Den Faden wieder aufnehmen

Managen und forschen: Ein Versuch der Konfliktlösung

Solange wie diesmal habe ich wohl noch nie Pause von meinem Weblog gemacht: 4 1/2 Monate! Allerdings gab es 9 Berichte von Aktivitäten auf der Einstiegsseite (= der Nachrichtenseite), die ich – entgegen früherer Gewohnheiten – zum Teil auch mit kritischen Inhalten und Reflexionen versah. Trotzdem: 16 Wochen ohne Weblogeintrag, das gab es bisher noch nie!

Wie schon bei früheren Unterbrechungen signalisiert auch diese Pause einen Umbruch, eine Neuorientierung in meiner Arbeit. Und wie es schon die außerordentliche Länge der Zeit signalisiert, einen Umbruch größeren Kalibers.

Management und Forschung – zwei unterschiedliche Karrieren

Nach einer recht langen, 3 Jahre dauernden, aber erfolgreichen Aufbauarbeit als Leiter des Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien (IMB), die mich überwiegend in der Rolle eines Wissenschaftsmanager forderte, glaube ich nunmehr (Herbst/WInter 2009) die Zeit gekommen, mich wieder verstärkt den Inhalten, meiner eigenen Forschungstätigkeit widmen zu können. Eine Illusion wie sich recht bald herausstellte:

  • Auf der einen Seite wurde der ökonomische Druck, der mit dem Finanzierungsmodell der Donau-Universität Krems (DUK) zusammenhängt, nicht geringer sondern sogar noch stärker. Obwohl sich mein Department finanziell in Relation zu den anderen Departments sehr gut entwickelt hatte, lässt der finanzielle Druck auf die DUK durch Rückzug des Landes aus der Finanzierung und Einschränkung bzw. Einfrieren der Bundesfinanzierung nicht nach, sondern wächst weiterhin. Die Idee, dass ich das Department – nachdem es soweit “auf Schiene gesetzt” war – nun “laufen lassen” kann, war ein Trugschluss. Weiterhin musste nicht nur ständig nach neuen und größeren Finanzierungsquellen gesucht, sondern diese auch erfolgreich “angezapft” werden. Die Strategie einer “Entschleunigung” im Sinne einer Konsolidierung war unter diesen gegebenen Verhältnissen nicht durchführbar.
  • Auf der anderen Seite wurde durch einen neu zusammengesetzten Universitätsrat endlich auch die wissenschaftliche Seite, die akademische Qualität unserer Arbeiten stärker eingefordert und dem rein betriebswirtschaftlichen und damit sehr kurzfristigen Denken der Leitungsorgane Schranken gesetzt bzw. entgegengewirkt. Eine Folge davon war, dass in zunehmenden Maße meine Erfahrung auch in akademischen Belangen geschätzt wurde, was sich in einer explosionsartigen Zunahme von Gremienarbeit ausdrückte: Mitglied des Kernteams für den Entwicklungsplan der Universität sowie der AG “Personalentwicklung”, Leitung der AG “Doktoratsstudien” und der AG “Didaktisches Gesamtkonzept der DUK”, Vorsitzender der Berufungskommission “Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement” dessen interimistische Leitung ich auch seit 1. Juli übernommen habe. Weiters bin ich seit einigen Monaten “Clustersprecher” für die sich im Herbst bildende zukünftige Fakultät “Bildung und Medien”, wo ich als Gründungsdekan vorgesehen bin.

Diese schleichende Verschiebung zu vermehrten Tätigkeiten im Management ist mir jedoch erst im März/April durch körperliche Warnsignale (Burnout-Symptome) deutlich geworden. Die doppelte Belastung, die einerseits in einer verstärkten wissenschaftlichen Anstrengung an meinem Buchprojekt (“E-Learning Szenarien: Ein Plädoyer für didaktische Vielfalt”) als auch in vermehrter Gremienarbeit bestand, konnte ich nicht mehr ignorieren oder weg stecken. Eine radikale Neuorientierung und damit einhergehende Verringerung der Arbeitsbelastung von meiner damaligen 70-90 Stundenpensum pro Woche war dringend notwendig geworden!

