Dissertationen: Ohne Fragestellung und Methode geht es nicht

Wie ist mit Anfragen zu inhaltlichen Hilfestellungen von mir wildfremden Leuten umzugehen? Ich habe dazu bereits im November 2006 – also ziemlich genau vor zwei Jahren – einen Beitrag unter dem Titel Wissensvampire unter uns? veröffentlicht. Es ist ein heikles Thema, das leicht als arrogante Haltung missverstanden werden kann. Trotzdem möchte bzw. muss ich mich jetzt nochmals damit beschäftigen.

Einige Erfahrungen aus der Dissertationsbetreuung

Wie ist mit Anfragen zu inhaltlichen Hilfestellungen von mir wildfremden Leuten umzugehen? Ich habe dazu bereits im November 2006 – also ziemlich genau vor zwei Jahren – einen Beitrag unter dem Titel Wissensvampire unter uns? veröffentlicht. Es ist ein heikles Thema, das leicht als arrogante Haltung missverstanden werden kann. Trotzdem möchte bzw. muss ich mich jetzt nochmals damit beschäftigen.

Diesmal geht es aber nicht nur um allgemeine Fragen von Leuten, die an anderen Unis/FH studieren, sondern um Anfragen von Personen, die bei mir eine Dissertation schreiben wollen. Ich bekomme nämlich nicht nur weiterhin die oben erwähnte allgemeinen Rundumfrage-Mails, in neuerer Zeit sind sie nun auch teilweise mit dem Ansuchen um eine Dissertationsbetreuung verbunden. Wie soll ich darauf reagieren? Einerseits bin ich ja nicht abgeneigt DissertantInnen zu Fragestellungen, die mich inhaltlich interessieren, zu betreuen, andererseits ist eine darauf aufbauende Diskussion nicht nur sehr mühsam, sondern bringt in ihrer regelmäßigen Wiederkehr der gleichen Argumentationskette ein Deja Vu-Erlebnis.

Verwechslung von Thema und Fragestellung

Studierende verwechseln ihr (erwachendes) inhaltliches Interesse zu einem Thema mit einer bereits ausgearbeiteten „forschungsleitenden Fragestellung“ – wie es in unseren professoralen Jargon so schön heißt. Das bringt interessante Persönlichkeitsstrukturen zu Tage: Sie werden nicht nur zu Jäger und Sammler sondern zeigen auch gewisse Qualitäten eines (Wissens-)Vampirs:

Auch Jäger und Sammler müssen wissen wonach sie suchen/jagen

Ein aktuelles Beispiel für Jäger und Sammler aus einer gestrigen Mail:

Entschuldigen Sie, dass ich Sie unbekannterweise so überraschend
Anschreibe. Ich bin durch die Internetpräsenz der Zeitschrift für
E-Learning auf Sie gestoßen und habe festgestellt, dass Sie sich mit
dem Themenbereich meiner Diplomarbeit beschäftigen.Ich wollte fragen,
ob Sie evtl. Material, Praxisbeispiele, relevante Internetadressenoder
vielleicht Literaturempfehlungen oder ähnliches für mich haben, die
sich  mit demThema „E-Learning in Unternehmen“ auseinandersetzen?

Dieses wörtliche Zitat – ohne Korrekturen meinerseits – zeigt eine interessante Weltsicht: Es ist nicht vielleicht so, dass das Thema „E-Learning im Betrieb“ gesellschaftlich relevant ist und daher in vielen Einzelaspekten beschrieben, untersucht, beforscht, und letztlich auch zum Gegenstand von (vielen) Diplomarbeiten wird. Nein, umgekehrt: Ich bin es der sich mit dem Thema der Diplomarbeit des Studierenden beschäftigt! Über diesen „Zufall“ bzw. der von mir zu verantwortenden Sinnesgemeinschaft lässt sich ein gewisses Schuldgefühl ableiten, womit die obige generelle Anfrage dann mehr als gerechtfertigt erscheint.

