keine Muster, mir nützen sie nichts“ oder „mir genügen isolierte Musterbeschreibungen bestimmter Ausprägung“. Das ist völlig berechtigt. Gleichzeitig kann aber jemand anderer in einer anderen Situation besten Nutzen aus mustertheoretischen Tiefenbetrachtungen ziehen. Im Grunde ist das schon eine Sichtweise der Mustertheorie, die nicht im einfachen Musterbegriff liegt: dass es um individuelle Entscheidungen und persönliche Autonomie geht und nicht um Generalbewertungen und Vorschreibungen.

Typisch wären die komplexe Entscheidungssituationen über Kommunikationstechnologien (Email, Foren, Wikis, Blogs, Moodle, Plattformen, …) mit dem Ziel eines optimalen Medienmix. Die Frage „Ist ein Blog besser als ein Wiki“ wäre falsch gestellt. Erst, wenn die Anwendungssituation bekannt ist, kann jemand~Berater mit dem relevanten Anwendungswissen eine z. B. Empfehlung abgeben. Man könnte dieses relevante Anwendungswissen in eine Musterbeschreibung packen und gute Entscheidungen zu unterstützen.

Oft kommen aber die Beschreibungen nicht aus einem wissenschaftlichen, sondern aus einem Eigeninteresse und dann sind sie der Sache (dem Anwender) nicht maximal dienlich. Ein Werbeprospekt ist im Grunde eine solche „denaturierte“ Musterbeschreibung: „wir haben hier das fantastische Produkt X, das ihr Problem löst, das nur Vorteile hat und alternativenlos ist“. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es ist nicht als objektive Wissensvermittlung anzusehen. Es gibt viele andere Fälle: wo Wissen nicht offengelegt wird. Man will Lust machen, aber sein Wissen nicht preisgeben. Mustertheorie kann auf die Lücken aufmerksam machen. Das kann auch unangenehm sein.

Musterautoren haben auch Freude daran Muster zu eignen, so dass die Abgrenzung und Begründung der Eigenwüchsigkeit mehr Bedeutung hat, als eine Darstellung von systemischen Zusammenhängen. Im Zusammenhang des Publikationszwanges wird sich dieser Effekt wahrscheinlich verstärken, wenn Musterbeschreibungen als Publikationsformat akzeptiert werden. Gibt es schon das „Journal of Educational Patterns“?

Ein anderes Problem, das die Beschreibung von Mustern negativ beeinflusst, ist mir in ideologisch-politischen Zusammenhängen aufgefallen. In dem Augenblick, wo Muster gehyped werden, möchte man das „Gütesiegel Muster“ auf nur auf Dinge kleben, die man propagiert. Es ist dann „booh“, wenn Muster beschrieben werden, die ideologisch abgelehnt oder auch nur ideologisch neutral sind.

Insgesamt muss Alexander natürlich froh sein (und ich bin als Proponent/Buchautor auch froh), wenn das Thema Muster überhaupt ins Blickfeld kommt, auch wenn das – vermutlich unausweichlich – mit einer Veroberflächlichung verbunden ist. Trotzdem ist es genauso unausweichlich, dass es Leute geben wird, die ein tiefergehendes Verständnis einfordern oder eine tiefergehende Beschäftigung unterstützen.

Prognose: Ich glaube, dass es eine Musterwissenschaft geben wird, die von den Auswirkungen und der Bedeutung mit der Naturwissenschaft zu vergleichen sein wird. Vielleicht dauert das 40 Jahre, vielleicht 200 Jahre. Es geht um eine wissenschaftliche-systemische Neuinterpretation aller sinntragender Artefakte mit einer nachvollziehbaren Methode und entsprechenden Einsichten. In der Folge wird es eine „zweite Alphabetisierung“ an Hand dieses mustersprachlichen Kulturwissens geben. Menschen werden sich bewusst werden, dass Muster ihre Handlungsoptionen sind und dass alle Muster als kulturelle Atrtefakte zur Disposition stehen.

Zurück zu den Mustern: So wie ein Naturwissenschaftler nicht sagen kann „ich kümmere mich nicht um Messungergebnisse und Reproduzierbarkeit“ wird ein Musterwissenschaftler nicht an den formalen mustertheoretischen Anforderungen verbeigehen könnnen. Es wird jedoch einige Jahre dauern, bis sich das geklärt hat. Ein Großteil davon ist jedoch jetzt schon absehbar.

Entschuldige, dass ich vom Hundersten ins Tausendste komme bzw. es nicht schaffe, mich kurz zu fassen. Für mich ist das wie ein riesiges Puzzle, das erst im Gesamtbild, aber nicht aus Einzelsteinegruppen heraus beeindrucken kann.

Herzliche Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 16.05.2009 10:22

Ralf, es tut mir leid, dass ich nicht konkret genug auf deine Frage nach den 99% geantwortet habe.

(1) Mustersammlungen orientieren sich oft an einem oberflächlichen Verständnis, das in formalen Anforderungen an den Formularaufbau und die Inhalte mündet. Die Mustertheorie liefert mehr Verständnis, wozu das Ganz sein soll, nämlich zur Wissensvermittlung für Gestalter/Gestaltungsprozesse. Wenn man das statt formaler Regeln im Hinterkopf hat, werden die Ergebnisse besser.

