Oertzen Becker Ute

Informelles e-Learning – Explorationen in das Polanyische Konzept des impliziten Wissens. Dissertation an der FernUniversität Hagen – Gesamthochschule – zur Erlangung der Würde einer Doktorin der Philosophie vorgelegt von Ute von Oertzen Becker aus Deutschland genehmigt auf Antrag von Prof. Dr. Peter Baumgartner und Prof. Dr. Horst Dichanz, Berlin, Mai 2008.

Abstract

Ute Oertzen Becker

Dr.in (phil.) Ute Oertzen Becker

Es gibt beide Lager: Die einen möchten elektronische Medien und moderne Telekommunikationsdienste am liebsten völlig aus unserem Leben verbannen. Die anderen halten Computer und Internet für die Allheilmittel im Wettlauf gegen die den Verfall unseres Wissens anzeigende Uhr schlechthin. Beide Positionen scheinen unversöhnlich. Es war überfällig, elektronische Medien in einen wissenschaftstheoretischen Zusammenhang mit so genanntem informellen Lernen zu stellen. Bindeglied war Polanyis Konzept des impliziten Wissens mit der Kernaussage, dass wir nicht alles, was wir wissen und können, auch in Worte fassen können. Essenziell für uns alle ist, dass es kein per se für informelles Lernen ungeeignetes elektronisches Medium gibt. Sondern: Medien müssen im Lernprozess so eingesetzt werden, dass ihre spezifischen Stärken ihre volle Wirkung entfalten können. Relevanzkriterium eines adäquaten Medieneinsatzes ist nicht das Medium selbst, sondern die Frage, was durch wen wie vermittelt werden soll.

Ausführliche Zusammenfassung

Sowohl dem informellen Lernen als auch dem so genannten e-Learning kommt im neuen Jahrhundert eine stetig wachsende Bedeutung zu. Immer häufiger ist in politischen Diskussionen, in fachwissenschaftlichen Artikeln, im inner- und außerschulischen Kontext, in der Privatwirtschaft und in Behörden sowie in Gesprächen die Rede davon, dass das, was wir in Schule, Berufsausbildung und Studium lernen, rapide veraltet und darum lediglich die Basis eines lebenslangen Lernens bilden kann. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten scheinen tradierte Bildungskanones nicht mehr geeignet, uns unser gesamtes (Berufs-)Leben lang über alle Anforderungen und Klippen hinweg zu helfen. Informellem Lernen und e-Learning hingegen werden in ihrer Bedeutung für die Entwicklung unserer Gesellschaft und für einen stetigen wirtschaftlichen Aufschwung bedeutsame Rollen zugewiesen.

Informelles e-Learning in der aktuellen Diskussion

Längst bezeichnen wir unsere moderne Gesellschaftsform als Informations-, seit einigen Jahren gar als Wissensgesellschaft. Unser Leben ist gekennzeichnet durch einen massiven organisatorischen und technischen Wandel. Ganze Berufsfelder sind heute dominiert durch die Nutzung verschiedener elektronischer Medien als wichtige Arbeitsmittel. Vor allem aber sind sie dadurch charakterisiert, dass zur Bewältigung der täglichen Arbeitsaufgaben der gekonnte Umgang mit und die gezielte Verarbeitung von großen Informationsmengen unumgänglich sind. Außerdem wandeln sich Arbeitssituation, -um­feld und -aufgaben stetig. Dies hat zur Folge, dass Lernen und Wissen immer stärker im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen. Es hat auch zur Folge, dass wir uns immer stärker abwenden von einem „Gewusst, was …“ und stattdessen hinwenden zu einem „Gewusst, wie …“. Diesem Perspektivenwechsel mit allen daraus resultierenden Folgen ist Lernen ausschließlich innerhalb institutioneller Zusammenhänge – also in der Schule, in der Berufsschule, an der Hochschule oder Universität oder auch in Weiterbildungseinrichtungen – längst nicht mehr gewachsen. Formelles Lernen allein kann nicht leisten, was (Bildungs-)Politiker1, Arbeitgeber und Beschäftigte fordern und benötigen. Es muss ergänzt werden um so genanntes informelles Lernen. Das heißt um ein Lernen an ganz verschiedenen Orten – beispielsweise innerhalb des familiären Kontextes, am Arbeitsplatz oder auch in der Freizeit.

