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Erste Erfahrungen mit dem Kindle

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Scarpetta Cover
Laboratory Life Cover

Irgendwie habe ich das Gefühl beim Lesen mit dem Kindle einen historischen Moment zu erleben: Ich denke dabei weniger daran, dass mit dem eBook eine jahrhunderte alte – für mich aber abstrakte – Tradition des gedruckten Buches zu Ende geht. Es ist vielmehr das ganz persönliche Erlebnis eine meiner wichtigsten Lebensgewohnheiten – das Lesen – komplett neu zu erfinden.

Nach ein paar Minunten Herumprobieren mit der gelieferten Bedienungsanleitung habe ich mir gesagt, dass nur ein lebensechtes Experiment, das neue Geräte wirklich testen kann. Also habe ich mir gleich zwei Bücher herunter geladen: Den Krimi The Scarpetta Factor von Patricia Cornwell und das Fachbuch Laboratory Life – The Construction of Scientific Facts von Bruno Latour und Steve Woolgar.

Nachdem ich ein paar Mal Probleme hatte eine Internet-Verbindung herzustellen (Netzüberlastung) ging der Download schnell und problemlos vor sich. (Zusammen keine 60 Sekunden!). Nachdem ich mir die Schrift für meine Bedürfnisse = größer eingestellt hatte (Super Feature!) ging es mit dem Krimi los.

Veränderte Lesegewohnheiten

In guter Tradition eines Selbstversuches habe ich mir dabei im Detail alles Auffallende aufgeschrieben. Zusammenfassend kann bereits jetzt gesagt werden: Mit dem Kindle lesen ist anders, aber durchaus angenehm und lustvoll. Die nachfolgend ungeordneten Punkte geben meine ersten spontanen Eindrücke zu den veränderten Lesegewohnheiten wider:

  • Vorblättern: Wenn ich mit dem Lesen aufhören möchte, habe ich es mir angewöhnt vorzublättern um zu schauen, wieviel Seiten das gerade aktuelle Kapitel noch hat. Je nachdem entscheide ich dann sofort aufzuhören oder noch die paar Seiten bis zum Kapitelende fertig zu lesen. Nun: Dieses gewohnte Vorblättern geht nun nicht mehr so schön, weil
    1. das Vorblättern durch den jedesmal notwendigen Seitenaufbau langsamer vor sich geht und
    2. auch das Zurückkehren zu Startseite umständlicher ist (Lesezeichen markieren, dann zum Lesezeichen zurückkehren)
  • Lesezeichen: Zum Unterschied eines Buches brauche ich kein Lesezeichen einlegen, Kindle merkt sich automatisch die Seite, auf der ich abgeschaltet habe. Außerdem kann für jede Seite ein Lesezeichen (Bookmark) angelegt werden.
  • Dictionary: Das integrierte New Oxford American Dictionary ist wirklich praktisch und schnell einsetzbar. Den Cursor vor ein Wort gestellt und sofort erscheint ganz unten die (engl.) Erklärung des Begriffs.
  • Text-to-Speech: Viele Text bieten die Möglichkeit sich mit einer künstlichen Stimme sich den Text vorlesen zu lassen. Die Geschwindigkeit des Lesers, sowie die Stimme (männlich oder weiblich) kann ausgewählt werden. – Wenn dieses Feature auch ein wenig – wegen der holprigen und teilweise verzerrten Computerstimme – gwöhnungsbedürftig ist, ist es beim Erlernen der englischen Aussprache durchaus sinnvoll.
  • Schriftgröße/Schriftbreite ist anpassbar. Das halte ich für einen ganz wesentlichen Vorteil Bei einigen Büchern habe ich inzwischen wegen meiner Augen, die eine bestimmte Schriftgröße und es vor allem auch hell brauchen, ernste Probleme Texte leicht und mit Vergnügen zu lesen.
  • Blinken beim Umblättern: Das ist ungewohnt und empfinde ich als kleinen Nachteil, der mich sogar soweit stört, dass ich beim Umblättner jedes Mal ganz kurz die Augen zumache, um den weiß/scharz-Schock auszuweichen.
  • Leichter und handlicher: Der Kindle ist insgesamt leichter und handlicher als selbst kleinere und dünnere Taschenbücher; ganz zu schweigen von Hardcover-Ausgaben mit 1.500 Seiten wie Unheimlicher Spass. Dieser Vorteil wird sich besonders beim nächsten Urlaub in zweierlei Hinsicht bemerkbar machen: Erstens werde ich nicht mehr die Qual der Wahl haben (welche Bücher mitnehmen) und zweitens werde ich (hoffentlich) weniger oft für Übergewicht zahlen müssen <smile>
  • Portabel wie ein Buch: Der Kindle lässt sich auf alle Plätze genauso leicht mitnehmen, wie ein Buch. Ich habe beim Frühstück genauso damit gelesen, wie am stillen Örtchen. Wie ein Buch habe ich ihm auch auf das Bett geworfen. – Allerdings ist diese Kleinheit und Portabilität auch ein Nachteil: Wenn ich ein Buch z.B. in einem Kaffeehau vergesse und liegen lasse, so war das bisher meist kein großes Problem, da ich es häufig wieder bekommen habe. Im schlimmsten Fall musste ich mir es neu kaufen. Ärgerlich war da eher die Lesenunterbrechung und nicht der Geldverlust. Das sieht nun mit dem Kindle ganz anders aus: Wie beim Handy bzw. der Brille ist hier erhöhte Aufmerksamkeit notwendig!
  • Lesefortschrittsanzeige: Gegenüber der Seitenanzeige bei einem Buch gibt der Kindle die Fortschrittsanzeige in – für mich nicht ganz durchschaubaren Zahleneinheiten und Prozentsätzen an. Das ist äußerst ungewohnt. So hat der Cornwell-Krimi  statt 512 Seiten 7.368 (na was denn: Absätze, Punkte?). Es ist schon etwas ungewohnt , wenn mit dem Beginn des 8. Kapitels 31% des Buches gelesen sind. Auch das Aufsuchen einer Buchstelle gestaltet sich – wenn kein verlinktes Inhaltsverzeichnis wie beim Cornwell-Krimi vorhanden ist – gewöhnungsbedüdürftig. Es muss z.B. auf die "Location 2402" gesprungen werden, um zum Beginn des 8. Kapitels zu springen.
  • Markierungen und Notizen: Ein weiterer wesentliche Vorteil ist es, dass nicht nur jede virtuelle Seite markiert werden kann, sondern auch beliebiger Text, der außerdem mit eigenen Notizen ergänzt werden kann. Das war natürlich für meinen ersten eBook-Krimi nicht von Bedeutung. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass dies für wissenschaftliche Bücher einen enormen Vorteil bietet. Die englische Tastatur macht sich nicht nur mit dem Vertauschten y/z unangenehm bemerkbar, sondern vor allem darin, dass alle Umlaute fehlen.
  • Suchen: Textstellen können im eBook natürlich sehr einfach aufgesucht werden. Wieder ein Feature, das seine Stärke nicht gerade bei einem Krimi zeigt.
  • Haptischer Eindruck: Bücher sind für mich auch wegen der Haptik wichtig. Ein angenehmer haptischer Eindruck ist beim Kindle durchaus gegeben, auch wenn sich der eben nicht für jedes Buch anderes gestaltet, sondern immer gleich bleibt und letztlich wahrscheinlich eintönig wird.
  • Visueller Eindruck: Es fehlt nicht nur Farbe in den Seiten (was z.B. für didaktische Gestaltung von Handbüchern/Lehrbüchern wichtig ist), sondern auch am Umschlag. Auch das Format (Groß/Kleinformat, dickes/dünnes Buch) ist natürlich nicht mehr gegeben.
  • Olefaktorischer Eindruck: Ich gebe es zu: Ich rieche Bücher auch gerne. Dieser – für mich – angenehme Papiergeruch wird jetzt durch den (nichts sagenden und kaum merkbaren) Geruch des Ledereinbandes ersetzt.
  • Preis: Der Krimi wurde mit $ 27,95 (Publisher's List Price, entspricht 18,59 € angeführt, was ganz knapp unter den normalen Printpreis 19,95 € in der gebundenen Ausgabe – alerdings der gebundenen Ausgabe! – liegt. Der Kindle Preis liegt mit $13,79 (= 9,17 €) deutlich darunter, ist allerdings höher als der (kommende) äquivalente Taschenbuchpreis von 7,70 € (das vorige - etwa gleichstarke Buch Scarpetta, wird jedoch als eBook nun mit $11,49 (7,64 €) gehandelt. Zusammenfassung: Die Preise sind etwas, aber nicht viel billiger.

