Mustertheorie – eine Buchrezension

Auf den philosophischen Spuren von Christopher Alexander

Vor zwei Wochen hat mich Reinhard Bauer auf ein kleines Büchlein hingewiesen: Leitner, Helmut. 2007. Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander. 1. Aufl. Nausner & Nausner.  Ich war über das Buch aus mehreren Gründen äußerst positiv überrascht:

Positive Würdigung

  1. Soweit ich weiß ist es eines der ganz wenigen Publikationen, die nicht bei den früheren Arbeiten von Christopher Alexander  (A Timeless Way of Building und A Pattern Language) stehen bleiben, sondern sich vor allem auf die 4 Bände von The Nature of Order – An Essay on the Art of Building and The Nature of the Universe beziehen.
  2. Der österreichische Autor Helmut Leitner, war mir bis dahin völlig unbekannt. Obwohl Helmut Leiter ein Software- und Wiki-Entwickler ist, schreibt er über philosophische und theoretische Fragestellungen mit einem Hintergrund, den ich mir häufig vielen Publikationen von Universitätsleuten wünschen würde.Das Buch ist – trotz des recht anspruchsvollen Inhalts – verständlich geschrieben und leicht zu lesen.
  3. Im Buch wird in einem Kapitel werden Anwendungen des Musteransatzes von Alexander aufgezeigt. Das beginnt natürlich bei den bekannten Beispielen Architektur und Softwareentwicklung, bezieht aber auch Online-Communities, soziale Erneuerungsbewegungen, Regionalentwicklung, Dialogtheorie und natürlich auch die Pädagogik <grin> mit ein.
  4. In einem eigenen Kapitel werden – wie bereits erwähnt mit recht solidem Hintergrundwissen – theoretische Anschlussmöglichkeiten zur Systemtheorie, Objektorientierung, Physik, Biokybernetik, Evolutionstheorie, Christentum (Teilhard de Chardin), Kritischer Rationalismus (Karl Popper), Kritische marxistische Theorie (Klaus Holzkamp) und Konstruktivismus aufgezeigt.

Aus diesen 4 Gründen heraus stellt das Buch aus meiner Sicht ein Novum dar. Das Buch beginnt dort, wo die meisten anderen Arbeiten und Überlegungen zum Patternansatz aufhören. Es wird ein ganz anderer Alexander gezeigt. Mich hat das Büchlein sehr angesprochen und motiviert (nochmals) mir die 4 Bande von „The Nature of Order“ herzunehmen. Vieles habe ich nun von einer anderen Warte gelesen – die Einführung von Leitner hat mir diese neue Sichtweise auf die Arbeiten von Christopher Alexander erleichtert.

Ich habe jetzt zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, warum Alexander die Anwendungsbeispiele und Herangehensweise des Patternansatzes in der objektorientierten Programmierung ablehnt. Ich glaube nun, dass die bisherigen Übertragungen in andere Bereiche alle seinen Ansatz von den philosophischen Implikationen bereinigen und auf einen mechanistischen und formalisierten Zugang zur Musterentwicklung und Musterbeschreibung reduzieren.

Kritische Würdigung

Nachdem ich jetzt soviel Positives gesagt habe, muss ich natürlich auch die Schwächen erwähnen, die das Buch aus meiner Sicht hat:

  1. Es gibt praktisch keine Anmerkungen und/oder weiterführende Hinweise. Ich glaube, dass dieser (Wissenschaflter?)-Wunsch durchaus zu erfüllen gewesen wäre, ohne dass das Büchlein im Haupttext komplexer oder schwieriger zu lesen gewesen wäre.
  2. Die meisten Punkte im Anwendungskapitel und bei den Anschlussmöglichkeiten werden nur angedacht. Es fehlt meistens eine überzeugende Argumentation wo denn nun genau der Anschluss besteht und wie dieser Anschluss aussehen könnte. Der Teil zur Pädagogik ist überhaupt nur rudimentär und eigentlich bloß eine vage Vermutung. (Das drückt sich auch im Titel dieses Abschnittes aus: „Muster – Chancen für die Pädagogik“).
  3. Die lockere Herangehensweise des Autors hat den Nachteil, dass vielfach Begriffe aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt werden, die durchaus zu hinterfragen gewesen wären. Gerade weil es im Deutschen dazu noch nichts (oder wenig) gibt, kann dies Büchlein stil- und begriffsbildend wirken. Es besteht die Gefahr, dass dann Begriffe eingebürgert werden, die nicht das ausdrücken, was Alexander gemeint hat. (Aber: im Allgemeinen hat Leitner aber durchaus gut übersetzt.) Eine kritische Reflexion bzw. Diskussion (im Anhang z.B.) wäre aber aus meiner Sicht durchaus angebracht gewesen und hätte zu einer Vertiefung des Verständnisses führen können.

Aber nochmals: Trotz dieser Kritiken ist das Buch für Leute, die sich mit dem Patternansatz auseinandersetzen wollen, wirklich lesenswert. Es liest sich schnell und leicht – und bloße 12 Euro sind ja schließlich auch kein unkalkulierbares Finanzrisiko.

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 02.04.2009 22:41

Lieber Peter,

wie bereits angekündigt, möchte ich gerne eine „Gegenposition“ bei der Rezension des Buches einnehmen. Zwar ist die Idee, den Pattern-Ansatz in einer leicht zugängliche Zusammenfassung greifbar zu machen sehr zu begrüßen. Ebenso begrüße ich, dass der Autor über die zwei zentralen Werke Alexanders („A Pattern Language“ und „The Timless Way of Building“) hinaus geht. Aber da setzt auch schon meine Kritik an: „The Nature of Order“ ist meiner Meinung nach nicht mit dem Muster-Ansatz gleich zusetzen. Dies sind meine Kritikpunkte an der Einführung, die gleichzeitig teils auch Kritik an Alexander sind:

– Das Buch präsentiert keine Mustertheorie und stellt den Musteransatz zu knapp dar.
– Eine Auseinandersetzung mit anderen Erkenntnissen zu Mustern (die nicht von Alexander stammen) findet nicht statt.
– Die unkritische Darstellung des Buches erweckt den Eindruck, alle Ansichten Alexanders seien innerhalb der Pattern Community akzeptiert. Dies ist aber nicht der Fall.
– Die Anwendungsbeispiele sind schlecht recherchiert
– Die Anknüpfungspunkte sind willkürlich und nehmen zu wenig Bezug auf Aussagen von Alexander.

