Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Je tiefer ich mich in das 4-bändige Hauptwerk „The Nature of Order“ von Christopher Alexander hineinlese, desto klarer wird es für mich, dass die Sichtweise der Pattern-Community zumindest ungenügend, wenn nicht gar falsch ist. Obwohl ich erst bei der Mitte des 2. Bandes angelangt bin, kristallisieren sich einige neue (Kritik-)Punkte zur Rezeption des Patternansatzes heraus.

1. Radikales Verständnis von Emergenz

Der erste Punkt betrifft gleich mein eigenes Verständnis von Emergenz, das – zumindest soweit es Christopher Alexander betrifft – falsch ist. In meinem Weblogeintrag Muster als emergentes Phänomen habe ich geschrieben:

Emergenz und Muster: Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen sehe ich – vereinfacht gesagt – darin, dass die Elemente der „unteren“ Ebene auf der „oberen“ Ebene ein Muster bilden. Diese (neue) Organisationsform auf der höheren Ebene ist es, die für das Entstehen neuer Eigenschaften, Funktionen etc, also das was dann als emergentes Phänomen bezeichnet wird, verantwortlich ist.

Im Anhang zum 1. Band von „The Nature of Order“ – den ich damals noch nicht gelesen habe <grin> – weit Alexander darauf hin, dass die von mir beschriebene Form von Emergenz noch nichts Besonderes ist und durchaus mit einem mechanistischen Weltverständnis vereinbar ist:

It is commonplace that a system as a whole has properties which are caused by cooperation of elements. It is also commonplace that the behavior of the system as a whole my therefore be new or unexpected … In the mechanistic view of things, the cooperation of different elements can produce new measures in the whole. However, the individual measures of the individual elements are always defined locally, not globally, and remein unchanged as the elements into combinations. (I, 459)

Das Entscheidende aber in der Sichtweise von Alexander ist es,

  • dass seine Lebendigkeitszentren immer von der Gesamtheit abhängen,
  • dass sie keine lokale sondern eine globale Eigenschaft sind,
  • dass sie durch eine rekursive Funktion definiert werden,
  • dass sie selbst-referentiell sind.

2. Zusammenhang zwischen Muster und Lebendigkeitszentren

In meiner Diskussion mit Christian Kohls hebe ich immer wieder hervor, dass für das Verständnis des Musteransatzes von Alexander ganz entscheidend ist seine 15 Strukturen der Lebendigkeit einzubeziehen.Christian hingegen meint:

Zum einen gibt es die Muster, die erfolgreiche, wohlgeformte, ganzheitliche Lösungsformen erfassen und begründen. Aus praktischer Sicht kann dies bereits genug sein, ohne dass man sich mit fundamentalen Eigenschaften auseinander setzt. (Aus seinem Kommentar zu meinem Eintrag Lebendige Strukturen in Raum und Zeit II.)

Inzwischen halte ich diese Auffassung für falsch und für das Grundübel der reduzierten Sichtweise innerhalb der Pattern-Community. Es sind nämlich diese 15 Eigenschaften, die Lebendigkeitszentren hervorbringen. Nicht nur das: Diese 15 Eigenschaften stellen nicht nur statische Strukturmerkmale dar, sondern sind auch der Weg, wie sie – über strukturerhaltende Transformationen – Schritt für Schritt erzeugt werden!

Ständig werden Muster im Sinne von Alexander nur als Lösungsschablonen – also statisch – gesehen:

Patterns (dt. Muster) sind ein systematischer Weg, erprobte Lösungsformen für wiederkehrende Problemstellungen zu dokumentieren und klassifizieren. Die Grundlage hierfür sind stets Erfahrungen aus der Praxis.

Ein didaktisches Muster erfasst die Regelmäßigkeiten erfolgreicher Praktiken (good/best practices) mit der Zielsetzung, erprobte Methoden, Szenarien, Aufbereitungstechniken wiederzuverwenden und auf neue Gestaltungsaufgaben zu übertragen. Im Wesentlichen geht es also darum, das Rad nicht neu zu erfinden, sondern auf Bewährtes zurückzugreifen.(Aus http://www.e-teaching.org/didaktik/konzeption/entwurfsmuster)

Nach Alexander sind Muster jedoch eine generische Regel zur schrittweisen Entfaltung von Lebendigkeitszentren. Das ist ein himmelhaushoher Unterschied zur obigen Definition. Im Band II gibt es ein eigenes Kapitel, wo das Verhältnis der 15 Eigenschaften zu der früheren Pattern Language dargelegt werden (Patterns: Generic Rules for Making Centers, pp.342). So heißt es dort unter anderem:

… every new pattern defined under the theory of pattern languages is a rule for creating a certain type of (new) living center, needed and appropriate in a given range of contexts. (p.345)

Tstsächlich hat Alexander seine Muster durch jahrzehntelange Erfahrungen gebildet. Aber darin drückt sich bloß aus, dass er im Zuge seiner Studien erst 20 Jahre später klar erkannte, dass sich in allen diesen Mustern die von ihm in The Nature of Order dargelegten (statischen) Strukturmerkmale und (dynamischen) Transformationsprozesse wieder finden. Ohne eine ausführliche Diskussion über Inhalt und Anwendung dieser Regeln (für verschiedene Fachgebiete) bleibt das Entwickeln von Mustern ein blindes Stochern nach einer Nadel in einem Heuhaufen!

