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Musteransatz

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Beiträge, die sich mit dem Musteransatz von Christopher Alexander beschäftigen: Können die Entwurfsmuster (Design Pattern) aus der Architektur in die Pädaogigk übertragen werden? Gibt es so etwas wie didaktische Entwurfsmuster? Wenn ja: wie sehen sie aus, was sind ihre Strukturmerkmale?

Artikelaktionen

Didaktische Entwurfsmuster

Reflexionen zu einem internationalen Pattern Workshop

Christian Kohls
Keynote von Yishay Mor
mit Harald Selke
mit Joachim Wedekind
Abeitsgruppe
Diskussion

Auch wenn ich im Nachrichtenteil meiner Website ein wenig gemosert habe, hat mich der Pattern Workshop in Tübingen durchaus angesprochen. Das geschah zwar mehr auf der informellen und metatheoretischen als auf der inhaltlichen Ebene; aber letztlich ist es ja auch egal, wodurch eine Motivation ausgelöst wird.

Die Teilnahme war auch eine gewissen Premiere in meinen Verhaltens"mustern": Sie war eine der ersten Veranstaltungen, die ich mir selbst im Rahmen der Forschungsinitiative gegönnt habe. Einmal nicht bloß zu einem Vortrag zu hirschen, um dann aus Zeitgründen wieder gleich abzureisen…

Ich fuhr von Hannover – wo ich auf dem E-Learning Forum der CeBit genau dieses machte (hinfahren, vortragen, weiterreisen) – nach Tübingen und nahm alle 3 Tage - vom Anfang bis zum Ende und ohne Unterbrechung! – am Workshop teil. Bei den meisten Veranstaltungen führe ich außerhalb der Vortragsräume zwar wichtige Gespräche, versäume aber dadurch die inhaltliche Seite der Konferenz.

Einige Highlights

Yishay Mor

Neben Christian Kohls, der der planende Kopf hinter dieser Veranstaltung war, war es vor allem Yishay Mor, der dem Pattern Workshop seinen Stempel aufdrückte: Er erzählte nicht nur von seinen reichhaltigen Erfahrungen als Moderator für Pattern Mining in verschiedenen Fachgebieten sondern moderierte auch wesentliche Teile der interaktiven Sessions. Seine Vorträge finden sich auf http://www.slideshare.net/yish/. Das waren insbesondere Pattern for Building Pattern Communities und Formative E-Assessment: case stories, design pattern und future scenarios.

Weitere wichtige Ressourcen sind: Der Pattern Language Network Website (Planet) und das dazu gehörige Pattern Language Network Wiki, insbesondere die dort aufgeführten Design Pattern.

Sven Wippermann

hielt einen der ganz wenigen Vorträge, die sich mit didaktischen Entwurfsmustern generell beschäftigten. Ich bin dabei mir seine Dissertation Didaktische Design Pattern zu beschaffen.

Beat Döbeli Honegger und Michele Notari

stellen einen interessanten Notationsansatz für didaktische Szenarien vor. Einige Teilnehmer/-innen kritisierten, dass diese Didactic Process Maps (DPM) nichts mit dem eigentlichen Pattern Ansatz zu tun haben. Das ist aus meiner Sicht ein unberechtigter Einwand.

Exkurs: Notationssystem

Ich sehe nämlich als eine ganz zentrale Aufgabe der didaktischen Entwurfsmuster auch darin, ein Notationssystem zu entwickeln mit dem sich pädagogische Experten über inhaltliche Details ihrer didaktischen Modelle austauschen können. (Vgl. dazu auch die Arbeiten von Donald Schön, insbesondere seine beiden Bücher The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action und Educating the Reflective Practitioner: Toward a New Design for Teaching and Learning.) – Hier übrigens schließt sich für mich der Kreis zum Begriff des impliziten Wissen von Michael Polanyi – einem meiner anderen inhaltlichen Forschungsschwerpunkte.

Ich verwende ausdrücklich den Begriff der Notation, weil ich den Ausdruck Sprache, wie er von Alexander aus seiner Pattern Language stammt, für überzogen und unpassend halte. Darunter wird in der Pattern Community ein System von auf einander bezogener Muster von Sub- und Superpattern verstanden. Der Begriff "Sprache" hat jedoch eine ganz andere Bedeutung und verlangt z.B. eine "darunter liegende" Grammatik. (Vgl. dazu die Arbeiten von Nelson Goodman, insbesondere Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie und Weisen der Welterzeugung und von Susanne Langer insbesondere Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst und das leider schwer zugänglich dreibändige Mind. An Essay on Human Feeling, aber auch Hilary Putnams Repräsentation und Realität.)

– Ich bedaure es übrigens sehr, dass über die mich hier sehr interessierenden erkenntnistheoretischen Fragestellungen – die sich unter anderem in den Literaturhinweisen der obigen beiden Absätze wieder finden – in der Pattern Community keine Diskussion stattfindet. Damit wird aus meiner Sicht die wichtige epistemologische Begründung für den Musteransatz auf eine praxeologische Sichtweise (Anwendung von Mustern als eine Art Verhaltenspraxis) eingeschränkt.

Weitere Highlights

Helen Sharp

Helen Sharp berichtete über die Motivation, Ergebnisse und Erfahrungen aus dem berühmten aber leider niemals finanzierten, d.h. auf freiwilliger Basis entstandenen und derzeit leider nicht mehr aktiven Pedagogical Pattern Project.

Christian Kohls

versuchte mit einer ganzen Reihe von Metaphern die Idee der Design Pattern dem Publikum näher zu bringen. Einige der (Pattern-Newbie)Teilnehmer/-innen hatten erfreuliche Aha-Erlebnisse, andere fortgeschrittene Informatiker/-innen führten eine intensive Diskussion inwieweit diese Metapher auch durchgängig halten und zutreffend sind.

Auf jeden Fall ist Christian Kohls eine der ersten Adressen im deutschsprachigen Raum zum Pattern Ansatz. Eine sehr gute – durch ihn inspirierte – Einführung findet sich als Special auf dem Portal e-teaching.org, wo es auch eine Sammlung von Entwurfsmustern gibt. Eine von ihm für mich persönlich zusammengestellte Literaturliste habe ich in WorldCat angelegt.


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Kritik der didaktischen Entwurfsmuster

Warum ich mit vielen pädagogischen Entwurfsmustern mein Bauchweh habe


Auf dem Pattern-Workshop in Tübingen habe ich mehrmals erwähnt, dass mich die bisher bekannten didaktischen Entwurfsmuster nicht überzeugt haben. Es ist wohl jetzt - wo ich mich eingehender damit beschäftige – angebraucht, diese sehr allgemein vorgebrachte Kritik zu begründen. Das ist gar nicht so einfach, weil das bisher eine Art oberflächliches "Bauchgefühl" war bzw. ist und eine rationale Begründung tiefer fassen und vor allem analytischer vorgehen muss.

Pädagogische Entwurfsmuster - Erste Generation

Für eine detailliertere Analyse muss ich zuerst einmal jene Muster benennen, auf die ich mich beziehe. Es waren vor allem jene Beispiele, die ich vor einigen Jahren – als ich Hagen erstmals mit dem Pattern Ansatz in Berührung kam – kennen lernte. Sie finden sich als Example Patterns auf pedagogicalpattern.org. Dazu möchte ich auch noch die vorläufigen Patterns for the Doctoral Student von Joseph Bergin rechnen, die ein besonders gutes Beispiel für meine Kritik darstellen.

Kennzeichnend für diese Pattern ist:

  1. Sie wurden von Nicht-PädagogInnen (meistens InformatikerInnen) geschrieben.
  2. Sie gründen sich auf eigene Lehrerfahrungen, die aber theoretisch kaum reflektiert werden. Das gesamte Pool an jahrzehntelang erworbenem didaktischem Know How bleibt völlig unberührt.

Bloß Trivialitäten und Binsenweisheiten?

Eine Illustration für diese beiden Kennzeichen stellt z.B. das Pattern "Open the door" aus Learning to Teach and Learning to Learn – Running a Course (PDF, 45 kB) von Jutta Eckstein dar. Es werden darin einige – unsystematische – Überlegungen angestellt, wie eine Kurs begonnen werden kann. Nun gibt dazu ganze Bücher, die sich diesem Thema widmen (z.B. Anfangssituationen - Was man besser tun und lassen sollte von Karlheinz Geißler). Was ist also der Mehrwert eines solchen Patterns? Wird damit nicht bloß die naive (d.h. wenig reflektierte und nicht theoretisch fundierte) Erkenntnis eines pädagogischen Anfängers wider gegeben?

Andere Beispiele – die infolge ihrer Trivialität schon fast peinlich sind – finden sich in den Patterns for the Doctoral Student. Da werden Binsenweisheiten, die als tiefgründige Lebensweisheiten maskiert werden, angeführt, wie

  • Suche bei verschiedenen Doktoratsprogrammen an
  • Wähle das höchst qualifizierteste - das bereit ist Dich aufnehmen - aus
  • Sei leidenschaftlich und vermeide Burnout
  • Vermeide Komplikationen in Deinem (Alltags-)leben
  • Erkundige Dich über die Anforderungen im Doktoratsprogramm
  • usw. usf.

Oder steckt da mehr dahinter?

Nun könnte man natürlich der Auffassung sein, dass eine solche Zusammenstellung von Tipps für AnfängerInnen durchaus praktisch sind. Warum stellt man sie dann aber nicht als Tipps z.B. in Form einer Checkliste zusammen? Warum greift man zum aufwendigen Patternformat, dem berühmten Dreischritt: Kontext, Problem bzw. Kräfte und Lösung? Ist das nicht ein Overkill, eine Vernebelungstaktik um Trivialitäten an den Mann bzw. Frau zu bringen?

Aus meiner Sicht stimmt diese harsche Kritik – zumindest soweit es diese erste Generation an pädagogischen Entwurfsmuster entspricht. Ich glaube jedoch (heute), dass es sich nur um schlechte Beispiele für die Umsetzung des Pattern Ansatzes im pädagogisch-didaktischen Bereich handelt und nicht um das Versagen des Ansatzes selbst. Das wird deutlich, wenn wir uns neuere Beispiele – die ich als didaktische Entwurfsmuster der zweiten Generation bezeichne – anschauen.

Pädagogische Entwurfsmuster - zweite Generation

Darunter fasse ich neue Arbeiten, wie sie beispielsweise unter Current Work auf pedagogicalpattern.org angeführt sind. Ich zähle dazu auch die unter e-teaching.org angeführten Muster wie z.B. Online Schulung und die Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten von Axel Schmolitzky und Till Schümmer, vor allem aber die Websites Wikipatterns und A Social Software Pattern Language.

Die angeführten Pattern-Beiträge wie z.B. Feedback Patterns (PDF, 581 kB), Patterns for Active Learning (PDF, 530 kB) usw. sind ebenfalls von Nicht-PädagogInnen geschrieben und gründen sich auf eigene - wenig theoretisch reflektierte – Lehrerfahrungen wie die Muster der ersten Genereration. Trotzdem unterscheiden sich aus meiner Sicht in zweifacher Hinsicht von den Entwurfsmustern der ersten Generation:

  1. Sie sind um ein gemeinsames Thema zentriert (z.B. Feedback, Lernaktivierung)  und explorieren es aus verschiedenen Gesichtspunkten mit unterschiedlichen Methoden. 
  2. Sie sind nicht mehr ganz so naiv, beschränken sich nicht mehr auf bloße einfache Binsenweisheiten sondern haben durchaus einen gewissen Komplexitätsgrad erreicht.

QWAN - als emergente Eigenschaft

Nach wie vor sind es nicht die einzelnen Muster selbst, die mich überzeugen, sondern es ist die konzentrierte Zusammenstellung inklusive der in den jeweiligen Pattern erwähnten Querbezüge zu anderen ähnlichen, alternativen, vorausgesetzten, unter anderen Bedingungen einsetzbaren etc. etc. Mustern. Es ist aber weniger dieses Netzwerk aus Beziehungen, das gerne als Mustersprache bezeichnet wird, das mich überzeugt, sondern das damit intuitiv und emergent entstehende mentale Bild.

Ermergenz ist ein neues Phänomen (Eigenschaft, Attribut) das auf der Makroebene entsteht. Es gründet sich zwar auf die Eigenschaften von Elementen auf der unteren Ebene (Mikroebene), ist jedoch eine neue Erscheinung, die in keinen ihrer Bestandteile enthalten ist. Es ist die besondere Organisationsform, das Beziehungsmuster, das diese neue Phänomen generiert. So hat Wasser die Eigentschaft flüssig zu sein, eine Eigenschaft, die keinem seiner einzelnen Bestandteile (H und O) zugeschrieben werden kann. So kann kein einzelnes H2O Molekül herausgenommen werden und ihm die Eigenschaft "flüssig" zugesprochen werden.

Diese emergente Eigenschaft nennt Christopher Alexander in The Timeless Way of Building the Quality Without a Name (QWAN). Es ist eine Systemeigenschaft auf der Metaebene, eine intuitive Praxis oder "Way of Teaching", der sich auf implizites Wissen (Michael Ponayi) stützt und sich nicht durch Worte erschließt oder mitgeteilt werden kann.

 

Pädagogische Entwurfsmustern - auf dem Weg zur dritten Generation

Ich habe gesagt, dass mich die einzelnen didaktischen Entwurfsmuster der zweiten Generation – jedes für sich und einzeln betrachtet – noch immer nicht ganz überzeugen. Was ist an ihnen auszusetzen? Oder umgekehrt gefragt: Was sind die Eigenschaften, die mich zufrieden stellen würden?

Ich ziehe als Beispiel für die nachfolgende Erklärung die besser geschriebene englische Originalversion der Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten Patterns for Supervising Thesis Projects (PDF, 204 kB) heran. Die darin versammelten Entwurfsmuster sind nicht trivial und machen durchaus Sinn. Allerdings beziehen sie sich alle auf den der wissenschaftlichen Arbeit äußerlichen Prozess "Beziehungsstruktur". Dementsprechend sind die einzelnen Muster für sich als klar umrissene, mehr oder weniger eindeutig zu beschreibende Verhaltenshinweise zu beschreiben.

Ich stelle mir jedoch als ein individuelles Entwurfsmuster der dritten Generation eine Präsentation von impliziten Erfahrungswissen vor, d.h. eine Art von QWAN entsteht nicht erst durch ein mentales Modell beim Durchlesen und Erfassen der Beziehungsmuster ("Pattern Language"), sondern ist schon im jeweiligen Muster enthalten.

Damit will ich nicht sagen, dass die Summe des impliziten Wissen der unteren Ebene (der einzelnen Muster) automatisch die QWAN auf der Makroebene bildet. Das implizite Wissen der höheren Ebene, der Musterstruktur oder "Pattern Language" hat eine eigene, eine neue und ganz andere Qualität. Das individuelle Muster ist in den Begrifflichkeiten von Michael Polanyi eine Art proximaler Term, der den Musterstruktur (den distalen Term) aufschließt. Die Bedeutung beider Ebenen (untere wie obere Ebene) sind Triaden, die durch eine implizite Integration erschlossen werden müssen:

Triade impliziten Wissens

But to integrate a thing B into bearing on some C amounts to endowing B with a meaning that points at C ... It is our subsidiary awareness of a thing that endows it with meaning: with a meaning that bears on an object of which we are focally aware. A meaningful relation of a subsidiary to a focal is formed by the action of a person who integrates one to the other, and the relation persists by the fact that the person keeps up this integration. (Knowing and Being , S. 181f.)

Zitiert aus meiner Habilitationsschrift: Der Hintergrund des Wissens, S. 180

 

 

Ich habe selbst keine ausformulierten Beispiele für Pädagogische Entwurfsmuster der von mir antizipierten dritten Generation zur Hand. Trotzdem möchte ich einige Überlegungen aus meinem Erfahrungsbereich beim Betreuen von Dissertationen anführen, die vielleicht als Illustration meiner Gedanken hilfreich sind. Die Idee dabei ist, dass jedes einzelne Muster selbst implizites Wissen transportiert, jedes Entwurfsmuster bereits eine QWAN enthaltet:

  • QWAN einer forschungsleitenden Fragestellung: Wie wird aus einem Thema eine "gute" (machbare, interessante, neue etc.) forschungsleitende Fragestellung?
  • QWAN der zugrunde liegenden Literatur: Wann ist die Literatursuche abgeschlossen? Welche Literatur soll/muss wie integriert/verarbeitet werden?
  • QWAN des Zitierens: Wann soll welcher Teil einer Literaturstelle wie (wörtlich oder paraphrasieren) zitiert werden?

Es ist durchaus möglich, dass die obigen Beispiele selbst bereits eine Sammlung von Mustern darstellen. Die Idee hinter diesen QWANs ist es, dass Forschen eine trainierbare Fertigkeit darstellt, eine – allerdings nicht bloß durch Worte – vermittelbare  bzw. auszubildende Kompetenz darstellt. Generelle Überlegungen habe ich dazu im Abschlusskapitel des Buches Studieren und Forschen mit dem Internet zusammengestellt und auch als eigenen Artikel publiziert, den ich – quasi als Abschluss dieser Überlegungen - als Attachment "stufonet.pdf" diesem Beitrag beilege

 

stufonet.pdf stufonet.pdf
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Pattern Workshop Pattern Workshop
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Didaktische Entwurfsmuster Didaktische Entwurfsmuster
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Re:Kritik der didaktischen Entwurfsmuster

Kommentar von chrisimweb am 09.03.2009 18:33

Ich denke, unser wichtigstes Ziel des Workshops, nämlich eine Diskussion über den Entwurfsmuster-Ansatz zu starten und kritische Fragen herauszustellen, haben wir erreicht. Dies zeigen die drei Beiträge auf dieser Webseite, über die ich mich sehr gefreut habe. Im wesentlichen stimme ich mit vielen der hier und den beiden anderen Artikeln genannten Kritikpunkte überein. Insbesondere fällt auf, dass die theoretischen Hintergründe oft aus dem Blick geraten – dies liegt sicherlich am Wesen der Pattern Community, die sich traditionell eher der Praxis als der Theorie verbunden fühlt. Ich selbst sehe dagegen in Entwurfsmustern gerade die Schnittstelle zwischen beidem: Das Herausarbeiten von Regelmäßigkeiten auf einer abstrahierten Ebene ist ein Schritt in Richtung Theoriebildung. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Patterns nichts anderes als theoretische Abhandlungen über den Gegenstand an sich sind. Da in diesem Fall der Gegenstand stets das praxisrelevante Handeln und Gestalten ist, wird in der Pattern Community oft betont, dass es sich um praktisches und nicht um theoretisches Wissen handelt. Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern verstehe die in Mustern zusammengefassten Hypothesen (Muster behandeln immer multikausale Zusammenhänge) eher als Theorien der Praxis. Als solche müssen sie konkret genug sein in dem Sinne, dass sie einen Plan für die Realisierung der beschriebenen Form enthalten. Die Theorie findet ihren Platz meines Erachtens dort, wo es um die Begründung einer Maßnahme, Methode, oder Vorgehensweise geht. Somit sind vor allem die Forces, also die unterstellten Wirkkräfte, theoretischer Natur. Und hier ist die Kritik von Peter Baumgartner und einigen anderen Workshopteilnehmern sehr berechtigt, dass eine Verbindung zu bereits existierenden didaktischen Modellen in der Regel nicht erfolgt sondern eigene Begründungen und Verallgemeinerungen von den Autoren eingebracht werden. Dies gilt auch für die meisten Muster, die ich bislang beschrieben habe. Dies liegt zum einen – ich gebe es zu – an einer gewissen Ignoranz bereits existierender Theorien seitens der Informatiker. Doch zwei weitere Gründe sind zu nennen. Zum einen berücksichtigt der ganzheitliche Ansatz der Entwurfsmuster nicht nur die pädagogisch-didaktischen Herausforderungen sondern auch organisatorische, technische, politische, finanzielle usw. Rahmenbedingungen der Umwelt. Zum anderen lassen sich Theorien nicht immer guten Gewissens einem Entwurfsmuster zuordnen, gerade weil die Theorien zu allgemein sind. Beispiel: Ich hätte für meine Entwurfsmuster für interaktive Grafiken sehr gerne (etablierte) theoretische Begründungen einfließen lassen, teils ist dies auch gelungen. Doch oft sind die theoretischen Prinzipien der Art „Interaktivität ist gut“ (oder die Multimedia-Prinzipien von Richard E. Mayer) nicht angemessen, da der Nutzen nicht an der Interaktivität an sich sondern an der Interaktivitätsform und der passenden Anwendung hängt. Doch dieser Bezug, diese Präzisierung geht oft in Theorien unzulässig verloren. Hier sehe ich den großen Nutzen von Mustern: sie sind für die Praxis konkreter (relevanter) und auch auf theoretischer Ebene meist präziser.
Auf dem Workshop kam wieder einmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Patterns auf. Erkenntnistheoretisch bezieht sich bereits bei Aristoteles die Erkenntnis des Allgemeinen nicht nur auf die Erfahrung der Umwelt sondern auch auf die Erfahrung des Handelns – so geht es etwa in der Medizin nicht nur physische oder physiologische Zusammenhänge sondern auch um die Wirkung ärztlichen Handelns (Handwerk): Der Kamillentee hilft bei Fieber. Das wissenschaftliche liegt darin, dass auch Gründe und Ursachen bekannt sind. Beides wird bei Entwurfsmustern vor allem in den Forces festgehalten. Selbst die sehr einfachen Entwurfsmuster „Patterns for the Doctoral Student“ sind daher ein Stück mehr als Binsenweisheiten, da sie das Rational explizit (und damit empirisch angreifbar) machen. Das Problem mit Handlungswissen ist gerade, dass das implizit beim Experten vorhandene Wissen für ihn trivial, für den Novizen aber durchaus lehrreich ist. Als die Entwurfsmuster im Bereich des Softwaredesigns Einzug erhielten, gab es ebenfalls das „So what?“-Problem. Erfahrene Softwaredesigner haben in den Mustern nichts neues sondern nur ihre lang erprobten Techniken wieder gefunden. Das „Neue“ aber liegt in dem Herausstellen und Verallgemeinern dieser Techniken. So sind etwa neu entdeckte Handlungsweisen einer Tierart keineswegs neu für diese Art. Die Frage ist eher, wann etwas beginnt trivial zu sein. Das Muster „Online-Schulung“ legt nahe, ein „Bitte nicht stören!“-Schild (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/nicht-stoeren/) an die Bürotür zu hängen, damit man bei der Übertragung nicht unterbrochen wird. Im Prinzip ist dies trivial, doch wenn man diese Maßnahme auslässt, kann dies unangenehme Konsequenzen haben. Um die Notwendigkeit zu begründen und die generierten Werte dieser sehr einfachen Lösung im Detail zu erörtern, gibt es eine eigene Musterbeschreibung. Hier bin ich mir selbst (als Autor) nicht mehr sicher, ob nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Den Dreischritt halte ich aber auch hier für sinnvoll und einfachen Checklisten oder Tipps&Tricks-Sammlung überlegen. Tipps&Tricks sind immer nur in einem bestimmten Kontext anwendbar und adressieren bestimmtes Probleme. Die Nennung von Kontext und Problem bringt zusätzliche Erkenntnis. Für den adäquaten Einsatz der Tipps&Tricks ist das Verständnis von Kontext und Problem wichtig, um nicht einfach nur Vorschriften zu befolgen. Bei den Binsenweisheiten handelt es sich daher meiner Meinung nach um Muster auf sehr, sehr feiner Granularitätsstufe. Das literarische Pattern-Format ist dann sicherlich schnell überdimensioniert. Mini-Muster (wie etwa ein „Bitte nicht stören!“-Schild) bedürfen keiner ausführlichen Beschreibung, sie lassen sich oft in einem Satz abhandeln. Z.B. findet sich im Muster „Schulungs-Konzept“ (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/konzept/) eine einfache Binsenweisheit als Stolperstein: „Um nicht durcheinander zu kommen, haken Sie die behandelten Stichpunkte mit einem Stift ab.“. Das hört sich nach einem einfachen Tipp an, ist aber ein vollständiges – wenn auch sehr, sehr kleines - Muster. Denn neben dem Tipp „Stichpunkt abhaken“, der die Lösung darstellt, wird auch die Begründung gegeben, denn der Kontext ist implizit „Schulungs-Konzept“ und das Problem ganz einfach „nicht durcheinander kommen“. In diesem Sinne ist der Tipp nicht präskriptiv sondern generativ, d.h. wegweisend statt vorschreibend. Wo liegt hier nun die QWAN, was ist bei einer so einfachen Regel das emergente Phänomen? Tatsächlich ließe sich dieser ganz kleine Tipp noch weiter in seine Bestandteile zerlegen, z.B. könnte man erörtern, warum der Trainer durcheinander kommt (welche Wirkkräfte sind hier verantwortlich?) und wieso das Abhaken wieder Orientierung gibt (warum werden gerade durch diese Lösung die Wirkkräfte ausbalanciert?). Es fällt schwer, zu benennen, was im Detail gut daran ist, seine Stichwortliste abzuhaken, denn es werden gleich mehrere Ziele erfüllt (z.B. unmittelbare Anzeige wo ich gerade bin, was schon abgearbeitet ist und was noch folgt), die Qualität lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, die Anforderungen auch nicht.

Natürlich macht es keinen Sinn, diese kleinsten Tipps als eigenständige Muster auszuformulieren. Sinnvoll ist es jedoch, auch Tipps nicht nur als Anweisungen sondern als Lösungen für ein Problem in einem Kontext zu behandeln. Spannender sind sicherlich die Muster höherer Ebenen, die sich aus vielen solcher kleiner Muster zusammensetzen und damit neue emergente Eigenschaften erzeugen. Solche Muster sind aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr trivial und beinhalten oft auch neue (d.h. in dem Fall bislang nicht explizierte) Erkenntnisse. Über den erkenntnistheoretischen Wert von Entwurfsmuster wird noch mehr zu sagen sein; ich hoffe, bis zum Symposium „The challenges of the design pattern paradigm for the development of learning environments and experience“ auf der CAL 2009 eine ausgereiftere Position ausgearbeitet zu haben. Weitere Überlegungen finden sich in einer Diskussion im Planet Blog: http://patternlanguagenetwork.org/2008/08/21/validity-resonance-and-aggregation/

Beste Grüße und vielen Dank,
Christian Kohls

Diskussion um Entwurfsmuster-Ansatz starten

Kommentar von Christian Kohls

Christian Kohls hat eine sehr lange Rückmeldung in meinem Weblog vorgenommen. Weil sie wichtig ist und auch einige Links enthält, die im Kommentar nicht direkt angesteuert werden können, habe ich - mit seinem Einverständnis – seine Anmerkungen als eigenen Weblog-Artikel hier eingefügt. Die Gliederung, Zwischenüberschriften und Formatierungen stammen von mir (pb).

Christian Kohls zu Entwurfmustern

Ich denke, unser wichtigstes Ziel des Workshops, nämlich eine Diskussion über den Entwurfsmuster-Ansatz zu starten und kritische Fragen herauszustellen, haben wir erreicht. Dies zeigen die drei Beiträge auf dieser Webseite, über die ich mich sehr gefreut habe. Im wesentlichen stimme ich mit vielen der hier und den beiden anderen Artikeln genannten Kritikpunkte überein. Insbesondere fällt auf, dass die theoretischen Hintergründe oft aus dem Blick geraten – dies liegt sicherlich am Wesen der Pattern Community, die sich traditionell eher der Praxis als der Theorie verbunden fühlt.

Entwurfsmuster an der Schnittstelle von Theorie und Praxis

Ich selbst sehe dagegen in Entwurfsmustern gerade die Schnittstelle zwischen beidem: Das Herausarbeiten von Regelmäßigkeiten auf einer abstrahierten Ebene ist ein Schritt in Richtung Theoriebildung. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Patterns nichts anderes als theoretische Abhandlungen über den Gegenstand an sich sind. Da in diesem Fall der Gegenstand stets das praxisrelevante Handeln und Gestalten ist, wird in der Pattern Community oft betont, dass es sich um praktisches und nicht um theoretisches Wissen handelt.

Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern verstehe die in Mustern zusammengefassten Hypothesen (Muster behandeln immer multikausale Zusammenhänge) eher als Theorien der Praxis. Als solche müssen sie konkret genug sein in dem Sinne, dass sie einen Plan für die Realisierung der beschriebenen Form enthalten. Die Theorie findet ihren Platz meines Erachtens dort, wo es um die Begründung einer Maßnahme, Methode, oder Vorgehensweise geht. Somit sind vor allem die Forces, also die unterstellten Wirkkräfte, theoretischer Natur. Und hier ist die Kritik von Peter Baumgartner und einigen anderen Workshopteilnehmern sehr berechtigt, dass eine Verbindung zu bereits existierenden didaktischen Modellen in der Regel nicht erfolgt sondern eigene Begründungen und Verallgemeinerungen von den Autoren eingebracht werden. Dies gilt auch für die meisten Muster, die ich bislang beschrieben habe. Dies liegt zum einen – ich gebe es zu – an einer gewissen Ignoranz bereits existierender Theorien seitens der Informatiker. Doch zwei weitere Gründe sind zu nennen.

  • Zum einen berücksichtigt der ganzheitliche Ansatz der Entwurfsmuster nicht nur die pädagogisch-didaktischen Herausforderungen sondern auch organisatorische, technische, politische, finanzielle usw. Rahmenbedingungen der Umwelt.
  • Zum anderen lassen sich Theorien nicht immer guten Gewissens einem Entwurfsmuster zuordnen, gerade weil die Theorien zu allgemein sind.

Beispiel: Ich hätte für meine Entwurfsmuster für interaktive Grafiken sehr gerne (etablierte) theoretische Begründungen einfließen lassen, teils ist dies auch gelungen. Doch oft sind die theoretischen Prinzipien der Art „Interaktivität ist gut“ (oder die Multimedia-Prinzipien von Richard E. Mayer) nicht angemessen, da der Nutzen nicht an der Interaktivität an sich sondern an der Interaktivitätsform und der passenden Anwendung hängt. Doch dieser Bezug, diese Präzisierung geht oft in Theorien unzulässig verloren. Hier sehe ich den großen Nutzen von Mustern: sie sind für die Praxis konkreter (relevanter) und auch auf theoretischer Ebene meist präziser.

Wissenschaftlichkeit von Pattern?

Auf dem Workshop kam wieder einmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Patterns auf. Erkenntnistheoretisch bezieht sich bereits bei Aristoteles die Erkenntnis des Allgemeinen nicht nur auf die Erfahrung der Umwelt sondern auch auf die Erfahrung des Handelns – so geht es etwa in der Medizin nicht nur physische oder physiologische Zusammenhänge sondern auch um die Wirkung ärztlichen Handelns (Handwerk): Der Kamillentee hilft bei Fieber. Das wissenschaftliche liegt darin, dass auch Gründe und Ursachen bekannt sind.

Beides wird bei Entwurfsmustern vor allem in den Forces festgehalten. Selbst die sehr einfachen Entwurfsmuster „Patterns for the Doctoral Student“ sind daher ein Stück mehr als Binsenweisheiten, da sie das Rational explizit (und damit empirisch angreifbar) machen. Das Problem mit Handlungswissen ist gerade, dass das implizit beim Experten vorhandene Wissen für ihn trivial, für den Novizen aber durchaus lehrreich ist. Als die Entwurfsmuster im Bereich des Softwaredesigns Einzug erhielten, gab es ebenfalls das „So what?“-Problem. Erfahrene Softwaredesigner haben in den Mustern nichts neues sondern nur ihre lang erprobten Techniken wieder gefunden.

Das „Neue“ aber liegt in dem Herausstellen und Verallgemeinern dieser Techniken. So sind etwa neu entdeckte Handlungsweisen einer Tierart keineswegs neu für diese Art. Die Frage ist eher, wann etwas beginnt trivial zu sein. Das Muster „Online-Schulung“ legt nahe, ein Bitte nicht stören!-Schild an die Bürotür zu hängen, damit man bei der Übertragung nicht unterbrochen wird. Im Prinzip ist dies trivial, doch wenn man diese Maßnahme auslässt, kann dies unangenehme Konsequenzen haben. Um die Notwendigkeit zu begründen und die generierten Werte dieser sehr einfachen Lösung im Detail zu erörtern, gibt es eine eigene Musterbeschreibung.  Hier bin ich mir selbst (als Autor) nicht mehr sicher, ob nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird.

Dreischritt wichtig auch bei einfachen Checklisten

Den Dreischritt halte ich aber auch hier für sinnvoll und einfachen Checklisten oder Tipps&Tricks-Sammlung überlegen. Tipps&Tricks sind immer nur in einem bestimmten Kontext anwendbar und adressieren bestimmtes Probleme. Die Nennung von Kontext und Problem bringt zusätzliche Erkenntnis. Für den adäquaten Einsatz der Tipps&Tricks ist das Verständnis von Kontext und Problem wichtig, um nicht einfach nur Vorschriften zu befolgen. Bei den Binsenweisheiten handelt es sich daher meiner Meinung nach um Muster auf sehr, sehr feiner Granularitätsstufe. Das literarische Pattern-Format ist dann sicherlich schnell überdimensioniert. Mini-Muster (wie etwa ein „Bitte nicht stören!“-Schild) bedürfen keiner ausführlichen Beschreibung, sie lassen sich oft in einem Satz abhandeln. Z.B. findet sich im Muster Schulungs-Konzept eine einfache Binsenweisheit als Stolperstein: „Um nicht durcheinander zu kommen, haken Sie die behandelten Stichpunkte mit einem Stift ab.“

Das hört sich nach einem einfachen Tipp an, ist aber ein vollständiges – wenn auch sehr, sehr kleines - Muster. Denn neben dem Tipp „Stichpunkt abhaken“, der die Lösung darstellt, wird auch die Begründung gegeben, denn der Kontext ist implizit „Schulungs-Konzept“ und das Problem ganz einfach „nicht durcheinander kommen“. In diesem Sinne ist der Tipp nicht präskriptiv sondern generativ, d.h. wegweisend statt vorschreibend. Wo liegt hier nun die QWAN, was ist bei einer so einfachen Regel das emergente Phänomen? Tatsächlich ließe sich dieser ganz kleine Tipp noch weiter in seine Bestandteile zerlegen, z.B. könnte man erörtern, warum der Trainer durcheinander kommt (welche Wirkkräfte sind hier verantwortlich?) und wieso das Abhaken wieder Orientierung gibt (warum werden gerade durch diese Lösung die Wirkkräfte ausbalanciert?). Es fällt schwer, zu benennen, was im Detail gut daran ist, seine Stichwortliste abzuhaken, denn es werden gleich mehrere Ziele erfüllt (z.B. unmittelbare Anzeige wo ich gerade bin, was schon abgearbeitet ist und was noch folgt), die Qualität lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, die Anforderungen auch nicht.

Natürlich macht es keinen Sinn, diese kleinsten Tipps als eigenständige Muster auszuformulieren. Sinnvoll ist es jedoch, auch Tipps nicht nur als Anweisungen sondern als Lösungen für ein Problem in einem Kontext zu behandeln. Spannender sind sicherlich die Muster höherer Ebenen, die sich aus vielen solcher kleiner Muster zusammensetzen und damit neue emergente Eigenschaften erzeugen. Solche Muster sind aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr trivial und beinhalten oft auch neue (d.h. in dem Fall bislang nicht explizierte) Erkenntnisse. Über den erkenntnistheoretischen Wert von Entwurfsmuster wird noch mehr zu sagen sein; ich hoffe, bis zum Symposium „The challenges of the design pattern paradigm for the development of learning environments and experience“ auf der CAL 2009 eine ausgereiftere Position ausgearbeitet zu haben. Weitere Überlegungen finden sich in einer Diskussion im Planet Blog.

Beste Grüße und vielen Dank,

Christian Kohls


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Muster als emergentes Phänomen

Philosophische Überlegungen zum Musteransatz

Emergence - Bedau
Emergence - Holland
Emergence - Johnson
Emergence - Strogatz
Emergence - Laughlin

Aus erkenntnistheoretischen Überlegungen habe ich bereits öfters in meinen Arbeiten auf den Begriff der Emergenz hingewiesen und versucht für die Didaktik von E-Learning nutzbar zu machen (siehe beispielsweise die referenzierten Artikel am Ende dieses Weblogeintrags). Gerade vor diesem epistemologisch motivierten Hintergrund interessieren mich (Entwurfs-)Muster (Design Pattern) so sehr. Mir scheint allerdings, dass dieser allgemeinere Zugang in der "Pattern Community" bisher nicht einmal ansatzweise diskutiert wird.

Emergenz und Muster

Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen sehe ich - vereinfacht gesagt - darin, dass die Elemente der "unteren" Ebene auf der "oberen" Ebene ein Muster bilden. Diese (neue) Organisationsform auf der höheren Ebene ist es, die für das Entstehen neuer Eigenschaften, Funktionen etc, also das was dann als emergentes Phänomen bezeichnet wird, verantwortlich ist.

Emergenztheorien wenden sich demgemäß gegen reduktionistische wissenschaftliche Ansätze. Unter Reduktionismus werden jene Lehrmeinungen verstanden, die davon ausgehen, dass die Phänomene der oberen Ebene alleine durch die Kenntnis des Eigenschaften der sie bildenden Bestandteile verstanden, erklärt, vorhergesagt etc. werden können. Hier sind Beispiele aus den Naturwissenschaften instruktiv (siehe zum Folgenden den Artikel in http://www.wasser.de/.

Die Elemente Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) bilden in einem bestimmten Mischungsverhältnis und Zusammenwirken Wasser (H20). H2O

WasserstoffbrückenbindungWeil Wasserstoff (positiv) und Sauerstoff (negativ) geladen sind, besitzt das Wassermolekül eine Polarität (plus). Da sich gleiche Ladungen abstoßen und unterschiedliche Ladungen anziehen, richten sich die Moleküle zu gewissen Mustern aus. Diese dreidimensionalen Anordnungen werden Cluster genannt. Diese Bindungen der Moleküle untereinander nennt man Wasserstoffbrückenbindung. Diese besondere Verbindungsmuster (Wasserstoffbrückenbindung) ist verantwortlich für gänzlich neue Eigenschaften wie Oberflächenspannung und den neuen flüssigen Aggregatzustand bei Raumtemperatur. Die Eigenschaft "flüssig" ist weder im Element Wasserstoff noch im Element Sauerstoff vorhanden.

Der obige verwendete Muster-Begriff stammt übrigens nicht von mir um mein Argument stärker zu machen, sondern findet sich im Originaltext des Artikels, den ich nur aus stilistischen Gründen etwas umformuliert habe.

Sieben philosophische Fragestellungen

Aus dem obigen - fast trivial anmutenden -Beispiel lassen sich einige interessante erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fragestellungen generieren:

  1. Was ist unter Emergenz zu verstehen? Ist es die Unerklärbarkeit der Eigenschaften der "höheren", Ebene, der Wirkungen der "zusammengesetzten" Elemente? Oder ist es die Nicht-Reduzierbarkeit der auf der "höheren" Ebene feststellbaren Phänomene? Sind es bloß begriffliche (konzeptionelle) oder tatsächlich real vorkommende (ontologische) Neuheiten? Oder ist Emergenz - wie ich meine - alles das zusammen und gleichzeitig (Holismus)?
  2. Worauf beziehen sich emergente Phänomene? Auf Eigenschaften, Substanzen, Prozesse, Organisationsformen (Muster), Funktionen, Gesetze? (Ich vertrete hier - deshalb mein Interesse für die Entwurfsmuster – die Meinung, dass es vor allem um die Organisationsform geht. Der Spruch "Das Ganze ist mehr als seine Einzelteile" weist auf eine emergentes Phänomen hin, das nicht geisterhaft aus dem Nichts entsteht, sondern der spezifischen Organisationsform der Einzelteile verschuldet ist.
  3. Welchen Anwendungs- oder Geltungsbereich hat Emergenz? Sind emergente Phänomene selten, treten nur unter ganz besonderen Bedingungen und Umständen auf oder sind sie - wie ich meine - alltäglich? Weil unsere Welt auf den verschiedensten "Ebenen" immer aus zusammengesetzten Elementen besteht, die sich unter bestimmten Organisationsformen verbinden, Muster bilden, ist Emergenz "Immer und überall" zu finden.
  4. Ist Emergenz "objektiv" oder "subjektiv"? Ist Emergenz eine tatsächlich in der Außenwelt vorkommende ("objektive") Eigenschaft, oder erscheint sie nur als solche im Auge des Betrachters, der Beobachterin? Aus meiner Sicht ist die Eigenschaft "flüssig" selbstverständlich ein real vorkommendes Phänomen. Natürlich ist der Begriff "flüssig" unsere Wortschöpfung (Konstruktion) und natürlich erkennen wir Wasser niemals "an sich", sondern ist unsere Erfahrung (Empirie) durch Beobachtungen geprägt, die wir interpretieren. Trotzdem entspricht unserer Erfahrung – die wir durch Interaktionen mit unserer Außenwelt ständig "validieren" – ein außerhalb von unseren Köpfen stattfindendem Phänomen. Der Aggregatzustand "flüssig" ist zwar auch eine gedankliche Konstruktion - aber nicht nur!
  5. Ist Emergenz statisch und synchron oder dynamisch und diachron, oder beides? Ich meine, dass beides möglich ist. Das obige Wasserbeispiel belegt den synchronen Ansatz: Die neue (emergente) Eigenschaft flüssig zu sein, ist mit der vollzogenen Verbindung der Wasser- und Sauerstoffmoleküle sofort (gleichzeitig) vorhanden. Die Verbindung H2O ist flüssig. Oft entstehen aber erst nach einiger Zeit aus komplexen naturwissenschaftlich Prozessen neue Phänomene (vgl. die Literatur zur Chaostheorie.)
  6. Ist die Welt in Ebenen steigender Komplexität geschichtet? Aus meiner Sicht: Ja! Ich schließe mich hier der  Theorie zur ontologischen Schichtung von Michael Polanyi an bzw. stimme Nicolai Hartmann zu, wenn er fundamental von Schichten des Realen ausgeht. Jede Schicht (Ebene) hat ihre Muster (Organisationsform) der Elemente und demnach auch die ihr entsprechende Beobachtungs bzw. Analysemethode für ein adäquates Beschreibungs - bzw. Erklärungsmodell.
  7. Auf welche Weise sind emergente Phänomene von den sie verursachenden Elementen autonom? Hier gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, hier unterscheiden sich beispielsweise die Ansätze von Polanyi und Hartmann grundsätzlich. Das ist eine zwar sehr wichtige aber auch sehr komplizierte – und letztlich nur empirisch zu entscheidene Fragestellung. Ich habe dazu selbst keine eigene Auffassung und möchte zu einem späteren Zeitpunkt sowohl die Bedeutung der Fragestellung als auch einige Lösungsversuche darstellen.

So What?


Und was hat nun dieser ganze philosophische Klim-Bim – so werden sich einige Leser/-innen berechtigt fragen – eigentlich mit Pädagogik, Didaktik oder gar E-Learning zu tun? Ich habe versucht in einigen meiner Artikel dazu eine Antwort zu geben. So habe ich den Ansatz der Emergenz sowohl im Bereich der Lernobjekte als auch bei der Einführung des Begriffs Didaktisches Szenario angewendet (siehe Referenzen zu diesem Beitrag).

  • Wenn ermergente Phänomene alltäglich sind, dass treffen sie eben auch auf die Didaktik zu.
  • Wenn die Welt geschichtet ist, dann sind auch in der Didaktik Schichten zu unterscheiden (z.B Mikro- und Makrodidaktik). 

Aus meiner Sicht werden leider diese philosophischen Implikationen des Muster-Ansatzes bisher viel zu wenig diskutiert. So wird beispielsweise häufig  die Diskussion um pädagogisch/didaktische Entwurfsmuster mit ihrer Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit (Trivialität) dominiert. Vgl. z.B. den  Weblogeintrag bei Gabi Reinmann, aber ich meine mit dieser Kritik auch mich selbst (vgl. meinen Beitrag Kritik der didaktischen Entwurfsmuster).

Ich denke es ist wichtig für die weitere Diskussion, dass wir die Brauchbarkeit des Ansatzes nicht nur über die real existierenden Entwürfe und Muster beurteilen. Wenn ich damit scheitere einen Nagel in die Wand zu schlagen, dann muss dies nicht unbedingt am Werkzeug (den Hammer) oder am Nagel liegen. Vielleicht liegt es an mir, an meinen Versuchen, d.h. vielleicht habe ich den Nagel falsch eingeschlagen, d.h. den Hammer schlecht benutzt. Vielleicht aber habe ich auch eine ungeeignete Stelle in der Wand (oder gar eine falsche Oberfläche - "Ebene") für das Nageleinschlagen benutzt; vielleicht aber war auch der Nagel nur für diese Wand nicht geeignet.

Aus verschiedenen aktuellen Diskussionen, die zum Teil in den letzten Tagen mich über Mails erreichten, vermute ich folgendes: Wir wählen häufig (unbewusst) nicht immer die gleiche Schicht für Analyse- Beschreibung und Problemlösung, d.h. wir wechseln bei Analyse, Beschreibung bzw. beim Lösungsvorschlag die Ebenen. Dadurch werden die Vorschläge einerseits trivial (die Lösungsebene ist gegenüber der Problemebene zu "hoch") oder aber nicht überzeugend/nicht Neues produzierendes (die Problemebene ist "höher" als die Lösungsebene). Zu dieser These möchte ich später noch Genaueres auf diesen Seiten schreiben<grin>.



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Re:Muster als emergentes Phänomen

Kommentar von Vohle, Frank am 17.03.2009 19:23

Lieber Peter,

das was du schreibst, ist sehr interessant. Ich lasse mal den Unter- oder Überbau weg (Verweise auf Polany und Hartmann) und schaue nur, was ich spannend finde, nämlich die Frage: „Mit welcher Q u a l i t ä t von Mustern haben wir es in der Didaktik zu tun? Ich sage deshalb Qualität, weil der Musterbegriff offenbar im wissenschaftlichen Diskurs die „Ebenenproblematik“ nur unzureichend berücksichtigt und es deshalb zu Kategoriefehlern kommt (Analyse-, Beschreibungs- und Lösungsebene). Der Begriff des Musters (Pattern) hilf also ohne Zusatzerläuterung nicht so viel, weil j e d e s Erkennen in den Disziplinen Musterbildung ist.

Mit dem Begriff der Emergenz zeigst du meines Erachtens auf etwas Wichtiges, nämlich, dass das Neue aus dem räumlich-zeitlichen Zusammenspiel (Konfiguration) von Elementen-(Eigenschaften) „auf einer höheren Ebene“ entsteht, das Neue also „zwischen“ den Elementen und im Prozessieren „steckt“ – dein Beispiel mit der Wasserstoffbrückenbindung wäre ein (statisches) Beispiel, ein dynamisches wäre eine Lehrer-Schüler-Situation.

Das (erkenntnistheoretische) Problem ist nun, dass das Neue einerseits in seinem statischen Ausgangszustand (Design) nicht oder nur virtuell enthalten ist, und andererseits kann man es in seinem dynamischen Zielzustand (situative Konfiguration) schwer erkennen/analysieren. Jeder der sich schon einmal mit dem Spiel (als kulturelles Phänomen) beschäftigt hat, wird das wissen. Bezogen auf die Didaktik gilt Analoges: Zwar können wir die Elemente und (analytischen) Schichtungen beim Lehren und Lernen benennen, aber wir haben noch wenig Ahnung von dem sinnvollen, d.h sinnstiftenden, funktionalen, stabilen Zusammenspiel von didaktischen Elementen über die Zeit und im Raum.

Und hier kommt (wieder) ein neuer Begriff ins Spiel, den wir in Augsburg gern verwenden, nämlich den der Kohärenz (Gabi hat in ihrem Lehrbuch 05 darauf verwiesen, wir haben aber auch im Zusammenhang mit dem Analogietraining davon gesprochen). Ich habe bisher die Metapher des „Zusammenspiels“ verwendet, um diese besondere, weil dynamische! Interaktionsqualität zu beschreiben. Nimmt man den Kohärenzbegriff zu Hilfe, dann wird damit (a) auf die Korrelationseigenschaft (von didaktischen Elementen) verwiesen und (b) auf die besonderen Bedingungen, die zwischen den Elementen vorliegen müssen, nämlich „Phasengleichheit“ oder weniger physikalisch, dynamische „Passung“, also „Stimmigkeit“ im Prozess.

Man merkt an der Häufigkeit der Anführungszeichen, dass ich mich von der Metapher zum unbestimmten Begriff rette, also vage bleibe. Mir ist noch nicht klar, wo man sich mehr Anregung holen kann: (a) in der Physik, wo dieser Begriff schon ausgearbeitet ist http://de.wikipedia.org/wiki/Koh%C3%A4renz_(Physik), kritisch hier: http://209.85.129.132/search?q=cache:b0fID9Cqi58J:www.physikdidaktik.uni-karlsruhe.de/altlast/57.pdf+koh%C3%A4renz&cd=9&hl=de&ct=clnk&gl=de&client=firefox-a (Problem der Rückübersetzungsproblem) oder (b) in der Linguistik http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/lektuerekurs/textwiss/kohaerenz.htm, wo man sehr eng am Textverstehen arbeitet ohne höhere Organsiationsebenen zu betrachten oder (c) z.B. bei Lissack, der Kohärenz als Lösungspfad in Zusammenhang mit Komplexität empfiehlt (The next common sence – Lissack/Roos - 2000).

Nach meinen Anmerkungen bin ich mir nicht sicher (schon wieder nicht), was eine Muster-, Emergenz- oder Kohärenzdiskussion „bringen“ soll. Du schreibst sieben philosophische Fragestellungen auf, alle klingen reizvoll. Nur: hat man am Ende wirklich mehr Klärung oder wie du anderswo schreibst eine "einfachere Fragestellung"? Handelt man sich durch die Übernahme (Analogie!) von meist naturwissenschaftlichen Begriffen (hier taugen sie ja was) in den sozialen und vor allem psychologisch-pädagogischen Kontext nicht viele Probleme ein? Das ist kein Plädyer für Trivialitäten, sondern ich frage mich, ob uns diese „Brillen“ aus Architektur (Muster, Entwürfe), Physik (Emergenz), Chemie (dissipitative Struktur, Fluktuation) etc. – so spannend dies alles ist - nicht mehr die Sicht verstellen, als dass sie uns helfen, besseren Unterricht zu machen.

Grüße aus WOR, Frank

Muster, Emergenz, Kohärenz: Wozu der ganze Kram?

Kommentar von baumgartner am 19.03.2009 18:09

Hallo Frank,

Dein letzter Absatz ist natürlich DIE große Herausforderung: Wozu der ganze begriffliche Aufwand? Wozu die Vergleiche und Analogien mit den (Natur-) Wissenschaften, wenn es um uns um Pädagogik/Didaktik, um die Qualität des Lehrens und Lernens geht?

Ich versuche dazu demnächst (m)eine Antwort in einem weiteren Weblogeintrag zu geben.

Peter

Reflexives Praktikum, Emergenz, Supervenienz und andere Wortungeheuer

Oder: Was können wir aus philosophischen Diskussionen lernen?

In einem ausführlichen Kommentar geht Frank Vohle auf meine philosophischen Überlegungen zum Verhältnis von Muster und Emergenz ein. Ich war sehr froh darüber: Nicht deshalb, weil - wie Gabi meint – die tollen Kommentare immer bei mir landen <smile>, sondern weil es mich erleichtert hat, dass ich nicht alleine mit solchen abstrakten Überlegungen dastehe.

