Latour-04

Die erste Quelle der Unbestimmtheit bzw. der Unschärfe jeder sozialwissenschaftlicher Untersuchung – mit der Latour in seiner Darstellung der ANT beginnt – ist die Gruppe. „Gruppe“ ist für ihn einerseits etwas, was ständig in Bewegung ist, sich ununterbrochen formiert, sich abgrenzt, sich umgruppiert, sich auflöst oder nach Identität sucht. Andererseits sind Akteure nicht einfach auf eine bestimmte Gruppe festzulegen; sie gehören verschiedenen Gruppen gleichzeitig und sich überlappend an: Gruppen mit verschiedenen identitätsstiftenden Merkmalen (Staatsbürger, Konsument, Latour-Leser), Gruppen in verschieden komplexen Aggregatzuständen (Schülerin, Schulsprecherin).

Worin besteht die Unbestimmtheit?

Ist es diese Bewegung und Überlappung, was unter Latours (sozial)wissenschaftliche Unschärfe zu verstehen ist? Etwa nach dem Muster einer fotografischen Aufnahme eines sich schnell bewegenden Objekts, das auf einem Foto – wegen seiner rasche Eigenbewegung – nur verschwommen sichtbar ist, oder – weil es durch ein anderes Objekt verdeckt wird – nur teilweise sichtbar ist?  – Ich glaube nicht, dass damit sich die Unbestimmtheit erklären lässt. Die Unschärfe wäre dann nämlich mit einer anderen Herangehensweise zu umgehen: Durch die Wahl einer kürzeren Belichtungszeit, die das Objekt scharf abbildet, durch die Wahl eines anderen Aufnahmeorts, mit freier Sicht zum Zielobjekt.

Nein, die Unschärfe ist eine grundsätzliche, nicht auflösbare Schwierigkeit: Wie die Messung im subatomaren Bereich durch das Messinstrument selbst verfälscht wird (Elektronenmikroskop = Schießen von Energiepartikeln auf das zu untersuchende Objekt), sind SozialwissenschaftlerInnen nicht nur selbst Teil der zu untersuchenden Umgebung sondern beeinflussen sie auch, z.B. indem sie bestimmte Interpretationen, Zuordnungen, Festlegungen (z.B. welche Gruppe relevant ist und welche irrelevant ist) vornehmen.

Für eine solche willkürliche Grenzziehung gibt es natürlich viele „objektive“ Gründe: Schließlich muss die Untersuchung ja irgendwo „begonnen“ bzw.“begrenzt“ werden, das Thema „fokussiert“ werden. Darin sieht Latour aber bereits das erste Problem – und einen gravierenden Unterschied zum Sozialen Nr. 1:

Es gibt im Sozialen Nr. 2 beim Beginn einer Untersuchung keine mehr oder weniger relevanten Gruppen. Der Diskurs welche Gruppe relevant oder irrelevant ist, ist selbst bereits Teil des Untersuchungsgegenstands.

Aufgabe von SozialwissenschaftlerInnen ist es gerade, diese Kontroversen über Gruppenbildung zu kartografieren und nicht etwa den gerade erreichten Zustand unhinterfragt als gegeben anzunehmen. Dabei soll nicht nur auf die Kontroverse geachtet werden, sondern sie soll – so die Überschrift zum 1.Teil des Buches – „entfaltet“ werden. Bei dieser „Entfaltung“ muss aber vorsichtig vorgegangen werden: Die größte Gefahr besteht darin, dass SoziologInnen mit einem vorgefertigten „Rahmen“ sich über diese Kontroversen werfen und sie z.B. mit ihrer Soziologensprache vereinnahmen. The map is not the territory – die Landkarte, die wir zeichnen, darf nicht mit dem kartografierten Gebiet verwechselt werden.

Deshalb ist es wichtig, dass die Metasprache der AkteurInnen (Ja! – auch Akteure haben eine Metasprache, bemühen sich um Begriffe) nicht mit der Metasprache der AnalytikerInnen verwechselt wird. ANT verwendet daher keine reflektierte Metasprache, sondern eine Infrasprache, die strikt bedeutungslos bleibt und nur der einen Aufgabe dient, sich zwischen verschiedenen Bezugsrahmen bewegen zu können. (Darüber später noch genauer, wenn es um ANT-Berichte geht = 5. Quelle der Unbestimmtheit.)