(2) Das Potenzial des Kontext/Anwendungszusammenhanges wird meist nicht genutzt. Benutzer und Autoren sind verwirrt, was sie unter Problem und was sie unter Kontext schreiben sollen. Inhahlt sind oft redundant und schwimmen hin und her. Der Sinn der Kontext ist die Bezeichnung einer bestimmten Gestaltungsituation, um dem Musterinteressierten den Zugang erleichtert, er ist keine weitere Beschreibung. Diese Kontexte solten der Community definiert werden, z. B. „Gestaltung einer Schulunterrichtsstunde in der Grundschule“, „Gestaltung von Lernmaterialien“, „Gestaltung eines Universitätslehrganges“, „Gestaltung eines Workshops“, „Gestaltung einer Eltern-Lehrer-Schüler-Community“ usw. Vermutlich gibt es mindest 50-100 solcher pädagogischer Anwendungszusammenhänge=Kontexte. Erst ein gezielter Aufbau von zugehörigen Mustersammlungen und Mustersprachen ermöglich dem Gestalter erst den effizienten Zugang zu den Mustern, die seiner aktuellen Gestaltungsaufgabe nützen.

Alles andere endet entweder in einer Art „interessant schmeckendem Eintopf“, oder einem „erbaulichen Promenieren durch eine Gemäldesammlung“ o. ä., aber nicht in der Unterstützung erfolgreicher Prozesse. Das ist natürlich auch das Problem von „A PATTERN LANGUAGE“, das vielerlei angerissen, aber nichts überzeugend zu Ende geführt ist.

(3) Entisolierung. Muster sind oft isolierte Werke, sie sollen aber im System eingesetzt werden. Wie kann man erreichen, dass sie zusammenpassen und sich ergänzen? Man braucht sicher eine gemeinsame Fachsprache, zumindest innerhalb eines Kontextes, um den Leser nicht zu verwirden. Und Muster können nach verschiednen Perspektiven geordnet werden: Hierarchisch, als Anschlussmuster, als Alternativen, in Bezug auf kybernetische Zusammenhänge (Ziele, Kräfte, Materialflüsse) und so weiter.

In diesen Ordnungsprozessen kommt es zu Problemen wo Begriffe oder Muster nicht zusammenpassen, wo es Reibung gibt an Ecken und Kanten. Aus dieser Arbeit, die Passungen zu finden, entsteht eine große Anzahl produktiver Anstöße.

(4) Betrachtung der Muster in den Strukturen. Jetzt sind wir bei den Lebenseigenschaften. Wie wirkt das Muster, welche Eigenschaften werden ausgeprägt? Deckt sich das mit gestalterischen Zielsetzungen? Ist das gefühlsmäßig als Fortschritt wahrnehmbar?

(5) Betrachtung der Muster im Zusammenhang der Prozesse. Wann ist welches Muster am Platz? Welche Sequenzen können als natürlich fortschreitend verstanden werden? Wie passt das mit den Prozessprinzipen (der Effizienz, der Revesibilität, der Partizipation etc) zusammen?

Insgesamt geht es also darum, Muster in verschiedenste ganzheitliche Perspektiven zu bringen und ihre Qualität schrittweise zu prüfen und zu verbessern, so dass ihre Anwendung verstanden wird und erleichtert wird.

lg Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 16.05.2009 17:32

Sorry, aber jetzt wird es sehr lang.

In dieser Woche bin ich bei Michael Mehaffy (http://www.tectics.com/Mehaffy_Paper_Archive.htm) auf drei Aufsätze gestossen, die für mich sehr erhellend waren.

Michael Mehaffy (http://www.tectics.com/page4.html) hat sehr eng mit Alexander zusammen gearbeitet. Der Schwerpunkt lag dabei in Quartierentwicklungsprojekten (ich nutze den Begriff, da er den Gedanken der Sustainable Neighborhoods) für mich am besten trifft. Die Interpretation von Stadtentwicklung als Quartierentwicklung, die die sozialen Dimensionen betont, ist für mich für das weitere Verständnis von Alexanders Gedankenwelt sehr wichtig.

Hier kurz die drei Aufsätze:

Michael W. Mehaffy, Notes on the genesis of wholes: Christopher Alexander and his continuiing influence, in Urban Design International 2007 12, 41-49 (http://www.palgrave-journals.com/udi/journal/v12/n1/abs/9000182a.html)
Sehr kurz und knapp aber zugleich anschaulich wird hier die Entwicklung von Alexanders Gedankenwelt und seine Rezeption dargestellt. Dabei zeigt er auch auf, dass Alexander feststellen musste, das die Anwendungder veröffentlichten Pattern nicht automatisch zu besserem Design führt. Alexander war „disturbed to find that many of the designers inspired by the book produced crude work (…)“ (p. 45)
Am Ende (p.49) erwähnt er, Alexander konzentriere sich nun wieder ( was zuletzt von ihm vernachlässigt wurde) auf „developing a new kind of code, as a kind of generative design tool.“. Das ist ein „local ‚operating system‘ that guides design und construction through an integrated design-build process“. Eine Betaversion findet sich auf der Webseite http://www.livingneighborhoods.org/ht-0/bln-exp.htm. Hier wird auch ein Workbook angekündigt.
Interessant ist, dass ein (für mich neuer) Begriff auftaucht: „Generative Code“

