GLL-04: Auch Objekte sind Handlungsträger

Dritte Quelle der Unbestimmtheit

In diesem Kapitel diskutiert Latour nach „Gruppe“ und „handeln“ eine  weitere Quelle der Unbestimmtheit: Wer ist alles Handlungsträger? Für Latour sind nicht nur Menschen sondern auch Objekte Handlungsträger. Diese Ansicht ist für Leute wie mich, die ein Studium der Soziologie hinter sich haben, schwer zu verkraften.

Eine der Schwierigkeiten mit ANT zu Rande zu kommen, besteht gerade darin, dass die beiden Grundbegriffe der Soziologie – „handeln“ und „sozial“ –  im Vergleich zum Mainstream der Soziologie ganz anders, zum Teil konträr, definiert werden. Meine Generation von SoziologInnen hat im Anschluss an Max Weber gelernt, dass Handeln auf menschliches Verhalten beschränkt ist und nur dann als Handeln gilt, wenn damit ein subjektiv gemeinter Sinn verbunden ist. Soziales Handeln ist hingegen dann gegeben, wenn Handeln auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist (§1 von Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriß der verstehenden Soziologie, leicht nach unten scrollen).

Wenn ich mit einem Fahrrad gegen einen Stein fahre, dann ist das – weil unbeabsichtigt und mit keiner Intention und Sinn verbunden – kein Handeln sondern in der Diktion von Max Weber bloßes Verhalten. Auch ein unbeabsichtigter Zusammenstoß zweier Radfahrer ist demnach kein Handeln. Wenn ich aber jemand absichtlich über den Haufen fahre, dann ist es nach Weber ein soziales Handeln, weil es auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist. Allerdings handle nur ich, der diese Handlung plant und ausführt „sozial“, der andere Fahrer, der vom Rad stürzt „verhaltet“ sich nur. – Aber jetzt wird es – auch für Max Weber Fans – schwierig: Wenn der stürzende Radfahrer seinen Fall abzuschwächen versucht, handelt er da schon oder verhaltet er sich bloß?

Letztlich lässt sich die Unterscheidung von Weber nicht konsistent umsetzen. Ganz abgesehen davon, dass Menschen keine Zombies sind und immer eine Intention (Sinn) mit ihrem Verhalten verbinden (auch wenn es dann anders kommt als geplant), müssen die unterschiedlichen Deutungen immer explizit auf die beobachtbaren Spuren, den eigentlichen Bewährungsproben, bezogen werden. Die Entfaltung der Kontroverse darüber wer nun eigentlich Handlungsträger ist und wer nicht, haben wir bereits als zweiten Quelle der Unbestimmtheit kennen gelernt.

Nun aber kommt noch eine dritte Unbestimmtheit dazu: Weil Handlungsträger (agencies) für die ANT auch Objekte sein können, stellen sich zwei weitere Fragen:

  1. Welche Objekte sind Handlungsträger?
  2. Wie interagieren Objekte mit anderen Handlungsträgern, seien es nun Menschen oder nicht-menschlichen Entitäten?

Soziales Nr. 3

In diesem Kapitel taucht eine weitere Definition von „sozial“ auf. Rekapitulieren wir den bisherigen Stand der ANT-Konzepte zum Grundbegriff „sozial“ und ergänzen ihn mit der Bedeutung Nr. 3:

Soziales Nr. 1: Darunter versteht ANT die in der Mainstream-Soziologie herrschende Vorstellung von sozialen Bindungskräften, die gewissermaßen als Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft verantwortlich sind. Soziales Nr.1 wird als eigener Realitätsbereich vorgestellt. Beispielsweise geht Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns davon aus, dass die Orientierung an den drei universell in der Sprache innewohnenden Geltungsansprüchen (objektiver, subjektiver und sozialer Geltungsanspruch) diesen Zusammenhalt gewährleistet.

