Latour-05

Die zweite Quelle der Unbestimmtheit: Der Ursprung der Handlung

In diesem Kapitel de- und rekonstruiert Latour den sozialwissenschaftlichen Handlungsbegriff. Wie im vorigen Kapitel (Gruppenbildung = 1. Quelle der Unbestimmtheit, vgl. GLL-02) fordert ANT, dass keine voreilige Zuweisungen von WissenschaftlerInnen vorgenommen werden dürfen. Auch bei der Untersuchung der Handlungsträger und deren Handlungen muss das breite Spektrum der Kontroversen aus der Sicht der Akteure voll zur Entfaltung gebracht werden. SozialwissenschaftlerInnen und Akteure sind einander in ihrer Interpretationen, Theoriebildungen ebenbürtig wenn sie fragen: Wer handelt? Warum handelt wer? Was bringt und dazu das Gleiche zur gleichen Zeit zu tun? Warum knüpfen unsere Handlungen an die Handlungen anderer an?  Wie entsteht die „soziale Welt“ und woraus besteht sie?

Handeln als Konglomerat vieler überraschender Quellen

Eine der zentralen Fragen – wenn nicht sogar die zentrale Frage – der Soziologie Nr.1 (ich verwende in Zukunft die von Frank Vohle eingeführte Abkürzung S1) ist es das Zusammenspiel der vielen Akteure zu erklären. Wie ist es möglich, dass freie Individuen aufeinander Bezug nehmen, dass jede individuelle Handlung Teil eines Netzwerks von Handlungen ist, dass aus der Mikroebene der Handlungen Gruppierungen wie Organisationen, Institutionen, Gesellschaft entstehen?

Es ist für S1 die umgekehrte Fragestellung wie in der ersten Quelle der Unbestimmtheit, sozusagen die Kehrseite der Medaille: Dort hat es geheißen „Welchen der sozialen Aggregate ist der Vorzug zu geben?“ (vgl. S.51) und jetzt heißt es: „Welche soziale Kräfte determinieren die Handlungen der Akteure?“ (z.B. S.77f.). Wiederum wird genau das, was in seiner Entstehung, kontroversen Bildung und Entwicklung untersucht werden soll, von S1 bereits vorausgesetzt (Gruppe bzw. soziale Kräfte).

Handeln ist ein Knoten, eine Schlinge, ein Konglomerat aus vielen überraschenden Handlungsquellen, die man eine nach der anderen zu entwirren lernen muss. (77)

Empirismus statt Vampirismus

Latour aktiviert die Metapher des Akteurs in Theater bzw. Kino. Er will damit verdeutlichen, dass es nicht auf de einzelne Schauspieler ankommt (vgl. Erving Goffman: Wie alle spielen Theater.), sondern auf das ganze Ensemble inklusive Bühnenbilder, Beleuchtung, Kameraführung etc.

Genauso wie die Ethnomethodologie (bzw. anthropologische Feldstudien) gehen ANT-ForscherInnen davon aus, dass sie den Akteuren genau zuhören müssen und sich von interpretativen Rahmen, Deutungen und Zuschreibungen, die ja bloß aus der Kultur bzw. der Metaebene des Wissenschaftlers stammen, hüten müssen. Statt eigene „Theorien“ über die Akteure zu stülpen sind die Akteure ernst zu nehmen, statt eigenes Vokabular (Metasprache) zu verwenden, muss das Vokabular der Akteure als Ausgangspunkt beibehalten werden.

Aufzeichnen, nicht herausfiltern, beschreiben, nicht disziplinieren – sie sind die ehernen gesetze unseres Fachs. (97)

4 Zugriffsmöglichkeiten für SozialwissenschaftlerInnen

Wie bei der Gruppenbildung gibt es wieder 4 Elemente um diese Kontroversen nachzeichnen zu können.