Ich habe es bislang gemieden, eine Kritik zu diesem Buch zu schreiben, in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich scharf ausfallen wird. In vielerlei Hinsicht erweist das Buch als Einführung einen Bärendienst. Es spiegelt nicht ausreichend die Ansichten der Pattern Community wieder, die durchaus sehr diversifiziert sind. Dabei will ich die Leistung von Helmut Leitner gar nicht anzweifeln. Als Einführung zu „The Nature of Order“ ist es sicherlich gut geeignet. Die Vielschichtigkeiten Alexanders sind nur sehr schwer zu fassen und ich muss gestehen, dass ich mir nach 9 Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema Patterns nicht zutrauen würde, eine solche Einführung zu schreiben. Dies liegt eben auch an den vielen Sichten auf den Gegenstand.

Ich möchte meine Kritikpunkte gerne an ein paar Beispielen detailliert begründen:

Der Titel „Mustertheorie“ nimmt sich sehr viel vor. Mir ist kein Werk innerhalb der Pattern Community bekannt, das von „Mustertheorie“ spricht. Eher wird von Paradigma, Ansatz, Methode usw. gesprochen. Was genau Teil einer Mustertheorie sein könnte, also welche Hypothesen dazu gehören, verraten weder das Buch noch Alexander an expliziter Stelle. So sieht Alexander z.B. Muster und Mustersprachen als zwei Theorien an. Dass Muster nur ein Teil der in „The Nature of Order“ aufgestellten Theorie und Philosophie ist, wird deutlich darin, dass Alexander an einer Stelle schreibt: „The entities we called patterns were […] somewhat similar to the entities I now call centers“ (2. Buch S. 344). Dass Zentren und Muster gleichzusetzen sind, unterschlägt das Buch ebenso wie die Feststellung, dass dies nur ein Aspekt der Gesamtdarstellung von „The Nature of Order“ ist. Insgesamt kommt mir der Musterbegriff selbst in dem Buch zu wenig vor. Das Buch handelt eben nicht von einer allgemeinen Mustertheorie sondern legt die Schwerpunkte auf das Gesamtwerk „The Nature of Order“.

In dem gesamten Theoriegebäude Alexanders sind Patterns natürlich eine wichtige Komponente. Die Pattern Community sieht darin sicherlich die wichtigste Komponente. Was die übrigen Komponenten von Alexanders Theorien angeht, gibt es sehr, sehr unterschiedliche Einstellungen. Um einer angemessenen Darstellung gerecht zu werden, müssten zumindest die grundlegenden Positionen dargestellt werden (Das Spektrum reicht von „’The Nature of Order’ bringt nichts Neues“ bis hin zur Übertragung der 15 Eigenschaften auf den Bereich der Softwareentwicklung. Meine eigene Position dazu ist derzeit, dass die 15 Eigenschaften sehr willkürlich, dazu auf ganz unterschiedlichen Ebenen angesiedelt und grundsätzlich nur auf den physikalischen Raum bezogen sind. Sie implizieren zudem die von Alexander angestrebte Lebendigkeit nicht automatisch sondern nur „bei richtiger Anwendung“. Ich schreibe „derzeit“, weil mich einige der Eigenschaften intuitiv überzeugen. Aber ich wäre auch intuitiv überzeugt wenn man mir sagt, dass Objekte Wärme- oder Helligkeitseigenschaften haben. Doch sind dies die zentralen Eigenschaften der Lebendigkeit?)

Ginge es wirklich um den Musteransatz (und nicht um Alexanders Philosophie), so hätte eine Auseinandersetzung mit der Weiterentwicklung innerhalb der Pattern Community stattfinden müssen. Der Musteransatz ist dort weiterentwickelt als bei Alexander selbst. So sind z.B. die Überlegungen über Zusammenhänge zwischen Mustern (Alexander kennt nur Zusammensetzungen, üblich sind aber auch Sequenzen, Verfeinerungen, Alternativen usw.) ebenso ein wichtiger Beitrag wie die Feststellung, dass Lösungen nicht nur positive sondern oft auch negative Konsequenzen haben. Den Vorwurf, sich so gut wie gar nicht mit der Community auseinanderzusetzen, die sich am intensivsten mit seinem Ansatz beschäftigt hat, ist sicherlich auch eine Kritik an Alexander selbst. Die „Quality without a name“/QWAN wird in vielen Software-Mustern sehr viel intensiver erreicht als bei den Mustern in „A Pattern Language“. Das Problem ist, dass die Lebendigkeit der Softwarearchitektur nur dem erfahrenen Programmierer überhaupt ersichtlich wird. Richard Gabriel weißt darauf hin, dass der Entwickler „im Code lebt“ und die Werte der Softwarearchitektur sich an den Entwickler richten. Jim Coplien verweist darauf, dass Ästhetik eine zentrale Rolle bei SW-Patterns spielt. Im O’Reilly Verlag ist das Buch „Beautyful Code“ erschienen. Um zu verstehen, was mit lebendiger SW gemeint sein könnte, kann sprachlich besser am Gegenteil dargestellt werden: Programmcode, der nicht funktioniert, der nicht wartbar ist, der nicht verstanden wird, der ineffizient ist, der nicht die Semantik für den Entwickler sichtbar macht, kann sicherlich als tot oder in einer Sackgasse („dead end“) bezeichnet werden. Ich glaube, dass der philosophische Überbau in Teilen auf die praxisrelevanten Muster der SW-Community viel eher zutrifft als auf Alexanders Muster selbst. All die versprochenen Werte manifestieren sich ja gerade in Mustern, die diese Qualität besitzen. Bei den Mustern aus „A Pattern Language“ verspüre ich dagegen teils innere Unruhe. Für Alexander gibt es eine objektive Lebendigkeit, für mich (und viele andere) gibt es diese nicht. Wer Recht hat, ist an dieser Stelle nicht relevant; wichtig ist, dass die Gegenposition in dem Buch fehlt.

