GLL-11: Dritter Schritt – Orte verknüpfen

Wir erreichen jetzt langsam das Ende unserer mühsamen (Lese-)Reise zur Akteurs-Netzwerk Theorie. Die Ameise kommt – nachdem sie stur den Akteuren in ihren Weg durch das Dickicht der verschiedenen Formen des Sozialen gefolgt ist – langsam wieder an das Tageslicht. Nachdem wir den Transportwegen der zirkulierenden Entitäten gefolgt sind, durch dunklen Kanäle und unübersichtliche Netzwerke den Blick für das Ganze verloren haben, eröffnet sich nun vor unseren Augen eine flache Landschaft in der alle Größenverhältnisse (Makro/Mikro) eingeebnet wurden und die wir aus der gleichen (nivellierten) Ebene aus betrachten:

  1. Wo werden die strukturellen Effekte tatsächlich produziert? Der erste Schritt verlegte das Große, Globale, Strukturelle in winzige Orte hinein: Der theoretische Kontext wurde dabei verflacht, verweltlicht, profanisiert d.h. in den empirische Alltag überführt. Es wurden dabei jene physikalischen Orte aufgesucht, wo die Akteure agieren und jede strukturelle Eigenschaft auf ihre lokalen Produktionsbedingungen zurückgezogen wird. Das sind (in eher geringerem Maße) selbst wiederum Handlungen; vor allem aber  Handlungen, die in Inskriptionen bzw. Einschreibungsgeräten (inscription devices) stabilisiert, verfestigt wurden, wie z.B. schriftliche Befehle, Anweisungen, Formulare, Gesetze aber auch der schwere Türschlüsselanhänger eines Hotels, der daran „erinnert“ den Schlüssel in der Rezeption zurückzugeben, der hydraulische Türschließer, der die Arbeit des Tüschließens erledigt etc.
  2. Wie wird das Lokale hervorgebracht? Der zweite Schritt verteile die lokalen Handlungen, indem er jede dieser (Handlungs-)Orte in den provisorischen Endpunkt anderer Stätten transformierte, die in Raum und Zeit verteilt waren. Jeder Ort wurde dadurch zum Resultat von Existenzformen, die von ferne (sowohl räumlich als auch zeitlich) wirkten. Unsere Aufmerksamkeit hat sich dadurch auf diese Konnektoren gerichtet, die als strukturierende Schablonen wirken. Wir haben diese Einschreibungsgeräte nicht nur als Materialien und intellektuelle Technologien betrachtet, sondern sie auch als „soziale Werkzeuge“ betrachtet, die nicht nur Zwischenglieder darstellen sondern als Mediatoren auch transformatorische Wirkungen (wie z.B. Delegation, Delokalisierung und Übersetzung) haben, die wir zurück verfolgt und studiert haben.

    Wann immer ein Ort auf einen anderen einwirken will, muß er ein Medium durchlaufen und etwas den ganzen Weg hindurch transportieren; um mit dem Einwirken fortzufahren, muß er irgendeine mehr oder weniger dauerhafte Verbindung aufrechterhalten. Umgekehrt ist jeder Ort nun Zielpunkt vieler solcher Aktivitäten, die Kreuzung vieler solcher Fährten, der provisorische Aufenthaltsort solcher Transportmittel. (379)

  • Wie hängt alles zusammen? Im dritten Schritt nun fragen wir uns was passiert, wenn wir die beiden obigen Schritte – das Globale lokalisieren und das Lokale verteilen – gleichzeitig (d.h. eigentlich ständig oszillierend) durchführen? Es treten dann sowohl die Orte als auch die lokalen Handlungen in den Hintergrund. Der Blick richtet sich auf die Verknüpfungen selbst, auf die Transportmittel und ihre Zirkulationen in diesem Netzwerk. Es entstehen damit drei neue Fragen:
  1. Wieso können diese Konnektoren den Transport von Existenformen ermöglichen und dabei das Soziale so effizient formatieren/hervorbringen? Woraus bestehen sie, welchen Typus sind sie zuzurechnen?
  2. Was ist diese Natur der so transportierten Existenzformen bzw. Mittler/Mediatoren?
  3. Was liegt zwischen den Verbindungen?