Damit befasst sich Mehaffy in From Pattern Language to Generative Codes: A Report on The Work of Christopher Alexander and Colleagues, and Its Application to the Regeneration of Tradional Settlements (http://www.intbau.org/india/Downloads/indiantraditions/Michael_Mehaffy.pdf)
Generative Code ist – so verstehe ich es – das im Samen bereits enthaltene Muster für den späteren Baum (unfolding) im Sinne von Entwicklungs- und Prozessschritten. Für den Designer bedeutet dies, dass seine Arbeit nicht nur Design und Konstruktion, sondern auch Wartung und Reparatur, also Verantwortung im gesamten Lebenszyklus umfasst.

Schließlich beschreibt der dritte Aufsatz von Alexander, Mehaffy u.a. von 2005 Generative Codes, The Path to Building Welcoming, Beautiful, Sustainable Neighborhoods (http://www.livingneighborhoods.org/library/generativecodesv10.pdf) ein konkretes Modell und die Rolle der Designer im Prozess der Quartiersentwicklung.

Diese drei Aufsätze erlaubten mir einen Blick auf Alexander in seinem Kontext von Regional-, Stadtteil- und Quartierentwicklung. Mir wurde hier seine Beeinflussung durch die Diskussion in den 60er/70er Jahren sehr klar. Eine seiner ersten immer wieder zitierten Arbeiten ‚A City is not a Tree‘ (1965) wendet sich gegen eine hierarchische lineare Sichtweise und setzt ein komplexeres vernetztes Bild der Zusammenhänge dagegen (schön visualisiert in: Notes on the Genesis of Whole (p. 42-44)).

Mitte der 60 er Jahre wird in der Stadtentwicklung nach und nach klar, dass Reissbrettplanungen zu toten Städten (Gegenbegriff zu lebendig) führen. In den 70er Jahren entwickelt sich in der Architketur und Planung auch in Deutschland ein anderer Ansatz, der mehr Partizipation fordert, Bürgerinitiativen entstehen lässt und Hausbesetzungen auslöst.
(Berlin: SO36, Köln: Veedelsinitiativen, Hausbesetzungen in Zürich und Berlin, Zeitschrift arch+, Aachen). Methodisch entstehen Modelle wir die Planungszelle (Uni Wuppertal, Dienel) Zukunftswerkstatt (Jungk).

Die damals auch in Deutschland bei vielen freien Planungsbüros entwickelten Handlungsmuster (Vorgehensweisen) sind sehr ähnlich dem was in „generative Codes“ formuliert wird. (Rolle des unabhängigen Planers, (Un-)Abhängigkeit von Kapitalinteressen (Investor, Bank))

Es gibt übrigens in Deutschland bis heute eine ganze Reihe von Ansätzen, die dies weiterführen (kleine neue Wohnungsbaugenossenschaften, versch. Wohnbauprojekte z.B. in Freiburg), etc.). In den 70er/80er Jahren hat es in der Sozialarbeit vergleichbare Ansätze unter dem Stichwort „Aktivierende Gemeinwesenarbeit“ gegeben.

Alexanders Begriffe sind m.E. sehr eng an den Kontext „Stadtentwicklung“ gekoppelt. Vor dem Hintergrund der drei Aufsätze versuche ich nun für mich eine Rekontextualisierung, die den Bildungsbereich einbezieht (wobei man den natürlich auch als Teil von Stadtentwicklung verstehen kann, da der größteTeil der Bild in einem städtischen Umfeld stattfindet. Angelsächsische Hochschulen sind häufig eigene Quartiere (campus).

Muster (Pattern): Im Unterricht gibt es jede Menge kleinster Pattern und ich tendiere immer mehr dazu schon kleinste Elemente als wiederkehrende Muster zu interpretieren, da diese den Nutzen gerade für den Einsteiger erhöhen. Beispiele:
– Die Schulglocke signalisiert Anfang und Ende der Stunde und damit Grenze zwischen eigenverantwortlicher und zumeist lehrerverantworteter Zeit (Bedeutung).
– Der Lehrer signalisiert durch seine Ausdrucksweise (lauter oder leiser redend oder Schweigen, dass er Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wünscht).
– Unterricht fängt morgens um 8.00 Uhr an und nicht Mittags um 14.00 Uhr.
– Es gibt eine Klasse, die zusammen lernt, statt jeder für sich. ‚Klasse‘ ist übrigens interessant, da der Begriff eine soziale Einheit genauso wie einen Ort (Klassenraum) bezeichnet und für den Softwareentwickler, Biologen oder Mathematiker eine völlig andere Bedeutung hat (Kontextabhängigkeit ).
Dies sind beobachtbare Verhaltensweisen und somit Pattern, die etwas in einem Kontext bedeuten und hoffentlich bewirken.

