Forschungswerkstatt: Didaktische Entwurfsmuster

Dieses Wochenende (24./25.04.09) fand die 1. Forschungswerkstatt meines Departments statt. In einem neuen Veranstaltungsformat haben wir uns mit der Anwendung des Musteransatzes von Christopher Alexander auf die Pädagogik beschäftigt. Sowohl Inhalt als auch die Form des Seminars war ein riesiger Erfolg, der selbst meine kühnsten Hoffnung bei weitem übertraf!

Es ist natürlich äußerst verdächtig, wenn der Organisator und Hauptverantwortliche solch euphorisierte Aussagen („riesiger Erfolg“, „kühnste Erwartungen bei weitem übertroffen“) zu seiner eigenen Veranstaltung vermeldet. Aber was soll ich sagen: Ich persönlich war bisher noch an keinem Seminar mit einer solchen atmosphärischen Dichte und inhaltlichem Flow-Erleben beteiligt, weder als Leiter noch als Teilnehmer.

Es fällt mir schwer, das Besondere dieses Seminars zu analysieren. Es gibt dazu natürlich sowohl eine inhaltliche als auch eine strategische organisatorische Komponente – die ich bereits in eigenen Beiträgen in meinem Weblog gesondert angesprochen habe. Es war für mich aber vor allem der Zusammenhang von Inhalt und Form des Seminars, Seminarverlauf, die mich fasziniert hat. Es ist schwierig dieses Erlebnis mitzuteilen, trotzdem will ich es versuchen – und hoffe dabei, dass auch andere Teilnehmer/-innen ihre Eindrücke hier schildern.

Freitag: Gut und interessant aber nichts Besonderes

Die Veranstaltung wurde durch ein relativ detailliertes Programm, das auch einige (wenige) Hinweise für eine Pflichtlektüre und eine Teilnehmer/innenliste mit kurzen Vorstellungstexten (inkl. Fotos) enthielt, vorbereitet. In einer eigenen Mail hatte ich aber schon voraus ahnend extra darauf hingewiesen, dass das Programm nur einen ungefähren Rahmen abgibt und durch den Verlauf der Veranstaltung durchaus auch geändert werden kann.

Eröffnung und Start

Ich habe die Veranstaltung selbst dann mit einigen Sätzen zum Ziel und zu dem dafür gewählten neuen Veranstaltungsformat Forschungswerkstatt eröffnet (10 min).

Daran folgte sogleich das Referat von Christian Kohls (45 min). Darin wurde der „state of the art“ dargelegt: Was sind Pattern? Womit beschäftigt sich die Pattern-Community? Warum ist die Beschäftigung mit Pattern auch forschungsrelevant bzw. interessant? Daran schloss eine Diskussion an, die recht schnell lebendig wurde, so dass ich alle Hände damit zu tun hatte, die Reihenfolge der Wortmeldungen anzunehmen. Dieser Teil der Diskussion war auch dadurch gekennzeichnet, dass ich – aber auch viele Teilnehmer/-innen – Christian Kohls, der sich selbst als „Pattern Believer“ vorgestellt hat, kritisierten. Vor allem wure der Patternansatz in unterschiedlichen Ausmaß als Rezepterstellung verstanden haben und die Beispiele in der Pädagogik als trivial und uninteressant interpretiert.

Experiment

Nach der Mittagspause starteten wir mit einem vorbereiteten Experiment, das jedoch keineswegs so verlief, wie Christian und ich uns das vorgestellt hatten. Wir hatten aus Band 1 von „The Nature of Order“ (TNoO) 16 Bildvergleiche als PowerPoint-Folien – pro Bild eine Minute lang – präsentiert und darum gebeten, sie nach drei Fragen zu bewerten:

  • Welches Bild ist lebendiger?
  • Welches Bild widerspiegelt eher Dein wahres Selbst?
  • Welches Bild generiert eher das Gefühlt der Ganzheitlichkeit in Dir?

Einerseits waren die Ergebnisse im Sinne der Alexander’schen Theorie keineswegs überzeugend. Eine Auswertung dazu ist noch in Vorbereitung. Vielleicht lag das unter anderem auch an der schlechten Projektion, die zu dunkel war?

