Digitale Bildung – ab welchem Alter?

Digitale Bildung – ab wann damit beginnen?

Digitale Bildung – ab wann damit beginnen?

Digitale Bildung soll nach Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen erst mit 12-14 Jahren in der Schule vermittelt werden. Die Autoren Gerald Lembke und Ingo Leipner sind keine Maschinenstürmer und vertreten – entgegen den vollmundigen Titel – durchaus eine differenzierte Position. Ich stimme einigen ihrer grundsätzlichen Kritikpunkten zur Digitalisierung zu: Überzogene Erwartungen, Ökonomisierung, Technik-getrieben.

Allerdings meine ich, dass bei einigen anderen scheinbar grundsätzlichen Argumenten einfach schlechte Beispiele herangezogen werden. So z.B. wenn das Thema Farbenmischung besser in der Realität (Malkasten) als virtuell über ein WebQuest gelernt werden sollte. Das heißt aber nicht, dass deswegen WebQuest – und damit über eLearning vermittelte Kompetenz – grundsätzlich schlecht ist.

Die wichtigste Message des Buches ist: Wenn digitale Bildung zu früh eingesetzt wird, werden die kindliche Entwicklungsphasen ( es wird vor allem Piaget herangezogen) gestört. Gemäß den Autoren soll bis zu 12-14 Jahren die Schulen digitalfreie Zonen sein. Ich kann das auf jeden Fall nachvollziehen bei Kindern bis zu 2 Jahren (sensumotorische Phase nach Piaget) und bin auch noch bis zum Schuleintritt mit den Autoren d’accord. Danach jedoch glaube ich, sollte begonnen werden (kritische) digitale Kompetenz schrittweise heraus zu bilden. Die Autoren wenden sich aber selbst dann noch gegen einen gemäßigten durchmischten analogen/digitalen Unterricht, weil die Zeit (ein Tag hat nur 24 Stunden) nicht reicht, und digitale Bildung dann notwendige andere (biologisch nicht zu überspringende) Entwicklungsphasen behindert.

Digitale Bildung: 10 Thesen (teilweise kommentiert)

Die Autoren fassen Ihre Position zur digitalen Bildung gut in 10 Thesen zusammen (Dort wo ich nicht zustimme, habe ich meine Anmerkungen in eckiger Klammer eingefügt.)

These 1: Eine Kind­heit ohne Com­pu­ter ist der beste Start ins di­gi­ta­le Zeit­al­ter.

These 2: Je jün­ger die Kin­der sind, desto sinn­vol­ler ist es, sie über­haupt nicht dem Ein­fluss elek­tro­ni­scher Me­di­en aus­zu­set­zen.

These 3: Ob Wer­bung oder nicht – be­reits die ver­füh­re­ri­schen Klick-Op­tio­nen im In­ter­net über­for­dern un­se­re Kin­der, weil sie noch nicht über eine aus­rei­chen­de Im­puls­kon­trol­le ver­fü­gen.

These 4: Kin­der er­le­ben in un­se­rer Welt genug Di­gi­ta­li­tät. Da ist es kon­tra­pro­duk­tiv, den Um­gang mit Com­pu­tern in Kin­der­gar­ten und Schu­le zu for­cie­ren. [Aber gerade damit wird ein kritischer Umgang „verschlafen“ und werden die Kinder wehrlos den Marketingsstrategien der Hard- und Softwarefirmen überlassen.]

These 5: Wer bei einem Lern­pro­zess die Wahl zwi­schen rea­len und vir­tu­el­len Hilfs­mit­teln hat, soll­te sich für die Rea­li­tät ent­schei­den – und auf E-Learning so oft wie mög­lich ver­zich­ten.

These 6: Kin­der müs­sen eine be­stimm­te ko­gni­ti­ve Ent­wick­lung durch­lau­fen haben, bevor sie sinn­voll mit Com­pu­tern ar­bei­ten. Das dürf­te ab einem Alter von etwa 12 bis 14 Jah­ren der Fall sein. Vor­her kann die Kon­fron­ta­ti­on mit di­gi­ta­len Me­di­en mehr scha­den als nut­zen.

These 7: Wir brau­chen min­des­tens in Kin­der­gar­ten und Grund­schu­le di­gi­tal­freie Zonen, damit Kin­der vor allem Lern­er­fah­run­gen ma­chen, die zu ihrer ko­gni­ti­ven Ent­wick­lung pas­sen. [Ich bin eher für digitalfreie Zeiten, nicht völligen Ausschluss, weil das (siehe meine Anmerkung zu These 4) illusorisch wäre.]

These 8: Egal ob Ta­blet oder Krei­de­ta­fel – die Qua­li­tät des Un­ter­richts steht und fällt immer mit der Per­sön­lich­keit des Leh­rers.