  1. Handlungsträger („Agencies“) bzw. Akteure müssen präsent sein und etwas bewirken. Werden Handlungsträger beschrieben, dann muss vor allem über Handlungen und deren Wirkungen bzw. Spuren, die sie hinterlassen, berichtet werden.
  2. Figuration heißt die konkrete Gestalt, die dem Handlungsträger verliehen wird. Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten denselben Handlungsträger zu beschreiben. Diese unterschiedlichen Formen, Gestalten nennt Latour (in Anlehnung an Nobert Elias) Figuration. Es gibt immer verschiedene Arten denselben Akteur zu figurieren: Die amerikanische Regierung, Barack Obama, die Vereinigten Staaten, der US-amerikanische Kongress, viele Senatoren etc.Aktanten: Es gibt nicht nur menschliche Handlungsträger sondern auch nicht-humane „Existenzformen“ von Handlungsträgern: Der Regenschirm schützt vor dem Regen, das Gas bringt das Wasser im Topf zum Kochen. Der aufgespannte Regenschirm ist wie das Wasser im Topf eine andere Figuration (Gestalt) des Regenschirms, der als Spazierstock getragen wird und das Wasser, das auf dem aufgespannten Regenschirm prallt. Um die anthropomorphe Schlagseite bei der Verwendung des Akteur-Begriffs zu überwinden, verwendet ANT den aus der Literaturwissenschaft stammenden Begriff des Aktanten.
  3. Welche Handlungsträger werden in der Kontroverse zurückgewiesen, als illegitim angesehen, welche Handlungsträger werden hinzugefügt, wird Bedeutung zugemessen?
  4. Welche Wirkungen wird den Handlungsträgern zugeschrieben? Das ist die Frage nach der Handlungstheorie, die von den Akteuren (nicht von den WissenschaftlerInnen!) vertreten wird. Hier ist – wie bei der Gruppenbildung – wiederum wichtig Zwischenglied und Mediator (Mittler) zu unterscheiden. Und: Diese Unterscheidung ist unabhängig davon ob es sich um eine abstrakte Figuration (z.B. „Stand der Produktivkräfte“) oder um eine konkrete Figuration (z.B. „der neue deutsche Außenminister Guido Westerwelle“) handelt.

Handeln ist unterbestimmt, nicht transparent, dis-lokal

Ich habe diesen Abschnitt absichtlich nicht „Handeln wird aufgehoben“ getauft, um den von der etwas dunklen Hegel’schen Ausdrucksweise stammenden Begriff „Aufhebung“ zu vermeiden. Für mich drückt sich darin die nach meinem Gefühl für die ANT nicht ganz richtige Vorstellung einer Spiralbewegung aus, wo auf einer „höheren Ebene“ etwas Neues entsteht, dabei aber das Alte – in anderer Form – weiter wirkt bzw. beibehalten wird. Zum Unterschied davon finde ich den Neologismus „dis-lokal“ für das Verständnis von ANT geeigneter und auch insgesamt aussagekräftiger. Keine Spiralbewegung oder dialektischer Widerspruch sondern eine Zerstreuung, eine Art von Auflösung im Raum scheint mir die richtigere Analogie zu sein und auch mit dem schon mehrmals strapazierten Vergleich mit der Physik (vgl. Quantentheorie) besser zusammen zu passen.

Vergleiche für diese Analogie die interessante Diskussion der Newsgroup de.sci.physik: Auf die Frage, was denn nun ein „Teilchen“ sei, ob ein Quant auch stofflich zu verstehen sei oder nur eine Wirkung verursacht heißt es ungefähr in der Mitte des Diskussionsstranges (nach „dislokal“ suchen):

Die Interferenz dieses Photons muß durch eine (dislokal wirksame) Wellenfunktion beschrieben werden, und sobald es wieder lokalisierbar ist, „kollabiert“ diese wieder. Quanten scheinen es als erste Wahl „vorzuziehen“, dislokal zu interferieren und erst dann wenn das wegen lokaler Definitheit nicht möglich ist lokal zu „kollabieren“.