Der nachfolgende Beitrag ist (leider) noch nicht sehr gut ausgearbeitet. Außerdem fürchte ich aus, dass es für philosophisch ausgebildete Expert/-innen einigermaßen grob und naiv wirken mag. Wenn ich trotzdem versuche auf einige komplizierte philosophische Fragestellungen einzugehen, dann mag vielleicht das Diktum von Ludwig Wittgenstein als Rechtfertigung herhalten:

Ich glaube, einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte es interessieren, meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch selten ins Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe. (In: Über Gewissheit, §387)

Reflexives Praktikum

Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich im Hintergrund eine "geheimen Plan", eine Art "hidden Agenda" verfolge. Ausgehend von den Arbeiten von Donald Schön, habe ich in meiner Habilitationsschrift dargelegt, dass die Entwicklung eines Curriculums für Expert/-innen spezifische Eigenheiten aufweist. Es sind einige Aspekte dieser Eigenheiten, die für mich aus pädagogisch-didaktischer Sicht den Pattern-Ansatz so attraktiv machen:

Donald Schön weist nämlich nach, dass der Lehrprozess für Expert/innen und Praktiker/-innen auf eine durch deren Erfahrung gewonnenen Perspektive aufbauen muss. Das wiederum führt zu einer spezifischen Struktur der "Lehrveranstaltung", die Schön das "reflexive Praktikum" nennt.  (vgl. S. 300 und 302 meiner Habilschrift).

Bei einem reflexivem Praktikum steht im Mittelpunkt weder eine Übermittlung von Inhalten (z.B. Vortrag) oder Einübung von Fertigkeiten (z.B. Übung) noch eine selbständige Auseinandersetzung und Produktion eigener Inhalte (z.B. Seminar). Vielmehr ist das reflexive Praktikum durch einen interaktiven Wechsel (Oszillation) zwischen reflexiven Konversation und Design bzw. Gestaltung geprägt. 6 Aspekte sind für ein reflexives Praktikum konstituierend:

  1. Es gibt keinen Vortrag oder Erklärungen. Vielmehr wird versucht gemeinsam das Problem zu (re)formulieren. Es geht darum alte Sichtweisen über Bord zu werden und bekannte Schwierigkeiten unter einem neuen Blickwinkel erscheinen lassen. Das sollte mit einer spielerischen Leichtigkeit – geleitet von bisherigen Erfahrungen – geschehen. Personen, die solche Praktikas leiten, sind nicht mehr Lehrer/-innen im traditionellen Sinne, sondern nehmen eher Funktionen von „Coaches“ oder Spielertrainer/-innen wahr, die mit den Studierenden ein Spiel erproben. Das primäre Vehikel in dieser Phase ist die Sprache.
  2. Mit der gemeinsam vollzogenen Reformulierung werden nun aber neue Ansatzpunkte einer möglichen Veränderung der Situation, neue Angriffspunkte beziehungsweise neue Gesichtspunkte zur Aufmerksamkeit gebracht. Diese Momente sind aber nicht mehr nur unbedingt sprachlich erfassbar, sondern es werden Skizzen, Tonmelodien, Personenaufstellungen, Theaterstücke, Schachnotationen etc. zur Verdeutlichung verwendet. Es wird damit eine (neue) ganzheitliche Perspektive (er)öffnet, das (alte) Problem erscheint in einem ganz anderen Licht. Das primäre Vehikel in dieser Phase ist eine eigene Notation, die die sprachliche Limitationen (Sequentialität: Ein Wort nach dem anderen, ein Satz nach dem anderen, ein Gedanke nach dem anderen) überwinden soll und eine ganzheitliche Präsentation (Bild, Performance etc.) liefern soll.
  3. Die "Spielertrainer/-innen" laden die  die Teilnehmer/-innen des reflexiven Praktikums ein, sich in diese neue Situation hinein zu begeben, sie auch emotionell anzunehmen und sich mit ihr vertraut zu machen. Es sind Annäherungen, die den persönlichen (mentalen und/oder körperlichen) Einstieg in die neu geschaffene Konfiguration, das Muster ermöglichen sollen. Das schließt auch das Aufnehmen einer gewissen emotionalen Beziehung zur Situation ein. Es wird nun von der Außenperspektive (objective stance) zur Innenperspektive gewechselt. Der wissenschaftlich neutrale, objektive Standpunkt der 3. Person wird mit dem Standpunkt der 1. Person vertauscht. Wie "fühlt" sich die Situation an? Wie empfinde/n ich/wir die Situation?
  4. Im nächsten Schritt wird ein „lokales Experiment“ durchgeführt. Die Teilnehmer/-innen des reflexiven Praktikums versuchen zu „entdecken“, welche Eigenschaften die neue Situation hat, wie sie auf ein Verändern gewisser Parameter reagiert. Das spielerisch entdeckte Muster wird nun systematisch variiiert und es werden die Veränderungen sowohl in der 3. als auch 1. Person beobachtet. Es findet ein ständiges oszillieren zwischen objektiv/subjektiv zwischen Beoachtung (3. Person) und Hineinbegeben (1. Person) in die Situation statt.
  5. Dieses Experimentieren führt zu neuen Gesichtspunkten, es werden neue Möglichkeiten und Konsequenzen entdeckt. Dabei wird aber nicht nach "trial and error", Erfolg/Misserfolg vorgegangen, sondern die Teilnehmer/-innen versuchen, die Situation so zu modellieren, dass sie ihrer Vorstellung gefühlsmässig entspricht, dass eine Konfiguration bzw. Muster entsteht, dass Situation angenommen werden kann. … the practitioner’s move also produces unintended changes which give the situation new meanings. The situation talks back, the practitioner listens, and as he appreciates what he hears, he reframes the situation once again. (Schön 1983, 131f.)
  6. Durch diesen spiralförmigen Prozess der reflexiven Konversation mit der (neuen) Situation gewinnt das Problem einen anderen Charakter, wird vertraut und in seiner Einzigartigkeit verstanden. Schön bezeichnet diesen Prozess als „reflection-in-action“ (reflektierendes Handeln).

Donald Schön und Christopher Alexander

Bei der Beschreibung des verschiedenen Aspekte des reflexiven Praktikums verwendet Donald Schön immer wieder den Designbegriff, den ich mit Gestaltung übersetze. Heute würde ich bei einer Neufassung meiner Habilitationsschrift für die Gestaltung komplexer Situation jedoch nicht nur den Design-Begriff erweitern (S.271ff.), sondern auch "Entwurfsmuster" dazu sagen.So ist es ja aus meiner Sicht auch kein Wunder, wenn Donald Schön als eines seiner wichtigsten Fallbeispiele gerade die Ausbildung von Studierenden der Architektur heranzieht. Diese thematische Übereinstimmung mit den Pattern-Ansatz des Architekten Christopher Alexander ist - wie ich glaube - kein Zufall!

Es ist ein nachträgliches Aha-Erlebnis für mich gewesen, die Arbeiten von Donald Schön nochmals unter dem Licht des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander Revue passieren zu lassen. Um dieses Erlebnis nachempfinden zu können, empfehle ich die beiden wichtigsten Bücher der beiden Autoren (Schön: Educating the Reflective Practitioner: Toward a New Design for Teaching and Learning und Alexander: The Timeless Way of Building parallel bzw. unmittelbar hintereinander zu lesen!

Einige relevante Fachbegriffe

Aus dem bisher Gesagten ist es wohl nun einsichtig, warum ich an den Pattern-Ansatz von Alexander so interessiert bin. Unklar ist aber weiterhin, warum ich die ganze Batterie von philosophischen Fachbegriffen und der Vergleich mit den (Natur-)Wissenschaften für die Gestaltung didaktischer Situationen (= didaktisches Szenario) notwendig ist.

1. Oszillation und Entwurfsmuster

Ich habe nicht zufällig den Begriff Oszillation (Schwingung, Pendelbewegung) gewählt. Mir geht es dabei nicht nur um die Pendelbewegung zwischen zwei Polen, sondern um das oszillieren zwischen zwei Ebenen, zwischen einer Mikro- und einer Makroebene. (Richtig: Hier kommt wieder unser Wunderwuzzi der Emergenz ins Spiel!) Eine andere Sichtweise davon ist das Oszillieren zwischen scheinbar paradoxen Gegensätzen (Paradoxien). Vgl. dazu auch das interessante Buch Oszillodox: Virtualisierung – die permanente Neuerfindung der Organisation.

Beim Erläutern des reflexiven Praktikum haben wir ein ständige zweifache Oszillation erfahren: Sprache/Sequenz versus Notation/Präsentation und Außensicht/Beobachtung/3. Person versus Innensicht/Einfühlung (Indwelling bei Polanyi/1. Person.

Ich glaube - und das ist eine meiner wesentlichen Thesen, warum ich den Musterbegriff so interessant finde – dass dieses Oszillieren zwischen den verschiedenen Ebenen für den Erkenntnisprozess wesentlich ist. Aus meiner Sicht ist es daher zuwenig, einfach Entwurfsmuster - sozusagen Patentrezepte – zu generieren. Diese Muster sind nicht statisch (als Lösungsmuster) zu begreifen, sondern sind Entwurfsmuster, die für das Generieren neuer Situationen bzw. Konfigurationen dienen. Wenn ich viele der pädagogischen Entwurfsmuster kritisiere, dann vor allem deshalb, weil sie als statische Lösungsmuster und nicht als dynamische Erkenntnismuster zur Gestaltung neuer Situationen verstanden werden.

2. Emergenz und KräfteVektor Addition

In meinem früheren Beitrag Muster als emergentes Phänomen habe ich versucht darauf aufmerksam zu machen, dass zum Patternbegriff auch der Begriff der Emergenz gehört. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass Emergenz (emergence) ein schillender philosophischer Begriff ist. Ursprünglich als "neu auftauchend" und damit als Gegensatz zu resultierend (engl. resultant) eingeführt, war damit gemeint, dass die Summierung der Eigenschaften und Kräfte der unteren Ebene nicht ausreicht um die Erscheinungen (Eigenschaften und Kräfte) der oben Ebene zu erklären bzw. vorher zu sagen. Pate für diese Vorstellung von Emergenz war aber das Newtonsche Weltbild und als Paradigma galt die Vektoraddition im Kräfteparellologramm.

Diese einfache Vorstellung von Emergenz lässt aber eine ganze Menge von Fragen unbeantwortet, von denen ich nur einige hier erwähnen möchte:

  • Gelten diese mechanistischen Überlegungen noch im Zeitalter der Quantenmechanik?
  • Sind die emergenten Erscheinungen nur dem bisherigen Entwicklungsstand der Wissenschaften verschuldet, weil wir beispielsweise noch nicht die darunter liegenden Gesetze der Mikroebene erkannt haben?
  • Ist Emergenz ein Phänomen, d.h. eine bloße Erscheinung, die nur im Auge des Betrachters entsteht, d.h. aus der Relation Beobachter-Beobachtetes hervorgeht oder hat Emergenz eine ontologische Realität?

Was wird unter Kräften im Muster-Ansatz von Alexander genau verstanden? Welche Art von Kräfte sind für die pädagogischen/didaktischen Entwurfsmuster relevant bzw. adäquat? Mir scheint hier eines der größten Probleme des Musteransatzes zu liegen. Ich vermute sogar, dass dies der Hauptgrund dafür ist, dass Alexander die (bisherige) Übertragbarkeit für objektorientiertes Programmieren und Userface Design ablehnt. – Und warum ich mit den bisherigen Entwurfsmustern im pädagogischen Bereich nicht so glücklich bin.

3. Supervenienz

Supervenience-LevelsNoch so ein Wortungeheuer: Unter Supervenienz (engl. supervenience) werden die Verhältnisse von Entitäten beschrieben. Das hat in der ganzen Diskussion mit Mikro- und Makroebene eine ganz besondere Bedeutung. Es geht beim Konzept der Supervenienz um die Frage, in wie weit Merkmale (Eigenschaften) der (Makro-)Ebene A mit Merkmalen (Eigenschaften) der (Mikro-)Ebene B zusammenhängen. Man sagt: Eine Eigenschaftsfamilie A superveniert genau dann über einer Eigenschaftsfamilie B, wenn es nicht möglich ist, A zu ändern, ohne B zu ändern.

Ein (triviales) Beispiel ist das Pixelmuster in einem Bild. Das Pixelmuster stellt etwas dar, z.B. einen Hund. Das Bild hat also die (globale) Eigenschaft einen Hund darzustellen. Keine zwei Bilder können sich in ihren globalen Eigenschaften unterscheiden, ohne sich irgendwo in der Punktverteilung, bei der Konfiguration der einzelnen Pixel zu unterscheiden. Man sagt: Die darstellenden Eigenschaften des Bildes (= einen Hund darzustellen) supervenieren mit dem physikalischen Eigenschaften des Bildes, dem Pixelmuster. Umgekehrt ist das jedoch nicht der Fall, weil ein Hund auch ohne Pixel, d.h. mit anderen physikalischen Eigenschaften dargestellt werden kann (z.B. indem ein Hund gemalt wird).

Ein nicht so triviales bzw. sogar heftig diskutierte Anwendung von Supervenienz ist die Philosophie des Geistes: Man sagt, dass das Mentale (die Geisteszustände) dem Physikalischem (den neurophysiologischen Zuständen) supervenient sind, d.h. dass jede Änderung der Geisteszustände mit einer Änderung der physikalischen Zustände (einer unterschiedlichen Neuronenfeuerung z.B.) korrespondiert.

Es stellt sich nun die Frage bei der Gestaltung von didaktischen Szenarien, welche der verschiedenen Eigenschaften der Mikroebene (z.B. Anordnung der Tische, Größe der einzelnen Arbeitsgruppe) sind supervenient für – sagen wir – ein reflexives Praktikum (Makroebene). Oder allgemeiner ausgedrückt: Welche konfigurativen Elemente einer didaktischen Situation sind unbedingt erforderlich um den angestrebten Zweck zu erreichen? Was ist Beiwerk und was ist Wesentlich?

4. Abwärts-Verursachung (Downward Causation)

Dr. Nancy MurphyBisher habe ich Emergenz immer nur als ein neu auftauchendes Phänomen der Makroebene behandelt, sozusagen als ein Phänomen, das durch Aufwärts-Verursachung entsteht. Das ist natürlich nur eine der Möglichkeiten wie Emergenz wirken kann und nicht umsonst gibt es eine ganze Liste von Büchern, die sich mit Emergenz und den philosophischen Implikationen daraus beschäftigen.

Wichtig in meinem Zusammenhang ist es, dass es auch eine Abwärts-Verursachung (Downward Causation) geben könnte. Ein typisches Beispiel für Abwärts-Verursachung ist die Evolution: Aus der zufällige Genvariation (= untere Ebene, Aufwärtsverursachung) setzt sich in großen evolutionären Zeiträumen durch Selektion jene Variation durch, die den Umweltbedingungen am besten entspricht. Die in der Evolution vorgenommene Selektion "wählt" also aus den zufälligen Genvariationen aus, wirkt also von der oberen Ebene auf die untere Ebene zurück (= Abwärts Verursachung). - Für mich war der Videoausschnitt eines Vortrags von Dr. Nancy Murphy  zum Verständnis von Downward Causation sehr hilfreich. Ein Einblick in die aktuelle philosophische Diskussion findet sich z.B. im Artikel Levels, Emergence, and Three Versions of Downward Causation.

Die Frage nun ist: Gibt es auch eine Abwärts-Verursachung im pädagogisch-didaktischen Bereich? Worin könnte die bestehen? Die Frage nach der (Richtung der) Verursachung ist eine Konkretisierung des Supervenienz-Konzeptes: Bei der Supervenienz geht es um die Zusammenhänge der unteren zur oberen Ebene, wobei jedoch kausale Kräfte vorerst einmal nicht interessieren. Welche Eigenschaften der oberen Ebene hängen untrennbar (sind supervenient) mit Eigenschaften der unteren Ebene? Die Frage nach der Verursachung hingegen richtet sich auf die Kausalität: Welche Eigenschaften der Ebene A oder B sind für welche Eigenschaften der jeweils anderen Ebene ursächlich, verantwortlich?

5. Kohärenz?

Möglicherweise ist auch Kohärenz ein wichtiger Begriff? Ich weiß es nicht, kann dazu bisher wenig sagen. Muss mir dazu die erwähnten Passagen, die Frank erwähnt bei Gabi näher anschauen. Wo finde ich die genau?

ZusammenfassungEbenen der Didaktik-Gestaltung

Ich gebe zu, dass die hier angeführten Begrifflichkeiten noch nicht besonders tragend und für die Pädagogik wegweisend sind. Es fehlt die Adaptierung dieser Begriffe, ihre Nutzbarmachung für die pädagogische Theorie. Unabhängig einmal von den einzelnen angeführten Details glaube ich jedoch zweierlei gezeigt zu haben (Und das ist quasi auch die Antwort auf die Frage von Frank in seinem Kommentar, sozusagen der langer Rede kurzer Sinn <grin>):

  1. Wenn wir davon ausgehen, dass es auch in der Didaktik verschiedene Ebenen der Betrachtung, Analyse und Gestaltung gibt, dann machen Konzepte, die sich mit dem Verhältnis der verschiedenen Ebenen zueinander beschäftigen, durchaus Sinn. Mehr noch: Ich glaube sogar, dass diese Begriffe für die weitere Theorieentwicklung der Bildungswissenschaften entscheidend sind. Und dass didaktisches Handeln verschiedene Ebenen hat, hat aus meiner Sicht Flechsig sehr schön aufgezeigt. Ich verweise dazu auf meine in Vorträgen häufig verwendete Folie der inklusiven didaktischen Hierarchien, die ich als unterschiedliche Gestaltungsebenen von E-Learning Szenarien definiert habe.
  2. In der Beschäftigung mit den Konzepten der Naturwissenschaften und deren Vergleich mit der Pädagogik ergibt sich ein heuristisches Potential. Ich glaube, dass wir (a) aus der Analogie viel lernen können und (b) uns der Vergleich als heuristisches Mittel der Erkenntnis dienen kann. – Nicht so ganz nebenbei sei hier natürlich "eingestanden", dass ich von der Einheit der Wissenschaften ausgehe und der Auffassung bin, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, die für alle Wissenschaftsebenen (Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Soziologie) Gültigkeit haben. Gerade deshalb ist beispielsweise die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen oberer und unterer Ebene und das Lernen im Umgehen mit philosophischen Termini aus meiner Sicht so wichtig!




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Re:Reflexives Praktikum, Emergenz, Supervenienz und andere Wortungeheuer

Kommentar von Vohle am 23.03.2009 08:47

Lieber Peter,

auf deinen längeren Beitrag möchte ich dir in drei Richtungen antworten: Teil a gibt Anmerkungen zu deinen Ausführungen, Teil b greift einen Aspekt heraus, der für die bisherige Diskussion wesentlich erscheint, nämlich den der Analogie als Erkenntnismittel. In Teil c möchte ich noch kurz etwas zur Verantwortung sagen.

Teil a - Anmerkungen

1) „Vielmehr ist das reflexive Praktikum durch einen interaktiven Wechsel (Oszillation) zwischen reflexiven Konversation und Design bzw. Gestaltung geprägt. 6 Aspekte sind für ein reflexives Praktikum konstituierend“ (S. 1)
=> Schritt 5: Hier bietet vielleicht die Synectic (Verfahren der Analogieanwendung) eine gute Grundlage, um diesen Schritt differenzierter auszubauen (Gordon, W.J.J. (1961). Synectics. New York: Harpers Review).

2) „Ich glaube - und das ist eine meiner wesentlichen Thesen, warum ich den Musterbegriff so interessant finde – dass dieses Oszillieren zwischen den verschiedenen Ebenen für den Erkenntnisprozess wesentlich ist.“ (S. 3)
=> Das Erkenntnis durch Differenzbildung entsteht (darauf läuft es doch bei der Oszillation hinaus?!), finde ich nicht neu. Oszillation wäre ein systematisches Verfahren, zwischen den Ebenen (epistemisch, ontologisch, anthropologisch, methodologisch) zu wechseln? „Wechsel“ ist wohl zu wenig, es ist eine Art von „g l e i c h z e i t i g e n Schielen“ auf min. zwei Ebenen, welches ein Drittes sichtbar macht? … Wie kommst du nun zu deinen zentralen ENTWURFSmustern (Muster, die das Neu und pädagogisch Wertvolle wahrscheinlich machen - Potentialitäten)? Ist „pädagogische Oszillation“ nun ein Erkentnisverfahren oder ein handlungsleitendes Designverfahren für guten Unterricht in der Situation? „oszillation in situation“ sozusagen.

3) „Ist Emergenz ein Phänomen, d.h. eine bloße Erscheinung, die nur im Auge des Betrachters entsteht, d.h. aus der Relation Beobachter-Beobachtetes hervorgeht oder hat Emergenz eine ontologische Realität?“ (S.3)
=> Ich fand und finde in diesem Zusammenhang die Ausführungen von David Bohm sehr anregend, der durch seine zahlreichen Vergleiche mir zumindest etwas das neue Denken um die Quantenphysik näher gebracht hat http://www.klawi.de/bohm.htm. (bezogen auf das von dir angesprochene Problem des Newtonischen Weltbildes)

4) „Muss mir dazu die erwähnten Passagen, die Frank erwähnt bei Gabi näher anschauen. Wo finde ich die genau?“ (S. 5)
=> Reinmann. G. (2005) Blended Learning in der Lehrerbildung, S. 135ff. (beschäftigt sich nicht mit dem ontologischen Status, sondern als Gestaltungsformel, um das scheinbare Widersprüchliche beim Design von Lernumgebungen zusammenzuführen) oder auch das schon erwähnte Buch von Lissack/Roos (2000), The next Common sence. The e-Mangers Guide to mastering Complexity. (Institut http://isce.edu/)

Teil b – Rolle der Analogie als Erkenntnisverfahren

1) „Heuristisches Potential der naturwissenschaftlichen Konzepte sind für Theoriebildung in den Bildungswissenschaften wichtig (sinngemäß)“ (S. 6)
=> Das die Analogie als Mittel der Erkenntnisgewinnung einen heuristischen Wert hat ist unbestritten! Das gilt für die Industrie (Bionik) genau so wie für die Wissenschaftstheorie (z.B. Poser) oder den transdisziplinären Dialog allgemein.
Sicherlich führt die Suche nach strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen ontisch so verschiedenen Phänomenen aus Physik, Botanik, Soziologie aber eben auch Psychologie und Pädagogik etc. zu interessanten Erkentnissen. Das hat nicht zu letzt eine hohe pragmatische Relevanz, wenn man z.B. durch diese Strukturen eingefahrene Wege innerhalb der eigenen Disziplin verlassen, Fragestellungen neu sieht oder Problemstellungen einfacher formulieren kann.
Worauf es mir ankommt: die Beschäftigung mit fremden Kontexten kann auch dazu (ver)führen, das Spezifische, den Eigensinn der B i l d u n g s-Sphäre nicht zu erkennen oder das Besondere und Konstituierende zu vernachlässigen. Z.B. spielt für Luhmann als einer der Systemvertreter das Individuum keine Rolle mehr, der Einzelne hat in den allgemeinen Strukturgesetzen keinen Platz. Genau das finde ich aber wichtig: Es geht doch in der Bildungswissenschaft um die Herausarbeitung der s t r u k t u r e l l e n D i f f e r e n z (Proprium) zwischen den Phänomenen aus Physik, Chemie etc. (intentionslos und ahistorisch) und (b) den Handlungsmustern/Systemmerkmalen, welche wir mit dem Begriff Bildung bezeichnen! Das Eigentümlich und herausfordernde ist nun, dass wir innerhalb der Bildungssphäre widerum Differenzen (Eigensinn) herausarbeiten müssen, z.B. jene zwischen einer Didaktik der Mathematik und einer Didaktik der Sprachwissenschaft.
Ich gebe zu: wenn ich das Besondere erkennen will, wird mir das Allgemeine als Abgrenzung (Hintergrund?) dienen.

Teil c - Verantwortung

Den letzten Punkt den ich ansprechen will ist schwierig, weil ich dir damit zunah trete. Wenn ich ehrlich bin, war es aber der allererste Impuls den ich gespürt habe, als ich deine Anmerkungen zur Emergenz gelesen habe. Von dir geht ja eine gewisse Trendsetter-Funktion aus. Baumgartner leads the community :-) oder setzt zumindest wichtige Forschungsrichtungen. Deshalb: Wenn nun mehrere (Doktoranden u.a) auf das Thema Pattern-Emergenz-Oszillation-Supervenienz einsteigen, um dadurch neuen Impluse für die e-learning Forschung (Entwurfsmuster) zu erarbeiten, mit welchen metatheoretischen Hinweisen (im Gepäck) willst du sie ausstatten?

Gruß aus WOR Frank

Re: Reflexives Praktikum etc. - Verantwortung bei Vergabe von Dissertationsthemen

Kommentar von baumgartner am 01.04.2009 23:17

Lieber Frank,

wir haben ja schon telefoniert und führen unsere Diskussion an einem anderen Ort weiter. Ich wollte aber doch noch zu einem wichtigen Punkt Stellung nehmen. Es betrifft Deinen letzten angeschnittenen Punkt: Die Verantwortung bei Vergabe von Dissertationsthemen.

1.
Wenn ich Dich richtig verstehe, dann sprichst Du das Paradoxon an, dass ich ein Dissertationsthema ("Didaktische Entwurfsmuster") vergebe, wo noch gar nicht klar ist, in wie weit dieser Ansatz über tragfähig ist. Wie soll das denn gehen? Ist der Dissertant/die Dissertantin da nicht überfordert? Welche metatheoretischen Hinweise könnten da helfen?

Ich gehe bei dieser ersten Arbeit gar nicht davon aus, dass bereits der Ansatz von Alexander für die Didaktik nutzbar gemacht werden soll. Es soll vielmehr vorerst einmal untersucht werden, ob eine Analogiebildung (von Architektur auf die Pädagogik) Sinn macht. Und vielleicht auch noch: wie könnte eine solche Analogie aussehen? (vgl. meinem Ausschreibungstext auf http://www.peter.baumgartner.name/dissertationen/geplant/didaktische-entwurfsmuster-1/)

Ich halte das für eine legitime und machbare Fragestellung. Erst wenn es hier positive Ergebnisse gibt, möchte ich dazu weitere Dissertationsthemen mit tiefer gehenden forschungsleitenden Fragestellungen vergeben. Erst dann wären aber erst auch paktische Konsequenzen für die E-Learning Community zu erwarten.

2.
Ein zweiter - aus meiner Sicht – viel schwieriger Punkt bei der Vergabe von interessanten Dissertationsthemen ist: Wie vermeide ich es, dass ich mit meinen eigenen Forschungsinteressen der Fragestellung zu nahe bin und damit dem Dissertanten/der Dissertantin keine "Luft" für eigene Forschung lasse? Einerseits möchte ich vor allem Fragestellungen betreuen, die mich selbst interessieren – andererseits muss ich dann aber selbst in dieser Hinsicht Abstinenz üben und darf den Aspirant/-innen nicht ins Handwerk pfuschen.

Besonders bei berufstätigen Doktorand/innen – die ja an sich schon länger brauchen und wo durch Veränderungen in der Familie und Beruf häufig auch ungeplante Verzögerungen eintreten - kann das manchmal kritisch werden. Im schlimmsten Fall ist dann nämlich eine brisante, hochaktuelle und wissenschaftlich interessante Fragestellung blockiert - und damit "aus dem Spiel genommen".

Außer ständig neue interessante Fragestellungen zu generieren, habe ich da bisher noch keine gute Lösung gefunden. Und ehrlich gesagt: Manchmal gehen mir dann auch die guten Ideen für Dissertationsthemen und/oder eigene Projektanträge aus.

Mustertheorie - eine Buchrezension

Auf den philosophischen Spuren von Christopher Alexander

Mustertheorie
Nature of Order 1

Vor zwei Wochen hat mich Reinhard Bauer auf ein kleines Büchlein hingewiesen: Leitner, Helmut. 2007. Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. 1. Aufl. Nausner & Nausner.  Ich war über das Buch aus mehreren Gründen äußerst positiv überrascht:

Positive Würdigung

  1. Soweit ich weiß ist es eines der ganz wenigen Publikationen, die nicht bei den früheren Arbeiten von Christopher Alexander  (A Timeless Way of Building und A Pattern Language) stehen bleiben, sondern sich vor allem auf die 4 Bände von The Nature of Order - An Essay on the Art of Building and The Nature of the Universe beziehen.
  2. Der österreichische Autor Helmut Leitner, war mir bis dahin völlig unbekannt. Obwohl Helmut Leiter ein Software- und Wiki-Entwickler ist, schreibt er über philosophische und theoretische Fragestellungen mit einem Hintergrund, den ich mir häufig vielen Publikationen von Universitätsleuten wünschen würde.Das Buch ist – trotz des recht anspruchsvollen Inhalts - verständlich geschrieben und leicht zu lesen.
  3. Im Buch wird in einem Kapitel werden Anwendungen des Musteransatzes von Alexander aufgezeigt. Das beginnt natürlich bei den bekannten Beispielen Architektur und Softwareentwicklung, bezieht aber auch Online-Communities, soziale Erneuerungsbewegungen, Regionalentwicklung, Dialogtheorie und natürlich auch die Pädagogik <grin> mit ein. 
  4. In einem eigenen Kapitel werden – wie bereits erwähnt mit recht solidem Hintergrundwissen – theoretische Anschlussmöglichkeiten zur Systemtheorie, Objektorientierung, Physik, Biokybernetik, Evolutionstheorie, Christentum (Teilhard de Chardin), Kritischer Rationalismus (Karl Popper), Kritische marxistische Theorie (Klaus Holzkamp) und Konstruktivismus aufgezeigt.

Aus diesen 4 Gründen heraus stellt das Buch aus meiner Sicht ein Novum dar. Das Buch beginnt dort, wo die meisten anderen Arbeiten und Überlegungen zum Patternansatz aufhören. Es wird ein ganz anderer Alexander gezeigt. Mich hat das Büchlein sehr angesprochen und motiviert (nochmals) mir die 4 Bande von "The Nature of Order" herzunehmen. Vieles habe ich nun von einer anderen Warte gelesen - die Einführung von Leitner hat mir diese neue Sichtweise auf die Arbeiten von Christopher Alexander erleichtert.

Ich habe jetzt zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, warum Alexander die Anwendungsbeispiele und Herangehensweise des Patternansatzes in der objektorientierten Programmierung ablehnt. Ich glaube nun, dass die bisherigen Übertragungen in andere Bereiche alle seinen Ansatz von den philosophischen Implikationen bereinigen und auf einen mechanistischen und formalisierten Zugang zur Musterentwicklung und Musterbeschreibung reduzieren.

Kritische Würdigung

Nachdem ich jetzt soviel Positives gesagt habe, muss ich natürlich auch die Schwächen erwähnen, die das Buch aus meiner Sicht hat:

  1. Es gibt praktisch keine Anmerkungen und/oder weiterführende Hinweise. Ich glaube, dass dieser (Wissenschaflter?)-Wunsch durchaus zu erfüllen gewesen wäre, ohne dass das Büchlein im Haupttext komplexer oder schwieriger zu lesen gewesen wäre.
  2. Die meisten Punkte im Anwendungskapitel und bei den Anschlussmöglichkeiten werden nur angedacht. Es fehlt meistens eine überzeugende Argumentation wo denn nun genau der Anschluss besteht und wie dieser Anschluss aussehen könnte. Der Teil zur Pädagogik ist überhaupt nur rudimentär und eigentlich bloß eine vage Vermutung. (Das drückt sich auch im Titel dieses Abschnittes aus: "Muster - Chancen für die Pädagogik").
  3. Die lockere Herangehensweise des Autors hat den Nachteil, dass vielfach Begriffe aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt werden, die durchaus zu hinterfragen gewesen wären. Gerade weil es im Deutschen dazu noch nichts (oder wenig) gibt, kann dies Büchlein stil- und begriffsbildend wirken. Es besteht die Gefahr, dass dann Begriffe eingebürgert werden, die nicht das ausdrücken, was Alexander gemeint hat. (Aber: im Allgemeinen hat Leitner aber durchaus gut übersetzt.) Eine kritische Reflexion bzw. Diskussion (im Anhang z.B.) wäre aber aus meiner Sicht durchaus angebracht gewesen und hätte zu einer Vertiefung des Verständnisses führen können.

Aber nochmals: Trotz dieser Kritiken ist das Buch für Leute, die sich mit dem Patternansatz auseinandersetzen wollen, wirklich lesenswert. Es liest sich schnell und leicht - und bloße 12 Euro sind ja schließlich auch kein unkalkulierbares Finanzrisiko.


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Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 02.04.2009 22:41

Lieber Peter,

wie bereits angekündigt, möchte ich gerne eine „Gegenposition“ bei der Rezension des Buches einnehmen. Zwar ist die Idee, den Pattern-Ansatz in einer leicht zugängliche Zusammenfassung greifbar zu machen sehr zu begrüßen. Ebenso begrüße ich, dass der Autor über die zwei zentralen Werke Alexanders („A Pattern Language“ und „The Timless Way of Building“) hinaus geht. Aber da setzt auch schon meine Kritik an: „The Nature of Order“ ist meiner Meinung nach nicht mit dem Muster-Ansatz gleich zusetzen. Dies sind meine Kritikpunkte an der Einführung, die gleichzeitig teils auch Kritik an Alexander sind:

- Das Buch präsentiert keine Mustertheorie und stellt den Musteransatz zu knapp dar.
- Eine Auseinandersetzung mit anderen Erkenntnissen zu Mustern (die nicht von Alexander stammen) findet nicht statt.
- Die unkritische Darstellung des Buches erweckt den Eindruck, alle Ansichten Alexanders seien innerhalb der Pattern Community akzeptiert. Dies ist aber nicht der Fall.
- Die Anwendungsbeispiele sind schlecht recherchiert
- Die Anknüpfungspunkte sind willkürlich und nehmen zu wenig Bezug auf Aussagen von Alexander.


Ich habe es bislang gemieden, eine Kritik zu diesem Buch zu schreiben, in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich scharf ausfallen wird. In vielerlei Hinsicht erweist das Buch als Einführung einen Bärendienst. Es spiegelt nicht ausreichend die Ansichten der Pattern Community wieder, die durchaus sehr diversifiziert sind. Dabei will ich die Leistung von Helmut Leitner gar nicht anzweifeln. Als Einführung zu „The Nature of Order“ ist es sicherlich gut geeignet. Die Vielschichtigkeiten Alexanders sind nur sehr schwer zu fassen und ich muss gestehen, dass ich mir nach 9 Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema Patterns nicht zutrauen würde, eine solche Einführung zu schreiben. Dies liegt eben auch an den vielen Sichten auf den Gegenstand.

Ich möchte meine Kritikpunkte gerne an ein paar Beispielen detailliert begründen:

Der Titel „Mustertheorie“ nimmt sich sehr viel vor. Mir ist kein Werk innerhalb der Pattern Community bekannt, das von „Mustertheorie“ spricht. Eher wird von Paradigma, Ansatz, Methode usw. gesprochen. Was genau Teil einer Mustertheorie sein könnte, also welche Hypothesen dazu gehören, verraten weder das Buch noch Alexander an expliziter Stelle. So sieht Alexander z.B. Muster und Mustersprachen als zwei Theorien an. Dass Muster nur ein Teil der in „The Nature of Order“ aufgestellten Theorie und Philosophie ist, wird deutlich darin, dass Alexander an einer Stelle schreibt: „The entities we called patterns were […] somewhat similar to the entities I now call centers“ (2. Buch S. 344). Dass Zentren und Muster gleichzusetzen sind, unterschlägt das Buch ebenso wie die Feststellung, dass dies nur ein Aspekt der Gesamtdarstellung von „The Nature of Order“ ist. Insgesamt kommt mir der Musterbegriff selbst in dem Buch zu wenig vor. Das Buch handelt eben nicht von einer allgemeinen Mustertheorie sondern legt die Schwerpunkte auf das Gesamtwerk „The Nature of Order“.

In dem gesamten Theoriegebäude Alexanders sind Patterns natürlich eine wichtige Komponente. Die Pattern Community sieht darin sicherlich die wichtigste Komponente. Was die übrigen Komponenten von Alexanders Theorien angeht, gibt es sehr, sehr unterschiedliche Einstellungen. Um einer angemessenen Darstellung gerecht zu werden, müssten zumindest die grundlegenden Positionen dargestellt werden (Das Spektrum reicht von „’The Nature of Order’ bringt nichts Neues“ bis hin zur Übertragung der 15 Eigenschaften auf den Bereich der Softwareentwicklung. Meine eigene Position dazu ist derzeit, dass die 15 Eigenschaften sehr willkürlich, dazu auf ganz unterschiedlichen Ebenen angesiedelt und grundsätzlich nur auf den physikalischen Raum bezogen sind. Sie implizieren zudem die von Alexander angestrebte Lebendigkeit nicht automatisch sondern nur „bei richtiger Anwendung“. Ich schreibe „derzeit“, weil mich einige der Eigenschaften intuitiv überzeugen. Aber ich wäre auch intuitiv überzeugt wenn man mir sagt, dass Objekte Wärme- oder Helligkeitseigenschaften haben. Doch sind dies die zentralen Eigenschaften der Lebendigkeit?)

Ginge es wirklich um den Musteransatz (und nicht um Alexanders Philosophie), so hätte eine Auseinandersetzung mit der Weiterentwicklung innerhalb der Pattern Community stattfinden müssen. Der Musteransatz ist dort weiterentwickelt als bei Alexander selbst. So sind z.B. die Überlegungen über Zusammenhänge zwischen Mustern (Alexander kennt nur Zusammensetzungen, üblich sind aber auch Sequenzen, Verfeinerungen, Alternativen usw.) ebenso ein wichtiger Beitrag wie die Feststellung, dass Lösungen nicht nur positive sondern oft auch negative Konsequenzen haben. Den Vorwurf, sich so gut wie gar nicht mit der Community auseinanderzusetzen, die sich am intensivsten mit seinem Ansatz beschäftigt hat, ist sicherlich auch eine Kritik an Alexander selbst. Die „Quality without a name“/QWAN wird in vielen Software-Mustern sehr viel intensiver erreicht als bei den Mustern in „A Pattern Language“. Das Problem ist, dass die Lebendigkeit der Softwarearchitektur nur dem erfahrenen Programmierer überhaupt ersichtlich wird. Richard Gabriel weißt darauf hin, dass der Entwickler „im Code lebt“ und die Werte der Softwarearchitektur sich an den Entwickler richten. Jim Coplien verweist darauf, dass Ästhetik eine zentrale Rolle bei SW-Patterns spielt. Im O’Reilly Verlag ist das Buch „Beautyful Code“ erschienen. Um zu verstehen, was mit lebendiger SW gemeint sein könnte, kann sprachlich besser am Gegenteil dargestellt werden: Programmcode, der nicht funktioniert, der nicht wartbar ist, der nicht verstanden wird, der ineffizient ist, der nicht die Semantik für den Entwickler sichtbar macht, kann sicherlich als tot oder in einer Sackgasse („dead end“) bezeichnet werden. Ich glaube, dass der philosophische Überbau in Teilen auf die praxisrelevanten Muster der SW-Community viel eher zutrifft als auf Alexanders Muster selbst. All die versprochenen Werte manifestieren sich ja gerade in Mustern, die diese Qualität besitzen. Bei den Mustern aus „A Pattern Language“ verspüre ich dagegen teils innere Unruhe. Für Alexander gibt es eine objektive Lebendigkeit, für mich (und viele andere) gibt es diese nicht. Wer Recht hat, ist an dieser Stelle nicht relevant; wichtig ist, dass die Gegenposition in dem Buch fehlt.

Und damit befinde ich mich schon an der Kritik an Alexander selbst. Eine kritische Auseinandersetzung mit Alexander fehlt in „Mustertheorie“ vollends. Nicht selten wird unterstellt, Alexander habe wichtige Einsichten als erster gehabt. Richtig ist vielmehr, dass „Nature of Order“ zutiefst philosophisch ist, Bezüge zu bestehenden philosophischen Positionen aber kaum von Alexander und auch nicht von Leitner hergestellt werden. Immer wieder spricht Alexander von einer Objektivierbarkeit der Lebendigkeit und zieht hierfür die Mathematik und seine „neue“ wissenschaftliche Methode, auf das innere Gefühl zu hören, heran. Überzeugend ist das nicht. Wer eine so tief greifende wissenschaftstheoretische Revolution herbeiführen will wie Alexander, hätte sich sehr viel mehr mit Wissenschaftstheorie befassen müssen.

Die Anwendungsbeispiele in „Mustertheorie“ sind schlecht recherchiert, Quellennachweise fehlen vollständig. Dabei sind fast alle Muster der Pattern Languages of Programs – Konferenzen frei im Netz verfügbar; dies gilt gleichwohl für die pädagogischen Patterns. Leitner hält das Dokumentieren von Mustern in der Pädagogik für sehr sinnvoll, bezeichnet diesen Abschnitt aber als spekulativ! Interessant ist daran für mich nur, dass die Anwendbarkeit des Musteransatzes offensichtlich ein natürlicher Impuls ist. Ich habe ebenfalls nach pädagogischen Mustern gesucht lange bevor ich auf das Pedagogical Patterns Project gestoßen bin. Sobald man jedoch ernsthaft nach Mustern recherchiert oder googelt, so stößt man sehr schnell auf dieses Projekt. Übrigens erwähnt Alexander selbst in „Nature of Order“ (2. Buch, S. 346) didaktische Muster: „educators create patterns for centers like classrooms, seminars, group discussion, individual education, which might provide the underpinning of a stable and healthy process of education“.

Das Kapitel „Anschlussmöglichkeiten“ fand ich beim Durchblättern der Überschriften sehr viel versprechend, beim Durchlesen der Kapitel sehr ernüchternd. Beispiel Evolutionstheorie: Diese kann Leitner nicht intensiv studiert haben, wenn er vom „Überleben der Tüchtigsten“ spricht. Im Original heißt es schließlich „fittest“ und damit ist am ehesten „bestangepasst“ gemeint. Und hier ist ein zentraler Bezug zu Alexander, den Leitner unterschlägt. Auch Alexander spricht von „fitness of form and context“, distanziert sich aber zumindest in „Notes on the Synthesis of Form“ noch explizit von evolutionären Designstrategien (was wir in „Mustertheorie“ nicht erfahren) wenngleich er in „Nature of Order“ immer wieder Parallelen zu genetischen Informationen und generativen Programmen zieht. Alexander hat vor allem mit der Zufälligkeit als zentralem Mechanismus der Evolution seine Probleme. Auch geht er davon aus, dass frühere Generationen ein besseres Verständnis ihrer Umwelt hatten und ältere Bauwerke daher oft lebendiger sind – die Möglichkeit, dass lebendigere Bauten aufgrund eines Selektionsprozesses im Gegensatz zu weniger passenden Gebäuden überlebt haben und nicht abgerissen wurden, scheint er abzulehnen. Doch von diesen Zusammenhängen keine Spur in „Mustertheorie“. Stattdessen wird darin einfach behauptet, Muster- und Evolutionstheorie würden sich überlappen. Doch wie? Beispiel Konstruktivismus: Hier fehlt zunächst der Schema-Begriff (der ja nichts anderes als Muster meint), zum anderen stolpert der Autor nicht darüber, dass die individuelle Konstruktion von Wissen gerade eine Verneinung der von Alexander behaupteten objektiv wahrnehmbaren Lebendigkeit ist.

Wichtige Anknüpfungspunkte, z.B. Gestalttheorie, Mengentheorie, Komplexitätstheorie und Sprachphilosophie fehlen gänzlich.

Zudem enthält das Buch viele kleinere faktische Fehler und Lücken:
- So wird z.B. geschrieben, in „Design Patterns“ (Gamma et al.) befänden sich etwa 80 Muster. Es sind aber 23. Vielleicht ein kleines Detail, aber innerhalb der Software Pattern Community ist „Design Patterns“ ein zentrales Werk, mit dem man gut vertraut sein sollte.

- Erwähnt wird als weiteres Anwendungsbeispiel „Extreme Programming“ – gemeint ist aber wahrscheinlich (hoffentlich?) das Buch „Organizational Patterns of Agile Software Development“.

- Zu Beginn erwähnt der Autor, dass er sich mit Wikis beschäftigt und nennt auch Ward Cunningham. Da wäre es nett, im Buch auch zu erfahren, dass das Ur-Wiki (Ward’s Wiki) dazu diente, Entwurfsmuster zu sammeln. Auch erfährt der Leser nicht, dass es Ward Cunningham und Kent Beck waren, die den Ansatz 1987 sowohl auf den Bereich der SW-Entwicklung wie auch UI als erste übertrugen.


Vielleicht bin ich zu kritisch, aber ich wollte zumindest etwas ausführlicher begründen, warum mir das Buch nicht durchgehend gefällt. Gut gelungen finde dagegen die alltäglichen Beispiele für Muster, die sich in dem Buch finden.

Beste Grüße,

Christian

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 03.04.2009 01:15

Lieber Christian,

ich kann ja durchaus mit vielen Deiner Kritikpunkte leben. Möchte aber doch an zwei Punkten festhalten, denen Du wahrscheinlich zustimmen kannst.

1. Bisher wird in der Community immer nur die Pattern-Seite von Alexander diskutiert. Entweder haben viele Leute diese späteren - umfangreicheren - Texte nicht gelesen oder finden sie für den Pattern-Ansatz nicht wichtig.

2. Helmut Leitner ist zwar kein Ersatz aber durchaus eine guter Einstieg zu "Nature of Order". Das Büchlein macht Lust darauf sich diese 4 Bände herzunehmen, wirkt sozusagen als Appetizer.

Ich vermute allerdings, dass wir beide in der Einschätzung zur Bedeutung der Pattern-Diskussion und der Lebendigkeitsthese in "Nature of Order" eine unterschiedliche Einschätzung haben. Ich halte die gesamte Pattern-Diskussion für schwach,theoretisch unreflektiert und für eine ziemlich mechanistische Übertragung auf andere Gebiete außerhalb der Architektur. (Du wahrscheinlich nicht, gell?) Da finde ich die Thesen in "Nature of Order" – obwohl ich eine gewisse esoterische Schlagseite nicht leugnen will – nicht nur viel spannender, sondern als deren Grundlage. In den Patternbüchern schreibt Alexander nur von einer luminösen QWAN (Qualitiy Without A Name), in "Nature of Order" beschreibt er, was darunter genau aus seiner Sicht zu verstehen ist.

Ich werde versuchen in einem späteren Weblogeintrag die 15 Eigenschaften von Lebendigkeit auf die Pädagogik umzulegen. Ich glaube zwar, dass die These, die ich dort vertreten werde (etwa: "Raumstrukturen in der Architektur entsprechen den Zeitstrukturen in der Didaktik") sehr widersprüchlich aufgenommen werden wird. Es wird dann aber vielleicht deutlich werden, dass ich in eine ganz andere Richtung denke, als dies die derzeit die Pattern-Community mit ihren formalen Beschreibungsschemata (Mustername, Kontext, Ausgangssituation, Problemlösung, Wechselwirkung der Kräfte, Anschlussmuster, Zusatzinfos) im Auge hat.

Auf jeden Fall ist für eine spannende Diskussion auf unserer kommenden Forschungswerkstatt am 24./25. April gesorgt ;-)

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 03.04.2009 17:10

Lieber Peter,

ich stimme in jedem Fall mit Dir überein, dass innerhalb der Pattern Community teils sehr wenig (erkenntnistheoretisch) reflektiert wird, zum anderen die tiefer gehenden Überlegungen nur sehr schwer auffindbar sind. Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass der Ansatz einfach nur mechanistisch übertragen wurde. Es ist eher so: man kann ein schönes Bild haben oder über die Schönheit und ihrer Ursachen diskutieren. Die Software Patterns sind sehr pragmatisch: sie handeln von schönen Bildern und den Prozessen, um solche schönen Bilder zu erstellen.

Wie bei den Patterns in "A Pattern Language" werden bei SW nur die funktionalen Werte explizit als Forces angegeben, die ästhetischen Werte sind implizit vorhanden - sie sind nicht benannt im Sinne einer Quality without a name. Vielleicht ist dies die wesentliche Weiterentwicklung von "The Nature of Order", dass auch die ästhetischen Werte auf konkrete Formeigenschaften zurückgeführt und genannt werden. So gesehen ist bei Alexander eine Fortentwicklung von funktionaler („Notes on the synthesis of form“), über funktionale und implizit-ästhetische Muster („The Timeless Way of Building“, „A Pattern Language“) hin zu explizit-ästhetischen Eigenschaften („The Nature of Order“) zu beobachten. Zumindest interpretiere ich Lebendigkeit als eine ästhetische Eigenschaft.

Es gibt eine englischsprachige Interpretation von Alexanders Hauptwerk: „Delight's Muse on Christopher Alexander's the Nature of Order: A Summary and Personal Interpretation“ von Jenny Quillien. Ich hab’s leider noch nicht gelesen.

Einen Zusammenhang zwischen „The Nature of Order“, Literatur und Softwareentwicklung findest Du in Richard Gabriel’s Essay „Desinged as Designer“: http://dreamsongs.net/Files/DesignedAsDesigner.pdf

Viele der Sichtweisen Alexanders sind ganz praktisch in den Designprozess des Softwareentwicklers eingeflossen: eXtreme Programming und agile Entwicklung sind eng mit den Sichtweisen Alexanders verbunden (auch wenn dies oft nicht explizit gemacht wird).

Ein weiteres Beispiel für Zusammenhänge zwischen „Nature of Order“ und Software Patterns (dargestellt von James Coplien) findet sich hier: http://users.rcn.com/jcoplien/Patterns/NoNoO.html

Es gibt innerhalb der Software Community durchaus sehr viel Enthusiasmus für „The Nature of Order“. Meist jedoch zu unreflektiert. Ich denke, dass sich die 15 Eigenschaften nicht einfach auf nicht-räumliche (gemeint ist der physikalische Raum) Kontexte übertragen lassen. Wenn es so etwas wie fundamentale Eigenschaften gibt, dann müssten diese – so wie von Dir vorgeschlagen – für das jeweilige Gebiet definiert werden. Daher freue ich mich auch sehr auf die Diskussion.

Beste Grüße,
Christian

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 05.04.2009 21:21

Hallo Christian,

Danke für die Literaturhinweise, die ich mir erst noch zur Gemüte führen muss. Ich habe nun in der Zwischenzeit in zwei neueren und relativ langen Weblog-Einträgen zu zeigen versucht, DASS und WIE denn nun die 15 Lebenseigenschaften auf die Didaktik übertragen werden können.

Ich weiss, dass meine angeführten Beispiele nicht überzeugend und zum Teil trivial sind. Aber trotzdem: Ich glaube, dass meine Vorgangsweise eine ganz andere Sichtweise der Pattern zulässt, und damit auch meine Kritik an der Pattern-Community untermauert wird: Es wurden bloß die Formalia des Alexanderschen Ansatzes übernommen, nicht aber die ihm zugrunde liegenden inhaltlichen Ideen.

Übrigens, weil Du offensichtlich nach wie vor so von den vorliegenden Mustern überzeugt/begeistert bist: Was antwortest Du auf den in der Pattern-Community häufig kolportierte Hinweis, dass Christopher Alexander selbst die Vorgangsweise der objektorientierten Patterncommunity ablehnt? Versteht Alexander selbst nicht, was er geschrieben hat? Oder haben die PLOP-Leute ihm genial weiter entwickelt und überholt, so dass Alexander etwa die Rolle von Einstein in Relation zur Quantenmechanik einnimmt: Er hat sie zwar begründet aber in ihren Konsequenzen abgelehnt.