4 Spuren-Elemente der Gruppenbildung

Der Prozess der ständig vor sich gehenden Gruppenbildung bzw. Gruppenerneuerung ist viel einfacher zu untersuchen als „stabile“ Gruppen. Im Prozess der Gruppenbildung werden Spuren hinterlassen, Spuren die es gilt als Soziologe nachzuzeichnen. Dabei können vier Fragen sehr hilfreich sein:

  1. Wer sind die „Sprecher“ der Gruppe, ihre Advokaten und was sagen sie?
  2. Wer sind die Feinde der Gruppe, was sind die zu jeder Gruppe gehörenden Anti-Gruppierungen?
  3. Wie wird die Gruppe definiert (durch ihre Akteure, nicht etwa durch SoziologInnen!), was sind ihre (diskutierten) Grenzen?
  4. Welche soziologischen Instrumente „hängen“ an der Gruppe, wie stehen schließlich die SozialwissenschaftlerInnen zu dieser vor sich gehenden Kontroverse?

H1N1 (Schweinegrippe) – Ein Beispiel

In den ersten Kommentaren wird darauf verwiesen, dass Beispiele den Latour-Text besser verständlich machen würden. Impfstoff wird dabei als Beispiel – und wie ich glaube, gutes Beispiel – genannt. Gut jedoch– zumindest für mich – bloß im abstrakten Sinne: Ein aktuelles Beispiel mit dem sich recht gut die Kontroverse nachzeichnen lässt – wenn, ja wenn man/frau die entsprechenden Kenntnisse in Zusammenhang mit Impfstoffen und Epidemien hätte <grin>. Ich kenne mich leider mit diesem Thema viel zu wenig aus – und wenn ich eins von Latour gelernt habe, dann ist es dies: SoziologInnen müssen etwas von der Sache verstehen, sie können nicht auf eines (sprachliche) Meta-Ebene ausweichen.

Trotzdem möchte ich – quasi laienhaft und bloß als erster Versuch – das Beispiel an den 4 Spuren-Elementen anwenden: Eine mögliche Kontroverse, die hier kartografiert werden könnte wäre z.B.: Ist H1N1 gefährlich, bzw. gefährlicher als andere Grippeviren? Je nachdem, welcher Position man anhängt, gehört man/frau zur Gruppe der FürsprecherInnen für hohe Gefahr, bzw. der Anti-Gruppe, die darin keine so große Gefahr sieht.

  1. Wer sind die „Sprecher“ der Gruppe, ihre Advokaten und was sagen sie? – Natürlich gibt es einige Gruppe mit ganz klarem Interesse, wie die pharmazeutischen Konzerne, die Produzenten von Impfstoffen. Aber müssen (inzwischen ?) auch (Gesundheits-)Politiker, wie Obama, der gerade dazu den nationalen Notstand ausgerufen hat, dazu gerechnet werden? Wie stehen die verschiedenen anderen „SprecherInnen“ wie Epidemiologen, Ärzteverbände,  GesundheitspolitikerInnen, Touristenverbände, Regierungen etc.
  2. Was sind die Feinde der Gruppe, was sind die zu jeder Gruppe gehörenden Anti-Gruppen? – Gibt es die hier überhaupt? Wieso – so fragen sich einige Laien (wie ich z.B.) wird so viel Wirbel um H1N1 gemacht, wenn es stimmt, was Dr. Margret Chan von der WHO sagt: „[T]he overwhelming majority of patients experience mild symptoms“. Vielleicht kann daher die WHO als Anti-Gruppe gesehen werden?
    z.B: „With the exception of the outbreak in Mexico, which is still not fully understood, the H1N1 virus tends to cause very mild illness in otherwise healthy people. Outside Mexico, nearly all cases of illness, and all deaths, have been detected in people with underlying chronic conditions.“ (siehe hier, etwa unteres Drittel). Die klinischen Indikatoren sind keineswegs eindeutig, wie neuere Untersuchungen zeigen  (PDF1.5 MB)
  3. Wie wird die Gruppe (durch ihre Akteure, nicht etwa durch SoziologInnen!) definiert, was sind ihre Grenzen? – Ich würde hier die (kontroversiellen ?) Definitionen von H1N1 bzw. Schweinegrippe anführen, z.B. in Wikipedia, als Veränderung etc.
    z.B. „Influenza A virus strains are categorized according to two proteins found on the surface of the virus: hemagglutinin (H) and neuraminidase (N). All influenza A viruses contain hemagglutinin and neuraminidase, but the structures of these proteins differ from strain to strain, due to rapid genetic mutation in the viral genome.“
  4. Welche soziologischen Instrumente „hängen“ an der Gruppe, wie stehen schließlich die (Sozial- und anderen) WissenschaftlerInnen zu dieser vor sich gehenden Kontroverse? – Hier würde ich beispielsweise sowohl die Bewertung der Schwere der Pandemie zuordnen (vgl. Assessing the severity of an influenza pandemic), was offensichtlich durchaus nicht einfach ist (PDF318 kB),  die Einteilung und Definition der qualitativen Indikatoren (geographische Ausbreitung, Trend, Intensität und Auswirkung, vgl. hier) als auch überhaupt die Konstruktion der 6 Phasen einer Pandemie (PDF332 kB).