Soziales Nr.2: Die ANT hingegen versteht unter „sozial“ keinen eigenen Realitätsbereich, Gegenstand oder Stoff sondern eine Bezeichnung für eine Bewegung, Verschiebung (displacement), Transformation, Übersetzung, Einschreibung1 (enrollment). Soziales Nr.2 „bezeichnet eine Assoziation zwischen Entitäten, die in keiner Weise als soziale erkennbar sind, außer in dem kurzen Moment, in dem sie neu [zusammen]gruppiert (sic!) werden.“ (112)

Soziales Nr.3: Darunter versteht die ANT die „lokalen, nackten, dynamischen, ausrüstungslosen face-to-face-Interaktionen“ (112). Es ist dies das soziale Handeln nach Weber, allerdings noch etwas weiter eingeschränkt: Menschen beziehen sich zwar auf andere Menschen aber nur der direkte unmittelbare („nackte“) Kontakt, face-to-face-Interaktion zählt als „sozial“. Die Frage eines Studenten an seine Professorin im Büro während der Sprechstunde zählt als Soziales Nr.3, das Schreiben dieser Frage als E-Mail zählt schon nicht mehr dazu.

Ich habe schon vor langer Zeit – damals noch ganz in der Tradition von Max Weber und Alfred Schütz – darauf hingewiesen, dass dies im Zeitalter der interaktiven Medien eine unzulässige Einschränkung darstellt. (vgl. meinen Artikel: Von face to interface. Die Mensch-Computer-Interaktion als geschlossener Sinnbereich.) Ganz abgesehen davon, dass die Grenzen fließend sind: Wenn ein Telefonat zweier Menschen von den VertreterInnen des Sozialen Nr. 3 sicherlich noch nicht als face-to-face Interaktion durchgeht (schließlich ist kein face-to-face Kontakt vorhanden), wie sieht das bei einer Videokonferenz aus? (Normalerweise fällt auch das nicht unter face-to-face, sondern es wird darauf verwiesen, dass es um die unmittelbare körperliche Präsenz geht, die in der Interaktion für eine Sinndeutung vorhanden sein muss.)

Die Kritik von Latour an Soziales Nr.3 ist eine grundsätzliche: Mit Hinweis auf die Untersuchungen von Shirley Strums zu Pavianen macht Latour (selbst Anthroploge) deutlich, dass soziale Bindungen ohne Hilfsmittel sich nur schwer aufrecht erhalten lassen. Ohne Hilfsmittel müssen diese sozialen Bindungen immer neu verhandelt werden („Beziehungsarbeit“) und können sich zeitlich und räumlich kaum ausdehnen.

Jedesmal wenn wir die Ausdehnung einer beliebigen Interaktionsfolge in Zeit und Raum erklären wollen, müssen wir die praktischen Mittel für diese Ausdehnung aufspüren (vgl. 114). Aus diesem Grund ist auch Soziales Nr.3 als Grundbegriff für die Sozialwissenschaften zu eng gefasst und müssen wir uns den Objekten, Dingen und Instrumenten zuwenden, die diese Bindungen aufrecht erhalten.

Das Spektrum der Handlungsträger erweitern

Diese Zuwendung zu Objekten kommt einer Erweiterung des Spektrum der Akteure gleich: Wir haben ja bereits bei der zweiten Quelle der Unbestimmtheit erfahren, dass unter Handlung all das verstanden wird, was eine gegebene Situation verändert und daher einen Unterschied ausmacht. In diesem Sinne sind aber auch Objekte Handlungsträger. Jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht, ist ein Akteur (vgl.123).