Entscheidung zugunsten des Managements

Meine letztliche Entscheidung war mit einer Zeit der Trauer verbunden: Ich habe nicht nur radikal externe Termine eingeschränkt, sondern auch mein Buchprojekt für dieses Jahr – und wahrscheinlich auch für die nächsten Jahre – aufgegeben. Obwohl mir das Arbeiten am Buch wahnsinnig viel Spass gemacht hat und ich es auch als “verdienten” Ausgleich für meine – oft nicht besonders geliebten – Managementtätigkeiten angesehen habe, wurde dadurch ein extremer psychologischer aber auch körperlicher Druck (Schlafentzug) aufgebaut. Nach meiner Entscheidung – die auch mit einer Restrukturierung meiner Terminplanung gekoppelt war – fühlte ich eine unglaubliche seelische Erleichterung und konnte – nachdem ich meine Traurigkeit überwunden hatte – wieder die ohnehin karge Freizeit genießen.

Heute bin ich mir bewusst, dass ich in meiner eigenen inhaltlichen Forschungsarbeit “kleinere Brötchen backen muss” und dass die Managementaufgaben nicht nur sehr zeitaufwändig sind sondern auch ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Wertigkeiten haben. Meine frühere Einstellung war dadurch gekennzeichnet, dass ich das Managen als eine störende Aufgabe ansah, die möglichst schnell zu erledigen war, damit ich mich endlich den “eigentlichen” Aufgaben (der Forschung) widmen kann. Die Folge davon war ein unheimlicher doppelter Druck: Die Managementaufgaben möglichst schnell und komprimiert zu erledigen, damit ich die (wenige) “gewonnene” Zeit für Forschung verwenden könne. Weil aber Forschungsergebnisse sich nicht alleine in Arbeitsstunden messen lassen, war auch die Forschungszeit selbst einem enormen Druck ausgesetzt (schnell und effektiv lesen, jede freie Minute nutzen etc.).

Regeln in der Terminplanung

Ich habe ja schon mehrmals “gute” Vorsätze zur Terminplanung gefasst, die sich jedoch alle wieder in relativ kurzer Zeit in Luft aufgelöst haben. Diesmal aber bin ich durch die Einführung einiger strikter Regelungen extrem positiv gestimmt und habe den Eindruck, dass es diesmal klappen könnte:

  • Managementtermine gibt es nur von Dienstag bis Donnerstag.
  • Montag und Freitag brauche ich zum “Aufarbeiten”: Schreiben von komplizierten Mails, von Konzept- und Strategiepapieren, Lesen von Berichten, Masterthesen, Dissertationen, Vorbereitung auf Sitzungen, Planungen.
  • Jeder Vortrag, jede Auslandsreise wird als Paket mit einem terminfreien Tag vorher und nachher geplant. Bisher bin ich um 4:00 morgens mit dem Taxi zum Flughafen Wien gefahren und gegen Mitternacht heimgekommen, d.h. erst gegen 2:00 morgens eingeschlafen. Am nächsten Tag aber ging der ganz normale Arbeitsstress weiter, wie wenn ich nicht weg gewesen wäre. Dabei haben sich in der Zwischenzeit Arbeit und Mails angehäuft, sodass das am nächsten Tag zu erledigende Arbeitspensum größer geworden ist. Den terminfreien Tag vorher verwende ich zur inhaltlichen Vorbereitung, die bisher auch so ganz nebenbei, beiläufig durch die Ausdehnung der Arbeitszeiten in die Nacht hinein, erledigt wurde. Den terminfreien Tag danach zum Aufarbeiten der inzwischen liegen gebliebenen Dinge, Beantwortung der Mails und nicht zuletzt auch zur Erholung von der Anstrengung des Vortages.
  • Vorträge oder Lehrveranstaltungen am Montag, Freitag und am Wochenende (was bei uns in der Weiterbildung ja normal ist) sind mit einem terminfreien Tag unter der Woche (Dienstag bis Donnerstag) gekoppelt. Bisher hatte ich das als eine zusätzliche Tätigkeit durchgeführt, die eben mit einer  “stärkeren” Woche (6 oder 7-Tage Arbeitswoche) verbunden war.