Und damit befinde ich mich schon an der Kritik an Alexander selbst. Eine kritische Auseinandersetzung mit Alexander fehlt in „Mustertheorie“ vollends. Nicht selten wird unterstellt, Alexander habe wichtige Einsichten als erster gehabt. Richtig ist vielmehr, dass „Nature of Order“ zutiefst philosophisch ist, Bezüge zu bestehenden philosophischen Positionen aber kaum von Alexander und auch nicht von Leitner hergestellt werden. Immer wieder spricht Alexander von einer Objektivierbarkeit der Lebendigkeit und zieht hierfür die Mathematik und seine „neue“ wissenschaftliche Methode, auf das innere Gefühl zu hören, heran. Überzeugend ist das nicht. Wer eine so tief greifende wissenschaftstheoretische Revolution herbeiführen will wie Alexander, hätte sich sehr viel mehr mit Wissenschaftstheorie befassen müssen.

Die Anwendungsbeispiele in „Mustertheorie“ sind schlecht recherchiert, Quellennachweise fehlen vollständig. Dabei sind fast alle Muster der Pattern Languages of Programs – Konferenzen frei im Netz verfügbar; dies gilt gleichwohl für die pädagogischen Patterns. Leitner hält das Dokumentieren von Mustern in der Pädagogik für sehr sinnvoll, bezeichnet diesen Abschnitt aber als spekulativ! Interessant ist daran für mich nur, dass die Anwendbarkeit des Musteransatzes offensichtlich ein natürlicher Impuls ist. Ich habe ebenfalls nach pädagogischen Mustern gesucht lange bevor ich auf das Pedagogical Patterns Project gestoßen bin. Sobald man jedoch ernsthaft nach Mustern recherchiert oder googelt, so stößt man sehr schnell auf dieses Projekt. Übrigens erwähnt Alexander selbst in „Nature of Order“ (2. Buch, S. 346) didaktische Muster: „educators create patterns for centers like classrooms, seminars, group discussion, individual education, which might provide the underpinning of a stable and healthy process of education“.

Das Kapitel „Anschlussmöglichkeiten“ fand ich beim Durchblättern der Überschriften sehr viel versprechend, beim Durchlesen der Kapitel sehr ernüchternd. Beispiel Evolutionstheorie: Diese kann Leitner nicht intensiv studiert haben, wenn er vom „Überleben der Tüchtigsten“ spricht. Im Original heißt es schließlich „fittest“ und damit ist am ehesten „bestangepasst“ gemeint. Und hier ist ein zentraler Bezug zu Alexander, den Leitner unterschlägt. Auch Alexander spricht von „fitness of form and context“, distanziert sich aber zumindest in „Notes on the Synthesis of Form“ noch explizit von evolutionären Designstrategien (was wir in „Mustertheorie“ nicht erfahren) wenngleich er in „Nature of Order“ immer wieder Parallelen zu genetischen Informationen und generativen Programmen zieht. Alexander hat vor allem mit der Zufälligkeit als zentralem Mechanismus der Evolution seine Probleme. Auch geht er davon aus, dass frühere Generationen ein besseres Verständnis ihrer Umwelt hatten und ältere Bauwerke daher oft lebendiger sind – die Möglichkeit, dass lebendigere Bauten aufgrund eines Selektionsprozesses im Gegensatz zu weniger passenden Gebäuden überlebt haben und nicht abgerissen wurden, scheint er abzulehnen. Doch von diesen Zusammenhängen keine Spur in „Mustertheorie“. Stattdessen wird darin einfach behauptet, Muster- und Evolutionstheorie würden sich überlappen. Doch wie? Beispiel Konstruktivismus: Hier fehlt zunächst der Schema-Begriff (der ja nichts anderes als Muster meint), zum anderen stolpert der Autor nicht darüber, dass die individuelle Konstruktion von Wissen gerade eine Verneinung der von Alexander behaupteten objektiv wahrnehmbaren Lebendigkeit ist.

Wichtige Anknüpfungspunkte, z.B. Gestalttheorie, Mengentheorie, Komplexitätstheorie und Sprachphilosophie fehlen gänzlich.

Zudem enthält das Buch viele kleinere faktische Fehler und Lücken:
– So wird z.B. geschrieben, in „Design Patterns“ (Gamma et al.) befänden sich etwa 80 Muster. Es sind aber 23. Vielleicht ein kleines Detail, aber innerhalb der Software Pattern Community ist „Design Patterns“ ein zentrales Werk, mit dem man gut vertraut sein sollte.

– Erwähnt wird als weiteres Anwendungsbeispiel „Extreme Programming“ – gemeint ist aber wahrscheinlich (hoffentlich?) das Buch „Organizational Patterns of Agile Software Development“.

– Zu Beginn erwähnt der Autor, dass er sich mit Wikis beschäftigt und nennt auch Ward Cunningham. Da wäre es nett, im Buch auch zu erfahren, dass das Ur-Wiki (Ward’s Wiki) dazu diente, Entwurfsmuster zu sammeln. Auch erfährt der Leser nicht, dass es Ward Cunningham und Kent Beck waren, die den Ansatz 1987 sowohl auf den Bereich der SW-Entwicklung wie auch UI als erste übertrugen.

Vielleicht bin ich zu kritisch, aber ich wollte zumindest etwas ausführlicher begründen, warum mir das Buch nicht durchgehend gefällt. Gut gelungen finde dagegen die alltäglichen Beispiele für Muster, die sich in dem Buch finden.

Beste Grüße,

Christian

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 03.04.2009 01:15

Lieber Christian,

ich kann ja durchaus mit vielen Deiner Kritikpunkte leben. Möchte aber doch an zwei Punkten festhalten, denen Du wahrscheinlich zustimmen kannst.

1. Bisher wird in der Community immer nur die Pattern-Seite von Alexander diskutiert. Entweder haben viele Leute diese späteren – umfangreicheren – Texte nicht gelesen oder finden sie für den Pattern-Ansatz nicht wichtig.

2. Helmut Leitner ist zwar kein Ersatz aber durchaus eine guter Einstieg zu „Nature of Order“. Das Büchlein macht Lust darauf sich diese 4 Bände herzunehmen, wirkt sozusagen als Appetizer.