Vor allem aber waren die Teilnehmer/innen nicht mit unsere Vorgangsweise einverstanden und haben die Methodik heftig kritisiert: Die drei Fragen sind wie Alexander es annimmt – eben gerade nicht äquivalent. Viele Teilnehmer/innen haben nicht gewußt welche der Fragen sie nehmen sollen. Die Ergebnisse, wären aus ihrer Sicht ganz anders ausgefallen, wenn z.B. nur die erste Frage (nach der Lebendigkeit) gestellt worden wäre. Zu den anderen Fragenformaten („wahres Selbst“ und „Ganzheitlichkeit“) gab es nicht nur größere Widerstände – wie ja durchaus von uns erwartet wurde –, sondern vor allem wurde darauf hingewiesen, dass die anderen Fragen zu ganz anderen Ergebnissen geführt hätten. So hat eine Teilnehmerin für sich die beiden ersten Fragen gleichzeitig aber getrennt beantwortet und festgestellt, dass bei ca. 80% unterschiedliche Ergebnisse heraus gekommen sind, also diese beiden Fragen fast das genaue Gegenteil als Ergebnis bei ihr bewirkt hatten.

15 Struktureigenschaften

In der entstehenden Kritik-Dynamik tauchten dann mehrmals auch Vorschläge zum weiteren Vorgehen auf: Vor allem wurden die vielen Hinweise von Christian Kohls und mir zu den – in der Pattern-Community bisher wenig diskutierten –15 Struktureigenschaften von Alexander aufgegriffen und verlang, dass nun endlich einmal diese Eigenschaften und Strukturmerkmale vorgestellt werden.

Das war von Christian und mir zwar sowieso für den Beginn des nächsten Tages geplant gewesen, aber es war klar, dass nun damit nicht länger gewartet werden konnte. Christian hat in einer Gewaltanstrengung der letzten Tage diese – auch in unserer Diskussion in meinem Weblog sich abzeichnende – Strukturmerkmale durch viele eingescannte Bilder aus TNoO aber auch aus Delight’s Muse für eine Präsentation vorbereitet.

Resumé des ersten Tages

Mit einer Darstellung und Erklärung der ersten drei oder vier Struktureigenschaften ging dieser erste Tag der Forschungswerkstatt zu Ende. Dieser Tag hatte aus meiner Sicht einen durchaus interessanten und lebendigen Workshop-Charakter gehabt, doch er war nichts Außergewöhnliches, erreichte nicht die unbeschreibliche Qualität (QWAN <smile>) des nächsten Tages. Dieser Freitag war durch eine interessante Diskussion gekennzeichnet, an der sich wirklich auch alle Teilnehmer/-innen beteiligten. Aber die Diskussion war an uns Moderatoren gerichtet und wurde durch uns strukturiert bzw. geleitet. Es war inhaltlich stellenweise spannend, es kam aber zu keinem Flow-Erlebnis.

Samstag: Außerordenlich und Flow-Erlebnis

Das alles änderte sich grundlegend am Samstag. Wir haben nach einer allgemeinen Diskussion zum Resumé des vorigen Tages wie wir weitermachen sollen (10 min) die Darstellung zu den 15 Strukturmerkmalen fortgesetzt. Es kamen dabei immer wieder Fragen auf, ob und wie diese Strukturmerkmale für die Pädagogik umgesetzt werden können. Einige Ideen waren son neu und inspirierend, dass nach etwa einer Stunde – als wir etwa bei 5 oder 6 Strukturmerkmalen angelangt waren – verlangt wurde, dass wir nochmals anfangen sollen und nochmals systematisch versuchen sollten, diese grundlegenden Ideen anzuwenden.

Das war aus meiner heutigen Retroperspektive der Punkt, wo die Veranstaltung in das Flow-Erleben gekippt ist: Es ist in der Diskussion die Vermutung aufgetaucht, dass eine Anwendung in der Pädagogik die räumlichen Strukturmerkmale viel allgemeiner fassen muss, als dies das traditionelle physikalische Konzept des Raumes zulässt. Dabei wurde aber nicht nur auf zeitliche Aspekte hingewiesen – wie ich dies bereits in einem Weblogeintrag Lebendige Strukturen in Raum und Zeit vermutet hatte – sondern es wurden auch soziale und Material-Konfigurationen zur Diskussion gestellt. Wir fingen nun nochmals mit dem ersten Strukturmerkmal (=generative Transformationsregel) an und untersuchten ob und wie sich diese Strukturmerkmale als räumliche, zeitliche, soziale und Materialaspekte im didaktischen Design von Lernumgebungen zeigen.

Es entstand eine angeregte, z.T. hitzige Form der Diskussion, wie ich sie bisher kaum – und wenn dann nur für einige Minuten – erlebt hatte. Es gab keine Wortmeldungen mehr, jeder nahm sich das Recht zum Wort selbst, stand auf, stellte seine Ideen grafisch an der Tafel zu Diskussion, stellte ein Ergebnis der während der Diskussion durchgeführte Recherche für alle zur Verfügung, passende Stellen aus TNoO, aber auch aus Helmut Leitners Buch wurden vorgelesen, das Beamerkabel wurde bei Bedarf vom Vortragsrechner zum eigenen Rechner umgesteckt. Mit einem Wort: Es fand ein gemeinsames Ringen um ein tieferes Verstehen statt; die Interaktionen bezogen sich auch nicht mehr bloß auf die Moderatoren sondern wurde überwiegend untereinander geführt.

