GLL-09: Erster Schritt – Das Globale lokalisieren

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt! Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt einige Bücher von Latour zu lesen. Aber außer Laboratory Life (mit Kindle Reader) und einige Seiten von Science in Action konnte ich meine weihnachtlichen Vorsätze (wie immer) nicht einhalten. Dazu kam noch, dass während der Weihnachtsfeiertage eine ganze Reihe unaufschiebbarer Termine und Verpflichtungen für Jänner hinzukamen, die es mir auch nicht mehr erlaubten, meinen straffen Zeitplan für das Projekt „Gemeinsam Latour Lesen“ einzuhalten. Das ist auch der Grund, warum ich erst jetzt – eine Woche verspätet – das Kapitel „Das Globale lokalisieren“ bearbeite und ich auch nicht die Woche darauf, sondern erst wieder in 14 Tagen die Literaturreise mit  „Das Lokale neu verteilen“ fortsetzen kann.

Alles flach halten!

Wir haben bereits im vorigen Kapitel gesehen, dass Latour das Grunddilemma der Sozialwissenschaften – nämlich das ständige Oszillieren zwischen den Stätten der lokalen Interaktion (das Soziale Nr. 3) und dem globalen Kontext (das Soziale Nr. 2) als eine falsch gestellte Aufgabe, eine Fangfrage, ansieht. Weder ist das System für sich alleine dominant noch sind bloß die Handlungen der Akteure entscheidend. In den kommenden Abschnitten versucht Latour seine Lösung (oder besser: Nicht-Lösung) des Dilemmas darzustellen.

Seine wesentliche Idee dabei ist es zu fragen: Wo werden die strukturellen Effekte tatsächlich produziert? Und dann der Herstellung von Verbindungen folgen, die die Akteure in diesen Produktionsstätten wie Labor, Büro, Armee-Kommandozentrale, Klassenzimmer, Sprechzimmer des Arztes, Handelsraum der Wall Street etc. knüpfen. Jede strukturelle Bedingung muss nach Latour kompromisslos auf ihre lokalen Produktionsbedingungen zurück bezogen werden.

Nicht auf den Kapitalismus fixiert sein, aber auch nicht am Bildschirm des Handelsraums kleben bleiben: sondern den Verbindungen folgen, „den Akteuren folgen“. (308)

Die Makro-Ebene beschreibt nicht mehr eine umfassendere oder ausgedehntere Stätte/Ebene sondern ist ebenfalls ein lokalisierbarer Ort. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie deswegen scheinbar „darüber“ liegt, weil ihre Zahl der Verbindungen größer und die Verknüpfungen daher dichter sind. Die Makro-Ebene ist also kein übergeordneter Rahmen, wo das Mikro – wie eine russische Puppe – eingebettet ist, sondern ist genauso ein lokalisierbarer Ort, wie alle anderen Produktionsstätten.

Latour bringt eine Reihe von plausiblen Gründen, warum diese „Klammer“, wie er das nennt, wichtig ist:

  • Es ist nicht Aufgabe der SoziologInnen ihre Daten relativ willkürlich in zwei Gruppen (lokal und global) einzuteilen. Vielmehr haben sie den Akteuren zu folgen und aufzuzeichnen, wie diese in ihren ständigen Kontroversen die Maßstäbe wechseln und anlegen. „Maßstab ist die Leistung der Akteure selbst.“ (319)
  • Gerade diese Rahmungs-Aktivität der Akteure, diese Aktivität der Kontextualisierung ist ein wesentlicher Teil der Untersuchung. Die Regel „Das Globale lokalisieren“ richtet die Aufmerksamkeit der ForscherInnen auf diese Tätigkeit der AkteurInnen. Es ist gerade dieses „Maßnehmen“, das einen wichtigen Bestandteil der Untersuchung ausmacht.
  • Die Welt der Ereignisse lässt sich nicht von vornherein sortieren und nach ihrer Größenordnung sortieren. Kleine Ereignisse – wie wir es aus der Geschichte immer wieder gelernt haben – können zu großen Veränderungen führen. Erst im Nachhinein kann durch ein willkürliches Skript eines Aufnahmeleiters das Zoom so eingestellt werden, dass anscheinend diese Größenverhältnisse immer so waren, wie sie erscheinen.
  • Im Akteur-Netzwerk verweist der eine Teil (Akteur) auf den engen Raum, wo alle großen Taten ausgeheckt werden, der zweite Teil (Netzwerk) darauf, mit welchen Transportmitteln welche Informationen der globalen Welt „da draußen“ hereingebracht werden.
  • Das Kleine ist nicht im Großen eingebettet, sondern liegt daneben. Alle Fragen, die für das Lokale gelten, sind auch auf die „großen“ Lokalitäten anzuwenden: „In welchem Gebäude? In welchem Büro? Durch welchen Korridor erreichbar? Welchen Kollegen vorgelesen? Wie zu/sammengetragen?“ (315/316).