Ich vermute allerdings, dass wir beide in der Einschätzung zur Bedeutung der Pattern-Diskussion und der Lebendigkeitsthese in „Nature of Order“ eine unterschiedliche Einschätzung haben. Ich halte die gesamte Pattern-Diskussion für schwach,theoretisch unreflektiert und für eine ziemlich mechanistische Übertragung auf andere Gebiete außerhalb der Architektur. (Du wahrscheinlich nicht, gell?) Da finde ich die Thesen in „Nature of Order“ – obwohl ich eine gewisse esoterische Schlagseite nicht leugnen will – nicht nur viel spannender, sondern als deren Grundlage. In den Patternbüchern schreibt Alexander nur von einer luminösen QWAN (Qualitiy Without A Name), in „Nature of Order“ beschreibt er, was darunter genau aus seiner Sicht zu verstehen ist.

Ich werde versuchen in einem späteren Weblogeintrag die 15 Eigenschaften von Lebendigkeit auf die Pädagogik umzulegen. Ich glaube zwar, dass die These, die ich dort vertreten werde (etwa: „Raumstrukturen in der Architektur entsprechen den Zeitstrukturen in der Didaktik“) sehr widersprüchlich aufgenommen werden wird. Es wird dann aber vielleicht deutlich werden, dass ich in eine ganz andere Richtung denke, als dies die derzeit die Pattern-Community mit ihren formalen Beschreibungsschemata (Mustername, Kontext, Ausgangssituation, Problemlösung, Wechselwirkung der Kräfte, Anschlussmuster, Zusatzinfos) im Auge hat.

Auf jeden Fall ist für eine spannende Diskussion auf unserer kommenden Forschungswerkstatt am 24./25. April gesorgt 😉

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 03.04.2009 17:10

Lieber Peter,

ich stimme in jedem Fall mit Dir überein, dass innerhalb der Pattern Community teils sehr wenig (erkenntnistheoretisch) reflektiert wird, zum anderen die tiefer gehenden Überlegungen nur sehr schwer auffindbar sind. Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass der Ansatz einfach nur mechanistisch übertragen wurde. Es ist eher so: man kann ein schönes Bild haben oder über die Schönheit und ihrer Ursachen diskutieren. Die Software Patterns sind sehr pragmatisch: sie handeln von schönen Bildern und den Prozessen, um solche schönen Bilder zu erstellen.

Wie bei den Patterns in „A Pattern Language“ werden bei SW nur die funktionalen Werte explizit als Forces angegeben, die ästhetischen Werte sind implizit vorhanden – sie sind nicht benannt im Sinne einer Quality without a name. Vielleicht ist dies die wesentliche Weiterentwicklung von „The Nature of Order“, dass auch die ästhetischen Werte auf konkrete Formeigenschaften zurückgeführt und genannt werden. So gesehen ist bei Alexander eine Fortentwicklung von funktionaler („Notes on the synthesis of form“), über funktionale und implizit-ästhetische Muster („The Timeless Way of Building“, „A Pattern Language“) hin zu explizit-ästhetischen Eigenschaften („The Nature of Order“) zu beobachten. Zumindest interpretiere ich Lebendigkeit als eine ästhetische Eigenschaft.

Es gibt eine englischsprachige Interpretation von Alexanders Hauptwerk: „Delight’s Muse on Christopher Alexander’s the Nature of Order: A Summary and Personal Interpretation“ von Jenny Quillien. Ich hab’s leider noch nicht gelesen.

Einen Zusammenhang zwischen „The Nature of Order“, Literatur und Softwareentwicklung findest Du in Richard Gabriel’s Essay „Desinged as Designer“: http://dreamsongs.net/Files/DesignedAsDesigner.pdf

Viele der Sichtweisen Alexanders sind ganz praktisch in den Designprozess des Softwareentwicklers eingeflossen: eXtreme Programming und agile Entwicklung sind eng mit den Sichtweisen Alexanders verbunden (auch wenn dies oft nicht explizit gemacht wird).

Ein weiteres Beispiel für Zusammenhänge zwischen „Nature of Order“ und Software Patterns (dargestellt von James Coplien) findet sich hier: http://users.rcn.com/jcoplien/Patterns/NoNoO.html

Es gibt innerhalb der Software Community durchaus sehr viel Enthusiasmus für „The Nature of Order“. Meist jedoch zu unreflektiert. Ich denke, dass sich die 15 Eigenschaften nicht einfach auf nicht-räumliche (gemeint ist der physikalische Raum) Kontexte übertragen lassen. Wenn es so etwas wie fundamentale Eigenschaften gibt, dann müssten diese – so wie von Dir vorgeschlagen – für das jeweilige Gebiet definiert werden. Daher freue ich mich auch sehr auf die Diskussion.

Beste Grüße,
Christian

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 05.04.2009 21:21

Hallo Christian,

Danke für die Literaturhinweise, die ich mir erst noch zur Gemüte führen muss. Ich habe nun in der Zwischenzeit in zwei neueren und relativ langen Weblog-Einträgen zu zeigen versucht, DASS und WIE denn nun die 15 Lebenseigenschaften auf die Didaktik übertragen werden können.

Ich weiss, dass meine angeführten Beispiele nicht überzeugend und zum Teil trivial sind. Aber trotzdem: Ich glaube, dass meine Vorgangsweise eine ganz andere Sichtweise der Pattern zulässt, und damit auch meine Kritik an der Pattern-Community untermauert wird: Es wurden bloß die Formalia des Alexanderschen Ansatzes übernommen, nicht aber die ihm zugrunde liegenden inhaltlichen Ideen.

Übrigens, weil Du offensichtlich nach wie vor so von den vorliegenden Mustern überzeugt/begeistert bist: Was antwortest Du auf den in der Pattern-Community häufig kolportierte Hinweis, dass Christopher Alexander selbst die Vorgangsweise der objektorientierten Patterncommunity ablehnt? Versteht Alexander selbst nicht, was er geschrieben hat? Oder haben die PLOP-Leute ihm genial weiter entwickelt und überholt, so dass Alexander etwa die Rolle von Einstein in Relation zur Quantenmechanik einnimmt: Er hat sie zwar begründet aber in ihren Konsequenzen abgelehnt.

