Wie kommt das Neue in die Schule?

Am Freitag, dem 20. Jänner hat Marianne Ullmann ihr Doktoratsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen. Ihre Dissertation „Wie kommt das Neue in die Schule – Offenheit als Herausforderung in der Governance von Bildungsinnovationen“ ist ein Musterbeispiel in der Anwendung der Akteur-Netzwerk Theorie (ANT).

Wenn eine Dissertationsbetreuung erfolgreich zu Ende geht, dann ist dies natürlich immer mit großer Freude verbunden. – Nicht nur bei den Studierenden und ihren Angehörigen selbst, sondern auch bei uns ProfessorInnen. Das ist die eine – lustvolle – Seite.

Andererseits – und das ist besonders bei sehr gut gelaufenen Betreuungsszenarien der Fall – kommt auch ein wenig Traurigkeit auf: Vorbei sind nun die vielen anregenden, ja teilweise spannenden, Besprechungen. Vorbei ist das gemeinsame Explorieren neuer Fragestellungen, der Bericht auf erste, noch „taufrische“ und unverarbeitete Ergebnisse und – nicht ganz uneigennützig – auch die vielen Hinweise auf neuere Literatur und auf neue Zugänge. Gute laufende Dissertationsprojekte sind für uns ProfesssorInnen, die leider häufig mit verschiedener Verwaltungsarbeit bis über die Ohren zugedeckt sind, oft der inhaltliche Ausgleich, der uns wieder klarmacht, warum wir eigentlich diesen Job angestrebt haben.

Am Beispiel von E-Learning – Das „Neue in die Schule bringen

Frau Ullmann untersucht in ihrer Arbeit am Beispiel des bm:ukk-Projekts „e-Learning im Schulalltag“ (eLSA) wie Reformen in die Schule Eingang finden bzw. wie sich Innovationen im System Schule „übersetzen“ (Michel Callon). Sie beschäftigt sich dabei sowohl mit den Ansätzen von „Educational Governance“ als auch mit der Akteur-Netzwerk Theorie (ANT). Schule fasst Frau Ullmann als ein System mehrerer Ebenen auf, an der alle Personen – nicht nur die „Regierenden“ – steuernd an den Veränderungsprozessen teilhaben. Dementsprechend werden Innovationen als komplexe Koordinierungsleistungen verstanden, d.h. (nach ANT) als Aktivitäten, an denen nicht nur Menschen, sondern auch nicht-menschliche Handlungsträger („Aktanten“) beteiligt sind.

In ihrer Dissertation setzt sich Frau Ullmann auch mit verschiedenen Innovationsbegriffen auseinander. Sie wendet sich dabei sowohl gegen einen unhinterfragten normativen, durchwegs positiv besetzten Innovationsbegriff als auch gegen das vereinfachende Diffusionsmodell von Everett Roger, das in einem nomothetisch-deduktiven Zugang die erhobenen bzw. verfügbaren Daten in 5 Idealtypen hinein zu pressen versucht. Sie kreidet beiden Ansätzen an, dass sie nicht in der Lage sind das Unerwartete sichtbar zu machen und daher für neue Prozesse und HandlungsträgerInnen nicht offen genug sind. Frau Ullmann stellt demgegenüber das Translationsmodell der ANT, das nicht nur den Verlauf der Macht einer „Initialkraft“ (z.B. kreative Idee) untersucht, sondern auch die vielfältigen Translationen (Übersetzungen) beschreibt, die Innovationen im Laufe eines widersprüchlichen Prozesses durch die HandlungsträgerInnen – menschliche wie nicht-menschliche – erfahren. Statt bloß den Anstoß und das Ergebnis zu betrachten ist es im Sinne der ANT erforderlich, dass die ForscherInnen den Spuren der AkteurInnen folgen und alle Übersetzungsleitungen beobachten.

Eine ausführliche Beschreibung von ANT findet sich in meiner Internet-Vorlesung Gemeinsam Latour lesen (GLL).

Die fleissige Ameise – den AkteurInnen folgen

Besonders gut gelungen und wertvoll ist sowohl die methodische Durchführung als auch die Auswertung der empirischen Forschungsergebnisse. Virtuos werden nicht nur die Grundlagen der Grounded Theory auf die Forschungsfrage appliziert, sondern es wird vor allem sehr anschaulich der produktive Erkenntniswert der Methode illustriert. Aus den 19 halbstrukturierten Leitfaden-Interviews bildet Frau Ullmann durch verschiedene Kodierungsmethoden (offenes, fokussiertes und axiales Kodieren) in einer induktiven Vorgangweise Kategorien, die zueinander kunstvoll in Beziehung gesetzt werden. Frau Ullmann hat dabei die traditionelle Vorgangsweise der „Grounded Theory“ nach Glaser/Strauß durch neuere Differenzierungen von Adele Clarke (2005) und Kathy Charmaz (2006) ergänzt und erweitert. Sowohl die kreative Darstellung der Interviews in Form von konstruierten Vignetten als auch die Diskussion des Netzwerks von Begriffen ist ihr dabei vorbildlich gelungen.

Aus der Vielzahl von möglichen Perspektiven konzentriert sich Frau Ullmann auf das semantische Netzwerk rund um den Begriff des „Vertrauens“, den sie in Zusammenhang mit „flexibel handeln“ und Transparenz schaffen“ umfassend analysiert. Es wird sowohl der Umgang mit technischen Problemen, mit Komplexität und Heterogenität in den Vignetten ausführlich angesprochen als auch die widersprüchliche Sichtweise zur Transparenz (z.B.: „Einblick nehmen versus Einblick gewähren“) diskutiert. Die aus den Interviews stammenden prototypischen Situationsbeschreibungen werden mit Hilfe theoretischer Literatur sorgfältig und feinfühlig reflektiert, sodass der situierte Gehalt der erlebten Episoden nicht verloren geht. Damit wird nicht nur die Wiedererkennung bei den beteiligten AkteurInnen sichergestellt sondern auch theoretische Reflexionen als mögliche Lernchancen anschlussfähig gemacht.

Hang on – there will be more information, coming soon…

Frau Ullmann wird in den nächsten Tagen ihren Dissertationsbereich auf meiner Homepage überarbeiten und auch Schritte setzen ihre Dissertation zu veröffentlichen.

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