Technik ruiniert Sprache und Manieren

Technik ruiniert SpracheWir haben uns im Alltag bereits daran gewöhnt, dass Haushaltsgeräte mit uns in verworrener,  abgekürzter und unhöflicher Sprache kommunizieren. Das liegt – so wird uns gesagt – am geringen Platz, der zur Verfügung steht.  Es ist halt wirklich wenig Raum auf einem 10 cm Display unserer Kaffee- oder Waschmaschine. Trotzdem ärger ich mich jedes Mal, wenn ich morgens verschlafen die Kaffeemaschine einschalte und mit einem unfreundlichen „Wassertank füllen“ oder „Filter wechseln“ begrüßt werde.

Beispiel Kaffeemaschine

Dabei ist doch selbst diese Zwei-Worte-Meldung für das Display zu lang, sodass abwechseln das eine und dann das andere Wort erscheint: „WASSERTANK“ + „FÜLLEN“ + „WASSERTANK“ + „FÜLLEN“ + „WASSERTANK“ + „FÜLLEN“. Immer wieder und dazu noch in Großbuchstaben. Wo wir doch gelernt haben, dass Großbuchstaben in der technischen vermittelten Kommunikation (eMail, Chat etc.) schreien bedeutet…

WASSERTANKFÜLLENOk, ich verstehe schon, dass ein „Wären Sie bitte so nett und würden den Wassertank nachfüllen?“ vielleicht doch etwas zu lang und zu übertrieben höflich ist. Aber wie wäre es mit der einfachen Feststellung „Wassertank leer“? Das ist zumindest kein Kommandoton mehr, den ich morgens schon gar nicht vertragen kann. Auch statt „Filter wechseln“ wäre vielleicht „Filter leer“, „Filter aufgebraucht“ – oder ähnliches – angebracht. Denn es ist doch klar, dass ich eines in aller Herrgottsfrühe sicherlich nicht tue: – den Filter wechseln. D.h. ich setze mich über diesen Befehl einfach hinweg und verwende noch den aufgebrauchten Filter. Aber vielleicht ist das gerade von den User-Interface-Leuten intendiert? Vielleicht ist es der geheime Plan, dass wir Befehle negieren lernen und zu aufssässigen, selbst denkenden Bürger werden? Trotzdem: ich würde ich eine neutrale Sprache bevorzugen. Ich kann dann selbst entscheiden, was ich machen möchte. Filter wechseln, Tee trinken oder ins Kaffeehaus gehen.

Und wenn wir schon dabei sind: Warum muss überhaupt mit einem Befehl oder einem Zustandsbericht die morgendliche Kommunikation begonnen werden? Wäre nicht ein simples und freundliches „Hallo“ beim Einschalten angebracht? Ich bin zwar gegen eine Anthropomorphisierung – schließlich will ich ja nicht mit diesen Geräten diskutieren, sondern sie einfach benützen. Aber schaden tun ein paar freundliche Worte in unserer so unfreundlichen und hartherzigen Welt auch nicht. Man denke nur an die aktuellen Flüchtlingsdramen, die täglich frei Haus serviert bekommen. Sind da ein paar Gedanken an uns Menschen von den HCI-Leuten zu viel verlangt? Schließlich heißt es doch Human-Computer-Interface und nicht CCI (Commando-Computer-Interface)?

Beispiel Waschmaschine

FERTIGDass es auch anders geht, zeigt mir unsere Waschmaschine. Kein Kommandoton, einfach und klare Sprache. „FERTIG“, das ist doch eindeutig. Ich brauche doch nicht den Befehl „Wäsche entnehmen“. Mit „FERTIG“ bin ich durchaus wohl informiert und muss weder Befehle befolgen, noch ignorieren. Ok, sie müsste mir das nicht schreiend mitteilen. Aber verständlich: Wie oft freuen wir uns nicht nach mühevoller Arbeit, dass wir in einem unbedachten Moment laut „FERTIG“ ausrufen?

BIS BALDDass die Waschmaschine Manieren gelernt hat, zeigt sich auch daran, dass sie – nachdem ich sie ausgeschaltet habe – noch einmal kurz sich mit „BIS BALD“ verabschiedet. Das finde ich ok, nicht nur weil es regional neutral ist. Sie sagt nicht das für uns Österreicher etwas harte „Tschüss“ der Deutschen, aber auch nicht das Wienerische „Servus“. Obwohl — wenn wir in der Software-Industrie schon ständig von Lokalisierung und interkulturellen Kompetenzen sprechen, dann wären doch vielleicht auch gewisse sprachliche Lokalkolarits zum Einstellen nicht ganz abwegig, oder?

