Ruf an die Donau-Universität Krems angenommen

Gedanken zu meinem Wechsel von Hagen nach Krems

Meine Entscheidung von Hagen nach Krems zu wechseln, ist das Ergebnis einer Abwägung von Vor- und Nachteilen. Mir hat die Arbeit an der FernUni Spass gemacht und die Entscheidung ist mir daher gar nicht so leicht gefallen, wie vielleicht einige meiner KollegInnen zu glauben meinen („Der Baumgartner kehrt sicherlich bei der ersten Gelegenheit wieder nach Österreich zurück…“). Sicherlich ich gebe zu, dass das Österreich-Rückkehr Argument nicht ganz unwesentlich war, aber letztlich waren doch ganz andere Gründe entscheidend.

Interessantes Organisationsmodell

Eine wichtige Vorbedingung für meine Entscheidung war es wohl, dass die DUK keine „normale“ Universität im traditionellen Sinne ist. Ich glaube nicht, dass eine ganz „normale“ österreichische Universität für mich so eine hohe Anziehungskraft wie die Donau-Universität entwickeln hätte können. Ich kenne das österreichische Universitätssystem ja aus eigener Erfahrung recht gut und mein persönlicher Eindruck ist nicht unbedingt nur ein positiver: [EINSCHUB: Bitte beachten Sie, dass alle Überlegungen auf dieser persönlichen Website meine private Meinung darstellen und daher nicht unbedingt immer die Meinung der Organisation repräsentieren, der ich beruflich angehöre. Ich habe eine entsprechende Notiz auch am Fuß jeder Seite dieser Website angebracht.]

‚Normale‘ Universitäten in Österreich…

Die Personal- und Sachausstattung ist – bei steigenden Studierendenzahlen – rückläufig und schlechter als beispielsweise in Deutschland. So gibt es z.B. keine studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte, der Professor/die Professorin wurstelt – nach einem „Kahlschlag“ bzw. „Abrasieren“ des Mittelbaus – mit seiner/ihrer Sekretariatskraft ziemlich alleine vor sich hin. Die seit dem Universitätsgesetz 2002 forcierte „Outputsteuerung“ der Universitäten entspricht keiner Kontrolle des Inputs durch die Universitäten selbst. So gibt es weder Aufnahmebeschränkungen noch andere Steuerungsmöglichkeiten der Studierendenzahlen wie z.B. durch die Höhe der Studiengebühren. Im Gegensatz dazu wurde der Aufbau von Fachhochschulen extrem gefördert, so dass wir in Österreich jetzt eine Situation haben, wo sich Studierende zuerst an den FH’s bewerben um sich dann – wenn sie dort nicht genommen werden (FH’s haben klare Aufnahmebeschränkungen!) – an den Unis einzuschreiben. Die österreichischen Universitäten müssen gegenüber der Konkurrenz von Fachhochschulen mit schlechteren Studienbedingungen kämpfen und werden zunehmend zur zweiten Wahl. Dementsprechend hat es auch die Forschung – außer in einigen besonders geförderten Spezialgebieten – recht schwer sich international zu behaupten.

… und die DUK

Das ist bei der DUK – soweit ich es bisher verstehe bzw. durchschaut habe – anders organisiert: Im Zentrum stehen die stark adaptiven, nachfrageorientierten Universitätsstudiengänge, aus deren Einnahmen sich die DUK bereits zu etwa (unglaublichen!) 80% selbst finanziert. Ich glaube zwar nicht, dass sich dieser hohe Deckungsgrad nach der Berufungswelle (bisher wurden 12 ProfessorInnen berufen) und der damit auch verbundenen verstärkten Wahrnehmung von Forschung aufrecht zu erhalten sein wird. Allerdings wird ein flexibles Anbieten von Studiengängen für kleinere und zahlende Studierendengruppen sicherlich weiterhin den Löwenanteil der Mittel stellen.

Anfangs hat mich diese Ökonomisierung des Universitätsbetriebs etwas irritiert und gesellschaftspolitisch bin ich mir auch über die möglichen negativen Konsequenzen nicht ganz im Klaren. Andererseits hat es jedoch im kleinräumigen Setting für mich den enormen Vorteil, dass der höheren Verantwortung – zu der dann auch das Budget gehört – auch eine höhere Selbständigkeit entspricht. Ich kann an der DUK im Rahmen der Zielvereinbarungen ziemlich selbständig agieren, die (Verwaltungs-)Wege sind kürzer, direkter und zu einem großen Teil auch unter meiner Kontrolle. So muss ich beispielsweise nicht bei jeder Einreichung für ein EU-Projekt den Rektor kontaktieren, damit ich die notwendige Unterschrift bekomme, sondern kann selbst unterzeichnen.