Aus der Weltsicht der Studierenden, eröffnet sich gerade ein Themenfeld, das – weil ja entsprechende Vorkenntnisse fehlen – dementsprechend noch überschaubar und scheinbar einfach und umfassend zu erobern ist. Es ist sicherlich nicht Bösartigkeit, sondern eher Naivität, die die Studierenden dann veranlasst in Form eines Rundumschlags einer allgemeinen und unspezifischen Anfrage Materialien anzufordern. Die Methode des „Social Enquiry“ soll offensichtlich dabei helfen die Effizienz von zu allgemeinen Google-Anfragen zu steigern. Zu viele Hits sind ja nicht besonders brauchbar.

Für die Einschränkung der Suchanfrage bedarf es aber bereits gewisser Kenntnisse und Auswahlentscheidungen. Das was die Suchmaschine nicht kann – nämlich Relevantes von weniger relevanten Material zu trennen – wird daher (vernünftigerweise) auf den Menschen übertragen. Damit wird aber auch die Eingrenzung des Themas und das Herausarbeiten eines Fokus – und damit die Entwicklung einer zeitgemäßen Problemstellung – an uns ProfessorInnen delegiert bzw. uns überlassen.

Exkurs: Jäger und Sammler ohne Fragestellung sind auch Vampire

Auch die beiden abschließenden Sätze der oben zitierten Jäger und Sammler-Mail möchte ich Ihnen nicht vor enthalten:

Wenn Sie möchten, könnte ich Sie oder „Die e-learning Zeitschrift“ auch in  meiner Diplomarbeit positiv erwähnen. Ich würde mich sehr freuen, wenn  Sie ein paar nützliche Tipps für mich hätten.

Es wird also nicht nur Information „gesaugt“ – wie ich es in meiner vor zwei Jahren geäußerte Kritik an Wissensvampire kritisiert hatte – sondern eine Win-Win Situation generiert. Trotzdem trifft meine Kritik auch auf obiges Zitat zu. Ich lehne mich dabei an den Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Vampir an:

  1. (Wissens-)Vampire ernähren sich vom Blut (Wissen) anderer Menschen. (Siehe Anfrage)
  2. „Je nach Kultur und Mythos werden den (Wissens-)Vampiren verschiedene Eigenschaften und magische Kräfte zugeschrieben.“ Nur mit magischen Kräften wird es für mich verständlich, wenn eine „positive Erwähnung“ in einer Diplomarbeit als offensichtliche Karriere-Unterstützung für mich ins Spiel gebracht wird.

Thema einschränken und Fragestellung entwickeln – ein iterativer Prozess

Aber zurück zu den Dissertationsanfragen: Meine Standardantwort für eine zu allgemeine Themenstellung ist: Sie müssen zuerst eine Fragestellung ausarbeiten, die einen Fokus auf das Sie interessierende Thema richtet. Es ist wie mit einem dunklen Raum, wo Sie – nachdem Sie in betreten haben – erkennen, dass er von unzähligen unbekannten Gegenständen bevölkert ist, die sie nicht alle gleichzeitig untersuchen können. Sie müssen wie mit einer Taschenlampe einen Fokus auf eine der (Erkenntnis-)Objekte richten.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass man nicht nur im Gebrauch einer Taschenlampe (= Untersuchungsmethode) unterrichtet sein muss, sondern auch wissen muss, wohin man sie richtet. Das ist das bekannte Bootstrapping-Phänomen: Solange ich noch nichts über das Feld weiß, kann ich keine relevanten Fragen dazu stellen. Wenn ich aber keine Fragen an das Feld stelle, dann überfluten mich die Informationen und ich habe kein Selektionskriterium mehr.

