dict.cc: eine Wikipedia für Übersetzungen

dict.cc

Eine typische Seite von dict.cc

Mit einiger Überraschung habe ich erst beim Recherchieren zu meinem Kroatisch-Lernintentionen von dict.cc erfahren. Das ist vor allem auch deshalb erstaunlich, weil es  in Englisch umfassender als das allseits bekannte LEO ist (über 1 Mio vs. knapp 800.000 Einträge).

Dict.cc ist aber mehr als bloß ein Deutsch<->Englisch-Wörterbuch: Es hat sich zum Ziel gesetzt eine Wikipedia für Übersetzungen zu werden. Statt bloß ein Nachschlagwerk für eine Sprache zu sein, bietet es mit der Ausgangssprache Deutsch oder Englisch bereits 25 Sprachen für Übersetzungen an. Zum Vergleich LEO: Mit der Ausgangssprache Deutsch gibt es Wörterbücher in 8 Sprachen. (Wobei – das muss zur „Ehrenrettung“ von LEO gesagt werden – bis auf Englisch die Anzahl der Einträge [derzeit noch?] durchwegs höher sind.)

dict.cc als Wikipedia für Sprachen

Der für mich wirklich interessante Unterschied liegt jedoch in der Konzeption: Während LEO auf angestellte professionelle ÜbersetzerInnen setzt und bei einer neuen Sprache einen Grundstock von Einträgen für den Start erwirbt, verfolgt dict.cc konsequent einen Community-Ansatz. Das sog. contribute!-System ist in seiner Intention mit Wikipedia vergleichbar (BenutzerInnen kooperieren im Aufbau und Qualitätssicherung der Inhalte), doch ist die konkrete Umsetzung anders organisiert und ganz speziell für die Anforderungen eines Lexikons zugeschnitten.

  • Alle BesucherInnen der Webseite (auch nicht registrierte) können Übersetzungen, Tonaufnahmen und Beugungen (Flexionen) ergänzen und prüfen und als spezielles Fachvokabular markieren.
  • Während Tonaufnahmen nur von MuttersprachlerInnen zugelassen werden, können Übersetzungen und Flexionen auch von Nicht-MuttersprachlerInnen ergänzt oder korrigiert werden.
  • Alle Einträge sind sofort (mit Kennzeichnung) sichtbar. Nach 10 Bestätigungen wird der Eintrag dann als richtig gewertet und die Aufforderung zur Prüfung rausgenommen. Jeder Eintrag kann aber auch später wieder zur Diskussion gestellt werden.
  • Ein Punktesystem (für registrierte BesucherInnen) sorgt dafür, dass Aktionen von erfahrene  NutzerInnen höher bewerten werden.
  • NutzerInnen können Profilseiten anlegen und nachschauen was andere TeilnehmerInnen tun, welche Expertise sie haben und – wenn gewünscht – auch Kontakt untereinander aufnehmen.
  • Hitlisten auf Grundlage der erworbenen Punktezahl stellen durch ihren spielerischen Effekt (Gamification) eine weitere Motivation für die Teilnahme dar.
  • Die Mithilfe bei dict.cc kommt allen zugute. Jeder Besucher kann sich die Liste alle Einträge auch zur eigenen (nicht-kommerziellen) Verwendung herunterladen.

Wie soll das denn funktionieren? Das habe ich mich gefragt, als ich das System zum ersten Mal gesehen habe. Wenn ich selbst keine oder erst rudimentäre Kenntnisse der jeweiligen Sprache habe, wie soll ich da mithelfen können. Wenn ich jedoch bereits selbst sehr erfahren in der Zielsprache bin: Warum soll ich dann viel Arbeit verwenden, wenn es mir letztlich nichts nützt? (Deutsch ist bereits sehr vollständig, da gibt es nicht mehr viel zu ergänzen oder prüfen. Höchstens bei den Tonaufnahmen könnte ich noch tätig werden –und meinen österreichischen Dialekt zur Verfügung stellen 😳 )

Die Grundidee ist einfach aber genial: Es werden für die jeweilige Sprache externe Internet-Quellen angegeben (z.B. Lexikas oder andere Referenz-Webseiten). Dadurch ist es sogar für mich als Kroatisch-Anfänger möglich produktiv aktiv zu werden. Ich suche eine dieser kroatischen Referenzseiten auf und ergänze, bestätige oder korrigiere den jeweiligen dict.cc-Eintrag. Ganz abgesehen davon, dass ich so neue interessante Kroatisch-Seiten kennengelernt habe, ist damit gleich auch ein sprachlicher Lernvorgang bei mir verbunden. Und nicht zu vergessen: Es ist nicht nur Arbeit, sondern macht auch Spass!