Der Neologismus „Dis-lokal“ ist also bloß in den Sozialwissenschaften ein bisher nicht allgemein verwendete Begrifflichkeit. Er wurde von Cooren 2001 in The Organizing Property of Communication eingeführt um den (scheinbaren?) Widerspruch zwischen Mikro- versus Makroanalysen begrifflich „aufzuheben“ – um bei der Hegel’schen Terminologie zu bleiben. Die Idee dahinter ist folgende Beobachtung:

SoziologInnen, die sich vor allem mit der Mikroebene beschäftigen (z.B: EthnomethodologiePhänomenologische SoziologieSymbolischer Interaktionismus), fokussieren auf das „Hier und Jetzt“ („here and now“), also auf kleinräumige, lokale, aktuelle, situationale Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. MakrosoziologInnen (z.B. SystemtheorieStrukturalismus bzw. Post-Strukturalismus) hingegen fokussieren auf das „Dort und Damals“ („there and then“), also auf großräumige, globale, allgemeine, strukturelle Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. Können bzw. sollen diese beiden unterschiedlichen Zugänge harmonisiert werden? Wenn ja – wie?

Die ANT-Wort ist ja! In Anlehnung an die Ethnomethodologie werden alltagspraktische Handlungen, also aktuelle, kleinräumige Situationen (Mikrosoziologie) untersucht. Dieser „Bottom-Up Ansatz“ wird dann jedoch durch die Einbeziehung der Rolle nicht-humanen Akteure zeitlos und disloziert. Ein Beispiel von Cooren & Fairhurst soll dies verdeutlichen:

3 Tage lang wurde der Generalmanager eines 60-stöckigen Hochhauses mit einer Videokamera begleitet. Ziel der Feldarbeit war es ein besseres Verständnis von seinen alltäglichen Routinetätigkeiten zu gewinnen.  Während dieses Beobachtungszeitraums zeigte sich, dass bestimmte Vorschriften (z.B. eine Anschlagtafel beim Eingang) und Geräte (wie z.B. die TV-Überwachungskamera), die nach 9/11 eingeführt worden waren, eine wichtige Handlungsrolle übernommen haben:

  • Jeder Mieter kann nun nur mehr mit einem Sicherheitsausweis das Gebäude betreten. Wenn die Karte ungültig ist oder vom Lesegeräte nicht erkannt wird, dann ertönt im Büro des Überwachungspersonal ein Signal, das zur Handlung auffordert.
  • BesucherInnen hingegen haben – da sie keine gültigen Ausweise besitzen – sich in der Empfangshalle bei einem eigens installierten Reistrierungsgerät anzumelden und werden dort durch den Automaten auch auf die TV-Überwachungskamera hingewiesen.

Im Rahmen der Mikrosoziologie können die Beobachtungen der Verhaltensweise von Gästen (Außensicht durch „objektive“ Beobachtung) nun folgendermaßen als sinnstiftende Handlungen (Innensicht durch Akteure) interpretiert werden:

  • Ich sehe eine Anschlagtafeln, die mich darauf hinweist, dass ich mich anmelden muss
  • Ich weiß – durch direkte oder indirekte Erfahrung –, dass ich bei einem (funktionierenden) Sicherheitssystem nicht ohne Anmeldung hinein komme.
  • Ich weiß – durch direkte oder indirekte Erfahrung –, dass normalerweise die Anmeldung für Gäste beim Eingang zu erfolgen hat
  • Daher: Ich muss mich bei der automatisierten Anlage in der Empfangshalle registrieren lassen.

Es fällt auf, dass alle angeführten Aktionen intentionale Handlungsfolgen eines menschlichen Akteurs sind („Ich“). Zum Unterschied davon bezieht die ANT nun auch nicht-menschliche Akteure (wie die Anschlagtafel und die Überwachungskamera) in die Analyse ein. Es heißt dann:

  • Die Anschlagtafel weist die Besucher auf den Notwendigkeit der automatisieren Anmeldung in der Empfangshalle hin.
  • Die Anlage registriert die Besucher und weist sie auf die TV-Überwachungskamera hin.

Es fällt auf, dass in dieser (kürzeren) Beschreibung Verben/Tätigkeitswörter verwendet worden sind (hinweisen, registrieren), dh. dass auch nicht-humane Akteure handeln können, d.h. eine Veränderung bewirken können. Wäre die Anschlagtafel nicht dort wo sie ist und hätte sie nicht diesen Text, den sie hat, dann würden die Handlungsfolgen von Gästen ganz anders verlaufen. Weiters fällt auf, dass sich die nicht-menschlichen Akteure jeweils auf Menschen beziehen, d.h. es wird eine Subjet-Objekt Relation eingenommen (Anschlagtafel bzw. Anlage – Besucher), womit diese Beschreibungnicht nur kürzer sondern auch vollständiger ist.