Mustersprache (pattern language): Ich denke der Begriff ‚Mustersprache‘ ist unglücklich gewählt. Ausgehend von einer anthropologischen Betrachtungsweise drücken Begriffe einer Sprache sozial geteilte Bedeutungen (siehe ‚Klasse‘ oben) aus. Diese machen eine Verständigung erst möglich, da der Begriff Klasse in der Schule einheitlich verstanden wird.
Das Muster ‚Klassenverbund‘ oder ‚Schulglocke‘ wiederum ist Ergebnis einer bewährten Problemlösung. Bei einer Musterbeschreibung fragen wir in der nachträglichen Dekonstruktion der Bedeutung der beobachteten Muster nach dem Sinn. Das wäre die Frage: Welches Problem wird damit gelöst?
Pattern language ist damit die in einem Kontext (Satz) gemeinsam geteilte Bedeutung/Funktion des Begriffs.
Die ‚Schulglocke‘ mit der Signalisierung einheitlicher Zeiteinheiten (45 Minuten) wiederum kann in bestimmten Kontexten auch zum Problem werden (Zeitstrukturierungsproblem im Unterricht, Forderung nach größeren zusammenhängenden Lernzeiten). Grenzprobleme wenn der Lehrer überzieht und damit den Freiraum (Pause) beschneidet. Daraus ergibt sich der evolutionäre Charakter der Muster, die sich permanent weiter entwickeln (sollen). Genauso die Forderung der Rückholbarkeit, Veränderbarkeit (von Helmut deutlich hervorgehoben).

Die Benutzung der Muster durch eine Ausdrucksweise ist sozial geteilt. Also gibt es dahinter stehende Annahmen, die in einem Kontext von Vielen gefordert werden. In der Stadtentwicklung wird hervorgehoben, dass verschiedene Nutzergruppen zusammengebracht werden sollen und sie gemeinsam getragene Anforderungen definieren und diese zur Grundlage der weiteren Planung werden bei der sie wiederum aktiver Teil sind.
In der Bildung tauchen solche Ansätze auch auf, z.B. Teile der von Hartmut von Hentig für die Laborschule entworfenen Didaktik oder Illichs Forderung des Deschooling. Sicher gibt es hier weitere. Ich habe das noch nicht weit genug durchdacht.
Die gemeinsam in einem Aushandlungskontext, jedoch nicht gesamtgesellschaftlich, geteilten Werte (values) sind Grundlage für die Umsetzung, das Design.
Für die Stadtentwicklung ist dieser Aushandlungsprozess der zentrale Punkt des Designers. Wo ist diese Rolle im Bildungswesen?

Eine weitere Abstraktion solcher Gemeinsamkeiten führt nun zu den nachvollziehbaren Eigenschaften. Klasse= Grenze, Klasse = Starkes Zentrum, Klasse = Teil von Schule (viele Klassen) = Starkes Zentrum, etc.

Die Kombination vieler Muster berücksichtigt nun viele Eigenschaften und eine kaum fassbare Anzahl von Ausprägungen. Dabei enstehen Spannungen durch Widersprüche.

Mein Lieblingswiderspruch ist derzeit der zwischen selbständiger Schule und Zentralprüfungen. Selbständige Schulen sollen sich individuell profilieren (Budgets, Lehrereinstellungen, Aufhebung der Schulbezirke, Wettbewerb). Zentralprüfungen führen zu verstärkten Vorgaben für den Unterricht. Zur Vermeidung von Klagen gegen Prüfungsergebnisse, weil der Prüfungsstoff im Schulbuch/Unterricht nicht vermittelt wurde, werden wieder Schulbuchprüfungen eingeführt, da Lehrern ’nicht zu trauen‘ ist, dass sie die Curricula umsetzen und verinnerlichen. Der Lehrer soll über das Schulbuch hin zur Umsetzung der Kernlehrpläne gebracht werden. Damit das Schulbuch wenigstens korrekt ist muss es genehmigt werden.
Ministeriell liest sich das so: „Schulen brauchen Gestaltungsspielräume. Nur dann kann der Unterricht den jeweiligen Voraussetzungen der Lernenden gerecht werden. Im Mittelpunkt der Erneuerung der Schulen steht daher die eigenverantwortliche Schule. Sie legt selbst die Ziele der innerschulischen Qualitätsentwicklung fest und entscheidet, wie die grundlegenden Vorgaben des Schulgesetzes erfüllt und umgesetzt werden. Dennoch bleibt auch die eigenverantwortliche Schule in staatlicher Verantwortung. Notwendig sind allgemein verbindliche Orientierungen über die erwarteten Lernergebnisse und regelmäßige Überprüfungen, inwieweit diese erreicht werden.“ (http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/lehrplaene/)

Die Spannungen führen in Bildungssystemen zu Transformationen. Je nachdem welche Eigenschaft gestärkt/geschwächt werden soll in einem Kontext ergeben sich unterschiedliche Transformationsprozesse, Leidensprozesse, Organisationsentwicklungsprozesse.

