Microlearning – Vier didaktische Herausforderungen

Die 7. International Microlearning Conference findet nun zum ersten Mal in Kooperation mit der Donau-Universität Krems statt. In diesem Beitrag erläutere ich die inhaltlichen Gründe für die Forschungs- und Lehrkooperation zu diesem Thema. Ich definiere Microlearning und leite daraus drei didaktische Herausforderungen ab.

microlearning-6-0-baumgartnerDie 7. International Microlearning Conference findet nun zum ersten Mal in Kooperation mit der Donau-Universität Krems statt (siehe auch meinem Weblog-Eintrag zur Microlearning Conference 7.0). Es gibt eine Reihe von inhaltlichen Gründen warum ich mich über das Umsiedeln dieser Veranstaltung von Innsbruck nach Krems freue. Die gemeinsame Konferenz ist der erste sichtbare Ausdruck einer zukünftig noch intensiveren Lehr- und Forschungskooperation zwischen meinem Department und der Forschungsgesellschaft Research Studios Austria.

Was ist Microlearning?

Unter Microlearning verstehe ich sehr kleine und damit kurze Lerneinheiten, die mit einem raschem, d.h. unmittelbaren Feedback für die Lernenden versehen sind. Diese Formulierung ist etwas umfassender als in der englischen Wikipedia angeführt, weil sie das unmittelbare Feedback in die Definition mit einbezieht.

Diese Erweiterung ist nicht trivial. Ich habe bereits in meiner Taxonomie von Unterrichtsmethoden ausgeführt, dass Feedback für Lernen essentiell ist.  („Aus meiner Sicht ist Lernen ohne jegliche Rückmeldung gar nicht möglich.“, S.185). Werden kleine Lerneinheiten und unmittelbares Feedback zusammengenommen, dann entsteht eine Kommunikationsbeziehung zwischen den Lernenden und dem Feedback(-Mechanismus).

Didaktische Herausforderungen von Microlearning

Daraus ergeben sich drei Konsequenzen und jeweils damit verbundene didaktische Herausforderungen:

  1. Erste didaktische Herausforderung: In unserer schnelllebigen mobilen Welt ist eine effiziente Nutzung von „Rüstzeiten“ wie z.B. Warten (an einer Haltestelle auf ein Verkehrsmittel, im Vorzimmer eines Arztes oder Büros) oder Reisen (Bus, Zug, Straßenbahn, Flugzeug) oftmals erwünscht. Microlearning kann aber besonders gut mit mobilen Endgeräte in turbulenten und kurzfristigen wechselnden Umgebungen genutzt werden. – Die erste didaktische Herausforderung besteht nun darin, dass das Arrangement der Lernumgebung so robust, störungs- und ablenkungsresistent gestaltet werden muss, dass es in diesen unruhigen, volatilen Situationen nutzbringend eingesetzt werden kann.
  2. Zweite didaktische Herausforderung: Ich habe bereits in meinem vorjährigen Beitrag zur Microlearning Conference 6.0 ausgeführt, dass Microlearning im Rahmen meiner Taxonomie auf der Mikroebene „Didaktische Interaktionen“ mit einem Zeitrahmen pro Interaktion von maximal einigen Minuten angesiedelt ist. – Die zweite didaktische Herausforderung besteht darin, dass die Lernherausforderung – ein zentraler Grundbegriff, des von mir vorgeschlagenen Kategorialmodells der Didaktik – und das dazugehörige Feedback nicht nur interessant und motivierend sondern vor allem in vielfältig abwechselnder Weise gestaltet werden muss. Das bedeutet, dass nicht nur das sattsam bekannte Muster der Mehrfach-Auswahlantworten in verschiedenen Formaten transformiert wird, sondern vor allem auch, dass andere Aufgaben- und Feedbackarten kreativ erfunden werden müssen.  Die bisherige IMS Question & Test Interoperability (QTI) Spezifikation 2.1 muss nicht nur voll ausgenutzt werden sondern sollte durch entsprechende Forschungen im didaktischen Bereich möglichst bald auch erweitert werden.
  3. Dritte didaktische Herausforderung: Ich habe bereits bei meinem Vortrag Educational Dimensions of Microlearning auf der Microlearning 6.0 in Innsbruck darauf hingewiesen, dass die Ausarbeitung einer entsprechenden Kommunikationstheorie für die Gestaltung der didaktischen Interaktionen auf der Mikroebene wichtig werden wird. – Die didaktische Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, dass die wesentlichen Aspekte der Habermas’schen Theorie des kommunikativen Handelns für Microlearning nutzbar zu machen.
  4. Vierte didaktische Herausforderung: Bisher waren wir gewohnt, dass Microlearning sich in erster Linie auf das Memorieren von Inhalten durch einzelne Individuen beschränkt. Mittels sogenannter „Social Software“ lassen sich aber gerade mit kleinen Textpassen (sog. Microcontent) Kommunikationen  zum Aufbau und zur Pflege selbstorganisierter Kooperationszusammenhänge führen. – Die didaktische Herausforderung besteht darin, Microlearning aus der Ecke des individuellen Memorierens herauszuholen und es als sozial strukturierte Aktivität zu gestalten. Wir können dann auch motivierende Impulse, wie wir sie aus Gemeinschafts- oder Wettbewerbsspielen kennen, für Lernprozesse im Microlearning-Kontext nutzen (sog. Gamification).

Kooperationen in Forschung und Lehre

Die aktuelle gesellschaftliche und technische Entwicklung befördert Microlearning und bringt die damit zusammenhängenden didaktischen Herausforderungen deutlicher als bisher ans Tageslicht. Diese gesellschaftliche und bildungspolitische Dynamik ist auch der Grund dafür, dass wir in Kooperation mit Prof. Dr. Peter Bruck (Geschäftsführer und Wissenschaftlicher Gesamtleiter der Research Studios Austria FG) nicht nur gemeinsam an einem Forschungsprogramm zu Microlearning arbeiten wollen, sondern weshalb wir  mittels intensiver Diskussionen gerade auch dabei sind einen entsprechend innovativen Masterlehrgang an der Donau-Universität Krems zu entwickeln.

Von Peter Baumgartner

Seit mehr als 30 Jahren treiben mich die Themen eLearning/Blended Learning und (Hochschul)-Didaktik um. Als Universitätsprofessor hat sich dieses Interesse in 13 Bücher, knapp über 200 Artikel und 20 betreuten Dissertationen niedergeschlagen. Jetzt in der Pension beschäftige ich mich mit Open Science und Data Science Education.

2 Antworten auf „Microlearning – Vier didaktische Herausforderungen“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha loading...