Verzeih mir diese sicherlich etwas zynische und überwiegend rethorisch gemeinte Fragestellung. Aber ich habe gerade das Kultbuch der Gang of Four (Design Pattern – Elements of Reusable Object-Oriented Software) geliefert bekommen. Sicherlich muss man den Leuten zugute halten, dass damals Alexander noch nicht The Nature of Order pbuliziert hatte. Andererseits verstehe ich nicht, dass dieses Buch im Zusammenhang mit Alexander immer noch seinen Kultstatus hat. Das Buch geht von einem falschen, weil reduziertem Verständnis des Patternansatzes aus und steht letztlich einer möglichen sinnvoll-schöpferischen Übertragung des Alexanderschen Gedankenguts auf andere Sachgebiete mehr im Wege als dass es hilft.

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 17.04.2009 12:19

Lieber Peter, lieber Christian,

ich hoffe Ihr seid mir nicht böse, wenn ich mich an Eurer Diskussion beteilige und gleich das vertraute und in Online-Medien übliche Du verwende. Vielleicht sollte ich mich als Autor eher zurückhalten und die schmeichelhafte Rezension (Danke, Peter!) und den kritischen Verriss (Buuh, Christian!) distanziert beobachten … aber es ist einfach zu verlockend, auf hohem Niveau über Alexander und Muster diskutieren zu können. Es gibt nämlich wenig Leute, die ausreichend Alexander gelesen haben und die dann noch praktisch und theoretisch mit Mustern arbeiten. Derzeit stehen mir nur drei Diskussionspartern auf diesem Niveau zur Verfügung: Nikos Salingaros – den Editor von TNoO, Jascha Rohr vom Institut für Partizipatives Gestalten (der für euch interessant sein könnte, weil er eine komplette Mustersammlung für den Betrieb der deutschen Permakulturakademie entwickelt hat und wartet) und Franz Nahrada mit dem mich vielfältige Projekte im Umfeld der Regionalentwicklung verbinden. Diese fiktive Gesprächsbasis von drei auf fünf Personen erweitern zu können, wäre für mich persönlich eine Riesengewinn. Und dieser Aussicht opfere ich sogar meinen aggressiven Grundimpuls, Christian wegen seines Verrisses in Grund und Boden zu stampfen (das heißt aber nicht, dass ich mich nicht früher oder später gegen den einen oder anderen Vorwurf wenden werde).

Wie gesagt, ich finde die begonnene Diskussion sehr spannend und auf hohem Niveau und vor allem Christian hat eine Vielzahl von interessanten Themen aufgeworfen. So viele, dass ich mir keineswegs sicher bin, dass man das in Blog-Kommentaren abhandeln kann.

Geschwindigkeit (Anmerkung von Christian) kann sicher zur Lebendigkeit beitragen. So habe ich schon am Vormittag des 2.4. von einem Bekannten, der offenbar diesen Blog abbonniert hat, schon Stunden nach dieser Veröffentlichung, in einem Email von dieser Blog-Rezension erfahren und mich gefreut. Nun beteilige ich mich an einer Diskussion, kann hoffentlich zur Lebendigkeit dieses Blogs beitragen und vielleicht lernt jeder von uns (Lebendigkeit im Sinne persönlicher Entfaltung) etwas dabei. Das ist ein positiver Effekt von Geschwindigkeit aus moderner IT. Andererseits wäre es vermutlich zu kurz gegriffen, Geschwindigkeit linear mit Lebendigkeit („Allegro ist lebendiger als Andante“) verknüpft zu betrachten. Sonst müsste die Wirkung von Musikstücken steigen, wenn man sie schneller spielt. Wir dürfen aber den Musikern als Experten wohl zutrauen, ihre Musik so zu timen, dass diese eine maximale Wirkung hat. Daraus leite ich ab, dass man in Bezug auf Eigenschaften lebendiger Systeme vorsichtig sein muss mit schnellen Schlüssen. Die Diskussion um Lebenseigenschaften ist vor allem – auch nach Alexander – eine Suche nach generativen oder irreduziblen Eigenschaften. Für mich steckt in den Eigenschaften vor allem analytisches und transformatives Potenzial, d. h. ich kann in jedem System z. B. nach der Eigenschaft GRENZE suchen (zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Schule und Welt, zwischen Sprachunterricht und praktischer Sprachnutzung) und die Ausprägung dieser Eigenschaft beschreiben und als Ausgangspunkt für mögliche Entfaltungsschritte nehmen (Tausch von Lehrer/Schüler-Rollen, Fremdsprache als Arbeitssprache, etc.).

Peter, deinen Ansatz in der Didaktik der Zeitdimension und Strukturen und Mustern in der Zeit mehr Aufmerksamkeit und Gewicht zu geben, kann ich nur ermutigen. Es kann gar keinen große Diskussion auftauchen, ob das möglich und sinnvoll ist. Es gibt viele Argumente, die deine Intuition stützen. Etwa die Nähe des Lehrens/Lernen zu narrativen dramatischen Systemen (Geschichte, Romane, Theater … die natürlich alle ihre Mustersprachen besitzen). Sollte guter Unterricht nicht rhythmisch und dramatisch sein? Spannend wie ein Kriminalfall oder bewegend wie ein Abenteuer oder eine Liebsgeschichte? Jedenfalls aber mit Emotionen und den Möglichkeiten zu persönlicher Resonanz verbunden? … ich weiß, ich trage Eulen nach Athen.

Ein Missverständnis ist mir aufgefallen. Christian, du sprichst vom Zusammenhang von Symmetrie und Lebendigkeit so, als bestünde eine Differenz zu Alexander. Das ist aber nicht der Fall. Alexander spricht ausdrücklich davon, dass große Zentralsymmetrien nicht die Lebendigkeit erhöhen. Er nennt seine Eigenschaft auch ausdrücklich „LOCAL SYMMETRY“ und führt das Musterbeispiel der Alhambra an, die über keinerlei große Symmetrie verfügt, aber über zahllose Symmetrien im Detail.