(wird fortgesetzt)

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von chrisimweb am 20.04.2009 17:55

Lieber Peter,

heute nur ganz kurz – ich denke ich muss mal in Ruhe und ausführlich die (nach meiner Einschätzung) zentralen Punkte von Nature of Order herausarbeiten, das schaffe ich nicht auf die Schnelle. Wichtig wäre ja auch zu betrachten, welche der zentralen Ideen bereits in vorhergehenden Werken Aelxanders aufgetaucht sind, also gar nicht neu sind und inhaltlich bereits auf Basis früherer Bücher in der Pattern Community diskutiert worden sind.

Ich denke, dass die ganzheitliche Sicht bei den meisten Pattern-Autoren, die ich kenne, vorhanden ist. Dies gelingt freilich nicht immer, aber Values, Wholeness und Quality Without A Name sind schon zentrale Punkte, die oft im Schreibprozess und in Writer’s Workshops zur Sprache kommen. Wenn man im Software-Design nicht ganzheitliche Kohärenz hat, dann merkt man es sofort: das Programm stürzt ab, hängt sich auf oder kann an neue Anforderungen nicht angepasst werden.

Noch eine kurze Anmerkung zu der Definition bei e-teaching.org. Es heißt gleich im nächsten Absatz:
„Diese Definition bezieht sich auf wiederkehrende Formen in der Welt. Als Teil einer Terminologie ist mit einem Muster dagegen nicht nur die bezeichnete Form, sondern auch eine instruierende Gestaltungsregel gemeint: Ein Muster bezeichnet nicht nur eine Form, sondern beschreibt auch, wie man diese Form erstellt, umsetzt und verwendet.“

Das Dokumentieren von Regelmäßigkeiten erfolgreicher Praktiken als Muster bezieht sich auf eine weitere zentrale Definition Alexanders: „Each pattern describes a problem which occurs over and over again in our environment, and then describes the core of the soluation to that problem, in such a way that you can use this solution a million times over, without ever doing the same way twice. (APL, x)“

Was unter Lösung zu verstehen ist, variert bei Alexander von „Form und Funktion“ (Notes on the synthesis of form) und Form und (wiederkehrendem) Erstellungsplan als Teil der Lösung („ein Muster ist sowohl Form als auch ein Plan, diese Form zu erstellen“, Timeless Way of Building).

Daraus haben wir bei e-teaching.org die Zusammenfassung „Ein Muster bezeichnet nicht nur eine Form, sondern beschreibt auch, wie man diese Form erstellt, umsetzt und verwendet.“ gemacht.

Ich denke, es ist auch noch einmal wichtig zu betonen, dass „Nature of Order“ eine allgemeine strukturalistische Theorie und Philosophie umfasst, in der Muster nur ein Teilbereich sind. Der Begriff „Entwurfsmuster“ wurde wiederum von der Software Community geprägt und wird von Alexander nie verwendet. Wir haben bewusst lieber von „Entwurfsmuster“ gesprochen, da damit auch gewisse Ausdifferenzierungen und Weiterentwicklungen zum ursprünglichen allgemeinen Muster-Ansatz ausgedrückt werden können. Ich finde die Diskussion über „Nature of Order“ äußerst spannend und finde es sehr gut, dass wir damit jetzt angefangen haben und dies fortführen. Bislang sind die darin enthaltenen neueren Ideen jedoch noch nicht – im Gegensatz zu Entwurfsmustern – etabliert.

LG,
Christian

PS: Mittlerweile ist „Delight’s Muse – On Christopher Alexander’s The Nature of Order“ eingetroffen. Sieht beim ersten Durchblättern sehr vielversprechend aus.

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von baumgartner am 21.04.2009 06:59

Lieber Chistian,

kurz ist er ja nicht gerade, Dein Kommentar 😉

Danke für Deine Erweiterung meines – tatsächlich zu kurz gegriffenen – Zitats. Du hast recht: Es steht in Eurem Text weiter unten dann ganz richtig.

Trotzdem: Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass die Pattern-Community (zumindest, das was ich von ihr – mit meinen sicherlich noch bescheidenen Kenntnissen – weiß) diesen generischen Aspekt vernachlässigt und der Schablonenaspekt überwiegt.

Nur so kann ich mir erklären, dass
(a) die 15 Struktureigenschaften praktisch ignoriert werden. Wo findet dazu eine Diskussion statt?
(b) bei der Darstellung der Pattern nichts über die in ihnen liegenden Struktureigenschaften gesagt wird. Welche dieser 15 Eigenschaften sind in welcher Form im jeweiligen Pattern vorhanden?
(c) die damit verbundenen 15 Transformationsregeln nicht für die Erstellung der Pattern explizit angesprochen werden. Welche Regeln wurden verwendet? Das wäre wichtig um Hinweise zur Konstruktion von Pattern zu geben.
(d) über die 15 Transformationsregeln nicht nachgedacht wird, z.B. Mit welchen Regeln kommt man von einem Pattern zu einem anderen? Welche Regeln sind in welchen Kontexten besonders sinnvoll anzuwenden? etc.
(e) es keine Diskussion über die Anwendung der Struktureigenschaften/Transformationsregeln für das jeweilige Fachgebiet gibt. Z.B. Wie ist die Struktureigenschaft/Transformationsregel „Boundaries“ im Kontext der Programmierung, des Interface-Designs, der Pädagogik zu verstehen?