Neue Lehr- und Lernformen

Ein entscheidender Grund für meinen damaligen Wechsel von Innsbruck an die FernUniversität nach Hagen (Herbst 2003) war natürlich die einzigartige Stellung der FernUniversität in der deutschsprachigen Universitätslandschaft: Eine Motivationsfaktor für mich war, dass die FernUni mit ihrem Organisationsmodell bildungswilligen berufstätigen Menschen eine weitere Chance für einen Studienabschluss bietet. Das kommt meinen eigenen bildungspolitischen Ansichten sehr entgegen. Außerdem war für mich natürlich der Fokus auf Fernlehre ein maßgeblicher inhaltlicher Attraktionspunkt. Die gesamte Uni – so war meine hoch geschraubte Erwatung – muss sich (notgedrungen) mit meinem Spezialgebiet e-Learning beschäftigen. Meine Vorstellung war: Wenn es im deutschsprachigen Raum universitäre Zentren für e-Learning gibt bzw. geben wird, dann muss dabei die FernUni sicherlich eine führende Rolle spielen. Sowohl in den Berufungsverhandlungen mit der FernUni als auch in den Pressemeldungen wurde diese Erwartungshaltung als ‚change agent‘ für eine netzgestützte Lehre auch seitens der Universitätsleitung häufig betont.

„Gut Ding braucht Weile“

Mir war natürlich schon damals klar, dass die neue Position eine riesige Herausforderung darstellen würde: In ihren internen Abläufen war die FernUniversität nach dem Muster einer traditionellen Korrespondenzuniversität (Verschicken von Studienbriefen) strukturiert. Weder gab es eine virtuelle Lernplattform – der oftmals zitierte Lernraum Virtuelle Universität (LVU) entspricht viel eher einem Lehrraum bzw. einem Verwaltungsraum – noch Konzepte der virtuellen Betreuung der Fernstudierenden. Darin bestand aber gerade die Herausforderung für mich, hier einen Wechsel bzw. Umschwung zu einer netzbasierten Universität herbeiführen zu helfen.

Ich muss zugeben, dass dieses Ziel bis heute bei weitem nicht erreicht wurde. Nach wie vor gibt es keine universitätsweite Lernplattform, nach wie vor müssen Studierenden sich per snail mail zu Prüfungen anmelden, schreiben Klausurarbeiten per Hand, die per LKW eingesammelt und durch das Land transportiert werden, nach wie vor gibt es kein klar ausgearbeitetes Konzept einer radikalen Neustrukturierung der Universität in Richtung netzbasierter Universität.

Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass es auch sehr schwierig ist, eine traditionsreiche, große, funktionierende und auch erfolgreiche (!) Organisation – und dazu noch im laufenden Betrieb – in so kurzer Zeit umzustellen. Insofern bin ich recht optimistisch,  dass sich die FernUniversität in den nächsten Jahren noch weit stärker bewegen wird, als dies bisher der Fall war. Es dauert eben seine Zeit bis ein schwerer Tanker auf hoher See seine Fahrt in eine neue Richtung aufnehmen kann.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge…

Insofern wäre ich noch gerne an der FernUniversität geblieben, um meine Kompetenz für diese Kursänderung zur Verfügung stellen zu können. Viele Neuausrichtungen, wo ich z.T. in führender Rolle mitgeholfen habe, beginnen erst jetzt ihre ersten Früchte zu tragen (z.B. die Ausrichtung des Instituts mit der Berufung neuer e-Learning affiner Professuren wie Bildungstheorie und MedienpädagogikMediendidaktik und CSCL; das PloneStudienportal für den Bachelor Bildungswissenschaft; der Pilotversuch des Einsatzes von Moodle als Einführung in die Bildungswissenschaft  ebenfalls im Bachelor Bildungswissenschaften, Vorarbeiten für einen neuen Masterstudiengang „eEducation/Bildung und Medien“). Die spannenden und sehr lehrreichen Diskussionen in den Gremien – an welcher Uni ist schon die Gremienarbeit Teil der eigenen Forschungsarbeit? – werden mir sicherlich fehlen.  – Und das nicht zynisch sondern ehrlich gemeint! Noch mehr missen werde ich jedoch die extrem zahlreichen inhaltlichen Kontakte – an welcher Uni müssen sich alle Lehrende in der einen oder anderen Form mit Fragen von e-Learning professionell beschäftigen? Bei diesem letzten Punkt hoffe ich jedoch sehr, dass die inhaltlichen Kontakte (vor allem auf Forschungsebene) auch über die Ferne weiterhin bestehen bleiben. Und nicht zuletzt muss ich mein engagiertes Team in Hagen erwähnen ohne dessen Kompetenz und Engagement die erreichten Fortschritte und Erfolge undenkbar gewesen wären. Das alles sind Gründe warum mir der Wechsel schwer fällt.