Nun sind Schlagworte zwar einprägsam, jedoch nicht notwendig zugleich auch bedeutungsschwanger. Was also ist unter „informellem e-Learning“ zu verstehen? Was genau ist es, woran sich zum Teil heftig die Gemüter scheiden – weil die einen elektronische Medien als innerhalb von Bildungsprozessen allein selig machend betrachten, die anderen hingegen Computer am liebsten gänzlich aus menschlichen Bildungsprozessen eliminieren würden? Informelles e-Learning zeichnet sich im Wesentlichen durch vier Aspekte aus2:

  • Informelles e-Learning ist nicht an einen konkreten Ort des Lernens gebunden. Es wird nicht durch dazu befähigtes Lehrpersonal (zum Beispiel Lehrer, Dozenten, Seminarleiter) betreut.
  • Die Lerninhalte sind bei informellem e-Learning nicht explizit didaktisch aufbereitet.
  • Informelles e-Learning ist nicht direkt und unmittelbar an bestimmte Lernzeiten gebunden.
  • Das informelle e-Learning wird von den Lernenden selbstständig organisiert und gesteuert. Als Lernhilfsmittel werden unter anderem Computer und Internet genutzt.

Vor dem Hintergrund des eben Beschriebenen erschien es mehr als überfällig, sich des Phänomens „informelles e-Learning“ im Rahmen einer wissenschaftstheoretischen Forschungsarbeit anzunehmen. Vor allem erschien es mehr als überfällig angesichts des Kuriosums, dass informelles e-Learning in der öffentlichen Diskussion allgegenwärtig, die entsprechende theoretische Auseinandersetzung jedoch noch immer defizitär ist. Es galt also, ein wenig mehr Licht ins Dunkel von Theorien- und Begriffsvielfalt und von in Deutschland erst schwach entwickelten Ansätzen zur Anerkennung informell erworbenen Wissens zu bringen und die praktische Relevanz entsprechender Forschungsergebnisse ein Stück weit zu erhellen.

Michael Polanyi und sein Konzept des impliziten Wissens

Zu diesem Zweck wurde das Konzept des impliziten Wissens von Michael Polanyi heran gezogen. Michael Polanyi wurde am 12. März 1891 als Mihály Polány in Budapest geboren. Er studierte zunächst in seiner Heimatstadt Medizin und später Chemie in Karlsruhe. 1917 promovierte er in Budapest in physikalischer Chemie. Nach einer kurzen Lehrtätigkeit in Budapest kehrte er nach Karlsruhe zurück. 1933 nahm Michael Polanyi einen Ruf an den Lehrstuhl für Physikalische Chemie in Manchester an. Mit fortschreitender wissenschaftlicher Tätigkeit setzte Polanyi sich immer stärker mit wissenschaftstheoretischen und -philosophischen Fragen auseinander. Insbesondere beschäftigte er sich eingehend mit der Frage, wie neues (wissenschaftliches) Wissen generiert und von einer Wissenschaftlergeneration auf die nächste übertragen wird. Zudem wurde Polanyi in seinen Überlegungen sehr stark durch die Vorgänge in der damaligen Sowjetunion beeinflusst. Er sah die Wissenschaftsfreiheit durch die sowjetische Politik als sehr stark gefährdet an. 1946 legte er schließlich erstmals seine wissenschaftsphilosophische Position in Science, Faith and Society dar. Seit 1948 war Michael Polanyi auf dem eigens für ihn in Manchester geschaffenen Lehrstuhl für Sozialwissenschaften von allen Lehrverpflichtungen befreit. Er entwickelte in dieser Zeit unter anderem sein philosophisches Hauptwerk Personal Knowledge. Michael Polanyi starb am 22. Februar 1976 in Oxford.

Polanyis Kernaussage ist die von ihm in Implizites Wissen formulierte Feststellung, „daß wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen“ (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1985, S. 14; Hervorhebung im Original). Polanyi will darauf aufmerksam machen, dass wir beispielsweise ein Musikstück beim Hören wieder erkennen, ohne dass wir exakt angeben können, wie wir es wieder erkennen. Oder dass wir spazieren gehen können, ohne dass wir präzise sagen können, wie wir uns fortbewegen. Wir können nach Polanyi unseren Hund oder unsere Katze unter hunderten oder tausenden anderer Tiere der gleichen Rasse wieder erkennen. Und können doch zugleich nicht erklären, wie wir unsere Tiere von den vielen anderen unterscheiden. Wir können sprechen, aber nicht explizieren, wie wir das anstellen. Wir können keine der zuvor genannten Handlungen anderen auf eine Weise nahe bringen, dass sie einzig anhand unserer Erklärung in der Lage sind, die gleiche Handlung auszuführen. Ebenso wenig ist es bislang gelungen, diese und andere menschliche Fähigkeiten und Fertigkeiten mithilfe eines Computers oder anderer elektronischer Medien zu simulieren. Alles, was an entsprechenden Versuchen unternommen wurde, führte zu nur unzureichenden Ergebnissen.