Verzeih mir diese sicherlich etwas zynische und überwiegend rethorisch gemeinte Fragestellung. Aber ich habe gerade das Kultbuch der Gang of Four (Design Pattern - Elements of Reusable Object-Oriented Software) geliefert bekommen. Sicherlich muss man den Leuten zugute halten, dass damals Alexander noch nicht The Nature of Order pbuliziert hatte. Andererseits verstehe ich nicht, dass dieses Buch im Zusammenhang mit Alexander immer noch seinen Kultstatus hat. Das Buch geht von einem falschen, weil reduziertem Verständnis des Patternansatzes aus und steht letztlich einer möglichen sinnvoll-schöpferischen Übertragung des Alexanderschen Gedankenguts auf andere Sachgebiete mehr im Wege als dass es hilft.

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 17.04.2009 12:19

Lieber Peter, lieber Christian,

ich hoffe Ihr seid mir nicht böse, wenn ich mich an Eurer Diskussion beteilige und gleich das vertraute und in Online-Medien übliche Du verwende. Vielleicht sollte ich mich als Autor eher zurückhalten und die schmeichelhafte Rezension (Danke, Peter!) und den kritischen Verriss (Buuh, Christian!) distanziert beobachten ... aber es ist einfach zu verlockend, auf hohem Niveau über Alexander und Muster diskutieren zu können. Es gibt nämlich wenig Leute, die ausreichend Alexander gelesen haben und die dann noch praktisch und theoretisch mit Mustern arbeiten. Derzeit stehen mir nur drei Diskussionspartern auf diesem Niveau zur Verfügung: Nikos Salingaros - den Editor von TNoO, Jascha Rohr vom Institut für Partizipatives Gestalten (der für euch interessant sein könnte, weil er eine komplette Mustersammlung für den Betrieb der deutschen Permakulturakademie entwickelt hat und wartet) und Franz Nahrada mit dem mich vielfältige Projekte im Umfeld der Regionalentwicklung verbinden. Diese fiktive Gesprächsbasis von drei auf fünf Personen erweitern zu können, wäre für mich persönlich eine Riesengewinn. Und dieser Aussicht opfere ich sogar meinen aggressiven Grundimpuls, Christian wegen seines Verrisses in Grund und Boden zu stampfen (das heißt aber nicht, dass ich mich nicht früher oder später gegen den einen oder anderen Vorwurf wenden werde).

Wie gesagt, ich finde die begonnene Diskussion sehr spannend und auf hohem Niveau und vor allem Christian hat eine Vielzahl von interessanten Themen aufgeworfen. So viele, dass ich mir keineswegs sicher bin, dass man das in Blog-Kommentaren abhandeln kann.

Geschwindigkeit (Anmerkung von Christian) kann sicher zur Lebendigkeit beitragen. So habe ich schon am Vormittag des 2.4. von einem Bekannten, der offenbar diesen Blog abbonniert hat, schon Stunden nach dieser Veröffentlichung, in einem Email von dieser Blog-Rezension erfahren und mich gefreut. Nun beteilige ich mich an einer Diskussion, kann hoffentlich zur Lebendigkeit dieses Blogs beitragen und vielleicht lernt jeder von uns (Lebendigkeit im Sinne persönlicher Entfaltung) etwas dabei. Das ist ein positiver Effekt von Geschwindigkeit aus moderner IT. Andererseits wäre es vermutlich zu kurz gegriffen, Geschwindigkeit linear mit Lebendigkeit ("Allegro ist lebendiger als Andante") verknüpft zu betrachten. Sonst müsste die Wirkung von Musikstücken steigen, wenn man sie schneller spielt. Wir dürfen aber den Musikern als Experten wohl zutrauen, ihre Musik so zu timen, dass diese eine maximale Wirkung hat. Daraus leite ich ab, dass man in Bezug auf Eigenschaften lebendiger Systeme vorsichtig sein muss mit schnellen Schlüssen. Die Diskussion um Lebenseigenschaften ist vor allem - auch nach Alexander - eine Suche nach generativen oder irreduziblen Eigenschaften. Für mich steckt in den Eigenschaften vor allem analytisches und transformatives Potenzial, d. h. ich kann in jedem System z. B. nach der Eigenschaft GRENZE suchen (zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Schule und Welt, zwischen Sprachunterricht und praktischer Sprachnutzung) und die Ausprägung dieser Eigenschaft beschreiben und als Ausgangspunkt für mögliche Entfaltungsschritte nehmen (Tausch von Lehrer/Schüler-Rollen, Fremdsprache als Arbeitssprache, etc.).

Peter, deinen Ansatz in der Didaktik der Zeitdimension und Strukturen und Mustern in der Zeit mehr Aufmerksamkeit und Gewicht zu geben, kann ich nur ermutigen. Es kann gar keinen große Diskussion auftauchen, ob das möglich und sinnvoll ist. Es gibt viele Argumente, die deine Intuition stützen. Etwa die Nähe des Lehrens/Lernen zu narrativen dramatischen Systemen (Geschichte, Romane, Theater ... die natürlich alle ihre Mustersprachen besitzen). Sollte guter Unterricht nicht rhythmisch und dramatisch sein? Spannend wie ein Kriminalfall oder bewegend wie ein Abenteuer oder eine Liebsgeschichte? Jedenfalls aber mit Emotionen und den Möglichkeiten zu persönlicher Resonanz verbunden? ... ich weiß, ich trage Eulen nach Athen.

Ein Missverständnis ist mir aufgefallen. Christian, du sprichst vom Zusammenhang von Symmetrie und Lebendigkeit so, als bestünde eine Differenz zu Alexander. Das ist aber nicht der Fall. Alexander spricht ausdrücklich davon, dass große Zentralsymmetrien nicht die Lebendigkeit erhöhen. Er nennt seine Eigenschaft auch ausdrücklich "LOCAL SYMMETRY" und führt das Musterbeispiel der Alhambra an, die über keinerlei große Symmetrie verfügt, aber über zahllose Symmetrien im Detail.

Ein anderes Missverständnis: Man kann die Lebendigkeit eines System nicht dadurch "erhöhen" indem man eine Alexanderschen Eigenschaften "hochdreht". Es geht um ein ganzheitliches Zusammenwirken der Strukturelemente (Zentren), um einen Feldeffekt in Einheit von Form und Funktion. Manche Eigenschaften schließen sich auch gegenseitig aus (etwas kann nicht leicht gleichzeitig MEHRDEUTIGKEIT und EINFACHHEIT haben). Am ehesten würde eine lineare Beziehung in der Didaktik wohl mit Eigenschaften wie ANPASSUNG (GOOD FORM) oder INDIVIDUALITÄT (ROUGHNESS) als Individualisierung des Unterrichts argumentierbar sein. Es gibt Zusammenhänge und Abhängigkeiten, über die Alexander auch schreibt (u.a. gibt es in meinem Büchlein auch eine Abhängigkeitsmatrix, die darauf hindeutet). Wie gesagt, es geht Alexander um die grundlegenden Eigenschaften, um jene, die sich nicht auf andere Eigenschaften zurückführen lassen. Geschwindigkeit könnte man z. B. als GRADIENT in Raum/Zeit auffassen.

Ein Riesenthema ist natürlich die Frage nach einer objektiven Lebendigkeit. Wir werden das hier nicht abhandeln und ich will auf keinen Fall den Anschein erzeugen, als hätte ich auf alles eine Antwort, oder als stünde ich Alexander unkritisch gegenüber. Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass Alexander nur einen Startschuss gegeben hat, eine gedankliche Weichenstellung eingeleitet hat, die uns auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird. Seine teilweise dogmatische, jedenfalls aber moralische und weltanschaulichen Elemente, werden jedenfalls polarisieren und die Geister scheiden. Ich sehe teilweise bei Alexander Selbstwidersprüche, die ich aber in dem Buch aus vielfältigen Gründen nicht thematisiert habe. Vor allem, weil ich glaube, dass sie die Validität seiner Kernaussagen nicht in Frage stellen.

Sicher ist jedenfalls, dass Alexander niemals meint, dass man einen Lebendigkeitsgrad numerisch würde angeben können. Dort wo er als Mathematiker Versuche dazu unternommen hat, ist er gescheitert und er dokumentiert auch dieses Scheitern.

Sicher scheint mir auch, dass es keinen Lebendigkeitsgrad eines Objektes an sich (Peter sagt etwas in diese Richtung) geben kann. Der Lebendigkeitsbeitrag eines Klaviers ist zweifellos davon ahängig, ob jemand da ist, der es spielen kann (oder ist es z. B. ein totes Status-Symbol?). Und wenn das Klavier schwer verstimmt und unbrauchbar ist, dann ist der Qualitätsverlust nicht durch die geometrische Struktur des verstimmten Klaviers erklärbar. Geometrische Konfiguration ist also nicht alles (wie man Alexander vereinfachend lesen könnte, er blickt eben nicht viel über die Architektur hinaus).

Ich glaube auch nicht, dass man mit der Eigenschaft "lebendig" naiv umgehen kann, etwa indem man Leute von der Straße holt und ihnen die Frage stellt "was ist lebendiger". Lebendigkeit ist nicht das, was man in der Alltagssprache darunter versteht und Alexander verwendet normalerweise ausführlicher Fragestellungen, die versuchen eine Beziehung zum Befragten herzustellen. Also weniger "welches Bild ist lebendiger?", sondern "bei welchem Bild könntest du dir eher vorstellen, es dein ganzes Leben in deinem Arbeitszimmer hängen zu haben?" oder "welches Bild entspricht mehr deinem inneren Wesen?". In Experimenten besteht natürlich die Gefahr (Christian spricht richtigerweise vom notwendigen Training), dass man die Leute darauf trainiert, gewünschte Ergebnisse zu liefern. Da ist sicher noch viel ehrliche Forschugnsarbeit notwendig, um unabhängige Ergebnisse zu gewinnen.

Der wesentliche Punkt scheint mir aber zu sein, dass Muster von den Betroffenen selbst zur Gestaltung ihrer Lebensumgebungen eingesetzt werden können. Das zielt auf autonome Individuen und individuelle Entscheidungssituationen hin und entfernt sich tendenziell von Patentrezepten und auoritären Lösungen (etwa engführenden Lehrplänen). Christian hat ja völlig korrekt angemerkt, dass für jedes Muster u. a. die Frage nach Vor- und Nachteilen und nach Alternativmuster und Anschlussmustern gestellt werden MUSS. D. h. untersucht man z. B. DEMOKRATIE als Muster, müsste man genauso die Nachteile analysieren. Sowas ist ungewohnt und vielen nicht angenehm.

An dieser Stelle möchte/muss ich Schluss machen. Ich wollte eigentlich so kurz wie möglich schreiben. :-) Viele Themen, wie z. B. die Frage der Software-Pattern-Community oder der Frage, ob man berechtigerweise von einer "Mustertheorie" sprechen kann/darf/soll, liegen mir am Herzen, ich konnte sie aber nicht mal antippen. Vielleicht ein anderes Mal.

Liebe Grüße euch beiden,
Helmut

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 19.04.2009 20:25

Lieber Helmut,

herzlich willkommen in der Diskussion :-) Ich denke, Du solltest Dich als Autor auf Fälle daran beteiligen und wenn möglich meine Anmerkungen entkräftigen. Ich hätte auch nicht so scharf auf die Dinge, die mich stören, hingewiesen wenn Peter nicht vorher eine positive Kritik geschrieben hätte. Im Lichte des Lobs war für mich genug Raum für kritische Töne ;). Wie bereits in meinem Kommentar angedeuet, bezieht sich ein Teil der Kritik eher auf Alexanders Ansichten selbst. Ich denke dass in seinem Werk viele wichtige Ideen stecken, die weiterentwickelt werden müssen. In der Pattern Community ist dies zum Teil geschehen mit durchaus unterschiedlichen Konsequenzen. Mein Problem mit Alexander ist, dass ich viele seiner Muster und auch Bildbeispiele durchaus anmutend und lebendig empfinde und oft denke: ja, so sollte es sein. Bei anderen aber empfinde ich oft das Gegenteil, in einer Welt nach Alexanders Geschmack (der ja laut Alexander keiner ist, sondern eine objektive Sicht) möchte ich zumindest nicht leben. Auch sehe ich nicht, wie z.B. Aspekte der Nachhaltigkeit, etwa klimafreundliches Design, sich auf die 15 Eigenschaften zurückführen lassen. Lebendigkeit ohne Nachhaltigkeit funktioniert für mich nicht, aber bei Alexander sind solche Aspekte ausgeklammert (im Ideal ergeben sie sich von selbst). Davon könnte ich viele weitere Beispiele bringen, wo ich manchmal seine Bücher in die Ecke werfen möchte. Nun könnte ich ja genau das tun, aber dazu bin ich wiederum vom Musteransatz zu sehr überzeugt...
Ich muss auch noch einmal explizit machen, dass meine Kritik sich auch nur aus meiner Perspektiv ergibt. Im Gegensatz zu Alexander halte ich ja individuelle Meinungen für möglich ;-). Und in meiner Perspektive ist der Musterbegriff - wiederkehrende Strukturen und Formen, daraus entstehende Werte und Qualitäten sowie die Ursachen- ein sehr zentraler. Daher bin ich Deinem Buch gegenüber auch sehr kritisch. Es geht aus meiner Sicht eher auf Alexanders Philosophie ein als auf Muster. Was ich insofern schade finde, weil ich Deine Musterbeispiele sehr gelungen finde. Wenn es aber um Muster geht, dann sehe ich die Lebendigkeit nur als einen Aspekt. Andersherum sind Muster nur ein Aspekt lebendiger Strukturen - aber es kommt eben auf die Perspektive an. Was Muster betrifft, bewegen mich z.B. solche Fragen: Wie verhält sich ein Muster zu seiner Umsetzung? Wie verschachteln und überlappen sich Muster? In der Tat Fragen, die Alexander selbst nicht beantwortet...

Demnächst mehr dazu.

Liebe Grüße,
Christian

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 20.04.2009 09:41

Lieber Helmut,

Schön, dass Du Dich an dieser Diskussion beteiligst. Du bist dazu natürlich herzlich willkommen!

Ich gehe auf Deine Anmerkungen und Anregungen vorerst nur indirekt ein. Mir liegt derzeit einiges am Herzen, dass ich zuerst – bevor ich es vergessen ;-) – in eigenen Beiträgen (Gedankensplittern) nieder schreiben möchte. (Sie z.B. meinen neuen heutigen Beitrag unter: http://www.peter.baumgartner.name/weblog/pattern-strukturerhaltende-transformationen)

Außerdem wird es ja immer schwieriger den Faden der immer komplexer werdenden Diskussion folgerichtig weiter zu spinnen. Ich glaube daher, dass es durchaus Sinn macht nicht auf alle einzelnen Aspekte aller Diskussionteilnehmer direkt einzugehen, sondern sie – so zusagen über einen Umweg – allgemeiner und grundlegender zu untersuchen. Dabei möchte ich mich in erster Linie mal davon leiten lassen, was hat Alexander wirklich gesagt/gemeint - und erst dann in weiterer Folge mich zu fragen, ob diese Ansichten eine Grundlage haben, ich ihnen zustimmen kann etc.

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 16:19

Lieber Christian, Lieber Peter,

danke für das Willkommenheißen, ich fasse meine an Euch Antworten zusammen. Ich fühle mich mit Peters Enthusiasmus und mit Christian kritischen Gefühlen gleichermaßen verbunden.

Christian, ich bin bei dir, Alxander auch kritisch zu sehen. Als einen Wegbereiter zu sehen, aber nicht als jemand, dessen Worte man sich wie Bibelzitaten unterwirft. Auch Alexander muss sich an der Praxis messen lassen.

Das Thema Nachhaltigkeit finde ich bei Alexander sehr stark vertreten, auch wenn er den Begriff als solchen nicht verwendet. Das halbe TNoO beschäftigt sich mit Struktur- und Prozessprinzipien, die sowohl in der Natur, als auch in der Architektur auffindbar sein sollen. Da ist viel von Effizienz die Rede. "Wie kommt man mit dem geringstmöglichen Aufwand zur größtmöglichen Systemverbesserung, die dann nachhaltig (nämlich als Struktur/Architektur) zur verfügung steht." Das mehrfach angesprochene Prinzip der strukturerhaltenden Transformation ist praktisch ein reines Effizienzprinzip, denn es spart Energieverluste durch Abbau und Aufbau von Struktur.
Das Prinzip kleinstmöglicher Schritte, mit dem Prinzip der Reversibilität (Fehlerkorrektur zum frühestmöglichen Zeitpunkt) steht der Softwareentwicklung sehr nahe (je früher ein Fehler gefunden wird, desto geringer die Korrekturkosten). usw. Das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Alexandersche Gestaltungsprozess scheint mir von vorne bis hinten von Nachhaltigkeitsgedanken durchdrungen. Bei den Software-Designpatterns sehe ich davon recht wenig, auch beim Alexander von "A Pattern Language" ist davon wenig vorhanden.

Christian, was Alexanders Dogmatismus betrifft, bin ich auch auf deiner Seite. Nicht "jedes Haus braucht dicke Wände und Säulen" um zu funktionieren (obwohl das Alexander natürlich nie so dezitiert aussagt. Genauer: Alexander spricht Menschen nicht ihre Meinungen ab. Aber er ist davon überzeugt, dass es optimale, auf objektiven Kriterien gründende Design-Entscheidungen aus der Sicht der Betroffenen gibt. Das ist ein großer Unterschied. Alexander will eben die Entscheidungen zu den Betroffenen hin verlagern, weil Planer und Architekten auf Grund ihrer Interessenlage andere Prioritäten haben und deshalb andere Entscheidungen treffen werden. (nicht weil ihre Meinung nicht richtig - als in ihrem Vorteil - wäre)

Eine Frage wäre: Schauen Software-Produkte deshalb (innerlich und äußerlich) so aus, wie sie den Bedürfnissen der Anwender entsprechen, oder bilden sie die Marketing- und Image-Bedürfnisse, das Profit-Streben der Hersteller ab? Was bedeutet das für Produktstabilität (nachhaltige Nutzbarkeit eines erworbenen Hardware- und Software-produktes)? etc.

Christian, deine Feststellung, dass mein Mustertheorie-Buch eher philosophisch orientiert ist, ist richtig. Das war eine bewusste Entscheidung, denn ich wollte einen möglichst breiten Zugang für viele schaffen, nicht nur für Interessenten an einer spezifischen Mustersprache. Meine praktische Arbeit und mein Hauptinteresse liegt aber an den Mustern und den damit verbundenen Prozessen. Im Grunde müsste ich/man zwei weitere Bücher schreiben: eines, das den wissenschaftlichen Bedürfnissen nach Zitaten und Aufarbeitung aller Textquellen entgegenkommt und ein zweites, dass sich ganz auf die Praxis des Arbeitens mit Mustern konzentriert und die Erfahrungen der verschiedenen Pattern-Communities zusammenführt.

Deine Frage "Wie verhält sich ein Muster zu seiner Umsetzung?" verstehe ich nciht ganz.

Deine Frage: "Wie verschachteln und überlappen sich Muster?" hat Alexander zumindest mit seinem hierarchischen Vorschlag in "A Pattern Language" beantwortet. In seinem ganzheitlichen Ansatz wird die Wirkung von Transformationen (immer Anwendung eines Musters??) immer auf drei Ebenen betrachtet, und alle sollen davon profitieren: Auf der untergeordneten, übergeordneten und gleichgeordneten Ebene. D. h. Ein Haus soll für das Hausinnnere/Bewohner, die Umgebungszentren/Nachbarn und die Stadt als ganzes vorteilhaft sein bzw. funktionieren.

Interessant scheint mir in dem Zusammenhang, warum "A Pattern Language" ähnlich wie "Liberating Voices" im Grunde zum Scheitern verurteilt sind: weil sie im Versuch ein ganzes Universum abzubilden, nicht die Muster und das Know-How für eine bestimmte Zielgruppe zusammenfassen. APL enthält Überlegung für Regionalplaner, für Städteplaner, für Architekten, für Hauseigentümer, für Innenarchitekten, aber nichts richtig und vollständig. Damit bleibt es Stückwerk. Alexander bzw. sein Verlag haben APL überdies copyright-geschützt und den Schutz auch in der Praxsis verteidigt, so dass die Sammlung nicht ergänzt und weiterentwickelt werden konnte. Damit hat man APL die Möglichkeit zur Lebendigkeit geraubt. Ein Kritikpunkt von mir an Alexander...

Peter, ich bin völlig einverstanden, wenn du die Themen auseinanderlegst und die Schwerpunkte setzt und vorgibst. Es wird aber so und so nichts anderes übrigbleiben - wenn unsere Diskussion denn Erkenntnisse ergibt - diese in einem Auswerteprozess wieder zu kompilieren.

Wie gesagt, ich verstehe deine Entdeckerfreude an Alexander und habe sie oft genauso empfunden. Andererseits bleibt er Architekt und Dogmatiker. Man kann die Kuh melken, aber es hat wenig Sinn, sie auszupressen wie eine Zitrone. Alexander hat weder eine Antwort auf alles, noch sind seine Antworten immer richtig.

Ein typisches Beispiel ist das von Christian angeführte Zitat, wo Alexander an der Abgrenzung von "center" and "pattern" zweifelt und es nahelegt, dass es sich um daselbe handelt. Das ist Unsinn, hier hat er sich in seinen eigenen Begrifflichkeiten irre machen lassen. Es ist leicht, Gegenbeispile anzugeben.

lg Helmut

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 22.04.2009 11:50

Lieber Helmut,

Wir haben - schon seit mehreren Monaten vorbereitet - am kommenden Freitag/Samstag eine Veranstaltung ("Forschungswerkstatt") in Wien zum Thema Pattern. Teilnehmer/innen sind Leute aus meinem Umkreis: MitarbeiterInnen und (Doktoratsstudierende).

Am ersten Tag wollen Christian und ich mal das Thema vorstellen und inhaltlich einführen (schmackhaft machen). Am Samstag wollen wir uns überlegen, in wie weit der Pattern-Ansatz auch für die Pädagogik/Didaktik nutzbar gemacht werden kann. Das ist auch einer der Gründe, warum in den letzten Tagen sich die Diskussionen zu diesem Thema vertiefen.

Ich muss allerdings sagen, dass ich selbst die derzeitige Intensität auf Dauer - angesichts meiner anderen Verpflichtungen - sicherlich nicht durch halten werde. Wir sollten uns daher auf länger Sicht überlegen, wie wir diese Diskussion weiterführen können. Ich glaube nämlich nicht, dass mein Weblog für eine solche detaillierte Diskussion der geeignete Ort dafür ist. Vorschläge?

Du hast (in Deinem anderen Kommentar) recht: Es sollte nicht "Gesamtheit", sondern "Ganzheit" heißen. Ist ein großer Unterschied, weil "Gesamtheit" den Eindruck der Summe, der Addition vermittelt und nicht die "Einheit", wie sie sich in Wholeness (Ganzheitlichkeit) ausdrückt.

Auch Deinen Hinweis mit der Nachhaltigkeit finde ich für wichtig. Das scheint mir tatsächlich kaum bisher berücksichtigt worden zu sein, bzw. direkt angesprochen worden zu sein.

LG, Peter

Re:Mustertheorie - eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 22.04.2009 16:37

Bei mir stapelt sich auch die Arbeit, so dass mir ein TIMEOUT sehr Recht ist. Danke für die bisherige Diskussion und die dabei gewonnenen Einsichten. Schick mir einfach ein Email unter leitner(AT)hls-software(DOT)at, wenn du einmal Bedarf hast, zum einen oder anderen Thema meine Meinung zu hören.

Viel Esprit und Erfolg bei der Pattern-Forschungswerkstatt! Herzliche Grüße an alle Teilnehmer!

lg Helmut

Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - I

Fragmentarische Betrachtungen zum Ganzheitskonzept bei Christopher Alexander

Die nachfolgende Skizze ist ein (winziges) Fragment im Rahmen einer komplexen Diskussion, die sich mit dem Musteransatz von Christopher Alexander beschäftigt. Sie versucht die im 5. Kapitel (pp. 143-242) vom 1. Band von The Nature of Order (TNO) angeführten 15 fundamentalen Lebenseigenschaften auf die Pädagogik umzulegen. Dementsprechend werden die Ausführungen in den Kapiteln 1-4 als bekannt vorausgesetzt und hier nur für Newcomer bzw. zur Erinnerung als Prämissen zusammengefasst. [Selbstverständlich ist das meine eigene Interpretation bzw. (Re-)konstruktion der Alexanderschen Theorie und muss selbst kritisch hinterfragt werden.]:

5 Prämissen

  1. Christopher Alexander versteht unter dem Begriff des Lebens weit mehr als traditionell in der Biologie üblich ist. Für ihn ist "Leben" eine emergente Eigenschaften von Strukturen, der Natur der Ordnung. Leben entspringt aus der Ganzheitlichkeit, der strukturellen Kohärenz1 und ist demnach eine emergente Eigenschaft der Materie.
  2. "Leben" ist keine ja-nein Eigenschaft, sondern entsprechend der Grad der Ganzheitlicherkeit, dem Grad der Harmonie, dem Grad der strukturellen Kohärenz eine graduelle Eigenschaft der Materie.
  3. "Leben" kann durch Introspektion als Gefühl wahrgenommen werden. Dieser "Lebenssinn" kann durch Übung geschärft werden. Die Bestimmung des Grades an Leben lässt sich nicht auf individuelle Meinungen und/oder Werthaltungen reduzieren, sondern kann empirisch (experimentell) bestätigt werden. Besonders hilfreich ist dabei der paarweise Vergleich von Objekten und/oder Situationen.
  4. Wie kann Ganzheitlichkeit analysiert werden? Ein Zerlegen in einzelne Elemente zerstört die Konfiguration, die interne Kohärenz, also das was die Ganzheitlichkeit ausmacht. Alexander verwendet daher einen rekursiven Zentrumsbegriff: Zentren werden von der Ganzheitlichkeit induziert und verweisen auf ihre Beziehungen zu anderen Teilen, die wiederum selbst als Zentren wirken. Ein Zentrum besteht selbst wieder aus Zentren.
  5. Ganzheitlichkeit ist eine feldartige Struktur und definiert sich als ein Muster von Zentren im Raum. Selbst wenn es sich um soziale (Einfluss-/Macht-)zentren, Handlungs- Bewegungs- und/oder Kulturzentren handelt, gibt es letztlich immer eine räumliche Dimension, ist die Dynamik eine Konfiguration von Kräften im Raum, spielt sich im Raum ab.

Methode statt Inhalt

Nach dieser Zusammenfassung in der Form von Prämissen beginne ich nun mit der eigentlichen Diskussion:

Im letzten (5.) Punkt ist die universelle Bedeutung von Raum bei Alexander deutlich geworden. Ausgehend von seinen professionellen Interessen als Architekt hat er über 20 Jahre versucht heraus zu finden, warum sich bei bestimmten Konstellationen das Gefühl der Lebendigkeit bei Bauwerken und anderen Artefakten einstellt. Er ist dabei auf 15 Eigenschaften bzw. Strukturmerkmale gestoßen, die seiner Meinung nach für Lebendigkeit verantwortlich sind.

Aus meiner Sicht krankt die ganze Pattern-Diskussion auf eine falsche Übertragung seiner Ideen auf andere Sachgebiete. Statt sich mit seinen inhaltlichen Annahmen auseinanderzusetzen wurde bloß seine Methode übernommen. In seinen weitaus bekannteren früheren Arbeiten wie The Timeless Way of Building" (TWB) und "A Pattern Language: Towns - Buildings - Construktion" (APL) hat Alexander nämlich diese  Eigenschaften damals noch nicht einzeln benennen können, und daher immer nur von QWAN (the Quality Without A Name) gesprochen. Alexander konnte jedoch bereits räumliche Konfigurationen zusammenstellen, die einen hohen Grad von QWAN – also das, was er später "Leben" nannte – enthielten. Diese Konfigurationen bezeichnete er als "Muster" (Pattern) und definierte sie als eine Lösungsschablone, die in einem bestimmten Anwendungszusammenhang bzw. Kontext nutzbringend eingesetzt werden kann.

Each pattern describes a problem which occurs over and over again in our environment, and then describes the core of the soluation to that problem, in such a way that you can use this solution a million times over, without ever doing the same way twice. (APL, x)

Beispiele

In der Darstellung der Muster bediente sich Alexander einer Formalisierung, auf die ich im Detail hier nicht näher eingehe. Einige rudimentär  und vereinfacht dargestellte Beispiele sollen die Idee verdeutlichen:

Beispiel aus der Architektur:

  • Mustername: Stadt-Land Finger
  • Problem: Große Städte ruinieren die Umwelt, aber eine gewisse Größe ist auch wichtig bringt Vorteile.
  • Lösung: Mische Streifen von Ackerland mit Stadtzone bis ins Stadtzentrum hinein.

Beispiel aus dem Webdesign:

  • Mustername: Brotkrumen streuen (Breadcrumbs)
  • Problem: Auf einer komplexen Website können Benutzer/-innen sehr leicht die Orientierung verlieren
  • Lösung: Zeige den hierarchischen Pfad von der Startseite bis zur aktuellen Seite an und führe jeden Schritt als Hyperlink aus.

Beispiel aus der Pädagogik:

  • Mustername: Fülle die Leerstellen aus
  • Problem: Gerade Anfänger/-innen brauchen bedeutungsvolle Beispiele um ihr Interesse zu wecken und um ein holistisches Verständnis von der Sache zu gewinnen. Andererseits fehlt ihnen jedoch gerade zu Beginn das Know-How für diese komplexen Aufgaben.
  • Lösung: Gib den Studierenden komplexe authentische Beispiele bei denen jedoch kleinere einfache Teile fehlen, die als Übung auszufüllen sind.

Diskussion um die Struktur der Beschreibung

So praktisch die obigen Anwendungsbeispiele sein mögen, sie zeigen keinen inhaltlichen sondern nur formale Ähnlichkeiten (Name-Problem-Lösung). Die Diskussion in der Pattern-Community kreist häufig um die Struktur der Beschreibung:

  • Soll noch ein eigener Unterpunkt aufgenommen werden, der die Wechselwirkung der Kräfte darstellt und analysiert? 
  • Soll nicht auch eine Rubrik "Konsequenzen" aufgenommen werden, wo die Ergebnisse samt ihren Trade-Offs und Kompromissen diskutiert werden?
  • Konsensuell und besonders wichtig ist es vor allem, dass Anschlussmuster anzuführen sind, denn erst dann werden aus einzelnen Mustern eine Mustersprache (Pattern Language). 
  • Auch der hierarchische Zusammenhang der Muster soll aufgezeigt werden, indem gesagt wird, aus welchen Muster ein Muster besteht, bzw. in welchen Mustern es selbst als Teil vorkommt.
  • Was ist fett, was kursiv und was normal zu schreiben? Wie sollen die einzelnen Teile abgetrennt werden (mit Strich oder Sternchen)?
  • Viele meinen, dass es wichtig, so wie Alexander es macht, die Muster mit Sterne zu bewerten: 
  • Kein Stern: interessant, aber noch nicht validiert, muss möglicherweise noch beträchtlich verändert werden
  • Ein Stern: scheint wichtig zu sein, und dürfte nur mehr wenig Modifikation erfahren
  • Zwei Sterne: ein zentrales Muster, das sich bereits häufig bewährt hat

Raum und Zeit

Aus meiner Sicht wäre es – statt der manchmal haarspalterischen Diskussion um Beschreibungsformalia – wichtiger, wenn überlegt wird, wie die 15 räumlich definierten Lebenseigenschaften, die Alexander für gute Musterlösungen verantwortlich macht, umgesetzt werden können. Dabei stellt sich dann natürlich auch die Frage, ob diese Eigenschaften überhaupt auf andere Bereiche - wie z.B. der Pädagogik – übertragen werden können.

Aus meiner Sicht handelt es sich bei den nachfolgenden Eigenschaften um Strukturmerkmale der Materie (im philosophischen Sinne hier gebraucht). Um Strukturmerkmale, die so allgemein sind, dass sie nicht nur für Raum sondern auch für Zeit gelten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil wir spätestens nach Einstein wissen, dass wir in einem Raum-Zeitkontinuum leben.

Ich möchte, daher die These vertreten, dass die nachfolgend dargestellten 15 räumlichen Lebenseigenschaften für die Anwendung in der Didaktik zeitlich zu interpretieren sind.

Bei dem Einsatz von Unterrichtsmethoden handelt es sich nicht bloß um die Anwendung bestimmter Techniken, sondern auch um "…einen mehr oder weniger kunstvollen methodischen Gang des Unterrichts, der sich aus der gestellten Lernaufgabe, aus den Lernvoraussetzungen der Schüler und den Rahmenbedingungen der Schule ergibt: viele kleine Schritte, die zusammen ein Ganzes, den Unterricht, ergeben." (Hilbert Meyer: Unterrichtsmethoden, Bd. I, S.38).

Diese Zitat zeigt nicht nur, dass der Unterrichtsprozess eine Zeitdimension hat, sondern auch den Zusammenhang zur Alexanderschen Ganzheitlichkeit. Ich habe den Begriff Didaktischen Szenario gebraucht und auf die dabei wesentliche sozial-räumliche und zeitliche Konfiguration hingewiesen.

Damit möchte ich den ersten Teil dieses Fragments (es ist ja bereits 4 Uhr früh geworden!) abschließen und das nächste Mal in einem Schnellverfahren die 15 räumlich definierten Lebenseigenschaften von Alexander beschreiben und zeitlich uminterpretiert auf die Didaktik anwenden.

Noch ein kleiner Hinweis: Die Erwähnung der Zahl 15 ist nicht entscheidend, 15 stellt nur eine Größenordnung dar.

Throughout my efforts to define these properties, it was always clear that there were not five, and not hundred, but about fifteen of these properties. (TNO:242)

Das trifft sich ganz gut mit meinen 12 didaktischen Dimensionen. Doch das ist eine andere Geschichte - darüber ein anderes Mal…


1Hallo Frank: Da ist sie wieder, Deine Kohärenz!

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Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - II

6 strukturelle Eigenschaften von Leben

Das ist nun die Fortsetzung des Beitrages zu Lebendige Strukturen in Raum und Zeit. Ich möchte zeigen,

  1. dass die von Alexander beschriebenen räumlichen Eigenschaften für Lebendigkeit als strukturelle Aspekte der Ganzheitlichkeit aufzufassen sind und dass daher auf einer Metaebene diese Eigenschaften auch für die Gestaltung (Design) anderen Gebiete anzuwenden sind und
  2. dass es in der Pädagogik, dh. beim didaktischen Design neben den (weniger wichtigen) räumlichen Strukturen vor allem um die Gestaltung inhaltlicher, sozialer und zeitlicher Aspekte des Unterrichtsverlaufes bzw. Lernprozesses geht.

Ursprünglich wollte ich nun hier alle 15 von Alexander angeführten strukturellen Eigenschaften für Leben anführen. Das ist aber für meinen exemplarischen Argumentationsgang gar nicht notwendig. Es geht mir hier vorerst nicht darum, dass ich jede einzelne Eigenschaft analysiere, auf die Didaktik umlege und darauf dann entsprechende Muster generiere.

Ich möchte hier noch nicht mit in einer Sammlung didaktischer Entwurfsmuster beginnen, die vielleicht sogar zu einem Handbuch für die Unterrichtsgestaltung verdichtet werden könnten. (Ich glaube übrigens, dass solch ein Werk nicht isoliert geschrieben werden kann, sondern dass sich hier eine kooperative Vorgangsweise über ein Wiki anbieten würde.)

Nein, ich will hier noch gar nicht inhaltlich überzeugen. Ich verfolge einen viel einfacheren Zweck: Ich möchte zeigen, dass eine Anwendung der Alexanderschen Strukturmomente auf die Didaktik prinzipiell möglich ist.

1. Levels of Scale (Größenverhältnisse variieren)

Darunter versteht Alexander die Beobachtung, dass in Objekten, die auch Zentren unterschiedlicher Größenordnungen bestehen, eher die Lebenseigenschaft aufweisen, als Zentren gleich großer Granularität1. Dabei ist es wichtig, dass es klar definierte Sprünge gibt und dass die Größenverhältnisse weder zu extrem noch zu minimal sein dürfen. Weder strukturiert ein kleiner Punkt in einer großen Leinwand die große Betrachtungsfläche noch wirken viele gleich kleine (oder gleich große) Quadrate/Rechtecke strukturierend oder auflockernd. Gute (lebendige) Strukturen werden durch Größenverhältnisse von 1:2 bis 1:4, seltener bis 1:10 und überhaupt nurmehr in Ausnahmefällen bei 1:20 erzeugt.

Dieses Strukturmerkmal lässt sich leicht in die Didaktik übersetzen: Weder sind lange Vorträge noch ständige Interaktionen für den einen guten Prozessualen Unterrichtsverlauf ideal. Eine systematische Mischung und Variabiltität der unterschiedlichen Unterrichtsformen im Zeitablauf sind sicherlich abwechslungsreicher. Sie lockern auf und bringen einen "lebendigeren" Unterricht mit sich.

Wenn wir z.B. die didaktische Methode des Kugellagers hernehmen, dann kann diese interessante didaktische Gestaltung fürchterlich nervtötend sein, wenn zu viele Stationen, um die sich das Kugellager monoton, im immer gleichen Zeittakt dreht, eingeplant sind.

2. Strong Centers (Starke Zentren)

Obwohl Ganzheitlichkeit generell aus Zentren besteht, wird Lebendigkeit durch starke, d.h. besonders dominante Zentren unterstützt. Sie fokussieren, stellen einen markanten Bezugs- und Ausgangspunkt dar, um den sich andere (kleinere) Zentren bewegen. Bei Alexander sind es dominate, sich wiederholende Ornamente, große Räume, die die Wohnung funktionell strukturieren, oder eine herausragende, hervorgehobene Form (z.b. die Positionierung von St. Marks innerhalb der Piazza San Marco in Venedig.

Sowohl die unterschiedlichen Größenverhältnisse als auch das Konzept der starken Zentren ist rekursiv zu verstehen.

In der Didaktik könnte solch ein starke Zentrum durch eine längerfristige interdisziplinäre Problemstellung gegeben sein (z.b. bei Projekten), durch eine herausragende soziale Form (z.B. Probleme werden in abwechselnd zusammengesetzten Kleingruppen behandelt) oder durch eine zentrale, immer wieder kehrende zeitliche Taktung der Bearbeitungsformen (z.b. Start mit Keynote um anschließend dien Konferenz in parallel geführte Sektionen weiter zu führen.

3. Boundaries (Grenzen)

Es ist wichtig, dass unterschiedliche Räume nicht übergangslos ineinander fließen. Die Abgrenzungen stärken einerseits das Zentrum und helfen andererseits überhaupt erst diese Zentren auch zu bilden. Gleichzeitig stellen die Grenzen auch die Verbindungsnähte der Zentren zueinander dar. Gäbe es keine Grenzen, wäre alles ein amorpher Brei.

Es ist eine eigene Kunst die Grenzen so zu gestalten, dass sie beide Funktionen der Abgrenzung und der Verbindung gleichzeitig erfüllen können. Der Gestaltung der Grenzen ist dementsprechend große Aufmerksamkeit zu schenken, Grenzen sind selbst eigene Zentren. - Und wieder schlägt die Rekursivität zu: Auch Grenzen brauchen Grenzen...

Wir wissen inzwischen, dass die Methodik von Anfangs- und Schlusssequenzen sowie der Pausengestaltung2 von enormer didaktischer Bedeutung für den Lernprozess sind.

4. Alternating Repetition (Alternierende Wiederholung)

Zentren intensivieren sich gegenseitig durch Wiederholung. Allerdings nicht durch bloß einfache Wiederholung der immer gleichen Sache, sondern durch alternativ abwechselnde, rhythmisierende  Wiederholungen. Während Alexander als Beispiele Ornamente, Dachziegeln, Wellen einer Brandung heranzieht, können wir für die Didaktik als Beispiele den Wechsel zwischen Vortrag, Gruppenarbeit und Stillarbeit, oder anderer wechselnder Unterrichtsmethoden heranziehen. Auch der Wechsel zwischen Arbeits- Interaktions- und Relefexionssequenzen wäre ein Beispiel.

Wichtig dabei ist es, dass diese Wiederholungen nicht schematisch und inhaltsleer sind. So wie eine Fassade eines Hochhauses mit komplett gleichen Fenstern tot wirkt, so langweilen auch immer formal wiederkehrende Routinen bzw. rhytmischer Wechsel der auf inhaltlichen Banalitäten beruht.

Why is alternating repetition more satisfying, more prodund, than simple repetition? One answer lies, once again, in the recursivness of the rule… And often even the repetition itself repeats…More exactly, it seems that what is really happening ist not repetition, but oszillation. (170f.)

5. Positive Space (Positiver Leer/Frei-Raum)

Leerraum zwischen Elementen ist für Alexander ein eigenes gestalterisches Element. Dieser Leerraum ist dann als positiv zu sehen, wenn er selbst eine positive Form hat, die die Zentrum hervorhebt und unterstützt, d.h. wenn er selbst ein Zentrum bildet und nicht ein notwendige Überbleibsel, einen unvermeidlichen Rest darstellt.

Typisch in der Didaktik ist der Umgang mit (überraschend entstandenen) Freistunden, die dann mit dem Einwerfen eines Videos "gefüllt" werden. Aber auch der Umgang mit restlicher, übrig gebliebener Unterrichtszeit kann häufig in der Alltagspraxis des Schulunterrichts nicht positiv genutzt werden (z.B. durch Bewegungsübungen (PDF, 2,3 MB)

6. Good Shape (Gute Gestalt)

What ist a "good shape"? What is it made of? It is easiest to understand good shape as a recursive role. The recursive role says that the elements of any good shape are always good shape themselves… A good shape is a center which is mande of powerfuk intense centers, which have good shape themselves." (279 und 181)

Eine gute Getaltung wird durch einfache Formen erzeugt und es ist wichtig zu verstehen, dass die Gestalt kein eigenes Element darstellt, sondern eine emergente Eigenschaft der Konfiguration darstellt, d.h. der Ganzheitlichkeit selbst erwächst.

mhhh. Ich glaube, dass es auch in den Unterrichtsmethoden, in der didaktischen Gestaltung so etwas wie eine "gute Gestalt" gibt. Ich tue mir jedoch jetzt schwer hier konsensfähige Beispiele zu bringen, die einerseits nicht trivial sind (Einleitung - Hauptteil - Schluss) oder durch ihren metaphorischen Charakter sich gegen eine direkte Anwendung sperren. Solche – aus meiner Sicht nicht gerade immer glückliche – Modellvorstellungen sind beispielsweise (vgl.  Hilbert Meyer: Unterrichtsmethoden II: Praxisband, S.105f.):

  • Das Bild der Straße: Lernende maschieren – begleitet vom Lehrer/der Lehrerin – auf einer Straße vom Start bis zum vorgegebenen Ziel. Die Lehrperson führt die Wanderung an, räumt Hindernisse aus dem Weg, spricht Mut bei einer Steigung zu etc. etc.
  • Das Bild der Treppe: Lernende steigen eine Treppe hoch. Lehrpersonen sorgen dafür, dass die Stufenfolgen gleich hoch sind, korrekt hintereinander kommen, keine Lernenden stolpern oder abstürzen etc. etc.
  • Das Bild ineinander geschachtelter Kartons: Der Bildungsprozess wird als ineinander verschachtelte Schrittfolge vorgestellt und nimmt die Gestalt eines hierarchisch strukturierten Prozesses an. Jede höhere Ebene erfordert die Berherrschung der unteren Ebene, setzt die Aneignung von Komptenzen auf einer niedrigeren Stufe voraus.
  • Das Bild von unterschiedlichen und getrennten Plattformen: Lernende verweilen bei bestimmten Themen und eigenen sich alles, was damit rundherum in Verbindung steht, an. Danach springen sie nur nächsten Plattform. Sowohl der Sprung als auch die Freiräume (Mut zur Lücke) muss ebenfalls gestaltet werden.
  • Das Bild von Vertiefung und Besinnung: Unterricht wird hier wie Ein- und Ausatmen als eine rhythmische Aktivität, d.h. bewusst herbeigeführter Wechsel von aufnehmenden, vertiefenden und refelektierenden Phasen interpetiert.
  • Das Bild der Spirale: Der Lernprozess wird als Kreisprozess verstanden, der sich von der Aneignung, über die Vertiefung bis zur Anwendung entwickelt um dann auf einer höheren Ebene (höheren Schwierigkeitsgrad etc.) die nächste Runde zu beginnen.
  • Das Bild der Pflanze: Der Bildungsprozess wird in Analogie zu einer sich schrittweise aus sich selbst entwickelnden Pflanze interpretiert.

Zusammenfassung

Wenn auch manche Vorstellungen trivial oder auch kritisch zu hinterfragen sind, so zeigen diese Beispiele doch, dass die von Alexander aufgegriffenen räumlichen Strukturelemente unabhängig und in übertragener Form bereits seit langer Zeit auch in der Didaktik angewendet werden. Allerdings wird aus meiner Sicht – zum Unterschied von Alexander – der Fehler gemacht, dass eine allgemeingültige lerntheoretische Begründung eines dieser Strukturmomente gesucht wird. Das Novum und die Kunst der (didaktischen) Gestaltung, die wir von Alexander lernen, besteht gerade die verschiedenen Strukturmerkmale so miteinander zu sich gegenseitig unterstützende Zentren zu kombinieren, dass Ganzheitlichkeit entsteht. Oder umgekehrt: Eine Ganzheitlich zu konzipieren, aus deren "Feldstärke" die angeführten Zentren induziert werden, dh. emergieren.

Es ist vielleicht noch wichtig hier festzuhalten, dass der aus meiner Sicht gelungene Nachweise, dass die Alexanderschen Strukturmerkmale übertragen werden können, noch nicht unbedingt heißt, dass damit auch ein sinnvoller Fortschritt in der pädagogisch/didaktischen Theorie und Praxis verbunden ist. Die von mir oben angeführten didaktischen Beispiele wurden schnell innerhalb eines sonntäglichen Nachmittags generiert und sind sehr allgemein und zum Teil trivial. Ich wollte nicht mit den Inhalten, sondern mit der Transferleistung überzeugen.

Außerdem muss ich zugeben, dass ich diese Übertragung nicht nur vorerst sehr oberflächlich vorgenommen, sondern dass ich erst 250 Seiten des 1. Bandes The Nature of Order (das ist etwa die Hälfte des 1. Bandes) gelesen haben. Band 2-4 stehen noch völlig ungelesen in meinem Regal! Bevor ich hier also mehr eine solide Analyse und Anwendung vornehmen kann, muss ich wohl noch eine Reihe weitere Lesesequenzen einlegen.




1 Der Begriff der Granularität wurde hier von absichtlich ins Spiel gebracht, weil er innerhalb des E-Learning bzw. vor allem in der Produktion von Lernobjekten, eine Bedeutung hat. Unter Granularität (Körnigkeit) verstehe ich die typische systemweite Größenordnung, die ein (Lern-)Objekt vorzugsweise haben soll. Mit "Systemweit" kann auch eine einzelne Schicht (Niveau, Level) innerhalb eine hierarchischen strukturierten System gemeint sein.

2 Altrichter Herbert: Pausen - Eine hochschuldidaktische "Entdeckung". In: Zeitschrift für Hochschuldidaktik 8(1984)4, S. 527-538. 


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Re:Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - II

Kommentar von chrisimweb am 07.04.2009 02:32

Lieber Peter,

ich bin im Wesentlichen Deiner Meinung. Viel spannender für den Gedankenaustausch ist aber natürlich, wo ich eine andere Auffassung habe. Denn beim Suchen nach Argumenten wird mir selbst vieles erst klar. Daher möchte ich in diesem Kommentar auch wieder eine etwas andere Position einnehmen.

Ich denke, dass wir es hier mit zwei grundsätzlich verschiedenen Analyseebenen zu tun haben, die komplementär zueinander sind, aber unterschiedliche Fragestellungen aufwerfen.

Zum einen gibt es die Muster, die erfolgreiche, wohlgeformte, ganzheitliche Lösungsformen erfassen und begründen. Aus praktischer Sicht kann dies bereits genug sein, ohne dass man sich mit fundamentalen Eigenschaften auseinander setzt. Die Begründung liefert Alexander selbst, nämlich dass die sich ergebende Lebendigkeit als Gefühl wahrgenommen werden kann. Ein erfahrener Gestalter kann urteilen, ob sich etwas richtig anfühlt („it just feels right“). Ein guter Lehrer kann guten Unterricht gestalten, ohne über allgemeine fundamentale Eigenschaften zu reflektieren. Vielleicht hat er aus der Erfahrung heraus implizit gute Formen des Unterrichts entwickelt. Aus Alexanders Sicht besitzen diese Formen (=Muster) eine Qualität ohne Namen (=Lebendigkeit), deren Grad objektiv bestimmbar ist, also nicht von individuellen Meinungen oder Werthaltungen abhängt. Ob diese Objektivierbarkeit nun zutrifft oder nicht ist noch eine andere Frage. Aber nehmen wir einmal an, wir haben einen Lehrer, der tatsächlich objektiv betrachtet guten Unterricht gibt. Dann ist es das Ziel eines Entwurfsmusters, diese erfolgreiche Form anderen Lehrern zugänglich zu machen. Wenn also die „Methode des Kugellagers“ sich als eine erfolgreiche Unterrichtsform entwickelt bzw. herauskristallisiert hat („the form has emerged“ ), so geht es auf praktischer Ebene darum, diese wiederkehrende Form – das Muster – zu vermitteln. Für den richtigen Einsatz ist es zudem hilfreich zu verstehen, wann die Methode angemessen ist (Kontext) und um ihre Wirkweise zu verstehen (und flexibel anzupassen) erfolgt eine Erörterung der Wirkkräfte (Forces) des Kontexts.

All dies kann ohne die höhere Analyseebene der fundamentalen Lebenseigenschaften geschehen. Begründung: Dieses Gefühl der Lebendigkeit ist gerade eine emergente Qualität und stellt sich – wenn es sich einstellt – von alleine ein. Ich muss nur die Form kennen und wissen, wie ich diese umsetzen bzw. generieren kann. Die Kernfrage in der Pattern Community drehen sich daher darum, wie sich dieses Wissen gut vermitteln lässt, daher die Diskussion um Beschreibungsformate (sollen Konsequenzen genannt werden, sollen Forces einzeln aufgeführt werden usw.). Die Beschreibungsform ist substanziell bei der Vermittlung der Muster. Allerdings ist dies nur ein Nebenschauplatz, im Kern geht es natürlich um die guten, wohlgeformten Muster an sich. Diese Qualität oder Lebendigkeit ergibt sich aber aus der Lösungsform selbst, sie ist – im Gegensatz zu den Forces – offensichtlich, d.h. beobachtbar.

Vielleicht eine etwas hinkende Analogie: Wenn ich wissen möchte, wie ich einen Tee zubereite, dann muss ich nur wissen, dass ich irgendwie Wasser zum Kochen bringe. Das Kochen des Wassers ist auch ein emergentes Phänomen und ergibt sich aus einer bestimmten Bewegungskonfiguration der Moleküle. Doch über diese Eigenschaften muss ich beim Kochen des Tees nichts wissen. Das macht die die Wirkkräfte auf molekularer Ebene natürlich nicht weniger spannend, aber in der Praxis sind sie nicht für denjenigen interessant, der mit etablierten Methoden Tee kochen möchte, sondern nur für denjenigen, der bessere Methoden finden möchte, um Wasser zum Kochen zu bringen.