Der Generative Code ist nun eine Art Handlungsanleitung im Sinne einer notwendigen Reihenfolge zur Herstellung einer nachhaltig belastbaren (fabric) im Unterschied zu einer nur dekorativen (tapestry) sozialen Struktur in einem Bildungskontext (siehe Aufsatz ‚Generative Codes‘ (p.2). Bezogen auf eine Schule verstehe ich dies als Unterschied zwischen einem beschlossenen und einem anschließend gelebten Konzept der Unterrichtsentwicklung.

Ich komme damit auch zu einer Neubewertung der Frage 99% vs. 1%.

Wir finden sicher unterschiedliche Rollen im Bildungsystem. Der lernende Lehrer muss die Pattern (1%) und die Dekodierung derselben Pattern Language = 25 %) kennen, da einfache Aneinanderreihung von Pattern nicht zu einem reflektierten sinnvollen Unterricht führt.

Der Prozessgestalter (Schulleiter, Fortbildner, Ausbilder, Organsiations- Systemberater) müsste nun jedoch auch die restlichen 74 % kennen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 16.05.2009 18:31

Gerade gefunden.

Alexander hat selber einen kurzen (21 Seiten) Überblick über „The Nature of Order“ verfasst.
http://www.katarxis3.com/SCIENTIFIC%20INTRODUCTION.pdf

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 17.05.2009 09:53

Ralf, danke für die Links.

Zu deinem langen Posting kann ich mich jetzt wirklich mal kurz fassen: Bingo !

Liebe Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 17.05.2009 15:08

Hallo Helmut,

danke für dein ‚Bingo‘.

Die Scientific Introduction ist wirklich eine Fundgrube und gut zur Vorbereitung.
Ich habe inzwischen auch den ersten Aufsatz „A city is not a tree“ (1965) gefunden und dazu ein Video von Mehaffy. (http://dialoge.info/b2/index.php/2009/05/17/uebersicht-ueber-die-buecher-von-christo?blog=10)

Um hier den Blog nicht über zu strapazieren habe ich nun ein eigenes System aufgesetzt in dem ich meine Fundstellen, Eindrücke, Fragen und Schlussfolgerungen hinterlassen will: http://dialoge.info/b2/index.php?blog=10

Mitwirkende sind eingeladen. Vielleicht ist das auch ein Weg um Peters Idee die Diskussion in einem anderen Medium weiter zu führen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von mandergassen am 18.05.2009 10:51

Noch ein Kommentar zur Forschungswerkstatt:
Flow Erlebnis: ja, für mich absolut. Viele mögliche Ursachen wurden hier bereits diskutiert. Dieser Analyse möchte ich noch den Raumwechsel hinzufügen – anfangs als notwendiges Übel erachtet, schaffte dies m.M. nach eine verdichtete Athmosphäre und damit überhaupt erst die Voraussetzung einer intensivierten Diskussion am Samstag (übrigens finden sich auch hier einige Struktureigenschaften Alexanders wieder).

Der Grundstein wurde womöglich gar schon am Freitag während des Experimentes gelegt – schlägt doch jedes Forscherherz höher, wenn unerwartete Ergebnisse eintreten 😉

Ich persönlich fand am Samstag viele Anknüpfungspunkte an meine Praxis als Lehrende, wodurch ich mich offen auf die Diskussion einlassen konnte. Ich fand dabei spannend, einmal einen völlig anderen Blick auf die Seminargestaltung zu werfen, der nicht in erster Linie von Inhalten, Lerntheorien und („klassischem“) didaktischen Design geprägt ist, sondern auf das Ganzheitliche, oder wenn man so will, auf Lebens(raum)gestaltung fokussiert. Lebendigkeit des Lehrens und Lernens. Tatsächlich haben mich Gedanken und Erkenntnisse aus der Forschungswerkstatt während eines Workshops am vergangenen Wochenende begleitet. Und zumindest ich konnte mein Gesür für Lebendigkeit etwas schärfen.

Es bleiben natürlich viele Fragen offen. Sind es genau diese 15 Struktureigenschaften, die Leben beschreiben? Alexander legt sich ja nicht fest. Und selbst wenn, was sind die Potentiale und Grenzen für die Pädagogik? Wie in das breite Feld einordnen, der Blick aufs Ganze,…? Und vieles mehr. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema steht bei mir nicht an, und so schätze ich die Forschungswerkstatt als einen spannenden gedanklichen Ausflug und Austausch, der zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet.

Monika Andergassen

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von chrisimweb am 19.05.2009 21:38

Puh, so viele gute und spannende Kommentare! Ich habe in den letzten Tagen an meinem Beitrag für die nächste Pattern Languages of Programs (PLoP) gesessen und bin erst jetzt zum lesen gekommen.

@Helmut: Ich stimme Deinen Ausführungen im wesentlichen zu. Wenn es um das Verständnis von Mustern (im praktischen Sinne) geht liegen wir glaube ich gar nicht weit auseinander. Ich bewerte nur die Eigenschaften und die Formobjektivität etwas anders. Dies liegt einfach daran, dass mir „Echos der Vergangenheit“ als zentrale Eigenschaft bei der Formerkennung fehlt und diese Vergangenheitslinie eben zu subjektiven Unterschieden führen kann. Mir ist durch die tiefere Auseinandersetzung aber immer mehr klar geworden, dass die Eigenschaften letztlich den Formzusammenhalt, d.h. die Ganzheitlichkeit oder Vollkommenheit einer Gestalt, betreffen. Die Lebendigkeit bezieht sich für mich vor allem auf den Entfaltungsprozess. Ob der Begriff der Lebendigkeit dem der Ganzheitlichkeit oder der Qualität ohne Namen vorzuziehen ist, bin ich mir nicht ganz sicher.

