GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)

Aller Anfang ist schwer: Die komplexe Einleitung verständlich zusammenfassen

Ich will nicht viel herum reden: Die Einleitung ist ein Hammer. Sie ist extrem schwer zu verstehen. Es gibt viele – an dieser Stelle im Buch noch dunkle und daher unverständliche – Andeutungen, Vorgriffe auf das, was noch alles kommt. Die Einleitung ist aber nicht nur eine Vorschau, sondern gleichzeitig eine Zusammenfassung der Hauptthesen, zusätzlich noch unterlegt mit einem Rückblick, der ebenso wie die Vorschau für Neulinge recht wenig aussagt und eher verwirrend, denn erklärend ist.

Im Nachfolgendem versuche ich daher als Einstieg den Hauptgedanken der Einleitung – und damit des Buches – vorerst in ganz groben Pinselstrichen nach zu zeichnen. Ich werde später, wenn wir im Text weiter fortgeschritten sind, wieder auf die dann hoffentlich besser verständlichen Anmerkungen in der Einleitung zurückkehren.

Das Soziale neu definiert

Es geht Bruno Latour darum, den Begriff des Sozialen neu zu definieren. Dabei geht er auf seine ursprüngliche etymologische Bedeutung zurück, der Assoziation, Verbindung oder Verknüpfung. [Im Deutschen ist der Begriff der Assoziation leider ein wenig irreführend, weil damit meistens eine konkrete Verknüpfung gemeint ist, die gedankliche Assoziation. Im englischen Text funktioniert daher das Wortspiel mit Soziologie und Assoziologie weit besser (siehe die Definitionen zu sozial, Assoziation und Association im Anhang zu diesem Beitrag).]

Sein Vorschlag ist extrem und radikal. Gegenüber der traditionellen Soziologie, die er „Soziologie des Sozialen“ propagiert er eine neue Art von Soziologie, eine „Soziologie der Assoziationen“.

Das Soziale Nr.1

Die traditionellen Soziologie, sieht das Soziale als eine eigene Sphäre an, Nach dieser Sichtweise (das Soziale Nr. 1) funktioniert dieser eigene Bereich anders, unterliegt anderen Gesetzen, ist  – fast wie eine materielle Eigenschaft eines Stoffe wie z.B. hölzern, eisern – allgegenwärtig und wirkt quasi aus dem Hintergrund, hinter den Rücken der Akteure heraus auf die Dinge, Objekte dieser Welt.

Das Soziale Nr.2

Die andere Definition des Sozialen (das Soziale Nr. 2)  hingegen ist nichts Zusätzliches, bildet keine eigene Sphäre, die durch irgendwelche geheimen Kräfte zusammen gehalten wird, sondern wird durch die Verknüpfung von Elementen, von nicht-sozialen Dingen hervorgebracht bzw. in Bewegung gehalten.Das Soziale wird nur sichtbar in den Spuren (traces), die es hinterlässt; nämlich immer dann, wenn neue Verbindungen (Assoziationen) entstehen. Das Soziale Nr.2 ist also keine eigene Sphäre, sondern ein „Verknüpfungstyp zwischen Dingen, die selbst nicht soziale sind“ (17)

Radikale Konsequenzen für SozialwissenschaftlerInnen

Wenn man – so wie ich – auf das Sozialen Nr.1 ausgebildet, ja aufgewachsen ist, dann ist es wahrlich nicht einfach, sich auf die andere Sichtweise umzustellen. Dieser Satz ist ein nettes Understatement <grin>! In unserer Soziologie-Ausbildung wurden wir darauf trainiert, das Soziale als einen spezifischen Kausalitätszusammenhang, als ein spezielles Erklärungsprinzip zu sehen, das wir quasi als „Rahmen“ oder „Kontext“ auf jene Bereiche der Realität „angewendet“ – oder bösartiger: darüber gelegt – haben.

Nun aber – unter der Perspektive des Sozialen Nr. 2 – erfährt die Aufgabe des Soziologen einen radikalen Wandel: Statt das Vorgefundene mit sozialen Kräften, Gesetzmäßigkeiten in einer statischen Art und Weise zu erklären, geht es vielmehr darum, den dynamischen Prozess des Versammelns, der Bildung sozialer Verknüpfungen nach zu zeichnen. Statt also als Soziologe außen vor zu stehen, weil wir angeblich nur dann einen ungetrübten und objektiven Blick auf die sozialen Kräfte werfen können, müssen wir uns auf die Sachen, ihren Bewegungen, Verbindungen und Verknüpfungen einlassen. Statt die Bewegungen durch eine frühzeitige Erklärung „einzufangen“ bzw. „einzufrieren“, müssen wir vielmehr sie verfolgen und zu vollen Entfaltung bringen helfen.