Das Hauptproblem bei der Simulation durch Computer besteht nun gerade darin, dass wir über die beispielhaft genannten Fähigkeiten und Fertigkeiten zwar verfügen, dass wir aber unfähig sind, unser Handeln in explizite Anweisungen zu fassen, die von Dritten Schritt für Schritt nachvollzogen werden können. Der einzige Weg, unser Wissen und Können zu explizieren, besteht darin, dass wir unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten demonstrieren. Das heißt, wir müssen das, was wir im Geiste und im Fühlen beherrschen, praktisch anwenden. Das, was wir können, ist laut Polanyi mehr als die Summe der einzelnen Könnenspartikel. Diese werden zusammen gehalten von etwas, für das wir über keinerlei Worte verfügen.

Mit Polanyi ist Wissen und Können somit etwas in höchstem Maße an diejenige Person Gebundenes, die etwas weiß und kann. Unser Wissen und Können lebt ausschließlich mit und in uns. Wir selbst verkörpern und veräußern es – durch unser Handeln. Wissen und Können sind etwas Implizites. Dies ist – mit anderen Worten – gleich bedeutend damit, dass selbst eine Vielzahl von Informationen zusammen genommen kein Wissen oder Können ergibt. Letztere resultieren stets erst aus der impliziten Verknüpfung all dieser Informationen vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen.

Diese Kernaussage von Polanyis Konzept des impliziten Wissens galt es, für die aktuelle Diskussion um informelles e-Learning und damit für die gesellschaftliche Praxis fruchtbar zu machen. Dies geschah mithilfe mehrerer Hypothesen, denen in der Dissertationsschrift mit dem Titel „Informelles e-Learning – Explorationen in das Polanyische Konzept des impliziten Wissens“ nachgegangen wurde. Einige dieser Hypothesen werden im Folgenden zusammen mit den entsprechenden Forschungsergebnissen vorgestellt.

Wesentliche Forschungshypothesen und -ergebnisse

Wenn wir uns vorstellen, dass unsere Erfahrungen – also: unser Hintergrundwissen – einen untrennbaren und wesentlichen Bestandteil all dessen bilden, was wir wissen und können, so ist unmittelbar einsichtig, dass auch informelles e-Learning ohne eine Bezugnahme auf unsere Erfahrungen nicht möglich ist. Computer und andere elektronische Medien sind allerdings nicht fähig, Erfahrungen in unserem – menschlichen Sinne – zu machen, in ihrer Bedeutung aufzuschließen und mit früheren und künftigen Erfahrungen zu einem einzigartigen, individuellen Erfahrungsgeflecht zu verknüpfen. Die universelle Verwendbarkeit elektronischer Medien für informelles Lernen ist somit zumindest Zweifeln unterworfen.

Warum? Unter Berücksichtigung von Polanyis Konzept des impliziten Wissens konstituiert sich menschliche Erfahrung aus zwei Bestandteilen – aus einem impliziten und einem expliziten. Die Erfahrungen von zwei Personen unterscheiden sich – selbst wenn beide, von außen betrachtet, dasselbe erlebt haben – durch ihre jeweiligen impliziten Anteile. Nur der explizite Teil menschlicher Erfahrung kann unproblematisch mit anderen geteilt werden. Die heutige Computergeneration kann Informationen sammeln und – auch über sehr große Entfernungen – verteilen. Moderne Rechner scheitern allerdings an der Herausforderung, selbstständig sinnvolle Verknüpfungen zwischen einzelnen Informationen herzustellen. Das, was Menschen oft bei dem Versuch, Erfahrungspartikeln Sinn zu verleihen, hilfreich zur Seite steht – nämlich die Möglichkeit, sich in Situationen und Dinge hinein zu fühlen –, ist Computern als Hilfsmittel nicht zugänglich. Mangels vollständiger Explizierbarkeit impliziter Erfahrungsbestandteile können diese auch nicht auf andere Weise formalisiert und somit Computern zur Verfügung gestellt werden.