These 9: Die Di­gi­ta­li­sie­rung der Bil­dung er­folgt in ers­ter Linie tech­no­lo­gie-und öko­no­mie­ge­trie­ben – päd­ago­gi­sche Kon­zep­te ent­ste­hen erst als Ab­fall­pro­dukt.

These 10: Junge Er­wach­se­ne soll­ten über um­fang­rei­che Me­di­en­kom­pe­tenz ver­fü­gen, um an­spruchs­vol­le Auf­ga­ben in Aus­bil­dung und Stu­di­um zu lösen. Diese Fä­hig­kei­ten er­wer­ben sie, wenn sie ko­gni­tiv zu Abs­trak­ti­on und Selbst­re­fle­xi­on in der Lage sind (ab 12 bis 14 Jah­ren). [Es mag stimmen, dass erst mit diesem Alter die entsprechenden Fähigkeiten voll ausgebildet werden können. Die Autoren referieren aber selbst, dass Piaget nicht mehr als Stufenmodell anzusehen ist, sondern als sich überlappende Spirale (Pos. 1010, S.77 und Pos. 1097, S.82). Warum also nicht schon früher langsam beginnen?]

Goodreads-Infos

Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernenDie Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen von Gerald Lembke und Ingo Leipner

Meine Bewertung: 2 von 5 Sternen NACHTRAG: korrigiert von ehemals 3 Sternen, siehe den nachstehende Diskussionsbeitrag, aber auch die Diskussion auf Goodreads.com über die Bedeutung der Sterne als Bewertungsskala.

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3 Kommentare zu Digitale Bildung – ab welchem Alter?

  1. Jochen Robes sagt:

    Es ist eine Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, aber ich möchte gerne zwei, drei Anmerkungen hinzufügen. Die Autoren sind vielleicht keine Maschinenstürmer, aber das Buch ist in „bester“ bewahrpädagogischer Tradition geschrieben. Hinter mir im Regal stehen noch die „Droge im Wohnzimmer“ (Marie Winn) und das „Verschwinden der Kindheit“ (Neil Postman). Immer die gleiche Intention, es geht um Moral und Werte und den Schutz der Kinder. Wobei die Autoren, auch Lembke/ Leipner, kein Hehl daraus machen, dass das Lernen am Computer für sie immer nur zweite Wahl darstellt.

    Dass sie jedoch auch mit der Sache „digitale Bildung“ wenig verbindet, zeigen meiner Ansicht nach zwei andere Punkte, die ins Auge springen: zum einen die Unterscheidung zwischen realen, wirklichen und virtuellen („unwirklichen“?) Erfahrungen, die das Buch durchzieht. Hier hätte ich gerne mehr erfahren, wie unser Bewusstsein hier tickt und unterscheidet, habe geblättert und geblättert, leider ohne Ergebnis.

    Und dann arbeiten sich die Autoren durchgehend am „Computer“ und den „digitalen Medien“ ab. Digitale Medien vs. Lesen z.B., denn „da lässt sich auch vor- und zurückblättern, und das Lesen regt das Denken an“ (204). Doch was ist dann dieser „Computer“ eigentlich? Vor mir liegen verschiedene Endgeräte, über die ich Bücher, Zeitungen, Filme, Emails, Spiele, Netzwerke usw. aufrufe … Und das alles könnte ich sogar an der „frischen Luft“ machen, also virtuelle und wirkliche Erfahrungen verbinden 😉

    Kurz: Das Buch sensibilisiert möglicherweise noch den einen oder anderen, dass ein „Zuviel“ von bestimmten Dingen für seine Zöglinge nicht gut ist. Aber das ist es auch schon … Deshalb: 1 von 5 Sternen.

    Grüße aus Frankfurt, JR

    • Peter Baumgartner sagt:

      Danke für diesen kritisch(er)en Nachtrag! Ja, ich kann ich Ihrer Sichtweise durchaus zustimmen – und sollte meine Bewertung revidieren: Ich habe bemerkt, dass ich insgesamt immer sehr positiv werde (meistens 4 oder 5), weil ich sonst das Buch meistens gar nicht zu Ende lese. 3 Sterne sind bei mir auf Goodreads.com schon die untere (schlechte) Grenze. D.h. ich nutze gar nicht das volle Spektrum. Vielleicht wollte ich das Buch unbewusst auch angesichts von Spitzers „Digitale Demenz“ relativ besser bewerten. Bei einem Stern bei diesem Buch, gibt es sonst keine Steigerungsstufen nach unten mehr. Ich korrigiere auf 2 Sterne…

  2. Jochen Robes sagt:

    Stimmt, es sollte auch noch Platz für Spitzer bleiben. Deshalb ändere ich gerne auch auf 2 Sterne …

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