Muster sind selbst ein Muster:
Dem stimme ich voll zu; der Musteransatz passt nur zu bestimmten Kontexten und die Entdeckung von und die Entwicklung mit Mustern ist eine Lösung von Problemen bei der Gestaltung. Das Pattern-Pattern, allerdings für SW-Muster kontextualisiert, findet sich hier: http://hillside.net/patterns/writing/patterns.htm#2.0

Journal of Edcuational Patterns:
Gibt es noch nicht, aber auf den EuroPLoPs gibt es regelmäßig einen Workshop zu pädagogischen Mustern. Es wird ein Special Issue zu „E-Learning Patterns“ des Journals „Computers in Human Behavior“ geben, es folgt ein Workshop-Band des E-Learning-Pattern-Workshops und von Goodyear & Retalis kommt demnächst auch noch ein Buch soweit ich weiß. Für SW-Patterns gibt es erst seit 2 Jahren ein eigenes Journal: http://hillside.net/tplop/

Hype:
Hier sehe ich auch die größte Gefahr, dass man überall einen Muster-Button draufklebt. Als der Ansatz sich im Bereich der SW-Designs ausbreitete galt der Grundsatz „Don’t Hype“.

Prognose: Musterwissenschaft
Ich gehe auch davon aus, dass Muster in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden – inwieweit da Alexander eine Rolle spielt weiß ich nicht. Aufgrund des großen Impacts in den Bereichen SW-Design, Architektur und GUI-Design liegt die Vermutung nahe. Allerdings sind Theorien auch nichts anderes als Muster (und Muster sind Theorien). Das Besondere sehe ich im methodischen Ansatz der Musterentwicklung und vor allem der Explizierung der Forces. Die Bestandteile Kontext und Lösung sind ja nichts anderes als übliche Hypothesen: Wenn KONTEXT dann LÖSUNG. Neu ist dabei das WEIL Forces. Die Wirkkräfte des Kontexts erfordern eine Lösungsform, die diese Wirkkräfte ausbalanciert (ihr also Kräfte entgegensetzt).

Mustersammlungen:
Muster, die nicht Teil einer Sprache sind, müssen ausführlichere Kontext und Lösungsbeschreibungen haben, da weder im Kontext noch im Lösungsteil auf andere Muster zurückgegriffen werden kann. Isolierte Muster müssen aber nicht schlechter sein, denn durch eine gute Kontextbeschreibung wird dieses Problem gerade umgangen.

Ordnung von Mustern
Eine ausführliche Diskussion der Kategorisierungsmöglichkeiten für Muster findet sich in:
„Pattern Oriented Software Architecture 5: On Patterns and Pattern Languages“ von Frank Buschmann, Kevlin Henney, und Douglas C. Schmidt

LG,
Christian

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von chrisimweb am 19.05.2009 21:44

@Ralf: Auch von mir ein Bingo!
Mir gefallen die Musterbeispiele sehr gut.

Ich verstehe Muster auch als Begriffe, Kategorien oder Formklassen. Ein Muster meint ja nichts anderes als eine wiederkehrende Form bzw. eine wiederkehrende Struktur. Genauer gesagt: eine Form oder Gestalt ist eine zusammenhängende Struktur. Man könnte auch sagen: das Muster ist die Form der Struktur. In „Nature of Order“ kommt der Musterbegriff nur noch selten vor, da er durch den Begriff der Zentren (oder starken Zentren) ersetzt ist. Ich denke, der Grund liegt darin, die non-separateness zu betonen, dass also ein Muster zwar eine zusammenhängende aber nicht ganz isolierte Struktur ist. Eine Schulglocke oder eine Schulklasse bilden zwar eigenständige Formen oder Gestalten, sind aber gleichzeitig mit ihrer Umgebung (Kontext) verbunden. Letztlich hängt alles mit allem zusammen, aber einige Dinge – die Zentren – hängen stärker zusammen. Formen entwickeln sich und interagieren mit ihrer Umwelt.

Bei der Gestaltung von Formen geht es selbstverständlich darum, gute Formen zu finden. Diese Wohlgeformtheit kann durch bestimmte Kriterien, z.B. Alexanders Lebendigkeitseigenschaften, erzeugt oder gestützt werden. Ein wesentliches Kriterium war dabei – vor allem in Alexanders früheren Werken – dass eine Form zu ihrem Kontext (der Umgebungsform) passen muss. Der Kontext gibt quasi die Entstehung der Lösungsform vor und zwar weil das Problem (Wirkkräfte) im Kontext zu finden ist.

