Promotion Kieslinger: Nutzung von Social Media in TEL-Forschung

Barbara Kieslinger nach erfolgreicher Promotion mit mir (Betreuung, Begutachtung und Erstprüfer) und Univ.Prof. Josef Hochgerner (Zweitbegutachtung und Zweitprüfer)

Barbara Kieslinger nach erfolgreicher Promotion mit mir (Betreuung, Begutachtung und Erstprüfer) und Univ.Prof. Josef Hochgerner (Zweitbegutachtung und Zweitprüfer)

Frau Mag. Barbara Kieslinger hat am 14. Juni beim letzten DoktorandInnen-Kolleg, das diesmal an der Donau-Universität Krems stattfand,  mit Auszeichnung promoviert- Sie verteidigte sehr erfolgreich ihre Dissertation zum Thema „Social media usage of researchers working in the field of Technology Enhanced Learning (TEL)“.1 Im Verlauf der letzten Jahre, durfte ich Barbara Kieslinger als Erstbetreuer durch das Doktoratsstudium begleitet und habe auch die Rolle des Erstgutachters und -prüfers übernommen.

Landschaft der "Social Media"-Werkzeuge, die WissenschafterInnen nutzen

Landschaft der „Social Media“-Werkzeuge, die WissenschafterInnen nutzen

Die Autorin untersucht in ihrer Arbeit die berufliche Nutzung sozialer Medien wie Weblogs, Twitter, Facebook etc. (siehe auch die Grafik „Landschaft der Social Media-Werkzeuge“). Frau Kieslinger fokussiert ihre Studie dabei auf ForscherInnen aus dem Bereich des technologie-unterstützten Lernens, also jener kleine Wissenschaftscommunity, die sich schwerpunktmäßig mit der Verwendung dieser Internet-Werkzeugen und –Services für den Lehr-/Lernbereich wissenschaftlich auseinandersetzt und zu der sie selbst durch jahrelange Projekt- und Publikationstätigkeiten zählt.

Dem eingeschränkten speziellen Untersuchungsfeld und der besonderen Stellung der Autorin entsprechend hat die Arbeit daher einen reflexiven Charakter in zweifacher Weise:

  1. Die Nutzung sozialer Medien sind innerhalb der Gemeinde der TEL-ForscherInnen zum Teil selbst Gegenstand der wissenschaftlichen Neugier, dienen aber auch als Werkzeuge, um den eigenen Forschungs- und beruflichen Karriereprozess zu unterstützten. Die Ergebnisse beziehen sich daher auf eine Gruppe von Medien-SpezialistInnen, die nicht ohne weiteres auf andere Gruppen (z.B. WissenschaftlerInnen aus anderen inhaltlichen Feldern oder gar andere Berufsgruppen) zu übertragen sind. (Andererseits – so könnte argumentiert werden – zeigen sich in den Nutzungsmustern dieser fortgeschrittenen Gruppe mögliche Tendenzen, die in naher Zukunft auch auf andere Bereiche übergreifen werden.)
  2. Frau Kieslinger ist selbst eine TEL-Forscherin und beforscht damit ihr eigenes Arbeitsfeld. Diese besondere Expertise fließt sowohl bei der Beschreibung der Werkzeuge als auch bei der Akquirierung von InterviewpartnerInnen aber ganz besonders bei den kollegialen Peer-Beziehungen ein, die den ausführlichen und zum Teil recht sensiblen Interviews zugrunde liegen. Ihre eigene Stellung im Forschungsfeld ist natürlich auch eine wesentliche Motivation für die Arbeit und der damit verbundenen Forschungsfrage.

Social Media in der Wissenschaft

Frau Kieslinger referiert zu Beginn über den historischen und funktionalen Kontext der verschiedenen Werkzeuge und Dienste und geht auf verschiedene allgemeine Studien zur Nutzung ein. Bei der Verwendung speziell im Wissenschaftsbereich zeigt sich folgende Verwendungen im Bereich des kooperativen wissenschaftlichen Schreibens:

  • Die Hälfte aller ForscherInnen nutzen soziale Medien.
  • Etwa ein Drittel der WissenschaftlerInnen nutzt Werkzeuge für Konferenzen und Terminabstimmung.
  • Bloggen ist überraschenderweise ziemlich abgeschlagen: Nur jede zehnten ForscherIn nutzt diesen Kommunikationskanal.
  • Gemeinschaftliches Vergeben von Schlag- oder Stichwörtern wird überhaupt nur von einem verschwindend geringen Teil der ForscherInnen für ihre eigene Arbeit genutzt.
Verwendung und Bekanntheisgrad von "Social Media" nach Werkzeugart  (Rowlands et al. 2011)

Verwendung und Bekanntheitsgrad von „Social Media“ nach Werkzeugart (Rowlands et al. 2011). Zitiert nach Kieslinger 2013:51.

Diese Nutzungsmuster relativeren sich etwas, wenn sie nach Alterskohorten aufgeschlossen werden: Junge WissenschaftlerInnen nutzen inhaltliche Aktivitäten wie (Micro-)Blogging und kooperatives inhaltliches Indizieren etwas mehr als eher auf die Organisation von Tätigkeiten bezogenen Dienste wie gemeinsame Terminvereinbarung. Trotzdem: Die – nach wie vor – relativ geringe Nutzung dieser Werkzeuge überrascht, weil wir häufig mit Begriffen wie Science 2.0, CyberscienceDigital Scholoarship und den damit verbundenen Mode 2 der Wissensproduktion, wie er sich in Citizen Science widerspiegelt konfrontiert sind. Die Community, der auch ich angehöre, vermutet im allgemeine eine viel größere Verbreitung der „Social Media“-Werkzeuge als die aktuellen Daten zeigen.

