LyX: Dokumentenverarbeitung für WissenschaftlerInnen
Nachdem meine bisherige Publishing-Software FrameMaker für den Mac nicht mehr weiter entwickelt wird, stehe ich vor dem Problem mir eine neue Software für Buchpublikationen zu suchen. - Ich glaube, dass ich mit LyX eine gute Lösung gefunden habe. (Screenshots am Ende der Datei)
Die von mir gesuchte Software muss im wesentlichen zwei Anforderungen erfüllen:
- Sie muss die Anforderungen einer modernen Textverarbeitung mit
allem typographischen Schnick-Schnack erfüllen, damit die Texte bereits
druckfertig an den Verlag gehen können. Besonders wichtig für mich
dabei ist natürlich, dass das Verwalten von langen komplexen Texten
sowie das Generieren von Listen (Inhaltsverzeichnis, Bibliografie,
Sach- und Personenregister etc.) einfach und komfortabel gelöst ist.
- Weil viele meiner Arbeiten naturgemäß Kooperationsprojekte sind, brauche ich eine Software, die
- auf allen Plattformen (Windows, Mac, Unix) lauffähig ist,
- deren
Texte leicht in alle möglichen - und (un)möglichen Formaten wie z.B.
Word ;-) – konvertiert werden können und außerdem auch noch
- leicht erhältlich, d.h. möglichst Open Source ist.
LyX basiert auf LaTeX (siehe dazu meine letzten beiden Einträge: LaTeX am Mac und LaTeX: erste Erfahrungen)
und bezeichnet sich selbst als WYSIWYM-Software. Nein, das ist kein
Tippfehler, der letzte Buchstabe ist wirklich ein "M" und steht für
"mean" (bedeuten, Sinn geben). Bekannt ist die Abkürzung WYSIWYG (What-You-See-Is-What-You-Get
= "Was Du am Bildschirm siehst, ist das was Du im Druck dann bekommst")
die vor allem als Kritik moderner Textverarbeitungssoftware an jenen
alten Systemen gedacht war, die nicht in der Lage waren, das
Drucklayout bereits am Bildschirm darzustellen.
LyX geht aber noch eine Stufe weiter und kritisiert auch diese
Auffassung als bereits überholt: AutorInnen sollten sich nicht in
erster Linie um das Layout, also um die Gestaltung ihrer Texte kümmern,
sondern um deren inhaltlichen (= logischen) Struktur. Es geht - so die
Argumentation – gerade nicht darum, das genaue und detaillierte
Aussehen des Druckprodukts bereits am Bildschirm simuliert zu bekommen.
Die Darstellung des Textes während des Schreibprozesses sollte vielmehr
den logischen Gedankengang, die Struktur der Ideen widerspiegeln.
Welche Schrifttypen und Schriftgrößen dann letztlich für den Ausdruck
genommen werden, sollte den AutorInnen (und damit der Software: sie
heißt ja Textverarbeitung und nicht Druckvorschau!) vorerst egal sein.
Statt beispielsweise eine Überschrift 24pt, fett und zentriert zu gestalten, sollte es vielmehr genügen zu sagen, dass es sich um eine Kapitelüberschrift zweiter Ebene (also um eine Unterüberschrift) handelt. Die Information über die Gestaltung darf vor allem deshalb nicht direkt mit dem Text verbunden werden, weil sonst jede Änderung (z.B. statt 24pt will der Verlag nun doch lieber 18pt Unterüberschriften) nur sehr mühsam und händisch durchzuführen ist. Es muss jede einzelne Unterüberschrift im Text aufgesucht werden und auf 18pt umgestellt werden.
Formatieren des Layout versus logisches Auszeichnen
OK, ok; ich kenne schon Ihren Einwand: Natürlich wissen auch alle
moderneren Textverarbeitungsprogramme um dieses Problem und haben daher
die äußerst praktischen Formatvorlagen (auch Stilvorlage oder Stylesheet)
eingeführt. Damit weisen Sie einen bestimmten Typus von Überschrift
(z.B. "Überschrift2") alle Formatierungsbefehle zu und können dann an
einer einzigen Stelle (nämlich in der Formatvorlage) alle
Erscheinungsformen von Überschrift2 im Text mit einem einzigen
Handstreich ändern. Erst mit dieser Trennung der Form vom Inhalt ist es
möglich einfach und konsistent komplette Layouts zu ändern.
Mit dem lapidaren Hinweis auf Formatvorlagen ist aber noch nicht automatisch die Abbildung einer logischen Struktur gegeben:
- Sie und ich, wir beide wissen, dass die Verwendung von
Formatvorlagen bereits ein sehr fortgeschrittenes Feature ist, das
nicht viele Leute auch tatsächlich benutzen. Ein Text im Word lässt
sich auch ohne der Verwendung von Formatvorlagen schreiben - und schön
gestalten. Dagegen lässt sich ja bei privaten Texten, die nicht von
anderen Leuten weiter verarbeitet werden müssen auch nichts sagen. Das
Problem taucht ja erst bei Änderungswünschen auf. Beim Schreiben eines
Buches sind jedoch meist mehrere Akteure beteiligt, so dass die
Verwendung von Formatvorlagen ganz entscheidend ist. Ein gute
Textverarbeitung sollte daher – im Interesse aller am
Produktionsprozess Beteiligten - das Schreiben ohne Formatvorlagen
möglichst sogar verbieten!