Obwohl ich in der Tradition des Sozialen Nr.1 aufgewachsen bin, so ist mir in einem Punkt diese Vorgangsweise schon immer suspekt gewesen: Oftmals hatten die Soziologen von der zu untersuchenden Sache recht wenig inhaltliche Ahnung. Mich hat schon immer z.B. gestört, wenn Technik-Soziologen über soziale Folgen der Computertechnologie geschrieben haben aber selbst wenig Ahnung und oft kaum praktische Erfahrung mit dieser Technologie hatten. Oder wenn Mediensoziologen über Medien schreiben ohne ein technisches Verständnis von der inhärenten Logik der Medien zu haben. (Vieles des hier Gesagten trifft übrigens auch auf die Pädagogik zu).

Eine Folge dieser Kritik an der allgemeinen Soziologie, die bloß auf einer sehr abstrakten Metaebene verweilte, oft langweilig und mit wenig konkreten Kenntnisse arbeitete, waren die Bindestrich-Soziologien: Arbeits-, Bevölkerungs-, Bildungs-, Technik-, Wissenschaftsoziologie um nur jene zu nennen, mit denen ich mich selbst beschäftigt habe. Wenn auch diese Bindestrich-WissenschaftlerInnen den Bezug zum inhaltlichen Feld im allgemeinen hatten, so wurde darin doch eine Zersplitterung und Fragmentierung des Zugangs deutlich. Außerdem wurde weiterhin das Soziale Nr. 1 als Erklärungsmodell gesehen, auch wenn es nun auf unterschiedliche Bereiche – detaillierter und spezifischer – angewendet, bzw. als Rahmen „darüber gelegt“ wurde.

Den Akteuren folgen und Abkürzungen vermeiden

Das Soziale Nr. 1 nimmt mehrere unzulässige Abkürzungen und Vereinfachungen vor:

  • Die Untersuchungen werden auf menschliche Akteure eingeschränkt: Gerade im Bereich von E-Learning, Web 2.0, Bildungstechnologie – also jenen inhaltlichen Schwerpunkten, denen sich dieses Weblog verschrieben ist, wird deutlich, dass dies zu kurz greift. Mit einer E-Mail oder mit meinem Weblog stelle ich soziale Kontakte her. Wenn in diesem Zusammenhang das Wort „sozial“ einen eigenartigen Beigeschmack hat, so liegt das gerade daran, dass die Einschränkung auf menschliche Akteure inzwischen vorherrschend geworden ist. Die Untersuchungen müssen sowohl die Mensch-Mensch Verknüpfungen analysieren, als auch die Technik-Mensch und Technik-Technik Verbindungen beachten. Es ist ein kompliziertes Mix an Verknüpfungen, das sich einem Blick, der nicht bereits auf das Soziale Nr.1 eingeschränkt ist, offenbart.
  • Die AkteurInnen werden auf die Rolle von InformantInnen beschränkt: Die Meinung und Sichtweise der Akteure ist nicht bloß ein zu Hinweis, der als „Entfremdung“, „Fetisch-Charakter“ und „falsche Bewusstsein“ (weg-)interpretiert werden darf, sondern die Art und Weise, wie die menschlichen AkteurInnen ihre Verbindungen herstellen und zu stabilisieren versuchen. Gerade diese Methoden des „Versammelns“, der Assoziationen gilt es zu erforschen. ForscherInnen müssen daher diesem Prozess des Verknüpfens nachgehen und nicht das Soziale (Nr. 1) als Erklärung anführen, sondern umgekehrt erklären, wie das Soziale (Nr. 2) entsteht. Statt die starre Folie Nr.1 über die neu zu untersuchenden Bereiche zu legen, müssen SozialwissenschaftlerInnen das Soziale mühsam, langsam und in fleißiger Arbeit wieder zusammensetzen. („Reassembling the Social“: Das ist auch der Titel der englischen Ausgabe.)