In der Gesamtheit haben die vorstehenden Überlegungen beispielsweise Auswirkungen darauf, wie Informationen am besten präsentiert werden sollten, um Transferverluste möglichst gering zu halten, wobei sich keine eindeutige Präferenz für lineare oder vernetzte Strukturen ermitteln lässt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Netzstrukturen letztlich auch nur eine Form selbst gewählter Linearität verkörpern. Allerdings können sie zur Folge haben, dass informell Lernende bei der Informationssuche den Überblick verlieren und nicht konsequent berücksichtigen, dass Wissenserwerb stets eine konstruktive, tätige Eigenleistung voraus setzt und sich nicht ausschließlich in der Rezeption von bereits Vorgefertigtem erschöpfen kann.

Computer leisten auch im Informations- und Wissenszeitalter wenig mehr, als Binärziffern unter Rückgriff auf formal-logische Regeln untereinander in Beziehung zu setzen, um Programme abarbeiten zu können. Wir allerdings vergessen dies nur all zu leicht und laufen nicht selten Gefahr, Informationen, auf die uns Computer den Zugriff ermöglichen, als letztgültiges Wissen zu akzeptieren. Denkbar ist sogar ein Szenario, in dem wir sukzessive das Reelle innerhalb der Realität aus den Augen verlieren und anfangen, das Fundament Letzterer in Frage zu stellen. Dies käme einer Modifizierung unseres Alltagshandelns gleich. Wir würden uns von der Vielfältigkeit, Natürlichkeit und Schönheit der realen Umwelt immer mehr entfremden. Diese erschiene uns farb- und konturlos und würde immer weiter von uns rücken.

Zweifeln lässt auch die Tatsache, dass menschliches Leben eine höchst komplexe, mehrdimensionale Entität ist. Menschliches Leben kann nur in seinen Zusammenhängen begriffen, niemals jedoch vollumfänglich erfasst werden. Es ist derart komplex, dass sich kaum vorstellen lässt, dass Computer diese Komplexität in all ihren Facetten und in ihrer vielfältigen Bedeutung abbilden können. Möglicherweise berauben wir uns also ganz wesentlicher Erfahrungs- und damit Realitätszusammenhänge, wenn wir informelles Lernen primär als ein auf Computer als Lernmedien ausgerichtetes Lernen begreifen. Elektronische Medien, so ist denkbar, beschränken unsere Realitätswahrnehmung und reduzieren im Ergebnis die real gegebene Komplexität menschlichen Daseins.

Auf welcher Überlegung basiert dieser Gedanke? Computer treten, wenn sie als Medien informellen Lernens genutzt werden, zwischen die Lernenden und deren Umwelt. Dies haben sie originär mit sämtlichen anderen Lernmedien gemein. Es gibt verschiedene Gründe, warum dieses dazwischen Treten von Lernmedien zu einer Komplexitätsreduktion der Umwelt führt. Bei dem, was Computer uns „anbieten“, handelt es sich nicht um die Realität, sondern um ein Abbild derselben. Durch das dazwischen Treten elektronischer Medien werden Lernende außerdem daran gehindert, ihre Umwelt zu begreifen – sie liegt ihnen ausschließlich in einer vermittelten, und zwar in einer medienvermittelten Form vor. Ein weiterer Grund ist, dass moderne elektronische Medien einige unserer Sinne, zum Beispiel den taktilen oder den olfaktorischen, nicht ansprechen können. Insofern besteht die Gefahr, dass beim informellen e-Learning die Realität gedanklich um wesentliche ihrer Bestandteile reduziert wird und dadurch der Zusammenhang beziehungsweise das Gefühl für einen solchen verloren geht.

Häufige Erwähnung in der (fach-)wissenschaftliche Diskussion rund um die Themen „Lernen“ und „Lehren“ findet in den letzten Jahren die Tatsache, dass Lernen ein höchst individueller Prozess ist, der eine selbstständige, aktive Informationsverknüpfung verlangt. Zugleich jedoch lebt der Lernprozess auch von der Kommunikation der Lernenden mit bereits Wissenden, mit anderen Lernenden oder mit Lehrenden. Wenn wir in diesem Zusammenhang Architektur und Funktionalität moderner Computersysteme berücksichtigen, so scheinen diese – zumindest gegenwärtig – maximal als Kommunikationsmittler geeignet. Selbst in dieser Hinsicht dürften sie allerdings mit zahlreichen Defiziten behaftet sein, wobei an dieser Stelle nur die große Bedeutung nonverbaler Kommunikationspartikel hervorgehoben sei.

