LyX – Version 2.0 für komplexe (kooperative) Buchprojekte

Bei meinem aktuellen Buchpublikationen verwende ich zum ersten Mal die auf LaTeX-Basis operierende Open Source Software LyX. Ich habe zu LyX schon mehrmals in meinem Blog berichtet (siehe Beilage zu diesem Beitrag), aber bisher noch kein umfangreiches Buchprojekt damit unternommen. Dass soll sich nun ändern.

LyX ist eine voll ausgereiftes Dokumentenverarbeitung mit wirklich tollen Funktionalitäten und ganz besonders geeignet für komplexe wissenschaftliche Publikationsprojekte. Mit der Version 2.0, die nun in der zweiten Betaversion erhältlich ist, gibt es eine Reihe ganz wichtiger, schon lange erwartete Änderungen, die ich/wir uns am Department im Augenblick gerade näher anschauen.

Ich schreibe „ich/wir“, weil

  1. innerhalb meines Departments derzeit ich die meiste Erfahrung mit diesem Werkzeug habe aber mich mit den neuen Funktionen von 2.0 auch noch nicht gut auskenne
  2. eine Koproduktion (gemeinsames Buch mit Reinhard Bauer) bevorsteht und
  3. ich außerdem den Wunsch habe, dass größere Publikationsprojekte an meiner Fakultät – zumindest jene an denen ich beteiligt bin –  in Zukunft mit LyX durchgeführt werden sollen.

Alle drei angeführten Punkte stellen eigene Anforderungen dar, die mit unterschiedlichen Strategien gelöst werden müssen.

A. Methodenbuch auf 2.0 umstellen

Mein schon lange geplantes – und terminlich aus Arbeitsüberlastung immer wieder verschobenes – Buch zu Unterrichtsmethoden (Arbeitstitel: „Plädoyer für didaktische Vielfalt – Zur Taxonomie von Unterrichtsmethoden.“) hat inzwischen ca. 200 Manuskriptseiten; ist aber noch in LyX 1.6 geschrieben. Obwohl die Konversion in die neue Version problemlos vor sich ging, habe ich die neuen Funktionen bisher noch nicht genutzt und steht mir daher ein entsprechender Lern- und Adaptionsprozess bevor.

B. (Ko-)Produktionen mit LyX

Während mein eigener individueller Lern- und Adaptionsprozess vielleicht zeitraubend und mühsam vor sich gehen mag, stellt eine Koproduktion bereits höhere Anforderungen. Wenn alle beteiligten Autor/-innen (wie es bei mir und Reinhard Bauer der Fall ist) übereinkommen LyX verwenden, dann ist nicht einmal die Kooperation unter uns Autoren das große Problem. Für die Kooperation an gemeinsamen Dokumenten bietet LyX eine Reihe praktischer Funktionen und Werkzeuge an:

  1. Da gibt es die – bereits von anderen Textverarbeitungsprogrammen bekannten – Funktionen des Verfolgen und Akzeptieren bzw. Ablehnen von Änderungen.
  2. Weiters gibt es auch die Möglichkeit zwei Dateien miteinander zu vergleichen und sich die Unterschiede ausgeben zu lassen.
  3. Da aber ein großer Vorteil von LyX bei komplexen Projekten das Aufteilen in unterschiedliche Dateien ist, ergibt sich damit automatisch, dass jede Bearbeitung einer einzelnen Datei durch Referenzieren (Quer- und Literaturverweise, Inhaltsverzeichnis, Index, Bilder etc.) auch andere Dateien beeinflusst. Aus diesem Grund ist auch eine Versionskontrolle aller am Projekt beteiligten Dateien in LyX eingebaut. LyX unterstützt dabei sowohl die Versionskontrolle mit RCS (Revision Control System), CVS (Concurrent Version System) und dem neueren SVN (Subversion). Für große Projekte wird in den entsprechenden Mailinglisten auch vorgeschlagen gleich das bessere externe Programm GITzu verwenden.Ich kenne mich bisher mit all diesen Werkzeugen zur Versionskontrolle nicht aus. Ich dachte mir, dass ich mich damit auch nicht zu beschäftigen brauche, weil ich glaube, dass diese Software eher für Programmierer gedacht ist. Wie es aber scheint, macht es Sinn, dass auch ein Autor/-innen-Kollektiv das an einem gemeinsamen komplexen Buchprojekt arbeitet,  sich damit beschäftigt.