Damit wir nicht schon von unserer Alltagssprache beeinflusst werden bieten sich folgende Übersetzungen der Begrifflichkeiten für Menschen und nicht-menschliche Handlungsträger an:

Human
Non-Human
handeln
(inter)agieren2
Akteur =
Handlungsträger (Agentur, Agency),
der bereits figuriert ist, dh
eine Gestalt angenommen hat
Aktant =
Handlungsträger (Agentur, Agency),
der noch nicht figuriert ist, dh.
dem noch keine Gestalt verliehen wurde
Agent Existenzform,
Seinsweise
Mensch Objekt,
Ding,
Entität

Objekte, Geräte, Instrumente wie Hinweisschilder, Türschließer, Schlüssel und andere nicht-menschliche Entitäten können also an einem Handlungsverlauf beteiligt sein. Obwohl diese Entitäten Handlungen nicht determinieren (Obstkörbe „verursachen“ nicht das Halten von Obst, Hämmer „erzwingen“ nicht das Einschlagen von Nägel) sind sie auch nicht bloß als allgemeiner und abstrakter Hintergrund für menschliches Verhalten zu sehen.  Sie können zwar nicht determinieren, aber doch ermöglichen, ermächtigen, anbieten, ermutigen, erlauben, nahelegen, beeinflussen, verhindern, autorisieren etc.

Der Slogan „Den Akteuren folgen“ wird dann zu: „Den Akteuren folgen, wenn sie sich ihren Weg durch die Dinge bahnen, die sie den sozialen Fertigkeiten hinzugefügt haben, um die ständig sich verschiebenden Interaktionen dauerhafter zu machen.“ (118)

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Einbeziehung der Objekte als Handlungsträger besteht darin, dass Objekte auch für die Analyse von Ungleichheiten und Machtbeziehungen relevant sind, indem ihnen Handlungspotential übertragen wird. Das berühmte Zitat von Mao Tse-Tung „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“ drückt dies drastisch aus. Nun könnte man freilich sagen – und die Vertreter des freien Waffenzugangs tun dies auch – dass es nicht die Waffe ist, die tötet, sondern der Mensch, der sie bedient. Aber es ist gerade diese Kombination, dieser Hybrid von Mensch-Gewehr der tötet, der Mensch tötet mit der Waffe. Es macht einen großen Unterschied ob es sich bei dem verwendeten Objekt um ein Gewehr, ein Messer oder um eine Atombombe handelt.

Das Verfolgen des Handlungsverlaufs wird für SoziologInnen nun aus mehreren Gründen deutlich schwieriger:

  1. Nun müssen wir nicht nur die Kontroverse über den Ursprung von menschlichen, sondern auch von nicht-menschlichen Handlungsträgern entfalten.
  2. Dazu müssen wir die dritte Quelle der Unbestimmtheit verarbeiten und die besonderen Existenzformen von Objekten untersuchen. Und das ist besonders schwierig, weil
    • Objekte nicht nur physische Dinge sind, die haptisch erfahrbar, greifbar und stofflich sind, wie Bleistifte, Türschilder, Schlüssel etc. sondern auch z.B. U-Bahnen und Bahnsteige, Straßen und Streßenverkehrsordnung, elektronische Dateien und Dateiorganisation, also auch intellektuelle Technologien darunter zu fassen sind.
    • Dinge – zum Unterschied von Menschen – nicht von sich aus sprechen, sondern zum „Sprechen“ erst von den SozialwissenschafterInnen gebracht werden müssen
    • Wie bei den anderen Unbestimmtheiten in ihrer Existenzform als Handlungsträger nur kurzzeitig sichtbar sind, nämlich dann wenn sie sich versammeln (assoziieren).
  3. Dazu kommt noch, dass es keine Kontinuität des Handlungsverlaufs gibt, dass eine Handlungsgeflecht nicht nur aus Mensch-Mensch oder Objekt-Objekt-Verbindungen bestehen, sondern dass der Handlungsverlauf in einem Zick-Zack-Kurs (z.B. Mensch-Objekt-Objekt-Mensch-Mensch-Objekt) verläuft und dabei verschoben, übersetzt, transformiert wird.