Ein anderes Missverständnis: Man kann die Lebendigkeit eines System nicht dadurch „erhöhen“ indem man eine Alexanderschen Eigenschaften „hochdreht“. Es geht um ein ganzheitliches Zusammenwirken der Strukturelemente (Zentren), um einen Feldeffekt in Einheit von Form und Funktion. Manche Eigenschaften schließen sich auch gegenseitig aus (etwas kann nicht leicht gleichzeitig MEHRDEUTIGKEIT und EINFACHHEIT haben). Am ehesten würde eine lineare Beziehung in der Didaktik wohl mit Eigenschaften wie ANPASSUNG (GOOD FORM) oder INDIVIDUALITÄT (ROUGHNESS) als Individualisierung des Unterrichts argumentierbar sein. Es gibt Zusammenhänge und Abhängigkeiten, über die Alexander auch schreibt (u.a. gibt es in meinem Büchlein auch eine Abhängigkeitsmatrix, die darauf hindeutet). Wie gesagt, es geht Alexander um die grundlegenden Eigenschaften, um jene, die sich nicht auf andere Eigenschaften zurückführen lassen. Geschwindigkeit könnte man z. B. als GRADIENT in Raum/Zeit auffassen.

Ein Riesenthema ist natürlich die Frage nach einer objektiven Lebendigkeit. Wir werden das hier nicht abhandeln und ich will auf keinen Fall den Anschein erzeugen, als hätte ich auf alles eine Antwort, oder als stünde ich Alexander unkritisch gegenüber. Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass Alexander nur einen Startschuss gegeben hat, eine gedankliche Weichenstellung eingeleitet hat, die uns auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird. Seine teilweise dogmatische, jedenfalls aber moralische und weltanschaulichen Elemente, werden jedenfalls polarisieren und die Geister scheiden. Ich sehe teilweise bei Alexander Selbstwidersprüche, die ich aber in dem Buch aus vielfältigen Gründen nicht thematisiert habe. Vor allem, weil ich glaube, dass sie die Validität seiner Kernaussagen nicht in Frage stellen.

Sicher ist jedenfalls, dass Alexander niemals meint, dass man einen Lebendigkeitsgrad numerisch würde angeben können. Dort wo er als Mathematiker Versuche dazu unternommen hat, ist er gescheitert und er dokumentiert auch dieses Scheitern.

Sicher scheint mir auch, dass es keinen Lebendigkeitsgrad eines Objektes an sich (Peter sagt etwas in diese Richtung) geben kann. Der Lebendigkeitsbeitrag eines Klaviers ist zweifellos davon ahängig, ob jemand da ist, der es spielen kann (oder ist es z. B. ein totes Status-Symbol?). Und wenn das Klavier schwer verstimmt und unbrauchbar ist, dann ist der Qualitätsverlust nicht durch die geometrische Struktur des verstimmten Klaviers erklärbar. Geometrische Konfiguration ist also nicht alles (wie man Alexander vereinfachend lesen könnte, er blickt eben nicht viel über die Architektur hinaus).

Ich glaube auch nicht, dass man mit der Eigenschaft „lebendig“ naiv umgehen kann, etwa indem man Leute von der Straße holt und ihnen die Frage stellt „was ist lebendiger“. Lebendigkeit ist nicht das, was man in der Alltagssprache darunter versteht und Alexander verwendet normalerweise ausführlicher Fragestellungen, die versuchen eine Beziehung zum Befragten herzustellen. Also weniger „welches Bild ist lebendiger?“, sondern „bei welchem Bild könntest du dir eher vorstellen, es dein ganzes Leben in deinem Arbeitszimmer hängen zu haben?“ oder „welches Bild entspricht mehr deinem inneren Wesen?“. In Experimenten besteht natürlich die Gefahr (Christian spricht richtigerweise vom notwendigen Training), dass man die Leute darauf trainiert, gewünschte Ergebnisse zu liefern. Da ist sicher noch viel ehrliche Forschugnsarbeit notwendig, um unabhängige Ergebnisse zu gewinnen.

Der wesentliche Punkt scheint mir aber zu sein, dass Muster von den Betroffenen selbst zur Gestaltung ihrer Lebensumgebungen eingesetzt werden können. Das zielt auf autonome Individuen und individuelle Entscheidungssituationen hin und entfernt sich tendenziell von Patentrezepten und auoritären Lösungen (etwa engführenden Lehrplänen). Christian hat ja völlig korrekt angemerkt, dass für jedes Muster u. a. die Frage nach Vor- und Nachteilen und nach Alternativmuster und Anschlussmustern gestellt werden MUSS. D. h. untersucht man z. B. DEMOKRATIE als Muster, müsste man genauso die Nachteile analysieren. Sowas ist ungewohnt und vielen nicht angenehm.

An dieser Stelle möchte/muss ich Schluss machen. Ich wollte eigentlich so kurz wie möglich schreiben. 🙂 Viele Themen, wie z. B. die Frage der Software-Pattern-Community oder der Frage, ob man berechtigerweise von einer „Mustertheorie“ sprechen kann/darf/soll, liegen mir am Herzen, ich konnte sie aber nicht mal antippen. Vielleicht ein anderes Mal.

Liebe Grüße euch beiden,
Helmut

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von chrisimweb am 19.04.2009 20:25