C. Kooperation mit dem Verlag

Ein ganz anderes Problem stellt die Kooperation mit dem Verlag dar, weil ja davon ausgegangen werden muss, dass der Verlag ja nicht selbst mit LyX arbeitet. In der LyX-Mailingliste gab es diesbezüglich eine interessante Diskussion, die ich hier zusammenfasse:

Es herrschen drei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze vor.

  1. Konvertieren in ein Format, das der Kooperationspartner lesen kann. Konvertieren schafft jedoch eine ganze Reihe von Problemen und scheint mir keine gute Lösung zu sein. Die Schwierigkeit besteht darin, dass – abgesehen vom umständlichen Prozess des Konvertierens – durch die Konversion auch die (Format-)Vorteile von LyX verloren gehen. Deshalb muss als Referenz ein PDF der ursprünglichen Version mitgeschickt werden und die vom Verlag gemachten Änderungen müssen auch wieder in LyX mühsam eingepflegt werden. In dem oben referenzierten Forumsbeitrag werden zwei Konvertierroutinen erwähnt:
    1. LyX -> LaTeX -> Open Office -> Word (d.h. .doc- Format) via oolatex, das Teil des tex4ht-Pakets und in Standard-TeX-Installationen integriert ist. Mit den Worten des Ratgebers: „It’s a pain, but it works for me.“ Es gibt zwar einen eingebauten Konverter zu OO direkt von LyX, der aber bei mir nicht funktioniert bzw. (noch) nicht richtig installiert ist.
    2. LyX -> HTML -> XHTML (z.B. Amaya) und zusätzlich mit dem Open Source E-Book Managementsystem Calibre ein ein E-Book in ePub-Format zum Vergleich produzieren und mitliefern.
    3. Es gibt sicherlich noch eine ganze Reihe anderer Konvertieroptionen, wie sich aus beiliegendem Menü-Sreenshot ersehen lässt. Alle haben aber die bereits erwähnten grundsätzlichen Nachteile.
  2. PDF Bearbeitung in LyX scheint mir daher die bessere Lösung sein, weil ja sowieso bei den mühseligen Konvertierungen auch das PDF als Vergleichsformat mitgeschickt werden sollte. Warum also dann nicht gleich nur in PDF arbeiten? Vor allem bietet sich da ja auch deshalb an, weil PDF der natürliche Output von LateX bzw. LyX darstellt.
    1. So wird natürlich Adobe Acrobat Professional erwähnt, weil sich damit Anmerkungen in das PDF machen lassen. Allerdings erfordert das wiederum auf seitens von LyX einen eigenen Bearbeitungsvorgang.
    2. Ideal hingegen dürfte der kürzlich entwickelte LyX-Modul pdfcomment.module sein, der das LaTeX Paket pdfcomment für in LyX integriert.
    3. Weitere mögliche Variante dürfte im Mitschicken von eingebauten Notizen (greyedout Text in LyX-Parlance), Randnotizen liegen. Auch die Kommentar in eingebettete PDF-Formularen schreiben, die später am Ende gelöscht werden, wird erwähnt. Das scheint mir aber alles umständlicher und komplizierter als die Lösung in 2B.

Fazit

Für größere kooperative Projekte scheint daher ein professionelles System der Versionskontrolle wie GIT und die in LyX integrierte Kommentierung von PDF-Anmerkungen am Besten geeignet zu sein. Zumindest sind dies die beiden Lösungswege, die wir uns am Department in den nächsten Tagen näher anschauen werden.

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