Dass Computer sich vollumfänglich menschlicher Formen der Kommunikation bedienen, kann schwerlich unser Ziel sein. Wir kämen an einen Punkt, wo wir uns fragen müssten, warum wir auf elektronische Lernmedien und nicht auf ein lebendes Gegenüber zurück greifen. Es wäre einfacher, würden wir die Veräußerung bestimmter Wissensbausteine gleich Menschen überlassen. Ganz ungeachtet der Tatsache, dass wir vermutlich scheitern würden in unserem Bemühen, da wir nicht wirklich wissen, was es heißt, Mensch zu sein und als solcher zu kommunizieren. Einen Computer analog einer „Formel Mensch“ zu konzipieren, wird uns nicht gelingen, da wir diese „Formel“ nicht kennen.

Schließlich sei auf einen im digitalen Zeitalter äußerst beliebten Terminus verwiesen, und zwar auf den der so genannten „Interaktivität“. Sehr häufig ist in Bezug auf heutige Computer die Rede davon, dass es sich um interaktive Medien handeln würde. Allerdings scheiden sich genau an dieser Behauptung die Geister. Während die einen davon ausgehen, dass moderne Software und Rechnerarchitektur ein Interagieren von Nutzer und Computer ermöglichen, behaupten die anderen das Gegenteil. Eine finale Antwort auf die Frage, ob Computer interaktiv sind oder nicht, wird es voraussichtlich nicht geben. Beide Lager scheinen unversöhnlich. Folgerichtig kann auch hier begründet nur eine der beiden Ansichten vertreten und muss die andere zwangsläufig verworfen werden. Wären Computer interaktiv, dann müssten sie nicht nur vorher Gedachtes replizieren und als Reaktion auf menschliches Agieren veräußern können. Sondern sie müssten auch aus eigenem Antrieb, mit eigener Intuition bewusst handeln können. Letzteres scheint – zumindest beim gegenwärtigen Stand von Wissenschaft und Technik – nicht denkbar. Unabhängig davon sollten wir begriffliche Unschärfen vermeiden und von Interaktivität nur dort sprechen, wo sie tatsächlich gegeben ist. Anderenfalls reklamieren wir einen Begriff für etwas, das das damit zusammen hängende Versprechen nicht einlösen kann.

Fassen wir zusammen: Mangels eines ganzheitlichen Erfahrungskonzeptes sind Computer als Medien informellen Lernens nur partiell geeignet. Die Realität können sie lediglich versuchen zu simulieren, wobei zwangsläufig zahlreiche Aspekte, die reales Dasein ausmachen, verloren gehen. In der Folge wird Realität in ihrer Komplexität reduziert und das Erfahrungsspektrum potenzieller Lernender reduziert, sofern sie sich auf Computer als Lernmedien beschränken. Gut geeignet sind elektronische Medien hingegen zur Vermittlung bestimmter Kommunikationsinhalte. Problematisch ist, dass sie keine nonverbalen Kommunikationsbestandteile transportieren können und dass computervermittelte Kommunikation durch eine meist realitätsfremde Asynchronität charakterisiert ist. Als unmittelbare Kommunikationspartner im Lernprozess taugen Computer auf Grund dessen nicht. Schließlich ist es irre führend, den Begriff der Interaktivität im Zusammenhang mit der Beschreibung der Eigenschaften elektronischer Medien zu verwenden.