Zu unserem gestrigen Telefonat: Ich möchte gar nicht abstreiten, dass viele Muster in einigen Fachgebieten (z.B. der Programmierung) durchaus brauchbar, gut bzw. „wohlgeformt“ sind, good practice kristallisieren, Praxiserfahrungen umsetzen etc. Ich behaupte jedoch, dass dies nicht explizit und systematisch unter Anwendung und Diskussion der 15 strukturerhaltenden Transformationen geschieht.

Vielleicht kannst Du mich aber vom Gegenteil überzeugen und mir aufzeigen, wo dies in den vielen Pattern-Büchern und Artikeln geschieht? Bis dahin finde ich die nachfolgende Fragestellung hoch interessant um nicht zu sagen „generativ“ für weitere (sozial- und wissenschaftstheoretische) Überlegungen:

Wieso werden die 4 Bände „The Nature of Order“ und damit die Struktureigenschaften und Transformationsregeln von der Pattern Community weitgehend ignoriert?

LG
Peter

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 17:56

Peter,

Emergenz finde ich ein schwieriges Diskussionsthema. Denn wo sind die praktischen Beispiele, welche die theoretischen Annahmen/Hypothesen unterlegen?

Du sprichst auch von „Gesamtheit“, wo meiner Meinung nach „Ganzheit“ stehen sollte. D. h. eine Blatt bildet sich primär innerhalb der Ganzheit des spezifischen Baumes, im Rahmen von gewissen Umgebungseinflüssen, die aber sicher nicht die Gesamtheit des Waldes, der Erde oder des Universums umfasst.

Meiner Erinnerung nach steht dem Phänomen der Emergenz ein Prozessprinzip nahe, dass Neues aus der Kombination von Vorhandenem (existing structure / structure preserving transformation) entsteht, u. U. unter Funktionserweiterung oder Funktionswechsel. D. h. ein Kompass entsteht aus (Metallnadel + Magetisierung + „leichtgängiger Achslagerung“).

Für mich sind die 15 Eigenschaften sehr wichtig, aber ich habe keine Beispiele gefunden, direkt Systeme zu verbessern, indem ich mich nur auf die Eigenschaften konzentriere. Immer sind Funktionen, bzw. die Muster-basierte Sinnüberlegungen ausschlaggebend. Ich sehe drei gleichwertige Bereiche, die zusammenwirken: (1) Struktur/Eigenschaft, (2) Dynamik/Prozessprinzipien und (3) Muster/Sinnzuschreibungen in einem Systemzusammenhang.

Die Softwareentwickler scheinen den Bereich (3) überzubetonen, aber es bedeutet imho nicht, dass irgendetwas von dem, was dort entwickelt wurde, nachrangig ist oder durch den „neuen Alexander“ von TNoO komplett außer Kraft gesetzt würde.

lg Helmut

Re:Pattern: Strukturerhaltende Transformationen

Kommentar von HelmutLeitner am 21.04.2009 18:15

Christian, Peter,

eure Diskussion um die Definition des Musterbegriffes verstehe ich nicht ganz.

Zunächst scheint mir nicht jede Problemlösung ein Muster im Sinne Alexanders. Wenn ich etwa „die gesunde Ohrfeige“ als Lösung eines disziplinären Problems betrachten würde, dann fehlt mir die Objekthaftigkeit (Nachhaltigkeit). Dementsprechend fehlt mir bei der Standarddefinition immer etwas: „a pattern is a solution to a problem in a context … IN THE FORM OF AN OBJECT“.

Weiters scheint mir klar, dass ein Muster nicht über die Art der Beschreibung konstruiert werden kann. Wir erkennen Muster (ein BLATT bei Pflanzen), deren Erzeugungsprinzipien und systemisches für-und-wider aber nicht. D. h. ein Muster kann nicht davon abhängen, ob und wieviel wir wir davon wissen oder wie wir es beschreiben.

Zusätzlich möchte ich anmerken, dass die Ausprägung der Musterbeschreibung von einem anderen Konktext abhängt, nämlich vom Niveau des Zielpublikums. Ein musikalisches Muster muss ich vermutlich einem Anfänger ganz anders erklären als einem Musikprofi. Sicher ist nur, dass die Muster-Beschreibung ein ausreichendes Know-How vermitteln soll, damit der Adressat der Muster-Beschreibung damit umgehen, also das Muster einsetzen kann, um Muster-Exemplare zu erzeugen.

Muster-Exemplar ist eine in meinem Umfeld gebrächliche Erweiterung des mustertheoretischen Vokabulars.

lg Helmut

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