Beispiel GPS

Aber zumindest Fehlgriffe sollten vermieden werden. Ich ärgere mich  jedes Mal von Neuem, wenn wir in Kärnten meine Schwiegereltern besuchen und mein GPS mit norddeutscher Stimme „Willach“ statt „Villach“ sagt. Ich finde das auch deshalb beleidigend, weil bei der Fahrt vom Flughafen Wien-Schwechat nach Krems die Anweisung „Nehmen Sie die zweite Abfahrt Richtung Prag“ mit zwei Sprecher/innen gesprochen wird. Der erste Teil ist eine deutsche Sprecherin und das letzte Wort spricht eine Tschechin. Es heißt dann auch nicht Prag, sondern Praha. Warum geht es da und nicht auch bei Villach?

Beispiel Lokalisierung von Software

Ich gebe es ja zu, mit der deutschen Sprache ist es kompliziert für die IT-Industrie. Im Englischen lässt sich vieles kürzer sagen. Ich habe gerade einen WordPress Plugin vom Englischen ins Deutsche übersetzt und kann daher mit den UI-Designer/innen mitfühlen. „add new course“ ist halt um 33% kürzer als „neuen Kurs hinzufügen“. Bei „tool“ und „Werkzeug“, „users“ und „Benutzer/innen“ wird der Unterschied in der Länge noch deutlicher.

Besonders schwierig wird es bei der Lokalisierung von Software dann, wenn Sätze unterbrochen werden, weil Variablen einzufügen sind.

Wenn z.B. die Meldung an die Lernenden lautet „You have completed %%QUIZ_NAME%%“ gibt es ein Problem, wenn die Entwickler/innen diesen Satz in zwei Teile aufteilen: Erster Teil: „You have completed“ und als zweiter Teil wird die Variable %%QUIZ_NAME%% dann vom Programm – dem Kontext entsprechend – hinzugefügt („instantiiert“, wie meine Informatik-Kolleg/innen fachlich korrekt sagen würden 🙂 .  Im Deutschen müsste es heißen: „Sie haben %%QUIZ_NAME%% abgeschlossen“, d.h. das Zeitwort muss im normalen Sprachgebrauch nach hinten gestellt werden. Das geht aber von den zur Übersetzung vorgesehenen String nicht. Also wird als Abhilfe der holpriges Satz „Sie haben abgeschlossen %%QUIZ_NAME%% “ uns Nutzer/innen zugemutet.

Beispiel gender-sensitive Sprache

Dann haben wir da noch das Gender-Sprachproblem. Das wird bei uns in Österreich weit (gesetzlich) strenger gehandhabt als dies beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Ich muss das erwähnen, weil meine deutschen Kolleg/innen manchmal unsere Akribie beim (gemeinsamen) Schreiben manchmal nicht verstehen. Es ist allerdings für mich nicht so, dass ich bloß der gesetzlichen Pflicht zu „gendern“ nachkomme. Nein,  ich halte das Argument, dass das Geschlecht auch in der Sprache sichtbar gemacht werden muss, für richtig und wichtig. Aber haben Sie schon jemals bei Meldungen auf Displays einen geschlechter-bewussten Sprachgebrauch gesehen?

Jetzt werden gender-kompetente Personen sagen, dass das ja vor allem deshalb der Fall ist, weil Techniker (und hier stimmt die männliche Form) meistens Männer sind und ihre gesellschaftliche Machtposition gegenüber Frauen auch durch die produziertenSprache verfestigtigen. Ok, das mag schon stimmen. Aber haben Sie schon mal kurze knappe englisch-sprachige Strings so übersetzt, dass Sie mit dem engen vorgegebenen Platzbedarf ausgekommen sind?

Freilich könnten die Systeme so gebaut werden, dass eben mehr Platz zur Verfügung steht. Jetzt soll bitte nicht wer mit dem Kostenargument kommen! Ich verstehe nämlich wirklich nicht, wieso die Industrie diese gesetzlichen Bestimmungen nicht aufgreift und daher (teurere) Geräte mit größeren Display-Platz bauen muss. Die Leute sind doch sonst nicht auf den Kopf gefallen, wenn es um eine Ausweitung ihres Geschäfts geht.