Gerade auch wegen dieser mühevollen, langsamen, kontinuierlichen, fleißigen Arbeitsweise hat Latour sich nun entschieden ANT (= Ameise im Englischen) als Namen seiner neuen Soziologie beizubehalten. Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht davon aus,

  1. dass nicht nur Menschen Akteure sind (daher wird später der neutralere Begriff des Aktanten vorgeschlagen)
  2. dass die nicht-menschlichen und menschlichen Akteure Verbindungen eingehen (sich assoziieren) und dadurch (heterogene) Netzwerke bilden
  3. dass das detaillierte Nachzeichnen dieser Verknüpfungen die wesentliche Aufgabe der WissenschaftlerInnen ist – und damit den Hauptaspekt der wissenschaftlichen Erklärung darstellt.

Neue Fragen der sozialwissenchaftlichen Forschung

Unter diesen Prämissen ergeben sich gänzlich neue Fragen für die wissenschaftliche Forschung. Statt zu fragen, welche soziale Aspekte ein Phänomen erklärbar machen, muss umgekehrt erklärt werden, wie das soziale Phänomen entstanden ist, wie sich die menschlichen und nicht-menschlichen Akteure sich versammelt haben. Im Buch will Latour vor allem 3 neuen Fragen nachgehen (vgl. S.36):

  1. Wie lassen sich die vielen Kontroversen über Verknüpfungen (Assoziationen) entfalten, ohne das Soziale bereits von vornherein auf den menschlichen Bereich zu beschränken. Wir können ja Dinge, Tiere, Pflanzen etc. nicht so befragen, wie wir es mit Menschen tun. (Ganz einmal abgesehen davon, dass bei der „Soziologie des Sozialen“ diese Befragungen sowieso nur dazu dienen, um das „falsche Bewusstsein“ der Akteure zu entlarven.
  2. Wie lassen sich die Mittel, mit denen AkteurInnen diese Kontroversen stabilisieren nachzeichnen?
  3. Durch welche Verfahren kann das Soziale in einem Kollektiv neu versammelt werden. (Latour verwendet hier absichtlich nicht den Begriff „Gesellschaft“, sondern Kollektiv. Zu den Unterschied dieser beiden Termini kommen wir fast am Ende des Buchtexts noch genauer zu sprechen.

Warum so kompliziert?

Es stellt sich natürlich die Frage ob die Einleitung wirklich so kompliziert und relativ unverständlich formuliert sein muss. Abgesehen davon, dass es eine neue noch junge Sichtweise ist, die mit einer anderen, langjährig dominanten Perspektive konkurrenziert, gibt es noch andere Gründe für diese etwas schwierige Einführung, die in der Einführung zum 1. Teil deutlich gemacht werden:

Wie in der Physik mit der Heissenbergschen Unschärferelation gibt es auch eine inhärente logische Beschränkung der ANT: Latour, der das Verhältnis von alter „Soziologie des Sozialen“ und neuer „Soziologie der Assoziationen“ gerne mit der Beziehung der klassischen Physik (Newton) zur relativistischen Physik (Einstein) vergleicht, sieht gleich 5 Unbestimmtheiten (Unschärferelationen) in der ANT (S.42f.). Es ist also der Sache verschuldet, der in der ANT innewohnenden Logik verschuldet, dass die Sache zu Beginn etwas rätselhaft und kryptisch wird. Es muss jedoch vor jedem weiteren (erklärenden) Schritt zuerst alle 5 Unsicherheiten berücksichtigt werden. Wie das geht, das werden wir in den nächsten 5 Wochen (jede Woche wird einer Unbestimmtheit gewidment) genauer untersuchen.

Begriffsbedeutung: sozial Begriffsbedeutung: sozial

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Begriffsbedeutung: Assoziation Begriffsbedeutung: Assoziation

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Begriffsbedeutung: Association (engl.) Begriffsbedeutung: Association (engl.)

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Re:GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)

Kommentar von uwespangler am 24.10.2009 16:22

Ich versuche erstmal im Kommentarbereich einige Beobachtungen anzubringen, muss aber auch gestehen, dass ich ohne die Einleitung wahrscheinlich nicht soweit gekommen wäre.