Von Standards zu versammelten Aussagen

Latour bringt als Beispiel zur Illustration eine Bilderfolge, in der gezeigt wird, wie eine Frau (Alice) an einer Parlamentswahl in Frankreich teilnimmt:

  • Alice-1: Alice studiert Le Monde, um sich darüber klar zu werden, welche Partei sie wählen soll.
  • Alice-2: Alice nimmt sich im Wahllokal einen leeren Stimmzettel.
  • Alice-3: Alice verschwindet in der Wahlkabine um ihre Wahlstimme geheim abzugebe.
  • Alice-4: Alice bestätigt ihre Wahlberechtigung indem sie ihren Ausweis übergibt und wirft ihren ausgefüllten Wahlzettel in die Urne.
  • Alice-5: Alice bestätigt, dass sie gewählt hat, durch ihre Unterschrift.
  • Alice-6: Die Stimmen werden ausgezählt. Irgendwo darunter befindet sich Alices Wahlstimme.
  • Alice-7: Die Wahlergebnisse werden im Fernsehen verkündet.

Dieses Beispiel zeigt schön auf, wie die Interaktionen der Beteiligten durch sichtbare  (z.B. Wahlzettel) und unsichtbare (z.B. Wahlordnung) Inskriptionen formatiert werden. Wir können auch recht schön die Transportwege des Wahlzettels und seine Transformationen verfolgen:

  1. Vom Stapel aller (leeren) Wahlzettel im Wahllokal,
  2. über die Wahlkabine, wo er durch das Kreuz eine Transformation erfährt
  3. der Wahlurne, wo er durch die Anonymisierung ebenfalls transformiert wird (jetzt ist es nicht mehr Alices Wahlzettel, sondern ein Wahlstimme eines französischen wahlberechtigten Bürgers)
  4. zur Auszählung, wo mit der Umwandlung von einer qualitativen Entscheidung (welche Partei wurde gewählt) hin in eine Quantität, d.h. Zahl (Anzahl der Zettel, die z.B. das Kreuz in der zweiten Zeile haben) transformiert wird
  5. bin hin zu abschließenden Kundmachung welche Partei gewonnen hat womit auch letztlich ganz klar die Funktion des Wahlzettels (des „Inkriptionsgerätes“) als Mediator, der etwas verändert, deutlich wird.

Aber das Beispiel zeigt auch die Nutzlosigkeit der Gegensätze Makro/Mikro bzw. Global/Lokal:

  • Ist das erste Bild bloß deshalb lokal, weil Alice alleine zu Hause sitzt? Sie hat doch eine Zeitung in der Hand. Der Text dieser Zeitung wird nicht nur von Millionen von Menschen gelesen sondern ist auch an einem entfernten Ort (der Zeitungsredaktion) entstanden, wobei nicht nur Verbindungen zu der Druckerei und die Auslieferung sondern z.B. auch die in der Zeitung integrierte Aktivität der Übersee-KorrespondentInnen den globalen Aspekt der Szene veranschaulicht.
  • Umgekehrt: Lässt sich sagen, dass das letzte Bild deshalb global sei, weil „ganz Frankreich“ in einem Diagramm zusammengefasst ist? In der Wohnung von Alice, wo dieses Bild projiziert wird, nimmt es ja nur ein paar Zentimeter Fläche ein.

Eine Form ist einfach etwas, das es erlaubt, etwas anderes von einem Ort an einem anderen zu transportieren. Form wird somit zu einem der wichtigsten Übersetzungen. (386)

Für Latour ist der Wahlzettel, der von einem Ort zum anderen zirkuliert eine im materiellen Sinn zu verstehende Form mit einer sehr konkreten und praktischen Bedeutung eines Transportmittels. Information ist dementsprechend dann eine Handlung, die darin besteht etwas in eine Form zu bringen. Das kann ein Papierschnitzel, ein Dokument, ein Bankkonto etc. sein. (389)

Nun wechselt Latour ganz plötzlich die Gangart bzw. die Ebene: Ich persönlich habe mit dem Verständnis der folgenden Aussagen jetzt einige Schwierigkeiten. Sowohl die Bedeutung der Standardisierung als auch Metrologie erschließt sich mit nicht ganz. Trotzdem will ich versuchen, das was ich glaube verstanden zu haben, nachfolgend zusammen zu fassen:

Statt die materielle Rückverfolgbarkeit dieser unveränderlichen mobilen Elemente (z.B. Wahlzettel „an sich“, das Formular, d.h. der standardisierte Wahlzettel) als eine wesentliche Aufgabe der Soziologie anzusehen, haben die SoziologInnen des Sozialen Nr. 1 diese Formalismen zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen, Klassifizierungen, Kategorisierungen und letztlich Standardisierungen genommen. Das ist zwar sehr wichtig, aber nur eine der Aufgaben der Soziologie. Anders ausgedrückt: Die Soziologie des Sozialen Nr.1 an sich vor allem angeschaut, mit welchen Formen die Kontroversen eingeebnet, verringert, formalisiert bzw. standardisiert wurden und hat sich weniger angeschaut, wie sie entstanden, entfaltet wurden.

Diese bereits versammelten Aussagen wirken als Quasi-Standards und machen die anonymen und isolierten Aktanten vergleichbar. Das Wahlergebnis d.h. die versammelte Aussage „44% haben die Partei X gewählt“, macht die Wähler dieser Partei unter diesen einem Aspekt vergleichbar – nicht nur untereinander, sondern auch mit den Wählern der anderen Partei, indem die Differenz deutlich wird.

Versammelte Aussagen zeichnen nicht nur neue Verbindungen sondern sind auch elaborierte Theorien. „Ich habe die Partei X gewählt, weil sie für Y eintritt“ ist nicht nur ein Ausdruck, der das eigene Handeln rechtfertigt, sondern auch eine Formatierung des Sozialen: „Andere haben ebenfalls wegen Y die Partei X gewählt“. Gleichzeitig steckt dahinter auch eine nicht ausgesprochene Theorie, wie soziale Welten insgesamt formatiert werden sollten: „Y ist wichtig und muss zum Durchbruch verholfen werden“.

Soziales Nr. 2 Priorität einräumen!

Nun nachdem Latour seine starken Aussagen in den ersten Buchkapitel etwas differenziert hat (Auch das Soziale Nr. 1, also das bereits Versammelte, gehört untersucht und definiert.) erscheint das Soziale Nr. 2 nur mehr die folgenden – gegenüber der traditionellen Soziologie – wesentliche Unterschiede bzw. Momente zu haben:

  1. Soziales Nr. 1 ist das bereits Versammelte, „ältere“ Soziale; während das Soziale Nr. 2, das „neuere“ Soziale darstellt, das sich noch formt, das noch in Bewegung ist.
  2. Das Soziale Nr.1, das woraus die bereits geformte Gesellschaft besteht ist nur ein Teil der Assoziationen – dem Sozialen Nr. 2 – aus denen sich das Kollektiv versammelt.
  3. Soziales Nr.1 und Soziales Nr. 2 darf auf keinen Fall miteinander verwechselt werden. Wenn die Konzentration auf Soziales Nr. 1 liegt, dann besteht die Gefahr, dass Soziales Nr. 2 nicht berücksichtigt wird. Wenn neue, aktuelle Trends erforscht werden soll, wenn Neues entdeckt werden soll, dann muss der Untersuchung des Sozialen Nr. 2 Priorität eingeräumt werden.

    (Zu)erst auf das Objekt … schauen und dann erst auf das standardisierte Soziale (404)
    Es ist kontraintuitiv, unterscheiden zu wollen, „was vom Beobachter kommt“ und „was vom Objekt kommt“, wenn die offensichtliche Antwort lautet: der Strömung nachgehen“. Objekt und Subjekt mögen existieren, doch alles Interessante ereignet sich stromauf und stromab. (408)

  4. Mit dem Sozialen Nr. 2 gewinnt die Soziologie endlich auch ein Objekt: Die formatierende Macht der Soziologie des Sozialen Nr. 1 hat sich immer nur auf die sozialen Rahmenbedingungen beschränkt und sich nicht mit dem Objekt an sich, seiner Wirkungsweise, seinem Aufbau, seiner Funktion, seiner Handhabung, etc. beschäftigt.
  5. In der prärelativistischen Soziologie des Sozialen Nr. 1 waren im Zentrum die Akteure, die handelnden Subjekte, die dann – durch einen Bruch – mit dem Sozialen Nr. 1 konfrontiert wurden. – Umgekehrt in der Soziologie des Sozialen Nr. 2: „Menschliche Teilnehmer und sozialer Kontext sind in den Hintergrund gerückt; was nun hervorgehoben wird, sind all die Mittler, deren starke Vermehrung neben vielen / anderen Entitäten hervorbringt, was man Quasi-Objekte und Quasi-Subjekte nennen könnte.“ (408f.)
  6. Es ist daher wichtig drei Aufgaben der Soziologie zu trennen und nicht zu verwechseln:
    1. Die Entfaltung der Kontroversen (Soziologie des Sozialen Nr. 2)
    2. Die Stabilisierung der Kontroversen (Soziologie des Sozialen Nr. 1)
    3. Suche nach politischer Relevanz (siehe nächstes Kapitel)

