Kritik der didaktischen Entwurfsmuster

Warum ich mit vielen pädagogischen Entwurfsmustern mein Bauchweh habe

Auf dem Pattern-Workshop in Tübingen habe ich mehrmals erwähnt, dass mich die bisher bekannten didaktischen Entwurfsmuster nicht überzeugt haben. Es ist wohl jetzt – wo ich mich eingehender damit beschäftige – angebraucht, diese sehr allgemein vorgebrachte Kritik zu begründen. Das ist gar nicht so einfach, weil das bisher eine Art oberflächliches „Bauchgefühl“ war bzw. ist und eine rationale Begründung tiefer fassen und vor allem analytischer vorgehen muss.

Pädagogische Entwurfsmuster – Erste Generation

Für eine detailliertere Analyse muss ich zuerst einmal jene Muster benennen, auf die ich mich beziehe. Es waren vor allem jene Beispiele, die ich vor einigen Jahren – als ich Hagen erstmals mit dem Pattern Ansatz in Berührung kam – kennen lernte. Sie finden sich als Example Patterns auf pedagogicalpattern.org. Dazu möchte ich auch noch die vorläufigen Patterns for the Doctoral Student von Joseph Bergin rechnen, die ein besonders gutes Beispiel für meine Kritik darstellen.

Kennzeichnend für diese Pattern ist:

  1. Sie wurden von Nicht-PädagogInnen (meistens InformatikerInnen) geschrieben.
  2. Sie gründen sich auf eigene Lehrerfahrungen, die aber theoretisch kaum reflektiert werden. Das gesamte Pool an jahrzehntelang erworbenem didaktischem Know How bleibt völlig unberührt.

Bloß Trivialitäten und Binsenweisheiten?

Eine Illustration für diese beiden Kennzeichen stellt z.B. das Pattern „Open the door“ aus Learning to Teach and Learning to Learn – Running a Course (PDF, 45 kB) von Jutta Eckstein dar. Es werden darin einige – unsystematische – Überlegungen angestellt, wie eine Kurs begonnen werden kann. Nun gibt dazu ganze Bücher, die sich diesem Thema widmen (z.B. Anfangssituationen – Was man besser tun und lassen sollte von Karlheinz Geißler). Was ist also der Mehrwert eines solchen Patterns? Wird damit nicht bloß die naive (d.h. wenig reflektierte und nicht theoretisch fundierte) Erkenntnis eines pädagogischen Anfängers wider gegeben?

Andere Beispiele – die infolge ihrer Trivialität schon fast peinlich sind – finden sich in den Patterns for the Doctoral Student. Da werden Binsenweisheiten, die als tiefgründige Lebensweisheiten maskiert werden, angeführt, wie

  • Suche bei verschiedenen Doktoratsprogrammen an
  • Wähle das höchst qualifizierteste – das bereit ist Dich aufnehmen – aus
  • Sei leidenschaftlich und vermeide Burnout
  • Vermeide Komplikationen in Deinem (Alltags-)leben
  • Erkundige Dich über die Anforderungen im Doktoratsprogramm
  • usw. usf.

Oder steckt da mehr dahinter?

Nun könnte man natürlich der Auffassung sein, dass eine solche Zusammenstellung von Tipps für AnfängerInnen durchaus praktisch sind. Warum stellt man sie dann aber nicht als Tipps z.B. in Form einer Checkliste zusammen? Warum greift man zum aufwendigen Patternformat, dem berühmten Dreischritt: Kontext, Problem bzw. Kräfte und Lösung? Ist das nicht ein Overkill, eine Vernebelungstaktik um Trivialitäten an den Mann bzw. Frau zu bringen?

Aus meiner Sicht stimmt diese harsche Kritik – zumindest soweit es diese erste Generation an pädagogischen Entwurfsmuster entspricht. Ich glaube jedoch (heute), dass es sich nur um schlechte Beispiele für die Umsetzung des Pattern Ansatzes im pädagogisch-didaktischen Bereich handelt und nicht um das Versagen des Ansatzes selbst. Das wird deutlich, wenn wir uns neuere Beispiele – die ich als didaktische Entwurfsmuster der zweiten Generation bezeichne – anschauen.