Diese Regelungen bei der Terminplanung haben natürlich dazu geführt, dass es einerseits schwieriger geworden ist, bei mir einen Termin zu bekommen und andererseits die Tage Dienstag bis Donnerstag zu eng geplanten und effizient durchgeführten Terminmarathons mutiert sind.

Dass ich nun nicht jederzeit zur Verfügung stehe und Wartelisten bzw. Termine auf Wochen manchmal sogar auf Monate geplant werden müssen, hat mir anfangs psychologische Probleme in meiner inneren “Kundenorientierung” gemacht: Ich wollte nie einer der kaum ansprechbaren, selten erreichbaren ProfessorInnen sein, wie ich sie aus meiner Studienzeit kannte. Aber in der Zwischenzeit denke ich nicht nur egoistisch daran, dass es meine Gesundheit ist, die hier strapaziert wird, sondern gehe ich auch davon aus, dass meine MitarbeiterInnen, Studierenden, KollegInnen etc. meistens etwas von mir wollen (und nicht ich von Ihnen) und selbst nicht meinen Termindruck haben und sich daher nach meiner verfügbaren Zeit richten müssen und auch können.

Forschung: Nicht aufgeben, aber die Ansprüche reduzieren

Um Missverständnisse zu vermeiden: Meine Entscheidung für die explizite Wahrnehmung von Managementaufgaben, d.h. Managementtätigkeiten nicht bloß als notwendiges Übel anzusehen, das rasch beseitigt (erledigt) werden muss, heißt nicht automatisch, dass ich meine Forschungsaktivitäten ganz einstellen möchte/werde. Ich werde weiterhin einige Artikel/Beiträge pro Jahr alleine oder mit MitarbeiterInnen schreiben. Ich habe jedoch Großprojekte, wie die von mir geplanten theoretischen (philosophisch inspirierten) beiden Bücher zur didaktischen Modellierung von E-Learning Szenarien vorerst auf Eis gelegt und nach hinten (wahrscheinlich in die Pension?!) geschoben.

Das Ziel weiterhin an diesen Büchern zu arbeiten, die meine fast 20 Jahre anhaltenden Forschungsbemühungen auf der Basis meiner Habilitationsschrift “Der Hintergrund des Wissens” weiterführen sollen, bleibt bestehen. Das Festhalten an diesem Ziel mit der gleichzeitigen weit nach hinten stattfindenden Verschiebung hat unmittelbare Auswirkungen auf meine laufende Aktivitäten: Ich nehme einerseits nur mehr dann Einladungen zu Artikel an, wenn die Thematik zu meiner langfristigen Perspektive passt bzw. plane andererseits meine eigenen Beiträge für Konferenzen bereits auf das große Ziel meiner zukünftigen Buchpublikationen hin.

Auch diese Art der Entscheidung ist nicht neu und habe ich nicht das erste Mal getroffen. Trotzdem bin ich bisher recht häufig “weich” geworden und habe Einladungen zu Beiträge für Sammelbände angenommen, auch wenn die Thematik nicht zu meinen langfristig ausgerichteten eher philosophisch orientierten Überlegungen und Literaturstudium passte. Heute hoffe ich hier nun ebenfalls erfolgreich meine Vorsätze umsetzen zu können. – Gerade auch durch meine Entscheidung mich nun ernsthafter dem Management zu widmen und den weiteren Auf- und Ausbau meiner Forscherkarriere damit vorerst “auf Eis zu legen” hoffe ich, fällt auch der Druck  Einladungen wahrzunehmen, die nicht ganz in meinem langfristigen Plan passen.

Ob ich mit all diesen neuen Ideen und Vorsätze Erfolg haben, wird sich jedoch erst in etwa einem Jahr zeigen. Die bisherigen Erfolge sind zu kurzfristig, sodass leider noch keine Garantie für eine gewisse Nachhaltigkeit besteht. Trotzdem: Ich bin optimistisch, wie nie zuvor!

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