Ein gutes Illustration für ANT gibt der 6 Minutenfilm der WHO. Der Film zeigt wie das Alarm-Netzwerk aufgebaut ist, welche Faktoren, Berufe, Kommunikationsmittel involviert sind. Eine gute Fingerübung wäre es all die bisherigen erwähnten Begriffe der ANT unter dem Aspekt dieses Informationsvideos zu illustrieren zu versuchen. Möchte das wer probieren?

Gruppenbildung und Erkenntnistheorie

Gruppen bzw. soziale Aggregate können nicht durch bloß eine hinweisende (ostensive) Definition, durch das Zeigen auf Beispielen erläutert werden, sondern müssen vielmehr durch ständige performative Sprechakte gesetzt bzw. in Bewegung gehalten werden. Allerdings will Latour damit nicht sagen, dass der Sprechakt selbst bereits die Handlung ist wie z.B. in „Die Tagung ist hiermit eröffnet.“, sondern dass die vor sich gehenden sprachlichen Kontroversen Teil des Gruppenbildungsprozesses sind.

Erkenntnistheoretisch nimmt die ANT nicht eine objektive, außerhalb des zu untersuchenden Zusammenhangs stehende Position ein. Es gibt kein „Gottes Auge“, womit das „Ganze“ erfasst werden kann. VerfechterInnen der ANT geht es vielmehr wie der sprichwörtlichen Elefanten-Kontroverse: Je nach dem Standpunkt und Interesse wird der Elefant unterschiedlich wahrgenommen. Hört einmal die Diskussion darüber auf, was nun eigentlich dieses gemeinsam untersuchte Objekt ausmacht, dann hört in gewisser Weise auch das Konstrukt zu existieren auf: z.B. „Elefant“ (Perspektive: Gottes Auge) bzw. „Ventilator“ (dritter Wissenschaftler von links) „Seil“ (Wissenschaftler ganz rechts).

Ich sage in diesem Beispiel, dass das „Konstrukt“ zu existieren aufhört, nicht das Objekt selbst. Das ist aber genau der Unterschied zum Konstrukt „Gruppe“. „Gruppe“ kann eben nicht durch eine hinweisende Definition – wie es die 6 „Elefanten“-Wissenschaftler tun) erklärt bzw. gegründet werden. „Gruppe“ ist kein Objekt sondern eine Bewegung, und hört einmal diese Bewegung (Kontroverse) auf, dann gibt es auch keine Gruppe mehr, so wie es keinen Tanz mehr gibt, wenn man zum Tanzen aufhört. Gruppen werden vielmehr durch die Kontroversen selbst geschaffen, abgegrenzt, identifiziert, gegenübergestellt, charakterisiert etc.

