Bildungstechnologien in der Weiterbildung

Continuing-Education-Technology

Continuing Education and Education Technology

Bildungstechnologien in der Weiterbildung war mein Thema im Rahmen einer Veranstaltung „Die Rolle der Universitäten in der Weiterbildung“. Es wurde eine Art  Grundsatzreferat, wo ich meine Forschungsergebnisse zu Lernen/E-Learning der letzten Jahrzehnte vorgestellt habe. Es gibt dazu einen Bericht der Veranstaltung und umfangreichen Foliensatz Bildungstechnologie in der Weiterbildung (9 MB) zum Download.

In diesen Foliensatz sind neben vielen schematischen Grafiken, die allerdings erst im Vortrag durch meine Erklärungen verständlich werden, auch einige selbst erklärende schriftlich formulierte Thesen als Zusammenfassung enthalten.

Ich wurde nun durch mehrere Hinweise darauf aufmerksam gemacht, dass diese Thesen für sich alleine interessant sind und nicht jeder sich den Foliensatz herunterladen will oder kann bzw. dort diese Zusammenfassungen unter vielen anderen Folien „versteckt“ sind. Ich habe diese Anregung nun aufgegriffen und stelle die Thesen aus meinem Foliensatz mit einem kurzen überleitenden Kommentar (in einer leicht geänderten Ordnung) nachfolgend zusammen.

Bildungstechnologien in der Weiterbildung

Der ursprüngliche eingeladene Titel meines Vortrags lautete: „Neue Medien in der Lehre: Dimensionen, Instrumente, Positionen“. Um über didaktische Innovationen zu sprechen ist der Begriff der „Neuen Medien“ aus zweierlei Gründen nicht ideal:

  1. Erstens ist es ein relativer Begriff, der inhaltlich mit der rasanten technologischen Entwicklung einem ständigen Wandel unterworfen ist. So wurde früher darunter in erster Linie (Tisch-) Computer verstanden – ich meine jedoch, dass dies heutzutage keine neue Technologie mehr darstellt. Was ist es dann: Das Internet (ist auch schon relativ alt), das Smartphone, der Tablett PC?
  2. Zweitens lenkt der Medienbegriff das Augenmerk zu stark auf die Hardware und nicht auch Software oder gar auf neue Organisationsformen der Lehre, die technologieunterstützt möglich sind (z.B. MOOCs).

Ich ziehe daher den Begriff „Bildungstechnologie“ vor, weil er erstens allgemeiner gefasst ist, zweitens den direkten Bezug zur Bildung aufweist und drittens nicht zeitlich relativ aufzufassen ist.

Daraus ergeben sich gleich zwei wichtige Schlussfolgerungen bzw. Thesen:

These 1: Technologie ist didaktisch nicht neutral:
Hinter jedem Medieneinsatz für Bildung,  hinter jeder neuen Software oder Internetanwendung verbirgt sich ein theoretisches Lernmodell – unabhängig davon ob dies den Betreibern, (Software-) Entwicklern, Anwendern etc. bewusst ist oder nicht.

These 2: Wesentlich ist der didaktischer Mehrwert:
Was interessiert ist nicht die Technologie selbst, sondern der damit zu erreichende didaktische Mehrwert. Worin besteht er? Oder Gegenfrage: Lassen sich die Lehr- und Lernziele nicht auch mit anderen (traditionellen) Methoden (besser) erreichen?

Interaktive Medien und Handlungsstrategien

Von einer Bildungsperspektive gesehen ist nicht primär die Technologie selbst der Fokus des Interesses, sondern die neuen Interaktionsformen, die damit im Rahmen einend Lernprozesses möglich sind. Aus meiner Sicht ist daher nicht der mediale, sondern der interaktive Aspekt besonders wichtig. (Auch aus diesem Grunde bevorzuge ich den Begriff der „interaktiven Medien“ vor dem oben bereits kritisierten Ausdruck „neue Medien“) . Daraus folgt, dass Bildungs- und Lerntheorien anschlussfähig für sozialwissenschaftliche Handlungstheorien werden:

These 3: Lernen ist überwiegend ein sozialer Prozess.
Lernen benötigt daher aktive Teilnahme. Das schließt auch die Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lernprozess mit ein.