Lieber Helmut,

herzlich willkommen in der Diskussion 🙂 Ich denke, Du solltest Dich als Autor auf Fälle daran beteiligen und wenn möglich meine Anmerkungen entkräftigen. Ich hätte auch nicht so scharf auf die Dinge, die mich stören, hingewiesen wenn Peter nicht vorher eine positive Kritik geschrieben hätte. Im Lichte des Lobs war für mich genug Raum für kritische Töne ;). Wie bereits in meinem Kommentar angedeuet, bezieht sich ein Teil der Kritik eher auf Alexanders Ansichten selbst. Ich denke dass in seinem Werk viele wichtige Ideen stecken, die weiterentwickelt werden müssen. In der Pattern Community ist dies zum Teil geschehen mit durchaus unterschiedlichen Konsequenzen. Mein Problem mit Alexander ist, dass ich viele seiner Muster und auch Bildbeispiele durchaus anmutend und lebendig empfinde und oft denke: ja, so sollte es sein. Bei anderen aber empfinde ich oft das Gegenteil, in einer Welt nach Alexanders Geschmack (der ja laut Alexander keiner ist, sondern eine objektive Sicht) möchte ich zumindest nicht leben. Auch sehe ich nicht, wie z.B. Aspekte der Nachhaltigkeit, etwa klimafreundliches Design, sich auf die 15 Eigenschaften zurückführen lassen. Lebendigkeit ohne Nachhaltigkeit funktioniert für mich nicht, aber bei Alexander sind solche Aspekte ausgeklammert (im Ideal ergeben sie sich von selbst). Davon könnte ich viele weitere Beispiele bringen, wo ich manchmal seine Bücher in die Ecke werfen möchte. Nun könnte ich ja genau das tun, aber dazu bin ich wiederum vom Musteransatz zu sehr überzeugt…
Ich muss auch noch einmal explizit machen, dass meine Kritik sich auch nur aus meiner Perspektiv ergibt. Im Gegensatz zu Alexander halte ich ja individuelle Meinungen für möglich ;-). Und in meiner Perspektive ist der Musterbegriff – wiederkehrende Strukturen und Formen, daraus entstehende Werte und Qualitäten sowie die Ursachen- ein sehr zentraler. Daher bin ich Deinem Buch gegenüber auch sehr kritisch. Es geht aus meiner Sicht eher auf Alexanders Philosophie ein als auf Muster. Was ich insofern schade finde, weil ich Deine Musterbeispiele sehr gelungen finde. Wenn es aber um Muster geht, dann sehe ich die Lebendigkeit nur als einen Aspekt. Andersherum sind Muster nur ein Aspekt lebendiger Strukturen – aber es kommt eben auf die Perspektive an. Was Muster betrifft, bewegen mich z.B. solche Fragen: Wie verhält sich ein Muster zu seiner Umsetzung? Wie verschachteln und überlappen sich Muster? In der Tat Fragen, die Alexander selbst nicht beantwortet…

Demnächst mehr dazu.

Liebe Grüße,
Christian

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 20.04.2009 09:41

Lieber Helmut,

Schön, dass Du Dich an dieser Diskussion beteiligst. Du bist dazu natürlich herzlich willkommen!

Ich gehe auf Deine Anmerkungen und Anregungen vorerst nur indirekt ein. Mir liegt derzeit einiges am Herzen, dass ich zuerst – bevor ich es vergessen 😉 – in eigenen Beiträgen (Gedankensplittern) nieder schreiben möchte. (Sie z.B. meinen neuen heutigen Beitrag unter: http://www.peter-baumgartner.at/weblog/pattern-strukturerhaltende-transformationen)

Außerdem wird es ja immer schwieriger den Faden der immer komplexer werdenden Diskussion folgerichtig weiter zu spinnen. Ich glaube daher, dass es durchaus Sinn macht nicht auf alle einzelnen Aspekte aller Diskussionteilnehmer direkt einzugehen, sondern sie – so zusagen über einen Umweg – allgemeiner und grundlegender zu untersuchen. Dabei möchte ich mich in erster Linie mal davon leiten lassen, was hat Alexander wirklich gesagt/gemeint – und erst dann in weiterer Folge mich zu fragen, ob diese Ansichten eine Grundlage haben, ich ihnen zustimmen kann etc.

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 16:19

Lieber Christian, Lieber Peter,

danke für das Willkommenheißen, ich fasse meine an Euch Antworten zusammen. Ich fühle mich mit Peters Enthusiasmus und mit Christian kritischen Gefühlen gleichermaßen verbunden.

Christian, ich bin bei dir, Alxander auch kritisch zu sehen. Als einen Wegbereiter zu sehen, aber nicht als jemand, dessen Worte man sich wie Bibelzitaten unterwirft. Auch Alexander muss sich an der Praxis messen lassen.

Das Thema Nachhaltigkeit finde ich bei Alexander sehr stark vertreten, auch wenn er den Begriff als solchen nicht verwendet. Das halbe TNoO beschäftigt sich mit Struktur- und Prozessprinzipien, die sowohl in der Natur, als auch in der Architektur auffindbar sein sollen. Da ist viel von Effizienz die Rede. „Wie kommt man mit dem geringstmöglichen Aufwand zur größtmöglichen Systemverbesserung, die dann nachhaltig (nämlich als Struktur/Architektur) zur verfügung steht.“ Das mehrfach angesprochene Prinzip der strukturerhaltenden Transformation ist praktisch ein reines Effizienzprinzip, denn es spart Energieverluste durch Abbau und Aufbau von Struktur.
Das Prinzip kleinstmöglicher Schritte, mit dem Prinzip der Reversibilität (Fehlerkorrektur zum frühestmöglichen Zeitpunkt) steht der Softwareentwicklung sehr nahe (je früher ein Fehler gefunden wird, desto geringer die Korrekturkosten). usw. Das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Alexandersche Gestaltungsprozess scheint mir von vorne bis hinten von Nachhaltigkeitsgedanken durchdrungen. Bei den Software-Designpatterns sehe ich davon recht wenig, auch beim Alexander von „A Pattern Language“ ist davon wenig vorhanden.

Christian, was Alexanders Dogmatismus betrifft, bin ich auch auf deiner Seite. Nicht „jedes Haus braucht dicke Wände und Säulen“ um zu funktionieren (obwohl das Alexander natürlich nie so dezitiert aussagt. Genauer: Alexander spricht Menschen nicht ihre Meinungen ab. Aber er ist davon überzeugt, dass es optimale, auf objektiven Kriterien gründende Design-Entscheidungen aus der Sicht der Betroffenen gibt. Das ist ein großer Unterschied. Alexander will eben die Entscheidungen zu den Betroffenen hin verlagern, weil Planer und Architekten auf Grund ihrer Interessenlage andere Prioritäten haben und deshalb andere Entscheidungen treffen werden. (nicht weil ihre Meinung nicht richtig – als in ihrem Vorteil – wäre)

Eine Frage wäre: Schauen Software-Produkte deshalb (innerlich und äußerlich) so aus, wie sie den Bedürfnissen der Anwender entsprechen, oder bilden sie die Marketing- und Image-Bedürfnisse, das Profit-Streben der Hersteller ab? Was bedeutet das für Produktstabilität (nachhaltige Nutzbarkeit eines erworbenen Hardware- und Software-produktes)? etc.