Es gibt zwei immer wieder kehrende Strategien mit dieser Problematik umzugehen:

  1. Eine Strategie läuft auf einen radikalen, ja revolutionären Umbruch hin, weil die gesamte Zimmereinrichtung zur Disposition gestellt wird. In meiner Metapher: Verwende nicht nur eine Taschenlampe, sondern schalte alle verfügbaren Lichtquellen ein. Ergebnis ist eine nicht attackierbare Fragestellung wie folgendes reales Beispiel aus einer Mail an mich illustrieren soll:

    Welche Chancen und Risiken sind mit einem Systemwechsel hin zu konsequentem Elearning im Bildungssystem am Beispiel der gymnasialen Oberstufe verbunden und wie kann kann dieser Systemwechsel möglichst kostenneutral und pädagogisch sinnvoll vollzogen werden?

  • Eine zweite – bereits weiter fortgeschrittene – Strategie besteht darin, dass das Themenfeld verkleinert wird und eine allgemeine Frage hinten angehängt wird. Es werden dann nicht mehr die Vorteile von E-Learning generell untersucht, sondern E-Learning unter einem besonderen Gesichtspunkt erforscht. Die (scheinbare) Fragestellung besteht dann darin, dass untersucht werden soll, ob E-Learning „besser“ sei als die bisherige, traditionelle Unterrichtsmethode. In meiner Metapher: Setze Streulicht ein oder halte die Taschenlampe gegen eine Wand. Charakteristisches Kennzeichen dieser Strategie ist es, dass einerseits sachkundig ein bereits überschaubares Themenfeld herausgegriffen wird, andererseits aber jeglicher Hinweis auf eine Untersuchungsmethode fehlt.Beim Nachfragen zur Forschungsmethode kommt dann mit unglaublicher und für mich bereits deprimierender Regelmäßigkeit die Einrichtung von Vergleichsgruppen d.h. die in der Psychologie so gerne verwendete Methode des Quasi-Experimentellen Designs. Siehe zur inhaltlichen Kritik dazu die Dissertation von Annabell Preussler: Wir evaluieren uns zu Tode: Möglichkeiten und Grenzen der Bewertung von Online-Lernen. Eine Meta-Evaluation.  Wieder ein Auszug aus einer mit Mail übermittelten Erstanfrage für eine Betreuung:

    Die Frage, die sich aufzwängt ist nun, ob es generell ein Problem der Darstellung der Vorteile von Blended-Learning an [unserer Hochschule] gibt oder ob es doch generell schwierig ist, in der Ausbildung von sozialen Berufen/Pflegeberufen Methoden des E-Learnings einzusetzen (bzw. müssen Lehrinhalte in einer besonderen Art aufbereitet werden). … zu prüfen, ob sich das „Instrument“ E-Learning für die Ausbildung bei sozialen Berufen eignet. …

Dissertationenthemen ausschreiben statt gemeinsam mühevoll generieren

Die objektiv vorhandene Schwierigkeit des Bootstrapping ist unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten auch als Münchhausen Trilemma bekannt. Weder Zirkelschluss, noch unendlicher Regress und schon gar nicht das Festhalten an Dogmen kann jedoch dieses unvermeidliche Problem lösen. Es braucht einen iterativen Prozess der sowohl die Beschäftigung mit dem Thema als auch die zunehmende Konkretisierung der Fragestellung inklusive Methodik beinhaltet. In diesem iterativen Prozess kommt es zu einer Annäherung und Verfeinerung. Eine „Lösung“, zumindest das was wir klassischerweise als Lösung bezeichnen, gibt es nicht.

Ohne mir die Sache im Detail und konkret überlegt zu haben, bin seit einigen Monaten immer mehr dazu übergegangen die Fragestellung für Dissertationen auszuschreiben (z.B. hier). Das war in erster Linie vorerst als ein Selbstschutz gedacht und ist gewissermaßen Reflex darauf, dass sich immer mehr DissertationskandidatInnen bei mir melden mit extrem weit gefassten Themen wie „E-Learning in der Schule“, „E-Learning im Betrieb“. Es geht auch noch allgemeiner: „Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen“.