Beispiel (öffentliche) Schilder

GaragenbenutzerSchauen wir uns als weiteres Beispiel die  Schilder-Hersteller/innen an. Eigentlich müsste diese Branche ein aggressives Lobbying für geschlechtergerechte Sprache betreiben. Schließlich verlangt gender-sensitive Sprache viel mehr Platz und dementsprechend müssten die Schilder entsprechend größer gefertigt werden. Es ist doch klar, dass „Garagenbenützer/innen“ länger als „Garagenbesitzer“ ist und daher ein größeres Schild braucht.

NamensschildStatt dessen hat diese Branche offensichtlich noch gar nichts von der gesetzlichen Unterstützung mitbekommen, die sie für ihr Geschäft nützen könnte. Als meine Frau Ingrid Bergner nach ihrer Promotion das Türschild neu machen ließ und nun Dr.in Bergner darauf stehen haben wollte, hat die Verkäuferin allen Ernstes nachgefragt: Warum wollen Sie Ihren Vornamen nicht ausschreiben und genau so groß haben wie den Nachnamen?

Technik ruiniert Sprache, aber auch Manieren

Ich sehe mich nicht als Sprach-Pabst. Aber ehrlich gesagt, empfinde ich doch ein wenig stolz mit der deutschen Sprache und ihrer österreichischen (eigentlichen bayrischen) Variante. Ich muss zugeben, dass ich mich ein klein wenig ärgere, wenn meine Studierenden ständig von „Tools“ sprechen, wo doch „Werkzeug“ eine viel schönere, weil treffendere Bezeichnung ist („werken“ als Tätigkeit kombiniert mit der Vieldeutigkeit von Zeug.  Nicht umsonst lernen englisch-sprechende Philosophen (manchmal) Deutsch, wenn Sie Hegel oder Heidegger studieren wollen, weil bei der Übersetzung viel vom Bedeutungshof der Ausdrücke verlorengeht.

In diesem Zusammenhang gehört natürlich dann auch noch die abgehackte, ja ruppige Sprache in medial-vermittelter Kommunikation erwähnt. Früher habe ich mich bei der Ansprache „Hallo Professor“ noch aufgeregt, heute bin ich schon froh darüber, dass es überhaupt noch eine Anrede gibt. In letzter Zeit gebe ich mich daher auch schon mit einem schlichten „Hallo“ zufrieden. Immerhin ist das um Nuancen höflicher als meine Kaffeemaschine!

Oder nehmen wir Twitter mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen: Das ist echt wenig Platz, wenn man etwas Substantielles sagen will. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, wie ich einen aussagekräftigen Satz, so umformuliere, dass er gerade noch passt. Dass der Satz dann grammatikalisch ruiniert wird, ist unwichtig geworden, weil ja eine inhaltliche Botschaft verbreitet werden soll.

Manchmal frage ich mich, wie würde unsere technische Welt aussehen, wenn nicht Englisch die dominierende Sprache geworden wäre, sondern z.B. Deutsch, Französisch oder Spanisch. Wären dann die Display größer und der Umgangston freundlicher?

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2 Kommentare zu Technik ruiniert Sprache und Manieren

  1. Danke für den schönen sprachkritischen Beitrag! Wie Sie schon schreiben, kann mit etwas Zeit- und Denkaufwand Verschiedenes auch auf kleinem Raum netter formuliert werden – leider scheinen wir die Zeit dafür nicht zu haben 🙁
    Zu
    „Sie haben abgeschlossen %%QUIZ_NAME%% “
    habe ich den Vorschlag, diesen Satz ins Präteritum zu setzen – dann ist er grammatikalisch wieder in Ordnung.
    Damit dann nicht ein trennbares Verb die Syntax stört, wäre die Variante
    „Sie absolvierten %%QUIZ_NAME%% “ vielleicht günstiger.
    Auf ähnlich kleinem Raum könnte man auch formulieren:
    „Bravo! Abschluss: %%QUIZ_NAME%% “
    Liebe Grüße
    Andrea Ghoneim

    • Peter Baumgartner sagt:

      Danke für das nette Feedback und den praktischen Übersetzungshinweis. Ja, Sie haben Recht, mit ihrem Vorschlag lässt sich das Problem lösen. Ist also tatsächlich keine gute Illustration meines Gedankengangs. Mal schauen, ob ich bei Gelegenheit noch ein besseres Beispiel finde.

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