4 Strategien um Objekte zum Reden zu bringen

Wie bei den anderen Unbestimmtheiten stellt Latour eine Liste von 4 Forschungsstrategien zusammen, wie der Prozess des Versammelns (der Assoziation) verfolgt werden kann. Zum Unterschied von den anderen beiden Unbestimmtheiten (Gruppen und menschlichen Handlungsträgern) können nicht selbst reden. Daher müssen spezifische Tricks erfunden werden, damit Dinge in die Lage versetzt werden Beschreibungen ihrer selbst (=Skripte) anbieten.

  1. Innovationen am Entstehungsort studieren: In die Brutstätten des Handlungsursprungs gehen, d.h. die Werkstatt des Handwerkers aufsuchen, die Entwicklungsabteilung des Ingenieurs besuchen, im Labor des Wissenschaftlers den dortigen Aktivitäten beiwohnen aber auch in den Wohnungen der Mieter gehen, die Schlafplätze der Obdachlosen begehen etc.
  2. Distanz zu den Objekten schaffen: Das Problem mit Gebrauchs- und Alltagsgegenständen ist, dass sie uns gar nicht besonders auffallen, dass wir sie – wenn überhaupt – nur als Zwischenglied sehen und nicht als Mediatoren (Mittler), d.h. als jene spezifischen Werkzeug, die den kleinen, aber oft entscheidenden Unterschied erzeugen. SozialwissenschaftlerInnen müssen lernen sich über ihre Untersuchungsgegenstände zu wundern, sie als fremde, verwirrende Objekte auffassen. Zum Unterschied von Archäologen (zeitliche Distanz) und Ethnologen (räumliche Distanz) müssen sie jedoch die Situation der Neuheit häufig durch eine künstliche Nutzungsdistanz schaffen (siehe 4. Strategie).
  3. Unfälle, Defekte, Pannen, (Medien-)Brüche untersuchen: Unterbrechungen des normalen Gebrauchs, des normalen Handlungsverlaufs machen die Schnittstellen sichtbar, ihre Eigenheiten und  Voraussetzungen deutlich. Wenn etwas nicht (mehr) funktioniert, wird oft erst klar, was die nicht ausgesprochene Bedingungen für den Normalbetrieb waren. Im Krisenfall wird das immer klaglos funktionierende Zwischenglied plötzlich deutlich sichtbar zum Mittler, zum Verursacher.
  4. Künstlich eine Entfremdung bzw. einen Krisenzustand herstellen: Über Archive, Dokumente, Berichte von Zeitzeugen (Oral History) und Historikern können Gebrauchsgegenstände wieder zu Mittlern bzw. Mediatoren transformiert werden. Mithilfe der Fiktion können Ent- bzw. Verfremdungsszenarien (Rollenspiel, Simulation, kontrafaktische Geschichten, Gedankenexperimente etc.) geschaffen werden, die Objekte in ihrer Mittler-Eigenschaft (kurzzeitig) sichtbar machen können.

_________

1 Im deutschen Text wird „enrollment“ mit „Anwerbung“ übersetzt. Von der Sekundärliteratur wird aber darauf hingewiesen, dass der Begriff der „Einschreibung“ für ANT zentral ist, den ich als Übersetzung von „enrollment“ auch für geeigneter halte

2 Im deutschen Text wird bloß vom „agieren“ gesprochen.

Re:GLL-04: Auch Objekte sind Handlungsträger

Posted by Vohle at Nov 14, 2009 02:01 PM

Im Nachgang zur dritten Unschärfe sind mir auf der Basis von Peters Zusammenfassung und Interpretation (Danke Peter! Das Buch wäre ohne diese Hilfe bereits unterm Stapel „noch zu lesen“ verschwunden) drei ergänzende Anmerkungen wichtig und zwar in Richtung: (a) Handlungsträger als Affordances, (b) Schwierigkeiten, Handlungsverläufe aufzuspüren (c) Formen der Unsichtbarkeit – Strategien Objekte zum Reden zu bringen.