Pädagogische Entwurfsmuster – zweite Generation

Darunter fasse ich neue Arbeiten, wie sie beispielsweise unter Current Work auf pedagogicalpattern.org angeführt sind. Ich zähle dazu auch die unter e-teaching.org angeführten Muster wie z.B. Online Schulung und die Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten von Axel Schmolitzky und Till Schümmer, vor allem aber die Websites Wikipatterns und A Social Software Pattern Language.

Die angeführten Pattern-Beiträge wie z.B. Feedback Patterns (PDF, 581 kB), Patterns for Active Learning (PDF, 530 kB) usw. sind ebenfalls von Nicht-PädagogInnen geschrieben und gründen sich auf eigene – wenig theoretisch reflektierte – Lehrerfahrungen wie die Muster der ersten Genereration. Trotzdem unterscheiden sich aus meiner Sicht in zweifacher Hinsicht von den Entwurfsmustern der ersten Generation:

  1. Sie sind um ein gemeinsames Thema zentriert (z.B. Feedback, Lernaktivierung)  und explorieren es aus verschiedenen Gesichtspunkten mit unterschiedlichen Methoden.
  2. Sie sind nicht mehr ganz so naiv, beschränken sich nicht mehr auf bloße einfache Binsenweisheiten sondern haben durchaus einen gewissen Komplexitätsgrad erreicht.

QWAN – als emergente Eigenschaft

Nach wie vor sind es nicht die einzelnen Muster selbst, die mich überzeugen, sondern es ist die konzentrierte Zusammenstellung inklusive der in den jeweiligen Pattern erwähnten Querbezüge zu anderen ähnlichen, alternativen, vorausgesetzten, unter anderen Bedingungen einsetzbaren etc. etc. Mustern. Es ist aber weniger dieses Netzwerk aus Beziehungen, das gerne als Mustersprache bezeichnet wird, das mich überzeugt, sondern das damit intuitiv und emergent entstehende mentale Bild.

Ermergenz ist ein neues Phänomen (Eigenschaft, Attribut) das auf der Makroebene entsteht. Es gründet sich zwar auf die Eigenschaften von Elementen auf der unteren Ebene (Mikroebene), ist jedoch eine neue Erscheinung, die in keinen ihrer Bestandteile enthalten ist. Es ist die besondere Organisationsform, das Beziehungsmuster, das diese neue Phänomen generiert. So hat Wasser die Eigentschaft flüssig zu sein, eine Eigenschaft, die keinem seiner einzelnen Bestandteile (H und O) zugeschrieben werden kann. So kann kein einzelnes H2O Molekül herausgenommen werden und ihm die Eigenschaft „flüssig“ zugesprochen werden.

Diese emergente Eigenschaft nennt Christopher Alexander in The Timeless Way of Building the Quality Without a Name (QWAN). Es ist eine Systemeigenschaft auf der Metaebene, eine intuitive Praxis oder „Way of Teaching“, der sich auf implizites Wissen (Michael Ponayi) stützt und sich nicht durch Worte erschließt oder mitgeteilt werden kann.

Pädagogische Entwurfsmustern – auf dem Weg zur dritten Generation

Ich habe gesagt, dass mich die einzelnen didaktischen Entwurfsmuster der zweiten Generation – jedes für sich und einzeln betrachtet – noch immer nicht ganz überzeugen. Was ist an ihnen auszusetzen? Oder umgekehrt gefragt: Was sind die Eigenschaften, die mich zufrieden stellen würden?

Ich ziehe als Beispiel für die nachfolgende Erklärung die besser geschriebene englische Originalversion der Entwurfsmuster zur Betreuung von Abschlussarbeiten Patterns for Supervising Thesis Projects (PDF, 204 kB) heran. Die darin versammelten Entwurfsmuster sind nicht trivial und machen durchaus Sinn. Allerdings beziehen sie sich alle auf den der wissenschaftlichen Arbeit äußerlichen Prozess „Beziehungsstruktur“. Dementsprechend sind die einzelnen Muster für sich als klar umrissene, mehr oder weniger eindeutig zu beschreibende Verhaltenshinweise zu beschreiben.