Christian, deine Feststellung, dass mein Mustertheorie-Buch eher philosophisch orientiert ist, ist richtig. Das war eine bewusste Entscheidung, denn ich wollte einen möglichst breiten Zugang für viele schaffen, nicht nur für Interessenten an einer spezifischen Mustersprache. Meine praktische Arbeit und mein Hauptinteresse liegt aber an den Mustern und den damit verbundenen Prozessen. Im Grunde müsste ich/man zwei weitere Bücher schreiben: eines, das den wissenschaftlichen Bedürfnissen nach Zitaten und Aufarbeitung aller Textquellen entgegenkommt und ein zweites, dass sich ganz auf die Praxis des Arbeitens mit Mustern konzentriert und die Erfahrungen der verschiedenen Pattern-Communities zusammenführt.

Deine Frage „Wie verhält sich ein Muster zu seiner Umsetzung?“ verstehe ich nciht ganz.

Deine Frage: „Wie verschachteln und überlappen sich Muster?“ hat Alexander zumindest mit seinem hierarchischen Vorschlag in „A Pattern Language“ beantwortet. In seinem ganzheitlichen Ansatz wird die Wirkung von Transformationen (immer Anwendung eines Musters??) immer auf drei Ebenen betrachtet, und alle sollen davon profitieren: Auf der untergeordneten, übergeordneten und gleichgeordneten Ebene. D. h. Ein Haus soll für das Hausinnnere/Bewohner, die Umgebungszentren/Nachbarn und die Stadt als ganzes vorteilhaft sein bzw. funktionieren.

Interessant scheint mir in dem Zusammenhang, warum „A Pattern Language“ ähnlich wie „Liberating Voices“ im Grunde zum Scheitern verurteilt sind: weil sie im Versuch ein ganzes Universum abzubilden, nicht die Muster und das Know-How für eine bestimmte Zielgruppe zusammenfassen. APL enthält Überlegung für Regionalplaner, für Städteplaner, für Architekten, für Hauseigentümer, für Innenarchitekten, aber nichts richtig und vollständig. Damit bleibt es Stückwerk. Alexander bzw. sein Verlag haben APL überdies copyright-geschützt und den Schutz auch in der Praxsis verteidigt, so dass die Sammlung nicht ergänzt und weiterentwickelt werden konnte. Damit hat man APL die Möglichkeit zur Lebendigkeit geraubt. Ein Kritikpunkt von mir an Alexander…

Peter, ich bin völlig einverstanden, wenn du die Themen auseinanderlegst und die Schwerpunkte setzt und vorgibst. Es wird aber so und so nichts anderes übrigbleiben – wenn unsere Diskussion denn Erkenntnisse ergibt – diese in einem Auswerteprozess wieder zu kompilieren.

Wie gesagt, ich verstehe deine Entdeckerfreude an Alexander und habe sie oft genauso empfunden. Andererseits bleibt er Architekt und Dogmatiker. Man kann die Kuh melken, aber es hat wenig Sinn, sie auszupressen wie eine Zitrone. Alexander hat weder eine Antwort auf alles, noch sind seine Antworten immer richtig.

Ein typisches Beispiel ist das von Christian angeführte Zitat, wo Alexander an der Abgrenzung von „center“ and „pattern“ zweifelt und es nahelegt, dass es sich um daselbe handelt. Das ist Unsinn, hier hat er sich in seinen eigenen Begrifflichkeiten irre machen lassen. Es ist leicht, Gegenbeispile anzugeben.

lg Helmut

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von baumgartner am 22.04.2009 11:50

Lieber Helmut,

Wir haben – schon seit mehreren Monaten vorbereitet – am kommenden Freitag/Samstag eine Veranstaltung („Forschungswerkstatt“) in Wien zum Thema Pattern. Teilnehmer/innen sind Leute aus meinem Umkreis: MitarbeiterInnen und (Doktoratsstudierende).

Am ersten Tag wollen Christian und ich mal das Thema vorstellen und inhaltlich einführen (schmackhaft machen). Am Samstag wollen wir uns überlegen, in wie weit der Pattern-Ansatz auch für die Pädagogik/Didaktik nutzbar gemacht werden kann. Das ist auch einer der Gründe, warum in den letzten Tagen sich die Diskussionen zu diesem Thema vertiefen.

Ich muss allerdings sagen, dass ich selbst die derzeitige Intensität auf Dauer – angesichts meiner anderen Verpflichtungen – sicherlich nicht durch halten werde. Wir sollten uns daher auf länger Sicht überlegen, wie wir diese Diskussion weiterführen können. Ich glaube nämlich nicht, dass mein Weblog für eine solche detaillierte Diskussion der geeignete Ort dafür ist. Vorschläge?

Du hast (in Deinem anderen Kommentar) recht: Es sollte nicht „Gesamtheit“, sondern „Ganzheit“ heißen. Ist ein großer Unterschied, weil „Gesamtheit“ den Eindruck der Summe, der Addition vermittelt und nicht die „Einheit“, wie sie sich in Wholeness (Ganzheitlichkeit) ausdrückt.

Auch Deinen Hinweis mit der Nachhaltigkeit finde ich für wichtig. Das scheint mir tatsächlich kaum bisher berücksichtigt worden zu sein, bzw. direkt angesprochen worden zu sein.

LG, Peter

Re:Mustertheorie – eine Buchrezension

Kommentar von HelmutLeitner am 22.04.2009 16:37

Bei mir stapelt sich auch die Arbeit, so dass mir ein TIMEOUT sehr Recht ist. Danke für die bisherige Diskussion und die dabei gewonnenen Einsichten. Schick mir einfach ein Email unter leitner(AT)hls-software(DOT)at, wenn du einmal Bedarf hast, zum einen oder anderen Thema meine Meinung zu hören.

Viel Esprit und Erfolg bei der Pattern-Forschungswerkstatt! Herzliche Grüße an alle Teilnehmer!

lg Helmut

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