E-Portfolios: Musterhierarchie und Mustersprache

Reinhard Bauer und ich sind in der Endphase unseres Buches „Schaufenster des Lernens: Eine Sammlung von Mustern für die Arbeit mit E-Portfolios“. Eigentlich hätten wir nach unserem ursprünglichen Plan bereits Ende Jänner das Manuskript fertig formatiert abgeben sollen. Es sind aber einige (interessante) inhaltliche Probleme aufgetreten, die sich erst in der letzten Arbeitsphase heraus kristallisiert haben.

Mustersprache

Ich habe bereits in Mustersprache für E-Portfolio über die hierarchische Musterstruktur berichtet. In der Zwischenzeit ist noch ein weiteres Muster dazu gekommen, so dass wir nun insgesamt 38 Muster für die E-Portfolio-Arbeit im Buch präsentieren. Das neue Muster heißt Motivation und untergliedert sich in Kür und Pflicht: Während die obligatorische Pflicht vor allem extrinsisch motiviert ist, wird die freiwillige Kür durch intrinsische Motivation gespeist. Damit wird die Sonderstellung von Kür und Pflicht, wie sie sich noch in der Clusterdarstellung zeigt, aufgehoben, weil sich nun auch hier eine hierarchische Binnenstruktur einzelner Mustercluster herausstellt.

Die kursive Darstellung der Musternamen im obigen Absatz verweist auf die dahinter liegende Mustersprache: In unserem Buch zu E-Portfolios sind „normale“ Sätze mit den Namen der einzelnen Muster durchsetzt, die wieder als spezielle Fachbegriffe zu lesen sind. Indem diese Begriffe mit einem anderen Schriftformat ausgezeichnet werden, gewinnen sie eine andere Semantik, sind als Teil der darunter liegenden Mustersprache gekennzeichnet.

Musterstruktur

Obwohl der früheren Clusterdarstellung bereits eine hierarchische Struktur implizit innewohnt, war das nicht deutlich zu erkennen. In der Dezimalgliederung des Buches jedoch, zeigte sich dies – je nach der gewählten Überschriftsnummer bzw. Ebene der Überschrift – sehr deutlich. Gleichzeitig waren wir damit aber mit dem Problem konfrontiert, dass wir es scheinbar bloß mit übergeordneten und untergeordneten (wichtigen und weniger wichtigen?) Mustern zu tun haben. Das widersprach aber unserer Vorstellung einer gleichrangigen Vernetzung, wo – etwa wie die Sätze eine Sprache – die Bedeutung nicht alleine aus dem Objekt (=Satz) heraus, sondern auch durch den Komtext (mit)bestimmt wird.

Wir müssten daher eine Darstellung finden, die sowohl die hierarchische Gliederung, dh Über- und Unterordnung darstellt, aber gleichzeitig den selbstständigen und für sich alleine bedeutungsvollen (autonomen) Charakter des Musters beibehält. Wir sind daher im Teil des Musterepositoriums von der Dezimalgliederung abgegangen und haben die einzelnen Muster von 1-38 durchnummeriert. Eine alphabetische Liste der Muster unterstreicht den eigenständigen Charakter jedes Musters. Gleichzeitig aber haben wir sie im Inhaltsverzeichnis durch entsprechende Einrückungen auch hierarchisch dargestellt.

Auch Christopher Alexander weist in A Pattern Language auf den hierarchischen Charakter der Mustersprache hinein. Seine insgesamt 253 Muster für die Gestaltung von Städten und Gebäuden sind 12 verschiedenen Ebenen zuzuordnen. Das reicht von der Regionalplanung bis zu Details der Ornamente.

1. Region (Muster Nr. 1-7)
2. Stadt (8-27)
3. Communities und Nachbarschaften (28-48)
4. Öffentliches Land innerhalb der Community (49-74)
5. Privatland und Institutionen innerhalb der Nachbarschaft (75-94)
6. Layout von Gebäudekomplexe (95-126)
7. Gebäude und deren Räume (127-158)
8. Garten und Wege zwischen den Gebäuden (159-178)
9. Kleine Räume (Closets) in größeren Räumen (179-204)
10. Konfiguration des Konstruktionsmaterials (205-213)
11. Detaillierte Konstruktion (214-232)
12. Details der Farbe und Ornament (233-253)

Soweit wir wissen hat aber bisher niemand
diese Struktur der Über- und Unterordnung dargestellt bzw. explizit
angesprochen. In den uns bekannten Darstellungen überwiegt der
Netzwerkcharakter, wie er sich auch in unserer Darstellung des
Verknüpfungen und Verbindungen der Muster
findet. Mit unserem Buch weisen wir ausdrücklich auf den hierarchischen Aufbau der Musterstruktur hin, behalten jedoch den unabhängigen Charakter der einzelnen Muster bei.

Handmarken

Eine andere „Innovation“ im Aufbau des Buches bestand darin, dass wir den Referenzcharakter des Musterrepositoriums mit sogenannten Handmarken oder Tabs herausstreichen. Die Muster sollten nicht nur hierarchisch gegliedert dargestellt werden, sondern wie in einem Lexikon auch einzeln direkt aufgesucht werden können. Die Marken waren auch deshalb notwendig, weil die Struktur für alle 38 Muster identisch ist und daher es für LeserInnen ein markante Orientierung notwendig war, die sofort und unmittelbar signalisierte, zu welchem Muster die gerade aufgeschlagene Seite gehört. 

Der Einbau der Handmarken (PDF, 176kB) war für mich auch technisch gesehen eine Herausforderung, weil ich die exakte Position dieser Marken in LaTeX programmieren und mit der Druckerei abstimmen musste. Die Handmarken müssen über den normalen Seitenrand hinausgehen, damit nicht bei etwaigen Ungenauigkeiten beim Schneiden des Papiers die Markierung an der Blattschnittkante verloren geht. Diese zusätzlichen Arbeiten haben uns jene Zeit gekostet, mit der wir jetzt gegenüber dem ursprünglichen Plan im Verzug sind.

Form und Inhalt

Hat sich dieser ganze Aufwand im Zuge der Fertigstellung der Druckvorlage überhaupt gelohnt? Wäre es nicht sinnvoller und einfacher  gewesen, einfach ein normales (Word)Skript dem Verlag abzugeben?

Wir glauben das nicht. Zwar hätten wir sicherlich weniger Zeit für die Fertigstellung des Buch gebraucht, aber dafür hätten diese neuen formalen Aspekte keinen Eingang in das Buch gefunden. Und das ist nicht nur eine Frage der zusätzlichen (Herstellungs-)Kosten, die der Verlag dann zu tragen gehabt hätte! Es ist vor allem eine Frage der Entdeckung, dh. dass diese formalen Aspekte erst mit der ständigen und kontinuierlichen inhaltlichen Auseinandersetzung beim Buchschreiben aufgetaucht sind. 

Es wird oft gesagt, dass Form und Inhalt sich gegenseitig bedingen. Wenn dies stimmt, dann können Form und Inhalt nicht voneinander getrennt werden. Bei der inhaltlichen Auseinandersetzung stießen wir auf einige formale Probleme. Es war aber nicht so, dass wie diese gleich erkannten und benennen konnten. Wir mussten damit experimentieren, was aber wiederum den Inhalt (leicht) veränderte. So mussten wir (a) die Querverweise anders gestalten, (b) für dieses Kapitel eine andere Zusammensetzung der Kopfzeilen generieren und (c) vor allem auch das Inhaltsverzeichnis für den Musterteil anders nummerieren.

Dieser Beitrag wurde unter Forschung abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.