Latour-01

Es gibt zu ANT eine ganze Menge von verschiedenen Definitionen. Eine recht brauchbare Zusammenfassung findet sich auf Learning-Theories.com. Eine Sammlung verschiedener Sichtweisen gibt es hier.  Trotzdem möchte ich in diesem Beitrag – quasi als Start zur gemeinsamen Lesereise – auch noch meine eigene Perspektive hinzufügen:

Was mir an ANT so gut gefällt

In ANT wir das Soziale nicht bloß als eine Black Box aufgefasst, ein Erklärungsprinzip, das immer dann herangezogen wird, wenn andere Erklärungsversuche versagen bzw. nicht zielführend sind. Das Soziale ist eben ontologisch gesehen kein Stoff, das ursächlich für Erklärungsmodelle als Ursache herangezogen werden kann. Vielmehr ist zu hinterfragen, wie sich die sozialen Verhältnisse in bestimmten Tatsachen abbilden, sich „Gehör“ verschaffen, zum Durchbruch kommen.

So genügt es beispielsweise nicht wie Durkheim „bloß“ aufzuzeigen, dass der Selbstmord eine „soziale Tatsache“ ist. Selbstmordraten sind zwar von Land zu Land verschieden aber über die Jahre in den jeweiligen Ländern erstaunlich stabil. (Das „bloß“ habe ich natürlich unter Anführungszeichen gesetzt, weil es damals eine enorme kreative Leistung von Durkheim war, die höchste individuelle Entscheidung und Tat eines Selbstmordes als ein gesellschaftliches Faktum, d.h. gesellschaftlich bedingt zu begreifen!).

Die soziale Tatsache ist sozusagen nur eine Abkürzung, die genommen werden kann, wenn vorher ganz genau und im Detail untersucht worden ist, wie sich die einzelnen Handlungen der Akteure miteinander verschränken und ein soziales Netzwerk bilden, das bestimmte Gesetzmäßigkeiten folgt bzw. bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die interessante Frage lautet also nicht, dass Selbstmord Ausdruck sozialer Verhältnisses ist, sondern wie sich die soziale Verhältnisse unter anderem in eine relative konstante Selbstmordrate niederschlagen (oder wie Latour oft sagt: „versammeln“ (assemblieren).

Die Verdinglichung des Sozialen

Nun sind nach Latour aber nicht nur Menschen Akteure sondern auch Dinge und/oder Technologien. Weil das komisch klingt schlägt die Actors-Network-Theory den Begriff des nicht anthropomorphen, d.h. auf Menschen eingeschränkten Aktanten vor: Dass Aktanten tatsächlich nicht-menschliche Akteure sind, zeigt sich in den verwendeten Verformen, z.b. Eine Kochtopf „kocht“ Wasser, ein Thermometer „zeigt“ die Temperatur an, etc. Aufgabe der Soziologie ist es nun, dieses Netzwerk der ineinander verschränkten und kommunizierenden Aktanten zu untersuchen, damit das „Soziale“ verständlich wird. Das soziale Faktum steht also nicht am Beginn der Erklärungskette, sondern an deren Ende.

ANT ist die fleißige Ameise (Methode/Zugang), die sich langsam aber unermüdlich ihren Weg bahnt, die in einer Sichtweise von unten – bzw. auf gleicher Ebene, d.h. ohne Perspektivenverzerrung, sich die Welt (Realität) erarbeitet. ANT ist sozusagen die Einstein’sche Erweiterung der Newtonschen Mechanik. Wie die Newtonschen Gesetze nur bei geringen Geschwindigkeiten annäherungsweise korrekt sind, so ist die „normale“ Soziologie bei relativ stabilen bzw. bereits durchleuchteten Sachverhalten sozusagen als abkürzende Schreibweise korrekt. So wie wir bei großen Geschwindigkeiten die Relativitätstheorie von Einstein benutzen müssen, so brauchen wir bei rasch wechselnden Situationen, bei neuartigen Forschungsfragen, wo sich Menschen und Technologie miteinander verschränken und deren Grenzen ineinander fließen den ANT-Zugang. Deshalb ist ANT nicht nur für die Science and Technology Studies (STS) – woraus sich ANT entwickelt hat – so wichtig, sondern auch als Werkzeug für die Erforschung von Bildungstechnologien von besonderem Interesse.


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