Das Wissen über fundamentalere Eigenschaften von Lösungsformen ist also vor allem dann relevant wenn man neue Formen (er)finden oder bestehende Formen verbessern will.

Aus genau diesen Grund, denke ich, spielten sie – bislang – keine größere Rolle im Bereich der Software Patterns. Zu den Grundsätzen der Software Pattern Community gehört es nämlich, Muster aus real existieren Strukturen abzuleiten („We seek to capture long-proven ideas in patterns.“ – James Coplien in„Software Patterns“; Es gibt einen „Aggressive Disregard for Originality“ – Brian Foote. Diese Verbundenheit zum „real stuff“ geht soweit, dass leider übersehen wird, dass die Abstraktion über die Einzellösungen natürlich etwas neues (originäres) ist: die Klasse der Katzen ist etwas anderes als die Menge aller Katzen).

Worauf ich hinaus will ist, dass bei oberflächlicher Betrachtung – und diesen Schuh muss sich die Pattern Community wohl teils anziehen – die fundamentalen Eigenschaften keine Rolle spielen, da sie implizit in erprobten Lösungsformen vorhanden sind. Und hier ist ein wesentlicher Unterschied der Software Pattern Community zu Alexander zu sehen, der eben auch vollkommen neue, bessere Formsprachen entwickeln möchte. Ich denke, dass die Ideen der schrittweisen Lösungsoptimierung („piecemeal growth“) z.B. im agilen Design und die strukturerhaltenden Transformationen („structure-preserving transformations“) z.B. im Refactoring von der Software Community aufgegriffen worden sind. Dabei werden bekannte Muster der jeweiligen Situation angepasst und es entstehen in einem evolutionären Prozess neue Muster: Lösungen, die besser oder in einer sich ändernden Umwelt adäquater sind.

Und die zentrale Frage, die sich mir nun stellt, ist, ob beim Anpassen bestehender und beim Entwickeln gänzlich neuer Lösungen die fundamentalen Lebenseigenschaften eine Rolle spielen sollten?

Wenn es nur diese fundamentalen Eigenschaften (ob 15 oder 16 ist egal) gibt und diese Eigenschaften stets die Lebendigkeit erhöhen, dann lautet die Antwort: ja.

Ich bin da aber sehr skeptisch aus folgenden Gründen:
- Angesichts der Tatsache, dass Alexander bei Wholeness (=Quality without a name) regelmäßig auf die Gestaltpsychologie hinweist, bin ich verwundert, dass er willkürlich einzelne Gestaltgesetze herausgreift (z.B. Symmetrie oder das der guten Gestalt, welches ich als Gestalt-Gesetz der Prägnanz auffasse). Was ist mit anderen Gesetzen, die im Sinne der Gestalttheorie dazu beitragen Gestalten zu erkennen, d.h. Figuren vom Hintergrund zu trennen. Was ist mit anderen ästhetischen Regeln, z.B. der Goldene Schnitt?
- Mir scheinen die 15 Eigenschaften (ähnlich wie bei der Gestalttheorie) auf verschiedenen Ebenen zu liegen: einzelne Eigenschaften tragen dazu bei andere zu etablieren. Die Eigenschaften haben also unterschiedliche Qualitäten, die bei Alexander nicht erörtert sind.
- Was ist mit Eigenschaften wie Affordance, Lautstärke, gute Fortsetzung, Geschwindigkeit, Weichheit, Konvexität, Vertrautheit, fraktale Struktur, Harmonie, Überraschung, Sicherheit, Glanz, Aufsplittung? Warum sind dies keine Lebenseigenschaften? Mir fallen zu schnell interessante Analyseeigenschaften ein, die ihren positiven oder negativen Beitrag zur Lebendigkeit haben.
- Die Eigenschaften fördern nicht immer die Lebendigkeit. Nicht jede symmetrische Form ist lebendig. Manchmal erscheinen gerade Asymmetrien lebendig: der plötzliche Paukenschlag in einer Symphonie. In Vorträgen habe ich ein asymmetrisches Verhältnis zwischen dem Vortragenden und den Zuhörern; in Büchern gibt es eine Asymmetrie zwischen Autoren und Lesern. Eine unmoderierte Gruppe ist dagegen symmetrisch; ob die Diskussion lebendig wird ist aber keineswegs garantiert. Oft benötigt man einen Redeführer (eine Asymmetrie entsteht) für ein gutes Gelingen.
- Ich bin von der empirischen Methode, mit der die Grade an Lebendigkeit gemessen werden, nicht überzeugt (siehe unten).

Mein Punkt ist:
Natürlich sind es strukturelle Formeigenschaften, die die Qualität einer Gestalt ausmachen. Und es ist auch gut für einen Bereich die Eigenschaftsklassen zu benennen. Hier hat Alexander sicherlich für den Bereich der Architektur gute Eigenschaften definiert. Ich denke auch, dass einige – aber nicht alle – der Eigenschaften sich auf andere Gebiete übertragen lassen. Ich fand Deine Argumente für die Didaktik überzeugend. Für User Interface Patterns haben Schümmer & Lukosch (Patterns for Computer-Mediated Interaction) dies getan, für Software Patterns hat Rebecca Wirfs-Brock dies in ihrer Keynote auf der OOPSLA 08 getan (unter http://www.infoq.com/presentations/What-Drives-Design-Rebecca-Wirfs-Brock , interessant wird es ab Zeitpunkt 1:02:30 zum Ende der Rede).

Ich denke nur, dass nicht jede der Eigenschaften stets zur Förderung der Lebendigkeit führt. Ich interpretiere Formeigenschaften als Wirkkräfte der Lösung. Sie generieren Werte oder Qualitäten, indem sie die Wirkkräfte des Kontexts ausbalancieren. Ästhetik und Funktionalität ergeben sich aus der Form und somit aus den Formeigenschaften. Die Beurteilung ergibt sich aber nicht allein aus der Formation sondern immer auch aus dem Kontext. Daher denke ich, dass jede Eigenschaft – ob nun eine von 14, 15, 16 oder 50 – stets einen unterschiedlichen Effekt hat.

Nachdem ich so argumentiert habe, wird mir auch klar, dass meine Kritik an Alexander sich eigentlich auf zwei wesentliche Punkte reduziert:

1. Ich bin von den 15 Eigenschaften nicht überzeugt. Sicherlich hat jede einzelne seiner Eigenschaften eine Auswirkung auf die Lebendigkeit, da bin ich sofort dabei. Ich bin nur nicht überzeugt, dass das Vorhandensein einer der Eigenschaften immer die Lebendigkeit erhöht. Fördert eine „Grenze“ z.B. immer die Lebendigkeit? Oder ist „Grenze“ nicht in vielen Fällen eine neutrale Eigenschaft, manchmal nur die Konsequenz anderer Eigenschaften, und in manchen Fällen vielleicht sogar eine negative Erscheinung? Je nach Designdomäne scheinen mir andere Eigenschaften relevanter. Vermutlich lassen sich für jedes Designgebiet Eigenschaften nennen, die relevanter sind als andere. Und vielleicht haben diese Eigenschaften sogar eine Tendenz ein Design zu verbessern. Die Frage ist also: erhöht Symmetrie stets die Lebendigkeit oder müssen wir nur besonderes Augenmerk auf die Symmetrie werfen, da sie die Qualität besonders intensiv in irgendeiner Weise beeinflusst.

2. Ich glaube nicht an eine objektive Eigenschaft der Lebendigkeit. Vielmehr sehe ich das Individuum als Teil des Kontexts und der Kontext hat im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung immer Einfluss auf die Lebendigkeit. Der Grad der Lebendigkeit ergibt sich also nicht nur aus dem Objekt sondern auch aus dem Subjekt. Es existiert eine Wechselwirkung zwischen Form und Betrachter. Sicherlich gibt es Strukturen, die von vielen in hoher Übereinstimmung als lebendig angesehen werden. Doch diese Übereinstimmung sagt nichts über den tatsächlichen Grad der empfundenen Lebendigkeit aus noch darüber, dass grundsätzlich so ein hoher Übereinstimmungsgrad vorliegt. Es gibt auch Strukturen, wo sich Betrachter sehr uneinig sein können über die Lebendigkeit. Ein gutes Beispiel sind Musikstücke. Vielleicht wird man für einen seichten Hit eine große experimentelle Übereinstimmung haben, dass es ein nettes Stück ist – lebendiger als der Lärm von Autos. Vielleicht sagen 95%, dass dieses Stück lebendiger ist als Autolärm. Ist dies ein Hinweis auf eine generelle Objektivität der Lebendigkeit? Nein, es sagt nur aus, dass es sich um ein Stück handelt, bei dem sich die Hörer eher einig sind, dass es immerhin erträglicher ist als Autolärm. Es gibt also tatsächlich Fälle, wo objektivere Urteile möglich sind: das Urteil hängt weniger von den befragten Subjekten sondern eher von den (verglichenen) Objekten ab. Doch diese Objektivität findet sich nicht für alle Objekte wieder. Nehmen wir etwa ein sehr lautes Heavy-Metall-Stück, dann geben vielleicht 70% der Teilnehmer an, dieses Stück sei tot oder nicht lebendig. Aber 10% finden das Stück sehr lebhaft. Dies scheint mir plausibel, wenn man bedenkt, dass einige bei lauter Musik richtig aufblühen und andere nur den Kopf schütteln. Ein hohes Maß der Übereinstimmung sagt als nur etwas über den Grad der Objektivität, nicht aber über den Grad der Lebendigkeit aus. Und ich habe Zweifel, dass ein hoher Grad der Objektivität für die Mehrheit der Formen dieser Welt gefunden werden kann.

Ich denke, dass Software Patterns manchmal den Vorteil haben, objektiver zu sein in dem Sinne, dass eine größere Übereinstimmung über den Nutzen und die Eleganz einer Lösung besteht. Dies liegt aber eher, dass sich bei Softwareentwickler gewisse Konventionen durchgesetzt haben. Im Grunde gibt es im Software-Design so etwas wie Eigenschaften der Lebendigkeit: das sind Wartbarkeit, Anpassbarkeit, Effizienz, Lesbarkeit, Robustheit usw.

Damit möchte ich meinen als kurz geplanten ;-) Kommentar erstmal beenden.

Beste Grüße,
Christian

Re:Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - II

Kommentar von baumgartner am 09.04.2009 16:37

Lieber Christian,

ich antworte direkt als Kommentar - und nicht über einen Eintrag im Weblog. Einerseits weil ich denke, dass der Eintrag kurz wird, andererseits weil ich das Gefühl habe, dass zwischen Weblogeintrag und Kommentar ein schiefes (Macht?)-Verhältnis besteht.

Dein Eintrag klärt für mich Vieles und zeigt, dass wir tatsächlich nicht sehr weit auseinander sind. Besonders wichtig fand ich das Auseinander dividieren von (a) Muster als Produkte bzw. "Rezepte", die angewendet werden können und damit die Frage "Was sind 'gute' Muster?" und (b) Wie komme ich zu 'guten' Mustern?, "Was sind essentielle Eigenschaften/Strukturen von 'guten' Mustern?

Ausgehend von der Frage (b) finde ich es wichtig, dass wir uns intensiv mit den Lebenseigenschaften bei Alexander beschäftigen müssen, weil sie aus seiner Sicht die Gründe für "gute" Muster sind. Aber natürlich bin auch ich (noch?) nicht von den 15 Lebenseigenschaften überzeugt. Ich sage vorerst nur, dass die Diskussion darüber geführt werden soll, und dass dies bisher vernachlässigt wurde. Daher stimme ich also mit Deinem Punkt 1 völlig überein.

Was Deinen zweiten Punkt betrifft, gestaltet sich mein Kommentar komplizierter: Ob es so etwas wie eine objektive Lebenseigenschaft (oder wie wir diese "Quality without a Name" auch immer nennen wollen) gibt, ist eine empirische Fragestellung. Ich neige hier eher zu einem Ja, aber das ist derzeit eher ein Bauchgefühl. Aus meiner Sicht aber wäre gerade das die interessante forschungsleitende Fragestellung, die es weiter zu verfolgen gibt. Und dazu könnten ja mal die 15 Vermutungen von Alexander einen ersten empirischen Anhaltspunkt geben. – Gerade diese Auseinandersetzung wird aber weder theoretisch noch empirisch geführt.

Zu Deinem Argument, dass "Lebendigkeit" kein objektives Merkmal sein kann, weil "das Individuum als Teil des Kontexts und der Kontext … im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung immer Einfluss auf die Lebendigkeit [hat], möchte ich anmerken:

A) Auch das Individuum ist ein objektiver Bestandteil der Situation. Und
B) Warum soll die evolutionäre Entwicklung des Homo Sapiens nicht zu objektiven Eigenschaften der Gattung geführt haben? Warum ist es nicht vorstellbar, dass wir – wie dies z.B. bei der Entwicklung der Hand der Fall ist (siehe Literaturhinweise am Ende dieses Beitrages, ich beschäftige mich – nicht zufälligerweise gerade damit –) – Hirnstrukturen entwickelt haben, die in ähnlichen Situationen ähnliche Gefühle evozieren?

Das ist - wie gesagt - eine empirisch Frage, die möglicherweise (ich weiß dazu zu wenig) vielleicht sogar in einzelnen Aspekten nicht nur untersucht, sondern durchaus bereits in meinem Sinne entschieden wurde. (So zumindest interpretiere ich einige Aspekte bei Barry Schwartz "The Paradox of Choice" aber vor allem die berichtete Ergebnisse bei Daniel Gilbert "Stumbling on Happiness".)

Auch Dein Argument der Wechselwirkung zwischen Form und Betrachter sticht aus meiner Sicht nicht: Auch Wechselwirkungen sind objektive Strukturen, die sich messen lassen.

Aber wie gesagt: Ich halte das mit der objektiven Lebenseigenschaft - oder wie diese emergente Qualitätsempfinden benennen wollen – noch nicht für entschieden. Gerade deshalb sollte zumindest ein Teil der Community den Fokus der Diskussion darauf legen - und sich nicht nur immer Gedanken "bloß" zur Vermittlung von Patterns zu machen.

Noch ein Wort zu der von Dir angesprochenen Vermittlungsfrage von Pattern. Auch das halte ich natürlich für eine sehr wichtige und hoch interessante Frage. Aus meiner Sicht spielt dabei die ganze Diskussion über "Implizites Wissen" und die Rolle des Erkenntnisvorgangs eine Rolle - und da bin ich dann wieder bei Polanyi ;-) - [Hier empfehle ich in amazon.de und amazon.com einmal nach "Michael Polanyi" zu suchen, weil dann auch eine ganze Reihe neuerer Bücher zum Thema gefunden wird. Die Polanyi-Rezeption erlebt in den letzten 10 Jahren ein Revival!]

Wenn es aber um Vermittlungsformen ganzheitlicher Muster (Gestalten) geht, warum werden dann aber nicht z.B. die Arbeiten von Susanne Langer (siehe unten), Nelso Goodman und andere einbezogen? Die ganze Diskussion (ob Unterstrich oder nicht, fett oder kursiv etc.) ist doch eher peinlich und entbehrt jeglicher theoretischer und solider empirischer Grundlage.

Es gibt noch viele weitere interessante Aspekte und Gedanken, in Deiner Antwort, die es wert sind, weiter verfolgt zu werden. Aber ich höre hier mal auf. Vielleicht haben wir Gelegenheit bei unserer kommenden Forschungswerkstatt auf einige dieser Punkte näher einzugehen. Kurz ist diese Antwort ja ohnehin auch nicht gerade geworden ;-)

********************************************
Erwähnte Literatur:

Gilbert, Daniel. 2007. Stumbling on Happiness. Reprint. Vintage Books USA.
Goodman, Nelson. 1988a. Ways of Worldmaking. New edition. Hackett Publishing.
---. 1988b. Languages of Art: An Approach to a Theory of Symbols. 2. Aufl. Hackett Publishing Co, Inc.
bzw in Deutsch:
---. 2004. Weisen der Welterzeugung. 1. Aufl. Suhrkamp.
---. 2007. Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie. 5. Aufl. Suhrkamp.
Langer, Susanne K. 1953. Feeling and Form. Macmillan Pub Co.
---. 1957. Philosophy in a New Key: Study in the Symbolism of Reason, Rite and Art. 0003. Aufl. Harvard University Press.
---. 1967. Mind: An Essay on Human Feeling: 001. Johns Hopkins University Press.
---. 1974. Mind: An Essay on Human Feeling: 002. New edition. Johns Hopkins Univ Pr.
---. 1984. Mind: An Essay on Human Feeling: 003. New edition. Johns Hopkins Univ Pr.
Schwartz, Barry. 2005. The Paradox of Choice. Why More Is Less. Reprint. Harper Collins USA.

Bevor ich es vergessen: Noch die Literatur zur Hand:
Napier, John. 1993. Hands. Revised. Princeton Univ Pr.
Tallis, Raymond. 2003. The Hand: A Philosophical Inquiry Into Human Being. Edinburgh Univ Pr.
Wehr, Marco und Martin Weinmann. 2005. Die Hand. Werkzeug des Geistes. 1. Aufl. Spektrum Akademischer Verlag.
Wilson, Frank R. 2000. The Hand: How Its Use Shapes the Brain, Language, and Human Culture. Vintage Books. Vintage Books.

Re:Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - II

Kommentar von chrisimweb am 09.04.2009 19:38

Lieber Peter,

vielen Dank für die sehr ausführliche und treffende Antwort! Ich bin voll und ganz Deiner Meinung, dass wir die Diskussion über Eigenschaften des Lebens (oder vielleicht besser der Lebendigkeit) stärker diskutieren müssen. Meine Kritik an Alexander zielt nämlich genau in diese Richtung. Wir müssen die von ihm vorgeschlagenen Lebenseigenschaften nicht einfach hinnehmen sondern diskutieren und hinterfragen. Mir scheinen die Dimension der Lebenseigenschaften zu wichtig – wenn es sie gibt-, als dass ein einzelner Autor wie Alexander sie treffend gefunden haben könnte.

Zur Objektivität: auch ich gehe davon aus, dass die Beziehung zwischen Objekt und Subjekt etwas objektivierbares ist. Alexander behauptet aber, dass bestimmte Eigenschaften alleine im Objekt liegen. Ich dagegen denke, dass bestimmte Eigenschaften nur in Beziehung mit bestimmten Subjekten (oder Objekten) hervortreten. Die Objektivität des Objekts und die Objektivität der Beziehung zwischen Objekt und Subjekt sind zwei verschiedene Sachverhalte. Natürlich ist auch das Subjekt prinzipiell (meiner Ansicht nach) durch einen objektiven - wenn auch einzigartigen - Zustand definiert. Aufgrund der Komplexität lässt sich dieser aber nie vollständig beobachten oder explizieren.

Da wir nicht die Gesamtstruktur des Universums oder auch nur der Welt vollständig erfassen können, müssen wir uns mit Graden der Objektivität zufrieden geben. Dieser Grad drückt aus, wie sehr die Wahrnehmung von Eigenschaften (Funktionalität, Ästhetik, Lebendigkeit) eines Objekt eher vom Objekt selbst oder von anderen Objekten/Subjekten abhängt. Beispiel: Ein Sonnenaufgang wird allgemein als schön empfunden. Die Schönheitseigenschaft hängt also nicht so sehr vom Betrachter ab, sondern ist dem Objekt - dem Sonnenaufgang - eigen. Bei Musikstücken (und vermutlich auch beim Unterricht) dagegen hängt das Wohlgefallen des Stückes nicht mehr alleine vom Objekt (dem Musikstück) sondern auch vom Zuhörer (dem Subjekt) ab. Das objektiv gleich geformte Stück hat unterschiedliche Wirkung auf Subjekte – die Form ist gleich, die In-Formation und daraus resultierende Bedeutung nicht mehr.

Zwar ist diese Wirkung auf Subjekte objektivierbar, aber diese Objektivierung behandelt die Beziehung zwischen Objekt und (Mengen von) Subjekten – nicht das Objekt selbst.

Ich kann vielleicht objektiv sagen: Der Gegenstand des Sonnenaufgangs wird von 98% der Menschheit schön empfunden. Der Gegenstand des Musikstücks M wirkt dagegen auf 20% anregend-lebendig, auf 50% neutral und auf 30% abstoßend. Um also zu urteilen, ob ein Musikstück M anregend ist, muss ich angeben für wen. Die Eigenschaft „anregend“ hängt auch vom Subjekt ab.

Allerdings ist es in dem beschriebenen Fall tatsächlich eine (objektive) Eigenschaft des Musikstücks M, dass es auf 30% anregend wirkt – allein diese Tatsache ist dem Musikstück M eigen. Alexander behauptet aber etwas anderes: ein Gegenstand sei für ALLE Menschen gleich lebendig. Allerdings widerspricht er sich selbst an zwei Stellen:
- Widerspruch 1: Erstens sagt er, dass zum Erkennen der Lebendigkeit ein Training nötig ist. Das bedeutet aber, dass die Wirkung der Lebendigkeit vom Subjekt abhängt. Also gerade nicht vom Objekt alleine.
- Widerspruch 2: Zweitens sagt er an anderer Stelle, dass die Ganzheitlichkeit stets von der jeweiligen Kultur abhängt.

Wenn aber ein Objekt O in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Graden der Lebendigkeit führt heißt dies nichts anderes, dass die Lebendigkeit von Subjekten oder Subjektmengen abhängt. Also muss das Objekt O auch zu unterschiedlichen Graden der Lebendigkeit für jeden Einzelnen führen. Denn jeder Einzelne ist nicht nur Teil eines kulturellen Umfeldes sondern hat auch seine ganz eigene Mikrokultur, d.h. seinen eigenen kultivierten Charakter.

Für mich bedeutet dies: es gibt objektive Grade der Lebendigkeit, aber diese hängen von der jeweiligen Kultur und des jeweiligen Betrachters ab. Es gibt also immer eine Verteilungsfunktion für den Grad der Lebendigkeit. Eine Objekt hat nicht – wie von Alexander behauptet – einen einzigen Lebendigkeitsgrad zwischen 0 und 1. Sondern für den Bereich zwischen 0 und 1 lässt sich eine Verteilungskurve zeichnen:

Lebendigkeitsgrad – Anteil der Subjekte, die den Grad wahrnehmen
0,0-0,2 -- 5%
0,2-0,4 -- 10%
0,4-0,6 -- 10%
0,6-0,8 -- 60%
0,8-1,0 -- 15%

Diese Verteilungsfunktion ist prinzipiell objektiv, d.h. den tatsächlichen Gegenstand sachgerecht repräsentierend. Leider sagt sie – wie alle stochastischen Darstellungen – nichts über den Einzelfall aus. Zudem gibt es Probleme bei der experimentellen Messung, weil bereits der Begriff der Lebendigkeit nicht objektiv ist: misst man das, was wir unter Lebendigkeit verstehen, oder das, was die Teilnehmer unter Lebendigkeit verstehen?

Doch nehmen wir an, wir hätten diese ideale Messung über die Lebendigkeitsverteilung eines Objektes. Dann ergibt sich für die zwei Gegenstände A und B beispielhaft folgendes Problem.

Nehmen wir an, Objekt A wird von 90% der Teilnehmer mit einem Lebendigkeitsgrad von 0,8 bewertet und von den restlichen 10% nur mit einem Grad von 0,2 (die Meinungen gehen manchmal so weit auseinander – z.B. bei Musiksendungen, aber auch nach Vorträgen). Für Alexander wäre dies ein Indiz, dass der Gegenstand sehr lebendig ist – schließlich sagen über 90%, dass sie ihn ziemlich lebendig finden.

Betrachten wir nun Objekt B. Hier sagen 70% der Befragen, dass sie einen Lebendigkeitsgrad von 0,9 verspüren. Nur 30% sind der Meinung, dass der Lebendigkeitsgrad lediglich 0,5 beträgt. Wir haben hier also weniger Übereinstimmung (max. 70%), dafür geht die Tendenz insgesamt in Richtung positives Urteil.

Welcher der beiden Objekte A oder B ist nun wirklich lebendiger? Objekt A, von dem immerhin 90% sagen, dass es lebendig ist? Oder Objekt B von dem nur 70% sagen, dass es lebendig ist, dafür aber sehr intensiv.

Geht man von einer linearen Verteilung der Lebendigkeit aus, könnte man ausrechnen:
Lebendigkeit Objekt A = 90% * 0,8 + 10% * 0,2 = 0,74
Lebendigkeit Objekt B = 70% * 0,9 + 30% * 0,5 = 0,78

Ich bin mir nicht sicher, ob in dieser Rechnung ein Denkfehler liegt – es ist nur eine vorläufige Überlegung -, aber sie zeigt die Problematik. Rechnerisch wäre Objekt B lebendiger, obgleich bei Objekt A viel mehr Betrachter eine Lebendigkeit erleben.

Bei Alexander gibt es eine solche Verteilung bei der Berechnung der Lebendigkeit (bzw. der Wholeness W) gar nicht. Bei ihm gibt es nur einen einzigen Wert objektiver Lebendigkeit, der alleine im Objekt selbst liegt.

Man muss kritisch festhalten, dass sich Alexanders Rechtfertigung für die Existenz einer objektiven Lebendigkeit argumentativ nur auf zwei Quellen stützt:
1. Der Grad der Lebendigkeit lässt sich prinzipiell mathematisch berechnen, aber Alexander weiß auch nicht wie.
2. Experimentell durch Vergleiche zweier Bilder (Objekte)

An der Umsetzung der gewählten experimentellen Methodik lässt sich einiges kritisieren. Zunächst hat Alexander keine echten Paarvergleiche durchgeführt, bei denen Abbildungen in eine Lebendigkeitsreihenfolge gebracht werden. Bei einem echten Paarvergleich hätten mehrere Bilder – nicht nur zwei – eingesetzt werden und jedes Bild hätte mit jedem verglichen werden müssen. Die Ordnung der Lebendigkeit der Bilder hätte dann transitiv sein müssen: Wenn a lebendiger als b und b lebendiger als c ist, dann muss a auch lebendiger als c sein. Bei experimentellen Untersuchungen (mit vollständigen Paarvergleichen) zur Schönheit von Personen kommt aber heraus, dass bei den Urteilen der Versuchspersonen keine Ordnung herauskommt, die diese transitive Eigenschaft hat.

Die Messungen von Alexander sagen damit nichts über die absolute Lebendigkeit, die er belegen möchte, aus, sondern nur etwas über die relative. Wenn Bild b1 lebendiger als b2 ist, folgt daraus nicht das Bild b1 sehr lebendig ist, z.B. wenn beide Bilder sehr unattraktiv (oder tot) sind.

Vor allem lässt sich aus diesen Messungen nicht ableiten, dass es immer zu einheitlichen Beurteilungen der Lebendigkeit kommt. Ich halte nur Schlussfolgerung für zulässig: Es gibt Objekte bei denen sich die Verteilungsfunktion des Lebendigkeitsgrades stärker um einen Punkt konzentriert. Liegen diese Konzentrationspunkte bei Objekt o1 und o2 weit auseinander, dann gibt es statistisch gar keine andere Möglichkeit, als dass es eine hohe Übereinstimmung bei den Teilnehmern bei der Beurteilung der Objekte gibt.

Doch was passiert, wenn die Objekte keine solchen Konzentrationspunkte haben oder diese eng beieinander liegen? Ich denke, ich werde für die Forschungswerkstatt ein paar Visualisierungen vorbereiten, um meine Argumentation zu veranschaulichen.

So, eigentlich hatte ich auch nur noch einen kurzen Dreizeiler kurz vor Ostern geplant...aber das Pattern-Thema treibt mich wirklich um :-)

Beste Grüße,
Christian

Re:Lebendige Strukturen in Raum und Zeit - II

Kommentar von baumgartner am 13.04.2009 18:47

Lieber Christian,

Das soll jetzt wirklich nur ein 5-Zeiler werden!

In der Tat ist Alexander bezüglich der wissenschafts-/erkenntnistheoretischen Implikationen unklar und widersprüchlich und gehört noch genauer analysiert bzw. kritisert. Ich glaube aber, dass was er sagen will, ist Folgendes:

Die (objektive) Wertung der Lebendigkeit eines (externen) Objekts oder Handlung wird durch die von ihm induzierte (subjektiv) empfundene Lebendigkeit des "Beobachters" gemessen bzw. beurteilt. Diese Objekt-Subjektinduzierung ist zwar objektivierbar muss aber trainiert werden.

LG, Peter

Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Je tiefer ich mich in das 4-bändige Hauptwerk "The Nature of Order" von Christopher Alexander hineinlese, desto klarer wird es für mich, dass die Sichtweise der Pattern-Community zumindest ungenügend, wenn nicht gar falsch ist. Obwohl ich erst bei der Mitte des 2. Bandes angelangt bin, kristallisieren sich einige neue (Kritik-)Punkte zur Rezeption des Patternansatzes heraus.

1. Radikales Verständnis von Emergenz

Der erste Punkt betrifft gleich mein eigenes Verständnis von Emergenz, das – zumindest soweit es Christopher Alexander betrifft - falsch ist. In meinem Weblogeintrag Muster als emergentes Phänomen habe ich geschrieben:

Emergenz und Muster: Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen sehe ich - vereinfacht gesagt - darin, dass die Elemente der "unteren" Ebene auf der "oberen" Ebene ein Muster bilden. Diese (neue) Organisationsform auf der höheren Ebene ist es, die für das Entstehen neuer Eigenschaften, Funktionen etc, also das was dann als emergentes Phänomen bezeichnet wird, verantwortlich ist.

Im Anhang zum 1. Band von "The Nature of Order" – den ich damals noch nicht gelesen habe <grin> – weit Alexander darauf hin, dass die von mir beschriebene Form von Emergenz noch nichts Besonderes ist und durchaus mit einem mechanistischen Weltverständnis vereinbar ist:

It is commonplace that a system as a whole has properties which are caused by cooperation of elements. It is also commonplace that the behavior of the system as a whole my therefore be new or unexpected … In the mechanistic view of things, the cooperation of different elements can produce new measures in the whole. However, the individual measures of the individual elements are always defined locally, not globally, and remein unchanged as the elements into combinations. (I, 459)

Das Entscheidende aber in der Sichtweise von Alexander ist es,

  • dass seine Lebendigkeitszentren immer von der Gesamtheit abhängen,
  • dass sie keine lokale sondern eine globale Eigenschaft sind, 
  • dass sie durch eine rekursive Funktion definiert werden,
  • dass sie selbst-referentiell sind.

2. Zusammenhang zwischen Muster und Lebendigkeitszentren

In meiner Diskussion mit Christian Kohls hebe ich immer wieder hervor, dass für das Verständnis des Musteransatzes von Alexander ganz entscheidend ist seine 15 Strukturen der Lebendigkeit einzubeziehen.Christian hingegen meint:

Zum einen gibt es die Muster, die erfolgreiche, wohlgeformte, ganzheitliche Lösungsformen erfassen und begründen. Aus praktischer Sicht kann dies bereits genug sein, ohne dass man sich mit fundamentalen Eigenschaften auseinander setzt. (Aus seinem Kommentar zu meinem Eintrag Lebendige Strukturen in Raum und Zeit II.)

Inzwischen halte ich diese Auffassung für falsch und für das Grundübel der reduzierten Sichtweise innerhalb der Pattern-Community. Es sind nämlich diese 15 Eigenschaften, die Lebendigkeitszentren hervorbringen. Nicht nur das: Diese 15 Eigenschaften stellen nicht nur statische Strukturmerkmale dar, sondern sind auch der Weg, wie sie – über strukturerhaltende Transformationen – Schritt für Schritt erzeugt werden!

Ständig werden Muster im Sinne von Alexander nur als Lösungsschablonen – also statisch - gesehen:

Patterns (dt. Muster) sind ein systematischer Weg, erprobte Lösungsformen für wiederkehrende Problemstellungen zu dokumentieren und klassifizieren. Die Grundlage hierfür sind stets Erfahrungen aus der Praxis.

Ein didaktisches Muster erfasst die Regelmäßigkeiten erfolgreicher Praktiken (good/best practices) mit der Zielsetzung, erprobte Methoden, Szenarien, Aufbereitungstechniken wiederzuverwenden und auf neue Gestaltungsaufgaben zu übertragen. Im Wesentlichen geht es also darum, das Rad nicht neu zu erfinden, sondern auf Bewährtes zurückzugreifen.(Aus http://www.e-teaching.org/didaktik/konzeption/entwurfsmuster)

Nach Alexander sind Muster jedoch eine generische Regel zur schrittweisen Entfaltung von Lebendigkeitszentren. Das ist ein himmelhaushoher Unterschied zur obigen Definition. Im Band II gibt es ein eigenes Kapitel, wo das Verhältnis der 15 Eigenschaften zu der früheren Pattern Language dargelegt werden (Patterns: Generic Rules for Making Centers, pp.342). So heißt es dort unter anderem:

… every new pattern defined under the theory of pattern languages is a rule for creating a certain type of (new) living center, needed and appropriate in a given range of contexts. (p.345)

Tstsächlich hat Alexander seine Muster durch jahrzehntelange Erfahrungen gebildet. Aber darin drückt sich bloß aus, dass er im Zuge seiner Studien erst 20 Jahre später klar erkannte, dass sich in allen diesen Mustern die von ihm in The Nature of Order dargelegten (statischen) Strukturmerkmale und (dynamischen) Transformationsprozesse wieder finden. Ohne eine ausführliche Diskussion über Inhalt und Anwendung dieser Regeln (für verschiedene Fachgebiete) bleibt das Entwickeln von Mustern ein blindes Stochern nach einer Nadel in einem Heuhaufen!

(wird fortgesetzt)

Die URL für den Trackback dieses Eintrags lautet:
http://peter.baumgartner.name/weblog/pattern-strukturerhaltende-transformationen/tbping

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von chrisimweb am 20.04.2009 17:55

Lieber Peter,

heute nur ganz kurz - ich denke ich muss mal in Ruhe und ausführlich die (nach meiner Einschätzung) zentralen Punkte von Nature of Order herausarbeiten, das schaffe ich nicht auf die Schnelle. Wichtig wäre ja auch zu betrachten, welche der zentralen Ideen bereits in vorhergehenden Werken Aelxanders aufgetaucht sind, also gar nicht neu sind und inhaltlich bereits auf Basis früherer Bücher in der Pattern Community diskutiert worden sind.

Ich denke, dass die ganzheitliche Sicht bei den meisten Pattern-Autoren, die ich kenne, vorhanden ist. Dies gelingt freilich nicht immer, aber Values, Wholeness und Quality Without A Name sind schon zentrale Punkte, die oft im Schreibprozess und in Writer's Workshops zur Sprache kommen. Wenn man im Software-Design nicht ganzheitliche Kohärenz hat, dann merkt man es sofort: das Programm stürzt ab, hängt sich auf oder kann an neue Anforderungen nicht angepasst werden.

Noch eine kurze Anmerkung zu der Definition bei e-teaching.org. Es heißt gleich im nächsten Absatz:
"Diese Definition bezieht sich auf wiederkehrende Formen in der Welt. Als Teil einer Terminologie ist mit einem Muster dagegen nicht nur die bezeichnete Form, sondern auch eine instruierende Gestaltungsregel gemeint: Ein Muster bezeichnet nicht nur eine Form, sondern beschreibt auch, wie man diese Form erstellt, umsetzt und verwendet."

Das Dokumentieren von Regelmäßigkeiten erfolgreicher Praktiken als Muster bezieht sich auf eine weitere zentrale Definition Alexanders: "Each pattern describes a problem which occurs over and over again in our environment, and then describes the core of the soluation to that problem, in such a way that you can use this solution a million times over, without ever doing the same way twice. (APL, x)"

Was unter Lösung zu verstehen ist, variert bei Alexander von "Form und Funktion" (Notes on the synthesis of form) und Form und (wiederkehrendem) Erstellungsplan als Teil der Lösung ("ein Muster ist sowohl Form als auch ein Plan, diese Form zu erstellen", Timeless Way of Building).

Daraus haben wir bei e-teaching.org die Zusammenfassung "Ein Muster bezeichnet nicht nur eine Form, sondern beschreibt auch, wie man diese Form erstellt, umsetzt und verwendet." gemacht.

Ich denke, es ist auch noch einmal wichtig zu betonen, dass "Nature of Order" eine allgemeine strukturalistische Theorie und Philosophie umfasst, in der Muster nur ein Teilbereich sind. Der Begriff "Entwurfsmuster" wurde wiederum von der Software Community geprägt und wird von Alexander nie verwendet. Wir haben bewusst lieber von "Entwurfsmuster" gesprochen, da damit auch gewisse Ausdifferenzierungen und Weiterentwicklungen zum ursprünglichen allgemeinen Muster-Ansatz ausgedrückt werden können. Ich finde die Diskussion über "Nature of Order" äußerst spannend und finde es sehr gut, dass wir damit jetzt angefangen haben und dies fortführen. Bislang sind die darin enthaltenen neueren Ideen jedoch noch nicht - im Gegensatz zu Entwurfsmustern - etabliert.

LG,
Christian

PS: Mittlerweile ist "Delight's Muse - On Christopher Alexander's The Nature of Order" eingetroffen. Sieht beim ersten Durchblättern sehr vielversprechend aus.

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von baumgartner am 21.04.2009 06:59

Lieber Chistian,

kurz ist er ja nicht gerade, Dein Kommentar ;-)

Danke für Deine Erweiterung meines - tatsächlich zu kurz gegriffenen – Zitats. Du hast recht: Es steht in Eurem Text weiter unten dann ganz richtig.

Trotzdem: Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass die Pattern-Community (zumindest, das was ich von ihr – mit meinen sicherlich noch bescheidenen Kenntnissen – weiß) diesen generischen Aspekt vernachlässigt und der Schablonenaspekt überwiegt.

Nur so kann ich mir erklären, dass
(a) die 15 Struktureigenschaften praktisch ignoriert werden. Wo findet dazu eine Diskussion statt?
(b) bei der Darstellung der Pattern nichts über die in ihnen liegenden Struktureigenschaften gesagt wird. Welche dieser 15 Eigenschaften sind in welcher Form im jeweiligen Pattern vorhanden?
(c) die damit verbundenen 15 Transformationsregeln nicht für die Erstellung der Pattern explizit angesprochen werden. Welche Regeln wurden verwendet? Das wäre wichtig um Hinweise zur Konstruktion von Pattern zu geben.
(d) über die 15 Transformationsregeln nicht nachgedacht wird, z.B. Mit welchen Regeln kommt man von einem Pattern zu einem anderen? Welche Regeln sind in welchen Kontexten besonders sinnvoll anzuwenden? etc.
(e) es keine Diskussion über die Anwendung der Struktureigenschaften/Transformationsregeln für das jeweilige Fachgebiet gibt. Z.B. Wie ist die Struktureigenschaft/Transformationsregel "Boundaries" im Kontext der Programmierung, des Interface-Designs, der Pädagogik zu verstehen?

Zu unserem gestrigen Telefonat: Ich möchte gar nicht abstreiten, dass viele Muster in einigen Fachgebieten (z.B. der Programmierung) durchaus brauchbar, gut bzw. "wohlgeformt" sind, good practice kristallisieren, Praxiserfahrungen umsetzen etc. Ich behaupte jedoch, dass dies nicht explizit und systematisch unter Anwendung und Diskussion der 15 strukturerhaltenden Transformationen geschieht.

Vielleicht kannst Du mich aber vom Gegenteil überzeugen und mir aufzeigen, wo dies in den vielen Pattern-Büchern und Artikeln geschieht? Bis dahin finde ich die nachfolgende Fragestellung hoch interessant um nicht zu sagen "generativ" für weitere (sozial- und wissenschaftstheoretische) Überlegungen:

Wieso werden die 4 Bände "The Nature of Order" und damit die Struktureigenschaften und Transformationsregeln von der Pattern Community weitgehend ignoriert?

LG
Peter

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 17:56

Peter,

Emergenz finde ich ein schwieriges Diskussionsthema. Denn wo sind die praktischen Beispiele, welche die theoretischen Annahmen/Hypothesen unterlegen?

Du sprichst auch von "Gesamtheit", wo meiner Meinung nach "Ganzheit" stehen sollte. D. h. eine Blatt bildet sich primär innerhalb der Ganzheit des spezifischen Baumes, im Rahmen von gewissen Umgebungseinflüssen, die aber sicher nicht die Gesamtheit des Waldes, der Erde oder des Universums umfasst.

Meiner Erinnerung nach steht dem Phänomen der Emergenz ein Prozessprinzip nahe, dass Neues aus der Kombination von Vorhandenem (existing structure / structure preserving transformation) entsteht, u. U. unter Funktionserweiterung oder Funktionswechsel. D. h. ein Kompass entsteht aus (Metallnadel + Magetisierung + "leichtgängiger Achslagerung").

Für mich sind die 15 Eigenschaften sehr wichtig, aber ich habe keine Beispiele gefunden, direkt Systeme zu verbessern, indem ich mich nur auf die Eigenschaften konzentriere. Immer sind Funktionen, bzw. die Muster-basierte Sinnüberlegungen ausschlaggebend. Ich sehe drei gleichwertige Bereiche, die zusammenwirken: (1) Struktur/Eigenschaft, (2) Dynamik/Prozessprinzipien und (3) Muster/Sinnzuschreibungen in einem Systemzusammenhang.

Die Softwareentwickler scheinen den Bereich (3) überzubetonen, aber es bedeutet imho nicht, dass irgendetwas von dem, was dort entwickelt wurde, nachrangig ist oder durch den "neuen Alexander" von TNoO komplett außer Kraft gesetzt würde.

lg Helmut

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 18:15

Christian, Peter,

eure Diskussion um die Definition des Musterbegriffes verstehe ich nicht ganz.

Zunächst scheint mir nicht jede Problemlösung ein Muster im Sinne Alexanders. Wenn ich etwa "die gesunde Ohrfeige" als Lösung eines disziplinären Problems betrachten würde, dann fehlt mir die Objekthaftigkeit (Nachhaltigkeit). Dementsprechend fehlt mir bei der Standarddefinition immer etwas: "a pattern is a solution to a problem in a context ... IN THE FORM OF AN OBJECT".

Weiters scheint mir klar, dass ein Muster nicht über die Art der Beschreibung konstruiert werden kann. Wir erkennen Muster (ein BLATT bei Pflanzen), deren Erzeugungsprinzipien und systemisches für-und-wider aber nicht. D. h. ein Muster kann nicht davon abhängen, ob und wieviel wir wir davon wissen oder wie wir es beschreiben.

Zusätzlich möchte ich anmerken, dass die Ausprägung der Musterbeschreibung von einem anderen Konktext abhängt, nämlich vom Niveau des Zielpublikums. Ein musikalisches Muster muss ich vermutlich einem Anfänger ganz anders erklären als einem Musikprofi. Sicher ist nur, dass die Muster-Beschreibung ein ausreichendes Know-How vermitteln soll, damit der Adressat der Muster-Beschreibung damit umgehen, also das Muster einsetzen kann, um Muster-Exemplare zu erzeugen.

Muster-Exemplar ist eine in meinem Umfeld gebrächliche Erweiterung des mustertheoretischen Vokabulars.

lg Helmut

Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Ich setze hier meine Kritik zur Rezeption des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander fort. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier mir in erster Linie (noch) gar nicht darum, zu prüfen inwieweit Alexander mit seinen Ideen zuzustimmen wäre. Das wäre zweite – einer der korrekten Rezeption folgende, von ihr abgeleitete – Fragestellung. Ich möchte in erster Linie mal nachweisen, dass das Verständnis der Pattern Community zu den Ideen von Christopher Alexander, auf den sie sich ja bewusst und ständig bezieht, im besten Fall rudimentär bzw. ungenügend, wenn nicht überhaupt falsch sind.

Im dazugehörigen vorigen Artikel habe ich auf zwei Aspekte hingewiesen:
  1. Emergenz: Der Frage, was Emergenz in einem bestimmten Anwendungsfall heißt, wird zu wenig Beachtung geschenkt. Ich selbst habe mich zwar durchaus mit Emergenz beschäftigt, habe sie aber nicht von "oben" augehend von der "Wholeness" gedacht, sondern als neu auftauchendes Phänomen der Konfiguration bzw. Struktur der Elemente bloß der unteren Ebene. (Im übrigen bringt Alexander hier das schöne Beispiel des Doppelspaltexperiments aus der Physik, wonach in seiner – den Arbeiten von David Bohm folgenden – Interpretation die Konfiguration des gesamten experimentiellen Aufbaus das Verhalten der einzelnen Elektronen bestimmt.)
  2. Struktureigenschaften/Transformationsregeln: Die neueren Arbeiten, die Alexander 20 Jahre nach dem vielfach zitierten Werken "The Timeless Way of Building" und "A Pattern Language" geschrieben hat, fanden bisher kaum Beachtung. Der darin dargestellte Versuch der philosophischen Begründung wirft ein anderes Licht auf den Musteransatz als dies bisher der Fall ist. Die im 4 bändigen Werk "The Nature of Order" diskutierten 15 Struktureigenschaften, die gleichzeitig auch Regeln für strukturerhaltende (d.h. die "Wholeness" erhaltende) Transformationen darstellen, ermöglichen einen anderen – aus meiner Sicht – tieferen Zugang zu den Ideen von Alexander.

3. Geometrie und Raum

Ich habe die Vermutung, dass die 15 Struktureigenschaften von Alexander vor allem deshalb ignoriert werden, weil sie für viele Fachgebiete nicht so einfach umzusetzen bzw. anzuwenden sind. Sie beziehen sich ja alle auf geometrische, räumliche Strukturen, auf Formaspekte. Wie sollen aber z.B. die Strukturmoment "The Void", "positive Space" (Leere/Freiraum bzw. positiver Zwischenraum in der Übersetzung von Helmut) für die Konstruktion von Mustern z.B. in der Pädagogik nutzbar gemacht werden?

Die Pattern Community scheint nach folgendem Motto vorzugehen: "Muster sind praktisch und haben sich vielfach bewährt. Der philosophische Klim-bim ist nicht so wichtig und z.T. sowie unverständlich. Basteln wir also weiter an unseren Mustern." Fazit: Was wir nicht verstehen oder gebrauchen können, das ignorieren wir.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin durchaus dafür nicht an den Worten "großer Meister" zu kleben, die Arbeiten wichtiger Persönlichkeiten weiter zu entwickeln, nicht jedes Wort auf die Goldschale zu legen usw. usf. Aber sollte das nicht erst nach einer kritisch reflektieren Diskussion erfolgen? Sollte nicht zuerst der Zusammenhang dargestellt werden und dann überlegt werden, ob diese Ideen umgesetzt werden können? Und wenn nicht, warum sie nicht umgesetzt werden können?

Aus meiner Sicht sind die 15 Eigenschaften und Transformationsregeln nicht einfach weg zu wischen. Sie stellen für Alexander nicht nur ein paar rudimentäre Ideen, perhiphere Aspekte dar, sondern sind wesentliche Momente seiner Theorie, seiner philosophischen Weltsicht. Nicht umsonst heißt es ganz allgemein "The Nature of Order" (Das Wesen der Ordnung) und dann im Untertitel: "An Essay on the Art of Building and The Nature of the Universe." Alexander ist der Auffassung, dass seine 15 Eigenschaften bzw. Regeln in allen möglichen Naturerscheinungen bzw. Naturprozessen vorkommen und er bringt dazu -zig Beispiele auf hunderte von Seiten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen.

Wie gesagt: Ich glaube, dass seine grundlegende philosophische Basis vor allem wegen den Schwierigkeiten ihrer Übersetzung/Umsetzung ignoriert wird. Ich persönlich z.B. hatte (und habe) ständig Probleme mit meinem Alltagsverständnis von Geometrie, die ich als die Lehre von den räumlichen Eigenschaften eines Gegenstandes betrachte. Doch Geometrie als Formenlehre kann auch allgemeiner als Lehre von den Strukturen verstanden werden. Alexander verwendet auch häufig den Begriff der "Form" bzw. auch den Begriff der Morphologie (= die Lehre von den Formen).

Ich glaube daher, dass wir "räumliche Aspekte" durch Aspekte der Form oder auch Aspekte der Struktur übersetzen können. Das heißt, dass es darum geht in den jeweiligen Fachgebieten nach Strukturen zu suchen, die (a) wesentliche Elemente für die Ganzheitlichkeit des Musters bilden und (b) gleichzeitig auch Regeln für eine schrittweise Adaption (strukturerhaltende Tranformation) darstellen. Die von Alexander angeführten 15 Eigenschaften können dabei als Ausgangspunkt dienen, die für das jeweilige Fachgebiet "übersetzt" werden müssen.

Dabei kann sich zweierlei ergeben:

  1. Es kann sich zeigen, dass nicht alle 15 Eigenschaften gleichermaßen wichtig sind oder aber noch andere hinzu kommen müssen. Das wäre aber im Sinne der Alexander'schen Ideen eine (wünschbare) Weiterentwicklung seiner Theorie bzw. seines Ansatzes.
  2. Es zeigt sich, dass es keine sinnvolle Übersetzung gibt. Dann wäre natürlich zu fragen, in wie weit der Ansatz von Alexander überhaupt generell zutrifft. Ist es nur ein brauchbarer Ansatz für die Architektur? Oder – wenn der Ansatz an sich fehlerhaft ist – ist er vielleicht auch für die Architektur unbrauchbar? (Ich kenne mich zuwenig aus in der Architektur, habe aber gehört, dass Alexander in der Architekturcommunity durchaus nicht unumstritten ist.)

Ich habe in einem Beitrag zu zeigen versucht, dass eine Übersetzung der Alexander'schen Struktureigenschaften in der Pädagogik durchaus Sinn machen könnte. Ich bin mir da aber (a) noch unsicher, vor allem was den praktischen Gehalt solcher Übersetzungsleistungen angeht und (b) es fehlt vor allem bei vielen der 15 Eigenschaften noch eine ausführliche Diskussion wie eine solche "Übersetzung" aussehen könnte. Ich bin generell davon ausgegangen, dass es ein Zeit-Raumkontinuum gibt, dass also auch zeitliche Formen/Strukturen in die Überlegungen einbezogen werden können. Tatsächlich - und darauf weist auch schon Helmut Leitner in seinem Kommentar zu Mustertheorie: eine Buchrezension hin – gibt es in der Didaktik Diskussionen, die auf prozessuale Aspekte des Unterrichts und damit auf Verlaufsformen, Dramaturgie, Choreographie etc, Bezug nehmen. – Das müsste aber noch näher ausgearbeitet werden: Sind alle räumlichen Aspekte in zeitliche Aspekte zu übersetzen? Oder sind nicht auch räumliche – und vor allem soziale! – Formen ebenfalls zu berücksichtigen? Wie können die 15 Struktureigenschaften in soziale Aspekte umgesetzt werden????

4. Mathematik

Alexander versucht seinen Ideen auch eine objektive, sogar mathematische Fundierung zu geben ("objektiven Lebendigkeit"). Das wird von vielen Leuten aus der Pattern Community mit Naserümpfen – sozusagen als eine Verirrung – betrachtet. So schreibt z.B. Helmut Leitner in seinem Kommentar:

Sicher ist jedenfalls, dass Alexander niemals meint, dass man einen Lebendigkeitsgrad numerisch würde angeben können. Dort wo er als Mathematiker Versuche dazu unternommen hat, ist er gescheitert und er dokumentiert auch dieses Scheitern.