Panoptikum, Oligoptikum und Panorama

Olig bezeichnet: wenig, gering, arm an…, z.B. eine Oligarchie ist die Herrschaft einer kleinen Gruppe. Oligoptiken sind demnach schmale Ansichten eines (verbundenen) Ganzen.

Pan bezeichnet: all, ganz, gesamt, völlig, z.B. Pantheismus Allgottlehre, Lehre, in der Gott und Welt identisch ist. Panoptiken sind demnach umfassende Ansichten, die einen völligen Einblick ermöglichen.

Latour verwendet den Ausdruck „Oligoptikum“ um seine – von der traditionellen Soziologie – unterschiedliche Sichtweise zu verdeutlichen.

Oligoptiken sind schmale Ansichten eines (verbundenen) Ganzen, die zwar wenig sehen, das aber sehr gut. Latour stellt diesen Begriff der Allmachtsfantasie des Panoptikums, wie es Foucault in Überwachen und Strafen beschreibt  (vgl. dazu auch den Bloeintrag Latour’s Oligopticon and Foucault’s Panopticon aber vor allem den Wikipediabeitrag dazu): Darin beschreibt Foucault einen Gefängnisturm, wo alle Zellen zum rund geformten Innenhof einsichtig sind und ein zentral positionierter Wächter jederzeit in alle Gefängniszellen Einblick hat.

Latour ist sich bewusst, dass das Streben nach einer ganzheitlicher Sichtweise, nach dem Verstehen von Zusammenhängen nicht nur sinnvoll sondern auch notwendig ist. Allerdings betont er, dass die Wahl einer Größenordnung, das Zoomen nicht mit Verbundenheit zu verwechseln ist. Ein großes zusammenhängendes Bild zu erzeugen, ein Panorama mit einer 360 Grad Ansicht zu konstruieren, ist zwar wichtig, aber nicht mit einem Panoptikum zu verwechseln. Es ist nämlich nichts anderes als ein Bild, das eine Projektionsfläche braucht. Genau deshalb sind wieder die bereits bekannten Fragen nach der Lokalität erlaubt und sinnvoll: Wo wird das Panorama gezeigt? Durch welche Hilfsmittel wird es projiziert? An welches Publikum ist es adressiert? (323)

Das Panoramabild darf nicht mit der Realität verwechselt werden: Es bietet eine Gelegenheit Zusammenhänge zu studieren, den Fokus von den einzelnen Akteuren (Ameisen) auf das Netzwerk (den Spuren und Fährten) zu legen. Der Zusammenhang zwischen Ameisen und Spuren/Fährten darf aber niemals abgerissen werden. Es gibt keine Ameisenspuren ohne Ameisen, die Verabsolutierung des Kontexts führt in das Nirwana.

Neben der bisher bereits ausführlich beschriebenen Regel „Alles langsam machen!“ und beim Transport, Bewegung etc. die vollen Kosten zahlen, kommt nun noch als weitere Forderung hinzu: Keine Abkürzungen nehmen und vor allem nicht (vom Lokalen zum Globalen und vice versa) springen!

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