GLL-08: Lokale Interaktion und globaler Kontext

Einige Grundprobleme der Soziologie

Beim letzten Kapitel vor Weihnachten kann und will ich mich kurz halten. Nicht nur weil mich eine Grippe behindert, sondern weil der Text für sich alleine nicht gut referiert werden kann. Er fasst einerseits einige Punkte aus dem ersten Teil – der Entfaltung der Kontroversen und der 5 Quellen der Unbestimmtheit – zusammen, andererseits bereitet er auf den zweiten Teil – der Sichtbarmachung von Assoziationen – vor.

Warum das Soziale so schwer nachzuzeichnen ist:

Latour stellt in diesem Kapitel Betrachtungen an, warum die Sichtweise der „Soziologie des Sozialen“ letztlich erfolglos bleibt. Seiner Meinung liegt es vor allem darum, dass drei Aufgaben der Soziologie, die sukszessive – also eine nach der anderen – zu lösen sind, miteinander verwechselt werden:

  1. Es muss zuerst das volle Spektrum der Kontroversen entfaltet werden, erst dann zeigt sich, welche Assoziationen überhaupt möglich sind. (Das Soziale Nr. 1)
  2. Danach können erst Mittel aufgezeigt werden, wie und durch wen die Kontroversen beigelegt werden, zu welchen Übereinkünften es kommt und wie diese Vereinbarungen eingehalten werden. (Das Soziale Nr. 2)
  3. Erst jetzt, also ganz zum Schluss, können Empfehlungen für die Zusammensetzung des Kollektivs ausgearbeitet werden. („Lösung“ der sozialen Frage) Dabei ist auch noch die Verwechslung zwischen der Politik und der Öffentlichkeit, zwischen der Versammlung des politischen Körpers und der Versammlung des Kollektivs zu vermeiden.

Entweder gibt es eine Gesellschaft, oder es gibt eine Soziologie. … Es gibt keine Möglichkeit, die Sozialtheorie zu erneuern, solange … der unselige Gesellschaftsbegriff nicht vollständig aufgelöst ist. (282 und 283)

Wie kann das Soziale flach gehalten werden?

Latour beschreibt als ein Grunddilemma der Sozialwissenschaften das ständige Oszillieren zwischen den Stätten der lokalen Interaktion (das Soziale Nr. 3) und dem globalen Kontext (das Soziale Nr. 2). Ist das System dominant oder sind es die Handlungen der Akteure, auf die es wesentlich ankommt? Die lokalen Interaktionen finden bereits unter bestimmten Rahmenbedingungen statt und können daher nicht alle Motive und Handlungen der Akteure erklären. Umgekehrt ist der globale Kontext zu allgemein um daraus die konkreten Interaktionen der Beteiligten ableiten und determinieren zu können.

Dieses Mikro-Makro Problem ist tatsächlich in der Soziologie ein immer wiederkehrendes Generalthema (vgl. z.B. Smelser, Neil J. und Richard Munch. 1987. The Micro-Macro Link. University of California Press. )

Viele sozialwissenschaftliche Theorien versuchen diese beiden Pole mit einem Kompromiss zu vereinen. 3 prominente Beispiele, die Latour erwähnt, sind:

Auch die Akteur-Netzwerk Theorie könnten solch einen Kompromiss zwischen lokaler Interaktion und globalen Kontext anbieten; ja solch eine „lauwarme“ Vereinbarkeit steckt ja praktisch schon in dem mit Bindestrich verbundenen Namen. Nach Latour kann aber dieser double bind nicht aufgelöst werden, weil es eben zwei verschiedene Pole sind, wo der eine ohne dem anderen nicht auskommen kann. Es gibt keinen Nordpol ohne einen Südpol und umgekehrt.

Statt diese beiden Gegensätze als Problem zu behandeln und einen faulen Kompromiss anzustreben, schlägt ANT vor, diese beiden Pole als Gegenstand der Untersuchung ernst zu nehmen: „Unsere Lösung lautet also: die Unmöglichkeit ernst nehmen, an einem der beiden Orte länger zu verweilen.“ (295)

Wenn es keine Möglichkeit gibt, an einem der beiden Orte zu bleiben, so bedeutet das ganz einfach, daß diese Orte unerreichbar sind – entweder weil sie überhaupt nicht existieren oder weil sie existieren, aber nicht mit dem von der Soziologie angebotenen Fahrzeug erreicht werden können.

Weder lokale Interaktion noch globaler Kontext, sondern statt dessen müssen neue Wege gefunden werden. Wie das genau vor sich geht? Darauf geht der 2. Teil des Buches näher ein, den ich im nächsten Jahr auf diesen Seiten darstellen und zur Diskussion stellen werde.

Weihnachtspause nützen

Ich möchte auch gerne die Weihnachtspause nützen, um einige offene Enden unserer Diskussion aufzunehmen. Ich hoffe sehr, dass ich Zeit finde werde, einiges von der in den Kommentaren angesprochenen Literatur zu lesen. Insbesondere möchte ich auf die von Latour immer wieder verwiesenen Werke „Wir sind nie modern gewesen“ und „Die Hoffnung der Pandora“ endlich lesen, weil ich vermute, dass sie zum Verständnis des hier diskutierten Buches äußerst relevant sind. Falls mir dies (zeitlich) gelingt, so werde ich versuchen deren Inhalte, soweit sie relevant sind, ebenfalls hier kurz zu referieren.

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