Ich sehe das nicht so eindeutig: Ich glaube, dass wir uns dieser Frage nach Objektivität und mathematischer Erfassbarkeit durchaus stellen müssen. Ich sehe darin auch nichts Abartiges, sozusagen eine Verfehlung. Helmut Leitner erwähnt, dass er mit Nikos Salingaros (siehe auch Nikos Salingaros in Wikipedia) in Diskussion steht. Salingaros Arbeiten zur mathematischen Behandlung von Lebendigkeits bei Gebäuden wird im Anhang zum 1. Band von "The Nature of Order" positiv dargestellt. Es wird zwar von Alexander zugegeben, dass noch einiges zu tun ist, und dass das Maß der von Salingaros entwickelten Ganzheitlichkeit bei Gebäauden noch rudimentär ist, dass aber die Ergebnisse bereits sehr gut sind und auf jeden Fall der eingeschlagene Weg korrekt ist. Von Scheitern also keine Spur.

Ich gebe zu, dass es für viele Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen nicht leicht zu verdauen ist, wenn versucht wird, Lebensprozesse mathematisch zu erfassen. Aber was ist das Problem dabei? Kommt darin nicht nur das (eigene) Vorurteil zur mathematischen Behandlung von Problemen und Prozessen zum Ausdruck?

Die Frage ob sich die Lebendigkeit "objektiv" (d.h. intersubjektiv) feststellen lässt, ist im Theoriegebäude von Alexander zentral. Wenn nämlich diese Aussage nicht zutrifft, dann brechen viele der Annahmen von Alexander zusammen, dann gibt es vor allem keinen Zusammenhang mehr mit "objektiven" Naturgesetzen. Dann ist alles zurück geworfen auf subjektives ästhetisches Empfinden.



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Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von chrisimweb am 22.04.2009 19:30

Lieber Peter,

noch ein paar letzte Kommentare vor der Forschungswerkstatt.

Mathematik:
Lebendigkeitsgrade können vielleicht mathematisch beschrieben, aber nicht berechnet werden. Eine einfache mathematische Beschreibung ist die Angabe eines Lebendigkeitsgrads. Alexander geht davon aus, dass sich die Lebendigkeit einer Ganzheit durch einen einzelnen Wert ausdrücken lässt, der entweder empirisch (durch Paarvergleiche – wobei diese bei ihm unsauber sind) oder mathematisch ermittelt werden kann. Zur mathematischen Berechnung müsse man nur die Regeln kennen. Einmal davon abgesehen, dass Alexander nicht eine einzige vorschlägt, lehrt uns die Komplexitätstheorie, dass bereits bei wenigen Regeln und der Kenntnis dieser eine Vorhersagbarkeit bzw. Berechenbarkeit nicht gegeben sein muss. Aufgrund der riesigen Zahl von Abhängigkeiten bereits in einfachen Skizzen halte ich den Lebendigkeitsgrad für unberechenbar selbst wenn wir die Regeln kennen würden. Zudem lassen sich auf Grundlage eindeutiger geometrischer Strukturen zwar Rechenregeln festlegen, doch lässt sich auch die daraus resultierende Bedeutung mathematisch angeben? Als Informatiker weiß ich, dass sich zwar Algorithmen formalisieren und beweisen lassen, aber die Bedeutung (und Ästhetik) der Algorithmen ist nicht formalisierbar.

Bleibt also nur die empirische Methode. Am Beispiel der Volksmusik wird für mich klar, dass es keine objektive Lebendigkeit gibt, denn hier gehen die Empfindungen weit auseinander. Man kann doch keiner Gruppe sagen, dass sie falsch empfindet. Man kann niemanden dazu zwingen, ein „Hoch auf dem gelben Wagen“ als lebendig zu empfinden, man kann dies auch niemanden verwehren.

Du merkst ganz richtig an, dass die objektive bzw. intersubjektive Lebendigkeit zentral für Alexanders Theoriegebäude ist. Es gibt aber einige Beispiele in seinen Büchern, wo ich diese Lebendigkeit auch nach intensiver Einwirkung nicht empfinde. Was soll ich nun tun? Zum einen soll die „objektive“ Lebendigkeit von innen heraus empfunden werden, zum anderen ist meine von Alexander abweichende Empfindung falsch. Ich gehe daher weiter davon aus, dass das Lebendigkeitsempfinden vom betrachtendem Subjekt abhängt. Das Objektive eines Objekts muss dagegen die verschiedenen Beziehungen zu Subjekten umfassen und hier kann es je nach Objekt unterschiedlich starke Übereinstimmungen geben. Mit anderen Worten: ich habe starke Zweifel an der Objektivitätsauffassung von Alexander und daher bin ich was diesen Bereich von Alexanders Theoriegebäude angeht zurückhaltend.

Das Nicht-Beachten der Lebendigkeitseigenschaften
Ich kann natürlich nicht für die Pattern Community an sich sprechen, aber ich denke, dass hier ähnliche Vorbehalte existieren. Allerdings gilt dies nicht für alle - tatsächlich gibt es in der Community inzwischen verschiedene Versuche, die 15 Eigenschaften einzubeziehen, auf den PLoPs sind die neueren Werke durchaus Diskussionsthema, wenn auch nicht in der Breite. Die Pattern Community bezieht sich zwar ausdrücklich auf Alexander, aber eben zur Zeit in der Breite nur auf die älteren Werke, deren Ansätze in der Community weiterentwickelt worden sind. Alexander hat seinen Ansatz ebenfalls weiterentwickelt, aber teils in eine andere Richtung. Ob sich eine zwingende Auseinandersetzung mit der alternativen Sichtweise ergibt weiß ich nicht. Ich finde sie spannend, sehe aber andererseits auch dringendere Fragen, z.B. wie man Muster passender Granularität und Abstraktion findet.

Übersetzung der Eigenschaften in andere Bereiche
Was die 15 Eigenschaften angeht, so lassen sich diese zudem sehr schwer auf nicht-geometrische Anwendungsfelder übertragen. Für die Architektur haben diese Eigenschaften offensichtliche Bedeutung. Ob sie als fundamentale Lebendigkeitseigenschaften anzusehen sind ist eine offene Frage, aber die Existenz der Eigenschaften kann man in der Architektur deutlich sehen. Ich kritisiere am ehesten, dass es durchaus auch andere sinnvolle Eigenschaften geben kann. Zudem haben die 15 Eigenschaften sehr unterschiedlichen Charakter. Bei der Übertragung auf andere Felder sehe ich die Gefahr, dass einige der Eigenschaften nicht mehr als Metaphern sind. Für die Pädagogik würde mir als Analogie zu „Void“ z.B. „Pause“ einfallen. Im Bereich der Softwareentwicklung fällt mir aber einfach kein Äquivalent ein, ohne dass ich etwas herbeidichte. Trotzdem werde ich versuchen, in die Forschungswerkstatt Analogien für alle 15 Eigenschaften einbringen – da kribbelt es schon ;-)

Geometrie und Raum
Mustertheorie ist in jedem Fall eine Form- und Raumlehre. Der Unterschied zwischen Architekturräumen, Lernräumen, sozialen Räumen, Bedeutungsräumen liegt jedoch in der Möglichkeit einer eindeutigen Abbildung. In der Architektur gibt es eine natürliche Abbildung geometrischer Strukturen (oder zumindest klare Konventionen). Selbst bei einer formalen Notation wie der Unified Modelling Language, die u.a. für Klassendiagramme beim Softwareentwurf eingesetzt wird, gibt es dagegen verschiedene geometrische Konfigurationen, die semantisch absolut dasselbe bedeuten. Mit anderen Worten: es ist möglich, für dasselbe Design eine Strukturdarstellung mit oder ohne „Roughness“, „Void“, „Deep Interlock & Ambiguity“ zu wählen. Richard Gabriel hat einmal angemerkt, dass die Geometrie der SW-Entwicklung der Code ist. Trotzdem denke ich, dass einige der 15 Eigenschaften nur bei bestimmter Visualisierung auftreten. Didaktische Formen besitzen selbstverständlich auch eine bestimmte Struktur, aber das Mapping in den geometrischen Raum ist nicht eindeutig festgelegt. Selbst für die Abbildungen der Architektur (oder der materiellen Welt) muss angemerkt werden, dass diese Abbildungen sinnvoll transformiert werden können, wobei die Lebendigkeitseigenschaften aber verloren gehen können. Ein Bild lässt sich z.B. in den Frequenzbereich abbilden; dadurch werden neue, interessante Eigenschaften freigelegt, die z.B. für die Komprimierung wichtig sind und etwas über den Informationsgehalt aussagen. Es handelt sich nach der Transformation immer noch um eine Abbildung des gleichen Gegenstands, die Lebendigkeitseigenschaften sind aber nicht mehr beobachtbar.

Beste Grüße und bis morgen,
Christian

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von HelmutLeitner am 23.04.2009 09:36

Peter, ich stimme mit fast allem, was du auf dieser Seite schreibst, überein. Bei der Mathematik nicht, aber da habe ich auch den Fehler gemacht, mich zu kurz auszudrücken. Was ich gemeint habe, ist, dass es nicht möglich sein kann, einem Objekt oder System einen Lebendigkeitswert (z. B. 17.5) zuzuordnen. Einerseits gibt es keine Skala dafür, andererseits muss Lebendigkeit immer vom Zustand abhängen. Ein Marktplatz hat keine statische Lebendigkeit, um Mitternacht ist sie anders als bei Hochbetrieb. Man könnte über ein fiktives Lebendigkeitspotenzial reden, aber dann müsste man eine fiktive Menschenmenge simulieren können. Die Schwierigkeiten sind unermesslich und es scheint mir unerheblich, ob man an die prinzipielle Möglichkeit einer mathematischen Lebendigkeitsberechnung glaubt oder nicht. Ich bin da eher bei Christian.

Was die Abstraktion von Eigenschaften und anderen Alexanderschen Konzepten betriftt, könnten die nachfolgenden Folien aus einigen meiner Vorträge für euch vielleicht interessant sein. Sie bilden den Großteil der Alexanderschen Ideenwelt ab und haben sich als sehr praktisch herausgestellt. Die Eigenschaftsicons sind übrigens mit Nikos Salingaros akkordiert, er verwendet sie in seinen Vorlesungen unter dem Namen "Leitner diagrams". Mein Postulat ist, dass die 15 Eigenschaften - das ist vermutlich ein unerwarteter Paukenschlag, der heftige Diskussionen auslösen kann - Formkategorien sind, dass sie also unserem kognitiven Apparat angeboren sind und deswegen Resonanz auslösen.

http://www.mustertheorie.de/Properties_800.jpg

http://www.mustertheorie.de/Principles_800.gif

http://www.mustertheorie.de/Patterns_800.gif

http://www.mustertheorie.de/Universe_800.jpg

Die Begriffe sind ständig in Schwebe, weil sie nur Labels sein können, für eine hinter den Begriffen sichtbar werdende Bedeutung. Hoffe das Verweisen auf die Bilder klappt.

lg Helmut

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von Vohle am 26.04.2009 16:58

Lieber Peter,

du sagst: „Sollte nicht zuerst der Zusammenhang dargestellt und dann überlegt werden, ob diese Ideen umgesetzt werden?“.
Was ist der Z u s a m m e n h a n g bei Alexander? Was ist der H i n t e r g r u n d für sein Denken? Ergibt sich der Hintergrund aus der Analyse der 15 Struktur- oder Lebendigkeitseigenschaften? Nach der Lektüre des kleinen Buches von Helmut Leitner (ich habe die 4 Bände von Alexander nicht gelesen) bin ich an mehreren Stellen auf Begriffe gestoßen, die mich an ein buddistisch-monistisch-holistisches Welt- und Menschenbild erinnern. Nun gibst du selber den Hinweis auf eine Verbindung von Alexander zu Bohm. David Bohm, selbst Quantenphysiker versucht (in späteren Jahren) den Brückenschlag zwischen Materie und Bewusstsein und formuliert seine Theorie der impliziten Ordnung, der ungeteilten Wirklichkeit.
Warum interessiert mich die Frage des Hintergrunds, bevor ich Alexander gelesen habe? Jeder Denker entfaltet seine Theorie vor einem Hintergrund, das ist quasi der Schlüssel zum Verständnis, zur Interpretation der verwendeten Begriffe. Vielleicht sollte man in einem ersten und grundlegenden Schritt klären, welches „Weltbild“ hinter der Sichtweise von Alexander steht, um von da aus die Frage der Muster erneut zu stellen. Man läuft sonst Gefahr, dass man ein Musterbegriff verwendet, der sehr eng an die persönliche Erfahrung (mechanistisch vs. Fernwirkung) gebunden ist.

Frank

P.S. Schön das ihr so eine intensive Diskussion bei der Forschungswerkstatt hattet!

Strukturerhaltende Transformationen und Weltbild

Kommentar von baumgartner am 03.05.2009 19:40

Lieber Frank,

ich habe jetzt mit dem 4. Band von Alexander's TNoO angefangen "The Luminous Ground" - und da scheint es nun wirklich recht esoterisch bzw. mystisch zu werden. Allerdings schreckt mich das nicht besonders:

1.) Erstens kann ich mit einer Kritik am mechanistischen/dualistischem Weltbild durchaus leben bzw. trifft das durchaus meine Ansichten.

2.) Zweitens glaube ich, dass das Weltbild alleine kein verlässlicher Gradmesser für richtig/falsch ist. Auch Linke sagen viel Blödes und Rechte manch Interessantes, weiter Verfolgenswertes.

Da halte ich mich lieber an die Empirie: Lassen sich die Thesen von Alexander empirisch belegen? Aber auch die Frage ob sein Erklärungsmodell widerspruchsfrei(er) ist und/oder mehr erklären kann als andere Theoriemodelle halte ich für relevanter als die allgemeine Frage nach dem Weltbild.

Natürlich ist es nicht unwichtig für das Verständnis auch über das Weltbild bescheid zu wissen. Es lassen sich dadurch die Aussagen leichter einordnen, verstehen, interpretieren. Es hilft zum Verständnis der "Denke" der jeweiligen Person, zu verstehen wie sie "tickt" - sagt aber nichts über richtig oder falsch aus.

Soweit ich es jetzt sehe, ist Alexander klar antikapitalistisch und ökologisch ausgerichtet - und wie sich jetzt im 4. Band zunehmend auch zeigt – mit einigen New Age-Ansätzen konform. Seine Haltung zur Religion und Gott ist mir durch einige Passagen noch etwas unklar, obwohl ich bereits eine Neigung zum Zen-Buddhismus zu erkennen glaube.

Peter

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von HelmutLeitner am 07.05.2009 08:47

Die Frage nach dem religiösen Weltbild Alexanders hätte ich auch gerne geklärt, obwohl sie meiner Meinung nach nicht essenziell ist - in einem Ausmaß, dass ich auf eine Einbeziehung dieser Thematik verzichtet habe (was einem Ausklammern von TNoO Band 4 gleichkommt).

Meine Email-Kontakt zu Alexander ist so "shaky", dass ich froh sein muss, hin und wieder ein Lebenszeichen zu bekommen. Jedoch hat mir Nikos Salingaros auf meine Frage dargelegt, dass Alexander, aus einem christlich-jüdischen Elternhaus stammend, sich als konfessionell ungebunden empfindet.

Meiner Meinung nach hat Band 4 folgende Botschaft: Wer sich intensiv mit der Wahrnehmung der Lebendigkeit beschäftigt, sensibilisiert sich zunehmend für die Grundeigenschaft des Universums, Leben hervorbringen zu können. In Konfigurationen besonderer Lebendigkeitsqualität (die Alexander besonders in zusätzluicher Kombination mit Farbklängen findet) scheint hier ein Tor zu eine mystischen Direkterfahrung des Göttlichen ("luminous ground") aufzugehen. Eine Möglichkeit, sich eins mit dem Lebendigen und Göttlichen zu fühlen, wie immer jemand es nennen möchte.

Ich glaube nicht, dass dies eine besondere Nahebeziehung zum Bhuddismus ausdrückt. Ich glaube auch nicht, dass dies in irgendeiner Form die sachlich-systemischen Aspekte der Mustertheorie befördert oder beschädigt.

lg Helmut

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von ralfhilgenstock am 10.05.2009 21:45

Die Strukturmomente 'The Void', 'positive space' lassen sich für mich durchaus in der Pädagogik wiederfinden. In der Kunst oder der Architektur seine 'Freiräume' Flächen, die sozial von den Betrachtern oder Nutzern aktiv konstruiert und ausgestaltet werden.

Peter, du hast selbst im Bericht von der Forschungswerkstatt von der Entwicklung in der Pause gesprochen, die in einem anderen Setting (stehende Runde) zu einer Weiterentwicklung führte.

Es gibt ganze Veranstaltungsdesigns, die auf der Leere basieren und sich die soziale Gestaltung durch die Teilnehmenden zu Nutze machen. Open Space, BarCamps oder Unkonferenzen sind Beispiele dafür.

Christian Spannagel berichtet in seinem Blog (http://cspannagel.wordpress.com/2009/04/25/neuronen-in-der-vorlesung/):
"Nach der Begrüßung habe ich zwei Kringel (MindMap-Mitten) an die Tafel gemalt, in denen stand: “Was ich an traditionellen Vorlesungen schlecht finde” und “Was WIR besser machen können”. Dann bin ich kommentarlos ein Stück im Saal nach oben gegangen, habe mich zwischen die Studenten gesetzt und gewartet. Ein wenig Gelächter. Stille. Nichts passierte. Nach einer gewissen Zeit bin ich (wieder kommentarlos) aufgestanden, demonstrativ nach vorne gegangen, habe mir die Kreide geschnappt, habe einen Punkt zur ersten MindMap hinzugefügt (”95% Redeanteil Dozent”) und habe mich wieder kommentarlos hingesetzt und gewartet. Es hat ein bisschen gedauert, aber schließlich hat sich eine Studentin getraut nach vorne zu gehen und auch etwas an die Tafel zu schreiben: “kaum Möglichkeit für Fragen”. Zwei, drei weitere sind gefolgt. Langsam aber sicher ist die Sache ins Rollen gekommen. Schließlich haben auch Studenten Dinge nach vorne gerufen, die diejenigen, die vorne standen, mit an die Tafel geschrieben haben. Diese Phase hatte die folgende Bedeutung: Die Studierenden sollten aus ihrer Passivität herauskommen; symbolisiert wurde dies durch das Aufstehen, Nachvornegehen und An-die-Tafel-Schreiben. ..."

Es ist durchaus ein bewährtes Element, das der Lehrende auf eine Rollenerwartung (Lehrer muss jetzt etwas tun) mit dem Unerwarteten Nichtstun reagiert und dadurch neues Handeln und häufig Reflexion auslöst.

Eine ähnliche Form ist die wenig strukturierte Aufgabenstellung bei der Schüler zuerst reflektieren sollen: Was wird von mir jetzt erwartet? Was habe ich jetzt eigentlich zu tun?
Eine weitere Form ist die erzwungene Zeitverzögerung zwischen zwei Testversuchen, die zur Reflexion und konzentrierten erneuten Vorbereitung führen soll.

Ralf

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen II

Kommentar von ralfhilgenstock am 10.05.2009 22:40

Nachdem ich an diesem Wochenende Helmut Leitners 'Mustertheorie' und diese Diskussion gelesen habe und das ganze mit etwas Gartenarbeit garniert habe, traue ich mich nun doch mich in die Debatte einzumischen ohne die Voraussetzung zu erfüllen 'Nature of Order' gelesen zu haben. Und - offen gestanden - weiß ich nicht, ob ich es mir antun soll.

Zunächst ein paar Fragen, die aus dem bisher Gelesenen entstanden sind:

Wir entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften? Welches Verfahren wendet er an, um sie abzuleiten aus seinen Erfahrungen?

Wenn ich es richtig sehe hat Alexander zuerst Patterns entwickelt, die offensichtlich durchaus als gültig und hilfreich angesehen werden. Da ich mal davon ausgehe, dass er den Überbau "Eigenschaften', 'Lebendigkeit' und 'Transformationen' im Pattern-Buch nicht absichtsvoll verschwiegen hat, sondern diese erst später entdeckt hat, ist es also offensichtlich durchaus legitim ohne Kenntnis und Durchdringung des Überbaus Patterns zu erarbeiten. Warum wird dann daraus der Pattern-Community ein Vorwurf gemacht?

Wie integriert Alexander in seinem 'Spätwerk' 'Nature of Order' eigentlich die Patterns erneut? Oder anders gefragt, was würde Alexander möglicherweise heute in einer Neufassung des Patternbuches mit der Kenntnis der Eigenschaften... anders schreiben?

Alexanders Reihenfolge war, dass er Pattern entdeckt, ein Beschreibungsverfahren und eine Validierung entwickelt und aus vielen beschriebenen Patterns Eigenschaften und mehr entwickelt. Zunächst stellt sich für mich die Frage, zu welchen Erkenntnissen der gleiche Weg in einem anderen Feld 'Pädagogik' statt 'Architektur' führt. Bestätigen sich darüber die Eigenschaften und Transformationen oder kommen wir zu Neuen? Wie müsste man dazu vorgehen?
Wozu führt andersherum der Rückweg wenn ich von den Eigenschaften und Transformationen aus starte? Werden diese dann zu Prüfsteinen für Patterns? Oder werden Sie zu den Ausgangspunkten für die theoriegeleitete Entwicklung neuer pädagogischer Patterns?
Die Prüfsteine könnte ich mir noch vorstellen als zusätzliches Beschreibungselement "Welche verschiedenen Elemente von Lebendigkeit sind im Pattern enthalten? Oder: welche Lebendigkeitsdimensionen werden von diesem Pattern angestossen?
Eine theoriegleitete Entwicklung von Patterns würde für mich das gesamte Gedankengebilde durcheinander bringen, so dass ich es nicht weiter verfolge.

Ich denke, es wäre sinnvoll, die Eigenschaften und (!) Transformationen für den pädagogischen Bereich wirklich einmal vollständig durchzuarbeiten. Da der Ausgangspunkt eLearning war, sollte im zweiten Schritt auch dies als besonderer Anwendungsfall nochmals getan werden. Dies ist mir sehr wichtig, da vielfach im Bereich eLearning das dynamisch zwischenmenschlich interaktive Element im Lernprozess ausgeblendet wird und die Kontextbestimmung und Kontextanpassung anders verläuft als in Präsenzlernsituationen. Aus der Kombination mehrerer Eigenschaften ergeben sich vermutlich spannende didaktische Konzeptionsideen.

Mehrfach wurde in der Diskussion auf die Gestaltpsychologie und die Gestaltpädagogik bezug genommen ohne jedoch konkret zu werden. Die heutige Getaltpädagogik bezieht sich meist nicht systematisch auf die Gestaltpsychologie. Die Felder haben sich auseinander entwickelt. Die Gestaltpädagogik und die Gestalttherapie würde sich einem Musteransatz vermutlich stark widersetzen. Denn gerade hier wird ja auf zwei Faktoren gesetzt 'awareness' und dem Erkennen von Handlungen, Bedeutungen und dem Finden neuer alternativer Bedeutungen, um Veränderung zu ermöglichen. Womöglich verkürze ich das hier aber auch.

Interessanter Weise gibt es in der Pädagogik/Therapie ein Feld, dass sich massiv auf Patterns bezieht. Die Entwicklung des NLP (Neurolinguistische Programmierung) basierte auf einer phänomenologisch linguistischen Analyse erfolgreicher Therapeuten unterschiedlicher Richtungen. Die daraus exzerpierten Konzepte wurden verallgemeinert und zu neuen Handlungsmustern aufgebaut, die sich durchaus erfolgreich einsetzen lassen. Dem NLP ist der Vorwurf des Mechanischen und der Manipulation gemacht worden. Wird er jedoch mit der Entwicklung einer inneren Haltung des Lehrenden (Eigenschaften und Transformationen) verbunden ist er sehr wirksam.

Da ich sehr stark von der pragmatischen Seite komme, hat sich beim Lesen in den letzten Tagen die Unzufriedenheit mit dem Begriff der Muster nochmal sehr verstärkt. Der Musterbegriff verleitet sehr stark zu einem mechanischen Denken und Handeln. Pädagogisches Handeln ist stark (sub-)kulturell und situativ beeinflusst. Situatives flexibles Handeln setzt aber Souveränität, nicht im Sinne von Überlegenheit, sondern im Sinne von Flexibilität und innerer Bereitschaft Fehlerrisiken einzugehen und ohne innerem Gesichstverlust korrigieren zu können. Dazu fällt mir dann der Begriff der Haltung und damit der Beziehungsgestaltung Lehrer-Schülergruppe ein.

Ein Versuch das zu übersetzen führt bei mir zu folgendem ersten Versuch:
1. Eigenschaften und Transformationen = Haltung und mentale Denkmodelle des Lehrenden
2. Situative Problemidentifikation
3. Pattern = Erinnern an Grundsatz zur Problemlösung in ähnlichen Situationen
4. Schemata (Vorlage zur Umsetzung) = grundsätzliche Schrittfolge des Vorgehens
5. Unterrichtsentwurf = Anwendung des Schemas auf den Inhalt/Lernziel und Kontext (Unterrichtsmaterial)
6. Gelebte Umsetzung

Von 1-6 ergibt sich das Alltags-Handlungsmuster des Pädagogen. Bei der Erarbeitung von Pattern aus der gelebten Praxis wird der Rückweg von 6 -> 1 gemacht wobei 3 und2 zusammen gefasst werden.

Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Strategische Überlegungen zur 1. Forschungswerkstatt "Didaktische Entwurfsmuster"


Am 24./25. April 2009 fand zum ersten Mal eine Forschungswerkstatt meines Departments statt. Aus meiner Sicht – und ich habe darüber bereits berichtet – ist diese Veranstaltung äußerst erfolgreich abgelaufen, was sicherlich auch mit den besonderen Format zu tun hatte.

Ich habe bereits über meine persönlichen Eindrücke zum Ablauf der Veranstaltung berichtet. Hier versuche ich nun diese Besonderheiten zu analysieren und zu beschreiben. Ich verwende dazu – eher spielerisch, also (noch) nicht wirklich ernst gemeint – ein Beschreibungsformat das sich an die Pattern-Community anlehnt: Kontext-Problem-Lösung.


Der Kontext

Im Zuge der von mir bereits beschriebenen Überlegungen zu einer Forschungsoffensive, habe ich mir die folgende Fragen gestellt: Wie kann ich es erreichen, dass innerhalb der speziellen Bedingungen an der Donau-Universität Krems (DUK) – wo wir dzt. 80% (!) unseres Budgets durch Drittmittel hereinholen müssen – eine Forschungskultur an meinem Department aufgebaut wird? Eine Erhöhung der Taktzahl und/oder der Größenordnung von Projekten kann dies aus meiner Sicht alleine nicht erreichen: In der budgetären Logik der DUK können sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte nicht den geforderten (budgetären) Freiraum schaffen, um über das einzelne Projekt hinausgehend, längerfristige zusammenhängende Forschungsthemen zu verfolgen. So sind z.B. die Arbeitszeiten für grundlegende Publikationen (z.B. Monografien) in diesem System der Vollkostenrechnung nicht finanzierbar.

Dazu kommt noch, dass die DUK als Organisation derzeit kein Promotionsrecht hat. Daher gibt es auch nicht die Möglichkeit sich über die inhaltlichen Ausarbeitungen von "kostengünstigen" Promotionsstudierende sich diesen längerfristigen Forschungsthemen konzentriert zu widmen.

Das Problem

Wenn ich innerhalb der Bedingungen an der DUK mit einer abstrakten und auf eine längerfristige Perspektive angesetzten Diskussion beginne, dann bin ich mit folgenden Schwierigkeiten konfrontiert:

  1. Meine Mitarbeiter/-innen sind zwar projekterfahren, haben sich aber über das Tagesgeschäft hinaus bisher kaum mit grundsätzlichen Fragen der Forschungsprogrammatik beschäftigen können.
  2. Eine Diskussion zur Forschungsprogrammatik kommt immer in zeitlichen und budgetären Widerspruch zum "normalen" stark marktabhängigen Tagesablauf an der DUK. Einerseits weil sie laufende, zeitlich befristete Projektarbeiten "behindern"; andererseits weil die unmittelbare Verwertbarkeit für einen Projektantrag nicht sofort sichtbar bzw. umsetzbar ist.
  3. Es fehlt an der DUK bzw. an meinem Department an zeitlichen und personellen Ressourcen um über einen längeren Zeitraum eine "kritische" Masse von Personen zu einer Gruppe zusammen fassen zu können, die diese längerfristig angelegten Forschungsfragen verfolgen kann.

Ich habe daher nach einem Veranstaltungsformat gesucht, das

  1. grundsätzliche Fragen der Forschungsprogrammtik in den Mittelpunkt stellt
  2. sich aus dem Kontext des Alltags der DUK löst und
  3. eine kritische Masse von interessierten Forscher/-innen nicht nur zusammen bringt, sondern auch für die Inhalte der Forschungsfrage begeistert.

Besonders dieser letzte Aspekt (Begeisterung) ist aus meiner Sicht nur durch persönliche "Eintauchen" in das Forschungsfeld möglich. Das erfordert aber ein Format, das nicht bloß ein interessantes Thema vermittelt, sondern den Teilnehmer/-innen auch erlaubt eine eigene Motivation dazu zu entwickeln.

Die Lösung(saspekte)

Gemeinsame inhaltliche Basis schaffen

Ich habe als Format nach einer Veranstaltungsform gesucht, die den Charakter einer offenen Werkstatt hat, bei der alle Beteiligten sich in einem gemeinsamen Forschungs(produktions)prozess einlassen können. Um dies zu ermöglichen, war ein gewisser Vorlauf notwendig, der den Teilnehmer/-innen die inhaltliche Ausgangslage ("state of the art") darlegt. Es bot sich daher eine zwei-tägige Veranstaltung an: Am ersten Tag wurden Grundlagen vermittelt, darauf aufbauend sollte dann die eigentliche Werkstatt beginnen.

Offenes Thema wählen

Von der inhaltlichen Seite habe ich "Didaktische Entwurfsmuster" gewählt, weil es ein Thema ist, das

  • mit den 4-bändigen Werk "The Nature of Order" (TNoO) von Christopher Alexander einen bisher noch recht unbearbeiteten Freiraum hat
  • im pädagogisch/didaktischen Bereich aus meiner Sicht noch sehr unbefriedigend bearbeitet ist und daher für meine Studierenden/Kolleginnen einen  fachlich interessanten Zugang ermöglichen kann

Einengende Rahmenbedingungen entfernen

Gleichzeitig war es notwendig die Veranstaltung in mehrfacher Form aus dem DUK-Kontext heraus zu lösen:

  • Statt sie in den eigenen DUK-Räumlichkeiten abzuhalten, habe ich einen Raum am IFF in Wien angemietet.
  • Statt sie für meine Mitarbeiter/-innen als "normale" Dienstreise abzurechnen, habe ich sie als freiwillige Veranstaltung konzipiert, die auf eigene Kosten besucht werden muss und zumindest teilweise außerhalb der "normalen" Arbeitszeit (Samstag) stattfindet.
  • Statt sie bloß intern für die eigenen Mitarbeiter/-innen zu konzipieren, habe ich überwiegend Studierende bzw. Kolleg/innen aus meinem inhaltlichen Umfeld als Teilnehmer/-innen eingeladen.
  • Statt die Veranstaltung in ein Curriculum einzubinden, oder sie sonst irgendwie mit einem Leistungsnachweis zu verbinden, hatte sie einen völlig unverbindlichen, freiwilligen Charakter.

Der Ablauf hat meine damit verbundene Erwartungshaltung vollauf bestätigt: Es kamen von meinen Mitarbeiter/-innen vor allem jene, die das Thema interessiert (Freitag) und es "opferten" nur jene ihre Samstag-Freizeit, die selbst für sich eine längerfristige Perspektive als Forscher/-innen einnehmen.

Atmosphäre für Werkstattcharakter schaffen

Um einen echten Werkstattcharakter zu ermöglichen, war es notwendig, dass

  • zwar eine Richtung aber kein klares Ziel vorgegeben wird,
  • die hierarchischen Beziehungen zu den Vortragenden/Moderatoren abgebaut werden,
  • für alle Teilnehmer/-innen ein Flow-Erleben als Gruppe entstehen.

Das war wohl die schwierigste Bedingungen und ich bin mir auch nicht sicher, was die eigentlichen Voraussetzungen für das tatsächlich eingetretene Flow-Erleben am Samstag war. Meine Vermutungen dazu lauten:

  • Die beidem Moderatoren (Christian Kohls und ich) haben selbst unterschiedliche Positionen gehabt und heftig öffentlich unter einander diskutiert bzw. sich gegenseitig kritisiert.
  • Die Teilnehmer/-innen waren sowohl von ihrem akademischen Status als auch von ihren fachlichen Zugängen gemischt zusammen gesetzt.
  • Es gab keinen irgendwie gearteteten Leistungsdruck: Weder war ein Zeugnis zu erwerben, noch sonstwie eine Erwartungshaltung zu erfüllen.
  • Mit der versuchten Übertragung der 15 Struktureigenschaften von Alexander auf die Pädagogik wurde ein bisher unbeackertes thematisches Feld gefunden, das sowohl die inhaltliche und fachliche Kompetenz der Teilnehmer/-innen angesprochen hat aber gleichzeitig auch immer wieder wissenschaftstheoretische/philosophische Fragestellungen eröffent hat.

Dieses Oszillieren der verschiedenen Ebenen war für mich ganz besonders spannend: Auf der einen Seite sind – so glaube ich zumindest in meinem derzeitigen euphorischem Stadium <grin> – wirklich interessante Ergebnisse in diesem Prozess entstanden, auf der anderen Seite wurde ständig über Grundsätzliches nachgedacht, die bisherige/weitere Vorgangsweise in Frage gestellt bzw. reflektiert.



Didaktische Entwurfsmuster: Programm Didaktische Entwurfsmuster: Programm
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Forschungswerkstatt: Didaktische Entwurfsmuster Forschungswerkstatt: Didaktische Entwurfsmuster
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Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von rbauer am 11.05.2009 13:56

Da ich mich bereits im Vorfeld ein wenig mit Christopher Alexander und seinen Gedanken zu einer Pattern Language sowie deren Transferierbarkeit auf Didaktik/Pädagogik beschäftigt hatte, war es für mich ein besonderes Erlebnis, an der Forschungswerkstatt "Didaktische Entwurfsmuster" teilzunehmen.

Dass v. a. der Samstag so produktiv, höchst interessant und spannend verlaufen ist, liegt m. E. am Setting der Werkstatt und natürlich in besonderem Maße an den Teilnehmer/innen:

- Nach den einführenden Vorträgen von Christian Kohls und Peter Baumgartner, einem "visuellen" Experiment sowie Vorüberlegungen und -diskussionen (quasi Input und gleichzeitig Abgleichen des Vorwissens aller Teilnehmer/innen!) konnten am Samstag konkrete Überlegungen zu den die Patterns "zusammenhaltenden" 15 Strukturmerkmalen von Ch. Alexander angestellt werden!

- Alle Teilnehmer/innen konnten sich in "Augenhöhe" begegnen, hierarchisches Denken wurde während des (wissenschaftlichen) Diskurses ausgeblendet. Dies führte m. E. zu dem von Peter Baumgartner zitierten (allgemeinen) Flow!

- Die Teilnehmer/innen stammten aus unterschiedlichen (Fach-)Disziplinen. Gerade im Hinblick auf die Übertragbarkeit der Ideen von Ch. Alexander auf andere Bereiche sehr, sehr wichtig!

Ich hatte während der beiden Tage das angenehme Gefühl, an einer bedeutenden - auch wenn das jetzt etwas lobhundelnd oder gar anbiedernd klingen mag - Reflexion teilhaben zu können, für mich war die Werkstatt gleichsam der Spatenstich für meine weitere (kritische) Auseinandersetzung mit Alexander und der Pattern Community! :-)

Reinhard Bauer

Übrigens, ich gratuliere zum (ausformulierten) Pattern "Forschungswerkstatt"!

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von zauchner am 11.05.2009 22:13

ok, ich gebe es zu: ich hatte kein flow-erlebnis. die forschungswerkstatt war sehr interessant, ich habe es nicht bereut, am freitag und am samstag aktiv teilgenommen zu haben, obgleich meine samstägliche alternative eine durchaus sehr nette gewesen wäre ;-). fairerweise muss ich sagen, dass ich nun noch um ein eckstück skeptischer bin, was den patterns ansatz und dessen sinnhaftigkeit für die didaktik anbelangt. zu simpel und nicht geeignet expertInnen-wissen zu transprotieren die vorliegenden patterns, gleichzeitig wohl durchaus ok für lehre-lernende. zu weit hergeholt/undurchsichtig die 15 strukturelemente um nicht gefahr zu laufen, dass der vorwurf der beliebigkeit entstehen kann. kein durchbruch in der architektur, große anerkennung in der software-entwicklung, der durchbruch steht in der didaktik kurz bevor? nun, wir werden sehen.

zu einem flow-erlebnis gehört für mich, dass ich mich inhaltlich mit der sache identifizieren kann. das war nicht der fall. aber ich habe die beiden tage trotzdem ehrlich genossen, weil wir aus meiner sicht sehr schnell die zentrale spielregel dieser forschungswerkstatt identifiziert und angewandt haben: wir tun für einen definierten zeitraum so, als ob es keine (universitären) hierarchien geben würde. wir tun so, als ob für jeden einzelnen nichts am spiel stehen würde (was de facto ja für niemanden der der fall war - es geht um anerkennung al dissertantIn anerkennung als mitarbeiterIn, anerkennung als kollege/in, anerkennung als fachexpertin/e, anerkennung des neuen formats oder ähnliches). und wir verhalten uns dementsprechend: in der tat sind wir sehr respektvoll miteinander umgegangen, in der tat war es nicht zentral, über viel vorwissen zu verfügen (weil wir insb. im hinblick auf die 15 strukturelemente – dem samstag-thema - sowieso auch lauter anfängerInnen waren/sind), in der tat ging es nicht darum, individuelles in den vordergrund spielen. wir haben es so geschafft, ein thema gemeinsam anzureißen, zumindest phasenweise den anderen aktiv zuzuhören. das gemeinsame lernen/entwickeln war ein schönes erlebnis. ein großer luxus und ich hoffe, wir können ein wenig davon in den alltag rüber retten. auch wenn uns die hierarchien bereits wieder eingeholt haben.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von cczaputa am 13.05.2009 00:03

Auf meinem Weblog findet sich ebenfalls ein Kommentar zur Forschungswerkstatt 'Didaktische Entwurfsmuster' unter http://christianczaputa.wordpress.com/2009/05/01/forschungswerkstatt-ubertragbarkeit-des-pattern-ansatzes-in-die-didaktik/

Noch eine Ergänzung zum Veranstaltungsformat: Die vergangenen Tage überflog ich einige Einträge auf dem lesenswerten Blog von Christian Spannagel 'Chrisp's virtual comments' unter http://cspannagel.wordpress.com/ , die sich mit neuen Gestaltungsformen von Präsenzseminaren bzw. -vorlesungen beschäftigen. Angelehnt an die Unterrichtsmethode 'Lernen durch Lehren' von Jean-Pol Martin und dessen 'Neuronenmetapher' (vgl. Blogeintrag von Lutz Berger unter http://www.lutzlandblog.de/tag/ldl-neuronenmetapher) realisierte Spannagel ein zur Forschungswerkstatt vergleichbares Szenario mit ähnlicher Wirkung. Dieses beschreibt Spannagel wie folgt:

'So. Und dann ist etwas passiert, was ich so niemals vorher geahnt hätte: Die Studenten haben angefangen “wie Neuronen zu feuern” (ich liebe dieses Bild!): “Es gibt Scheitelpunkte bei Funkionen!” – Studentin schreibt “Scheitelpunkt” an die Tafel – “Es gibt auch Extrempunkte” – “Ok, ich schreib das hier unter Scheitelpunkt” – “Sind eigentlich alle Extrempunkte Scheitelpunkte?” – (intensive Diskussion, aber ohne Ergebnis) – “Es gibt auch noch Wendepunkte” – “Was sind jetzt eigentlich Scheitelpunkte” – “Nennt doch mal einen Extrempunkt, der kein Scheitelpunkt ist” – “Was ist eigentlich mit Sattelpunkten?” – “Sattelpunkte sind Wendepunkte” – “Wie sieht denn ein Sattelpunkt aus?” – (Studentin kommt nach vorne und zeichnet einen an, Vergleich mit Wendepunkt) – “Schreib nochmal Monotonie auf” – “Stetigkeit” – “Was ist Stetigkeit?” – “Wenn man die Kurve zeichnen kann, ohne den Stift abzusetzen” – “Muss eine Funktion stetig sein, damit sie monoton sein kann?” – (Diskussion ohne Ergebnis) – “Schreib noch Differenzierbarkeit auf” usw. usw. usw.' (vgl. Blogeintrag unter http://cspannagel.wordpress.com/2009/04/25/neuronen-in-der-vorlesung).

Die grundlegenden Gestaltungsmerkmale solcher Szenarien lauten in Anlehnung an die Neuronenmetapher (vgl. http://www.adz-netzwerk.de/wiki/index.php?title=Benutzer:Jeanpol/Folie_3&oldid=494):

1. Neuronen sind offen und transparent
2. Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
3. Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
4. Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
5. Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
6. Neuronen sind nicht beleidigt
7. Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
8. Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
9. Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

Dass solche Szenarien dennoch eine gewisse Rahmenstruktur und phasenweisen Zusammenfassung, Orientierung, Fokussierung für den gewünschten Lernerfolg benötigen, wird von Spannagel gut beschrieben unter http://cspannagel.wordpress.com/2009/05/02/neuronenvorlesungen-methodische-aspekte/.

Auch wenn ich meine Schwierigkeiten mit der 'Neuronenmetapher' habe, bringt sie doch die grundlegende Idee eines offenen, hierarchiefreien, vernetzten und assoziativen Gedankenaustauschs in ein treffendes Bild, das in Phasen auch für das Veranstaltungsformat der Forschungswerkstatt charakteristisch sein könnte.

Christian Czaputa

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 13.05.2009 09:15

Peter,

du schreibst: "Wie kann ich es erreichen, dass innerhalb der speziellen Bedingungen an der Donau-Universität Krems (DUK) – wo wir dzt. 80% (!) unseres Budgets durch Drittmittel hereinholen müssen – eine Forschungskultur an meinem Department aufgebaut wird?"

Diese Frage definiert einen Anwendungskontext, dessen mustertheoretische Antwort in einer Mustersprache besteht. Wenn die Forschungswerkstatt ein Muster dieser Mustersprache ist, dann geht es darum, dieses Muster zu verstehen, seine Ausprägungsmöglichkeiten zu verstehen und es so an eure Bedürfnisse anzupassen, dass es eine maximale Wirkung entfaltet.

Erste Standardüberlegungen dazu wären:

Um welche Resourcen geht es, wie sind ihre Quellen, Senken, Tranfers etc. beschaffen?

Welche Alternativmuster mit gleichem Effekt, aber anderem Anwendungsspektrum existieren?

Welche Anschlussmuster sind notwendig oder können die Wirkung der FORSCHUNGSWERKSTATT verstärken?

Insgesamt scheint es mir um Aussagen zu gehen wie: "Liebe Studenten, wir wollen euch nicht nur etwas beibringen, sondern wir brauchen euch als Partner und Forscher. Ihr sollt ein tiefes Interesse für unsere Themen bekommen. Das ist die Grundlage für die Entwicklung eurer forscherische Kompetenzen, die ihr als Berufsgrundlage braucht, die jedoch für uns genauso lebensnotwendig sind ..." (Prozessprinzip: WHIRL OF PATICIPATION ?)

Mustertheorie liefert zu einem solchen Themenkomplex einen großangelegten Rahmen von Begriffen und Standardüberlegungen struktureller, prozessualer und systemischer Art. Hier scheint mir der wesentliche Wert der Mustertheorie zu liegen. Ich glaube, Ralf hat gemeint: was ist falsch einfach Muster zu sammeln. Anwort: nichts ist falsch daran, es schöpft das Potenzial der Alexanderschen Denkweise nur zu 1% aus (so als würde man Musik nur einstimmig in C-Dur und im 4/4-Takt spielen).

Liebe Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 13.05.2009 12:10

Das mit der Mustersprache habe ich zu kurz gefasst. Ich meine damit, dass vermutlich 20-30 Muster erforderlich sind, um eine Forschungskultur zu etablieren.

Ein Muster müsste dabei nichts völlig Neues sein, sondern es könnte auch bestehende Veranstaltungsformate (SPT Prozessprinzip: Structure Preserving Transformation) adaptiert werden.

Ein Muster könnte aber etwas völlig Neues sein, etwa eine jährlich vergebene "Jungforscherauszeichnung".

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 13.05.2009 19:05

Hallo Helmut,

1% und wozu sind die 99% nützlich? Muss ich um ein Fahrrad fahren zu können, den Verkehr der Welt verstehen, planen und verbessern können, da das Fahrrad ein Teil des Verkehrs ist? Sicher nicht.

Welchen Nutzen generieren Alexanders 99% Philosophie für die Entwicklung, Gestaltung und Nutzung von pädagogischen Pattern?
Im Kontext der Ausbildung können sie sicher eine zweckdienliche Haltung für die Aufgabe der Erziehung und Bildung darstellen. Damit wird es aber zum Überbau einer Ausbildung. Was passiert nur mit dem, der schon eine praxisbewährte Haltung hat? Will und muss ich ihn mit Alexanders Denken im Spätwerk konfrontieren? Lassen sich Werkzeug und Philosophie hier trennen?

Wie wird ein Handlungsmuster daraus, die Philosophie in den Mustern wieder auftreten zu lassen, so dass die Arbeit an Mustern Stolpersteine zum Weiter-darüber-nachdenken enthält? Oder machen wir ein auch für sich hilfreiches Werkzeug zu kompliziert und damit praxisuntauglich wenn wir es zwanghaft verkoppeln mit Denkstrukturen?

Sorry, wieder nur Fragen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 14.05.2009 10:00

Hallo Ralf,

deine Fragen sind nicht nur berechtigt, sondern fordern eine hochspannende Auseinandersetzung mit Sinn und Zweck von Mustern heraus. Ob ich in der Kürze hier befriedigend antworten kann, weiß ich nicht, aber ich versuchs mal.

Zunächst: Jemand, der eine bewährte Praxis hat (als Systembenutzer~Fahrradfahrer oder Gestalter~Komponist), mit dessen status-quo er zufrieden ist, der braucht keine Muster oder mustertheoretischen Betrachtungen. So wie er auch keine Naturwissenschaft~Physik~Akkustik braucht. Wer kann Nutzen ziehen: primär alle, die etwas verändern wollen, also Gestalter, Innovatoren, Berater, Führungskräfte, Wissenschaftler. Der selbstzufriedene Radfahrer ist nicht in der Rolle des Innovators.

Muster/Mustertheorie kann selbst als ein Muster verstanden, als ein optionales Artefakt (Modell, Mittel des Verstehens), das nur in bestimmten Kontexten~Anwendungszusammenhängen nützlich ist. Der Nutzen kann sich in unterschiedlicher Weise ergeben, es kann aber jemand für sich persönlich sagen "ich brauche keine Muster, mir nützen sie nichts" oder "mir genügen isolierte Musterbeschreibungen bestimmter Ausprägung". Das ist völlig berechtigt. Gleichzeitig kann aber jemand anderer in einer anderen Situation besten Nutzen aus mustertheoretischen Tiefenbetrachtungen ziehen. Im Grunde ist das schon eine Sichtweise der Mustertheorie, die nicht im einfachen Musterbegriff liegt: dass es um individuelle Entscheidungen und persönliche Autonomie geht und nicht um Generalbewertungen und Vorschreibungen.

Typisch wären die komplexe Entscheidungssituationen über Kommunikationstechnologien (Email, Foren, Wikis, Blogs, Moodle, Plattformen, ...) mit dem Ziel eines optimalen Medienmix. Die Frage "Ist ein Blog besser als ein Wiki" wäre falsch gestellt. Erst, wenn die Anwendungssituation bekannt ist, kann jemand~Berater mit dem relevanten Anwendungswissen eine z. B. Empfehlung abgeben. Man könnte dieses relevante Anwendungswissen in eine Musterbeschreibung packen und gute Entscheidungen zu unterstützen.

Oft kommen aber die Beschreibungen nicht aus einem wissenschaftlichen, sondern aus einem Eigeninteresse und dann sind sie der Sache (dem Anwender) nicht maximal dienlich. Ein Werbeprospekt ist im Grunde eine solche "denaturierte" Musterbeschreibung: "wir haben hier das fantastische Produkt X, das ihr Problem löst, das nur Vorteile hat und alternativenlos ist". Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es ist nicht als objektive Wissensvermittlung anzusehen. Es gibt viele andere Fälle: wo Wissen nicht offengelegt wird. Man will Lust machen, aber sein Wissen nicht preisgeben. Mustertheorie kann auf die Lücken aufmerksam machen. Das kann auch unangenehm sein.

Musterautoren haben auch Freude daran Muster zu eignen, so dass die Abgrenzung und Begründung der Eigenwüchsigkeit mehr Bedeutung hat, als eine Darstellung von systemischen Zusammenhängen. Im Zusammenhang des Publikationszwanges wird sich dieser Effekt wahrscheinlich verstärken, wenn Musterbeschreibungen als Publikationsformat akzeptiert werden. Gibt es schon das "Journal of Educational Patterns"?

Ein anderes Problem, das die Beschreibung von Mustern negativ beeinflusst, ist mir in ideologisch-politischen Zusammenhängen aufgefallen. In dem Augenblick, wo Muster gehyped werden, möchte man das "Gütesiegel Muster" auf nur auf Dinge kleben, die man propagiert. Es ist dann "booh", wenn Muster beschrieben werden, die ideologisch abgelehnt oder auch nur ideologisch neutral sind.

Insgesamt muss Alexander natürlich froh sein (und ich bin als Proponent/Buchautor auch froh), wenn das Thema Muster überhaupt ins Blickfeld kommt, auch wenn das - vermutlich unausweichlich - mit einer Veroberflächlichung verbunden ist. Trotzdem ist es genauso unausweichlich, dass es Leute geben wird, die ein tiefergehendes Verständnis einfordern oder eine tiefergehende Beschäftigung unterstützen.

Prognose: Ich glaube, dass es eine Musterwissenschaft geben wird, die von den Auswirkungen und der Bedeutung mit der Naturwissenschaft zu vergleichen sein wird. Vielleicht dauert das 40 Jahre, vielleicht 200 Jahre. Es geht um eine wissenschaftliche-systemische Neuinterpretation aller sinntragender Artefakte mit einer nachvollziehbaren Methode und entsprechenden Einsichten. In der Folge wird es eine "zweite Alphabetisierung" an Hand dieses mustersprachlichen Kulturwissens geben. Menschen werden sich bewusst werden, dass Muster ihre Handlungsoptionen sind und dass alle Muster als kulturelle Atrtefakte zur Disposition stehen.

Zurück zu den Mustern: So wie ein Naturwissenschaftler nicht sagen kann "ich kümmere mich nicht um Messungergebnisse und Reproduzierbarkeit" wird ein Musterwissenschaftler nicht an den formalen mustertheoretischen Anforderungen verbeigehen könnnen. Es wird jedoch einige Jahre dauern, bis sich das geklärt hat. Ein Großteil davon ist jedoch jetzt schon absehbar.