Zum Begriff des „Assemblings“: als Metahpher sehe ich den Sozialwissenschaftler in einer Art „undefinierten“ Montage im Feld des Untersuchungsgegenstands. Es fehlt jedoch jeglicher Plan.
Ich stelle mir das Ganze deswegen recht handwerklich schöpferisch vor: zusammenbauen, zusammenfügen, als ob es sich um einen Produktionsprozess handle.

Auf S. 5 (englische Version) spricht Latour ja von einem Puzzle. Das 2. Soziale sieht die Aufgabe im Erstellen des Puzzles und nicht im fertigen Puzzle. ( das zusammengebaute Puzzlebild zeigt zwar, dass man etwas geschafft hat, aber eben nicht den Weg dorthin. Während das zu überkommende (1.) Verständnis das Soziale als den nicht sichtbaren Puzzlekleber sieht und das Puzzle als Ziel und Zweck (das „wie“), versucht Latour´s Ansatz eben herauszufinden, was zusammengefügt wird und welche anderen „Verbindungen“ es gibt.
In gewisser Hinsicht scheint es mir, dass Latour das Soziale im ersten Verständnis als etwas zu selbst referentiell sieht.

Als Überlegung zur Meta Diskussion: Ein Thema, dass er anspricht, und das höchst aktuell ist: ein neuer Impfstoff wird auf den Markt gebracht oder eine neue Partei wird gegründet. Vielleicht könnte man sich bei der virtuellen Diskussion auf ein solches Thema einigen, anhand dessen praktische Verknüpfungen zu den theoretischen Erläuterungen im Buch gemacht werden. Mir persönlich helfen reelle Bespiel immer enorm.

Was ich mir (noch) nicht so recht vorstellen kann, ist wie dies als praktischer Methodenansatz zu funktionieren hat. Ich bin noch auf dem Weg zur Ameise 😉

Re:GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)

Kommentar von mullmann am 24.10.2009 18:56

Ich hänge mich gleich hier im Kommentarbereich an, da ich noch keine Zeit hatte, mich in Sachen „wie publiziere ich auf pb´s gedankensplitter“ firm zu machen.

Um „Reassembling the Social“ (ich lese die engl. Version) besser verstehen zu können, lese ich momentan auch Auszüge aus der ANThologie von Belliger & Krieger und habe auch in die ANT-Kritik „Bruno Latours Kollektive“ hineingelesen. Anscheinend weist die Actor-Network-Theory einige Widersprüche auf, für mich ist jedoch einmal die Möglichkeit, aus einem anderen Blickwinkel an ein Forschungsthema heranzugehen, interessant. Nicht nur Personen, sondern auch Nicht-Menschliches zu beachten. Außerdem getraue ich mich seit der Lektüre kaum mehr, einen Satz auszusprechen, in dem „sozial“ oder „Gesellschaft“ einfach so als „explanans“ (S. 98) verwendet werden.

Methodisch stellt sich mir wie Hr. Spangler die Frage, wie die Theorie sich auf die Herangehensweise an die Forschung auswirkt. Latour entwickelt ja eigentlich keine neuen Methoden, er benutzt v.a. Teilnehmende Beobachtung, Textanalyse und besondere Formen des Interviews. Nur die Auswertung unterscheidet sich, „thick description“ (S. 136, wobei mir noch unklar ist, ob damit überhaupt die „thick description“ im Sinne von Geertz gemeint ist), er hat sich das wahrscheinlich von den Forschern in den Labors abgeschaut, aber das kommt ja noch später im Buch (5. Quelle der Unsicherheit).

Ich finde es eine gute Idee, die ANT anhand eines konkreten Beispiel zu diskutieren. Das Thema „Impfstoff“ finde ich spannend. Die Akteure hier wären z.B. das Virus, gegen das der Impfstoff entwickelt werden soll, das Lebewesen, aus dem das Virus gewonnen wird, die Forscher/innen, die Laboreinrichtung, die Vorsichtsmaßnahmen, die Versuchstiere, etc. etc. Ist das Virus ein Virus, das sehr rasch mutiert, wie z.B. das HI-Virus, so wehrt es sich ständig gegen die Zusammenarbeit.

Re:GLL-01: Puzzle – Bild

Kommentar von baumgartner am 26.10.2009 13:34

Der Vergleich mit Puzzle erstellen und fertigem Puzzle ist anregend. Einerseits trifft er genau das, was Latour meint, weil – ähnlich wie bei seinem Gruppenbegriff – beim fertigen Puzzle-Bild sich oft gar nicht mehr die ursprünglichen Puzzle-Teile erkennen lassen. Es ist also der Prozess das Wichtige, das Zusammenbauen des Puzzles.