Dass das System funktioniert zeigen einige aktuelle Zahlen (2014-08-16):

  • Es gibt im Gesamtsystem bereits 192.152 registrierte NutzerInnen!
  • Die tatsächlich aktiven NutzerInnen (= Global Hall of Fame) sind natürlich nur ein Bruchteil davon: Immerhin noch 26.005, dh. etwas über 13%. Das ist für Mit-Mach-Web-Aktivitäten ein sehr hoher Prozentsatz!1 Den Löwenanteil der produktiven BenutzerInnen macht bei dict.cc natürlich Englisch mit 19.974 Aktiven aus. Aber in Kroatisch gibt es immerhin auch bereits 287  Mitarbeitende  (214: DE<>HR und 73: EN <> HR) – mich eingeschlossen.  😀
  • Es gibt wie bei allen Netz-Aktivitäten die Pareto-Verteilung, dh. sehr wenige Leute machen sehr viel und sehr viele Leute machen zwar wenig, tragen aber in ihrer Summe doch erheblich zum Erfolg der Sache bei. Es ist ein ökologisches System, das genau deshalb funktioniert, dass die Hyperaktiven mit einem großen wertschätzendes Publikum belohnt werden. Die aktivsten NutzerInnen liegen über 3 Mio Punkte. Allerdings fällt es dann entsprechend der Long-Tail Idee von Chris Anderson ganz rapide ab: Platz 47 hat bereits unter 500.000 Punkte, Platz 150 liegt schon unter 100.000 Punkte. Dann geht es immer langsamer bergab. So habe ich derzeit mit meinem mickrigen 38 Punkten zwar bereits den 7510 Platz „erobert“, aber es gibt eben mit nur 37 Punkten Differenz noch 7509 Leute hinter mir. (Das stimmt nicht ganz: Es gibt nämlich auch einige Aktive mit Minuspunkten, weil sie zwar wenige aber leider falsche Aktivitäten gesetzt haben.)

dict.cc als Vokabeltrainer

Aber mit dieser Grundfunktionalität nicht genug: dict.cc kann auch als Vokabeltrainer genutzt werden. Die dafür bereit gestellten Funktionen sind umfangreich und gut durchdacht.

  • Die Listen können direkt aus dem entsprechenden Vokaleintrag aus dict.cc erstellt werden.
  • Die Listeninhalte könne nachträglich noch geändert bzw. angepasst werden. Die ErstellerInnen sind natürlich dann selbst verantwortlich für diese Änderungen.
  • Die Listen können jederzeit ergänzt, umbenannt, gelöscht, oder auch öffentlich für alle BesucherInnen der Webseite zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Listen können in Ausgangs- und Zielsprache jederzeit umgestellt werden.
  • Bei der Abfrage kann mit einem Leerzeichen der nächste Buchstabe als Hilfe aufgerufen werden.
  • Die Listen werden nach dem Leitner-Prinzip visualisiert in einem Karteikasten abgelegt. Können von dort aber auch manuell als Paket manipuliert werden, z.B. wieder nach vorne – als ungelernte Vokabel – einereiht werden. Für den Rhythmus der Vokabel-Wiederholungen sind die Lernenden jedoch selbst verantwortlich, indem sie nach den entsprechenden Zeitabständen (1,2,4 und 8 bzw. 9 Tage) die entsprechenden Karteikasten-Abteilung aufrufen.

Alle Vorgänge sind transparent. Die BenutzerInnen habe daher einerseits die volle Kontrolle, andererseits aber auch die ganze Verantwortung bei ihrer Vokabel-Lernaktivität.

Weitere Funktionen

Ich habe bereits erwähnt, dass die Vokabellisten für die private nicht-kommerzielle Nutzung heruntergeladen werden dürfen. Damit kann über entsprechende kostenlose Apps für iOS und Android auch offline gelernt werden. Ein unschätzbarer Vorteil, den LEO bewusst nicht anbietet!