Alexander verwendet den Musterbegriff sowohl für Einzellösungen („Notes on the synthesis of form“) also auch für wiederkehrende Lösungen („A Pattern Language“). Dies ist durchaus kohärent, denn wenn wir von Lösungsform sprechen, dann können wir damit ja auch die Form einer Einzellösung oder eine Formkategorie (z.B. Unterrichtsform, Veranstaltungsform) meinen.

Es geht bei Mustern also um die Gestaltung von Formen – oder die Formierung von Gestalten. Die Begriffe sind austauschbar weil ich auch sagen könnte: es geht um „die Gestaltung der Gestalt“ oder „das Formen der Form“.

Der Musteransatz beschreibt dabei jedoch nicht nur die Form oder die Gestalt sondern auch:
– in welchen Kontext die Gestalt passt
– die Ursache bzw. den Grund, warum eine Form eine Problemlösung darstellt (Erörterung der Kräfte, die eine Form bilden)
– wie diese Form wirkt: die Wirkung der Form balanciert die (problematischen) Wirkkräfte des Kontexts aus.

Es geht also nicht nur nicht nur um die Form sondern auch die In-Formation, also z.B. nicht nur die Form des Hammers, sondern den Hammer-als-Werkzeug.

Wann immer irgendwo ein Formbegriff verwendet wird (Vorlesungsform, Interaktionform, Klausurform) handelt es sich bereits schon um ein Muster, allerdings nur dessen Formkomponente. Worin für mich der Nutzen des Ansatzes besteht ist die Explizierung der Form (was genau verstehen wir unter einer bestimmten Form), die Kontextualisierung der Form (wann genau passt eine Form?) und vor allem die Begründung der Form (welche Kräfte machen die Form erforderlich).

Für mich geht es somit nicht nur um die Kategorie oder Klassifizierung einer Form
sondern ebenfalls um ihre Bedeutung und ihren Sinn.

Damit sind für mich die Kernpunkte, die für den Musteransatz sprechen:

– WAS (Form der Lösung): Austausch und Vermittlung erfolgreicher Formen (das Rad nicht neu erfinden)
– WIE (Erzeugung der Lösung) : Wie erzeugt man selbst solche Formen (Plan oder Entfaltungssequenzen)? Hieraus leitet sich ein bestimmtes Abstrahierungsniveau ab, das zwar Gestaltungsfreiräume (Anpassbarkeit) aber keine Beliebigkeit zu lässt
– WARUM (Grund und Ursache der Lösung): Was ist der Sinn einer Gestaltungsmaßnahme, wieso mache ich etwas auf eine bestimmte Art, welche Erfordernisse werden erfüllt?
– WANN (Angemessenheit der Lösung): In welchen Situationen ist die Gestaltungsmaßnahme erforderlich UND überhaupt möglich?

Die inverse Reihenfolge (was gibt es, wie erstelle ich es, warum erstelle ich es und wann kann es eingesetzt werden) ist typisch für die Analyse beim Pattern Mining, denn dabei geht man von den existierenden Lösungen aus. Ich könnte z.B. schneller erklären, was eine Vorlesung ist als die Gründe für eine Vorlesung nennen.

Bei der Anwendung von Mustern oder der Entwicklung von neuen Formen (die sich als Muster etablieren können) geht man genau umgekehrt vor: Von der Situation ausgehend analysiert man die Wirkkräfte und kommt dann zu einer Lösungsform, die man umsetzt.

Das ist natürlich prototypisch, in Wirklichkeit geht es immer vorwärts und rückwärts 🙂

LG,
Christian

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 22.05.2009 09:58

Hallo Christian,

ich nähere mich Alexander ja bisher eher über Sekundärliteratur und kurze Aufsätze von ihm. Als nächstes steht ‚Timeless way of Building‘ auf meinem Leseplan.

Beim Lesen des Interviews von David Creelman mit Christopher Alexander (veröffentlicht in www.hr.com) und Alexanders Kommentar dazu in der Scientific Introduction fällt auf, dass er z.B. einen beschränkten Einblick in die Diskussion im Bereich Management und Systemische Beratung hat.

Die Arbeiten von Ulrich/Probst (Anleitung zm ganzheitlichen Denken und Handeln (nur deutsch, daher verzeihlich), de Geus (Jenseits der Ökonomie), Peter Senge (5th Discipline, Workbook, Dance of Change, Necessary Revolution, The Presence) befassen sich alle mit dem ganzheitlichen Wandel und der Führung von Unternehmen. Sie basieren auf systemtheoretischen Überlegungen und machen z.T. sehr direkt (Probst/Gomez) Anleihen in der Kybernetik und u.a. bei Beer.

Die Begriffe sind andere und auch der methodische Ansatz wird anders gewählt. Dennoch geht es letztlich um das Verständnis des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren, die zuvor jedoch erst erkannt werden müssen, für eine positive Entwicklung.

Senge befasst sich z.B. intensiv mit der Frage der begrenzten Fähigkeit von uns Menschen die Komplexität multifaktorieller dynamischer Systeme zu erkennen und nicht durch Trivialisierung vermeintlich einfache letztlich jedoch fatale Entscheidungen zu treffen.