Was ist aber nun der inhaltliche Vorteil dieser „ANTeren“ Beschreibungsmethodik?

  1. Es werden in die Beschreibung der Szene die nicht-menschlichen Impulse für die menschliche Handlungen einbezogen. Im ersten Fall bleiben diese Handlungstrigger unberücksichtigt.
  2. Die automatische Registrationsanlage ersetzt das menschliche Empfangspersonal, darf jedoch nicht mit den Handlungen eines Portiers gleichgesetzt werden. Weder kann ein Pförtner 24/7 Stunden anwesend sein, noch kann eine automatisierte Anlage eine Ausnahme machen (etwa weil der Postbote ja bereits bekannt ist).
  3. Es wird damit ein Geflecht von aufeinander wirkenden (menschlichen und nicht menschlichen) Handlungstägern beschrieben, das nicht mehr  kleinräumig, situational und lokal ist: Die Zentrale der Anlage befindet sich nicht in der Empfangshalle, die Überwachungskameras werden ganz woanders ausgewertet, sind disloziert.
  4. Trotzdem die traditionelle Mikroebene  des „hier und jetzt“ überwunden ist, wird keine Makroebene (Klassen-, Rollen-, Gesellschaftstheorie) für die Beschreibung benötigt. Es braucht kein theoretischer Rahmen „über gestülpt“ werden.

How can we describe and analyze the details of interactions while showing that they literally contribute to the constitution of an organization? While this issue is hardly new, it is our hope that our answer will prove to be original. We undertake this analysis using a concrete situation to illustrate how “scaling up” occurs through actions that first appear to be locally performed. To do so, we will introduce concepts that have been developed by Bruno Latour (1986; 1994; 1996; 1999) to depict and analyze how non-human entities tend to not only dislocate interactions, but also stabilize them. This bottom-up perspective will then enable us to show that interactions are never completely local. Instead, they are what we call, using a neologism, “dis-local,” that is, their local achievement always mobilizes a variety of entities—documents, rules, protocols, architectural elements, machines, technological devices—that dislocate, i.e., “put out of place” (Webster’s Dictionary) what initially appeared to be “in place,” i.e., local. Our analyses will show that the “here and now” is always contaminated by the “there and then” (whether in the past or future). However, and this is the main point of our argument, this “there and then” was or will be another “here and now.” We never leave the level of events and actions even as these events become linked to one another through space and time. Paraphrasing Latour (1993) while giving it a Derridian flavor, we could say that the immanent (micro) is always already transcendent (macro).

(Abstract aus: Local? Global? No, Dislocal: How to Scale Up From Interactions to Organization, eine Vorversion des Beitrages Cooren François & Gail T. Fairhurst: „Dislocation and Stabilisation: How to Scale Up From Interactions to Organization“ in Putnam, Linda, und Anne Nicotera. 2008. Building Theories of Organization: Centering Organizational Communication. 1. Aufl. Routledge. S.117-152.)

 Re:GLL-03: 3.Woche: Handeln wird aufgehoben (76-108)

Kommentar von Vohleam 02.11.2009 20:52

Wiedermal ein schweres Kapitel, mein Buchrand säumt sich reichlich mit bunten Fähnchen. Man könnte unterstellen, dass ich für jede Farbe eine bestimmte Zuordnung habe, rot für Widersprüche, grün für Zustimmung, gelb für offene Fragen etc. Ein Beobachter könnte folgern, dass ich ordnungsliebend bin. Dem ist nicht so (nicht in dieser expliziten Form), ich greife wahrlos in die Farben und bringe „nur eine Markierung“ in den Text, als ob es meine letzte Chance wäre „irgendeinen“ Anker zu setzen, ehe mir der Text wieder entgleitet.