(a) Handlungsträger als Affordance
(@Peter) „Obwohl diese Entitäten Handlungen nicht determinieren (Obstkörbe „verursachen“ nicht das Halten von Obst, Hämmer „erzwingen“ nicht das Einschlagen von Nägel) sind sie auch nicht bloß als allgemeiner und abstrakter Hintergrund für menschliches Verhalten zu sehen.“
An dieser Stelle meine ich eine Nähe zu Gibsons J.J. Wahrnehmungskonzept auszumachen. Sein Begriff der „Affordance“ wurde insbesondere von Greeno in Richtung des situierten Lernens (siehe Fußnote 30 bei Latour und unsere Anmerkungen im Blog) und D.A. Norman im Bereich der HCI/interaction design aufgegriffen und weiterentwickelt http://en.wikipedia.org/wiki/Affordance. Zentral ist die These, dass Affordances eine Qualität der OBJEKTE (in Relation zur subjektiven Wahr-nehmung) ist. Interessant ist nun, welchen ontologischen Status dieser Qualität „im“ Objekt beige-messen wird, wenn sie doch nur durch den Betrachter„aktiviert“ wird. Gebe es ohne Beobachter diese Qualität? Wenn nein, ist es dann sinnvoll von „HandlungsTRÄGERN“ (Latour) zu sprechen oder ist das nur eine verführerische Metapher? Bei Latour heißt es an anderer Stelle etwas schlichter: Sie sind „B e t e i l i g t e am Handlungsverlauf“ (S.124), wirken also als Moderatoren, Filter, Mittler.

b) Schwierigkeit, Handlungsverläufe aufzuspüren
(@Peter): Das Verfolgen des Handlungsverlaufs wird für SoziologInnen nun aus mehreren Gründen deutlich schwieriger…(…). Meiner Ansicht ergeben sich zwei Herausforderung: (1) mit welchen Er-kenntnismitteln untersuchen wir diese Existenzformen, wenn es sich um v e r t e i l t e und f l ü c h t i g e Entitäten handelt und (2) wenn wir einen solchen „verteilten“ Handlungsbegriff voraussetzen, was ist dann mit dem Konzept der Verantwortung? Wird personale Verantwortung in systemische, auf viele Handlungsträger verteilte Verantwortung verschoben, gibt es neue Verknüpfungen?

c) Formen der Unsichtbarkeit – Strategien Objekte zum Reden zu bringen
Nach den vier Strategien (siehe oben bei Peter) interessiert mich der Z u s t a n d der „unsichtbaren“ Mittler im Rahmen von erweiterten Aktivitätssystemen (Latour: Erweiterung der Handlungsträger), denen offenbar große Steuerungsfunktion zugeschrieben wird.
Peter hat selber bei der Diskussion um das „Hutchins-Cockpit“ auf die Arbeiten von Malcolm Gladewll (Outliers – The Story of Success ) und deren Analyse von Flugzeugabstürzen hingewiesen. Die Auswertung der Tonbandaufnahmen zeigte, dass die Piloten oft genug an der falschen Kommunikation gescheitert sind und nicht wie man denken könnte, an der der Bedienung der Technik. Man könnte dies „Unsichtbarkeit 1. Ordnung“ nennen, weil die „Ursachen“ auf den ersten Blick nicht sichtbar, aber beim genauen Hinsehen (durch Analyse, in diesem Beispiel sogar unter Berücksichtigung der 1. Strategie) identifizierbar sind.
Latour Mittler haben meiner Ansicht nach eine andere Qualität: sie sind „in die Prozesse eingewoben“, also nicht durch Stoppen, Festhalten und Analyse der Situation so schnell sichtbar zu machen. Sie sind implizit! Wenn man ihnen auf „die Spur kommen“ will, muss man seinen Beobachterstandpunkt selbst inmitten des Prozesses legen. Hat man soziale Phänomene im Blick, z.B. wenn Kinder spielen bzw. sich neue Spielstrukturen figurieren (Verschiebung im Sinne Latours), dann ist es für einen externen Beobachter sehr schwer/ unmöglich, hier die Mittler zu identifizieren, die neue Figurationen anstoßen/ bedingen. Der Forscher müsste mit den Kindern mitspielen (1. Strategie), sich darüber wundern können, dass bedeutungslose G e g e n s t ä n d e wie eine Blechdose zu einem Spielball mutieren/animieren (2. Strategie), erkennen, dass z.B. die Spielführer die Regeln schlagartig und ohne Worte ändern, weil nur so ein kleinerer Junge mitspielen kann, sodass der Spielsinn (Zielfunktion) nicht unterbrochen wird (3. Strategie). Erst durch künstliche (nicht spielimmanente) Störung bzw. Regelmodifikation im Prozess kann man als MITSPIELER diese versteckten Mittler „kurzzeitig“ aufdecken/aufspüren, weshalb man auch von einer „Unsichtbarkeit 2. Ordnung“ sprechen kann.
Ok, soweit so gut, bis hier also nur eine Übersetzung der Strategien in ein EIGENES Beispiel, zum eigenen Verstehen.