These 4: Kommunikationsformen gestalten!
Inhalte und kommunikative Erarbeitung sind gleichermaßen wichtig. Die Aufmerksamkeit von uns Lehrenden ist nicht nur auf die Entwicklung der Inhalte zu fokussieren, sondern es müssen auch die Kommunikationsstrukturen so gestalten werden, dass sie den Lernprozess optimieren helfen.

These 5: Interaktive Medien praxisgerecht lernen!
Den Umgang mit interaktiven Medien ist nicht nach den Funktionsumfang, sondern durch den praktischen Umgang zu lehren. Beispielsweise soll Software nicht nach nach den einzelnen Menüpunkten erklärt werden, sondern geübt werden indem die Programmeigenschaften integrativ in Arbeits- und Lernaufgaben eingebunden werden.

Lern- und Kommunikationstheorie

Als eine geeignete Handlungstheorie habe ich für mich die „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas gewählt. Unter darum wird darin deutlich, dass jede (Sprech-)Handlung immer drei Bezüge zu unserer Welt aufweist. Dies zeigt sich darin, dass diese Bezüge als sogenannte Geltungsansprüche kritisierter sind.

  • Objektiv: Es wird bezweifelt, ob die Aussage oder Handlung den realen Tatsachen entspricht. (Wahrheit)
  • Subjektiv: Es wird bezweifelt, ob die Aussage oder Handlung authentisch (d.h. tatsächlich so, wie es vordergründig aussieht) gemeint ist (Wahrhaftigkeit)
  • Sozial: Es wird bezweifelt, ob die Aussage oder Handlung legitim ist (d.h. den vorherrschenden Normen entspricht (normative Richtigkeit).

These 6: Alle drei Weltbezüge beachten und gestalten. 
Es ist wichtig, dass wir im „Design for Learning“ und nicht bloß auf die Gestaltung der objektiven Geltungsansprüche (d.h. der Vermittlung der objektiven Tatsachen) beschränken, sondern auch die subjektiven und sozialen Weltbezüge beachten und (mit)gestalten.

Lernmodi und Gestaltungsebenen

Es gibt drei grundsätzlich unterschiedliche Lernmodi, die sich durch ein unterschiedliches Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden charakterisieren lassen.

  • Lehren und Erklären: Vermittlung von Faktenwissen – merken und erinnern.
  • Beraten und Helfen: Fähigkeiten erwerben – üben und angeleitet handeln.
  • Umsetzen und Kooperieren: Komplex Situationen gemeinsam bewältigen – reflektieren und aushandeln.

Beim Design von Bildungprozessen sind hierarchisch strukturierte Gestaltungsebenen zu berücksichtigen, die jeweils unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Wesentliches Trennkriterium ist die Lernzeit: Die Gestaltung kleinen Unterrichtseinheiten folgt anderen Regeln als die Gestaltung von Curricula oder (inter-)nationalen Bildungssystemen.

These 7: Lernmodi ergänzen sich gegenseitig.
Unterschiedliche Lehr- bzw. Lernmodi sind kein „entweder–oder“, sondern ein „sowohl-als-auch“. Sie fördern die Kompetenzentwicklung in der jeweiligen Phase der individuellen Lernkarriere.

These 8: Es gibt verschiedene Ebenen der Gestaltung.
Sie zu unterscheiden ist extrem wichtig, weil sie jeweils unterschiedlich zu behandeln sind. Jede Ebene hat ihre eigenen Regeln für das didaktische Design.

These 9: Höhere Lernziele = höhere Gestaltungsebene.
Das Erreichen anspruchsvollerer Lernziele erfordert mehr Zeit und entspricht einer höheren Ebene der didaktische Gestaltung.

 Blended Learning Strategien

Wenn wir Blended Learning Szenarien gestalten, dann ist es wichtig, dass wir die Lernprozesse ganzheitlich planen. Das bedeutet, dass die E-Learning Phasen mit den Präsenzphasen aber auch mit den Phasen des Selbststudiums integrativ miteinander abgestimmt werden müssen. Blended Learning verändert damit auch ganz wesentlich die Präsenz-, Kontakt oder face2face-Zeiten.

