Latour-02

Ich will nicht viel herum reden: Die Einleitung ist ein Hammer. Sie ist extrem schwer zu verstehen. Es gibt viele – an dieser Stelle im Buch noch dunkle und daher unverständliche – Andeutungen, Vorgriffe auf das, was noch alles kommt. Die Einleitung ist aber nicht nur eine Vorschau, sondern gleichzeitig eine Zusammenfassung der Hauptthesen, zusätzlich noch unterlegt mit einem Rückblick, der ebenso wie die Vorschau für Neulinge recht wenig aussagt und eher verwirrend, denn erklärend ist.

Im Nachfolgendem versuche ich daher als Einstieg den Hauptgedanken der Einleitung – und damit des Buches – vorerst in ganz groben Pinselstrichen nach zu zeichnen. Ich werde später, wenn wir im Text weiter fortgeschritten sind, wieder auf die dann hoffentlich besser verständlichen Anmerkungen in der Einleitung zurückkehren.

Das Soziale neu definiert

Es geht Bruno Latour darum, den Begriff des Sozialen neu zu definieren. Dabei geht er auf seine ursprüngliche etymologische Bedeutung zurück, der Assoziation, Verbindung oder Verknüpfung. [Im Deutschen ist der Begriff der Assoziation leider ein wenig irreführend, weil damit meistens eine konkrete Verknüpfung gemeint ist, die gedankliche Assoziation. Im englischen Text funktioniert daher das Wortspiel mit Soziologie und Assoziologie weit besser (siehe die Definitionen zu sozial, Assoziation und Association im Anhang zu diesem Beitrag).]

Sein Vorschlag ist extrem und radikal. Gegenüber der traditionellen Soziologie, die er „Soziologie des Sozialen“ propagiert er eine neue Art von Soziologie, eine „Soziologie der Assoziationen“.

Das Soziale Nr.1

Die traditionellen Soziologie, sieht das Soziale als eine eigene Sphäre an, Nach dieser Sichtweise (das Soziale Nr. 1) funktioniert dieser eigene Bereich anders, unterliegt anderen Gesetzen, ist  – fast wie eine materielle Eigenschaft eines Stoffe wie z.B. hölzern, eisern – allgegenwärtig und wirkt quasi aus dem Hintergrund, hinter den Rücken der Akteure heraus auf die Dinge, Objekte dieser Welt.

Das Soziale Nr.2

Die andere Definition des Sozialen (das Soziale Nr. 2)  hingegen ist nichts Zusätzliches, bildet keine eigene Sphäre, die durch irgendwelche geheimen Kräfte zusammen gehalten wird, sondern wird durch die Verknüpfung von Elementen, von nicht-sozialen Dingen hervorgebracht bzw. in Bewegung gehalten.Das Soziale wird nur sichtbar in den Spuren (traces), die es hinterlässt; nämlich immer dann, wenn neue Verbindungen (Assoziationen) entstehen. Das Soziale Nr.2 ist also keine eigene Sphäre, sondern ein „Verknüpfungstyp zwischen Dingen, die selbst nicht soziale sind“ (17)

Radikale Konsequenzen für SozialwissenschaftlerInnen

Wenn man – so wie ich – auf das Sozialen Nr.1 ausgebildet, ja aufgewachsen ist, dann ist es wahrlich nicht einfach, sich auf die andere Sichtweise umzustellen. Dieser Satz ist ein nettes Understatement  😆 ! In unserer Soziologie-Ausbildung wurden wir darauf trainiert, das Soziale als einen spezifischen Kausalitätszusammenhang, als ein spezielles Erklärungsprinzip zu sehen, das wir quasi als „Rahmen“ oder „Kontext“ auf jene Bereiche der Realität „angewendet“ – oder bösartiger: darüber gelegt – haben.