Die folgenden Anmerkungen haben recht spekulativen Charakter, ich wollte sie zunächst wieder löschen. Aber dies ist eine Lese-REISE und da gibts sicher auch Trampelpfade (und Sackgassen).

Wir sind diesem Punkt (Unsichtbarkeit) zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Blog schon einmal begegnet: unter dem Stichwort „Pattern“ und didaktische Ordnung wurde der von Ch. Alexander genutzte Begriff der „Einfaltung“ von mir mit David Bohm (Die implizite Ordnung) in Zusammenhang gebracht. Bohm verdeutlicht seine implizite Ordnung (von Wirklichkeit) mit einem mechanistischen Beispiel (vgl PDF unten): Zwei unterschiedlich große Glaszylinder sind im Zwischenraum durch eine viskoser Flüssigkeit von einander getrennt. Man fügt nun einen Tropfen roter Tinte in die Flüssigkeit und dreht den inneren Zylinder x-mal um die eigene Achse, so dass der Tropfen „in die Flüssigkeit eingefalten“ wird – er ist von außen als Tropfen nicht mehr erkennbar. Mit einem zweiten blauen und dritten grünen Tropfen verfährt man analog. Nach x+n Drehungen sieht man in der Flüssigkeit von außen keinen Tropfen mehr, die „Tropfen“ stecken als Partikel innerhalb der Flüssigkeit. Warum spricht Bohm nun von impliziter ORDNUNG? Mit seinem Beispiel zeigt er, dass die Tropfenform wieder explizit aus der Flüssigkeit hervortritt/sichtbar wird, wenn man den inneren Zylinder um genau die Drehungen x+n zurückdreht: erst erscheint der grüne, dann der blaue, dann der rote Tropfen, wobei die Ganzheit jedes Tropfens (Kugelform) nie von allen drei Tropfen gleichzeitig erreicht wird. Es existiert also eine explizite und implizite Ordnung, wobei im Beispiel beide Ordnungen (mechanistisch) zusammenhängen. (Wer es nochmal nachlesen möchte, der sei hier auf das längere Originalzitat verwiesen http://www.eugwiss.udk-berlin.de/schmid/diss/III.37.html. Es wird im Zitat deutlich, dass das Gedankenexperiment noch weiter geht und vor allem einen Unterschied zu kartesianischen Vorstellungen – isolierte Entitäten – in Abgrenzung zu einer Teil-Ganzes-Beziehung aufzeigen will.)