Entschuldige, dass ich vom Hundersten ins Tausendste komme bzw. es nicht schaffe, mich kurz zu fassen. Für mich ist das wie ein riesiges Puzzle, das erst im Gesamtbild, aber nicht aus Einzelsteinegruppen heraus beeindrucken kann.

Herzliche Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 16.05.2009 10:22

Ralf, es tut mir leid, dass ich nicht konkret genug auf deine Frage nach den 99% geantwortet habe.

(1) Mustersammlungen orientieren sich oft an einem oberflächlichen Verständnis, das in formalen Anforderungen an den Formularaufbau und die Inhalte mündet. Die Mustertheorie liefert mehr Verständnis, wozu das Ganz sein soll, nämlich zur Wissensvermittlung für Gestalter/Gestaltungsprozesse. Wenn man das statt formaler Regeln im Hinterkopf hat, werden die Ergebnisse besser.

(2) Das Potenzial des Kontext/Anwendungszusammenhanges wird meist nicht genutzt. Benutzer und Autoren sind verwirrt, was sie unter Problem und was sie unter Kontext schreiben sollen. Inhahlt sind oft redundant und schwimmen hin und her. Der Sinn der Kontext ist die Bezeichnung einer bestimmten Gestaltungsituation, um dem Musterinteressierten den Zugang erleichtert, er ist keine weitere Beschreibung. Diese Kontexte solten der Community definiert werden, z. B. "Gestaltung einer Schulunterrichtsstunde in der Grundschule", "Gestaltung von Lernmaterialien", "Gestaltung eines Universitätslehrganges", "Gestaltung eines Workshops", "Gestaltung einer Eltern-Lehrer-Schüler-Community" usw. Vermutlich gibt es mindest 50-100 solcher pädagogischer Anwendungszusammenhänge=Kontexte. Erst ein gezielter Aufbau von zugehörigen Mustersammlungen und Mustersprachen ermöglich dem Gestalter erst den effizienten Zugang zu den Mustern, die seiner aktuellen Gestaltungsaufgabe nützen.

Alles andere endet entweder in einer Art "interessant schmeckendem Eintopf", oder einem "erbaulichen Promenieren durch eine Gemäldesammlung" o. ä., aber nicht in der Unterstützung erfolgreicher Prozesse. Das ist natürlich auch das Problem von "A PATTERN LANGUAGE", das vielerlei angerissen, aber nichts überzeugend zu Ende geführt ist.

(3) Entisolierung. Muster sind oft isolierte Werke, sie sollen aber im System eingesetzt werden. Wie kann man erreichen, dass sie zusammenpassen und sich ergänzen? Man braucht sicher eine gemeinsame Fachsprache, zumindest innerhalb eines Kontextes, um den Leser nicht zu verwirden. Und Muster können nach verschiednen Perspektiven geordnet werden: Hierarchisch, als Anschlussmuster, als Alternativen, in Bezug auf kybernetische Zusammenhänge (Ziele, Kräfte, Materialflüsse) und so weiter.

In diesen Ordnungsprozessen kommt es zu Problemen wo Begriffe oder Muster nicht zusammenpassen, wo es Reibung gibt an Ecken und Kanten. Aus dieser Arbeit, die Passungen zu finden, entsteht eine große Anzahl produktiver Anstöße.

(4) Betrachtung der Muster in den Strukturen. Jetzt sind wir bei den Lebenseigenschaften. Wie wirkt das Muster, welche Eigenschaften werden ausgeprägt? Deckt sich das mit gestalterischen Zielsetzungen? Ist das gefühlsmäßig als Fortschritt wahrnehmbar?

(5) Betrachtung der Muster im Zusammenhang der Prozesse. Wann ist welches Muster am Platz? Welche Sequenzen können als natürlich fortschreitend verstanden werden? Wie passt das mit den Prozessprinzipen (der Effizienz, der Revesibilität, der Partizipation etc) zusammen?

Insgesamt geht es also darum, Muster in verschiedenste ganzheitliche Perspektiven zu bringen und ihre Qualität schrittweise zu prüfen und zu verbessern, so dass ihre Anwendung verstanden wird und erleichtert wird.

lg Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 16.05.2009 17:32

Sorry, aber jetzt wird es sehr lang.


In dieser Woche bin ich bei Michael Mehaffy (http://www.tectics.com/Mehaffy_Paper_Archive.htm) auf drei Aufsätze gestossen, die für mich sehr erhellend waren.

Michael Mehaffy (http://www.tectics.com/page4.html) hat sehr eng mit Alexander zusammen gearbeitet. Der Schwerpunkt lag dabei in Quartierentwicklungsprojekten (ich nutze den Begriff, da er den Gedanken der Sustainable Neighborhoods) für mich am besten trifft. Die Interpretation von Stadtentwicklung als Quartierentwicklung, die die sozialen Dimensionen betont, ist für mich für das weitere Verständnis von Alexanders Gedankenwelt sehr wichtig.

Hier kurz die drei Aufsätze:

Michael W. Mehaffy, Notes on the genesis of wholes: Christopher Alexander and his continuiing influence, in Urban Design International 2007 12, 41-49 (http://www.palgrave-journals.com/udi/journal/v12/n1/abs/9000182a.html)
Sehr kurz und knapp aber zugleich anschaulich wird hier die Entwicklung von Alexanders Gedankenwelt und seine Rezeption dargestellt. Dabei zeigt er auch auf, dass Alexander feststellen musste, das die Anwendungder veröffentlichten Pattern nicht automatisch zu besserem Design führt. Alexander war "disturbed to find that many of the designers inspired by the book produced crude work (...)" (p. 45)
Am Ende (p.49) erwähnt er, Alexander konzentriere sich nun wieder ( was zuletzt von ihm vernachlässigt wurde) auf "developing a new kind of code, as a kind of generative design tool.". Das ist ein "local 'operating system' that guides design und construction through an integrated design-build process". Eine Betaversion findet sich auf der Webseite http://www.livingneighborhoods.org/ht-0/bln-exp.htm. Hier wird auch ein Workbook angekündigt.
Interessant ist, dass ein (für mich neuer) Begriff auftaucht: "Generative Code"

Damit befasst sich Mehaffy in From Pattern Language to Generative Codes: A Report on The Work of Christopher Alexander and Colleagues, and Its Application to the Regeneration of Tradional Settlements (http://www.intbau.org/india/Downloads/indiantraditions/Michael_Mehaffy.pdf)
Generative Code ist - so verstehe ich es - das im Samen bereits enthaltene Muster für den späteren Baum (unfolding) im Sinne von Entwicklungs- und Prozessschritten. Für den Designer bedeutet dies, dass seine Arbeit nicht nur Design und Konstruktion, sondern auch Wartung und Reparatur, also Verantwortung im gesamten Lebenszyklus umfasst.

Schließlich beschreibt der dritte Aufsatz von Alexander, Mehaffy u.a. von 2005 Generative Codes, The Path to Building Welcoming, Beautiful, Sustainable Neighborhoods (http://www.livingneighborhoods.org/library/generativecodesv10.pdf) ein konkretes Modell und die Rolle der Designer im Prozess der Quartiersentwicklung.

Diese drei Aufsätze erlaubten mir einen Blick auf Alexander in seinem Kontext von Regional-, Stadtteil- und Quartierentwicklung. Mir wurde hier seine Beeinflussung durch die Diskussion in den 60er/70er Jahren sehr klar. Eine seiner ersten immer wieder zitierten Arbeiten 'A City is not a Tree' (1965) wendet sich gegen eine hierarchische lineare Sichtweise und setzt ein komplexeres vernetztes Bild der Zusammenhänge dagegen (schön visualisiert in: Notes on the Genesis of Whole (p. 42-44)).

Mitte der 60 er Jahre wird in der Stadtentwicklung nach und nach klar, dass Reissbrettplanungen zu toten Städten (Gegenbegriff zu lebendig) führen. In den 70er Jahren entwickelt sich in der Architketur und Planung auch in Deutschland ein anderer Ansatz, der mehr Partizipation fordert, Bürgerinitiativen entstehen lässt und Hausbesetzungen auslöst.
(Berlin: SO36, Köln: Veedelsinitiativen, Hausbesetzungen in Zürich und Berlin, Zeitschrift arch+, Aachen). Methodisch entstehen Modelle wir die Planungszelle (Uni Wuppertal, Dienel) Zukunftswerkstatt (Jungk).

Die damals auch in Deutschland bei vielen freien Planungsbüros entwickelten Handlungsmuster (Vorgehensweisen) sind sehr ähnlich dem was in "generative Codes" formuliert wird. (Rolle des unabhängigen Planers, (Un-)Abhängigkeit von Kapitalinteressen (Investor, Bank))

Es gibt übrigens in Deutschland bis heute eine ganze Reihe von Ansätzen, die dies weiterführen (kleine neue Wohnungsbaugenossenschaften, versch. Wohnbauprojekte z.B. in Freiburg), etc.). In den 70er/80er Jahren hat es in der Sozialarbeit vergleichbare Ansätze unter dem Stichwort "Aktivierende Gemeinwesenarbeit" gegeben.

Alexanders Begriffe sind m.E. sehr eng an den Kontext "Stadtentwicklung" gekoppelt. Vor dem Hintergrund der drei Aufsätze versuche ich nun für mich eine Rekontextualisierung, die den Bildungsbereich einbezieht (wobei man den natürlich auch als Teil von Stadtentwicklung verstehen kann, da der größteTeil der Bild in einem städtischen Umfeld stattfindet. Angelsächsische Hochschulen sind häufig eigene Quartiere (campus).

Muster (Pattern): Im Unterricht gibt es jede Menge kleinster Pattern und ich tendiere immer mehr dazu schon kleinste Elemente als wiederkehrende Muster zu interpretieren, da diese den Nutzen gerade für den Einsteiger erhöhen. Beispiele:
- Die Schulglocke signalisiert Anfang und Ende der Stunde und damit Grenze zwischen eigenverantwortlicher und zumeist lehrerverantworteter Zeit (Bedeutung).
- Der Lehrer signalisiert durch seine Ausdrucksweise (lauter oder leiser redend oder Schweigen, dass er Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wünscht).
- Unterricht fängt morgens um 8.00 Uhr an und nicht Mittags um 14.00 Uhr.
- Es gibt eine Klasse, die zusammen lernt, statt jeder für sich. 'Klasse' ist übrigens interessant, da der Begriff eine soziale Einheit genauso wie einen Ort (Klassenraum) bezeichnet und für den Softwareentwickler, Biologen oder Mathematiker eine völlig andere Bedeutung hat (Kontextabhängigkeit ).
Dies sind beobachtbare Verhaltensweisen und somit Pattern, die etwas in einem Kontext bedeuten und hoffentlich bewirken.

Mustersprache (pattern language): Ich denke der Begriff 'Mustersprache' ist unglücklich gewählt. Ausgehend von einer anthropologischen Betrachtungsweise drücken Begriffe einer Sprache sozial geteilte Bedeutungen (siehe 'Klasse' oben) aus. Diese machen eine Verständigung erst möglich, da der Begriff Klasse in der Schule einheitlich verstanden wird.
Das Muster 'Klassenverbund' oder 'Schulglocke' wiederum ist Ergebnis einer bewährten Problemlösung. Bei einer Musterbeschreibung fragen wir in der nachträglichen Dekonstruktion der Bedeutung der beobachteten Muster nach dem Sinn. Das wäre die Frage: Welches Problem wird damit gelöst?
Pattern language ist damit die in einem Kontext (Satz) gemeinsam geteilte Bedeutung/Funktion des Begriffs.
Die 'Schulglocke' mit der Signalisierung einheitlicher Zeiteinheiten (45 Minuten) wiederum kann in bestimmten Kontexten auch zum Problem werden (Zeitstrukturierungsproblem im Unterricht, Forderung nach größeren zusammenhängenden Lernzeiten). Grenzprobleme wenn der Lehrer überzieht und damit den Freiraum (Pause) beschneidet. Daraus ergibt sich der evolutionäre Charakter der Muster, die sich permanent weiter entwickeln (sollen). Genauso die Forderung der Rückholbarkeit, Veränderbarkeit (von Helmut deutlich hervorgehoben).

Die Benutzung der Muster durch eine Ausdrucksweise ist sozial geteilt. Also gibt es dahinter stehende Annahmen, die in einem Kontext von Vielen gefordert werden. In der Stadtentwicklung wird hervorgehoben, dass verschiedene Nutzergruppen zusammengebracht werden sollen und sie gemeinsam getragene Anforderungen definieren und diese zur Grundlage der weiteren Planung werden bei der sie wiederum aktiver Teil sind.
In der Bildung tauchen solche Ansätze auch auf, z.B. Teile der von Hartmut von Hentig für die Laborschule entworfenen Didaktik oder Illichs Forderung des Deschooling. Sicher gibt es hier weitere. Ich habe das noch nicht weit genug durchdacht.
Die gemeinsam in einem Aushandlungskontext, jedoch nicht gesamtgesellschaftlich, geteilten Werte (values) sind Grundlage für die Umsetzung, das Design.
Für die Stadtentwicklung ist dieser Aushandlungsprozess der zentrale Punkt des Designers. Wo ist diese Rolle im Bildungswesen?

Eine weitere Abstraktion solcher Gemeinsamkeiten führt nun zu den nachvollziehbaren Eigenschaften. Klasse= Grenze, Klasse = Starkes Zentrum, Klasse = Teil von Schule (viele Klassen) = Starkes Zentrum, etc.

Die Kombination vieler Muster berücksichtigt nun viele Eigenschaften und eine kaum fassbare Anzahl von Ausprägungen. Dabei enstehen Spannungen durch Widersprüche.

Mein Lieblingswiderspruch ist derzeit der zwischen selbständiger Schule und Zentralprüfungen. Selbständige Schulen sollen sich individuell profilieren (Budgets, Lehrereinstellungen, Aufhebung der Schulbezirke, Wettbewerb). Zentralprüfungen führen zu verstärkten Vorgaben für den Unterricht. Zur Vermeidung von Klagen gegen Prüfungsergebnisse, weil der Prüfungsstoff im Schulbuch/Unterricht nicht vermittelt wurde, werden wieder Schulbuchprüfungen eingeführt, da Lehrern 'nicht zu trauen' ist, dass sie die Curricula umsetzen und verinnerlichen. Der Lehrer soll über das Schulbuch hin zur Umsetzung der Kernlehrpläne gebracht werden. Damit das Schulbuch wenigstens korrekt ist muss es genehmigt werden.
Ministeriell liest sich das so: "Schulen brauchen Gestaltungsspielräume. Nur dann kann der Unterricht den jeweiligen Voraussetzungen der Lernenden gerecht werden. Im Mittelpunkt der Erneuerung der Schulen steht daher die eigenverantwortliche Schule. Sie legt selbst die Ziele der innerschulischen Qualitätsentwicklung fest und entscheidet, wie die grundlegenden Vorgaben des Schulgesetzes erfüllt und umgesetzt werden. Dennoch bleibt auch die eigenverantwortliche Schule in staatlicher Verantwortung. Notwendig sind allgemein verbindliche Orientierungen über die erwarteten Lernergebnisse und regelmäßige Überprüfungen, inwieweit diese erreicht werden." (http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/lehrplaene/)

Die Spannungen führen in Bildungssystemen zu Transformationen. Je nachdem welche Eigenschaft gestärkt/geschwächt werden soll in einem Kontext ergeben sich unterschiedliche Transformationsprozesse, Leidensprozesse, Organisationsentwicklungsprozesse.

Der Generative Code ist nun eine Art Handlungsanleitung im Sinne einer notwendigen Reihenfolge zur Herstellung einer nachhaltig belastbaren (fabric) im Unterschied zu einer nur dekorativen (tapestry) sozialen Struktur in einem Bildungskontext (siehe Aufsatz 'Generative Codes' (p.2). Bezogen auf eine Schule verstehe ich dies als Unterschied zwischen einem beschlossenen und einem anschließend gelebten Konzept der Unterrichtsentwicklung.

Ich komme damit auch zu einer Neubewertung der Frage 99% vs. 1%.

Wir finden sicher unterschiedliche Rollen im Bildungsystem. Der lernende Lehrer muss die Pattern (1%) und die Dekodierung derselben Pattern Language = 25 %) kennen, da einfache Aneinanderreihung von Pattern nicht zu einem reflektierten sinnvollen Unterricht führt.

Der Prozessgestalter (Schulleiter, Fortbildner, Ausbilder, Organsiations- Systemberater) müsste nun jedoch auch die restlichen 74 % kennen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 16.05.2009 18:31

Gerade gefunden.

Alexander hat selber einen kurzen (21 Seiten) Überblick über "The Nature of Order" verfasst.
http://www.katarxis3.com/SCIENTIFIC%20INTRODUCTION.pdf

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 17.05.2009 09:53

Ralf, danke für die Links.

Zu deinem langen Posting kann ich mich jetzt wirklich mal kurz fassen: Bingo !

Liebe Grüße,
Helmut

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 17.05.2009 15:08

Hallo Helmut,

danke für dein 'Bingo'.

Die Scientific Introduction ist wirklich eine Fundgrube und gut zur Vorbereitung.
Ich habe inzwischen auch den ersten Aufsatz "A city is not a tree" (1965) gefunden und dazu ein Video von Mehaffy. (http://dialoge.info/b2/index.php/2009/05/17/uebersicht-ueber-die-buecher-von-christo?blog=10)

Um hier den Blog nicht über zu strapazieren habe ich nun ein eigenes System aufgesetzt in dem ich meine Fundstellen, Eindrücke, Fragen und Schlussfolgerungen hinterlassen will: http://dialoge.info/b2/index.php?blog=10

Mitwirkende sind eingeladen. Vielleicht ist das auch ein Weg um Peters Idee die Diskussion in einem anderen Medium weiter zu führen.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von mandergassen am 18.05.2009 10:51

Noch ein Kommentar zur Forschungswerkstatt:
Flow Erlebnis: ja, für mich absolut. Viele mögliche Ursachen wurden hier bereits diskutiert. Dieser Analyse möchte ich noch den Raumwechsel hinzufügen - anfangs als notwendiges Übel erachtet, schaffte dies m.M. nach eine verdichtete Athmosphäre und damit überhaupt erst die Voraussetzung einer intensivierten Diskussion am Samstag (übrigens finden sich auch hier einige Struktureigenschaften Alexanders wieder).

Der Grundstein wurde womöglich gar schon am Freitag während des Experimentes gelegt - schlägt doch jedes Forscherherz höher, wenn unerwartete Ergebnisse eintreten ;-)

Ich persönlich fand am Samstag viele Anknüpfungspunkte an meine Praxis als Lehrende, wodurch ich mich offen auf die Diskussion einlassen konnte. Ich fand dabei spannend, einmal einen völlig anderen Blick auf die Seminargestaltung zu werfen, der nicht in erster Linie von Inhalten, Lerntheorien und ("klassischem") didaktischen Design geprägt ist, sondern auf das Ganzheitliche, oder wenn man so will, auf Lebens(raum)gestaltung fokussiert. Lebendigkeit des Lehrens und Lernens. Tatsächlich haben mich Gedanken und Erkenntnisse aus der Forschungswerkstatt während eines Workshops am vergangenen Wochenende begleitet. Und zumindest ich konnte mein Gesür für Lebendigkeit etwas schärfen.

Es bleiben natürlich viele Fragen offen. Sind es genau diese 15 Struktureigenschaften, die Leben beschreiben? Alexander legt sich ja nicht fest. Und selbst wenn, was sind die Potentiale und Grenzen für die Pädagogik? Wie in das breite Feld einordnen, der Blick aufs Ganze,...? Und vieles mehr. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema steht bei mir nicht an, und so schätze ich die Forschungswerkstatt als einen spannenden gedanklichen Ausflug und Austausch, der zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet.

Monika Andergassen

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von chrisimweb am 19.05.2009 21:38

Puh, so viele gute und spannende Kommentare! Ich habe in den letzten Tagen an meinem Beitrag für die nächste Pattern Languages of Programs (PLoP) gesessen und bin erst jetzt zum lesen gekommen.

@Helmut: Ich stimme Deinen Ausführungen im wesentlichen zu. Wenn es um das Verständnis von Mustern (im praktischen Sinne) geht liegen wir glaube ich gar nicht weit auseinander. Ich bewerte nur die Eigenschaften und die Formobjektivität etwas anders. Dies liegt einfach daran, dass mir „Echos der Vergangenheit“ als zentrale Eigenschaft bei der Formerkennung fehlt und diese Vergangenheitslinie eben zu subjektiven Unterschieden führen kann. Mir ist durch die tiefere Auseinandersetzung aber immer mehr klar geworden, dass die Eigenschaften letztlich den Formzusammenhalt, d.h. die Ganzheitlichkeit oder Vollkommenheit einer Gestalt, betreffen. Die Lebendigkeit bezieht sich für mich vor allem auf den Entfaltungsprozess. Ob der Begriff der Lebendigkeit dem der Ganzheitlichkeit oder der Qualität ohne Namen vorzuziehen ist, bin ich mir nicht ganz sicher.

Muster sind selbst ein Muster:
Dem stimme ich voll zu; der Musteransatz passt nur zu bestimmten Kontexten und die Entdeckung von und die Entwicklung mit Mustern ist eine Lösung von Problemen bei der Gestaltung. Das Pattern-Pattern, allerdings für SW-Muster kontextualisiert, findet sich hier: http://hillside.net/patterns/writing/patterns.htm#2.0

Journal of Edcuational Patterns:
Gibt es noch nicht, aber auf den EuroPLoPs gibt es regelmäßig einen Workshop zu pädagogischen Mustern. Es wird ein Special Issue zu „E-Learning Patterns“ des Journals „Computers in Human Behavior“ geben, es folgt ein Workshop-Band des E-Learning-Pattern-Workshops und von Goodyear & Retalis kommt demnächst auch noch ein Buch soweit ich weiß. Für SW-Patterns gibt es erst seit 2 Jahren ein eigenes Journal: http://hillside.net/tplop/

Hype:
Hier sehe ich auch die größte Gefahr, dass man überall einen Muster-Button draufklebt. Als der Ansatz sich im Bereich der SW-Designs ausbreitete galt der Grundsatz „Don’t Hype“.


Prognose: Musterwissenschaft
Ich gehe auch davon aus, dass Muster in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden – inwieweit da Alexander eine Rolle spielt weiß ich nicht. Aufgrund des großen Impacts in den Bereichen SW-Design, Architektur und GUI-Design liegt die Vermutung nahe. Allerdings sind Theorien auch nichts anderes als Muster (und Muster sind Theorien). Das Besondere sehe ich im methodischen Ansatz der Musterentwicklung und vor allem der Explizierung der Forces. Die Bestandteile Kontext und Lösung sind ja nichts anderes als übliche Hypothesen: Wenn KONTEXT dann LÖSUNG. Neu ist dabei das WEIL Forces. Die Wirkkräfte des Kontexts erfordern eine Lösungsform, die diese Wirkkräfte ausbalanciert (ihr also Kräfte entgegensetzt).

Mustersammlungen:
Muster, die nicht Teil einer Sprache sind, müssen ausführlichere Kontext und Lösungsbeschreibungen haben, da weder im Kontext noch im Lösungsteil auf andere Muster zurückgegriffen werden kann. Isolierte Muster müssen aber nicht schlechter sein, denn durch eine gute Kontextbeschreibung wird dieses Problem gerade umgangen.

Ordnung von Mustern
Eine ausführliche Diskussion der Kategorisierungsmöglichkeiten für Muster findet sich in:
„Pattern Oriented Software Architecture 5: On Patterns and Pattern Languages“ von Frank Buschmann, Kevlin Henney, und Douglas C. Schmidt

LG,
Christian

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von chrisimweb am 19.05.2009 21:44

@Ralf: Auch von mir ein Bingo!
Mir gefallen die Musterbeispiele sehr gut.

Ich verstehe Muster auch als Begriffe, Kategorien oder Formklassen. Ein Muster meint ja nichts anderes als eine wiederkehrende Form bzw. eine wiederkehrende Struktur. Genauer gesagt: eine Form oder Gestalt ist eine zusammenhängende Struktur. Man könnte auch sagen: das Muster ist die Form der Struktur. In „Nature of Order“ kommt der Musterbegriff nur noch selten vor, da er durch den Begriff der Zentren (oder starken Zentren) ersetzt ist. Ich denke, der Grund liegt darin, die non-separateness zu betonen, dass also ein Muster zwar eine zusammenhängende aber nicht ganz isolierte Struktur ist. Eine Schulglocke oder eine Schulklasse bilden zwar eigenständige Formen oder Gestalten, sind aber gleichzeitig mit ihrer Umgebung (Kontext) verbunden. Letztlich hängt alles mit allem zusammen, aber einige Dinge – die Zentren – hängen stärker zusammen. Formen entwickeln sich und interagieren mit ihrer Umwelt.

Bei der Gestaltung von Formen geht es selbstverständlich darum, gute Formen zu finden. Diese Wohlgeformtheit kann durch bestimmte Kriterien, z.B. Alexanders Lebendigkeitseigenschaften, erzeugt oder gestützt werden. Ein wesentliches Kriterium war dabei – vor allem in Alexanders früheren Werken – dass eine Form zu ihrem Kontext (der Umgebungsform) passen muss. Der Kontext gibt quasi die Entstehung der Lösungsform vor und zwar weil das Problem (Wirkkräfte) im Kontext zu finden ist.

Alexander verwendet den Musterbegriff sowohl für Einzellösungen („Notes on the synthesis of form“) also auch für wiederkehrende Lösungen („A Pattern Language“). Dies ist durchaus kohärent, denn wenn wir von Lösungsform sprechen, dann können wir damit ja auch die Form einer Einzellösung oder eine Formkategorie (z.B. Unterrichtsform, Veranstaltungsform) meinen.

Es geht bei Mustern also um die Gestaltung von Formen – oder die Formierung von Gestalten. Die Begriffe sind austauschbar weil ich auch sagen könnte: es geht um „die Gestaltung der Gestalt“ oder „das Formen der Form“.

Der Musteransatz beschreibt dabei jedoch nicht nur die Form oder die Gestalt sondern auch:
- in welchen Kontext die Gestalt passt
- die Ursache bzw. den Grund, warum eine Form eine Problemlösung darstellt (Erörterung der Kräfte, die eine Form bilden)
- wie diese Form wirkt: die Wirkung der Form balanciert die (problematischen) Wirkkräfte des Kontexts aus.

Es geht also nicht nur nicht nur um die Form sondern auch die In-Formation, also z.B. nicht nur die Form des Hammers, sondern den Hammer-als-Werkzeug.

Wann immer irgendwo ein Formbegriff verwendet wird (Vorlesungsform, Interaktionform, Klausurform) handelt es sich bereits schon um ein Muster, allerdings nur dessen Formkomponente. Worin für mich der Nutzen des Ansatzes besteht ist die Explizierung der Form (was genau verstehen wir unter einer bestimmten Form), die Kontextualisierung der Form (wann genau passt eine Form?) und vor allem die Begründung der Form (welche Kräfte machen die Form erforderlich).

Für mich geht es somit nicht nur um die Kategorie oder Klassifizierung einer Form
sondern ebenfalls um ihre Bedeutung und ihren Sinn.

Damit sind für mich die Kernpunkte, die für den Musteransatz sprechen:

- WAS (Form der Lösung): Austausch und Vermittlung erfolgreicher Formen (das Rad nicht neu erfinden)
- WIE (Erzeugung der Lösung) : Wie erzeugt man selbst solche Formen (Plan oder Entfaltungssequenzen)? Hieraus leitet sich ein bestimmtes Abstrahierungsniveau ab, das zwar Gestaltungsfreiräume (Anpassbarkeit) aber keine Beliebigkeit zu lässt
- WARUM (Grund und Ursache der Lösung): Was ist der Sinn einer Gestaltungsmaßnahme, wieso mache ich etwas auf eine bestimmte Art, welche Erfordernisse werden erfüllt?
- WANN (Angemessenheit der Lösung): In welchen Situationen ist die Gestaltungsmaßnahme erforderlich UND überhaupt möglich?


Die inverse Reihenfolge (was gibt es, wie erstelle ich es, warum erstelle ich es und wann kann es eingesetzt werden) ist typisch für die Analyse beim Pattern Mining, denn dabei geht man von den existierenden Lösungen aus. Ich könnte z.B. schneller erklären, was eine Vorlesung ist als die Gründe für eine Vorlesung nennen.

Bei der Anwendung von Mustern oder der Entwicklung von neuen Formen (die sich als Muster etablieren können) geht man genau umgekehrt vor: Von der Situation ausgehend analysiert man die Wirkkräfte und kommt dann zu einer Lösungsform, die man umsetzt.

Das ist natürlich prototypisch, in Wirklichkeit geht es immer vorwärts und rückwärts :-)

LG,
Christian

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von ralfhilgenstock am 22.05.2009 09:58

Hallo Christian,

ich nähere mich Alexander ja bisher eher über Sekundärliteratur und kurze Aufsätze von ihm. Als nächstes steht 'Timeless way of Building' auf meinem Leseplan.

Beim Lesen des Interviews von David Creelman mit Christopher Alexander (veröffentlicht in www.hr.com) und Alexanders Kommentar dazu in der Scientific Introduction fällt auf, dass er z.B. einen beschränkten Einblick in die Diskussion im Bereich Management und Systemische Beratung hat.

Die Arbeiten von Ulrich/Probst (Anleitung zm ganzheitlichen Denken und Handeln (nur deutsch, daher verzeihlich), de Geus (Jenseits der Ökonomie), Peter Senge (5th Discipline, Workbook, Dance of Change, Necessary Revolution, The Presence) befassen sich alle mit dem ganzheitlichen Wandel und der Führung von Unternehmen. Sie basieren auf systemtheoretischen Überlegungen und machen z.T. sehr direkt (Probst/Gomez) Anleihen in der Kybernetik und u.a. bei Beer.

Die Begriffe sind andere und auch der methodische Ansatz wird anders gewählt. Dennoch geht es letztlich um das Verständnis des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren, die zuvor jedoch erst erkannt werden müssen, für eine positive Entwicklung.

Senge befasst sich z.B. intensiv mit der Frage der begrenzten Fähigkeit von uns Menschen die Komplexität multifaktorieller dynamischer Systeme zu erkennen und nicht durch Trivialisierung vermeintlich einfache letztlich jedoch fatale Entscheidungen zu treffen.

Ich glaube wir müssen den Focus auf einen Transfer Architektur - Bildung - E-Learning legen. Wenn wir Alexander im Kontext Architektur verstehen müssen wir fragen, was die einzelnen Antworten und Modellelemente im übertragenen Bildungskontext meinen.

Salingaros (The Structure of Pattern languages http://zeta.math.utsa.edu/~yxk833//StructurePattern.html) zeigte für mich sehr schön, dass wir Pattern auf unterschiedlichen Ebenen haben und wie diese über consistency und connectivity erst sinnvoll miteinander vernetzt werden. Ich kann mit vorstellen, dass man mit Hilfe von einfachen Zeichnungen (wie z.B. in A City is not a Tree: übrigens von Salingaros erstellt) eine erste wenn auch unvollständige Systemzusammenhangs und Überschneidungsmatrix machen kann.

Dabei könnte man z.B. zu dem Ergebnis kommen, dass das System Schule aus unzulänglich vernetzten Elementen Fachunterricht - Klassenzusammenhang - Fachdidaktische Abstimmung - Schulkonzepte - Lehrpläne - Ministerium - Schulpolitik auf der einen Seite und Kind - Geschwister - Eltern - Familie - Wohngebäude - Nachbarschaft - Freunde - Arbeitsmarkt. Die häufig anzutreffende Hilflosigkeit in der systemhierarchieübergreifedenden Kommunikation Lehrer-Eltern (interessant wäre mal eine Patternauflistung der Eltern-Lehrer-Beziehungsgestaltung) macht sicher Schwachpunkte schnell deutlich. Wenn man nun wieder die Beschreibung des Generative Codes und des in dem entsprechenden Aufsatz enthaltenen Schrittmodell der Entwicklung anschaut kann man vermutlich schnell sehen, wo in manchen dieser Beziehungsebenen die Problemlagen bestehen.

Alexander kritisiert in seinen Arbeit die Stadtplanung, die Funktionsballungen schafft (z. B. alle Kultureinrichtungen an einer Stelle, obwohl es keinen menschlichen Handlungszusammenhang gibt (wer geht schon von der Opernaufführung anschließend in ein Konzert), statt dessen geht man danach in ein Restaurant oder eine Bar). Diese isolierten Planungen haben wir genauso im Bildungszusammenhang. Letztlich wird hier auf einer zentralen Ebene geplant und auf einer lokalen Ebene umgesetzt und die Frage der Passung der Pattern nicht erörtert.

Der Begriff connectivity taucht übrigens im E-Learningkontext wieder auf. (Connectivism im Zusammenhang mit Informal Learning)

Gibt es eigentlich für den Bildungsbereich einen akzeptierten Verständnisansatz für die Frage woran erkenne ich gute Praxis. Ich stelle mir das in der Form vor wie:

- hat persönliche Entwicklung unterstützt
- hat das Lernziel erreicht
- hat Motivation gefördert
- hat Erkenntnis geschaffen
- hat Umsetzung im Alltag erlaubt
- war eine Problemlösung oder hat dazu beigetragen

Andererseits sind die oben genannten Punkte sehr stark an Problemlösungsfragen orientiert und noch nicht so recht passend.

Re:Forschungswerkstatt: Neues Veranstaltungsformat

Kommentar von HelmutLeitner am 23.05.2009 11:13

Christian,

ich habe auch das Gefühl, dass wir gedanklich uns recht nahe sind. Die wenigen Punkte, die ich hier noch ein bisschen schärfen möchte, sollten nicht über den grundsätzliche Gleichklang hinwegtäuschen.

Dein Bedürfnis nach "Echos der Vergangenheit" erscheint mir natürlich. Ich sehe keinen Grund eine Formkategorie "Echo/Ähnlichkeit" nicht in jedem gewünschten Zusammenhang anzuwenden.

Was aber nicht ginge, wäre ein mechanisches Übersetzen eines Eigenschaftszuwachses auf einen Qualitätszuwachs. Ein mehr an "Anpassung/Gute_Form" z. B. kann mehr Qualität bewirken, es kann aber auch über ein Optimum hinausführen und sich ins Negative kehren. (Beispiel: wenn in einer falschverstandenen anit-authoritären Erziehung sich die Eltern übertrieben an die Launen ihrer Kinder anpassen). Es geht keine erfolgreiche Eigenschaftsänderung ohne eine entsprechende Urteilsfähigkeit.

Beim Theoriebegriff wäre ich vorsichtig, weil er kausalistisch-prognostisch vorgeprägt ist. Ein Muster ist - in meiner Diktion - keine Theorie, weil es keine Vorhersagen ermöglicht. Es kann auch nicht falsifiziert werden, da es zumindest einige positive Beispiele geben sollte. Ein Muster kann aber darazus auch nicht generalisiert werden. (Beispiel: Ein Einfamilienhaus kann eine gute Wohnform sein. Aber nicht jedes EFH gelingt und jedem Menschen ein EFH zu geben würde die Erde verschandeln. EFH ist keine Theorie).

Den Absatz an Ralf "Bei der Gestaltung...zu finden ist" über den Zusammenhang von Formen, KOntexten und Wirkkräften finde ich sehr erhellend. Das gleiche gilt für das WAS-WIE-WARUM-WANN-Schema.

lg Helmut

15 Eigenschaften als Formkategorien?

Helmut Leitner
Properties-H.Leitner
Principles-H.Leitner
Patterns-H.Leitner
Universe-H.Leitner
Mustertheorie

In seinem (bisher) letzten Kommentar schreibt Helmut Leitner:

Mein Postulat ist, dass die 15 Eigenschaften - das ist vermutlich ein unerwarteter Paukenschlag, der heftige Diskussionen auslösen kann - Formkategorien sind, dass sie also unserem kognitiven Apparat angeboren sind und deswegen Resonanz auslösen.

Ich persönlich finde das gar nicht für einen "unerwarteten Paukenschlag".

  • Dass diese 15 Struktureigenschaften nach Alexander als Formkategorien zu verstehen sind, ist uns auch bei der gestrigen Forschungswerkstatt klar geworden.
  • Wenn diese 15 Eigenschaften – wie Alexander das meint – intersubjektiv, also "objektiv" in den Aussagen/Gefühlen der befragten Menschen zu messen sind, dann müssen sie sich in unserem Bewusstsein niederschlagen - sonst könnten sie sich nicht in den Befragungen zeigen. Entweder sind eine reine "Erfindung" (selbständige Produktion, Konstruktion) – unseres kognitiven Apparates oder sie werden durch die Wahrnehmung von Objekten/Artefakten in unserem Gehirn induziert und damit ebenfalls – diesmal durch die Außenwelt angestoßen – produziert bzw. konstruiert.

Das ist nicht nur eine Position, die ich stimmig finde, sondern die ich sogar selbst teile. Obwohl vielleicht die 15 Eigenschaften bei Alexander, nicht das letzte Wort sind, es hier mehr, oder andere auch geben mag.

Hier dürften sich aber unsere Haltung (Helmut Leitner, Peter Baumgartner) von der Position von Christian Kohls unterscheiden. (Stimmt das, Christian?)

PS.: Ich habe mir erlaubt die schönen Bilder von Helmut, auf die er in seinem letzten Kommentar verweist, hier in meinem Weblog anzufügen. - Ich hoffe, dass dies ok für Dich ist, Helmut. Sonst kurze Mail schicken!

Die URL für den Trackback dieses Eintrags lautet:
http://peter.baumgartner.name/weblog/15-eigenschaften-als-formkategorien/tbping

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von chrisimweb am 27.04.2009 01:07

Nachdem ich mich jetzt etwas intensiver mit den 15 Eigenschaften auseinandergesetzt habe, halte ich sie immer mehr für Form oder Gestalt gebende Eigenschaften. Alexander schreibt selbst in „The Nature of Order“, dass das Konzept der Wholeness auf die Gestalttheorie zurückgeht. Er behauptet, dass er sie weiter entwickelt hat, führt aber nicht an wie und begründet auch nicht warum bestimmte Gesetzte nicht einbezogen worden sind. Problematisch ist weiterhin, dass allein visuelle Gestalten im geometrischen Raum fokussiert werden. Soziale und dynamische Gestalten (ebenfalls erfahrbare Formen) klammert Alexander aus. Seine in den Experimenten verwendeten Bilder zeigen statische Abbildungen und stehen eigentlich im Widerspruch zu der von ihm angestrebten ganzheitlichen Sicht, wie auch von den Teilnehmern der Forschungswerkstatt angemerkt wurde. Ich erinnere mich, dass ich für den GMW-Vortrag letztes Jahr hässliche Hochhäuser bei flickr gesucht habe – und nicht fündig geworden bin, weil die Häuser oft fotografisch so in Szene gesetzt sind (z.B. mit reflektierendem Sonnenuntergang), dass selbst der einfallsloseste Plattenbau erhaben aussah.

Eine interessante Frage, die mich seit der Forschungswerkstatt umtreibt, ist, ob es die Maximierung wahrgenommener Gestalten oder nur die Harmonie der Gestalten ist, die Artefakte lebendig aussehen lässt. Eine Gestalt oder Form kann man auch als einen Attraktor auffassen. Attraktoren, die einander nicht stören (wo also eine Form nicht der anderen Form die Attraktivität stiehlt - wie etwa bei Kippbildern) sondern unterstützen, intensivieren die Gesamtattraktivität, da man mehr attraktive Formen gleichzeitig wahrnimmt. Wiederkehrende Formen (zu finden in den Struktureigenschaften Alternating Repetition, Local Symmetries, Contrast, Gradients, Echos) klauen sich dabei nicht gegenseitig die Attraktivität, da man sich bei den wiederkehrenden Elementen nicht vollständig neu orientieren muss. Banale Wiederholungen ohne leichte Varianzen sind dagegen langweilig und überhaupt nicht mehr stimulierend. Es scheint als müsste sich Bekanntes mit leichter Variation mischen, um attraktiv zu wirken. Klingt für mich ziemlich nach einem Muster: wiederkehrende Struktur auf abstrahierter Ebene, Varianz und Anpassung auf konkreter Ebene.

So weit so gut. Doch warum findet man unter den 15 Eigenschaften nicht die für die Figur-Grund-Wahrnehmung so wichtigen Faktoren wie Nähe, gleiche Orientierung, gute Fortsetzung, Verbundenheit usw. Mit ist sehr suspekt, dass diese „Gesetzmäßigkeiten“ (in Gänsefüßchen, da es keine echten und immer gültigen Gesetze sind) unbegründet unter den Tisch fallen. Übrigens gibt es einen guten (natürlich wieder nur nach meinem Urteil ;-) Einführungstext zu Gestaltgesetzen bei e-teaching.org: http://www.e-teaching.org/didaktik/gestaltung/visualisierung/gestaltgesetze/

In dem Text haben wir versucht, die Darstellung der Gestaltgesetze aus verschiedenen Literaturquellen in Einklang zu bringen.

Was mir bei den 15 Eigenschaften an erster Stelle fehlt ist das Prinzip der Bedeutung und Vertrautheit. Dies ist keine Kleinigkeit, handelt es sich doch dabei um „Echos der Vergangenheit“, um in Alexanders Terminologie der Echos zu bleiben. Echos der Vergangenheit sind nichts anderes als das Widererkennen vertrauter Formen und Strukturen. Daher bin ich auch überzeugt davon, dass die mentale Repräsentation von Patterns nichts anderes als Schemata sind. Die Schema-Theorie ist im Prinzip nichts anderes als eine allgemeine, nicht auf visuelle Strukturen beschränkte, Version der Gestalttheorie. Ich gehe davon aus, dass Schemata wie von Piaget beschrieben durch Assimilation und Akkommodation aufgebaut werden und schließlich zu äquilibrierten und einigermaßen stabilen Gedächtnisstrukturen führen. Wie diese mentalen Gestalträume sich einpendeln hängt aber davon ab, welche Objektbeispiele ich aus der Erfahrung kenne. Eine gute Unterrichtsstunde wird sprachlich auch als „ideale Unterrichtsstunde“ bezeichnet. Damit wird gemeint, dass die Stunde dem Ideal besonders nah kommt. Bei Alexander (wie übrigens auch bei Kant) scheinen diese Ideale oder Ur-Formen a priori gegeben zu sein. Aus Piagets konstruktivistischer Sicht werden diese aber individuell konstruiert, d.h. Individuen können unterschiedliche Ideale haben. Mir scheint diese Sicht plausibler angesichts unterschiedlicher Wahrnehmungen. Nicht nur, dass z.B. Keynotes oder Theateraufführungen unterschiedlich bewertet werden (und dort neben Geschmack auch Vorwissen, Einordnung und Bedeutsamkeit eine Rolle spielen – wenn ich die Keynote nicht verstehe, dann finde ich sie kaum anregend). Nein, die Formen selbst werden auch unterschiedlich konstruiert und nicht immer gleich bezeichnet. Wenn man sagt: „Das war doch keine Keynote“ oder „Das war kein Theaterstück“, dann meint man damit oft nicht nur, dass es sich um ein schlechtes Exemplar einer Klasse handelt, sondern um eine ganz andere Klasse an sich: „Das war eher eine Vorlesung und keine Keynote“, „das war eher ein Musical und kein Theaterstück“.

Unter dem Gesichtspunkt der Gestaltwahrnehmung werden für mich die 15 Eigenschaft interessant, denn genau darum geht es ja: um die Wahrnehmung von Formen/Gestalten. Ein Muster ist nichts anderes als eine Form, eine zusammenhängende strukturelle Ausprägung (ein starkes Zentrum). Wiederkehrende Formen sind dabei die interessanten Muster, da wir aus der Redundanz in den Strukturen nicht nur lernen sondern Erkenntnis und Wissen schöpfen können. Insofern habe ich nichts gegen die 15 Eigenschaften wenn diese das Profil einer Gestalt schärfen und damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann (to attract). Diese Profilierung macht die Gestalt auch attraktiver, ich zitiere aus der Wikipedia:

„Attraktivität (lat. ad- = "an" + -trahere, PPP -tractum = "ziehen") ist die von einem Objekt ausgehende Anziehungskraft. Sie kann sowohl auf äußerlichen Eigenschaften (Schönheit) als auch auf Wesenseigenschaften (Charakter, Geist, Charisma, soziale Stellung, materieller Wert) beruhen und individuell unterschiedlich zu bewerten sein. Je angenehmer oder vorteilhafter etwas eingeschätzt wird, desto attraktiver wirkt es.“

Alexander vergleicht seine Zentren übrigens an einer Stelle mit Attraktoren (aber ich muss noch nachschlagen, ob er den Vergleich für angemessen hält).

Wenn man Attraktivität als Anziehungskraft auffasst, dann muss angemerkt werden, dass es auch negative Attraktivität gibt: z.B. ziehen auch Katastrophen oder Gefahren unsere Aufmerksamkeit auf sich. Das Erkennen wohlgeformter Gestalten impliziert für mich keine ethisch anzustrebende Werte. Auch Waffen können sehr attraktiv sein. Bei Alexander findet man sogar ein paar Beispiele solcher negativen Attraktivität: Gebäude in den Slums oder traurige Menschen am Straßenrand werden als Beispiele für Lebendigkeit dargestellt. Tatsächlich wirken diese Bilder (auf mich) irgendwie lebendig, aber auch traurig. Natürlich gehört auch Trauer zum Leben, aber ist dies ein Gestaltungsziel? Vielleicht wenn man Betroffenheit erzeugen möchte. Doch Betroffenheit ist etwas anderes als Betroffensein.

Wenn Lebendigkeit allein aber noch nicht zwischen gut und schlecht, positiv und negativ unterscheidet, dann kann dies nicht das einzige Gestaltungsziel sein. Denn das Gute leitet sich dann nicht automatisch aus der Lebendigkeit ab.

Für mich geht es nicht nur um gute Formen, sondern auch um gute Funktionen und ein gutes Gefühl (und zwar nicht nur für den Betrachter von Bildern, sondern auch für die Menschen, deren Situation betrachtet wird).

Alexander reduziert sich in „The Nature of Order“ allein auf gute Formen (intensive Zentren) und behauptet, dass diese gleichzeitig funktional und lebendig sind. Ich denke aber, wir müssen den Raumbegriff nicht nur vom geometrischen auf den zeitlichen sondern auch auf den funktionalen und ästhetischen Raum ausweiten. Materielle und zeitliche Ausbreitung sind hier nur die ersten vier Dimensionen eines Gestaltungs-Raumes. Die funktionalen Dimensionen hängen stark von der jeweiligen Fachdisziplin ab. Ich fand die 12 pädagogischen Dimensionen, die Du auf der Forschungswerkstatt vorgestellt hast, für die Beschreibung von Formen im multidimensionalen pädagogischen Raum eigentlich sehr gut und hätte diese gerne weiterdiskutiert (der einzige Wermutstropfen der Werkstatt war, dass sie so schnell vorüber ging – andererseits ist mein Kopf auch so am brummen :). Die Frage ist, ob die Eigenschaften, die in der materiellen Geometrie zu einer Formstärkung führen, auch in den pädagogischen Dimensionen zu einer Profilierung und damit zu einer steigenden Attraktivität führen.

Je mehr ich drüber nachdenke: „Attraktivität“ gefällt mir inzwischen besser als „Lebendigkeit“, aber da würde ich Alexander wohl fehl interpretieren. Er meint ja wirklich das Lebende und nicht nur das Lebendige. Übrigens finde ich auch die Begriffe Vollkommenheit und formvollendet in diesem Zusammenhang ganz interessant.

Liebe Grüße,
Christian

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von HelmutLeitner am 28.04.2009 09:10

Peter, natürlich ist es mir Recht ... bzw. danke, dass du die Bilder so sichtbar untergebracht hast. Ich wusste nicht, wie das Kommentarfenster auf Urls reagiert bzw. konnte das selbst nicht so schön.

Christian, ich kann vieles von deinen Gedanken und Argumenten nachvollziehen. Die Gestalttheorien waren natürlich auf meinem Radarschirm, nicht nur weil Alexander hie und da darauf verweist, und ich wollte ursprünglich einen Abschnitt im Kapitel "Anschlussmöglichkeiten" dazu schreiben. Auf Grund der Schwierigkeiten, die ich damit hatte - trotz Recherchen und kompetenter Diskussionsmöglichkeit mit der Gestalttherapeutin Liselotte Nausner - hat sich das dann auf ein Wertheimer-Zitat reduziert.

Natürlich glaube ich, dass eine Integration der Mustertheorie und der Gestalttheorie notwendig und möglich ist. Ich denke überhaupt, dass Alexander ein integratives Denken über weite Bereiche der Geisteswissenschaften ermöglichen würde, wenn bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden. Ich habe versucht, dazu erste Schritte zu gehen, durch eine Andeutung von Anschlussmöglichkeiten und vor allem durch eine weitgehend entdogmatisierte Darstellung Alexanders. Also: nicht Seinsontologie, sondern anschlussfähiges Modell mit möglichst neutraler systemtheoretische Ausrichtung. Die Integrationsarbeit muss allerdings erst geleistet werden. Alexander hat sich in seinen Schützengräben im Kampf gegen die postmoderne Architektur eingegraben und andere Gebiete unbearbeitet gelassen. Meiner Meinung nach ein strategischer Fehler. Wenn sich Alexander durchsetzen sollte, dann wahrscheinlich auf Grund der Erfolge seinen Denkens außerhalb der Architektur.

Um auf die Gestalttheorie(n) zurückzukommen: Mir scheint sie viel zu sehr am Phänomenologischen zu hängen. Natürlich ist es faszinierend, unserem kognitiven Apparat auf die Finger zu sehen, seine Meisterleistungen und Fehlleistungen aufzuzeigen. Es kann uns selbstkritischer machen, aber auch bei bestimmten gestalterischen Anordnungen helfen. Aber die Konzeptionen scheinen mir fast noch stärker als Alexander auf das geometrische und optische fokussiert zu sein. Ein Nachbarschaftsprinzip ergibt sich bei Alexander funktional: Es ist eine Frage der Ökonomie, dass Interagierendes benachbart plaziert wird, dass Benachbartes und Interagierendes zunehmend als Einheit begriffen wird (Familie, Team, Klasse).

Dem Einsatz des Begriffes "Attraktivität" stehe ich eher skeptisch gegenüber. Nicht, weil er nicht in vielen Situationen anschaulich wäre, sondern weil es gefährlich ist zu meinen, ein Alltagsbegriff könne das transportieren, was Alexander an ontologischer Entität hinter "quality without a name" im Nebel der Erkenntnis wahrzunehmen beginnt und uns vermittelt. "Lebendigkeit" ist, abgelöst von einer rein biologischen Bedeutung, ein hinlänglich diffuser und schwach benutzter Begriff, der sich eignet mit diesem Bedeutungsinhalt gefüllt zu werden, ohne sofort in missverständliche Vereinfachungen zu kommen. Dass sich, von Fall zu Fall Begriffe wie "Schönheit" oder "Attraktivität" zur Erklärung oder Umschreibung eignen mögen, gestehe ich aber natürlich zu.

Herzliche Grüße,
Helmut

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von HelmutLeitner am 29.04.2009 15:18

Das gravierendere Argument gegen "Attraktivität" ist aber vermutlich seine mittransportiert antropozentrierte Perspektive. Man kann kaum von Attraktivität sprechen, wenn es nicht menschliche Beonachter gibt, die diese Attraktivität wahrnehmen.