Die vorstehend exemplarisch ausgewählten Hypothesen und Forschungsergebnisse weisen auf etwas ganz Eminentes hin: Eine einerseits theoretische, andererseits jedoch die Praxis befruchtende Auseinandersetzung mit dem informellen e-Learning bedarf einer multiplen Sichtweise und eines sich heran tastenden, umkreisenden Vorgehens. Der Versuch, eine einzige, zentrale Perspektive einzunehmen und von dieser ausgehend das Phänomen zu erhellen, scheint nicht Ziel führend. Erforderlich sind statt dessen Mut zur Phantasie, Lösungsoffenheit und eine gewisse Risikobereitschaft, sich nicht von vorn herein auf einen Standpunkt festzulegen. Nirgends sind „fertige“ Wege oder gar Lösungen vorgezeichnet und müssen lediglich aufgefunden werden. Es bedarf viel mehr der Verknüpfung des Tradierten mit Zukunftsvisionen. An mancher Stelle muss das Althergebrachte verworfen werden – nicht zuletzt weil die Zukunft sowohl der menschlichen Gesellschaft als auch der Informationstechnik erst- und einmalig und nicht in festen Bahnen vorgezeichnet ist. Gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt also, da noch kaum absehbar ist, welche Möglichkeiten elektronische Medien perspektivisch bieten werden, verbietet es sich, für einzelne Probleme fertige Lösungen vorzugeben. Stattdessen kommt es darauf an, Probleme zu benennen und auszuloten und aufzuzeigen, welche Lösungen es geben könnte. Optionen müssen aufgezeigt, gangbare Wege vorgestellt werden. Insofern unterscheidet sich die wissenschaftliche Untersuchung des informellen e-Learning im Grunde nicht sonderlich vom konkreten Prozess des informellen Lernens mithilfe elektronischer Medien – beide verlangen Kreativität und das Beschreiten neuer, experimenteller Wege.

Von der Theorie zur Praxis

Häufiger Pferdefuß wissenschaftstheoretischer und insbesondere vordringlich philosophisch ausgerichteter Arbeiten ist, dass nicht dem Wissenschaftsbetrieb Verpflichtete sich immer wieder die – mehr als berechtigte – Frage stellen „Und wem nutzt das und warum?“

Teil eins der vorstehenden Frage lässt sich unproblematisch beantworten. Überlegungen zum Verhältnis von zum Beispiel Sprache, Denken, Handeln, Erfahrungen, Informationen und Wissen im Rahmen menschlicher Lernprozesse nutzen all denen, die privat oder beruflich mit den Themen „Lernen“ und „Lehren“ in Berührung kommen. Mit anderen Worten und kurz gefasst: jedem. Auch wenn es uns oft nicht bewusst sein mag: Einen nicht unwesentlichen Teil jedes einzelnen Tages sind wir damit befasst, informell Wissen zu erwerben. Und da Computer in den vergangenen Jahrzehnten umfassend Einzug in unseren Alltag gehalten haben, nutzen wir sie häufig zur Informationssammlung und -aufbereitung sowie als Kommunikationsmedien. Wir surfen zum Beispiel im Internet, wir versenden und empfangen eMails, wir durchforsten Bibliothekskataloge oder wir nutzen Bildbearbeitungsprogramme. Das heißt, ein Teil unseres informellen Lernens ist Lernen in der Form von informellem e-Learning. Insofern ist Adressat sämtlicher praxisbezogener und theoretischer Überlegungen in Bezug auf informelles e-Learning jeder Lernende, jeder mit Bildung im weitesten Sinne Befasste, jeder Arbeitgeber und jeder Bildungspolitiker – das heißt: jeder.

Die Antwort auf Teil zwei der vorstehenden Frage bedarf etwas längerer Ausführungen. Implizites Wissen, so wie Polanyi es versteht, lässt sich seinem Wesen und seiner Struktur nach kaum auf dem Wege formellen Lernens vermitteln. Formelles Lernen und institutionalisierter Unterricht zielen im Wesentlichen auf die Weitergabe von Informationen und deren fehlerfreie Wiedergabe ab. Der Aufbau impliziten Wissens bedarf jedoch erfolgreich praktizierter Beispiele, des Zuschauens, des Ausprobierens, des ganzheitlichen Erfassens von Zusammenhängen und nicht zuletzt der zwischenmenschlichen Kommunikation. Implizites Wissen ist somit prädestiniert dafür, im Rahmen von Alltags- und Arbeitssituationen vermittelt zu werden. Es ist plausibel, davon auszugehen, dass informelles Lernen innerhalb vielfältiger Kontexte und mit verschiedenen, folglich auch mit elektronischen Medien zum Erwerb eines reichhaltigen und anwendungsbereiten impliziten Wissens führt. Indem also eine Verknüpfung hergestellt wird zwischen dem an der Gesamtheit aller menschlichen Lernprozesse einen immensen Umfang inne habenden informellen Lernen und dem Konzept des impliziten Wissens von Michael Polanyi, wird die allgegenwärtige Auseinandersetzung mit dem Thema „e-Learning“ um eben diesen Zusammenhang bereichert. So ist es zum Beispiel möglich, praktische Schlussfolgerungen im Hinblick auf Softwareentwicklung und -nutzung für das informelle e-Learning abzuleiten.