 Soziales Nr. 4 – das Plasma

Wenn wir den sozialen Überbau (Kontext, Rahmen) erfolgreich eingeebnet haben und die zu betrachtenden lokalen Wirkstätten der Akteure mit den anderen räumlich und zeitlich getrennten Orten verknüpfen und uns durch die Transportwege bemühen, dann stellt sich die Frage: Was existiert außerhalb des Netzes?

Ich nenne diesen Hintergrund Plasma und verstehe darunter das, was noch nicht formatiert, noch nicht vermessen, noch nicht sozialisiert ist, was noch nicht in metrologischen Netzwerken zirkuliert, noch nicht registriert, überwacht, mobilisiert oder subjektiviert ist. (419)

Anders als bei der Vorstellung von Substanzen (dem Sozialen Nr.1) lässt die Vorstellung von Netzwerken, Verbindungen und Verknüpfungen vieles frei. Ein Netz besteht in erster Linie aus Leeräumen. Genauso ist es mit unserem Wissen von den Assoziationen und der Gesellschaft: Handeln ist nie komplett (417); es gibt nicht nur viel Unbekanntes, sondern die terra incognita ist das Meer in das das kleine Schifflein unseres sozialen Untersuchung schwimmt bzw. droht unter zu gehen.

Das „Verborgene“, das wir finden wollen ist daher weder „dahinter“ noch „darüber“, sondern „dazwischen“. Es besteht auch nicht aus sozialem Stoff und ist nicht verborgen, sondern einfach (bisher) unbekannt.

Es ist ein Fehler mit dem Sozialen Nr.1 einen Rahmen/Kontext um das Feld zu legen, weil es damit nur als Black Box verpackt wird und für weitere Untersuchungen schwerer zugänglich gemacht wird. Die Hoffnung, dass die Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft alles umfasst ist ein Trugschluss. Gesellschaft ist nur ein Teil des Terrains. Es wäre aber ein Fehler unter dem Druck der „Verwissenschaftlichung der Soziologie“ nach naturwissenschaftlichen Vorbild eine Art von Äther (das Soziale Nr. 1 als Substanz) anzunehmen, das die Leerstellen füllt und das Ganze zusammenhält.

Soziales 1, 2, 3 und 4 – Versuch einer Gesamtschau

Ich habe versucht mein (bisheriges) Verständnis der verschiedenen Sozialtypen in einem Schaubild zusammen zu fassen. Das Bild Soziales 1-4 zeigt, die Zusammenhänge, wie ich mir das vorstelle.

Daraus wird deutlich, dass

  • das Soziale Nr. 3 (die soziale Interaktion) nur einen sehr geringen Teil ausmacht und selbst da (ohne der Tür im Hintergrund und dem Pult des Rezeptionspersonals etc. nicht allein lebensfähig ist (= durchgehende Beziehungspfeile)
  • das Soziale Nr. 2 lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit auf viele Objekte und deren Transformationscharakter sondern ist auch zahlenmäßig dominant (= gestrichelte Beziehungspfeile) bringt ein weit umfassenderes Bild als die bloße Betrachtung der sozialen Interaktion
  • das Soziale Nr. 1 als Kontext nur einen inhaltsleeren Rahmen ausmacht, der auf die realen Geschehnisse keinen Einfluss nimmt
  • das Soziale Nr. 4 immer und überall vorhanden ist. Die Abtrennung zeigt nur einen Bereich der relativ leicht in die Handlung integriert werden kann und so aus dem Hintergrund in den Vordergrund kommen kann. Aber zwischen den anderen Kanälen – die durch die Beziehungspfeile (durchgehend und gestrichelt) dargestellt werden – gibt es eine riesige Menge an terra incognita.

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