Das ist eine Selbstbeobachtung mit der ich Latours Hinweis illustrieren möchte, dass wir (Beobachter) nicht mit Metasprachen, vorgefertigten Annahmen und Konzepten dem Sozialen nachspüren sollen, sondern dass es um einen (unscharfen) Interpretationsakt der Innensichten der Akteure geht. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit (und damit falsch), denn Latour geht es ganz wesentlich darum, dass Handeln eine „dislokale“ (S. 82) Natur hat. Hinweise wie „Handeln ist nicht transparent, es steht nicht unter der vollen Kontrolle des Bewußsein (S. 77) oder das es „Unbestimmtheiten darüber gibt wer oder was handelt, wenn WIR handeln“ (S. 80) oder wenn schließlich Handeln als „verlagert, verschoben, buntscheckig, multiple (S. 105) gekennzeichnet wird, dann erinnert das sehr an die Theorie der verteilten Kognition von E. Hutchins. Leider weisst Latour erst gegen Ende des Kapitels in der Fußnote 30 auf die Verbindung zur Situierten Bewegung (Lave, Hutchins, Suchman) hin. Auch bei Giddens wird man hier ja fündig http://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Giddens. Mit seinen „berühmten“ Beispiel aus dem Flugzeugcockpit hatte Hutchins auf die verteilten Bedingungen für das Handeln (im Cockpit selbst und in der Ferne die Towers) und die Verteilung der Wissensformen neben Personen auch über technische Artefakte hinweg aufmerksam gemacht. Dieser „Situierungs“-Wink – etwas früher gebracht – hätte mir beim Lesen des Textes etwas geholfen. Nun gut, das konnte Latour nicht wissen :-).
Soweit meine Gedanken heute Abend, Frank

 Re:GLL-03: Anker zur Situierung für uns alle auswerfen

Kommentar von baumgartner am 02.11.2009 23:31

Ah, Du kennst Dich aus mit verteiltem Handeln, verteilter Kognition! Willst Du die Beispiele nicht mal genauer ausführen, damit wir alle davon profitieren können?

Ich gebe nämlich – verschämt, aber doch öffentlich – zu:
(a) dass ich bisher Hutchins „Cognition in the Wild“ noch nicht gelesen habe. Steht seit Jahren an vorderster Front im Buchregal. Lege ich mir jetzt auf das Nachtkästchen…

(b) dass ich das „berühmte“ Beispiel von Giddens nicht kenne. Überhaupt habe ich Giddens bisher sehr oberflächlich rezipiert. Der Giddensmeter steht bei mir seit langer Zeit verdeckt und versteckt in der hinteren Buchregalreihe. Habe nie gewusst, wo ich die anfangen soll/muss. Wahrscheinlich mit „The Constitution of Society, Outline of the Theory of Structuration“, nicht wahr?

(c) die Grundidee der „Situierten“-Bewegung zwar kenne und auch gut finde, aber die Untersuchungen selbst (z.B. von Suchman, die ich von meinem Berkeley-Stipendium auch persönlich kenne) nicht besonders aufregend finde. Lave schon, aber da weniger das „Situiertsein“ als andere Momente, die mich wie z.B. die „legitimierte periphere Partizipation“ weit mehr angesprochen haben. Vielleicht habe ich da aber was übersehen oder falsch verstanden?

Möchtest Du nicht – zu unser allem Vorteil – Deinen Anker so auswerfen, dass wir ihn alle sehen können. Hol Dir doch Schreibrechte für das Weblog, dann musst Du nicht in diesen mühseligen Kommentaren herumfummeln und kannst/willst vielleicht weiter ausholen!

 Re:GLL-03: 3.Woche: Handeln wird aufgehoben (76-108)

Kommentar von Vohleam 03.11.2009 16:55

Peter, 🙂 Ich „kenne mich nicht speziell aus“, das wäre reichlich übertrieben! Derzeit mühe ich mich soweit das geht n e b e n meinem Beruf durch die Texte von Latour. Was ich hier von mir gebe ist lautes Denken, ungeachtet der Tatsache, dass viele Dritte zuhören können (das muss ich ausblenden).