Keinesfalls kann es darum gehen, Computer und das Internet zu verdammen. Ihnen gar den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben für nicht gelingendes beziehungsweise für nicht besser gelingendes Lernen (und Lehren). Jedes Zeitalter gebiert seine originären Lernmedien. Computer und Internet sind aus der Informations- und Wissensgesellschaft und damit auch aus menschlichen Lernprozessen nicht mehr weg zu denken. Daher gilt es, ihre Nachteile zu erkennen und ihre Vorteile zu nutzen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es der mehr als eingehenden Auseinandersetzung damit, wie und warum elektronische Medien menschliches Lernen zu unterstützen vermögen – oder eben nicht.

Computer können mithilfe der auf ihnen installierten Software Funktionen, Routinen, Schleifen, … ausführen und so bestimmte menschliche Fertigkeiten nachbilden sowie selbst umfangreiche Rechenoperationen in höchster Geschwindigkeit ausführen. Sie sind somit in folgenden Zusammenhängen prädestiniert für eine Verwendung als Lernmedien im Rahmen informellen Lernens:

  • Präsentation,
  • Kommunikation und
  • Konstruktion.

Präsentation beschreibt die Phase innerhalb des Lernprozesses, in der durch die Lernenden formales, abstraktes, deklaratives Wissen – in Form von Daten beziehungsweise Informationen – gesucht, gesammelt, aufbereitet und (auswendig) gelernt wird. Elektronische Medien können hervorragend als Werkzeuge im Rahmen der Präsentationsphase genutzt werden, indem sie zum Beispiel substituierende Demonstrationen anderenfalls nicht (mehr) beobachtbarer Realitäten ermöglichen. Die Verbindung mehrerer Computer über das Internet ermöglicht darüber hinaus eine Tiefe und Schnelligkeit der Präsentation der durch Lernende nachgefragten Informationen, die ohne diese Möglichkeit nicht realisierbar ist. Elektronische Medien können das Erfahrungsspektrum informell Lernender somit immens in die Umwelt hinein verlängern. Zudem sind sie geeignet, Brücken zu schlagen – zwischen zeitlichen, örtlichen und inhaltlichen Differenzen. Und schließlich unterstützen sie den informellen Lernprozess, weil sie als Visualisierungswerkzeuge im weitesten Sinne genutzt werden können. Werden Computer als Medien informellen Lernens ergänzt um ein tätiges Erfahren der originären Umwelt, so können sie menschliches Lernen wesentlich bereichern.

Mit Kommunikation ist gemeint, dass Lernende ihr Lernen planen, laufend überprüfen und reflektieren. Sie müssen sich mit bereits Wissenden und Könnenden über den fraglichen „Gegenstand“ austauschen und Rückmeldungen in Bezug auf ihr experimentierendes Problemlösen einholen. Sie müssen Experten beim Handeln zu- und sich selbst dabei Vieles abschauen. Und sie müssen ihr eigenes Probehandeln von Experten beobachten und korrigieren lassen. In diesem Zusammenhang ermöglichen über das Internet miteinander verbundene Computer Lernenden den Informationsaustausch mit Dritten. Folglich können Lernende Informationen mit anderen teilen, sie können sie verknüpfen und weiter verarbeiten. Denn das Internet bietet die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und so die Erfahrungen Lernenden mit denen anderer Personen zu multiplizieren. Und da immer mehr Mensch elektronische Medien aufgrund ihres vertraut Seins mit ihnen eher „beiläufig“ nutzen, entziehen diese dem Lernprozess keine Energie. Sie belassen ihm seine Dynamik und können effektiv als Lernmedien genutzt werden. Außerdem verhindern die über das Internet gestifteten Kontakte und der darüber vermittelte Informationsaustausch, dass menschliches Wissen parzelliert und vereinzelt.

Im Rahmen der Konstruktion generieren die Lernenden für sie neues Wissen. Wissenskonstruktion bedarf einer anregenden, heraus fordernden, komplexen, unsicheren, instabilen und einzigartigen Lernumgebung. In dieser Phase können Computer am wenigsten wirkungsvoll als Medien informellen Lernens genutzt werden. Zumindest aber eröffnen sie Lernenden globale Informationsräume, in denen geübt, simuliert, probiert, experimentiert oder kommuniziert werden kann, sodass Lernen von einer isolierten Angelegenheit zu einem mit anderen geteilten Wissensschöpfungsprozess wird.

