Nosko Christian

Arbeitstitel: Das Schulbuch von morgen.

Christian Nosko

Christian Nosko

Im Rahmen der 1972 ins Leben gerufenen Schulbuchaktion werden von Schulen jährlich Schulbücher im Wert von etwa 100 Mio Euro bestellt. Lehrerinnen und Lehrer stehen dazu auf der Plattform ‚Schulbuchaktion online‘ Schulbuchlisten zur Verfügung, aus denen sie die gewünschten Werke auswählen können. 15 Schulbuchlisten können als PDF heruntergeladen werden, wobei die Dokumente zwischen 21 und 287 Seiten umfassen, der Mittelwert beträgt 97 Seiten.

Die Schulbuchlisten werden jährlich aktualisiert und scheinen an Umfang nicht geringer zu werden, sondern teilweise sogar stetig zuzunehmen: So hatte beispielsweise die Schulbuchliste 0100: Volksschulen und Sonderschulen im Jahre 2010 noch 118 Seiten, so waren es 2011 bereits 122 Seiten und 2012 sogar 124 S.

Während die Schulbuchaktion den Staat Österreich eine enorme Summe Geld kostet, wird anderswo bereits an dem Nachfolger des Schulbuchs gearbeitet: „‘iBooks 2‘ vorgestellt: Apple erfindet Schulbuch neu“ in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ 2012a). 2015 sollen Schulbücher in Südkorea nur mehr in digitaler Form vorliegen: Das Bildungsministeriums möchte dabei zusätzlich zum ursprünglichen Inhalt auch weiterführende Materialien in die digitalen Schulbücher integrieren. Die Schülerinnen und Schüler sollen die neuen Lehrmittel über Smartphones und Tablets nutzen (The Korea Herald 2011).

Angesichts solcher Meldungen scheint eine Auseinandersetzung mit dem Thema Schulbuch beinahe fraglich. Wenn Hacker (1980, S. 7) feststellt: „Das Buch ist vom Unterricht offenbar so wenig wegzudenken, wie der Lehrer selbst“, so könnte er seine Meinung heute angesichts der digitalen Medien revidieren: Viele Materialien sind für Lehrerinnen und Lehrer kostenlos online verfügbar und einfach im Unterreicht einsetzbar. Sandfuchs (2010, S. 11) hingegen betont den hohen Stellenwert, den das Schulbuch besaß und noch immer besitzt: „Wann immer in der Schulgeschichte eine Steigerung der Qualität von Schule und Unterricht angestrebt wird, werden neue Lehrpläne entworfen, neue Methoden „erfunden“ und propagiert und zu beiden passend neue Schulbücher verfasst.“ Ein Klick auf die Webseiten der großen Verlage bestätigt das Zitat: „Sicher und kompetent zu den Bildungsstandards“ (http://www.oebv.at) ist dort ebenso zu finden wie auch „Bildungsstandards. Kompetenzorientiert. Zur neuen RDP“ (http://www.verlaghpt.at).

Obwohl mit Nachdruck an der Zukunft des Schulbuchs gearbeitet wird, erscheinen u.a. selbst diese grundlegenden Fragen noch nicht restlos geklärt:

  • Welche Medien dürfen als Schulbücher bezeichnet werden?

Allzu oft wird von ‚dem’ Schulbuch gesprochen, ungeachtet der Tatsache, dass es Schulbücher für unterschiedliche Gegenstände und Altersstufen gibt. Des Weiteren wird eine Vielzahl von Bildungsmedien in Buchform ohne ausreichende Definition als ‚Schulbuch‘ bezeichnet. Bamberger (1995, S. 46f) bedauert, dass es keine eindeutige Auffassung über den Forschungsgegenstand ‚Schulbuch‘ gibt: „Wir wollen also unter ‚Schulbuch‘ die im Dienste der Jugend methodisch aufbereitete Textart verstehen und fügen die allgemein anerkannte Definition aus dem ‚Brockhaus‘ hinzu: ‚ … Ein eigens für den Schulunterricht erstelltes Lehr- und Arbeitsbuch, das den in den Lehrplänen festgelegten Unterrichtsstoff sachgerecht und didaktisch aufbereitet darbietet; dazu gehört, daß es den lerntheoretischen Erkenntnissen entspricht und neben der Sachinformation auch zur Eigenarbeit anleitet.‘ “ Höhne (2003, S. 8) bemängelt bei genauerer Betrachtung dieser Schulbuchdefinition „eine Reihe von Annahmen, Postulaten und Prämissen“: Bereits die Worte „allgemein anerkannte Definition“ implizieren zu Unrecht, dass es eine allgemein anerkannte Definition von Schulbuch gäbe, der alle Expertinnen und Experten zustimmen würden. Die Fülle an Definitionen zeigt, dass dies eindeutig nicht der Fall ist.