Zu deinen Fragen: (a) Hier gibt Hutchins selber eine knappe Zusammenfassung http://hci.ucsd.edu/hutchins/citw.html (b) berühmt ist nicht Giddens Beispiel, sondern das von Hutchins (Cockpit). Ich sage deshalb mit einem Augenzwinkern „berühmt“, weil es am Münchener Lehrstuhl (Mandl) immer wieder herangezogen wurde (Jahr 2000) http://hci.ucsd.edu/lab/hci_papers/EH1996-1.pdf, um die schlecht verstehbare „verteilte Kognition“ zu verdeutlichen bzw. das GRUNDSCHEMA überhaupt zu klären. Wir haben diesen Ansatz (Situierung/verteilte Kognition) aktuell aufgegriffen um eine theoretische Grundlage für ein laufendes EU-Projekt zu schaffen: http://www.imb-uni-augsburg.de/files/Arbeitsbericht_25.pdf, da sieht man dann einen möglichen Transfer ins e-learning, bisher o h n e vertiefende soziologische Rückbindung (z.B. legitimierte periphere Partizipation).

Am Beispiel der webgestützten Fahrstunde im Arbeitsbericht (vom Cockpit kommen wir nicht los 😉 kann man die Verteilung und vielleicht auch die Dislokalität des Handels (Latour) verdeutlichen. Fahrschüler sind beim Fahrenlernen eingebunden in einen konkreten Handlungskontext. Ihr Handeln ist abhängig von der aktuellen Fahrsituation (Auto, Verkehrsteilnehmer, Fahrleher, Instruktionen), aber auch von vergangenen und zukunftsgewandten Gedanken. Mit der Videographierung der Fahrstunde und der Verfügbarmachung im Web wird diese Situation digital festgehalten/verteilt und für die Zukunft verwertbar gemacht. Der Fahrlehrer wird im Auto neben den direkten Instruktionen auch Anweisungen für die Nachbereitung (Kommentierung) Daheim geben. Der Fahrschüler ist sich dieses zukünftigen „reflection on action“ beim Fahren selber bewusst; die Handlung wird also von der (gedachten) Zukunft aus mit beeinflusst. Eingebettet in eine virtuelle Community von Fahrschüler (z.B. via geotag) könnte man so noch andere Einflussfaktoren (nach Latour „Aliens“) für das eigene Handeln identifizieren. Man sieht in diesem Beispiel vielleicht, dass Latours Forderung nach U n b e s t i m m t h e i t der Handlung (S. 105) erfüllt ist. (c) => siehe b).

Mir ist diese Form der Rekommentierung im Kommentarbereich des Weblogs gerade recht. Das Textlesen und Nachverstehen auf der Grundlage d e i n e r Zusammenfassungen hilft mir sehr, überhaupt (tastende nicht wissende!!!) Anker zu finden.
Grüße! Frank

 Re:GLL-03: 3.Woche: – Cockpit

Kommentar von baumgartner am 04.11.2009 09:39

Ah, jetzt erinnere ich mich auch schon vom Cockpit-Beispiel gehört zu haben. Du hast recht, ein gutes Beispiel von Dislocation von Handeln/Kognition/Kommunikation. Ich habe das jetzt nur nicht Hutchins zugeordnet.

Bei Malcolm Gladewll in „Outliers – The Story of Success“ gibt es übrigens ausführliche Beispiele mit wörtlicher Transkription von Tonbandaufnahmen aus dem Voice Recorder, die kritischen Situationen vor dem FLugzeugabsturz analysieren. Extrem eindrucksvoll und emotional berührend, weil es zeigt, dass meistens nicht die Technik das Problem ist, sondern der Umgang (Kommunikation bzw. Handeln) damit.

Ich glaube sogar, dass das Cockpit-Beispiel besser als das von mir zitierte Beispiel zur Videoüberwachung des Wolkenkratzers in Manhattan ist. Warum: Das Hochbeispiel legt nahe, dass unter Dislozierung vor allem die Übermittlung der elektronischen Daten in die Videozentrale gemeint ist – so habe ich es auch in meiner Interpretation dargestellt. Tatsächlich geht es aber nicht um räumliche Nähe oder Ferne, sondern darum, dass Handeln im Netzwerk der menschlichen und nicht-menschlichen Handlungsträger und ihrer Verknüpfungen „aufgeht“, nicht lokalisierbar ist, unterbestimmt ist. Es ist für S2, dh. der“Soziologie der Assoziation“ nicht evident und von vornherein als gegeben anzusetzen, wer, was, warum und mit welchen Folgen macht.

Ich werde versuchen zu gegebener Zeit darauf nochmal näher einzugehen. Deine Links muss ich mir auch noch zu Gemüte führen.


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