Die Antwort auf die Teilfrage „Warum nutzt es?“ liegt somit in der Erkenntnis verborgen, dass elektronische Medien keinesfalls für informelles Lernen ungeeignet sind. Sondern dass es gilt, sie zu genau den Zwecken und an exakt den Stellen einzusetzen, wo ihre besonderen Stärken ihre volle Wirkung entfalten können. Elektronische Medien können die Phantasie und Kreativität informell Lernender anregen. Sie können sie zum weiteren Suchen anstoßen. Sie ermöglichen Lernenden, eine Vielzahl von Kontakten zu knüpfen und – auch weit verteilte – Informationen zu sammeln.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass Lernende manche Hinweisreize eher von einem Computer akzeptieren, andere eher von einem menschlichen Gegenüber und noch andere nur dann, wenn sie sie in einem Buch lesen oder in einem Film sehen. Ursächlich ist jeweils, ob Lernmedium und aufzuschließendes Wissen sich zum einen ergänzen und zum anderen einander entsprechen. Ein Lernmedium, dass es uns ermöglichen soll, ein bestimmtes Wissen aufzuschließen, muss geeignet sein, genau dieses Wissen zu verkörpern. Das ist gleich bedeutend damit, dass jedes Wissen sein spezifisches Medium verlangt.

Fazit

Internet, Computer und andere elektronische Medien sind nicht die Negativa informellen Lernens schlechthin. Sie sind nicht per se besser oder schlechter als Medien informellen Lernens geeignet als Printmedien oder zum Beispiel das tätige, sich auseinander setzende zusammen Sein mit Experten auf einem bestimmten Gebiet. Denn die Güte beziehungsweise Geeignetheit eines Lernmediums ergibt sich nicht aus diesem selbst, sondern sie resultiert aus seinem konkreten Einsatz. Es kommt insofern nicht auf das Medium an, sondern es kommt darauf an, welcher Inhalt durch wen auf welche Art und Weise vermittelt werden soll. Informelles e-Learning kann vorteilhaft sein – allerdings nur in Bezug auf ganz bestimmte Aspekte des Lernprozesses:

  • E-Learning kann häufig eine nicht verzögerte multidirektionale Kommunikation zwischen denjenigen, die bereits etwas wissen oder können, und Lernenden ermöglichen.
  • E-Learning gestattet den zügigen Zugriff auf verteilt vorliegende Informationen.
  • E-Learning erlaubt die Kombination diverser Darbietungsformen für Informationen, zum Beispiel Audio, Video und Text.

Überlassen wir jedoch alles – auch das Lernen – der Technik, so laufen wir Gefahr, unseren Bezug zur Realität zu verlieren. Wir reduzieren auf diese Weise die ganze Komplexität, die Vielfalt und Farbigkeit der Welt auf einen kleinen, elektronisch darstellbaren Raum. Wir berauben uns der Möglichkeit etlicher sinnlicher Erfahrungen und damit der Gelegenheit des Aufbaus eines vielschichtigen Gefüges an Hintergrundwissen.

Denken wir abschließend vor dem Hintergrund des zuvor Dargestellten und mit Blick auf die Zukunft ein letztes Mal an Polanyi und sein Konzept des impliziten Wissens zurück. Vielleicht ist der folgende Gedanke in höchstem Maße provokant, vielleicht ist er ein Hirngespinst – vielleicht aber auch ist er es zumindest wert, gedacht zu werden: Ist das Implizite in uns und unserem Wissen und Können so implizit, dass wir es – wenn auch unbewusst – längst haben in die Konzeption elektronischer Medien und in die Softwareentwicklung einfließen lassen?


Die Dissertation kann von den Seiten der FernUniversität in Hagen heruntergeladen werden (PDF, 4.3 MB).

  1. Wenn hier auf Wortungetüme wie beispielsweise (Bildungs-)Politikerinnen und (Bildungs-)Politiker verzichtet wird, so soll damit keinesfalls einem nachlässigen und diskriminierenden Umgang mit der deutschen Sprache das Wort geredet, sondern der Beitrag soll lesbar gehalten werden. Gemeint sind stets sowohl weibliche als auch männliche Personen. []
  2. Vergleiche Zinke, Gert: Online-Communities als Brücke zwischen informellem und formellem E-Learning. In: Schulz, Manuel; Glump, Heinz (Herausgeber): Fernausbildung ist mehr … Auf dem Weg vom technologischen Potenzial zur didaktischen Innovation, S. 91–100. Augsburg: ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen, 2005, S. 92. []

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