Dieser Wendepunkt in der Veranstaltung wurde von allen Teilnehmer/-innen gespürt: Fast gleichzeitig brachten mehrere Teilnehmer/innen den Wunsch vor, dass diese Diskussion aufgezeichnet werden sollte. Es war einfach nicht mehr möglich, diesem Feuer der Ideen, Gedanken und Argumenten zu folgen. Glücklicherweise hatte ich ein Aufnahmegerät mit und ab diesem Zeitpunkt wurde die Diskussion aufzeichnet. Es gibt dazu nun ein über 5h30min mp3-File dieser Diskussion, wo ich mich frage, wer das wie auswerten wird…

Dass sich etwas im Veranstaltungablauf geändert hat, zeigte sich auch in den Pausen: Es gab eigentlich keine Pause: Wenn wir austanden und zum Kaffeeautomat gingen, bildete sich ein spotaner Kreis aller TeilnehmerInnen und wurde die Diskussion – sitzend, stehend, mit und ohne einem Kaffeebecher in der Hand, mit abwechselnder Konfiguration, weil durch kurze Abwesenheiten infolge physischer „Bedürfnisse“ der TeilnehmerInnen sich andere räumlich/soziale Konfigurationen ergaben – fortgesetzt.

Ich bin mir bewusst, dass dieser Beitrag das – zumindest bei mir entstandene „Feeling“ – nicht einmal ansatzweise vermitteln kann. Das Bild zu diesem Artikel vermittelt wurde in einer Situation aufgenommen, wo plötzlich das Bedürfnis aufgetaucht ist, ein besseres Verständnis des Begriffes der „Form“ zu gewinnen und wo sich viele Teilnehmer/-innen bei laufender Diskussion sich auf Internet-Recherche begeben haben. Das Bild kann aber den außerordentlichen Charakter der Stimmung nicht einfachen. Es vermittelt sogar eher das Gegenteil: Es scheint sich um eine „brave“, kleine, recht traditionelle Diskussionsrunde zu handeln.

Was ich aber an diesem gestrigen Samstag erlebt habe, war weit mehr als eine Diskussion mit selbständiger spontaner Recherche. Dies zeigte sich unter anderem daran, dass ich manchmal das Gefühl hatte, völlig ausgebrannt bzw. überfordert zu sein. Diese Dichte und Intensität tat bereits körperlich weh und ich wehrte mich damit, dass ich am Schluss (letzte Stunde) wieder zu einem traditionellem Vortragsformat mit Folienproduktion griff <grin>.

Wie geht es weiter?

Ich möchte die Eindrücke erst einmal ein paar Tage setzen lassen. In der Diskussion mit Christian, aber auch mit den Teilnehmer/-innen hatten wir die Idee, dass wir vielleicht durch einen virtuellen Dialog verschiedener prototypischer Positionen (Pattern Gläubiger, Pattern Kritiker) den kontraversiellen Raum der Diskussion nachbilden können. Unabhängig davon gilt es auch, die vielen Ideen zu ordnen, in ihrem Nutzbarkeit zu prüfen und sowohl für eine (meta)theoretischen Diskurs als auch für die Entwicklung von pädagogischen Mustern zu nutzen. Wie wir hier jedoch am Besten vorgehen, muss noch überlegt bzw. ausdiskutiert werden.

Ich glaube auch, dass die Zeit selbst auch eine Art von Evaluierung dieser Veranstaltung bringen wird. War es nur ein Strohfeuer, das gleich wieder verklingt. Oder hat diese Veranstaltung – zumindest bei einigen Teilnehmer/-innen – auch etwas Längerfristiges bewirkt? Sind die erarbeiteten Ergebnisse von allgemeinen Interesse oder waren sie nur innerhalb dieses vergangenen Prozesses von Bedeutung und (scheinbarer) Wichtigkeit?

Ich bin gespannt darauf, ob und wie die anderen Teilnehmer/innen diese Veranstaltung einschätzen bzw. kommentieren!

PS.: Vorausschau

Die 2. Forschungswerkstatt findet am 6./7. November 2009 wieder am IFF in Wien statt: Arbeitstitel: Empirische Zugänge in der Bildungsforschung. Eingeladender Gast: Prof. Dr. Gabi Reinmann. Update: Terminänderung: 4./5. Dezember 2009.

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