Sobald man aufhört, Gruppen zu bilden und umzubilden, gibt es keine Gruppen mehr (63)

und

… der Gegenstand einer performativen Definition löst sich auf, wenn er nicht länger zur Darstellung gebracht wird (68)

[Vielleicht wäre es sinnvoll für diesen dynamischen Gruppenbegriff einen eigenen Begriff zu verwenden. So wie Latour statt „Gesellschaft“, das zu stark an Soziales Nr.1 erinnert, den Begriff des „Kollektivs“ im späteren Text verwendet, so könnte beispielsweise „Ensemble“ – was zudem die Nähe zu assemblieren, zusammensetzen aufweist – für den durch Soziales Nr.1 dominierten Gruppenbegriff verwendet werden.]

Zwischenglieder (intermediary) und Mediatoren (mediators)

Eine weitere unglückliche Übersetzung ins Deutsche: Der für die ANT so kleine aber wichtige Gegensatz von einem Zwischenglied, das nichts verändert, nur verbindet und einem Zwischenglied, das verändert, übersetzt, vermittelt, transformiert wird leider mit dem Begriffspaar Zwischenglied und Mittler übersetzt. Ich finde es weit besser und instruktiver Zwischenglied und Mediator zu verwenden, weil hier wesentlich deutlicher der Unterschied zwischen aktiver (Mediator) und passiver Rolle (Zwischenglied) herauskommt. Ich werde im Weiteren daher statt Mittler immer Mediator verwenden.

Die Aufmerksamkeit auf diesen kleinen, aber entscheidenden Unterschied zu legen, hat große Konsequenzen in der Akteur-Netzwerk Theorie. Ist z.B. eine E-Mail nur ein Zwischenglied der face-to-face Kommunikation oder ist es ein Mediator, der die Kommunikation verändert, gestaltet, transformiert? – Ich bin fest davon überzeugt, dass das Letztere der Fall ist.

Mit der Unterscheidung Zwischenglied-Mediator werden wir darauf hingewiesen, dass wir die Verbindungen und Verknüpfungen des Netzwerks selbst untersuchen müssen. Es geht nicht bloß um die Objekte, die an diesen Verbindungen „hängen“, sondern es geht auch um die Art und Weise der Verbindungen selbst. ANT geht davon aus, dass die innere Natur der Verbindungen selbst unbestimmt ist und untersucht werden muss. Wenn sich herausstellt – was bei genauer Betrachtung, dann tatsächlich häufig der Fall ist –, dass es sich um Mediatoren handelt, dann hat das großen Einfluss auf die Theoriebildung.

Wieder zu unserem Beispiel H1N1:

  • Ist die Ankündigung von Obama, dass die Schweinegrippe als nationaler Notfall zu behandeln ist, bloß eine neutrale Mitteilung oder hat sie Einfluss auf die Kontroverse über H1N1?
  • Ist das Warnsystem der WHO bloß ein Zwischenglied zur Feststellung der Schwere der Pandemie oder ist das Aufstellen der 6 Phasen, der 4 qualitativen Faktoren etc. bereits selbst Teil der Kontroverse?

Selbst die berühmten individuellen Akteure (z.B. Obama) als auch großen und wichtigen systemischen Akteure (WHO) sind oft selbst Teil des Gruppenbildungsprozesses und nicht bloß neutrale Projektionen. Sie sind Ameisen und bewegen sich auf derselben (flachen) Ebene, wie wir alle. Die berühmte 11. Feuerbachthese von Karl Marx gehört nach Latour daher adaptiert und wieder zurück auf die Füße gestellt:

Die Sozialwissenschaftler haben die Welt nur verschiedenen verändert; es kommt darauf an, sie zu interpretieren. (75)

Unterschiede zwischen Soziales Nr.1 und Soziales Nr.2

Zum Schluss möchte ich noch als eine Art Zusammenfassung die durch die erste Quelle der Unbestimmtheit herausgearbeiteten Unterschiede zwischen Soziales Nr.1 und Nr.2 tabellarisch auflisten.