Nun aber – unter der Perspektive des Sozialen Nr. 2 – erfährt die Aufgabe des Soziologen einen radikalen Wandel: Statt das Vorgefundene mit sozialen Kräften, Gesetzmäßigkeiten in einer statischen Art und Weise zu erklären, geht es vielmehr darum, den dynamischen Prozess des Versammelns, der Bildung sozialer Verknüpfungen nach zu zeichnen. Statt also als Soziologe außen vor zu stehen, weil wir angeblich nur dann einen ungetrübten und objektiven Blick auf die sozialen Kräfte werfen können, müssen wir uns auf die Sachen, ihren Bewegungen, Verbindungen und Verknüpfungen einlassen. Statt die Bewegungen durch eine frühzeitige Erklärung „einzufangen“ bzw. „einzufrieren“, müssen wir vielmehr sie verfolgen und zur vollen Entfaltung bringen helfen.

Obwohl ich in der Tradition des Sozialen Nr.1 aufgewachsen bin, so ist mir in einem Punkt diese Vorgangsweise schon immer suspekt gewesen: Oftmals hatten die Soziologen von der zu untersuchenden Sache recht wenig inhaltliche Ahnung. Mich hat schon immer z.B. gestört, wenn Technik-SoziologInnen über soziale Folgen der Computertechnologie geschrieben haben aber selbst wenig Ahnung und oft kaum praktische Erfahrung mit dieser Technologie hatten. Oder wenn MediensoziologInnen über Medien schreiben ohne ein technisches Verständnis von der inhärenten Logik der Medien zu haben. (Ähnliches trifft übrigens auch auf andere Wissenschaften zu).

Eine Folge dieser Kritik an der allgemeinen Soziologie, die bloß auf einer sehr abstrakten Metaebene verweilte, oft langweilig und mit wenig konkreten Kenntnisse arbeitete, waren die Bindestrich-Soziologien: Arbeits-, Bevölkerungs-, Bildungs-, Technik-, Wissenschaftsoziologie um nur jene zu nennen, mit denen ich mich selbst beschäftigt habe. Wenn auch diese Bindestrich-WissenschaftlerInnen den Bezug zum inhaltlichen Feld im allgemeinen hatten, so wurde darin doch eine Zersplitterung und Fragmentierung des Zugangs deutlich. Außerdem wurde weiterhin das Soziale Nr. 1 als Erklärungsmodell gesehen, auch wenn es nun auf unterschiedliche Bereiche – detaillierter und spezifischer – angewendet, bzw. als Rahmen „darüber gelegt“ wurde.

Den Akteuren folgen und Abkürzungen vermeiden

Das Soziale Nr. 1 nimmt mehrere unzulässige Abkürzungen und Vereinfachungen vor:

  • Die Untersuchungen werden auf menschliche Akteure eingeschränkt: Gerade im Bereich von E-Learning, Web 2.0, Bildungstechnologie – also jenen inhaltlichen Schwerpunkten, denen sich dieses Weblog verschrieben ist, wird deutlich, dass dies zu kurz greift. Mit einer E-Mail oder mit meinem Weblog stelle ich soziale Kontakte her. Wenn in diesem Zusammenhang das Wort „sozial“ einen eigenartigen Beigeschmack hat, so liegt das gerade daran, dass die Einschränkung auf menschliche Akteure inzwischen vorherrschend geworden ist. Die Untersuchungen müssen sowohl die Mensch-Mensch Verknüpfungen analysieren, als auch die Technik-Mensch und Technik-Technik Verbindungen beachten. Es ist ein kompliziertes Mix an Verknüpfungen, das sich einem Blick, der nicht bereits auf das Soziale Nr.1 eingeschränkt ist, offenbart.
  • Die AkteurInnen werden auf die Rolle von InformantInnen beschränkt: Die Meinung und Sichtweise der Akteure ist nicht bloß ein zu Hinweis, der als „Entfremdung“, „Fetisch-Charakter“ und „falsches Bewusstsein“ (weg-)interpretiert werden darf, sondern die Art und Weise, wie die menschlichen AkteurInnen ihre Verbindungen herstellen und zu stabilisieren versuchen. Gerade diese Methoden des „Versammelns“, der Assoziationen gilt es zu erforschen. ForscherInnen müssen daher diesem Prozess des Verknüpfens nachgehen und nicht das Soziale (Nr. 1) als Erklärung anführen, sondern umgekehrt erklären, wie das Soziale (Nr. 2) entsteht. Statt die starre Folie Nr.1 über die neu zu untersuchenden Bereiche zu legen, müssen SozialwissenschaftlerInnen das Soziale mühsam, langsam und in fleißiger Arbeit wieder zusammensetzen. („Reassembling the Social“: Das ist auch der Titel der englischen Ausgabe!)