Andererseits verleitet das Puzzle-Metapher zu zwei Vorurteilen: Erstens: Es gibt genau ein Bild, das zusammengesetzt werden kann. Zweitens: Die Schnittmuster (Abgrenzungen) sind bereits fix und fertig vorhanden und leiten uns beim Zusammenbau, geben uns Hinweise darauf, wie das Puzzle zusammengesetzt gehört. Diese beiden Annahmen sind aber zu weit gehend, gehören bereits ins Lager des Sozialen Nr. 1.

Re:GLL-01: Sekundärliteratur und aufgeschobene Fragen

Kommentar von baumgartner am 26.10.2009 14:01

Es wäre sicherlich äußerst interessant auch Sekundärliteratur in unsere Diskussion einzubeziehen. Ich wollte das auch ursprünglich, muss mich aber jetzt leider der (zeitlichen) Realität stellen. Schon alleine nahe am Haupttext zu bleiben, die wesentlichen Inhalte zusammen zu fassen, schafft mich und bringt mich aus meiner „normalen“ (sic!) Arbeitsbahn. Das öffentliche Lesen bringt übrigens eine Art neue Qualität für mich: So genau und „gewissenhaft“ hätte ich das Buch alleine nie gelesen.

Die Frage, was sich – wenn all diese 5 Unbestimmtheit beachtet werden – denn dann mit ANT anders machen lässt, diese Frage ist vorerst noch nicht beantwortbar. Ich gebe zu, dass dies letztlich DIE entscheidende Frage ist. Genauso gebe ich aber zu, dass ich noch zu wenig von ANT verstehe, um die Unterschiede deutlich machen zu können. Ich bin immer noch beim Verarbeiten des persönlichen Schocks, den mir diese neue ANT-Wort auf die Frage: „Wie sieht eine sozialwissenschaftliche Analyse aus?“ verpasst hat 😉

Aber es scheint mir eine ausgezeichnete Vorgangsweise zu sein, zusätzlich zur Diskussion der Vorgangsweise sich einfach mal auch gute Musterbeispiele für ANT-Untersuchungen anzusehen. Da könnte die ANThologie von Belliger & Krieger mit vielen Originaltexten vielleicht (ich habe sie noch nicht gelesen) hilfreich sein. Ich werde versuchen sowohl „Science in Action“, das ich schon lange besitze, aber immer noch nicht gelesen haben, als auch „Laboratory Life“, das ich mir als eine der ersten elektronischen Bücher für den Kindle heruntergeladen habe, im Zuge der Latour-Lesereise zu Gemüte führen.

Den Suhrkmap Sammelband „Bruno Latours Kollektive“ habe ich größtenteils zwar gelesen, das hat aber das Problem „Wie sieht eine ANT-Untersuchung konkret aus?“ nicht gelöst. Es war für mich spannend zu lesen, welche Begriffe wichtig und in Diskussion sind. Das Buch kam mir aber so unheimlich „Deutsch“ vor: Deutsche Wissenschaftler zeigen Latour eindringlich vor, dass er nicht konsequent in der Anwendung seiner eigenen, von ihm erfundenen Theorie/Methodik ist. Latour ist nur 80% Latour und muss daher von seinem Adepten auf 100% hochgefahren werden. – Ganz abgesehen von den für Laien wahrscheinlich sehr abschreckenden Soziologen-Deutsch, das dieses Buch durchzieht.

Re:GLL-01: Anwendungen lesen

Kommentar von baumgartner am 26.10.2009 14:09

Noch ein Nachtrag zur Anwendungsliteratur: Ich hatte einmal ein ähnliches Problem, als ich „Grounded Theory“ verstehen wollte. (vgl. z.B. http://www.analytictech.com/mb870/introtoGT.htm). Erst als ich ein Buch gelesen hatte, das diese Methode angewendet hat, nicht über die Methode selbst gesprochen hat, sondern einfach die Ergebnisse dargestellt hat, habe ich nicht nur ihren Sinn besser verstanden, sondern habe mich für diese Vorgangsweise begeistert.