Es gibt eine Möglichkeit Vokabeln für jedes implementierte Sprachenpaar nach Fachgebieten zu sortieren und auch ein Forum ist für jedes Sprachenpaar vorhanden. (Das DE<->HR Forum ist jedoch etwas seltsam, weil da irgendwelche eigenartigen Beziehungsdiskussionen stattfinden bzw. dominieren.)

Das Geschäftsmodell von dict.cc

Betreiber der Webseite ist Paul Hemetsberger  – ein Landsmann von mir, der in Wien die dict.cc GmbH aufgebaut hat. Wie aus seiner About-Seite hervorgeht, hat er sich ganz der Weiterentwicklung von dict.cc verschrieben und nimmt als Freelance-Softwareentwickler keine Auftrage mehr an. Die kostenlose Nutzung von dict.cc wird offensichtlich gut durch die Werbeeinnahmen abgedeckt. – Ich muss allerdings gestehen, dass ich in meinem Safari-Browser von diesen Werbeeinschaltungen gar nichts bemerkt habe und mich schon über das Geschäftsmodell gewundert habe. Erst als ich die Seite in anderen Browsern und am iPad angeschaut habe, ist mir die Werbung aufgefallen. Wer die Pro-Version des dict.cc Apps kauft (3,59 €), der kann das Programm ohne Werbeeinschaltung genießen.

Zusammenfassung und Ausblick

Resümierend möchte ich drei Aspekte hervorheben:

  1. Dict.cc ist bereits jetzt eine unschätzbar wertvolle Hilfe! Insbesondere Lernende von selten Sprachen werden – soweit sie Deutsch oder Englisch sprechen – gut bedient.
  2. Das Programm ist sowohl vom Interface als auch von den Hilfestellungen sehr gut durchdacht. Da war ein HCI-Profi am Werk!
  3. Der contribute!-Ansatz scheint sehr vielversprechend zu sein. Ob er sich aber auch bei den seltenen Sprachen durchsetzt, bleibt noch abzuwarten. Meistens benötigt erfolgreiche Partizipation eine sehr große NutzerInnen-Basis mit einem stabilen Kern von engagierten AktivistInnen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Voraussetzungen auch bei den weniger nachgefragten Sprachenpaaren gegeben sind.  Kroatisch beispielsweise hat erst unter 50.000 Einträge. Das ist etwa erst ¼ der Menge, die für ein professionelles Lexikon notwendig wären. Außerdem fehlen fast durchwegs die kroatischen Tonaufnahmen.

Ich wünsche der Webseite auf jeden Fall weiterhin eine aufwärtsstrebende Entwicklung. Dazu können wir alle auch einen kleinen Teil dazu beitragen. Dies gilt insbesondere für diejenigen von uns, die eine der weniger nachgefragten Sprachen lernen; ganz besonders aber die MuttersprachlerInnen dieser Sprachen, denen sowohl für die Tonaufnahmen zur Aussprache – aber auch zur Kontrolle der Aktivitäten von uns Lernenden – eine extrem wichtige Rolle zukommt.

  1. Zum Vergleich: Wikipedia hat mit 22.173.007 Registrierten „nur“ 131.383 Aktivistinnen, das sind etwas weniger als 0,6%.) Allerdings sind diese Zahlen nicht direkt vergleichbar: Bei Wikipedia werden nur jene BenutzerInnen als Aktive gezählt, die sich registriert haben und im letzten Monat auch tatsächlich eine Änderung durchgeführt haben. Es werden also weder Nicht-Registrierte noch aktive NutzerInnen, die in dem letzten Monat keine Änderungen vorgenommen haben, bei Wikipedia gezählt. Diese Zählweise dürfte wahrscheinlich im direkten Vergleich dict.cc besser dastehen lassen. Allerdings glaube ich, dass der Unterschied nicht das 20-fache darstellt, weil anzunehmen ist, dass die meisten Änderungen bei Wikipedia von Registrierten vorgenommen werden. Egal, wie auch die konkreten Zahlen lauten, meine Schlussfolgerung bleibt bestehen: Der relative Anteil der dict.cc AktvisitInnen ist überraschend hoch. []

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