Verwendung von "Social Media"-Werkzeugen nach Altersgruppen (Rowlands et al. 2011, 188)

Verwendung von „Social Media“-Werkzeugen nach Altersgruppen (Rowlands et al. 2011, 188). Zitiert nach Kieslinger 2013:53.

Methodologische Überlegungen in Zusammenhang mit der  spezifischen Forschungsfrage

Die Autorin entwickelt ein vernetztes begriffliches Rahmenmodell bei dem

  • beruflicher Kontext und persönliche Karrierelaufbahn,
  • Zweck und Wertzuschreibung sowie
  • Aufbau und Nutzung sozialer Netzwerke

wesentliche Ankerpunkte darstellen.

Begriffliches Rahmenmodell

Begriffliches Rahmenmodell (Kieslinger 2013: 80)

Sowohl der empirische Forschungsprozess als auch die gewählte Methode (Grounded Theory) wird ausführlich dargestellt und diskutiert. Der Kodierungsprozess wird mit einer mir bisher noch nicht bekannten Software (dedoose.com) unterstützt, die als Online-Dienst zum Unterschied von MAXQDA oder Atlas.ti nicht auf Windows-Plattformen beschränkt ist. In der Arbeit werden durch Grafiken sehr anschaulich die verschiedenen Stadien den Forschungsprozess nachvollzogen und erläutert.

Typenkonstruktion: Helen, Tom und Rose

Bei der Auswertung werden allgemeine persönliche Charakteristiken von Internet-Userinnen angeführt und zu drei Haupttypen entsprechenden ihres Verwendungsprofils zusammengefasst: DauernutzerInnen, gezielte und eingeschränkte NutzerInnen. Frau Kieslinger konstruiert dabei Personen (Helen, Tom und Rose), die in ihren persönlichen Charakterzügen bezogen auf ihre Verwendung sozialer Medien (Online-Präsenz, Nutzungsmuster, Motivation, Zweck und Wertezuschreibung) nicht nur dargestellt sondern diskursiv zueinander in Bezug gesetzt werden.

Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit

Einflussfaktoren auf "Social Media"-Prakitiken von TEL-ForscherInnen (Kieslinger:134)

Einflussfaktoren auf „Social Media“-Prakitiken von TEL-ForscherInnen (Kieslinger:134)

Die Nutzungsmuster werden durch eine dreifache Schichtung von Einflussfaktoren geprägt und zwar

  • vom individuellen persönlichen Arbeitsstil, der wiederum sowohl von der intrinsischen Motivation als auch von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen (wie z.B. der Neigung zu einem Suchtverhalten) abhängt;
  • durch den Druck der von der Community, den KollegInnen aber auch der Familie und Freunde ausgeübt wird und auf das Management der eigenen wissenschaftlichen Reputation als auch Identitätsbildung in der digitalen Domäne Einfluss nimmt;
  • durch die Position innerhalb der Organisation, die entsprechende Erwartungshaltungen bzw. Verpflichtungen erzeugt, die durch Zeitdruck und Wertzuschreibung für den weiteren Karriereverlauf als wichtig eingeschätzt werden.

Die Autorin hat meines Erachtens mit dieser Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der individuellen Nutzung sozialer Medien von WissenschaftlerInnen geleistet. Sie hat gezeigt, dass die Nutzungsmuster nicht einfach durch die Funktion der verschiedenen Medien erklärbar werden können, sondern dass es sich um einen komplexen Aushandlungsprozess der ForscherInnen mit ihrer sozialer Umgebung handelt, der vom persönlichen Arbeits- und Lebensstil, der wahrgenommen (Karriere-)Position sowie individuellen Interpretationen und Wertzuschreibungen abhängt.

  1. Kieslinger, Barbara (2013): Social media usage of researchers working in the field of Technology Enhanced Learning (TEL). Dissertation an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, DoktorandInnen-Kolleg Lifelong Learning: Klagenfurt im April 2013. []

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2 Kommentare zu Promotion Kieslinger: Nutzung von Social Media in TEL-Forschung

  1. Anja Lorenz sagt:

    Da ich den Link zu diesem Artikel gerade intern als „related Work“ weitergegeben habe, möchte ich auch hier fairerweise unsere Ergebnisse hinterlassen: Im eScience-Forschungsnetzwerk Sachsen sind ähnliche Arbeiten mit diesem Fokus entstanden (als Studie, nicht umfassende Betrachtung in einer Dissertation), regionale Einschränkung war dabei Sachsen. Datenreport „Wissenschaftsbezogene Nutzung von Web 2.0 und Online-Werkzeugen in Sachsen 2012“ ist hier zu finden http://www.escience-sachsen.de/?page_id=300. Für die Lehre hatte ich eine Erhebung gestartet, erste Ergebnisse hier http://de.slideshare.net/anjalorenz/2013-06-celepro bzw hier http://de.slideshare.net/anjalorenz/plakat-escience-celepro, Datenreport folgt. Einige Publikationen sind ebenfalls verstreut, darunter im Druck ein GMW-Beitrag.

    Spannendes Feld. Überall 🙂

  2. Barbara Kieslinger sagt:

    Liebe Anja,

    danke für die Links. Ich kann dir auch gerne meine gesamte Arbeit zukommen lassen, falls es von Interesse ist.

    Es ist, wie du sagst, ein spannendes Feld mit einigen Spannungsfeldern 😉

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