Gerade auch wegen dieser mühevollen, langsamen, kontinuierlichen, fleißigen Arbeitsweise hat Latour sich nun entschieden ANT (= Ameise im Englischen) als Namen seiner neuen Soziologie beizubehalten. Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht davon aus,

  1. dass nicht nur Menschen Akteure sind (daher wird später der neutralere Begriff des Aktanten vorgeschlagen),
  2. dass die nicht-menschlichen und menschlichen Akteure Verbindungen eingehen (sich assoziieren) und dadurch (heterogene) Netzwerke bilden,
  3. dass das detaillierte Nachzeichnen dieser Verknüpfungen die wesentliche Aufgabe der WissenschaftlerInnen ist – und damit den Hauptaspekt der wissenschaftlichen Erklärung darstellt.

Neue Fragen der sozialwissenchaftlichen Forschung

Unter diesen Prämissen ergeben sich gänzlich neue Fragen für die wissenschaftliche Forschung. Statt zu fragen, welche soziale Aspekte ein Phänomen erklärbar machen, muss umgekehrt erklärt werden, wie das soziale Phänomen entstanden ist, wie sich die menschlichen und nicht-menschlichen Akteure versammelt haben. Im Buch will Latour vor allem drei neuen Fragen nachgehen (vgl. S.36):

  1. Wie lassen sich die vielen Kontroversen über Verknüpfungen (Assoziationen) entfalten, ohne das Soziale bereits von vornherein auf den menschlichen Bereich zu beschränken. Wir können ja Dinge, Tiere, Pflanzen etc. nicht so befragen, wie wir es mit Menschen tun. (Ganz einmal abgesehen davon, dass bei der „Soziologie des Sozialen“ diese Befragungen sowieso nur dazu dienen, um das „falsche Bewusstsein“ der Akteure zu entlarven.
  2. Wie lassen sich die Mittel, mit denen AkteurInnen diese Kontroversen stabilisieren, nachzeichnen?
  3. Durch welche Verfahren kann das Soziale in einem Kollektiv neu versammelt werden. (Latour verwendet hier absichtlich nicht den Begriff „Gesellschaft“, sondern Kollektiv. Zu den Unterschied dieser beiden Termini kommen wir gegen Ende des Buchtexts noch genauer zu sprechen.

Warum so eine komplizierte Einleitung?

Es stellt sich natürlich die Frage ob die Einleitung wirklich so kompliziert und relativ unverständlich formuliert sein muss. Abgesehen davon, dass es eine neue noch junge Sichtweise ist, die mit einer anderen, langjährig dominanten Perspektive konkurrenziert, gibt es noch andere Gründe für diese etwas schwierige Einführung, die in der Einführung zum 1. Teil deutlich gemacht werden:

Wie in der Physik mit der Heissenbergschen Unschärferelation gibt es auch eine inhärente logische Beschränkung der ANT: Latour, der das Verhältnis von alter „Soziologie des Sozialen“ und neuer „Soziologie der Assoziationen“ gerne mit der Beziehung der klassischen Physik (Newton) zur relativistischen Physik (Einstein) vergleicht, sieht gleich fünf Unbestimmtheiten (Unschärferelationen) in der ANT (S.42f.). Es ist also dem Inhalt selbst, der in der ANT innewohnenden Logik verschuldet, dass (zu Beginn) für Neulinge alles etwas rätselhaft und kryptisch wirkt. Es muss jedoch vor jedem weiteren (erklärenden) Schritt zuerst alle fünf Unsicherheiten berücksichtigt werden. Wie das geht, das werden wir in den nächsten fünf Lektionen (jede der kommenden fünf Lektionen wird sich einer Unbestimmtheit widmen) genauer untersuchen.


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