    Es gibt allerdings die Idee, dass zukünftig jedes neue eBook – ähnlich wie die CD über iTunes – mit $10,00 gehandelt wird. – Amazon zahlt die Differenz; Ziel ist es die Marktdominanz – wie Apple mit iTunes im Musiksektor – zu gewinnen. Allerdings wird diese Preisnachlässe uns hier in Österreich/Deutschland wegen der Buchpreisbindung wohl kaum erreichen. (Wie ist das eigentlich in der Schweiz?)
  • Nicht sehen, was gelesen wird: Eine für mich wichtige Angewohnheit, wann immer ich jemanden ein Buch lesen sehe fällt weg: Es ist nicht mehr erkennbar, welches Buch jemand liest. Der heimliche Spruch: "Sag mir was Du liest und ich sag Dir wer Du bist!" muss jetzt wohl durch "Sag mir wie Du liest (elektronisch oder noch mit Hardcopy) und ich sag Dir wer Du bist!" ersetzt werden.
  • Sich nicht mehr an der Bibliothek erfreuen: Ein (perverses ?) Vergnügen werde ich auf lange Sicht mit eBooks nicht mehr frönen können: Es macht mir Freude meine Buchregale durchzustöbern, mich von der Laune leiten lassen und eines meiner vielen noch nicht gelesenen Bücher herauszugreifen und es zu lesen zu beginnen. Manche Umschichtaktionen sind einer ähnlichen Freude geschuldet: Die Bücher – im Zuge des Umgruppierungsprozesses – in die Hand zu nehmen, sie durchzublättern bzw. kurz hineinzulesen.
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Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Kommentar von mons7 am 26.10.2009 22:27

Die genannten Vorteile machen mich wieder einmal geneigter, auch "umzusteigen".
Nur eines macht mir (wirklich) Sorgen:
Ich kann bestimmte Stellen zum Zitieren in der Regel dadurch (wieder)finden, dass ich genau weiss, wie dick das Buch war, in dem das Zitat steht, hinter dem ich her bin, welche Farbe es hat, ... ob es links oben oder rechts unten im Text irgendwo steht... und mit welcher Farbe ich es wie markiert habe.

Wird mein Hirn eine äquivalente Strategie auch über die Benutzung mit dem Kindle entwickeln... oder werde ich bestimmte Stellen einfach nicht wiederfinden können?

Re:Kindle - Suchen und visuell/räumliches Gedächtnis

Kommentar von baumgartner am 27.10.2009 10:02

Genau! Geht mir genauso! Habe ich ganz vergessen zu erwähnen. Hätte wohl in den Abschnitt "Lesefortschrittsanzeige" hineingehört! Dieses optische/räumliche Gedächtnis wird im eBook nicht angesprochen. Wahrscheinlich wird dies aber durch die Volltextsuche und dem Möglichkeit Notizen anzuhängen – da haben bei mir die Buchränder oft viel zu wenig Platz! – mehr als ausgeglichen.

Die praktische Nutzung des Wieder-/Auf-Findens konnte ich mit dem Krimi bisher noch nicht wirklich sinnvoll testen. Ich kann vielleicht mehr berichten, wenn ich jetzt meinen Selbstversuch mit einem wissenschaftliches Buch weiterführe.

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Kommentar von mons7 am 28.10.2009 12:47

...Notizen anhängen ohne Platzbeschränkung... o.k., jetzt habe ich wirklich und endgültig Feuer gefangen... und mir auch so ein Teil bestellt!
Darf ich nachfragen, welches die ersten 10 Werke auf Ihrem Kindle sind/waren? (Also nicht die "Top 10" sondern vielmehr die "First 10").

Re:Meine ersten 10 Werke auf dem Kindle - gibt es noch nicht!

Kommentar von baumgartner am 02.11.2009 16:10

Es ist fast noch zu früh diese ersten 10 Werke auflisten. Ich experimentiere ja erst herum und habe mir erst 3 Bücher gekauft: 2 habe ich im obigen Artikel bereits erwähnt, das dritte E-Buch ist selbstreflexiv: Free Kindle Books and How to Find Them. ;-) Und da habe ich dann auch tatsächlich ein paar Beispiele herunte geladen, vor allem um mit den verschiedenen Formaten zu experimentieren. (Ich werde noch einen Artikel zu den Formaten und Orten, wo es Bücher zum Herunterladen gibt, schreiben. Einstweilen mag die Liste unter /goodies/linksammlungen/freie-ebooks-links/ hilfreich sein.)