Ich stelle mir jedoch als ein individuelles Entwurfsmuster der dritten Generation eine Präsentation von impliziten Erfahrungswissen vor, d.h. eine Art von QWAN entsteht nicht erst durch ein mentales Modell beim Durchlesen und Erfassen der Beziehungsmuster („Pattern Language“), sondern ist schon im jeweiligen Muster enthalten.

Damit will ich nicht sagen, dass die Summe des impliziten Wissen der unteren Ebene (der einzelnen Muster) automatisch die QWAN auf der Makroebene bildet. Das implizite Wissen der höheren Ebene, der Musterstruktur oder „Pattern Language“ hat eine eigene, eine neue und ganz andere Qualität. Das individuelle Muster ist in den Begrifflichkeiten von Michael Polanyi eine Art proximaler Term, der den Musterstruktur (den distalen Term) aufschließt. Die Bedeutung beider Ebenen (untere wie obere Ebene) sind Triaden, die durch eine implizite Integration erschlossen werden müssen:

Triade impliziten Wissens

But to integrate a thing B into bearing on some C amounts to endowing B with a meaning that points at C … It is our subsidiary awareness of a thing that endows it with meaning: with a meaning that bears on an object of which we are focally aware. A meaningful relation of a subsidiary to a focal is formed by the action of a person who integrates one to the other, and the relation persists by the fact that the person keeps up this integration. (Knowing and Being , S. 181f.)

Zitiert aus meiner Habilitationsschrift: Der Hintergrund des Wissens, S. 180

 

 

Ich habe selbst keine ausformulierten Beispiele für Pädagogische Entwurfsmuster der von mir antizipierten dritten Generation zur Hand. Trotzdem möchte ich einige Überlegungen aus meinem Erfahrungsbereich beim Betreuen von Dissertationen anführen, die vielleicht als Illustration meiner Gedanken hilfreich sind. Die Idee dabei ist, dass jedes einzelne Muster selbst implizites Wissen transportiert, jedes Entwurfsmuster bereits eine QWAN enthaltet:

  • QWAN einer forschungsleitenden Fragestellung: Wie wird aus einem Thema eine „gute“ (machbare, interessante, neue etc.) forschungsleitende Fragestellung?
  • QWAN der zugrunde liegenden Literatur: Wann ist die Literatursuche abgeschlossen? Welche Literatur soll/muss wie integriert/verarbeitet werden?
  • QWAN des Zitierens: Wann soll welcher Teil einer Literaturstelle wie (wörtlich oder paraphrasieren) zitiert werden?

Es ist durchaus möglich, dass die obigen Beispiele selbst bereits eine Sammlung von Mustern darstellen. Die Idee hinter diesen QWANs ist es, dass Forschen eine trainierbare Fertigkeit darstellt, eine – allerdings nicht bloß durch Worte – vermittelbare  bzw. auszubildende Kompetenz darstellt. Generelle Überlegungen habe ich dazu im Abschlusskapitel des Buches Studieren und Forschen mit dem Internet zusammengestellt und auch als eigenen Artikel publiziert, den ich – quasi als Abschluss dieser Überlegungen – als Attachment „stufonet.pdf“ diesem Beitrag beilege.