Das Ausschreiben von Dissertationsthemen ist gleichzeitig auch verbunden mit der Ablehnung von allgemeinen Dissertationsanfragen. Diese Strategie hat sich in den letzten 6 Monaten in vielen Einzelfällen erst herauskristallisiert und ist für mich aus einer alten Tradition immer noch Schwierigkeiten verbunden:

Es war nämlich in meiner ersten Zeit als frisch gebackener Habilitierter ungeschriebenes Gesetz, dass die Erarbeitung der Fragestellung einen äußerst wichtigen Teil der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema darstellt. Das Suchen nach einer Fragestellung, die (a) den „state of the art“ widerspiegelt, (b) inhaltlich zu bewältigen ist und (c) mit einer adäquaten Methodik umgesetzt wird, war ein wesentlicher Teil des Qualifizierungsprozesses.

Mit der Ausschreibung eines Dissertationsthemas fällt der Such- und Annäherungsprozess aus meiner Sicht jedoch nicht gänzlich weg, sondern er wird nur radikal abgekürzt. Statt allgemein „E-Learning“ in den Mittelpunkt zu stellen sind Themenstellung und damit die generierbaren Fragestellungen bereits deutlich eingeschränkt. Durch meine Erfahrung wird ein erster Fokus gesetzt und dem PromovendInnen bereits eine erste Orientierung angeboten. Es ist nicht mehr das ganze Zimmer zu untersuchen, sondern der Blick richtet sich bereits auf bestimmte Einrichtungsgegenstände und Raumabschnitte im Zimmer.

ProfessorIn und DissertantIn – ein Ökosystem

Rückblickend lassen sich diese Überlegungen und Kritiken auch an mich anlegen: Es ist es ja zum Teil meiner eigene Naivität verschuldet, dass ich bisher (eingegrenzte) Themen nicht selbst vorgegeben habe! Solange das Thema für mich selbst noch nicht so detailliert aufgearbeitet war, hatten allgemeinere Anfragen nicht nur für die Studierenden sondern auch für mich offensichtlich einen gewissen Sinn gemacht. Wäre ich beispielsweise vor zwei Wochen zu eBook etwas gefragt worden, hätte ich meiner schütteren Kenntnisse durch ein paar Links weitergeben können. Jetzt – nachdem ich mich zusehends mit der Thematik beschäftige – öffnet sich ein komplexes Panorama von bereits unüberschaubaren Lesegeräten, Dateiformaten, Firmen- und Verkaufsstrategien. Meine Sichtweise hat sich offensichtlich in den weit über 20 Jahren, wo ich mich mit diesen Fragen beschäftigt habe, ebenfalls geändert.

Aus großer Nähe und in extremer Vergrößerung (Fokus) schaut jede scheinbare glatte Oberfläche wie eine Kraterlandschaft aus. So wie Studierende näher ans Thema herangeführt werden müssen, so müssen wir Betreuende zeitweise versuchen unsere detaillierte Fachfragen wieder aus einer größeren Perspektive zu betrachten.

In dieser Hinsicht verhalten sich DissertationskandidatInnen und ProfessorInnen wie ein Ökosystem: Das Ringen um neue Erkenntnis im Zuge des Entwicklungs- und Betreuungsprozesses einer Dissertation ist ein gemeinschaftlichen Unterfangen („Lebensgemeinschaft“ bzw. Biozönose) innerhalb eines abgegrenzten Gebiets („Lebensraum“ der Wissenschaft bzw. Biotop). Beide brauchen einander. Auf der anderen Seite sind Zugänge und das Vorwissen dieser beiden „Lebensformen“ so unterschiedlich, dass eine erste Annäherung durchaus Sinn macht. Das Biotop (= Lebensraum einer Gemeinschaft von Lebewesen, nämlich von Studierenden und betreuenden ProfessorInnen wird damit abgelöst von einem Habitat (= Lebensraum einer Art von Lebenswesen, nämlich der ForscherInnen-„Spezies“).

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