Neben diesen gekauften Büchern und eBooks zum Testen habe ich aber schon eine ganz erkleckliche Anzahl von (pirvaten) PDF-Dokumenten raufgeladen. Statt mir PDF-Diplomarbeiten, Dissertationen oder Bücher (z.B. über scribd.com) ausdrucken und als Papier auf meine Reisen mitzunehmen, habe ich dieses Material jetzt auf meinem Kindle einsatzbereit.

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Kommentar von rboulanger am 22.11.2009 22:23

Was mich interessieren würde ist, wie das mit dem Kindle und dem immer und überall online hier in Österreich aussieht. Hat der eine eigene Simkarte drin, oder braucht man einen eigenen Vertrag mit einem Provider oder funktioniert er nur im häuslichen WLAN ?

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Kommentar von baumgartner am 26.11.2009 19:15

Ich werde dazu demnächst ausführlich schreiben. Die Sache ist kompliziert: Bestellen über Amazon lässt sich über die eigene SIM-Karte gratis, sogar im Ausland. Wenn es nicht ums Betellen geht, dann sind die Dienste bereits schlechter: Weblogs gehen bei mir derzeit überhaupt nicht, weder In- noch Ausland. Eigene Dateien müssen an den kindle-eigenen Konvertierdienst geschickt werden. Da gibt es eine Gratisversion, die lässt sich dann aber nur über dem am PC über USB angesteckten Kindle manuell hinauf spielen und eine Version, die zwar über Whispernet zu laden ist, aber pro MB abgerechnet wird.

Ich werde das - sowie ich ein wenig mehr Zeit habe - noch ausführlich beschreiben. Muss noch ein paar Recherchen machen. Die Situation ist durchwachsen: Es gibt (noch) vieles was unmöglich ist und einer professionellen Nutzung widerspricht.

Kindle: Belletristik ja - Fachliteratur nein!

Kritische Bewertung nach 6 Wochen Erfahrung mit Kindle

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Ich habe bereits in einem Beitrag vor 6 Wochen über meine ersten Erfahrungen mit Kindle 2 (international Version) berichtet. Sie waren insgesamt gesehen überraschend positiv: Es war durchaus angenehm einen englischen Krimi damit zu lesen. Nun nach 6 Wochen Erfahrung sieht die Bilanz allerdings bereits weit nüchterner aus. In der Zwischenzeit habe ich eine ganze Reihe von Kritiken gesammelt.

Die Bedeutungen der Fotos werden im Text erklärt. Es gibt aber auch eine Zusammenstellung der Fotos mit kurzem erklärenden Text.

Meine erste – recht positive – Einschätzung gründete sich auf die Erfahrung, dass ich einen englischen Krimi mit Genuss auf dem Kindle gelesen hatte. Ich war überrascht, wie schnell sich jahrzehntelange Gewohnheiten umstellen lassen, bzw. sah im Lesen mit dem Kindle gar nicht so eine starke Veränderung.

Mit dem Fachbuch Laboratory Life von Bruno Latour und Steve Woolgar konnte ich diese angenehme Erfahrung allerdings nicht wiederholen. Dass ich mich immer noch durch das Buch quäle, hängt nicht mit dem Inhalt zusammen, den ich durchaus spannend finde. Gründe für diese negative Bewertung sind

  1. die (noch?) äußerst umständliche Bedienerführung,
  2. das (notwendige?) andere Vorgangsweise beim Durcharbeiten des Texts und
  3. die ungenügende Darstellungsqualität bei komplexen Tabellen und Grafiken.

Problem mit dem User Interface

1. Kurzbelege nicht als HyperLink ausgeführt

Ein großes Problem liegt bei meinem Testbeispiel "Laboratoy Life" darin, dass es keine adäquate Möglichkeit gibt um vom Kurzbeleg (Name Jahr) der Literaturangabe in das Literaturverzeichnis zu springen. Das ist jedoch ein Arbeitsvorgang, die für mich beim wissenschaftlichen Arbeiten mit  Fachliteratur ganz wesentlich ist. Ich möchte nicht nur den Titel der Publikation wissen, sondern auch nähere Details (Buch oder Aritkel, Online-Version? KoautorInnen, Verlag etc.). Das stellt für mich einerseits einen wesentlichen des Lernprozesses dar, weil Publikationen von AutorInnen mit zentralen Argumenten – wenn ich auf sie in verschiedenen Büchern öfters stoße – irgendwann dann einmal bestellt/aufgesucht werden. Andererseits ist es für mich als auch eine Frage der Einordnung und Glaubwürdigkeit der Argumentation zu wissen wie der Titel heißt, ob es eine Monographie oder Artikel ist und wo die Publikation erschienen ist.