stufonet.pdf stufonet.pdf

Size 318.8 kB – File type application/pdf

Pattern Workshop Pattern Workshop

Size 3.9 kB – File type text/html

Didaktische Entwurfsmuster Didaktische Entwurfsmuster

Size 8307 – File type text/html

Re:Kritik der didaktischen Entwurfsmuster

Posted by chrisimweb at Mar 09, 2009 06:33 PM

Ich denke, unser wichtigstes Ziel des Workshops, nämlich eine Diskussion über den Entwurfsmuster-Ansatz zu starten und kritische Fragen herauszustellen, haben wir erreicht. Dies zeigen die drei Beiträge auf dieser Webseite, über die ich mich sehr gefreut habe. Im wesentlichen stimme ich mit vielen der hier und den beiden anderen Artikeln genannten Kritikpunkte überein. Insbesondere fällt auf, dass die theoretischen Hintergründe oft aus dem Blick geraten – dies liegt sicherlich am Wesen der Pattern Community, die sich traditionell eher der Praxis als der Theorie verbunden fühlt. Ich selbst sehe dagegen in Entwurfsmustern gerade die Schnittstelle zwischen beidem: Das Herausarbeiten von Regelmäßigkeiten auf einer abstrahierten Ebene ist ein Schritt in Richtung Theoriebildung. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Patterns nichts anderes als theoretische Abhandlungen über den Gegenstand an sich sind. Da in diesem Fall der Gegenstand stets das praxisrelevante Handeln und Gestalten ist, wird in der Pattern Community oft betont, dass es sich um praktisches und nicht um theoretisches Wissen handelt. Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern verstehe die in Mustern zusammengefassten Hypothesen (Muster behandeln immer multikausale Zusammenhänge) eher als Theorien der Praxis. Als solche müssen sie konkret genug sein in dem Sinne, dass sie einen Plan für die Realisierung der beschriebenen Form enthalten. Die Theorie findet ihren Platz meines Erachtens dort, wo es um die Begründung einer Maßnahme, Methode, oder Vorgehensweise geht. Somit sind vor allem die Forces, also die unterstellten Wirkkräfte, theoretischer Natur. Und hier ist die Kritik von Peter Baumgartner und einigen anderen Workshopteilnehmern sehr berechtigt, dass eine Verbindung zu bereits existierenden didaktischen Modellen in der Regel nicht erfolgt sondern eigene Begründungen und Verallgemeinerungen von den Autoren eingebracht werden. Dies gilt auch für die meisten Muster, die ich bislang beschrieben habe. Dies liegt zum einen – ich gebe es zu – an einer gewissen Ignoranz bereits existierender Theorien seitens der Informatiker. Doch zwei weitere Gründe sind zu nennen. Zum einen berücksichtigt der ganzheitliche Ansatz der Entwurfsmuster nicht nur die pädagogisch-didaktischen Herausforderungen sondern auch organisatorische, technische, politische, finanzielle usw. Rahmenbedingungen der Umwelt. Zum anderen lassen sich Theorien nicht immer guten Gewissens einem Entwurfsmuster zuordnen, gerade weil die Theorien zu allgemein sind. Beispiel: Ich hätte für meine Entwurfsmuster für interaktive Grafiken sehr gerne (etablierte) theoretische Begründungen einfließen lassen, teils ist dies auch gelungen. Doch oft sind die theoretischen Prinzipien der Art „Interaktivität ist gut“ (oder die Multimedia-Prinzipien von Richard E. Mayer) nicht angemessen, da der Nutzen nicht an der Interaktivität an sich sondern an der Interaktivitätsform und der passenden Anwendung hängt. Doch dieser Bezug, diese Präzisierung geht oft in Theorien unzulässig verloren. Hier sehe ich den großen Nutzen von Mustern: sie sind für die Praxis konkreter (relevanter) und auch auf theoretischer Ebene meist präziser.
Auf dem Workshop kam wieder einmal die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Patterns auf. Erkenntnistheoretisch bezieht sich bereits bei Aristoteles die Erkenntnis des Allgemeinen nicht nur auf die Erfahrung der Umwelt sondern auch auf die Erfahrung des Handelns – so geht es etwa in der Medizin nicht nur physische oder physiologische Zusammenhänge sondern auch um die Wirkung ärztlichen Handelns (Handwerk): Der Kamillentee hilft bei Fieber. Das wissenschaftliche liegt darin, dass auch Gründe und Ursachen bekannt sind. Beides wird bei Entwurfsmustern vor allem in den Forces festgehalten. Selbst die sehr einfachen Entwurfsmuster „Patterns for the Doctoral Student“ sind daher ein Stück mehr als Binsenweisheiten, da sie das Rational explizit (und damit empirisch angreifbar) machen. Das Problem mit Handlungswissen ist gerade, dass das implizit beim Experten vorhandene Wissen für ihn trivial, für den Novizen aber durchaus lehrreich ist. Als die Entwurfsmuster im Bereich des Softwaredesigns Einzug erhielten, gab es ebenfalls das „So what?