Philosophie des E-Learning

Am 29. April hielt ich eine eingeladene Keynote auf der E-Learning Fachtagung in Heidelberg-Neckargemünd. Anlass war das 10jährigen Jubiliäum des Virtuellen Berufsbildungswerks (VBBW) – eine Organisation der Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH).

Die Herausforderung eines stark theoretischen Themas

Die „Steilvorlage“ für das etwas „vollmundige“ Thema meines Referats war durch Idee von Manfred Weiser, dem Schulleiter des VIrtuellen Berufsbildungswerks Neckargemünd extra für diese Jubiläums-Tagung vorgeschlagen worden. Ich habe diesen Titel für mein Referat sehr gerne angenommen, weil ich mich bereits seit einigen Monaten – und vor allem ganz besonders in den letzten Wochen – zunehmend mit „Hardcore“ philosophischen Fragestellungen zur Phänomenologie beschäftige.

[Das ist übrigens auch der Grund dafür, dass es in meinem Weblog in letzter Zeit verdächtig ruhig geworden ist: Viele der neuen Ideen, die ich aus einem Studium der Phänomologie mir erarbeite sind noch nicht so weit gediegen, dass ich sie öffentlich diskutieren kann. Doch darüber später einmal genauer.]

Obwohl viele meiner Referats-Folien (PDF, 3,45 MB) auf „alten“ Ideen von mir aufbaut

  • Drei Lehr-/Lernmodelle
  • Drei Geltungsansprüche
  • Drei didaktische Kategorialmodelle
  • Blended Learning Szeanarien
  • Gestaltungsebenen und Emergenz

habe ich diese Folien mit neuen Inhalten „unterlegt“: Ich habe diesmal versucht diese einzelnen inhaltlichen Schwerpunkte stärker mit meinem neuen Verständnis der Ganzheitlichkeit (Wholeness) als roten durchgehenden Faden zu verknüpfen.

Ganzheitlichkeit versus der Rede vom Teil und Ganzem

Obwohl das Referat – wie mir viele positive Rückmeldungen gezeigt haben – gut angekommen ist, bin ich nicht ganz zufrieden. Zu sehr bin ich noch an alten Textpassagen und bewährten Anekdoten hängen geblieben. Die beiden komplett neuen Folien (19 + 25) habe ich – auch aus Zeitmangel – nur kurz gestreift. Aus diesem Grunde ist das – aus meiner Sicht revolutionäre Konzept der Ganzheitlichkeit  und sein Unterschied zur bisherigen Sprechweise vom Teil versus Ganzen nicht deutlich genug geworden.

Der leider im Referat nur angedeutete nachfolgende Text versucht diese Idee nach zu reichen: Auf der Folie Nr. 25 sieht man schwarze Flecken auf weißem Hintergrund. Starrt man/frau dieses Bild länger an, dann lässt sich ganz plötzlich ein Hund (Dalmatiner) erkennen, der im Gras/Ackerboden schnüffelt. (Der Hundekopf ist etwa in der Mitte des Bildes, links oben lässt sich ein Baum erahnen, dessen Wurzel von einer dunkleren Gras/Ackerschicht umrundet werden.

Wir sehen aber immer noch das gleiche Bild, nur dass plötzlich der Dalmatiner emergiert (sich herausschält) weil unser Hirn die Punkte im Bild anders zusammenfasst dh. organisiert. Wir „erfahren“ den Dalamtiner nicht durch bloße Sinneserfahrung. Im Gegenteil: Wenn wir den Dalmatinger gesehen haben, hat sich im Bild ja gar nichts geändert. Es ist unser Hirn, dass die Sinneserfahrung (die wahrgenommenen Punkte) mit einer Idee verknüpft. Diese Idee wird aber nicht aus den Sinnesdaten konstruiert, sondern muss schon vorher da gewesen sein. Wer noch niemals einen Dalmatiner gesehen hat, oder nicht weiß, wie er aussieht, wird auch niemals einen Dalmatiner in der Folie 25 erkennen.

Doch selbst wenn wir wissen, wie Dalmatiner grundsätzlich aussehen, erkennen wir ihn im Bild noch nicht automatisch. Wir müssen dazu die organisierende Idee (der Dalmatiner)  mit unserer Sinneswahrnehmung in einer ganz bestimmten Weise verknüpfen. Wir müssen sozusagen „dalmatinig“ sehen!

Es muss also die organisierende Idee (der Dalmatiner) und der Akt des Organisierens d.h. die Art zu sehen („dalmatinig“ sehen) und unsere subjektive Sinneserfahrung (die Punkte im Bild) miteinander verknüpft werden. Erst dann kommt es zu einem Sprung, einer Diskontinuität,  einem Gestaltswitch und wir sehen den Dalamtiner. Danach gibt es nun zwischen den Punkten einen Unterschied, eine Differenz in Bezug auf das Bild (den Dalmatiner). Manche schwarzen Punkte gehören jetzt zur neuen Bild-Dalmatiner Organisation, andere nicht. Es ist aber nicht die Organisation, die gesehen wird. Der organisierende Akt ist unsichtbar, er zeigt sich bloß in der Art und Weise des Sehens. (Vgl. dazu die phänomenologischen Überlegungen in Bortoft, Henri. 1996. The wholeness of nature : Goethe’s way of science. Edinburgh: Floris Books, S.123-137 im Kapitel “The Organizing Idea in Perception“.)