Bei "Lebendigkeit" gibt es diese Problem nicht. Man kann eine durch Dichte und Intensität von Zentren verursachte Lebendigkeit auch verstehen, ohne dass dabei Beobachter notwendig sind. Das ist Alexandersches Weltbild: Ein Universum/Raum, der sich schon in Richtung auf eine geordnete Komplexität entfaltet, unabhängig von und lange bevor es biologisches Leben oder Menschen gibt.

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von chrisimweb am 07.05.2009 12:18

Hallo Helmut,

sorry für die verspätete Antwort. Mir gefällt am Attraktivitätsbegriff, den ich nicht alltagssprachlicher als Lebendigkeit empfinde, gerade die subjektive Komponente! Dass „Lebendigkeit“ ein objektiver Begriff ist, bezweifle ich nach wie vor. Allein seine Bedeutung wird von Alexander re-definiert, denn das von ihm beschriebene „lebendige“ hat nicht alle wesentlichen Eigenschaften des Lebens-Begriffs aus der Biologie. Das was man allgemein unter „Leben“ oder „Lebendigkeit“ versteht ist nicht das was Alexander beschreibt, auch wenn er dies meint. Z.B. schreibt er seinen Experimentalbildern unterschiedliche Lebendigkeitsgrade zu. Doch wie sollen sich diese Bilder fortpflanzen oder am Stoffwechsel teilnehmen? Vielleicht kann sich ein Design evolutionär weiterentwickeln und vielleicht kann man das Ökosystems eines Artefakts als Stoffwechsel betrachten – aber hier zeigt sich schon ein eingeschränktes philosophisches Verständnis, da nicht zwischen Abbildung, Abgebildeten und Modell (um nicht Ur-Bild oder Idee zu sagen) unterschieden wird. Die typische Bedeutung des Lebens-Begriffs trägt also nicht ganz, zudem gibt es in den Lebenswissenschaften selbst unterschiedliche Definitionen des Begriffs, so dass bereits seine Bedeutung stets kontextabhängig (und nicht allein objektabhängig) ist.

Doch nehmen wir einmal an, dass wir den Alexandrischen Lebensbegriff als eindeutig definiert voraussetzen und dass hierzu u.a. die 15+/- Lebendigkeitseigenschaften und ihre strukturerhaltenden Entfaltungen zur Operationalisierung verwendet werden können. Dann ergibt sich daraus für mich noch immer nicht, dass der dadurch definierte Lebendigkeitsgrad intersubjektiv empfunden wird. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen wenn man mir folgende drei einfache Fragen schlüssig beantwortet:

1. Wie erklären sich intersubjektive Urteilsunterschiede hinsichtlich der Lebendigkeit?
Beispielhaft müsste beantwortet werden: Warum empfinden manche Hörer Volksmusik als lebendig und andere nicht? Warum empfinden Zuhörergruppen einen Vortrag oder einen Krimi als lebendig oder nicht?

2. Wenn die Lebendigkeit eine algorithmisch berechenbare Größe ohne Wertung des Gegenständlichen ist, worin besteht dann der Nutzen dieses Wertes? Oder anders: was nützt es lebendige Schlachtfelder, lebendige elektrische Stühle, lebendige Giftmülldeponien, lebendige Foltermethoden zu haben? Das ist nicht zynisch gemeint, sondern verdeutlicht, dass die von Alexander definierte Lebendigkeit auf Funktionalitäten und auf normative, gesellschaftlich verhandelte Werte keine Rücksicht mehr nimmt, da es nur die eine Wahrheit gibt. Er hält z.B. die Interessen von Ökogruppen für irrelevant, weil es eben nur auf die Lebendigkeit ankommt. Für mich ist aber „gutes“ Design wichtiger als „lebendiges“. Vielleicht ist gutes Design immer lebendig, aber lebendiges ist nicht immer gut.

3. Wie kommt es, dass für die durchaus testbare Hypothese objektiver Lebendigkeitsgrad nicht ein einziger empirischer Beleg erbracht wurde?

Zu 3: Die von Alexander durchgeführten Experimente, belegen genau dies nicht! Und damit meine ich nicht, dass seine Experimente in der Durchführung methodisch sehr fragwürdig sind (keine Standardisierung, keine Randomisierung, kein echter Paarvergleich, keine zufällige Stichprobe), sondern dass es ein grundsätzlicheres Problem gibt. Nehmen wir an, seine Experimente sind lupenrein durchgeführt worden, welche Aussagen lassen sie zu?

Die Aussagen:
a) Alle Objekte besitzen einen objektiven Lebendigkeitsgrad.
b) Alle Objekte besitzen einen Lebendigkeitsgrad, der zu einem hohen Grad von unterschiedlichen Individuen gleich/ähnlich empfunden wird.
c) Es gibt Objekte, die besitzen einen Lebendigkeitsgrad, der zu einem hohen Grad von unterschiedlichen Individuen gleich/ähnlich empfunden wird.

sind offensichtlich nicht bedeutungsgleich. Alexanders Experimente belegen nur c.), er behauptet aber, dass a.) gilt.

Warum lässt sich a.) nicht aus seinen Experimenten ableiten? a.) wäre nur gültig, wenn 100% der Probanden gleich empfinden würden. 80/90% erscheint zunächst hoch. Aber 10/20%, die eine andere Auffassung der Lebendigkeit haben, können nicht einfach unter den Tisch fallen. Alexander behauptet, diese 10/20% hätten sich geirrt; doch dann hätte man sich das ganze Experiment sparen könnten, da die Hypothese zur Tautologie wird („Die Probanden erkennen die Lebendigkeit ODER sie erkennen sie nicht und irren sich.“ ist immer wahr.)

b.) scheint auf den ersten Blick durch die Experimente belegt. Doch Alexander nutzt hier einen Trick, er verwendet nämlich für seine Experimente Objekte mit hoher intersubjektiver Übereinstimmung bei der Beurteilung. Dass es solche Objekte geben kann wird aber auch durch c.) nicht ausgeschlossen. Der Punkt ist, dass es auch Objekte geben kann (und die Alltagserfahrung zeigt dies), wo eine hohe Übereinstimmung nicht gegeben ist. b.) behauptet, dass es solche Objekte nicht gibt, doch die Experimente belegen dies nicht.

Der Grund für die fehlende Objektivierbarkeit liegt meiner Ansicht nach darin, dass den Lebendigkeitseigenschaften jede Erfahrungskomponente fehlt. Dies macht die Eigenschaften nicht hinfällig, aber eben unvollständig. Subjektive Lebendigkeitseigenschaften werden unbegründet ausgeschlossen. Bilder und Eindrücke können jedoch zusätzlich an Lebendigkeit (oder Attraktivität) gewinnen wenn sie uns vertraut erscheinen oder wir zusätzliche Informationen über sie haben. Die Lebendigkeit eines Programmcodes erschließt sich nur dem Programmierer. Die Lebendigkeit eines Romans erschließt sich nur dem, der den Inhalt versteht und interpretieren kann. (Übrigens: an meinen Beispielen sieht man bereits, dass ich auch flüchtige Ordnungen als Teilausschnitte der Welt und daher als beobachtbare Objekte betrachte – dies gilt auch für Ohrfeigen, die ich allerdings nicht als „gute“ Lösungen betrachten würde. Hier sieht man wie sehr die Beurteilung vom Zeitgeist abhängen kann: man sprach auch mal von der „gesunden“ Tracht Prügel. Ich will damit keine Stellung nehmen, wann und ob Ohrfeigen angemessen sein können, sondern nur darauf hinweisen, dass gesellschaftliche Weiterentwicklungen und auch wiss. Erkenntnisse die Beurteilung verändern können.)

Zur Gestalttheorie: Ich bin zwar kein Experte in Sachen „Gestalttherapie“, doch so weit ich weiß, baut diese zwar auf der Gestalttheorie auf hat aber sehr viele eigene Konzepte, die mit der kognitiven Gestaltwahrnehmung (Gegenstand der Kognitionspsychologie) nicht mehr viel zu tun haben. Die Gestalttherapie ist also nicht von Bedeutung für die Gestaltwahrnehmung (umgekehrt aber schon).

Der Begriff „Patterns“ wird teils auch für die Gestaltgesetze verwendet – ein Hinweis darauf, dass wohlgeformte Muster nichts anderes als Gestalten sind, deren abstrakte (auch mentale) Repräsentation Schemata sind. Zwar spricht man bei nicht visuellen Einheiten meist nicht von Gestalten, durchaus aber von der Gestaltung (dem Design) dieser Formen, z.B. eines Musikstücks oder eines Unterrichts.

Die grundlegende Frage dabei ist: wann erkennen wir etwas als eine vollkommene, zusammenhängende Einheit? Hier gibt es kognitive Abhängigkeiten auch von vergangenen Erlebnissen. Algorithmisch kommt man da nicht sehr viel weiter, da unterschiedliche Verfahren unterschiedliche Einheiten clustern, also nicht objektiver sind, da die Verfahren und nicht die Gegenstände das Ergebnis bestimmten.

LG,
Christian

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von HelmutLeitner am 07.05.2009 18:03

Lieber Christian, ich versuchs mal - auf Grund der Vielfalt der Fragen - mit gequotetem Text. Mal schauen, wie der Blog darauf reagiert...

> sorry für die verspätete Antwort. Mir gefällt am
> Attraktivitätsbegriff, den ich nicht alltagssprachlicher als
> Lebendigkeit empfinde, gerade die subjektive Komponente!

Ich habe nichts gegen "Attraktivität" als Begriff. Aber mit Alexander hat das dann nichts mehr zu tun, er scheint mir als Ersatzbegriff nicht tauglich. Wenn ich von der Attraktivität einer Frau (ihrer Lebendigkeit im Sinne Alexanders) sprechen würde, dann würde man mich 100% missverstanden.

> Dass „Lebendigkeit“ ein objektiver Begriff ist, bezweifle
> ich nach wie vor.

Das ist aber eine andere Diskussion. Viele Philosophen bezweifeln ja generell, dass es so etwas wie Objektivität oder Wahrheit geben könne.

Ich wollte nicht primär behaupten, dass der Begriff objektiv ist, sondern dass er als rein im Objekt verwurzelt verstanden werden kann bzw. von Alexander so verstanden wird. Bei Attraktivität ist das nicht möglich, daher ist der Begriff - im Sinne Alexanders - kein guter Ersatzbegriff.

> Allein seine Bedeutung wird von Alexander
> re-definiert, denn das von ihm beschriebene „lebendige“ hat
> nicht alle wesentlichen Eigenschaften des Lebens-Begriffs
> aus der Biologie. Das was man allgemein unter „Leben“ oder
> „Lebendigkeit“ versteht ist nicht das was Alexander
> beschreibt, auch wenn er dies meint. Z.B. schreibt er seinen
> Experimentalbildern unterschiedliche Lebendigkeitsgrade zu.
> Doch wie sollen sich diese Bilder fortpflanzen oder am
> Stoffwechsel teilnehmen?

Da kämpft du gegen Windmühlen, denn niemand behauptet, dass die Alexandersche Lebendigkeit die biologische Lebendigkeit meint.
Das dokumentiert nur das Problem, ein Phänomen vor sich zu haben, dem ein Namen gegeben werden muss. Früher wurde "Quality without a name gesagt",
was auch keine Ideallösung ist.

> Vielleicht kann sich ein Design
> evolutionär weiterentwickeln und vielleicht kann man das
> Ökosystems eines Artefakts als Stoffwechsel betrachten –
> aber hier zeigt sich schon ein eingeschränktes
> philosophisches Verständnis,

Wenn, dann schon: unvollständige Ausarbeitung einer Theorie.

Wirfst du auch Newton vor, dass er nur ein eingeschränktes Verständnis der Physik gehabt hätte? Forschung ist immer unabgeschlossen.

> da nicht zwischen Abbildung,
> Abgebildeten und Modell (um nicht Ur-Bild oder Idee zu
> sagen) unterschieden wird.

Man kann z. B. begrifflich zwischen Muster und Musterexemplar unterscheiden.

Ich verstehe die Mustertheorie als ein Modell für bestimmte Systeme, die sich indeterministisch entfalten.

> Die typische Bedeutung des
> Lebens-Begriffs trägt also nicht ganz, zudem gibt es in den
> Lebenswissenschaften selbst unterschiedliche Definitionen
> des Begriffs, so dass bereits seine Bedeutung stets
> kontextabhängig (und nicht allein objektabhängig) ist.

Wie gesagt, es geht um Lebendigkeit (als Fachbegriff im Sinne Alexanders), die nicht identisch ist mit der umgangssprachlichen biologischen Lebendigkeit.

> Doch nehmen wir einmal an, dass wir den Alexandrischen
> Lebensbegriff als eindeutig definiert voraussetzen und dass
> hierzu u.a. die 15+/- Lebendigkeitseigenschaften und ihre
> strukturerhaltenden Entfaltungen zur Operationalisierung
> verwendet werden können.

Vermutlich kann man das nicht.

> Dann ergibt sich daraus für mich
> noch immer nicht, dass der dadurch definierte
> Lebendigkeitsgrad intersubjektiv empfunden wird.

Natürlich nicht. Dann wäre ja der Mensch ein perfekter Sensor für eine Eigenschaft. Menschen sind auch keine perfekten Erinnerer, Seher oder Musikhörer.

Trotzdem sind etwa Tonhöhen oder Harmonien etwas Objektives.

> Ich lasse
> mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen wenn man mir
> folgende drei einfache Fragen schlüssig beantwortet:

Warum gerade diese drei Fragen? Sie scheinen mit nicht in einem nachvollziehbaren Begründungszusammenhang zu einer objektiven Lebendigkeit zu stehen.

Physiker halten das Gewicht für eine objektive Objekteigenschaft. Menschen werden sich aber - ohne Hilfsmittel - einigermaßen über relative Gewichte einig sein, kaum aber über eine absolute Gewichtsangabe. Der Gewichtsvergleich von unterschiedlichen Objektarten (1 kg Federn gegenüber 1 kg Goldbarren) ist auch schwerer als zwischen ähnlichen Objektarten (2 Barren aus unterschiedlichen Metallen).

Auch ein Volksmusikverächter kann im Urteil zwischen zwei Volksmusikstücken die gleiche Bevorzugung treffen wie ein Volksmusikliebhaber.

> 1. Wie erklären sich intersubjektive Urteilsunterschiede
> hinsichtlich der Lebendigkeit? Beispielhaft müsste
> beantwortet werden: Warum empfinden manche Hörer Volksmusik
> als lebendig und andere nicht?

Das ist fiktiv. Die Frage "ist das lebendig" ist falsch gestellt (Lebendigkeit ist keine ja-nein-Eigenschaft) und nicht intuitiv verständlich. Der so Befragte kann diese Frage gar nicht so verstehen,
dass seine Antwort aussagekräftig wäre.

> Warum empfinden
> Zuhörergruppen einen Vortrag oder einen Krimi als lebendig
> oder nicht?

Sie werden sich hochgradig einig sein, welcher von zwei Krimis "besser" oder "spannender" oder "lebensnäher" ist. Vielleicht sind sie sich auch
darüber einig, welcher mehr mit ihrem Leben zu tun hat, welcher sie
mehr "berührt".

> 2. Wenn die Lebendigkeit eine algorithmisch berechenbare
> Größe ohne Wertung des Gegenständlichen ist, worin besteht
> dann der Nutzen dieses Wertes? Oder anders: was nützt es
> lebendige Schlachtfelder, lebendige elektrische Stühle,
> lebendige Giftmülldeponien, lebendige Foltermethoden zu
> haben?

Zunächst ist eine Foltermethode kein System, Objekt oder
Muster, dem nach Alexander eine Lebendigkeit zugeschrieben
werden könnte.

Wenn jemand gefragt würde "wie sehr ist die Mülldeponie ein
Spiegel deiner Seele und in welchem Grad findest du dich in
ihr repräsentiert? Wie sehr möchtest du sie als permanenten
Teil deiner Lebensumgebung haben?" dann wird vermutlich eine
sehr geringe Bewertung herauskommen.

Die Frage nach dem Nutzen kann man immer stellen und immer
- mangels Interesse - verneinen. Mir als Systemtheoretiker
nützen Begriffe und Theorieformen, die ich auf alle
denkbaren Systeme anwenden kann. Im allgemeinen entsteht
Nutzen, wenn dadurch Entscheidungen und Entwicklungen
dadurch besser ablaufen können.

> Das ist nicht zynisch gemeint, sondern verdeutlicht,
> dass die von Alexander definierte Lebendigkeit auf
> Funktionalitäten und auf normative, gesellschaftlich
> verhandelte Werte keine Rücksicht mehr nimmt, da es nur die
> eine Wahrheit gibt.

Alexanders Lebendigkeit ist gedacht als Einheit von Form
und Funktion. Eine Konfiguration ohne Funktion ist nicht
lebendig.

Richtig ist, dass sozial-gesellschaftlich verhandelte Werte
in dieser systemorientierten Betrachtungsweise keine Stellen-
wert haben. Das gilt aber auch für die Physik, ohne dass
man das dieser vorwirft.

Das letzte ist richtig. Alexander ist Dogmatiker und ich sehe
das auch als verzichtbares Element. Deswegen mein Versuch,
eine undogmatische Mustertheorie als modellhaftes Denkangebot
zu formulieren.

> Er hält z.B. die Interessen von
> Ökogruppen für irrelevant, weil es eben nur auf die
> Lebendigkeit ankommt.

Wo sagt Alexander, dass die Interessen von Ökogruppen
irrelevant wären? Du legst ihm hier etwas in den Mund.

Ökogruppen können in Sachfragen zu Ökosystemen recht oder
unrecht haben. Warum dringt Alexander auf schrittweise
Entwicklung, Tests nach jedem Schritt und Reversibilität?
Weil er die eigene Gestaltungsfehlerhaftigkeit berücksichtigt.
Er ist dogmatisch in seine Werten, aber pragmatisch und
realistisch in seiner Umsetzung.

> Für mich ist aber „gutes“ Design
> wichtiger als „lebendiges“.

Nur, dass du nicht allgemein-theorisch sagen kannst, was "gut" ist.
Also hast du damit nichts gewonnen.

> Vielleicht ist gutes Design
> immer lebendig, aber lebendiges ist nicht immer gut.

Oder umgekehrt.

> 3. Wie kommt es, dass für die durchaus testbare Hypothese
> objektiver Lebendigkeitsgrad nicht ein einziger empirischer
> Beleg erbracht wurde?

Aus meiner Sicht hat sich die Hypothese nicht bewährt.

Die bewährte Hypothese ist, dass Vergleichsurteile, aber
keine Absolutbeswertungen möglich sind, weil es keine
naheliegenden Maßstäbe (so wie eine "Daumenbreite") gibt.

> Zu 3: Die von Alexander durchgeführten Experimente, belegen
> genau dies nicht! Und damit meine ich nicht, dass seine
> Experimente in der Durchführung methodisch sehr fragwürdig
> sind (keine Standardisierung, keine Randomisierung, kein
> echter Paarvergleich, keine zufällige Stichprobe), sondern
> dass es ein grundsätzlicheres Problem gibt. Nehmen wir an,
> seine Experimente sind lupenrein durchgeführt worden, welche
> Aussagen lassen sie zu?
>
> Die Aussagen: a) Alle Objekte besitzen einen objektiven
> Lebendigkeitsgrad. b) Alle Objekte besitzen einen
> Lebendigkeitsgrad, der zu einem hohen Grad von
> unterschiedlichen Individuen gleich/ähnlich empfunden wird.
> c) Es gibt Objekte, die besitzen einen Lebendigkeitsgrad,
> der zu einem hohen Grad von unterschiedlichen Individuen
> gleich/ähnlich empfunden wird.
>
> sind offensichtlich nicht bedeutungsgleich. Alexanders
> Experimente belegen nur c.), er behauptet aber, dass a.)
> gilt.

Ich würde zu b) neigen.

> Warum lässt sich a.) nicht aus seinen Experimenten ableiten?
> a.) wäre nur gültig, wenn 100% der Probanden gleich
> empfinden würden. 80/90% erscheint zunächst hoch. Aber
> 10/20%, die eine andere Auffassung der Lebendigkeit haben,
> können nicht einfach unter den Tisch fallen. Alexander
> behauptet, diese 10/20% hätten sich geirrt; doch dann hätte
> man sich das ganze Experiment sparen könnten, da die
> Hypothese zur Tautologie wird („Die Probanden erkennen die
> Lebendigkeit ODER sie erkennen sie nicht und irren sich.“
> ist immer wahr.)
>
> b.) scheint auf den ersten Blick durch die Experimente
> belegt. Doch Alexander nutzt hier einen Trick, er verwendet
> nämlich für seine Experimente Objekte mit hoher
> intersubjektiver Übereinstimmung bei der Beurteilung. Dass
> es solche Objekte geben kann wird aber auch durch c.) nicht
> ausgeschlossen. Der Punkt ist, dass es auch Objekte geben
> kann (und die Alltagserfahrung zeigt dies), wo eine hohe
> Übereinstimmung nicht gegeben ist.

Womit belegst du diese Behauptung?

> b.) behauptet, dass es
> solche Objekte nicht gibt, doch die Experimente belegen dies
> nicht.
>
> Der Grund für die fehlende Objektivierbarkeit liegt meiner
> Ansicht nach darin, dass den Lebendigkeitseigenschaften jede
> Erfahrungskomponente fehlt. Dies macht die Eigenschaften
> nicht hinfällig, aber eben unvollständig. Subjektive
> Lebendigkeitseigenschaften werden unbegründet
> ausgeschlossen. Bilder und Eindrücke können jedoch
> zusätzlich an Lebendigkeit (oder Attraktivität) gewinnen
> wenn sie uns vertraut erscheinen oder wir zusätzliche
> Informationen über sie haben.

Das ist richtig. Das Beispiel, das ich dazu angeführt habe,
ist die Lebendigkeit des Klaviers ... primär für den Klavierspieler.

Aber diese Lebendigkeit ist objektiv vorhanden und keine Geschmacksfrage
des Klavierspielers oder eines Beobachters.

> Die Lebendigkeit eines
> Programmcodes erschließt sich nur dem Programmierer.

Ja. Auch Alexander meint, dass primär nur der Betroffene
diese Urteile gut treffen kann. Für einen Nicht-Programmierer
sind Programmcodes nur unverständliche Texte ohne Qualitäts-
merkmale. Er ist nicht Betroffener.

> Die
> Lebendigkeit eines Romans erschließt sich nur dem, der den
> Inhalt versteht und interpretieren kann.

Klar.

> Zur Gestalttheorie: Ich bin zwar kein Experte in Sachen
> „Gestalttherapie“, doch so weit ich weiß, baut diese zwar
> auf der Gestalttheorie auf hat aber sehr viele eigene
> Konzepte, die mit der kognitiven Gestaltwahrnehmung
> (Gegenstand der Kognitionspsychologie) nicht mehr viel zu
> tun haben. Die Gestalttherapie ist also nicht von Bedeutung
> für die Gestaltwahrnehmung (umgekehrt aber schon).

Viele Gestalttherapeuten kennen sich mit Gestalttheorie als
benachbarten Gebiet gut aus. Ich habe nur meinen Zugang, der
nicht sehr ertragreich war, dargestellt.

> Der Begriff „Patterns“ wird teils auch für die
> Gestaltgesetze verwendet – ein Hinweis darauf, dass
> wohlgeformte Muster nichts anderes als Gestalten sind, deren
> abstrakte (auch mentale) Repräsentation Schemata sind.

Zweifellos kann man versuchen, Ähnlichkeiten zwischen diesen
Theorien herzustellen. Ein pauschale Gleichsetzung von Begriffen
erscheint mir aber deshalb nicht möglich, weil die mitgedachten
Anschlusspunkte nicht passen werden; die Theoriegebäude sind zu
unterschiedlich.

Alexandersche Muster sind als Problemlösungen gedacht. Ist das
auch bei Gestalten bzw. Schemata der Fall? etc. Damit wird
jede Gleichsetzung sehr schnell hinfällig.

> Zwar
> spricht man bei nicht visuellen Einheiten meist nicht von
> Gestalten, durchaus aber von der Gestaltung (dem Design)
> dieser Formen, z.B. eines Musikstücks oder eines
> Unterrichts.
>
> Die grundlegende Frage dabei ist: wann erkennen wir etwas
> als eine vollkommene, zusammenhängende Einheit? Hier gibt es
> kognitive Abhängigkeiten auch von vergangenen Erlebnissen.

Das ist in manchen Anwendungsbereichen leichter (wie der Architektur
oder der Programmierung), in anderen Bereichen schwieriger (bei
Wissensarchitektur oder Kommunikation).

Aber das ist kein großes Problem von Alexander oder der Mustertheorie
als einer Systemtheorie.

> Algorithmisch kommt man da nicht sehr viel weiter, da
> unterschiedliche Verfahren unterschiedliche Einheiten
> clustern, also nicht objektiver sind, da die Verfahren und
> nicht die Gegenstände das Ergebnis bestimmten.

Jetzt sind wir wieder im Strohmann/Windmühlenbereich. Alexander
behauptet nicht, dass x-beliebige Verfahren objektive Ergebnisse
liefern.

----

Zusammenfassend erscheinen mir viele Punkte, wo du Anstoss an Alexander
nimmst, vertraut und verständlich. Wenige Architekten wollen sich von
Alexander darin leiten lassen, was gute Architekur ist. Egal, ob er
Recht hat oder nicht.

Auch ich mag weder seine mittlere poetische Phase noch seine späte
dogmatische Phase. Nur sehe ich das als persönliche Präsentationsform
eines Pioniers, nicht als wesentlichen Teil der Mustertheorie.

Manche Dinge (wie die GENAU 15 Eigenschaften) werden - mangels Kenntnisse
von Alexanders Texten - überbewertet. Alexander selbst schreibt, dass diese
Anzahl stark geschwankt hat und das es keine abschließende Sicherheit darübber gibt. Aber sie haben Jahrzehnte geforscht, und sich nach langem Hin-und-Her auf diese Set festgelegt. Es steckt also sehr viel nachdenken, Schweiß und Mühe in dieser Eiegnschaftssammlung.

Wogegen ich bin, ist dass man diese Eigenschaftssammlung ohne entsprechende
Prüfung wegwischt oder erweitert, quasi aus einem Impuls oder einer Laune heraus. Speziell, wenn man dann vorgibt, es hätte immer noch mit Alexander oder seiner Konzeption von Mustern zu tun.

lg Helmut

> LG, Christian

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von chrisimweb am 19.05.2009 21:51

Lieber Helmut,

mein Verständnis der Eigenschaften hat sich durch unsere Diskussion sehr verbessert! Dafür erst einmal danke! Aus Deinen Kommentaren auf den vorherigen Blogeintrag entnehme ich, dass unsere Positionen gar nicht so weit auseinander sind.

Ich folge Deinem Beispiel und füge Quotes ein.

> Früher wurde "Quality without a name gesagt"

Ich finde QWAN gar nicht so schlecht – auch wenn ich ihn früher mystisch fand. Da aber sowohl „Lebendigkeit“ oder „Attraktivität“ unterschiedliche konnotiert sind, ist die Namenlosigkeit vielleicht gar nicht so schlecht?

> Wirfst du auch Newton vor, dass er nur ein
> eingeschränktes Verständnis der Physik gehabt
> hätte? Forschung ist immer unabgeschlossen.

Ich werfe Alexander nicht vor, dass die Theorie noch nicht fertig ist (denn endgültige Theorien gibt es nicht), sondern dass er sich nicht mit bekannten philosophischen Positionen, z.B. Ästhetik (Empfinden von Lebendigkeit) oder Ontologien (Begriffe), auseinandergesetzt hat. Ja, ich würde Newton ein eingeschränktes Verständnis vorwerfen, WENN er bisherige Erkenntnisse grob außer Acht gelassen hätte. Z.B. spricht Alexander stets davon eine „neue“ Wissenschaft schaffen zu wollen, erörtert aber an keiner Stelle erkenntnistheoretische Überlegungen. Ferner scheint ihm qualitative Forschung völlig fremd zu sein, denn dort sind teilweise Methoden, die er als „neu“ postuliert (etwa das „Hineinfühlen“) bereits vorhanden und systematisch aufbereitet.

> Trotzdem sind etwa Tonhöhen oder Harmonien etwas Objektives.

Das ist richtig. Ich bezweifle auch nicht, dass die Eigenschaften (also z.B. das Vorhandensein von Grenzen oder Kontrast) nicht in den Formen gegeben sind. Mein Punkt ist, dass die Wirkung der entstehenden Form unterschiedlich empfunden werden kann. Die gleiche Melodie, der gleiche Text kann unterschiedlich interpretiert und empfunden werden. Bei „Lebendigkeit“ geht es aber gerade um die Wirkung. Schönheit oder Lebendigkeit mag ihren Ursprung im Objekt haben, doch die Wirkung kann auf Subjekte unterschiedlich sein – bei Alexander ist aber auch die Wirkung objektiv.

> Auch ein Volksmusikverächter kann
> im Urteil zwischen zwei Volksmusikstücken
> die gleiche Bevorzugung treffen
> wie ein Volksmusikliebhaber.

Das ist richtig, auch der Verächter kann urteilen. Es geht aber um die intersubjektive Ähnlichkeit der Beurteilung. Vergleichen müsste man auch nicht nur zwei Volksmusikstücke sondern z.B. ein Heavy Metall Stück mit einem Volksmusikstück. Da nach Alexander der Grad der Lebendigkeit allein vom Objekt abhängt, müssten alle Menschen identisch urteilen, sich also alle entweder für das Heavy Metall Stück oder die Volksmusik entscheiden. Dies sollte zumindest so sein wenn die Wirkung allein vom Objekt abhängt.

> Das ist fiktiv. Die Frage
> "ist das lebendig" ist falsch
> gestellt (Lebendigkeit ist
> keine ja-nein- > Eigenschaft) und
> nicht intuitiv verständlich.

Ich habe ja vorher von Lebendigkeit gesprochen und der Begriff der Lebendigkeit impliziert bereits Grade. Richtig ist natürlich, dass ich z.B. fragen müsste: „Findest Du ‚Hoch auf dem gelben Wagen’ oder ‚Highway to Hell’ lebendiger?“. Nach Alexander müssten hier alle gleich antworten.

> Zunächst ist eine Foltermethode
> kein System, Objekt oder
> Muster, dem nach Alexander
> eine Lebendigkeit zugeschrieben
> werden könnte.

Warum nicht? Auch eine Foltermethode hat eine Form, die z.B. raum-zeitlich von der Essensausgabe oder einem normalen Verhör abgegrenzt werden kann. Nun mag Folter eine extreme Form sein, aber dennoch lässt sich für sie ein Zentrum (zusammenhängende Sequenz), explizite Grenzen oder Grobheiten (z.B. Unberechenbarkeit der nächste Aktionen) ausmachen. Auch kann die Umsetzung einer Foltermethode mehr oder weniger gut gelungen sein – die „gute Form“ der Folter ist dann aber dennoch nichts gutes, denn sie ist in ihrer Wirkung etwas negatives. „Gute Form“ ist also sprachlich überladen: es meint zum einen, dass ein Exemplar gut dem Ideal entspricht, zum anderen, ob etwas auch wirklich gut ist (also gut wirkt).

> Richtig ist, dass sozial-gesellschaftlich
> verhandelte Werte in dieser systemorientierten
> Betrachtungsweise keine Stellen-
> wert haben. Das gilt aber auch für die Physik, ohne dass
> man das dieser vorwirft.

Die Physik ist aber auch nicht gestaltbar sondern naturgegeben.

In dem Moment, wo wir mit Hilfe der Physik etwas erreichen, sie uns also zu Nutze machen, sind wir bereits schon wieder bei der Gestaltung.

Die Physik selbst lässt sich aber nicht gestalten, nur ihre Anwendung, das physikalische Experiment oder die Ausformulierung einer Theorie. Welche Forschungsmethoden und Strategien zur Hypothesenfindung und –prüfung paradigmatisch von der Forschungsgemeinschaft akzeptiert werden, sind dabei sehr wohl sozial-gesellschaftlich verhandelte Werte.

> Wo sagt Alexander, dass die
> Interessen von Ökogruppen
> irrelevant wären? Du legst
> ihm hier etwas in den Mund.

Zitat „Nature of Order“, Band 1, S. 18:
“In discussing what to do in a particular part of a town, one person thinks povetry is the most important thing. Another person thinks ecology is the most important thing. Another person takes traffic as his point of departure. Another person views the maximization of profit from development as the guiding factor. […] It is assumed that there is no unitary view through which these many realities can be combined. They simply get slugged out in the marketplace, or in the public forum. But instead of lucid insight, instead of growing communal awareness of what should be done in a building, or in a park, even on a tiny park bench – in short, of what is good – the situation remains one in which several dissimilar and incompatible points of view are at war in some poorly understood balancing act.”

Nach Alexanders Verständnis sind diese einzelnen Interessen irrelevant, da es eine inheränte gute Form unabhängig von den Individuen gibt. Interessen müssen also nicht demokratisch ausbalanciert werden, da die Güte einer Form etwas objektives ist. Dies würde stimmen, wenn es objektive Wirkkräfte oder Forces gäbe. Wirkkräfte werden aber nach den Interessen und Überzeugungen der beteiligten Personen unterschiedlich bewertet und gewichtet. Nach obiger Aussage balancieren Muster nicht die subjektiv bewerteten sondern die objektiv vorhandenen Wirkkräfte aus.

> Alexandersche Muster sind als Problemlösungen gedacht. Ist das
> auch bei Gestalten bzw. Schemata der Fall? etc. Damit wird
> jede Gleichsetzung sehr schnell hinfällig.

Ja, das ist gerade bei Schemata der Fall. Nicht jedes Schema ist eine Problemlösung, aber es gibt auch Muster (oder Formen), die keine Probleme lösen, z.B. Mondphasen, Jahreszeiten, Sonnenaufgang oder steigende Verkaufszahlen zu Weihnachten. Schemata sind ganz allgemein zusammenhängend wahrgenommene Strukturen. Es gibt ausdrücklich Problemlöse-Schemata. Das sind gerade die Gedächtnisstrukturen, die uns bei einem bekannten Problem auf eine vertraute Lösung zurückgreifen lassen – also quasi die Entwurfsmuster im Kopf. Eine ausführliche Darstellung findest Du von mir und einer Kollegin unter: http://hillside.net/plop/2008/papers/PLoP2008_43_Kohls+Scheiter.pdf


> Wogegen ich bin, ist dass
> man diese Eigenschaftssammlung ohne entsprechende
> Prüfung wegwischt oder erweitert, quasi aus
> einem Impuls oder einer Laune heraus.
> Speziell, wenn man dann vorgibt, es hätte
> immer noch mit Alexander oder seiner
> Konzeption von Mustern zu tun.

Wenn ich mich auf den Musteransatz beziehe, dann im wesentliche auf das, was Alexander vor „Nature of Order“ veröffentlicht hat, denn dies ist die Grundlage für die Weiterentwicklung der Pattern Community. Dies ist auch legitim, schließlich gab es den Musteransatz bereits vorher!

Von diesem Standpunkt aus haben sowohl Alexander als auch die Pattern Community den Ansatz weiterentwickelt, wobei der Austausch mit Al. wohl nicht immer ganz so einfach war.

Es ist doch vollkommen legitim, eine Idee oder einen Ansatz weiterzuentwickeln und wenn dies unabhängig geschieht, dann kann dies auch in verschiedene Richtungen laufen – und dabei ist nicht gesagt welche die richtigere ist.

Die Pattern Community hat z.B. Methoden zum Auffinden von Mustern expliziert, mit
Shepherding und Writer's Worskhops sehr kommunikative Formen zur Weiterentwicklung der Beschreibungen aufgegriffen, und schließlich auch bestimmte Standards paradigmatisch herausgearbeitet - wie z.B. das Entwickeln von Mustern primär auf Basis existierender Formen.

Alexander hat seinen Ansatz ebenfalls weiterentwickelt. In Nature of Order sind aber auch viele alte Gedanken enthalten, und mit denen stimme ich auch leichter überein.

Neu sind dagegen die Idee der Lebendigkeit, eine noch stärkere Fokussierung auf die objektive Wahrheit und schließlich die Lebenseigenschaften selbst.

Da der Musteransatz im Bereich der Software Patterns gut funktioniert ist es nicht zwingend notwendig sich mit Alexanders Weiterentwicklung zu beschäftigen, denn wenn wir den ursprünglichen Ansatz MT1 und die Weiterentwicklung MT2 nennen, dann ist es durchaus legitim, nur auf MT1 und nicht auf MT2 Bezug zu nehmen – denn MT1 und nicht MT2 war die Ausgangslage! Daher bezieht sich die Pattern Community auf MT1, setzt sich aber durchaus kritisch mit MT2 auseinander und vergleicht sie mit ihrer eigenen Weiterentwicklung MT3.

Ich mache dies derzeit z.B. dadurch, indem ich kritische Fragen stelle hinsichtlich MT2 (aber auch hinsichtlich MT3, das ist meine nächste PLoP-Einreichung). Denn eine Theorie soll ja geprüft und nicht verifiziert werden! Ich suche also bewusst nach Gegenargumenten. Wenn sich diese als gegenstandslos erweisen, spräche das für MT2 und die darin vorgeschlagenen Lebendigkeitseigenschaften. Ich wische sie also nicht einfach weg, sondern kritisiere sie.

1. Beim ersten Lesen der Eigenschaften hat sich intuitiv ein gewisses Unbehagen bei mir eingeschlichen, dass die Eig. an sich zwar schlüssig, aber nicht vollständig begründet sind. Wenn die Eigenschaften greifen, dann müsste ich doch intuitiv von ihnen überzeugt sein? Sonst sind sie dem Gestalter schwer zu vermitteln.

2. Grundlage der Eigenschaften ist - so gibt Alexander selbst an - die Gestalttheorie mit ihrer ganzheitlichen Sichtweise und Formwahrnehmung. Die Gestaltgesetzte habe ich in gleicher oder modifizierter Form in seinen Eigenschaften wieder gefunden und mich eben gewundert, warum einige fehlen und andere Eigenschaften ergänzt worden sind – völlig ohne Begründung.

3. Die Zahl um die 15 ist für mich auch verdächtig, da ich in meinem Regal auch die "Universal Principles of Design" mit 100 Eigenschaften und "4 Laws that drive the Universe“ stehen habe. Zudem werden in der Literatur über Gestalttheorie zwischen 5 und über 100 Gestaltgesetze genannt – hier wird also auch ganz unterschiedlich beurteilt. Die Größenordnung scheint mir also keineswegs zwingend.

Wenn wir bei den Eigenschaften über "kritische Formeigenschaften" sprechen und davon ausgehen, dass jede Form bestimmte Funktionalitäten und Qualitäten (also auch Lebendigkeit) hat, dann bin ich sofort dabei. Nur können "gute Formen" eben auch "schlechtes" bedeuten. Denn das "gute" oder "schöne" einer Form ist die Nähe zu ihrem Ideal.

Diese Ideale betrachte ich aber als individuell und sozial konstruiert. Wenn wir Form als eine wahrgenommene Gestalt oder Struktureinheit verstehen, dann gibt es natürlich "rein" objektive Regeln nach denen man eine Form als Ganzes erkennt. Hinzu
kommt aber auch die individuelle Erfahrung, die uns bereits bekannte Strukturen wieder erkennen lässt und somit die Wahrnehmung nicht mehr allein vom Objekt sondern auch von den früher wahrgenommenen Objekten abhängt. Dies gilt sowohl für räumliche, zeitliche und abstrakte Objekte.

Was aber aus meiner Sicht viel wichtiger ist, ist der Prozess wie Formen entstehen und
etablierte Formen (Muster) auf Einzelsituationen übertragen werden können. Hier stimme ich mit Alexanders Ansätzen des sich Entfaltens, der strukturerhaltenden Transformationen, den Sequenzen, dem schrittweise Wachsen, der ganzheitlichen und rekursiven Aufteilung von Problemstellung usw. im wesentlichen überein. Diese Überlegungen finden sich bereits großteils in den vorherigen, sie sind also schon Teil von MT1 und in MT3 (Auffassung der Pattern Community) eingeflossen, z.B. im Agilen Design.


LG,
Christian

Lebendigkeit und Sprachspiele

Kommentar von chrisimweb am 21.05.2009 19:23

In einer Einführung zu Wittgenstein (von Kai Buchholz) habe ich über Wittgensteins Sprachspiele folgende Bemerkung gefunden:

"Im Ganzen betrachtet, sind die verschiedenen Spielsorten in unterschiedlichem Maße zweckgerichtet und decken eine große Spannbreite zwischen strenger Regelhaftigkeit und kreativer Freiheit ab. Das hat schon Friedrich Schiller klug erkannt, der die Tätigkeit des Spielens als Harmonisierung von Form- und Stofftrieb beziehungsweise von Gestalt und Leben begreift. Den Gegenstand des Spieltriebs nennt er deshalb auch lebende Gestalt - eine harmonische Verbindung von freien und geregelten Handlungswissen."

Ich glaube, das charakterisiert die Lebendigkeit von Mustern ganz gut: Spielräume bei der Gestaltung bedeuten sowohl Regelhaftigkeit als auch Freiheit. Ohne Regeln und Ordnung herrscht Chaos. Ohne Freiheit (bei der Entfaltung) findet keine Anpassung (keine Reaktion auf und Interaktion mit der Umgebung) mehr statt. Die Transformationen einer Struktur über die Zeit sind Merkmale der Lebendigkeit: ein Ort, an dem nichts mehr geschieht - keine Veränderung mehr stattfindet - ist genauso tot wie ein Server, der nicht reagiert, oder ein Telefonanschluss, der nicht mehr erreichbar ist oder eine Situation, in der es keine Handlungsmöglichkeiten mehr gibt: eine Sackgasse oder englisch "dead end". Bei Prozessen sprechen wir auch von Lebenszyklen und meinen damit den zeitlichen Abschnitt, in dem noch Transformationen, d.h.
Zustandsübergänge stattfinden.

LG,
Christian

Re:15 Eigenschaften als Formkategorien?

Kommentar von HelmutLeitner am 23.05.2009 11:22

Christian,

Zum Thema Gestaltgesetze: Aus meiner Sicht spiegeln Gestaltgesetze Wahrnehmungsheuristiken wieder, die nichts mit Alexanders Lebendigkeit oder einer anderen Qualität zu tun haben. Insofern sehe ich auch keine Vergleichsmöglichkeit zwischen der Anzahl von Gestaltgesetzen und der Anzahl von Alexanderschen Eigenschaften. Ich würde eher umgekehrt Fragen: aus welchen Gestaltgesetzen ergeben sich den für mich in einer Gestaltungssituation allgemeinen Denk- oder Handlungsoptionen? Wenn das positiv beantwortet ist, würde ich die Frage anschließen: Kann diese Denk/Handlungsoption auch mit den Alexanderschen Eigenschaften dargestellt werden?

D.h. z. B: im Verhältnis Eltern zu Kindern, wenn es um die Frage geht: "wer darf was?" ... ist aus jedem einzelnen Gestaltgesetz jetzt dazu ein produktiver Gedanke dazu ableitbar? Aus den Alexanderschen Eigenschaften geht das vermutlich, auch wenn ich das in dieser speziellen Frage weder getan habe noch durchführen möchte. Ich kann z. B. die Frage stellen, in welchem Verhältnis die Zentren (Vater, Mutter, Kind, Geschwister) stehen und ob eine Veränderung bewirkt. Ich kann eine Frage nach der Anpassung stellen. Ich kann Konzepte der Proportionaliät (Regeln für jüngere, ältere Kinder) verwenden. Oder der Einfachheit. Oder der Ambivalenz (Eltern und Kinder könnten z. B. an einem Tag ihre Rollen tauschen). Sind die Grenzen definiert oder bestimmt elterliche Willkühr und Laune? usw. Gibt es den Zusammenhalt der Familie und das Erleben der Ganzheit? Gibt es Symmetrie (etwa zwischen den Kindern) usw.

Ich gebe zu, ein gestaltheoretischer Laie zu sein. Aber bitte, wie schauen die allgemeinen methodischen gestalttheoretischen Denkansätze in solchen Situationen aus? Mir sind die noch nicht begegnet, deswegen konnte ich sie nicht integrieren.

Übrigens gibt es auch noch eine wichtige Quelle ganzheitlicher Vorstellungen, die noch nicht erwähnt wurde, nämlich Jan Christiaan Smuts, der nicht nur ein Buch "Holism" geschrieben hat, sondern bereits alle wichtigen Begriffe wie "center" und "field" im Alexanderschen Sinn vorweggenommen hat. Ich erwähne das, weil ganzheitliches Denken nicht ohne Fallstricke ist: es wird schnell zum organischen Denken einer heiligen Ordnung des status quo. Smuts war erfolgreicher Realpolitiker in Südafrika, einer der Hauptstrategen der Allierten im zweiten Weltkrieg, Schöpfer des Commonwelth-of-Nations-Konzeptes, ganzheitlicher Philosoph, aber auch Schöpfer der Apartheit-Politik. Für mich ist es eines der großen Fragezeichen hinter Alexanders Leistung, dass es keine Referenzen auf den in England äußerst populär gewesenen Smuts in Alexanders Schriften gibt.

lg Helmut

Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Zur Rezeption der Arbeiten von Christopher Alexander für die Pädagogik

Sorry, ich war und bin die letzten 3 Wochen durch verschiedene unvorhergesehene Zwischenfälle in meinem Department und dann auch noch selbst durch Krankheit nicht mehr dazugekommen hier – in meinem eigenen Weblog! - mit zu diskutieren. Angesichts dieser spannenden, intensiven und sehr verzweigten Diskussion ist es aber auch gar nicht mehr so einfach, hier wieder den Faden zu finden und wieder in die Diskussion hinein zukommen. Das hier ist ein erster Versuch, der zwei Überlegungen zur Grundlage hat:

  1. Das verschiedene Arbeiten von Christopher Alexander (CA) widerspiegeln unter anderem auch seine persönliche geistige Entwicklung. Das ist bei der Interpretation zu beachten. CA ist nicht gleich CA.  Ähnlich wie bei Wittgenstein, wo zwischen einem Frühen (Tractatus) und einem späten Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen) würde ich bei CA mehrere Phasen (mindestens zwei, vielleicht sogar mehr!) unterscheiden.
  2. Die Arbeiten von CA können sowohl aus verschiedenen Blickwinkel als auch unter einem unterschiedlichen Detailierungsgrad betrachtet werden. Das macht die Diskussion so schwer und vielfältig. Es gibt wissenschafts- und erkenntnistheoretische Aspekte (Wie kommt er zu seinen Strukturmerkmalen? Wie werden Muster entwickelt?), methodische und methodologische Fragestellungen (Ist seine Argumentationskette rational begründet? Sind die daraus gezogenen Schlussfolgerungen legitim? Bilden seine Experimente eine geeigente empirische Ausgangsbasis für seine Schlussfolgerungen?) und dann (gute oder schlechte?) Umsetzungen bzw. Implementierungen der eigenen theoretischen Ansichten.

4 wichtige Fragen

Ralf Hilgenstock stellt in seinem ersten Kommentar meiner Meinung nach vier wichtige Fragen – die auch mich ständig bewegt haben - und deren Beantwortung zu einer Reduktion der Komplexität der Diskussion beitragen kann. Seine vier Fragen führen zu vier verschiedenen Strängen der Diskussion:

  1. Wie entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften?
  2. Wie integriert Alexander in seinem Spätwerk TNoO die Pattern?
  3. Zu welchen Erkenntnissen führen Eigenschaften und Transformationen für die Architektur und für andere Felder, insbesondere der Pädagogik?
  4. Können seine Eigenschaften und Transformationen als Ausgangspunkte für die theoriegeleitete Entwicklung neuer pädagogischer Pattern dienen?

Ich versuche darauf aus meiner Sicht jeweils ganz schnell – z.T. sicherlich verkürzte – Antworten zu geben:

ad 1.) Wie entwickelt Alexander eigentlich die 15 Eigenschaften?

Das ist bereits ein Kernproblem bei der Interpretation seiner Arbeiten. Es gibt keine klar beschriebene methodische Vorgangsweise, aber ich glaube, dass ich nicht ganz falsch liege, wenn ich aufzähle:

  • Beobachtung von Naturereignissen und (historischen) Artefakten bzw. Analogiebildung von beobachtbaren Strukturen in Naturprozessen
  • Rückwirkende (Struktur- bzw. Form)-Interpretation von Mustern, die sich bewährt haben. Dabei hat er sich CA sowohl auf eigene Erfahrungen, als auch auf Interviews bzw. auslotende Gespräche gestützt.
  • (Eklektizistische?) Anleihen aus verschiedenen Theoriegebieten wie Gestalttheorie, Systemtheorie, Theorie komplexer adaptiver Systeme,  Chaos- und Katastrophentheorie, Theorie selbstorganisierender Systeme, Konstruktivismus, Quantentheorie und nicht zu vergessen New Age Literatur. (Hier ist besonders das Kapitel "Our Present Picture of the Universe" im 4. Band von TnOO - den ich gerade mühsam lese - aufschlussreich
  • Introspektion (innere Wesensschau), sich Hineinfühlen

Ein (kleiner) Teil der bisherigen Diskussion hat sich darum gedreht. So kritisiert Christian Kohls diese unsystematische Vorgangsweise vor allem bei der Gestalttheorie, die fehlenden Referenzen und die insgesamt unsystematische Vorgangsweise. Obwohl ich seiner Kritik in diesem Punkt im Prinzip zustimme, halte ich die Herkunft bzw. Herleitung der 15 Eigenschaften vorerst nicht für so extrem wichtig. Die vordergründige Frage müssten doch sein Ralf Hilgenstocks dritte Frage sein: Bringen diese Eigenschaften etwas in unserer Erkenntnis? Im Generieren von sinnvollen Mustern?

Ich meine ja und das ist meine wesentliche Kritik an der Pattern Community: Dass sie zwar das Ergebnis (die Patternlanguage) verwendet, noch nicht oder aus meiner Sicht noch nicht ausreichend über die Bedeutung dieser Strukturmerkmale für die Entwicklung von Mustern diskutiert.

@Christian: Du verwendest aus meiner Sicht häufig die berechtigte Kritik an die Herangehensweise von CA aber auch seine auch für mich z.T. überzogenen Schlussfolgerungen (darüber später noch genauer) um diese Eigenschaften insgesamt madig zu machen. (Da sollst Du erst mal den 4. Band lesen, wo CA meiner Meinung nach völlig abhebt und beschwörend wird:

Throughout this experiment, I am hoping of course, that you are being as honest as possible, admitting to what you truly experience (Das Fühlen der Verbundenheit mit dem Universum, das nach CA hinter dem Gefühl der Lebendigkeit steckt, pb), and not shielding your experinced feeling with a careful or more artificial point of view that you believe might be acceptable zu science. (TNoO, Vol 4., p.61f.)

Du hängst Dich vor allem am Begriff der Lebendigkeit und seiner unzureichenden Objektivierung auf. Hier stimme ich Helmut Leitner Zusammenfassung am Ende seines Kommentars zu, dass diese von CA wie auch immer (mühsam) erstellte Eigenschaftssammlung nicht ohne Prüfung weggewischt werden soll. Insbesondere wo wir gerade jetzt auf der Forschungswerkstatt gesehen haben, dass einige/viele/alle? dieser Eigenschaften durchaus für die Pädagogik Sinn machen könn(t)en.

ad 2.) Wie integriert Alexander in seinem Spätwerk TNoO die Pattern?