Bamberger et al. (1998, S. 7) verstehen unter Schulbüchern „die für den Unterricht verfassten Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel in Buch- oder Broschürenform und Loseblattsammlungen, sofern sie einen systematischen Aufbau des Jahresstoffs enthalten“. Die Betonung bei dieser Definition liegt auf „Buch- oder Broschürenform und Loseblattsammlungen“, während dem Schulbuch in digitaler Form wenig Zukunft eingeräumt wird. Bamberger et al. (1998, S. 27) konstatieren dabei selbst: „Es mag sein, dass manche Leser den Eindruck gewinnen, unsere Ausführungen wären auch von Vorurteilen gegenüber den neuen Medien geprägt“. Eine ähnliche Definition findet sich bei Sandfuchs (2010, S. 19): „Unter Schulbüchern versteht man eigens für den Schulunterricht entwickelte Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel. Sie enthalten Lerninhalte eines Faches oder Lernbereichs in systematischer, didaktischer und methodisch aufbereiteter Form.“ Offen bleibt, von welcher Beschaffenheit die „Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel“ sind. Matthes (2011, S. 2) betont, angesichts einer noch immer ausstehenden Definition des Schulbuchs: „Wichtig ist hierbei, das Schulbuch nicht zu eng zu fassen.“ Sie streicht die Funktion als Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel heraus und vermutet auch in Zukunft eine „Orientierungsfunktion“ für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie für deren Eltern, selbst wenn Verlage bereits an Medienverbünden des Schulbuchs mit digitalen Medien arbeiten.

  • Welche Funktion kann das Schulbuch im Lehr-Lern-Prozess einnehmen?

Bis dato ist durch Studien nicht erforscht, wie Lehrerinnen und Lehrer Schulbücher tatsächlich in ihrem Unterricht einsetzen (vgl. Gräsel 2010, S. 137).

  • Darf das Schulbuch als Leitmedium bezeichnet werden?

Viele Autorinnen und Autoren verwenden den Begriff „Leitmedium“ ohne vorhergehende Definition. Süss, Lampert und Wijnen (2010, S. 15) verstehen unter einem Leitmedium „ein Medium, das eine hohe Verbreitung hat, intensiv genutzt wird, zahlreiche Funktionen wahrnimmt und zu dem viele Menschen eine hohe Bindung aufgebaut haben.“ Während das Institut für Bildungsmedien (1997, S. 2) Schulbücher als „konstante, dominierende und wandlungsfähige Leitmedien im Bildungswesen“ bezeichnet, hegt Höhne (2003, S. 15f) „theoretische Zweifel am Schulbuch als ‚Leitmedium’ von Unterricht“. Seiner Meinung nach kann die Frage nach dem Schulbuch als Leitmedium von Unterricht nur im Kontext der medialen Veränderungen der Gesellschaft beantwortet werden. Schiller (2001, S. 199f) vermeidet den Begriff Leitmedium und zählt das Schulbuch zu den „zentralen Medien des Unterrichtsgeschehens“, wobei er aufgrund einiger Vorteile des Schulbuchs eine „Dominanz“ desselben erkennt.

Die Kontroverse um das Thema ‚Schulbuch‘ ist in jedem Fall durch Spannungsfelder charakterisiert, innerhalb derer denen sich die Diskussion bewegt.

Spannungsfelder

Folgende Spannungsfelder prägen die Situation in Österreich wesentlich:

  • Spannungsfeld 1: Traditionelles Leitmedium vs. Digitale Medien
  • Spannungsfeld 2: Weites vs. enges Funktionsspektrum
  • Spannungsfeld 3: Pädagogisches Hilfsmittel vs. handlungsleitendes Kriterium

Zur Zukunft des Schulbuchs

In Arbeit

Folgende Forschungsfragen könnten den Kern der Arbeit bilden:

  • Welches Erscheinungsbild kann das Schulbuch der Zukunft haben?
  • Welche Funktion kann dieses Schulbuch im Lehr-/Lernprozess übernehmen?
  • Welche Erwartungen haben LehrerInnen und Lehrer an das Schulbuch der Zukunft?

Theoretischer Bezugsrahmen

Nach Wiater (2003) wird das Schulbuch der Zukunft kein Schulbuch im traditionellen Sinn sein, sondern ein Medienmix, wobei das Schulbuch das Leitmedium darstellen könnte.

Nach Stadtfeld (2011) haben klassische Lehrmittel wie das Schulbuch und auch digitale Medien spezifische Vorteile: Lehrerinnen und Lehrer sind angewiesen auf Lehrmittel, die durch ihre pädagogische Funktion den Unterrich strukturieren. Digitale Medien, die weder in einem pädagogischen Kontext entstehen noch ein Fach umfassend abdecken, ermöglichen hingegen selbstgesteuertes, projektorientiertes oder vernetztes Lernen.

Forschungsdesign

In Arbeit

Zur Person

Christian Nosko ist an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems als Koordinator für Blended Learning in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern tätig. Neben seiner Lehrtätigkeit im Bereich der Medienpädagogik setzt er sich schwerpunktmäßig mit der Schulbuchforschung sowie dem Lehren und Lernen mit digitalen Medien auseinander.

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