Das ist natürlich eine übertriebene Forderung: Immer wieder wird es Situationen geben, wo es darum geht, bestimmte Text-Stellen (wie diese soeben) schnell auszuzeichnen. Aber auch hier wäre es möglich eine eigene Formatvorlage "Hervorhebung" zu entwickeln, statt z.B. <i>Text-</i> (i für italic = kursiv) zu schreiben. LyX kommt der Verbotsforderung aber recht nahe: So wird z.B. verhindert, dass mehrere Leerzeichen oder Leerzeilen im normalen Textmodus eingegeben werden können. - Die wesentliche Kritik
gegenüber traditionelle Formatvorlagen besteht aber darin, dass bei der
obigen Änderung der Überschrift2 von 24pt auf 18pt die relative
Struktur der Überschriften zueinander (im allgemeinen) nicht mit
verändert wird. So muss dann beispielsweise auch die Überschrift3 – die
vorher 18pt war – nun auch noch erkleinert werden, was wiederum
Überschrift4 in Probleme bringt usw. usf.
Ich denke, dass die Erstellung eines Systems gegenseitiger
Abhängigkeiten von Formatvorlagen zueinander, wahrscheinlich auch z.B.
in Word möglich sind (mittels "Formatvorlage basiert auf…"). Aber Hand
auf's Herz: Jetzt wird es schon kompliziert und vor allem: Wer macht
das schon so?
Wesentlich in meiner bisherigen Argumentation ist es, dass es nicht der Text selbst, der formatiert wird, d.h. nicht das Layout mit den Textpassagen fix verknüpft wird. Es soll vielmehr der Text in seiner logischen Struktur so ausgezeichnet werden soll, dass damit jeweils konsistente Gestaltungen mit einfachen Änderungen erreicht werden können.
Textverarbeitung und Programmiersprache
Der größte Vorteil für mich bei LyX besteht aber darin, dass es die
vielfältige Funktionalität der für spezielle typografische Zwecke
entwickelte Programmiersprache TeX (versteckt) und auf der Oberfläche -
dem User Interface- (fast) wie eine normale Textverarbeitungssoftware
zu bedienen ist. Damit können zwei Vorteile miteinander verbunden
werden: Extrem hohe Flexibilität bei gleichzeitig relativ einfacher
Bedienung.
Für normale Fälle ist es im allgemeinen nicht notwendig LyX "unter
die Haube" zu blicken und sich mit LaTeX herumzuschlagen. Wenn es aber
für Spezialfälle notwendig wird, ist dies sehr leicht möglich. Durch
den Befehl ERT erscheint ein rotes Textfeld, wo direkt LaTeX-Befehle
eingegeben werden können. ERT steht für "Evil Red Text" und verweist
ironisch darauf, dass ein Spezialbefehl innerhalb LyX notwendig wurde.
Ganz besonders toll für mich als LaTeX-Lernenden habe ich auch gefunden, dass man ein eigenes Fenster öffnen kann, in dem man sieht, wie LyX die Textverarbeitungsbefehle in LaTeX-Kommandos verwandelt. Damit ist ein laufendes spielerisches Lernen von LaTeX so ganz nebenbei (sog. incidental learning) möglich.
Weitere Hinweise
Nachfolgend einige Links zur Unterstützung meiner Argumentation:
- Eine kurze Einführung über die Vorteile von TeX findet sich in What are TeX, LaTeX, and friends? der TeX User Group (TUG)
- Um einen Eindruck von den Bedeutung der für einen Laien nicht immer
leicht zu sehenden typografischen Feinheiten zu bekommen, lesen Sie The beauty of LaTeX von Dario Taraborelli.
- Die enormen Unterschiede in der Benutzerführung zeigen die beiden screenshots im oberen Teil des Artikels auf: Es handelt sich in beiden Fällen um denselben Textausschnitt: Links sehen Sie die den Text in der Programmumgebung TeXShop, recht denselben Textausschnitt in LyX. (Übrigens ist bereits TeXShop bereits eine enorme Weiterentwicklung: Früher mussten alle Programmcodes händisch eingegeben werden und der Text über ein Kommandozeilen-Interface umständlich kompiliert werden.)
Nachtrag
Bevor ich es vergesse:
- LyX läuft auf allen Plattformen
- LyX ist Open Source
- Die
Texte von LyX können mit Konverter in alle mögliche Format konvertiert
werden. Das ist aber zugegebenermaßen - vor allem wenn es um deutsche
Umlaute geht ;-) - nicht immer ganz trivial. Vor allem haben anderen
Textverarbeitungen nicht diese enorme Vielzahl an Funktionen und
Flexibilität, so dass bei der Konvertierung meist etwas auf der Strecke
bleibt. Aber schließlich geht es ja vor allem darum für Notfälle eine
Ausweich- bzw. Exit-Strategie zu haben. Wenn Sie einen Text für Word
oder OpenOffice brauchen, dann sollten Sie nicht erst durch
umständliche Konvertierungen dort hingelangen, sondern den Text auch
dort erstellen, wo sie ihn brauchen. (Oder wie es auf österreichisch
heißt: "Warum zum Schmiedl gehen, wenn Du zum Schmied willst.")