Ich war ja lange Zeit der Meinung, dass die 15+ Eigenschaften, die wesentlichen Strukturmerkmale von Mustern sind. Aus diesem Grund hielt ich es ja auch für so wesentlich, dass wir uns – um bessere Muster generieren zu können – mehr mit diesen Eigenschaften und Transformationen beschäftigen müssen. Mein These ist ja, dass gerade deshalb z.B. die pädagogischen Muster z.B. auf PaedagogicalPattern.org bisher so unbefriedigend und trivial sind, weil die Patterncommunity diesen generischen Zusammenhang nicht sieht bzw. nicht gesehen hat.

Inzwischen meine ich, dass es CA anders sieht, weit komplizierter: Für ihn sind Muster generische Regeln wie Zentren – die für ja für ihn die Hauptverantwortung für Lebendigkeit tragen – überhaupt erst gebildet werden können. Es ist also fast genau umgekehrt: Nicht die Strukturmerkmale sind die Bausteine von Mustern, sondern Muster sind Regeln, die die Strukturmerkmale der Lebendigkeit erzeugen helfen. (vgl. Kapitel 13 vom  Bd 2 der TNoO: "Pattern - Generic Rules for Makin Centers or 'Making Life Enjoyable'")

Ich halte dieses 13. Kapitel für einen zentralen Schlüssel für das Verständnis von CA, muss aber zugeben, dass ich es noch nicht ganz verdaut bzw. verstanden habe. Sowohl die 15 strukturerhaltenden Transformationen (also das dynamische Moment, nicht bloß die Eigenschaften oder Merkmale) spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die durch die aktuell kulturell-menschlich bedingten Situation hervorgerufenen Modifikationen als auch psychologische Moment wie Salienz spielen eine wichtige Rolle. – Ich hoffe, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt hierzu mehr sagen kann.

ad 3) und 4) Was ist die Bedeutung der Strukturmerkmale für die Pädagogik?

Das ist für mich der eigentlich Zweck der Übung, d.h. meiner Beschäftigung mit CA. Ich vermute, dass die Strukturmerkmale und Transformationen so "tief", d.h. allgemein angelegt sind, dass sie nicht nur für die Architektur, sondern auch für anderen Bereiche wie z.B. für die Pädagogik Sinn machen. Es sind aus meiner Sicht hier gleich mehrere Fragen relevant:

  • Wie können diese allgemeinen strukturellen Eigenschaften auf die Pädagaogik/Didaktik umgelegt werden. Da haben wir in der Forschungswerkstatt interessante und - wie ich glaube - durchaus ermutigende erste Ergebnisse erzielt. Man darf die 15+ CA Eigenschaften nicht bloß in räumlicher Analogie umlegen, sondern auch in zeitlicher, sozialer und inhaltlicher ("Content")-Sicht.
  • Wie können solche Eigenschaften systematisch und vollständig abgeleitet, entwickelt, gefunden werden?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich daraus wiederum für die Bildung von didaktischen Entwurfsmustern?
  • Wie lassen sich didaktische Entwurfsmuster in ihrer QWAN (Lebendigkeit, Attraktivität etc.) validieren?

Eine Interpretation von QWAN (Quality Without A Name)

Die intensive Diskussion zwischen Christian Kohls und Helmut Leitner über die Frage ob der Begriff der Lebendigkeit angebracht ist, ob nicht besser Attraktivität gewählt wird oder doch besser bei QWAN verblieben wird, ob eine objektive oder nur subjektive, eine im Objekt liegende oder nur im Auge des Betrachters liegende, eine absolute oder nur im Vergleich d.h. relative Interpretation von diesem Begriffen angebracht ist, hat mich auf folgende Idee gebracht:

Was ist wenn wir diese Diskussion anders formulieren? Wenn wir nämlich

  1. davon ausgehen, dass in Mustern wie Bildern, Gebäudekomplexen, didaktischen Szenarien etc. generische Regeln als Formelemente vorhanden sind, die das ausmachen, was CA als QWAN bezeichnet und wenn wir
  2. annehmen, dass diese Formelemente und Transformationsregeln spezifische Wirkungen erzeugen, die sich valide und reproduzierbar messen lassen und wir
  3. die Frage wie diese Wirkungen zu bewerten sind, ob sie "gut" oder "schlechte" Auswirkungen haben, dahingestellt lassen.

Könnten wir dann nicht davon ausgehen, dass diese generische Regeln nicht gleichermaßen von allen Subjekten wahrgenommen werden, dass es dazu einer entsprechenden Übung, Erfahrung etc. braucht? Wir wären dann dort, wo wie bei qualitativen Untersuchungen in den Sozialwissenschaften sind: Bei der intersubjektiven Varianz von Befragten/BeobachterInnen/Beurteilenden, die durch Schulung und Training zwar verbessert werden kann aber kaum bzw. nur in trivialen Fällen auf 100% gebracht werden kann. Und damit wären wir bei einer Interpretation von QWAN angelangt, mit der auch Du Christian leben können müsstest. Oder liege ich da ganz falsch?


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Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von ralfhilgenstock am 24.05.2009 18:25

Ich möchte an dieser Stelle nur ganz kurz auf einen Ansatz im E-Learning-Bereich verweisen.
LAMS ist eine Lernplattform, die stark an den Learning Design-Konzepten ausgerichtet ist. Sie erlaubt u.a. Lernprozesse visuell zu designen und diese aber auch zu kopieren, um sie mit anderen Inhalten weiter zu nutzen.

Nunmehr wird hier ein Activity Planner (derzeit noch Beta) eingeführt:

The LAMS Activity Planner has been designed to produce runnable learning activities that can be readily used with students. It provides a scaffold that guides teachers through the design process so that they can add their own content to educationally sound learning activities. In this way, the LAMS Activity Planner will support the sharing of effective pedagogy. It encourages the reuse of existing learning designs, resources and learning objects without requiring lecturers to become experts in learning design or theory.

Mehr dazu unter http://wiki.lamsfoundation.org/display/planner/Activity+Planner

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von chrisimweb am 01.06.2009 22:31

Lieber Peter,

ich brauchte diesmal auch etwas länger…ich habe mich parallel mit den 15 Eigenschaften vertiefend beschäftigt und die Ergebnisse der Forschungswerkstatt aufgearbeitet. Ich muss sagen, dass die Diskussion sehr nahe an Alexanders Idee lag und mich gedanklich weit nach vorne gebracht hat :-)

Zu 1: Ich wollte die 15 Eigenschaften nicht wegwischen sondern eher einem Test unterziehen. Aus wahrnehmungspsychologischer Sicht ist keine Eigenschaften wirklich neu (außer vielleicht „The Void“), sondern unter anderem Namen bekannt. Und mich hat gewundert, dass andere Wahrnehmungsprinzipien verschwunden sind.

Zudem denke ich, dass Formen (Zentren) nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für ein ästhetisches Erlebnis der Lebendigkeit sind. Denn die Wirkung hängt von der Gesamtkonfiguration der Zentren ab – von der Form-ation.

Kurzum: bei Alexander gibt es Bildbeispiele, bei denen ich einfach keine Lebendigkeit empfinde, auch wenn ich die 15 Eigenschaften wahrnehmen kann.

Zu 2: Das sehe ich auch so. Muster sind im Prinzip komplexe Konfigurationen von Zentren, wobei ein Zentrum selbst ein strukturelles Muster ist und umgekehrt Muster die strukturelle Ordnung von Zentren beschreiben. Der Zentrumsbegriff betont die Nicht-Isoliertheit, der Musterbegriff betont das Wiederkehrende.

zu 3 und 4: Ich glaube, dass die 15 Eigenschaften in erster Linie für das Zusammenfassen und Abgrenzen von Formen (oder Kategorien) hilfreich sind. Sie unterstützen somit eine Formen- und Methodenlehre in der Pädagogik.

Zur Interpretation von QWAN:
Ich stimme mit Punkt 1 und 3 überein. Bei Punkt 2 bin ich mir nicht sicher. Denn die Wirkung hängt meiner Ansicht nach vom Vorwissen des Individuums ab. Ich stimme definitiv zu, dass man durch Training sehr hohe Übereinstimmung bei den Befragten/BeobachterInnen/Beurteilenden erreichen kann. Aber testen wir dann wirklich die Lebendigkeit oder nicht vielmehr, dass man Probanden auf ein bestimmtes Urteil hin trainieren kann? Sicherlich kann ich auch einem Hardrock-Fan Kriterien beibringen, nach denen er die Güte von Volksmusik beurteilen kann. Aber empfindet er dann auch die Lebendigkeit oder hat er nur das Urteilen gelernt? Eine etwas ausführlichere Erläuterung folgt in einem gesonderten Kommentar.

Liebe Grüße,
Christian

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von chrisimweb am 01.06.2009 22:37

Ergänzend zur Objektivität hier ein paar Überlegungen aus meiner Zusammenfassung der Forschungswerkstatt.

Betrachten wir die Zentren einmal als Kategorien oder Formkategorien, die aufgrund der 15 Eigenschaften (oder anderer Eigenschaften) entstehen.

Ich gehe davon aus, dass die Gesetzmäßigkeiten, wie Kategorien und Kriterien zur Abgrenzung der Kategorien entstehen, durchaus intersubjektiv invariant sind, d.h. für jeden Menschen gleich funktionieren. Unterschiede gibt es hier „lediglich“ bei der Sinneswahrnehmung (Farbenblindheit, Hörschwächen usw.) und der Auffassungsgabe (Fähigkeiten zur kognitiven Verarbeitung). Doch auch wenn wir niemals nachvollziehen können, wie ein Individuum die „Röte“ empfindet, so können wir doch von einer objektiven Eigenschaft der „Röte“ sprechen, die sich messen lässt.

Aus diesen universellen (noch nicht vollständig bekannten) Gesetzmäßigkeiten bei der Wahrnehmung folgt jedoch nicht, dass auch die gebildeten Kategorien gleich sind. Denn nicht nur der Verarbeitungsprozess sondern auch der Input, d.h. die bislang wahrgenommenen Gegenstände spielen eine entscheidende Rolle. Da es sich hier stets um komplexe Zusammensetzung von Merkmalen und Zuständen handelt, gelten die Gesetze der Komplexitätstheorie: kleinste Unterschiede in den Anfangsbedingungen können zu großen Effekten führen. Sowohl Kategorien als auch Kriterienkenntnis sind nicht immer intra-subjektiv. Was zum Beispiel ist die wahre Kategorie guten Unterrichts? Ist es die Art des Unterrichts in österreichischen, deutschen oder amerikanischen Schulen? Und welche Kriterien sollen entscheidend sein, um Objekte voneinander abzugrenzen? Auch hier hängt die Kritikfähigkeit von Vorkenntnissen ab: Um ein Theaterstück als Drama oder Tragödie zu kategorisieren muss ich wissen, welche strukturellen Kriterien etwas zu einem Drama oder einer Tragödie machen. Zur Beurteilung, ob etwas ein gutes oder schlechtes Drama war, muss ich ebenfalls die Kriterien kennen, die etwas zu einem Drama werden lassen. Damit ist die Kritik von den individuellen Erfahrungen abhängig, d.h. von den subjektiv bekannten Kategorien (Formkategorien). Diese Kategorien zeichnen sich zudem durch ganzheitliche Struktureigenschaften aus: mit einer bestimmten Gestaltwahrnehmung sind auch Emotionen verbunden – so kann eine Gestalt für Person A neutral, für Person B jedoch beängstigend wirken.

Objektive Wahrnehmung der Lebendigkeit und der Güte würde eine Objektivierbarkeit der Kriterien und Kategorien bedeuten. Offen bleibt jedoch die Frage, ob diese Objektivierung eine sozial ausgehandelte Konvention ist oder tatsächlich die wahren Kriterien und Kategorien repräsentiert. Dass sich Schönheitsideale in Kulturen und Epochen unterscheiden spricht eher gegen wahre Kriterien und Kategorien.

Allerdings lassen sich Kategorien und Kategorievorstellungen durch Sprache kommunizieren. Indem ich definiere, was ein Drama ist, kann ich Kriterien festlegen, deren Vorhandensein ich bei einem Theaterstück testen kann. Indem ich festlege, was ich mit einer Unterrichtsmaßnahme erreichen möchte, kann ich testen ob mir dies bei der Umsetzung gut gelingt, ob also die Kriterien (Abgrenzungsmerkmale) erfüllt sind. Zur Beschreibung der Kriterien benötigt es (didaktische) Dimensionen, in denen sich die Merkmale ausprägen.

Während der Forschungswerkstatt kam der Gedanke auf, die Lernförderlichkeit als Lebendigkeit des Unterrichts bzw. der Pädagogik aufzufassen. Ideale der Pädagogik sind u.a. die Bildung, Förderung, Entwicklung und Entfaltung die Individuums. Jede Form (Methode, Arrangement, Szenario, usw.), die diesen Idealen (=Kategorien) entsprechen, ist daher eine gute Form.

In dem Moment wo wir davon ausgehen, dass unterschiedliche Akteure zu Recht mit verschiedenen Idealen ausgestattet sein dürfen, müssen wir akzeptieren, dass die gute Form bzw. die Güte der Form unterschiedlich beurteilt wird. Denn Urteilen heißt ja gerade, eine Form einer Kategorie zusprechen. Die einzige Möglichkeit von objektiven (und wahren) guten Formen zu sprechen, besteht darin, Ideale als objektiv und wahr zu betrachten. Unterschiedliche Ideale und Vorstellungen müssten demnach implizieren, dass sich zumindest einer irrt. Dass wir für unsere Ideale streiten und versuchen, andere von diesen zu überzeugen, ist ein Hinweis darauf, dass wir unsere eigenen Ideale für richtig und wahr halten.

Beispiele für die Pädagogik:
Eine gute Methode ist eine, die ihren intendierten Zweck erfüllt. Maßnahmen, die pädagogische und didaktische Ziele effektiv, effizient und nachhaltig erfüllen haben eine gute Form.

Eine Übung ist z.B. dann eine gute Übung wenn der Lernende tatsächlich übt und dabei etwas langfristig lernt, z.B. die Anwendung von Rechenregeln unter Aufsicht des Lehrers. Eine schlechte Übung ist eine, bei der nicht wirklich etwas eingeübt wird, z.B. weil sie schwer verständlich und schlecht dargestellt ist und mehr Zeit für das Verstehen als für das Üben der Rechenregeln verwendet wird. Wenn es gerade um das Verstehen komplexer Sachverhalte geht, dann ist dies allerdings eine Übung anderer Art. Eine gute (schöne) Übung ist also die, in der das geübt wird was geübt werden soll und diese Übung eine Wirkung erzielt. Schlechte Übungen sind auch zu leichte oder zu schwere Aufgaben.

Ganz allgemein ist die Übung eine gute Form der Didaktik, denn sie ist prinzipiell geeignet das höhere Ziel der Lernförderlichkeit zu erreichen.

Die Übung ist also eine gute Form hinsichtlich der Lernförderlichkeit, man könnte sagen Übungen sind eine richtige Ausprägung der Kategorie Lernförderlichkeit. Übungen stellen aber auch selbst wieder eine Kategorie dar, die unterschiedlich gut ausgeprägt werden kann:
„Üben durch Anwenden“ ist meist besser als „Üben mit Multiple Choice“. Aufgaben mit angepassten Schwierigkeitsniveau sind wiederum gute Formen hinsichtlich der Kategorie „Üben durch Anwenden“.

Für Pädagogik und Didaktik gilt daher: Die Güte der Form bezieht sich einerseits auf das Einlösen idealer Vorstellung. Zum anderen bezieht sich die Güte darauf, wie gut eine konkrete Form der allgemeinen Form entspricht (Handelt es sich bei einem Seminar um ein gutes, den Sinn und Zweck eines Seminars erfüllenden Exemplars? Handelt es sich um eine gute oder schlechte Vorlesung?) Ein schlecht ausgeprägter Vortrag ist gleichzeitig eine schlecht ausprägte Wissensvermittlung; die bedeutet jedoch nicht, dass die allgemeine Form des Vortragens eine schlechte Ausprägung der Kategorie Wissensvermittlung ist.

LG,
Christian

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von ralfhilgenstock am 07.06.2009 22:45

Hallo Christian,

ich hake an zwei Stellen ein, einerseits den Zentren-Begriff und andererseits den Objektivitätsansatz.

Alexanders Begriff der Zentren habe ich bisher primär räumlich verstanden. Also 'Küche, Essraum oder Wohnraum' oder 'Supermarkt, Kiosk, Marktplatz, Bahnhof, Park' o.ä. Das kann ich ganz banal auch auf den Bildungsbereich übertragen (Arbeits-, Lernplatz, Klasse, Lehrerzimmer, Schulhof, Aula, Pädagogisches Zentrum,...).
Diese Orte speisen sich aus kleineren Systemen und sind ein Ort der Vernetzung, der sozial gebildet wird, man könnte auch angeeignet sagen. Das Zusammentreffen verschiedene didaktischer Elemente (Muster) im Rahmen der Arbeit mit/in einer Gruppe Lernender kann ich ebenfalls als Raum (Zentrum) interpretieren, da es in der Regel räumlich verankert ist.

Der Ansatz der verallgemeinernden Objektivierbarkeit geht m.E. genau an Alexanders Ansatz vorbei. In den 60er Jahren wurde in der Architektur die objektiv beste, sparsamste, modernste Architektur ausgerufen und es entstanden Einheitswohnungen in Hochhäusern mit einheitlichem Aufbau. Genau das kritisiert Alexander auch mit Bildern als nicht lebendig. Nach objektivierten Kriterien schien es gut zu sein. Diese waren aber von der individuellen Interpretation der Menschen und der Sinngebung des sozialen Verbundes entkoppelt.

Eine gute Form oder Lernförderlichkeit entsteht aber nur in einem konkreten Kontext. Ich kann mit einer zweiten Gruppe zum gleichen Thema häufig nicht exakt die Prozesse wiederholen, die ich bei einer anderen Gruppe bewirkt/gestaltet habe.

Ich habe gerade Presence (Exploring profound change in people, organizations and society von Peter Senge, C. Otto Scharmer, Joseph Jaworksi, Betty Sue Flowers) gelesen. Im Unterschied zu Alexander betonen sie stärker das prozesshafte und sind damit näher an der Bildungsarbeit. Dabei entwerfen sie einen U-Prozess entworfen (Scharmer entwickelt diesen in 'Theorie U: Von der Zukunft her führen: Prescencing als soziale Technik' weiter).
Interessant ist, dass sie sich auf die gleichen Grundlagen wie Alexander (z.B. Maturana, Varela) beziehen.

Sie beschreiben mehrfach Prozesse in z.T. zufällig zusammen gewürfelten Gruppen in denen eine gemeinsame Sicht auf die Dinge und eine Ausrichtung auf gemeinsame Anliegen hin erfolgt. Diese Prozesse und Momente lassen sich nicht vordefinieren. Sie passieren, sie können jedoch gefördert werden.
Dahinter stecken jedoch intuitive große Übereinstimmungen im Wertebereich. Wenn ich das nun auf Alexander rückübertrage, so würden diese Gruppen bestimmte Eigenschaften übereinstimmend als gültig beschreiben.

Hier ergab sich für mich eine Verbindung zu Alexanders Feststellung, dass in Gruppen eine hohe Übereinkunft über Annahmen festgestellt werden kann. Alexander geht nicht davon aus, dass alle Eigenschaften immer auftreten, um etwas als Ganzheit/Lebendigkeit zu konstituieren.

Objektivität wäre demnach für mich nur Gültigkeit in einem Kontext für die dort Beteiligten. Die 'Güte der Form' existiert im Kontext der Lösung eines Problems. Die Frage, was ist 'gute Bildung' (=ideale Vorstellung) ist für mich jedoch zu abstrakt, um sie beantworten zu können, weil sie von einem Problemkontext gelöst ist.

Es scheint mir sehr entscheidend genauer auf die Frage zu fokussieren: Was ist eigentlich das Problem? und damit anschließend auch Was ist eigentlich das angestrebte Ziel? Das eine geht aber nicht ohne das andere.




Gruß
Ralf

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von baumgartner am 14.06.2009 19:43

Hallo Ralf,

soweit ich es verstehe, ist "Zentrum" bei Alexander nicht bloß in dem engen räumlichen Sinne zu verstehen, wie Du es ansprichst (Küche, Supermarkt, Schule, Schulklasse etc.) Es sind "entities", die Teil eines Ganzen sind und mit dem Ganzen in einer Beziehung stehen. Also hat z.B. auch ein Ornament seine Zentren. Zwar stimmt auch Deine Auffassung, aber Zentren sind weit mehr als soziale oder kulturelle Zenten, sie sind auch nicht im Sinne der Gravität zu verstehen, ein Ort, worum andere Teile "kreisen", der im Zentrums steht etc.

Vielleicht hilft nachfolgendes Zitat:
"I use the word center to identify an organized zone of space – that is to say, a distinct set of points of space – which, because of its organization, because of its internal coherence, and because of its relation to its context, e x i b i t s c e n t e r e d n e s s, forms of a local zone of relative centeredness with respect to the other parts of space." (TNoO, Vol I, S.84, Hervorhebung CA) - Auch die weiteren Zeilen des Absatzes von dem ich zitiert habe, sind aufschlussreich, weil sie das, was ich oben paraphrasiert habe, verstärken.

LG
Peter

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von HelmutLeitner am 16.06.2009 11:38

Ralf, Peter,

es scheint mir eine Schweirigkeit Alexander'scher Terminologie zu sein, dass sich zwei Bedeutungen von "Zentrum" mischen.

(1) der allgemeine systemtheoretische Begriff von "center" als ein Begriff für jedes Element im System. Alexander schreibt irgendwo in TNoO "a center ... is ... what we can remember".

(2) die spezielle Eigenschaft oder Kategorie des "strong center", das Funktion und Geometrie verbindet.

Jedes "strong center" ist auch ein "center", aber nicht jedes "center" ist ein "strong center".

Peter folgend, könnte man sich die Frage stellen, ob ein dezentrales oder ausgedehntes Zentrum auch ein "strong center" (ich sag mal "ausgeprägtes Zentrum") sein kann?

Ich würde das mit ja beantworten, und einfach einen Fluss (sagen wir mal den Nil) als Beispiel nehmen. Zweifellos für den Menschen seiner Zeit räumlich nicht mal erfassbar, eventuell in seinem Lauf gar nicht lokalisiert, aber von funktionaler Zentralität im Denken und Tun.

lg Helmut

Re:Strukturmerkmale und Musteransatz im didaktischen Design

Kommentar von Frank Vohle am 13.07.2009 10:39

Die Diskusion ist schwindlig hoch :-), ich möchte zwei Anmerkungen nachschieben:

1) Zentren: Man sieht die Schwierigkeit, unterschiedliche Typen von Zentren (strong, räumlich, zeitlich, kulturell etc.) g l e i c h z e i t i g zu denken. Peter vermutet in der Teil-Ganzes-Beziehung eine Lösung, wobei er sich auf Alexander bezieht. „I use the word center to identify an organized zone of space – that is to say, a distinct set of points of space – which, because of its organization, because of its internal coherence, and because of its relation to its context, e x i b i t s c e n t e r e d n e s s, forms of a local zone of relative centeredness with respect to the other parts of space." (TNoO, Vol I, S.84, Hervorhebung CA) Da Herr Leitner weiter unten den „Fluß“ als Verständigsmetapher anspricht, will ich hier noch ein letztes mal ;-) auf D. Bohm und sein passendes Bild „Strudels im Fluß“ hinweisen (wie man sich die Teil-Ganze-Beziehung, die multiplen, kohärenten, abhängige Zentren denken kann.) Bohm sagt sinngemäß, dass die Wirklichkeit wie ein Fluss ist, auf den es eine Vielzahl von Strudeln gibt. Diese hängen mit dem Fluss zusammen, werden von ihm hervorgehoben, bilden aber eigenständige, stabile und kohärente Zentren aus. Sie haben nur eine begrenzte Lebensdauer (Sichtbarkeit, Expliziertheit), ehe sie sich wieder in den Fluß einfalten. Diese Analogie (immer nur eine Krücke) hilft mir bei der Vorstellung der autonomen (verbunden und getrennt) Zentren.

2) Formeigenschaften: Ich finde die Zeichnungen von Herrn Leitner zu den Formeigenschaften sehr anregend. Aber die Eigenschaften selber verweisen auf positive Z i e l z u s t ä n d e, was Alexander mit Lebendigkeit umschreibt. Wenn man aber ein (pädagogisches) Interesse an der E n t w i c k l u n g von Zentren hat (Genese, generischer Gehalt), dann ist nicht der Zielzustand, sondern der zielerzeugende W i d e r s p r u c h von Interesse. Die Identifikation von produktiven Widesprüchen wird sehr erfolgreich in der russischen TRIZ-Methode umgesetzt siehe hier http://www.triz.it/ (siehe TRITZ-Lösungsprinzipien). Es wäre es aus meiner Sicht produktiv, wenn man diese TRIZ-Prinzipien mit den Formeigenschaften zusammenbringt.

Frank

Musteransatz – neu überdacht

Pattern Approach
Helmut Leitner & Franz Nahrada
13 Bücher

In den letzten 14 Tagen hat es in meinem geistigen "Framework" zum Musteransatz eine gewaltige Neuorientierung gegeben. Meine Hauptkritik an den bisherigen Mustern im pädagogischen Bereich war es, dass sie keine Innovation transportieren, sondern trivial sind. (Vgl. dazu meinen Beitrag "Kritik der didaktischen Entwurfsmuster" vom März 2009.)

Nun aber bin ich der Auffassung, dass die Innovation nicht in der Lösung des Musters selbst liegt. Im Gegenteil: Es werden gerade bekannte Lösungen ("Best Practice" Beispiele) herangezogen und im Musterformat beschrieben. Die eigentliche Innovation besteht vielmehr in der Analyse der Bedingungen (Forces & Liabilities), wie sie das Patternformat vorsieht. Die Pattern-Beschreibung ist das Endprodukt einer Analyse von Wechselwirkungen und expliziert sogenanntes "Tacit Knowledge" (implizites Wissen), wie es sich in den durch Erfahrung gewonnen Best Practice Beispielen herauskristallisiert hat. Die eigentliche Innovation ist die Beschreibung der Kräfte & einschränkenden Bedingungen. Doch langsam und der Reihe nach:

Zwei inspirierende Workshops

Die Auslöser für meine neue inhaltliche Sichtweise zum Musteransatz waren zwei Workshops:

  1. 3.-4. Juli 2010: Mustertheorie Workshop im Rahmen von GIVE, geleitet von Helmut Leitner: Dieser Workshop lebte vom unheimlich breitem Wissen zu Alexander, das Helmut mitbrachte und nicht nur beim Einleitungsreferat sondern ständig – quasi en passant – einbrachte. Helmut brachte mehrere Kisten Bücher mit, unter anderem auch alle 13 Buchpublikationen von Christopher Alexander, die zum Teil nicht mehr – oder zu enorm hohen Preisen nur mehr antiquarisch – erhältlich sind. Neben den grundsätzliche Diskussion war für mich der Workshop aber auch durch die Herkunft der TeilnehmerInnen interessant, die allesamt aus der Themenecke der Stadt-/Regionalentwicklung kamen: Architektinnen, Öko-Dorf Aktivitsten, Grätzlaktivisten (Triesterviertel), Raumplanerinnen, Entwicklungshelfer etc. 
  2. 7.-11. Juli 2010: EuroPLoP 2010. Diese Konferenz hat nicht nur aus inhaltlichen Gründen eine Trendwende für mein Verständnis zum Musteransatz eingeläutet, sondern war vor allem auch durch ihre Organisationsform das Highlight meiner bisherigen – immerhin schon auf 30 Jahre zurückschauende – Konferenzerfahrung! Doch darüber später in einem eigenen Beitrag.

Musteransatz als eine Schablone für eine differenzierte Problemanalyse

Die nachfolgende Beschreibungen sind erst rudimentäre Gedanken, die meine Sichtweise andeuten aber noch nicht voll inhaltlich argumentieren. Dazu sind mir die intrinsischen Implikationen des Muster-Ansatz – wie ich ihn jetzt verstehe – noch nicht genügend klar.

Auf der EuroPLoP gab es eine Einführung in "Pattern Writing". Dabei wurde klargelegt, dass ein Muster aus 4 Teilen besteht, die miteinander in einer Wechselbeziehung stehen (siehe Grafik).

Die Kräfte oder Widersprüche charakterisieren das Problem in detaillierter Form und Weise. Daraus lassen sich dann Konsequenzen ziehen. Begonnen wird die Analyse jedoch mit einer verfügbaren Lösung; das Pferd wird also von hinten aufgezäumt. Danach kann schon kurz auf die Konsequenzen eingegangen werden; hauptsächlich aber geht es darum das Problem für die betreffende "Best Practice" genau zu beschreiben. Das schließt auch eine erste Formulierung des Kontexts mit ein. Erst danach gibt es ein Wissen bzw. Verständnis zu den wirkenden Kräften bzw. Widersprüchen, für die die Lösung bereits häufig eingesetzt wird. Immer wieder gilt es dabei den "dazwischen liegenden" Kontext zu spezifizieren.

Pattern Experten berichten, dass es sich um einen iterativen Prozess handelt, bei dem vor allem tradiertes Wissen ("Tacit Knowledge") expliziert und weitergegeben wird. Die Schwierigkeiten bestehen in der Zuordnung der einzelnen Bedingungen zu den 5 Begriffen: Dasselbe Problem kann unterschiedliche Lösungen haben, meistens aber ist es eine eigene, angepasst Lösung, die durch unterschiedliche Kräfte charakterisiert wird. Unterschiedliche Lösungen haben ganz unterschiedliche Konsequenzen.

Ein Muster ist also nicht als Idealbild oder Vorbild zu verstehen, sondern es ist immer nur in Bezug zu einem Problem zu verstehen. Auf der Erscheinungsebene ist es eine generative Vorgangsweise für eine spezifische Problemlösung, auf der analytischen Ebene ist es jedoch die detaillierte Analyse und Beschreibung einer bereits bekannten Lösung für ein immer wiederkehrendes Problem innerhalb eines genau spezifizierten Kontexts.

So wie das Muster rückwärts entwickelt wird (die Nummer in der Grafik signalisieren den Weg der Analyse), so ist das Muster auch differenziert zu lesen. Die Sequenz der schriftlichen Präsentation Context -> Problem -> Forces -> Solution -> Conseuences ist nicht die Reihenfolge, wie das Muster reinterpretiert wird. Hier ist die Reihenfolge Problem -> Solution -> Forces - Consequences; immer wieder mit einem reflektierenden Blick zum Context.

Es ist also nicht die Lösung, die ein Muster innovativ macht, sondern die Analyse des Problems, seiner Kräfte und Konsequenzen sowie die Beschreibung des Kontexts, der vorhanden sein muss. Meine bisherige Kritik, dass viele Entwurfsmuster trivial sind, hat sich vor allem auf die "Neuheit" der Lösung bezogen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall: Ein Muster ist umso besser, je besser die triviale Lösung und das in ihr verstecktes implizite Wissen in den Forces und Consequences beschrieben wird. Mit Bezug auf das "implizite Wissen" lässt sich bezüglich der Lösung sogar sagen: Je trivialer und banaler, desto wertvoller ist das Muster für seine Weitergabe und Anwendung!

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Werkstatt der Schreiberlinge

Ein Erfahrungsbericht über die beste Konferenz, die ich je besucht habe

EuroPLoP T-Shirt

Vom 7.-11. Juli habe ich gemeinsam mit Reinhard Bauer an der EuroPLoP 2010 (European Conference on Pattern Languages of Programs) teilgenommen. Es war die 15. Europäische Konferenz, die – ganz im Gegensatz zu anderen Tagungen – nicht in einer jeweils anderen großen Stadt mit angeschlossenen Seminarhotel stattfand, sondern jedes Jahr in dem kleinen abgeschotteten und herrlichen Barockanlage des Kloster Irsee abgehalten wurde.

Es war für mich die interessanteste, interaktivste und inhaltreichste Konferenz, die ich bisher erlebt habe. Und ich habe immerhin schon über 30 Jahre Konferenzerfahrung!

Was folgt ist ein subjektiver Bericht meiner persönlichen Eindrücke. Ganz bewusst gehe ich auf die Theorie, die hinter dem speziellen Konferenzdesign steht, nicht ein. Das liegt nicht nur daran, dass ich die betreffende Literatur noch nicht gelesen habe, sondern dass ich möglichst frisch und authentisch von meinen Erlebnissen berichten möchte.

Vorbereitung der Konferenz

Schon die Einreichung und der damit zusammenhängende Review-Prozess war außergewöhnlich: Statt eine (begründete) Annahme bzw. Ablehnung des eigenen Beitrags zu bekommen wurde uns ein "shepherd" (Schafhirte) zugewiesen, der uns "sheep" (Schafe) – also Reinhard Bauer und mir – half, über einen Zeitraum von 3 Monaten, unseren Beitrag zu verbessern!

Das hat mich als Neuling bei einer Pattern-Konferenz noch nicht sonderlich erstaunt: Wir wussten über unseren "Shephard" Christian Kohls, den wir schon von früher kannten und der uns überhaupt erst auf diese Tagung hingewiesen hatte, dass die Pattern-Konferenzen etwas anders gestrickt sind. Da wir noch nie auf einer solchen Tagung waren, hatten wir auch noch nicht im Schreiben von Mustern einschlägige Erfahrungen gesammelt und fanden es daher natürlich, dass wir eine Hilfe beigestellt bekamen. Erst später erfuhr ich, dass Shepherding eine ganz normale Prozedur darstellt. Alle TeilnehmerInnen durchlaufen es; es gibt sogar eine eigene Mustersprache "The Language of Shepherding: A Pattern Language for Shepherds and Sheep" (PDF, 157kB) dafür.

Im muss hier ehrlich gestehen, dass ich aus zeitlichen Gründen das Shepherding nur am Rande mitbekommen habe und die E-Mail Diskussion Reinhard überlassen habe. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt mehr oder minder das Frameset "Just another conference", auch wenn es hier kleine Besonderheiten gab. Meine Ignoranz schlug sich unter anderem auch darin nieder, dass ich die Beiträge der Mitglieder unserer Gruppe, zu der wir zugeteilt wurden, vor der Konferenz nicht eingehend gelesen bzw. studiert hatte und auch sonst keine Zeit fand mich mit den näheren Umständen der Konferenz anzufreunden. Alles in allem fuhr ich nach Irsee im üblichen "Konferenzmood", wenn ich auch ein wenig irritiert war, dass es keinen fixen Termin für unseren Vortrag bzw. unsere Präsentation gab. Auch der Hinweis von Christian, dass es auf den Pattern-Konferenzen auch Gruppenspiele gäbe, ließ mich nicht in Erwartungsfreude jubeln, sondern verstärkte die ohnehin bei mir schon vorhandene Skepsis.

Start der Konferenz

Etwas widerwillig ließ ich mich auf das ganze Procedere ein. 4-Tage Konferenz, soviel Zeit hatte ich mir schon lange nicht für eine Tagung reserviert! Prophylaktisch nahm ich mir daher nicht nur den Laptop sondern auch Unterlagen zum Arbeiten mit, damit ich die vielen Leerläufe, die bei den üblichen Konferenzen üblich sind, produktiv überwinden kann. (Wie sich später herausstellte, waren dies leere Kilometer. Es gab nicht eine einzige Minute der Langeweile. Im Gegenteil: Mir wurde die Zeit zu knapp…)

Meine erste Überraschung war, dass es weder auf dem Parkplatz noch bei der Registrierung das übliche Gedränge von Großkonferenzen gab. Erst bei der Ankunft erfuhr ich, dass bloß 47 Personen erwartet werden. Wiederum später wurde mir erklärt, dass diese relativ geringe Anzahl von TeilnehmerInnen zum Konzept der Tagung gehört, dass das Kloster gar nicht für viel mehr als etwa 80 Personen Platz hat.

Statt Namebadges und Konferenzmappen gab es Leibchen in medium und large zur Auswahl mit der für mich unverständlichen Aufschrift: One two three - Group Sneeze. Auf der Rückseite hatte die T-Shirts variierende, aber ebenso unverständliche, Begriffe aufgedruckt: hashi, hoshi oder hishi. Was es mit dieser Beschriftung auf sich hat, wurde mir erst später klar.

Die nächste Überraschung kam beim Einführungsworkshop für Newcomer. Etwa 20 Leute fanden sich in einem riesigen Saal ein; wir waren also nicht die Einzigen, die zum ersten Mal an einem Patter-Workshop teilnahmen. (Später stellte sich heraus, dass 3 TeilnehmerInnen ohne Unterbrechung an allen bisherigen 14 Konferenzen teilgenommen hatten.) Etwas irritierend für mich war, dass der große Raum völlig leer war. Es gab weder eine Leinwand, Beamer, noch Tische und Stühle, beziehungsweise waren alle Stühle am Wandrand aufeinander gestapelt. - Und so blieb es auch während der gesamten Konferenz!

In der Einführung erfuhren wir, dass es bei der EuroPLoP vor allem um "networking, not delivering a paper" geht. "Patten writers are here to get feedback from their peers". Dazu gibt es verschiedene Formate, neben der Focus Group und der Open Space Group ist das Hauptelement der

Writers’ Workshop

Ich gehe jetzt ab von der chronologischen Darstellung und beschreibe das für mich wesentliche Element, den Writers’s Workshop. Es gibt dafür eine ausführliche schriftliche Unterlage: Einerseits das leider vergriffene Buch: Gabriel, Richard P. 2002. Writers' Workshops & the Work of Making Things: Patterns, Poetry... Addison Wesley; andererseits direkt von Gabriels Website dreamsongs.com das Buch als PDF (PDF, 2,3 MB).

  1. Eine Gruppe von AutorInnen kommt zusammen, um sich gegenseitig zu ihren Artikeln Feedback zu geben.

    In meinem Fall waren es 8 Personen und 5 Beiträge, wobei ein Paper auf der Konferenz in Rahmen eines verlängerten Shepherdings noch weiter bearbeitet wurde. Jeder Beitrag wurde 80 Minuten diskutiert. Wir waren als Pädagogen auf dieser Konferenz der ProgrammierInnen "Außenseiter" und wurden gemeinsam mit einem anderen pädagogischen Artikel der Human Computer Interface (HCI)-Gruppe zugeschlagen.

  2. Es ist wesentlich, dass sich alle GruppenteilnehmerInnen bereits alle Papier sorgfältig durchgelesen haben und sich auch durch Anmerkungen, Notizen bereits gut vorbereitet haben.

    Hier hatte ich Stress pur: Statt mit den anderen bis spät in die Nacht zu diskutieren, musste ich in einer Aufholjagd die noch nicht gelesenen Papiere durcharbeiten. Ein "Schwindeln", d.h. Nicht-Gelesen-haben war schwer möglich und hätte zu peinlichen Situationen geführt (siehe später).

  3. Es wird ein Moderator bzw. Moderatorin bestimmt, bzw. es meldet sich wer für diese Funktion.

    Die Aufgabe der Moderation ist es neben der zeitlichen Kontrolle vor allem darauf zu schauen, dass die nachfolgenden Regeln für den Writers’ Workshop eingehalten werden. Selbst als unerfahrener Teilnehmer konnte man/frau sich für die Moderation melden und wurde durch erfahrene Workshopteilnehmer/-innen unterstützt. Außerdem gab es ein Cheat Sheet (Schummelzettel) zur Vorgangsweise (PDF, 69kB)

  4. Der Autor bzw. die Autorin liest nun einige Sätze vor. Aber wirklich nur einige (3-4) Sätze!

    Die Bedeutung dieser Regel war mir nicht ganz klar. Auf Rückfrage erhielt ich die Antwort, dass damit die Verknüpfung des Textes mit den Menschen, die ihn geschrieben haben, intendiert ist.

  5. AutorInnen können nun auf eine besondere Stelle im Text verweisen, die er/sie ganz besonders diskutiert haben möchte/n.
  6. Danach drehen sich die AutorInnen von den anderen TeilnehmerInnen weg. Sie dürfen nun nur mehr zuhören, was über ihren Text diskutiert wird und sich dazu Notizen machen.

    "They become a fly on the wall" oder wie in unserem Fall, da wir unseren Kreis im Schatten unter einem Baumes aufbauten, "a butterfly on the tree".  Das ist vielleicht der größte und radikale Bruch mit traditionellen Konferenzen: Es gibt keinen PowerPoint-Auftritt oder irgend eine andere Präsentation. Die Präsentation des Artikels ist der Artikel selbst. Es ist wichtig, dass es keinen Blickkontakt zwischen AutorInnen und anderen Gruppenmitgliedern gibt. Während der nun folgenden Diskussion werden nicht die AutorInnen adressiert, sondern die anderen TeilnehmerInnen bzw. der oder die Moderator/in.

  7. In einer ersten Runde wird nun der Artikel zusammengefasst. Es ist hier keine Kritik erlaubt, sondern es soll bloß dargestellt werden, wie der Artikel in seinem wesentlichen Gehalt von den TeilnehmerInnen wahrgenommen wurde.
  8. Anschließend wird nur über die positiven formalen Features des Papers gesprochen.
  9. Erst wenn die Diskussion über die formalen Vorzüge des Artikels keine neuen Aspekte mehr bringt, wird eine Runde zu den formalen Verbesserungsvorschläge gestartet. Wichtig: Bloße Kritik ist nicht erlaubt! Gefordert sind Verbesserungsvorschläge, d.h. Kritik immer nur in Verbindung, mit welchen konkreten Mitteln, d.h. wie der Beitrag verbessert werden könnte.
  10. Es schließt sich eine Runde des inhaltlichen Lobs zum Artikel an. Was gefällt am Beitrag inhaltlich?
  11. Die letzte – und oft ausführlichste Runde – sind inhaltliche Verbesserungsvorschläge zum Beitrag.
  12. Zum Abschluss dreht sich der Autor, die Autorin wieder dem Kreis zu. Die Diskussionsteilnehmer stehen auf und bedanken sich bei den AutorInnen mit einem langen Applaus.

    Es ist mir nicht ganz klar geworden wofür der Applaus wirklich steht. Ist der Applaus für das inhaltliche Geschenk, das mit dem Artikel den TeilnehmerInnen bereitet wurde? Sozusagen der inhaltliche Teil, die Gelegenheit zum persönlichen Lernen an Hand des inhaltlich Beitrags eines Alter Egos. Oder ist es das Vertrauen, dass der Beitrag für eine kritischen Diskussion zur Verfügung gestellt wurde und damit eine Gelegenheit zum gegenseitigen Lernen eröffnet wurde? Auf jeden Fall ist der Applaus Ausdruck einer wechselseitigen Geschenk-Kultur (Gift Culture): Du gibst mir einen Artikel, ich gebe Dir dafür Feedback!

  13. Bevor die Gruppe auseinander geht, übergeben die DiskussionsteilnehmerInnen den AutorInnen noch ihre persönlichen Anmerkungen.

    Damit werden z.B. Tippfehler angezeigt und andere - in der Diskussion nicht genannte – Punkte und Notizen den AutorInnen für die Verbesserung ihres Beitrags mit gegeben.

Argumente zu wiederholen war nicht erlaubt. Wenn jemand derselben Meinung war, dann drückte er/sie das durch den Ruf "Gosh!" aus. Es war legitim "Gosh to everything" zu sagen und das Wort weiter zu geben.

Neben dem Writer’s Workshop gab es noch andere Formate, die ich aber einerseits wegen meines Nachholbedarfs beim Lesen der Beiträge und andererseits wegen der Überlastung durch die vielen neuen Eindrücke teilweise schwänzte.

Hierarchiefreier Raum und Klima der Wertschätzung

Diese trockene Auflistung der Prozedur kann nicht die Gefühle vermitteln, die mit diesem für mich neuem Konferenzformat verbunden sind. Es ist durch diese Vorgangsweise ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung entstanden. Nicht nur weil alle TeilnehmerInnen (TN) abwechselnd AutorInnen und Diskutierende waren, gab es keine Hierarchie der Personen oder Beiträge. In allen Gruppensitzungen ging es sehr informell und kameradschaftlich zu. Auf die "Neuen" wurde immer wieder Rücksicht genommen und es gab viele Sessions, die nur dazu dienten, die Erfahrung aus früheren Pattern-Workshops den neuen TeilnehmerInnen mitzuteilen. Auch das geschah nicht durch Vorträge, sondern durch Vorspielen, durch Aufgabenstellungen und Kleingruppenarbeit etc.

Es gab auch zu den täglichen gemeinsamen Abschlussrunden keine Kurzreferate, was denn in den einzelnen Gruppen passiert war. Statt dessen wurden drei Kreise gebildet: der innerste Kreis wurde durch am Boden sitzende TN gebildet, dahinter gab es einen Kreis mit aufgestellten Stühlen und der äußerste Kreis wurde durch stehende TN gebildet. Ein symbolisiertes Mikrofon (eine mit Luft aufgeblasene Attrappe) wurde herumgereicht. Nur wer dieses "Mikrofon" in der Hand hatte durfte sprechen. Nach einigen Wortmeldungen wurde auf ein Signal die Position gewechselt: Die am Boden Sitzenden standen auf, die Stehenden setzten sich auf die Stühle, die Personen auf den Stühlen setzten sich in den innersten Kreis auf dem Boden.

Es wurde immer nur kurz erwähnt und nicht inhaltlich zusammengefasst bzw. referiert was in den parallelen Workshop-Gruppen geschehen war. Die Idee: Zu wissen wer welches Thema behandelt um bei Interesse mit der entsprechenden Person direkt Kontakt aufnehmen zu können.

Wenn jemand während der Konferenz eine Ankündigung zu machen hatte, konnte er/sie durch folgende Prozedur (Mikrofon gab es ja keines!) Aufmerksamkeit verschaffen. Er oder sie zählte "One, two, three". Worauf alle Personen, die in der Nähe standen und dies hörten, den Text, der auf ihrem T-Shirt stand riefen. In meinem Fall also "Hashi!". Dieser "Gruppennieser" von einigen Personen führte augenblicklich dazu, dass sich die Aufmerksamkeit aller auf die Lärmverursacher richtete und damit die notwendige Stille für eine Ankündigung eintrat.

In der gesamten Konferenz ging es nie darum, sich selbst oder seinen Artikel in Relation zu den anderen TN zu positionieren. Nach der Konferenz kann bis zur Online-Veröffentlichung für weitere 6 Monate an den Beiträgen gearbeitet werden. Weil es nicht um Konkurrenz und Positionierung sondern um gegenseitige Hilfe geht, gab es konsequenterweisedaher auch keinen Best Paper Award, sondern geehrt wurde:

  • das längste und das kürzeste Paper
  • das Paper mit dem längsten und das mit dem kürzesten Titel
  • das Paper, dessen Autor die längste Anreise hatte (Neuseeland)
  • etc.

Interessant war es auch für mich zu erleben, dass

  1. für mich die Diskussion von Artikeln, die nicht mein unmittelbares Fachgebiet betrafen, äußerst spannend war und ich sogar selbst Verbesserungsvorschläge in der Diskussion beisteuern konnte und dass
  2. selbst bei Artikel, die ich als überwiegend kritisch bzw. sogar abwertend als "schlecht" empfunden habe, eine ganz Menge wertvolle, ja anregende Ideen versteckt waren, die in der Diskussion offen gelegt wurden.

Spiele

Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich mit Spiele in Seminaren bisher meist keine gute Erfahrung gemacht habe. Es waren oft gezwungene Momente, die an der Grenze der Peinlichkeit sich abspielten und statt Entspannung eher zur Verkrampfung beigetragen haben. Unter KollegInnen bezeichnen wir die Hardcore VertreterInnen dieser Schule, die solche Seminare organsierten, abwertend als "Hand-Auflege-PädagogInnen".

Die Spiele auf der EuroPloP waren jedoch ganz anderer Natur. Ich kann nicht erklären, was anders war. Sicherlich war ein Teil des Erfolgs dem professionellen Künstler (George Alexander Platts), der sie organisierte, verschuldet. Die Spiele fügten sich perfekt in das Konferenzdesign und unterstützten die kreative Stimmung. Sie sorgten dafür, dass die Gruppe ständig in Bewegung war und sich ganz natürlich viele Gelegenheiten zum Netzwerken bzw. gegenseitigen Kennenlernen ergaben. George hatte hier nicht nur unheimlich gute Ideen, sondern auch eine sehr gutes soziales Gespür für Grenzüberschreitungen oder andere auftauchende Probleme. Um ein Flair von der Art der Spiele zu geben, ein Beispiel:

Der Raum wurde als Landkarte der Welt vorgestellt, mit den Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen. An der einen Längsseite in der Mitte war z.b. der Nordpol, an der anderen der Südpol. Alle TeilnehmerInnen sollten nun den Ort ihrer Geburt, danach den ihres derzeitigen Lebensmittelpunkts, ihres Traumurlaubs etc. aufsuchen. Die "richtige" Positionierung konnte nur vorgenommen werden indem Personen in der räumlichen Nähe gefragt wurden, wo denn sie auf dieser imaginären Landkarte stünden: "Wo arbeitest Du? In München? Ok, dann muss ich mich mit Krems weiter nach links unten stellen!". Ganz abgesehen davon, dass es in Mitteleuropa ein Gedränge gab erfuhren wir ganz nebenbei wer in welchen Weltteil arbeitet, geboren ist etc. Interessanterweise fanden sich zum "Traumurlaub" die meisten TeilnehmerInnen in Neuseeland ein <grin>.

Rahmenbedingungen

Wenn man mehr als 30 Jahre Konferenzerfahrung hat und selbst für verschiedene Tagungsformate verantwortlich ist, sich dazu auch noch als pädagogisch-didaktisch versierte Fachperson versteht, dann ist solch ein Erfahrung, wie es die EuroPLoP 2010 für mich war, wie ein mittleres Erdbeben. Sie erschüttert das eigene professionelle Selbstverständnis. Wie oft haben wir im GMW-Vorstand versucht die GMW-Jahrestagung stärker interaktiv und interessanter zu gestalten? Und wie wenig ist uns dies tatsächlich gelungen!

Zusammenfassend gibt es wohl als Kontext einige Bedingungen ohne die eine solche Konferenz wie die EuroPLoP nicht durchgeführt werden kann. Rahmenbedingungen, die bei anderen Konferenzen nicht gegeben sind und warum daher Veranstaltungen wie die GMW-Jahrestagung nicht einfach auf das EuroPLoP Format "transferiert" werden können:

  1. Kleine Veranstaltung mit relativ wenigen TeilnehmerInnen.
  2. Ein Veranstaltungsort, der fernab von Ablenkungen (Großstädten) liegt und wo eine relativ geschlossene Klausur stattfinden kann. (Im Kloster Irsee gab es nicht einmal TV im Zimmer, dafür aber viel Wiesen und einen See in der Nähe.)
  3. Rundumversorgung mit Essen und Getränke. In Irsee war mit den 900 Euro sowohl die 4 Übernächtigungen als auch Essen sowie alle (alkoholischen) Getränke (auch abends/nachts) inkludiert.
  4. Keine eingeladenen, eigens bezahlte VIP-Gäste. In Irsee wurde bloß die Animation von George bezahlt, alles andere war Arbeit von Freiwilligen, von TeilehmerInnen für TeilnehmerInnen.
  5. Im Konferenzdesign muss das Weitertragen der Tagungstradition ein wesentlicher Bestandteil sein, d.h. es müssen entsprechende Orte und Zeiten für die "Einweihung" von Neulingen vorgesehen werden.
  6. Last not least müssen sich die TeilnehmerInnen (zumindest ein großer Teil von ihnen) der "Geschenk Kultur" verschrieben haben und am gegenseitigen Austausch ehrlich interessiert sein.
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