Hase-EnteBeide Male, d.h. wenn wir (a) nur zusammenhanglose Punkte oder wenn wir (b) das Bild mit dem Dalmatiner sehen. haben wir einen ganzheitlichen Blick auf das Bild. Beide Male sehen wir das ganze Bild und nicht nur Teile. Der Dalmatiner „steckt“ sozusagen im Bild, ist ein Aspekt des Bildes, das möglicherweise noch viele andere haben kann. Andere leichter erkennbare Beispiele sind die Kipp- oder Vexierbilder, wo es jeweils zwei sinnvolle Interpretationen gibt wie z.B. der hier abgebildete Hasen-Entenkopf des Psychologen Joseph Jastrow (entnommen aus Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen). Es gibt dazu eine ganze Palette unterschiedlicher Beispiele im Web. –

Wichtig für mein Beispiel ist es jedoch, dass diese Bildbeispiele nur Annäherungen an die Idee der mannigfaltigen Aspekte der Realität sind, weil sie meist jeweils nur zwei oder drei Zustände zulassen (z.B. Hase-Ente-keine „sinnvolle“ Interpretation wie z.B. zusammengehöriger Strich, der in wirrer kreisähnlicher Form sich annähert aber schließlich nicht ganz schließt mit mit einem extra Punkt). Die Realität hat jedoch mannigfaltige Aspekte, die es zu erkennen gilt. Wenn wir Aspekte sehen, nehmen wir immer ganzheitlich war,  und nicht bloß Teile, wie wir uns beim Hase-Ente Bild überzeugen können.Sowohl beim Hasen als auch bei der Ende sind alle Striche und Punkte in die Bildinterpretation integriert.

Mein Gedanke ist nun, dass wir auch im E-Learning diese ganzheitliche Sichtweise brauchen, sowohl wenn wir unterschiedliche Lehr/Lernmodelle betrachten, als auch die drei Aspekte der Geltungsansprüche, die immer in jeder Handlung/Sprechakt enthalten sind, als – und darauf lege ich besonderen Wert – die gesamte Lernsituation in einem Blende Szenario: Die „Mischungs“-Verhältnisse zwischen Präsenz- und E-Learningphasen bedingen/durchdringen einander, und sind daher nicht bloß als einzelne Phasen getrennt voneinander, sondern aus der Sichtweise eines ganzheitlich betrachteten Curriculum zu planen und durchzuführen.

Inspirierende Tagung und Geschenke

Ich möchte hier mal mit meinem Nachtrag zur Ganzheitlichkeit aufhören, den ich bei anderen Gelegenheiten sicherlich noch detaillierter und umfassender wieder aufgreifen werde. Jetzt möchte ich nur noch erwähnen, dass die Tagung nicht nur sehr interessant für mich war, weil ich ganz andere und sehr konkrete, praktische Anwendungsfälle von E-Learning gesehen haben. Zwar werden von den 850 in Berufsbildung stehenden behinderten TeilnehmerInnen nur immer eine sehr kleine Gruppe über E-Learning Kurse ausgebildet (ca 15 Personen), die aber wegen schweren Behinderungen häufig mit ganz speziellen technischen Aufwand, wie ein einführender Film als Startpunkt des Referats von Herrn Weiser anschaulich demonstrierte.

VBBW-Neckargemünd-GeschenkeProf. Schröder (den ich schon aus früheren Projektzusammenhängen kenne) brachte in seiner Evaluierungsstudie empirisches Zahlenmaterial, das ich allerdings wegen der geringen Anzahl von TeilnehmerInnen nicht sehr überzeugend fand. Hier wäre eine qualitative Erhebung mit Interviews, Filmschnitten etc. wahrscheinlich sinnvoller gewesen. Erwähnen möchte ich noch seinen witzigen Spruch, wo er das Verhalten von E-Learning TeilnehmerInnen in Videokonferenzen mit Buckelwalen vergleicht: Einmal kurz auftauchen, die Rückenflosse zeigen und dann wieder abtauchen.

Im Rahmen der Tagung bekam ich im Rahmen der Tagung als Referent eine ganze Reihe von netten, sehr einfallsreichen Geschenken. Neben einem Kugelschreiber, der auch als Laserpointer funktioniert, gab es eine Schachtel mit sondergefertigten Bonbons mit unterschiedlichen  Zuckerguss-Aufschriften wie „Exzellenz“, „Qualität“ etc.  Ganz ein besonders persönliches Geschenk mit einer guten, weil zum Anlass passendes Geschenk aber fand ich meinen Namen als Schlüsselanhänger in Braille Schrift. Reich beschenkt kehrte ich also von einem sommerlichen Apriltag aus Neckargemünd nach Krems heim.

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