Soziales Nr.1 Soziales Nr.2
Konzepte der Analytiker haben größere Bedeutung Konzepte der Akteure haben größere Bedeutung
Kommentare sind wichtiger Zitate, Originaldokumente sind wichtiger
Mit Definitionen, Verkündungen beginnen Nicht mir Definitionen und Verkündungen beginnen sondern die Definitionen und Verkündungen der Akteure nachzeichnen
SozialwissenschaftlerInnen sind in einer anderen Sphäre, haben einen unvoreingenommen (Über-)Blick SozialwissenschaftlerInnen sind Akteure im Gruppenbildungsprozesse wie alle anderen, können keinen unvoreingenommenen Blick entwickeln
Gruppen sind stabile Objekte und können (von außen) gezeigt werden Gruppen sind Momente der Bewegung und können nur sich selbst darstellen
Ordnung, Stabilität, Zusammenhalt ist die Regel Bewegung, Veränderung, Instabilität ist die Regel
Irgendwo muss die Forschung beginnen, warum dann nicht mit einer Definition (von Gesellschaft)? Definieren wir nicht selbst das zu Untersuchende, sondern lassen es die Akteure definieren, zeichnen wir nur nach was die Akteure tun/definieren etc.
So wie Gruppen gibt es auch die Gesellschaft a priori So wie Gruppen muss auch Gesellschaft immer wieder durch subtile Veränderungen nicht-sozialer Ressourcen entworfen werden
Es gilt ein Schlüsselvokabular zu entwickeln, das die Sprache der Akteure in die Sprache der Analytiker transformiert Es gibt kein drittes Vokabular, keine Verrechnungsstelle, die die Handlungen unter der Perspektive der Analytiker erklärt
Es gibt soziale Kräfte, die als Klebstoff für stabile Gesellschaftsordnungen wirken Es gibt kein Reservoir an Bindungen, keine sozialen Kräfte, die im Hintergrund ständig wirken
Die Gesellschaft ist wie ein zu restaurierendes Gebäude: Es ist schon immer vorhanden und muss nur ständig erneuert werden. Die Gesellschaft ist wie eine Bewegung, wie z.B. ein Tanz, wird die Bewegung nicht mehr fortgeführt, gibt es sie nicht mehr. .
Es gibt eine Trägheit, die Soziales (weiter) bestehen lässt. Nur in der ständigen Bewegung gibt es Soziales.
Es gibt nur einen Typ sozialer Aggregate, der je nach der entsprechenden Theorie bevorzugt wird – mit vielen Zwischengliedern aber wenigen Mediatoren Es gibt keine bevorzugten Typ sozialer Aggregate (Individuen, Klassen, Schichten, etc.), die zudem noch durch viele Mediatoren verändert werden
Soziologie sollte so exakt wie eine Naturwissenschaft sein Soziologie sollte nicht die Naturwissenschaften imitieren und vor allem – wie etwa die Anthropologie die Vielfalt entwickeln.

 

Diskussion

 Re:GLL-02: 2. Woche: Keine Gruppen, nur Gruppenbildungen (50-75)

Kommentar von mullmann am 29.10.2009 15:49

Ich versuche, den 6-Minuten-Film der WHO als Ameise zu sehen. Als Kontrast zunächst die herkömmliche Sichtweise:

Sociologists of the Social betrachten das Alarmnetzwerk als eine soziale Leistung von Menschen, die der WHO angehören. Die sozialen Kräfte ermöglichen es, dass sich Menschen in die Dienste der WHO stellen, um die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Die WHO ist eine Organisation, zu der Menschen verschiedenster Länder gehören. Das Alarmnetzwerk ist ein soziales Netzwerk, das durch technische Errungenschaften, den Informations- und Kommunikationstechnologien unterstützt wird. Es ist streng zu trennen zwischen der Natur (den Erregern, die die Krankheiten auslösen), der Wissenschaft (die die Geheimnisse der Erreger aufdeckt), der Gesellschaft (die die Probleme der Globalisierung ausbaden muss), der Wirtschaft (die sich freut, dass es wieder neue Arzneimittel zu verkaufen gibt) und der Politik.

Für Ameisen gibt es „das“ Alarmnetzwerk nicht, es gibt nur zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ensembles, die irgendwie mit dem Thema „Epidemien“ zu tun haben und die unterschiedliche Größe und Zusammensetzung aufweisen können. Diese Ensembles bestehen nur solange, wie sie miteinander in Beziehung stehen und setzen sich nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Nicht-Menschen (Tiere, Pflanzen, unbelebte Materie) zusammen. Zu diesen sog. „Akteuren“ zählen z.B. der Informationsfilm, Kommunikationstechnologien, Versammlungsräume, Mikrofone, Kleidung (z.B. Mundschutz), Laboreinrichtungen, Bücher über Infektionskrankheiten und natürlich die Erreger (Bakterien, Viren, Protozoen, „Würmer) und die Überträger (Stechmücken).
Es gibt Akteure, die dafür sorgen, dass bestimmte Ensembles immer wieder hergestellt werden. Akteure sind auch durch Kommunikationstechnologien miteinander verbunden. Hier stellt sich die Frage, ob die Technologien Intermediäre oder Mediatoren darstellen. Ginge man nach McLuhan, so sind es Mediatoren: The Medium ist the massage“.