Ich glaube wir müssen den Focus auf einen Transfer Architektur – Bildung – E-Learning legen. Wenn wir Alexander im Kontext Architektur verstehen müssen wir fragen, was die einzelnen Antworten und Modellelemente im übertragenen Bildungskontext meinen.

Salingaros (The Structure of Pattern languages http://zeta.math.utsa.edu/~yxk833//StructurePattern.html) zeigte für mich sehr schön, dass wir Pattern auf unterschiedlichen Ebenen haben und wie diese über consistency und connectivity erst sinnvoll miteinander vernetzt werden. Ich kann mit vorstellen, dass man mit Hilfe von einfachen Zeichnungen (wie z.B. in A City is not a Tree: übrigens von Salingaros erstellt) eine erste wenn auch unvollständige Systemzusammenhangs und Überschneidungsmatrix machen kann.

Dabei könnte man z.B. zu dem Ergebnis kommen, dass das System Schule aus unzulänglich vernetzten Elementen Fachunterricht – Klassenzusammenhang – Fachdidaktische Abstimmung – Schulkonzepte – Lehrpläne – Ministerium – Schulpolitik auf der einen Seite und Kind – Geschwister – Eltern – Familie – Wohngebäude – Nachbarschaft – Freunde – Arbeitsmarkt. Die häufig anzutreffende Hilflosigkeit in der systemhierarchieübergreifedenden Kommunikation Lehrer-Eltern (interessant wäre mal eine Patternauflistung der Eltern-Lehrer-Beziehungsgestaltung) macht sicher Schwachpunkte schnell deutlich. Wenn man nun wieder die Beschreibung des Generative Codes und des in dem entsprechenden Aufsatz enthaltenen Schrittmodell der Entwicklung anschaut kann man vermutlich schnell sehen, wo in manchen dieser Beziehungsebenen die Problemlagen bestehen.

Alexander kritisiert in seinen Arbeit die Stadtplanung, die Funktionsballungen schafft (z. B. alle Kultureinrichtungen an einer Stelle, obwohl es keinen menschlichen Handlungszusammenhang gibt (wer geht schon von der Opernaufführung anschließend in ein Konzert), statt dessen geht man danach in ein Restaurant oder eine Bar). Diese isolierten Planungen haben wir genauso im Bildungszusammenhang. Letztlich wird hier auf einer zentralen Ebene geplant und auf einer lokalen Ebene umgesetzt und die Frage der Passung der Pattern nicht erörtert.

Der Begriff connectivity taucht übrigens im E-Learningkontext wieder auf. (Connectivism im Zusammenhang mit Informal Learning)

Gibt es eigentlich für den Bildungsbereich einen akzeptierten Verständnisansatz für die Frage woran erkenne ich gute Praxis. Ich stelle mir das in der Form vor wie:

– hat persönliche Entwicklung unterstützt
– hat das Lernziel erreicht
– hat Motivation gefördert
– hat Erkenntnis geschaffen
– hat Umsetzung im Alltag erlaubt
– war eine Problemlösung oder hat dazu beigetragen

Andererseits sind die oben genannten Punkte sehr stark an Problemlösungsfragen orientiert und noch nicht so recht passend.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 23.05.2009 11:13

Christian,

ich habe auch das Gefühl, dass wir gedanklich uns recht nahe sind. Die wenigen Punkte, die ich hier noch ein bisschen schärfen möchte, sollten nicht über den grundsätzliche Gleichklang hinwegtäuschen.

Dein Bedürfnis nach „Echos der Vergangenheit“ erscheint mir natürlich. Ich sehe keinen Grund eine Formkategorie „Echo/Ähnlichkeit“ nicht in jedem gewünschten Zusammenhang anzuwenden.

Was aber nicht ginge, wäre ein mechanisches Übersetzen eines Eigenschaftszuwachses auf einen Qualitätszuwachs. Ein mehr an „Anpassung/Gute_Form“ z. B. kann mehr Qualität bewirken, es kann aber auch über ein Optimum hinausführen und sich ins Negative kehren. (Beispiel: wenn in einer falschverstandenen anit-authoritären Erziehung sich die Eltern übertrieben an die Launen ihrer Kinder anpassen). Es geht keine erfolgreiche Eigenschaftsänderung ohne eine entsprechende Urteilsfähigkeit.

Beim Theoriebegriff wäre ich vorsichtig, weil er kausalistisch-prognostisch vorgeprägt ist. Ein Muster ist – in meiner Diktion – keine Theorie, weil es keine Vorhersagen ermöglicht. Es kann auch nicht falsifiziert werden, da es zumindest einige positive Beispiele geben sollte. Ein Muster kann aber darazus auch nicht generalisiert werden. (Beispiel: Ein Einfamilienhaus kann eine gute Wohnform sein. Aber nicht jedes EFH gelingt und jedem Menschen ein EFH zu geben würde die Erde verschandeln. EFH ist keine Theorie).

Den Absatz an Ralf „Bei der Gestaltung…zu finden ist“ über den Zusammenhang von Formen, KOntexten und Wirkkräften finde ich sehr erhellend. Das gleiche gilt für das WAS-WIE-WARUM-WANN-Schema.

lg Helmut

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