These 10: Blended Learning ganzheitlich planen.
Die Gestaltung von Blended Learning Szenarien verlangt ganzheitliche Planung von Präsenz- E-Learning und Selbstlern-Phasen.

These 11:  „Mischungsverhältnis“ bestimmen.
Die Anteil der verschiedenen Phasen – und damit das geeignete Blended Learning Modell – ist sowohl vom Fach (Thema) als auch von der Ebene des Lernzieles abhängig.

These 12: Lernziele beeinflussen Betreuungsmodi.
„Höhere“ Lernziele im Sinne der Taxonomie der Lernprozesse  von Anderson & Krathwol (2001) verlangen höhere Qualifikation und stärkere Intensität der E-Learning Betreuung.

These 13: Lernziele beeinflusse Betreuungskompetenz.
Höhere Lernziele erfordern sowohl Inhalts- als auch E-Learning Kompetenz. Eine Trennung von Inhalts- und Prozess- bzw. Inhalts- und E-Learning-Beratung/Betreuung ist nur bei niederen Lernzielen möglich/sinnvoll.

These 14: Verschiedene Ebenen der Betreuung aufbauen.
First Level: Administrative Fragen (Abgabetermin, Wo ist die Datei einzustellen? Passwort vergessen etc.
Second Level: Einfache inhaltliche Fragen, die von den TutorInnen/AssistentInnen beantwortet werden können.
Third Level: Schwierige oder komplexe Fragen, Metakritiken, „Aus dem Ruder laufen“ (z.B. Forum) etc. Hier müssen die inhaltlichen Modulverantwortlichen eingreifen.

Aktuelle Trends

Den Abschluss des Referats bildete die Darstellung zukünftige Trends, die (technologisch gestütztes) Lernen verändern bzw. neue Ansätze in der Lehre und/oder der Gestaltung von Lernarrangements notwendig machen.

Besonders wichtig sind die neuen Potenziale, die sich mittels Social Software oder Social Media ergeben. Sie erlauben nicht nur eine Vernetzung von (Hyper-) Texten, sondern auch von Personen mit gleichartigen Interessen.

Ein andere wesentliche Entwicklung ist, dass die Bedeutung von informellen Lernen weiter zunimmt und daher Erfahrungswissen stärker in die Bildungsprozesse integriert werden sollen aber auch als Kompetenzen nachgewiesen und anerkannt werden sollen.

These 15: Informelles Lernen und Web 2.0.
Die Bedeutung von informellen Lernen – und damit von Social Software Werkzeugen und Web 2.0 – wird auf der Grundlage gesellschaftlicher Trends stark anwachsen.

These 16: Anerkennung von Erfahrungswissen.
Wir benötigen formalisierte Prozesse der Anerkennung von non-formalen und informellen Lernen.

These 17: Kritisches Bewusstsein schaffen.
Wir müssen auch über die Gefahren, die uneingeschränkte Technologie mit sich bringt, aufklären und ein entsprechendes kritisches Bewusstsein schaffen.

These 18:Persönlichkeitsrechte neu regeln.
Wir müssen gegenüber Google & Co Datenschutz und Persönlichkeitsrechte neu regeln.

These 19: E-Learning Strategien:
Es ist ein koordiniertes System von Bottom-Up und Top-Down Strategien notwendig: E-Learning ist einerseits „Chefsache“. Ohne Top-Down Ansätze bleibt E-Learning eine Insellösung und wird scheitern. E-Learning braucht Anreize und Vorteile für die Durchführenden und Lernenden. Ohne Bottom-Up Ansätze wird es ebenfalls langfristig scheitern.

 

These 20: Systemisch geplante E-Learning Services.
Eine Beseitigung von Medienbrüchen in den Arbeitsprozessen von Verwaltung, Lehre und Forschung ist notwendig um die Vorteile von E-Learning in allen Bereichen umsetzen zu können.

These 21: E-Learning braucht Personalentwicklung.
E-Learning braucht moderne didaktische Ansätze, didaktische Weiterbildung und kontinuierliche Personalentwicklung.

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2 Kommentare zu Bildungstechnologien in der Weiterbildung

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