Was bringt nun dieses Beispiel im Zusammenhang mit Latour? Ich greife es auf um zu zeigen, wie man sich die „Unsichtbarkeit 2. Ordnung“ und damit die Unsichtbarkeit von Mittlern in einem erweiterten Handlungs- oder Aktivitätssystem (Latour) a n a l o g vorstellen kann, wobei die Tropfenpartikel verteilte Entitäten (Dislokalität) und deren Beziehung in der Flüssigkeit implizite Abhängigkeiten verdeutlichen sollen – vielleicht gibt es hier auch eine Grenze, „die Dinge zum Sprechen zu bringen“. Einschränkend muss man sagen (und das tut Bohm), handelt es sich um ein mechanistisches Beispiel, dass Unschärfen, chaotische Zustände (quantenmechanische Vorstellungen) ausklammert. Gerade der Charakter der Mittler zeichnet sich aber bei Latour – so wie ich es verstanden habe – durch Sprunghaftigkeit, Nicht-Determinirtheit und Fernwirkung aus.

Also, hier nur Krücken. Aber es wäre auch überraschend wenn man Unschärfen mit abgesicherten und exakten Begriffen aufdeckt, oder? Deshalb am Ende die Frage: Welche Sprache/ Erkenntnismittel nutzen wir, um Latours „neue Soziologie“ zu betreiben?

Grüße! Frank

Bohm: http://www.tphys.physik.uni-tuebingen.de/braeuer/Buecher/Gewahrsein/11_Implizite_Ordnung_Abb.pdf

Re:GLL-04: Auch Objekte sind Handlungsträger

Posted by baumgartner at Nov 15, 2009 01:53 PM

Deine Illustrationen zu „Formen der Unsichtbarkeit“ finde ich sehr anregend. Ich habe allerdings das Beispiel von Bohm erst (einigermaßen) verstanden, nachdem ich mir die Abbildung heruntergeladen habe. Vorher konnte ich mir das mit den beiden Zylindern nicht gut vorstellen.

– Ist das wirklich so, dass der Tropfen wieder erscheint, wenn ich den inneren Zylinder mit der gleichen Anzahl von Umdrehungen wieder zurück drehe? Das ist ja ein Hammer! Die Analogie der „Unsichtbarkeit 2. Ordnung“ von Physik (Bohm) und Sozialwissenschaft (Latour) ist ein weiteres Beispiel das zeigt, dass Sozial- und Naturwissenschaften gar nicht so unterschiedlich auf einer tieferen, grundsätzlichen Ebene funktionieren.

Und hier kommt mein Problem: Diese Einschränkung (tiefere, grundsätzliche Ebene) mache ich, weil wir ja alle durch die Diskussion im Anschluss an Dilthey (http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Dilthey) vor allem aber – und mir weit besser bekannt – durch den sog. Positivismusstreit (http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismusstreit) gerade ja auch immer auf die Unterschiede (in der Methode, Theoriebildung etc.) zwischen Natur- und Sozialwissenschaften hinweisen.

So wie ich es sehe, ist es am ANT-Ansatz wesentlich, dass die Sonderstellung des Sozialen (in der Bedeutung von Nr.1, dem Kitt) für die Gesellschaftswissenschaften aufgegeben wird: Und trotzdem wird nicht automatisch eine positivistische Folie des Naturbilds auf die Soziologie gelegt, sondern umgekehrt: Auch in den Naturwissenschaften ist nicht alles so wie es scheint, gibt es ein gehöriges Maß an Beobachter-Relativität. Natur wie Gesellschaft sind beide Kollektoren, wie Latour sagt (192), sind assoziierte Produkte, deren Bestandteile in ihrer Entwicklung und Interaktion untersucht werden müssen. Aber nicht etwa weil sie bloß verschiedenen interpretiert werden könnten, sonderen weil sich die „Tat“-Sachen selbst vielfältig entfalten können, vielfältige Existenzformen annehmen können, wir daher nicht in einem Universum, sondern in einem Pluriversum (William James) leben.

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