Das Buch, das ich dazu gelesen habe, heißt übrigens „Awareness of Dying“ und beschreibt die verschiedenen Interaktionsstrategien verschiedener „Ensembles“ [trau mich gar nicht mehr „Gruppen“ zu sagen ;-)], wie Patienten, Angehörige, Krankenschwestern, Ärzte in Spitälern mit der Diagnose unheilbarer/tödlicher Krankheiten umgehen.

Re:GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)

Kommentar von Vohleam 26.10.2009 17:58

Hallo zusammen: ja ich sage es nochmal, die Einleitung ist herausfordernd, aber das Kauen macht auch Spaß ;-). Habe mir an den Buchrändern folgende Anmerkungen gemacht (1) S. 17: Nachzeichnen von Assoziationen … ein VerknüpfungsTYP zwischen Dingen, die selbst NICHT sozial sind … Assoziationen KÖNNEN sich bei Gelegenheiten neu versammeln … und alte Verknüpfungen über Bord werfen. => Klingt nach Beschreibung für Innovationen, erinnert mich an die anfängliche Musterdiskussion in diesem Blog, weg von Entitäten hin zu zeitlich begrenzten kohärenten Strukturen/Formen. (2) S. 28 Den Akteuren folgen => Heisst das Mithandeln? Nach Peters Synopse im aktuellen Blogbeitrag wohl ja. (3) S. 28 Sehr verkürzt formuliert: Physik 1/ Physik 2 [:] Soziologie 1/Soziologie 2 => Wenn der Autor selbst auf das Verhältnis von Physik 1/Physik 2 hinweist, worin besteht dann die Analogie zu Soziologie 1/Soziologie 2?(4) S. 29 Der Autor hält eine Kommensurabilität zwischen den Spuren von Soziologie 1 und 2 für möglich. Ist dieser harmonische Ausblick (in Anlehnung an die klassische und moderne Physik) zwingend? Warum gibt sich der Mann so viel Mühe die Differnez deutlich zu machen um dann am Horizont doch ein versöhnendes Verhältnis anzukündigen?
Also hier im Einstieg von mir nur lautes Denken und Fragen. Hoffe das ist ok. Frank

Re:GLL-01: Lautes Denken ist erlaubt 😉

Kommentar von baumgartner am 27.10.2009 12:56

Hallo Frank,

natürlich ist lautes Denken erlaubt. Tatsächlich scheint es so, dass Latour sehr daran interessiert ist, die Radikalität seiner Vorschläge selbst wieder zurück zu nehmen. Mein Erklärungsversuch: Es ist sich (a) bewusst, dass die ANT-Community eine kleine und noch sehr unbedeutende Community ist und dass (b) die ANT-Methodologie erst im Ausarbeiten, noch im Fluss ist.

Es gibt ein paar Stellen, wo er seine Schwierigkeiten in der Betreuung von in der Tradition von Soziologie Nr. 1 ausgebildeten Studierenden beschreibt, (siehe z.B. das Zwischenspiel in Form eines Dialogs, S.244ff.)

Apropos Zwischenspiel: Ich habe dieses Kapitel, das den Teil I abschließt, für meine Studierenden häufig als einführenden Text zur Verfügung gestellt (Es gibt eine öffentlich zugängliche PDF-Version dazu und der Dialog ist meiner Ansicht sehr witzig und „erleuchtend“) – In der Zwischenzeit habe ich mehrmals Rückmeldung bekommen, dass dieser Text für sich alleine genommen als Einführung mehr Verwirrung denn Klarheit gestiftet hat. – So kann man sich mit seinen didaktischen Vorstellungen irren…

Re:GLL-01: 1. Woche: Einleitung (9-49)

Kommentar von uwespangler am 27.10.2009 23:08

Ein gutes und sehr drastisches Beispiel, dass diese Theorie im Fluss ist:

Auf S. 9 der englischen Version bezieht sich Latour auf einen eigenen Beitrag und entschuldigt sich für seine Revision der Meinung:(180 Grad Drehung)

Latour, B. 1999. On recalling ANT. In Actor network theory and after, edited by J. Law and J.
Hassard. Oxford: Blackwell, 15–25: 19.
S. 24: Yes I Think there is life after ANT. ONce we have strongly pushed a stake into the heart of the creature safely buried in its coffin- thus abandoning what is so wrong with ANT, that is „actor“, „network“, „theory“ without forgetting the hyphen!- some other creature might emerge, light and beatiful: our future collective achievement!

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