Dass vom Kurzbeleg nicht in das Literaturverzeichnis und zurück gesprungen werden kann, ist vor allem deswegen erstaunlich, weil die (Kapitel-)Endnoten durchaus als HyperLink ausgeführt waren. Technisch dürfte es daher durchaus machbar sein, diese Lösung auch für das Literaturverzeichnis zu realisieren.

2. Umständliche Navigation und Arbeitsweise

Ein weiteres Navigationsproblem hängt mit der extrem mühseligen Arbeitsweise des sogenannten 5-Weg-Steuerungsknopfes zusammen. Da es keinen Touchscreen gibt muss jede einzelne Zeile und Wort durch einen entsprechenden Impuls mit dem Navigationsinstrument angesteuert werden. 15 Zeilen = 15 Impulse, wobei der Cursor sowohl von oben als auch von unten auf die Bildschirmseite geführt werden kann. Obwohl man sich auf diese Navigation recht schnell gewöhnt und es nach kurzer Übungszeit auch recht schnell geht, ist dies natürlich keine zeitgemäße Navigation mehr. Dementsprechend ist das Markieren von Text recht aufwendig.

Jede einzelne Menübefehl kann ebenfalls nicht sofort ausgeführt werden, sondern muss – nachdem das Menü aufgerufen wird – ebenfalls mit dem 5-Weg-Steuerungsknopf angefahren werden. Ein Tippfehler z.B. in einem Suchausdruck bedeutet, dass jeder einzelne Buchstabe (hier schaltet die Software von Wortsprung auf Buchstabensprung um) angefahren werden muss.

Ähnlich umständlich ist das Bearbeiten von Notizen und Markierungen. Zusätzlich zur umständlichen Navigation kommt hier noch hinzu, dass keine Umlaute vorhanden sind und Sonderzeichen (wie z.B. Komma) umständlich aus einem Menü mit dem 5-Weg-Steuerungsknopf ausgewählt werden müssen. (siehe Foto UI-Kindle-05)

Dazu kommt noch, dass eine Position im Buch nur mit relativen Zahlen angesprungen werden kann. Diese Zahlen repräsentieren – soweit ich das verstehe – allerdings die Textmenge und sind daher nicht auf Seitenangaben umzurechnen, weil Grafiken, Tabellen bzw. halbleere Seiten bei Kapitelende, Kapitelanfang oder Zitaten keine Berechnung zulassen. (Siehe Foto UI-Kindle-06: Die Punkte auf der Fortschittslinie markieren die relative Position eines neuen Kapitels.) Bezogen auf den Kindle macht dies Sinn, weil die Bildschirmseiten ja von der gewählten Format (Schriftgröße, Zeilenbreite und Zeilendurchschuss) abhängen. Es ist jedoch eine Katastrophe, dass nicht noch zusätzlich die Seitenangabe vom Print-Original (wie es z.B. beim Sony-Reader der Fall ist) eingeblendet wird. Damit geht nämlich die Zitierfähigkeit völlig verloren und der Kindle Reader ist für professionelles Arbeiten mit Fachbüchern derzeit noch untauglich! Verweise im Buchtext, die auf Seitenangaben rekurrieren sind ein weiteres Beispiel für die Untauglichkeit des Kindle-Ansatzes für Fachliteratur.

Einige weitere Beispiele aus meiner Lesepraxis sollen das katastrophale Navigationsinterface des Kindle nochmals eingehend demonstrieren:

  • Außer dem Inhaltsverzeichnis gibt es keine vorbereitete Möglichkeit Teile des Buches direkt anzuspringen. Abgesehen davon, dass auch der Weg zum HyperLink "References" im Inhaltsverzeichnis mehrere Manipulationen erfordert (Menü auswählen, zum Inhaltsverzeichnis blättern, dort die Seite mit dem HyperLink zu "References" aufsuchen um dann mit der 5-Weg Steuerungstaste Zeile für Ziele hinzufahren - siehe auch Foto: UI-Kindle-02), bringt ein Sprung zum Anfang des Literaturverzeichnisses noch nicht viel, weil dann erst recht – um die aufzusuchenden Stelle zu erreichen – noch etliche Mal "umgeblättert" werden muss. Bis man bei einem langen Inhaltsverzeichnis vom Buchstaben A beispielsweise AutorInnen deren Namen mit W beginnen erreicht hat, muss je nach gewählter Schriftgröße, leicht 20-30x "umgeblättert" werden.
  • Auch eine Suche nach den Namen der betreffenden AutorIn bringt nicht viel, weil dann alle Stellen im Buch mit kurzem Orientierungstext aufgelistet werden und so wiederum "geblättert" werden muss. So z.B. wird der Autor Guillemin so häufig aufgelistet, dass die Suchergebnisse 25 Seiten (bei meiner gewählten Schriftgröße) ausmachen und es keine Möglichkeit gibt um auf die 25. Seite (wo dann das Literaturverzeichnis als letzte Textstelle kommt) direkt zu springen (siehe Foto: UI-Kindle-01).
  • Ganz abgesehen davon, dass ja vorher entweder der Name eingegeben oder erst umständlich mit der sog. 5-Weg Steuerungstaste angefahren und selektiert werden muss. Apropos Eingeben: Es gibt keine Umlaute und auch die Sonderzeichen sind äußerst umständlich aufzurufen (siehe Foto: UI-Kindle-05). Zudem können Suchergebnisse nicht abgespeichert werden.
  • Verweise mit Seitenangaben im Text zeigen die Untragbarkeit des Kindle-Ansatzes deutlich und sind ein weiterer Punkt warum Fachbücher – wo solche Verweise häufig vorkommen – im Kindle nicht so richtig gut gelesen werden können.
  • Auch das freie Anspringen von Stellen im Buch ist durch die relative Fortschrittsanzeige nicht mehr intuitiv und mit Kopfrechnen verbunden: Das dritte Kapitel ist etwa bei der Hälfte des Buches, bei einer Gesamtlocation von 5207 ist dies etwa bei 2600, also: "Menü aufrufen, "Got to Location …" auswählen, die Zahl eingeben und dann bestätigen."

Fazit: Das User Interface ist (beim Kindle) für wissenschaftliche Bücher (noch?) ungeeignet.

2. Markierungen und Notizen umständlicher und mit weniger Wiedererkennungswert

Erwartungsgemäß sollte einer der wesentlichen Vorteile bei elektronischen Büchern in der elektronischen Weiterverarbeitung der Markierungen und Notizen liegen. Leider hat sich diese Hoffnung bisher für mich auch nicht richtig realisiert. Noch habe ich kein Fachbuch komplett durchgearbeitet und weiterverarbeitet (z.B. Textstellen für einen Artikel heraus gesucht und zitiert) und bin daher mit einer abschließenden Bewertung vorsichtig. Doch kann ich jetzt bereits auf einige Probleme hinweisen, die den Vorteil der elektronischen Markierungen und Notizen einschränken:

  • Durch die relative Fortschrittsanzeige macht eine visuelle Wiedererkennung keinen Sinn mehr. Die bisherige Praxis, dass ich beispielsweise eine Textstelle suche, die links oben etwa im Drittel des Buches sein muss, ist mit dem Kindle nicht mehr möglich. Durch die abstrakten 4-stelligen Zahlenangaben geht das Gefühl für die "Tiefe" der Stelle, wo der Text zu suchen wäre, verloren. Die %-Angaben, die es beim Kindle zwar auch gibt, sind zwar etwas intuitiver; können aber nicht direkt angesprungen werden. (Es muss die Zahlenangabe der relativen Location eingegeben werden.)
  • Vor allem aber ist eine visuelle Erinnerung (linke oder rechte Seite, oben, Mitte oder unten) komplett sinnlos geworden, da der Kindle beim Aufsuchen durch Blättern, Suchen oder Hinspringen auf Markierungen die Seite immer wieder anders darstellt bzw. anders umbricht. (vergleiche dazu die Fotos UI-Kindle-03 und UI-Kindle-04, die zeigen wie dieselbe Textpassage unterschiedlich umbrochen wird)
  • Das Markieren von Stellen und das Setzen von Lesezeichen mag vielleicht beim späteren (Weiter-)Verarbeiten helfen (da habe ich noch keine Erfahrungen), beim Durcharbeiten des elektronischen Buches ist es jedoch kein großer Vorteil. Wieder ist die sehr umständliche Nutzerführung des Kindle dafür verantwortlich: Zuerst muss einmal umständlich der betreffende Menüpunkt aufgesucht werden, damit dann zur betreffenden Stelle geblättert werden kann. Gibt es viele Markierungen und Lesezeichen, dann kann die Passage wiederum nur durch zig-maliges Drücken der "Next Page"-Taste aufgesucht werden.
  • Ein weiterer Nachteil für mich ist es, dass Anmerkungen nicht variiert werden können. Weder ist es möglich unterschiedliche Farben zu verwenden, noch können unterschiedliche Arten von Anzeichnungen (z.B. Unterstreichen des Textes, Anstreichen am Rand, Einkreisen einer Textstelle etc.) gemacht werden. Damit geht für mich zumindest wiederum ein wichtiger Teil des Wiedererkennungswert beim Aufsuchen von Textstellen verloren (vgl. die Fotos UI-Kindle-10 und UI-Buch).