Soweit die ersten Überlegungen.

 Re:GLL-02: 2. Woche: Keine Gruppen, nur Gruppenbildungen (50-75)

Kommentar von baumgartner am 30.10.2009 17:18

Mir gefallen Ihre ersten Überlegungen sehr gut. Ich weiß: das ist eine sehr allgemeine und nicht besonders brauchbare Rückmeldung. Aber ich kann im Augenblick nicht mehr sagen. Ich muss (a) noch mehr darüber nachdenken und (b) noch stärker die Konsequenzen für die Forschungsmethode überlegen.

Ich möchte gerne versuchen das Beispiel des Alarmnetzwerks in den kommenden Kapitel weiter auszubauen. Ich bin insbesondere neugierig darauf, was sich aus Ihren Überlegungen für die 5. Quelle der Unbestimmtheit (Verfassen riskanter Berichte) ableiten lässt.

NB.: Überhaupt halte ich die hinteren Teile, insbesondere den II.Teil des Latour-Buches („Wie kann man Assoziationen wieder nachzeichenbar machen?“) für die praktische Umsetzung besonders wichtig, muss aber zugeben, dass ich beim ersten Mal lesen nicht alles verstanden habe. – Eine zweite gemeinsame und detaillierte Lesung kann hier vielleicht Abhilfe schaffen. Das heißt aber: Geduld haben! Das gilt auch für ein substantielleres Feedback von mir.

 Re:GLL-02: 2. Woche: Keine Gruppen, nur Gruppenbildungen (50-75)

Kommentar von Vohleam 31.10.2009 19:12

… spätestens nach der ersten Unschärfe habe ich versucht, einen S c h l ü s s e l zum Verständnis des Textes zu finden (man geht ja mit dieser Art Texte unweigerlich schwanger, das ist eine anstrengende Unruhe). Hängen geblieben bin ich auf S. 63, da steht: „Für Soziologen des Sozialen (S1/V.) ist Ordnung die Regel, während Wandel, Verfall oder Schöpfung die Ausnahme bilden. Für Soziologen der Assoziation (S2/V.) ist die Regel Performanz, und das zu Erklärende, die erstaunlichen Ausnahmen, besteht in jeglicher Art von Stabilität über einen längeren Zeitraum hinweg und in einem größeren Maßstab. ALS WÄREN IN BEIDEN DENKRICHTUNGEN HINTERGRUND UND VORDERGRUND VERTAUSCHT.“ Letzteres finde ich zentral, für das Verständnis von Labour. Mir fällt auf, das viele Beispiele nach einem „i n v e r s e n Prinzip“ (Tausch Hintergrund /Vordergrund) aufgebaut sind, an das man sich erst gewöhnen muss. Das sieht man gut weiter oben in Peter Synopse oder am Gegenstand dieses Kapitels, Gruppe vs. Gruppenbildung.

In diesem Zusammenhang viel mir auch der Satz auf (der oben schon zitiert ist): „Sobald man aufhört Gruppen zu BILDEN und UMZUBILDEN, gibt es keine Gruppen mehr.“ (S.63) Oder plakativer: Der Tanz existiert nicht mehr wenn man aufhört zu tanzen. Lezteres finde ich sehr interessant, weil es in zugespitzter Form vielleicht auf folgendes hinausläuft: SEIN (der Tanz, die Gruppe etc. ) ist WERDEN (tanzen, bilden, umbilden). Es hat den Anschein, dass Latours Interesse primär den innovatorischen Brüchen und den Diskontinuität gilt und erst sekundar (als Hintergrundfolie) den Kontinuitäten und Traditionen.

Soweit meine Anker, Frank


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