Auf der anderen Seite sieht es aber ganz danach aus, als ob ich in Krems eine ähnliche – wenn nicht bessere – Situation haben werde. Die Entwicklung und der Einsatz von innovativen Lehr- und Lernformen sind gesetzlich fixierter Auftrag der DUK und im DUK-Gesetz 2004 verankert. Zwar geht es nun nicht mehr darum Fernstudium mit e-Learning zu betreiben, sondern e-Learning als ergänzendes Element des Studiums zu implementieren; das ist aber  – mal abgesehen von solchen speziellen Organisationen wie es die FernUni darstellt – die zentrale Aufgabe, vor der unser gesamtes Bildungssystem steht: Wie können die Vorteile von e-Learning und Präsenzunterricht möglichst optimal kombiniert werden? (Vgl. dazu auch das Stichwort Blended Learning)

Dazu kommt noch, dass es eine enorme Aufbruchsstimmung an der DUK gibt, ein optimistischer Geist, der in allen Ecken und Enden – von der Sekretärin bis zum Rektorat – zu verspüren ist. Wie sich aus einer Gesamtschau meiner zukünftigen Professoren-KollegInnen ersehen lässt, gehöre ich in Krems – anders als an der FernUni –  eher zum erfahrenen Teil (um nicht zu sagen zu den „Senioren“) des Kollegiums. Eine meiner spannenden Aufgaben wird es daher auch sein, meine 20 jährige Erfahrung aus dem Universitätsbetrieb einzubringen und dabei insbesondere mitzuhelfen die bisher erst rudimentär vorhandene Forschungskultur an der DUK aufzubauen.

Besonders spannend ist natürlich auch der Status als erste staatliche Universität in Europa, die sich auf postgraduale Studien spezialisiert hat. Im Zusammenhang mit dem gesetzlichen Auftrag der „Entwicklung zu einem mitteleuropäisches Kompetenzzentrum für Weiterbildung mit besonderer Berücksichtigung von Aspekten der Erweiterung der Europäischen Union“ ergeben sich hier sehr interessante Möglichkeiten. Allerdings ist mir persönlich noch nicht ganz klar, wie dies in meinem Arbeitsbereich konkret umgesetzt werden könnte.

Dazu kommt dann noch, dass ich nicht nur von meiner Persönlichkeitsstruktur ein ungeduldiger Mensch bin, sondern dass das Zeitfenster einer möglichen beruflichen Rückkehr nach Österreich – und dazu noch in die Nähe meiner Geburtsstadt Wien, wo ich 33 Jahre meines Lebens verbrachte und noch immer viele Freunde und Bekannte habe – sich mit 53 Jahren langsam aber sicher zu schließen beginnt. Außerdem – und ich entschuldige mich gleich jetzt für Verallgemeinerungen, die so natürlich nie zutreffen! – konnte ich mich weder mit dem Wetter in Hagen, (derzeit beispielsweise regnet es seit Tagen, vom regelmäßigen „no weather“ = grauer Himmel ganz zu schweigen), der Landschaft (kein Kommentar!) noch mit der etwas schnoddrigen Art der Sauerländer richtig anfreunden. Das waren für mich persönlich – der ich mit einer neuen Idee aus einem guten Buch oder aus einer anregenden Diskussion regelrechte Glücksgefühle erlebe – zwar keine entscheidenden Punkte, haben mich aber  – vor allem über die Stimmung meiner Frau – natürlich ebenfalls in meiner Entscheidung beeinflusst.

Umgekehrt gibt es aber auch einige Nachteile, die ich mit dem Wechsel nach Krems, in Kauf nehmen muss: Beispielsweise kein Promotions- und Habilitationsrecht, keine Verbeamtung, sondern nur ein Vertrag auf 5 Jahre mit Verlängerungsmöglichkeit.

Alles in allem, die Entscheidung hatte ihre Für und Wider: Der Abgang von Hagen fällt mir einerseits nicht leicht, andererseits freue ich mich schon sehr auf die neuen Herausforderungen,  Arbeits- und Lebensbedingungen.


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