Das Zittern vor dem Zitieren

In einem sehr umfangreichen Eintrag in meinem Weblog beschäftige ich mit der ungeheuren Komplexität und Vielfalt der Zitierstile. Der Marktführer Endnote bietet inzwischen mehr als 3000 (!) Zitierformate auf seiner Webseite an. Was steckt hinter dem ganze Zirkus um den richtigen Zitierstil?

Im Beitrag analysiere ich die Gründe für die verwirrende Vielfalt unterschiedlicher Zitierstile. Ich vertrete die These, dass Zitieren den Charakter einer rituellen Handlung hat und eine Art Einweihungszeremoniell in die Wissenschaftsgemeinschaft darstellt.

Im Laufe einer Wissenschaftskarriere nimmt dieses Ritual drei verschiedenen Formen an:

  • Quellenangabe: „Einweihung“ in das Wissenschaftssytem
  • Zitierschema: „Einweihung“ in die Wissenschaftscommunity
  • Zitierstil: „Einweihung“ in das engere Fachgebiet.

Die Angst des Studierenden beim Zitieren

Ich argumentiere, dass es wichtig ist, auch in der Lehre diese drei Ebenen zu beachten. Es ist falsch, wenn direkt von der Vermittlung der Quellenangabe zum Zitierstil übergegangen wird – eine Haltung, die ich als didaktischen Kurzschluss kritisiere. Ähnlich wie bei Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter verwirrt und verunsichert auch der didaktische Kurzschluss unseren wissenschaftlichen Nachwuchs (Update, siehe Fußnote 1) und erschwert den Zugang zu den eigentlichen wichtigen Fragen der Wissenschaft. Es kommt zu einer ungerechtfertigten Gleichsetzung von WIssenschaftliches Arbeiten = Richtig zitieren können.

Ich schlage vor, dass in der Ausbildung unserer Studierenden nach einer allgemeinen Einführung zur Bedeutung und Gebrauch der Quellenangabe nicht sofort das Erlernen eines speziellen Zitierformats in den Vordergrund gerückt werden soll. Statt dessen soll ein Überblick zu den verschiedenen grundsätzlichen Zitierschemata als allgemeine Orientierung angeboten werden. Die vielen spezifischen Eigenheiten eines konkreten Zitierstils sollen dann an eine Software delegiert werden. Dadurch kann mehr Zeit und Aufmerksamkeit den inhaltlichen Arbeitstechniken im Forschungsprozess (Thesenbildung, Methoden der Recherche, inhaltlicher Aufbau und Präsentation der Argumente) gewidmet werden.

Passenderweise verwende ich bei diesem Blogeintag auch zum ersten Mal COinS. BenutzerInnen von Zotero können sich die bibliografischen Daten inkl. Zusammenfassung direkt in ihre Zotero Datenbank herunterladen.


1 Ich muss hier Peter Handke verteidigen und die Formulierung des obigen Satzes kritisieren: Es ist natürlich nicht so, dass die „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ unseren wissenschaftlichen Nachweis – wenn überhaupt – wesentlich verunsichert <grin>. Gemeint habe ich mit der Analogie nur, dass es unseren Studierenden wie dem Monteur Josef Bloch beim Handke-Buch geht: Sie verstehen die Welt ob ihrer Komplexität nicht mehr und entfremden sich von ihr. So wie es Bloch mit der Alltagswelt geht, so geht es unsere Studierenden mit der Wissenschaftswelt. Deutsche Sprache – schwere Sprache… (11.09.2008)

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