Darstellungsprobleme bei komplexen Tabellen und Grafiken

Zufälligerweise hat mein Testbuch eine Menge von Tabellen und Grafiken, sonst wäre mir dieser Nachteil vielleicht gar nicht gleich aufgefallen. Da es beim Kindle keine Möglichkeit gibt Bild-Ausschnitte zu Vergrößern und durch einen Scroll-Mechanismus dann die betreffende Stelle aufzusuchen, müssen alle Tabellen und Grafiken mit dem kleinen 6"-Display auskommen. [Update (13.12.09): Bilder können zwar vergrößert werden aber – zumindest bei "Laboratory Life" – nur maximal auf das vorhandene Bildschirmformat. Wenn eine Grafik sowieso schon eine Bildschirmseite ausfüllt, hilft das daher recht wenig. Sie werden dann bloß um die beiden Ränder oben und unten größer.] Die Folge davon ist, dass das für Fachbücher wichtige Tabellen- bzw. Bildmaterial schier unleserlich ist (vgl. Fotos UI-Kindle-08 und UI-Kindle-09). Es gibt in "Laboratory Life" auch Fotos, die bestimmte Geräte und Situatiuonen der ethnographischen Untersuchung des Labors belegen sollen, deren schwarz-weiß Darstellung – wenn auch etwas dunkel und arm an Kontrasten - so doch insgesamt ausreichend waren (vgl. UI-Kindle-Bild)

Ähnliche Probleme gibt es auch bei komplexen Formatierungen von PDF-Dateien. PDFs sind aus technischen Gründen prinzipiell schwer darstellbar sind. Die von Kindle vorgenommen (experimentelle) Konvertierung ist insgesamt noch weit besser als Konverter in andere Formate – doch darüber zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Kindle hat kürzlich mit einem Software Update nachgebessert. In der neuen Software Version kann nun auch die Seite gedreht werden und damit das Querformat benutzt werden. Weiters sind nun PDFs auch direkt dh. ohne Konvertierung ins Kindle-Format .azw darstellbar. Eine Ganzseitendarstellung macht aber wegen der fehlender Scrollmöglichkeit bei meinem kleinen 6"-Display – trotz Lesebrille – wenig Sinn. Die daraus resultierenden Texte sind für mich nur sehr schwer und mühsam zu lesen  (siehe Foto: UI-Kindle-07).

Zusammenfassung

Abschließend kann daher gesagt werden, dass das Vergnügen beim Lesen mit dem Kindle bei den – sowieso vorerst noch sehr wenigen – Fachbüchern stark getrübt ist. Umständliches User Interface, keine Zitierfähigkeit, unleserliche Grafiken und Tabellen sind eigentlich Knock-Out Kriterien. Vor die Wahl gestellt ein Fachbuch in Print oder elektronischer Ausgabe für den Kindle zu kaufen, ziehe ich nach wie vor das traditionellen Buch vor. [Wie ein persönlicher Vergleich mit dem Sony Touch Screen Reader PRS-600 – mit dem ich seit kurzer Zeit experimentiere – zeigt, sind allerdings viele Probleme durch eine andere (bessere) Technologie/Software wahrscheinlich lösbar.]

Einstweilen gilt für mich bezüglich eBooks am Kindle: Belletristik ja, Fachbuch nein!

PS.: Mein Erfahrungsbericht wird demnächst mit einer Analyse der Amazon-Kindle Umgebung und deren Services fortgesetzt.

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