“-Problem. Erfahrene Softwaredesigner haben in den Mustern nichts neues sondern nur ihre lang erprobten Techniken wieder gefunden. Das „Neue“ aber liegt in dem Herausstellen und Verallgemeinern dieser Techniken. So sind etwa neu entdeckte Handlungsweisen einer Tierart keineswegs neu für diese Art. Die Frage ist eher, wann etwas beginnt trivial zu sein. Das Muster „Online-Schulung“ legt nahe, ein „Bitte nicht stören!“-Schild (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/nicht-stoeren/) an die Bürotür zu hängen, damit man bei der Übertragung nicht unterbrochen wird. Im Prinzip ist dies trivial, doch wenn man diese Maßnahme auslässt, kann dies unangenehme Konsequenzen haben. Um die Notwendigkeit zu begründen und die generierten Werte dieser sehr einfachen Lösung im Detail zu erörtern, gibt es eine eigene Musterbeschreibung. Hier bin ich mir selbst (als Autor) nicht mehr sicher, ob nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Den Dreischritt halte ich aber auch hier für sinnvoll und einfachen Checklisten oder Tipps&Tricks-Sammlung überlegen. Tipps&Tricks sind immer nur in einem bestimmten Kontext anwendbar und adressieren bestimmtes Probleme. Die Nennung von Kontext und Problem bringt zusätzliche Erkenntnis. Für den adäquaten Einsatz der Tipps&Tricks ist das Verständnis von Kontext und Problem wichtig, um nicht einfach nur Vorschriften zu befolgen. Bei den Binsenweisheiten handelt es sich daher meiner Meinung nach um Muster auf sehr, sehr feiner Granularitätsstufe. Das literarische Pattern-Format ist dann sicherlich schnell überdimensioniert. Mini-Muster (wie etwa ein „Bitte nicht stören!“-Schild) bedürfen keiner ausführlichen Beschreibung, sie lassen sich oft in einem Satz abhandeln. Z.B. findet sich im Muster „Schulungs-Konzept“ (http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/schulung/online-schulung/konzept/) eine einfache Binsenweisheit als Stolperstein: „Um nicht durcheinander zu kommen, haken Sie die behandelten Stichpunkte mit einem Stift ab.“. Das hört sich nach einem einfachen Tipp an, ist aber ein vollständiges – wenn auch sehr, sehr kleines – Muster. Denn neben dem Tipp „Stichpunkt abhaken“, der die Lösung darstellt, wird auch die Begründung gegeben, denn der Kontext ist implizit „Schulungs-Konzept“ und das Problem ganz einfach „nicht durcheinander kommen“. In diesem Sinne ist der Tipp nicht präskriptiv sondern generativ, d.h. wegweisend statt vorschreibend. Wo liegt hier nun die QWAN, was ist bei einer so einfachen Regel das emergente Phänomen? Tatsächlich ließe sich dieser ganz kleine Tipp noch weiter in seine Bestandteile zerlegen, z.B. könnte man erörtern, warum der Trainer durcheinander kommt (welche Wirkkräfte sind hier verantwortlich?) und wieso das Abhaken wieder Orientierung gibt (warum werden gerade durch diese Lösung die Wirkkräfte ausbalanciert?). Es fällt schwer, zu benennen, was im Detail gut daran ist, seine Stichwortliste abzuhaken, denn es werden gleich mehrere Ziele erfüllt (z.B. unmittelbare Anzeige wo ich gerade bin, was schon abgearbeitet ist und was noch folgt), die Qualität lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren, die Anforderungen auch nicht.

Natürlich macht es keinen Sinn, diese kleinsten Tipps als eigenständige Muster auszuformulieren. Sinnvoll ist es jedoch, auch Tipps nicht nur als Anweisungen sondern als Lösungen für ein Problem in einem Kontext zu behandeln. Spannender sind sicherlich die Muster höherer Ebenen, die sich aus vielen solcher kleiner Muster zusammensetzen und damit neue emergente Eigenschaften erzeugen. Solche Muster sind aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr trivial und beinhalten oft auch neue (d.h. in dem Fall bislang nicht explizierte) Erkenntnisse. Über den erkenntnistheoretischen Wert von Entwurfsmuster wird noch mehr zu sagen sein; ich hoffe, bis zum Symposium „The challenges of the design pattern paradigm for the development of learning environments and experience“ auf der CAL 2009 eine ausgereiftere Position ausgearbeitet zu haben. Weitere Überlegungen finden sich in einer Diskussion im Planet Blog: http://patternlanguagenetwork.org/2008/08/21/validity-resonance-and-aggregation/

Beste Grüße und vielen Dank,
Christian Kohls

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha loading...