Musteransatz – neu überdacht

In den letzten 14 Tagen hat es in meinem geistigen „Framework“ zum Musteransatz eine gewaltige Neuorientierung gegeben. Meine Hauptkritik an den bisherigen Mustern im pädagogischen Bereich war es, dass sie keine Innovation transportieren, sondern trivial sind. (Vgl. dazu meinen Beitrag „Kritik der didaktischen Entwurfsmuster“ vom März 2009.)

Nun aber bin ich der Auffassung, dass die Innovation nicht in der Lösung des Musters selbst liegt. Im Gegenteil: Es werden gerade bekannte Lösungen („Best Practice“ Beispiele) herangezogen und im Musterformat beschrieben. Die eigentliche Innovation besteht vielmehr in der Analyse der Bedingungen (Forces & Liabilities), wie sie das Patternformat vorsieht. Die Pattern-Beschreibung ist das Endprodukt einer Analyse von Wechselwirkungen und expliziert sogenanntes „Tacit Knowledge“ (implizites Wissen), wie es sich in den durch Erfahrung gewonnen Best Practice Beispielen herauskristallisiert hat. Die eigentliche Innovation ist die Beschreibung der Kräfte & einschränkenden Bedingungen. Doch langsam und der Reihe nach:

Zwei inspirierende Workshops

Die Auslöser für meine neue inhaltliche Sichtweise zum Musteransatz waren zwei Workshops:

  1. 3.-4. Juli 2010: Mustertheorie Workshop im Rahmen von GIVE, geleitet von Helmut Leitner: Dieser Workshop lebte vom unheimlich breitem Wissen zu Alexander, das Helmut mitbrachte und nicht nur beim Einleitungsreferat sondern ständig – quasi en passant – einbrachte. Helmut brachte mehrere Kisten Bücher mit, unter anderem auch alle 13 Buchpublikationen von Christopher Alexander, die zum Teil nicht mehr – oder zu enorm hohen Preisen nur mehr antiquarisch – erhältlich sind. Neben den grundsätzliche Diskussion war für mich der Workshop aber auch durch die Herkunft der TeilnehmerInnen interessant, die allesamt aus der Themenecke der Stadt-/Regionalentwicklung kamen: Architektinnen, Öko-Dorf Aktivitsten, Grätzlaktivisten (Triesterviertel), Raumplanerinnen, Entwicklungshelfer etc.
  2. 7.-11. Juli 2010: EuroPLoP 2010. Diese Konferenz hat nicht nur aus inhaltlichen Gründen eine Trendwende für mein Verständnis zum Musteransatz eingeläutet, sondern war vor allem auch durch ihre Organisationsform das Highlight meiner bisherigen – immerhin schon auf 30 Jahre zurückschauende – Konferenzerfahrung! Doch darüber später in einem eigenen Beitrag.

Musteransatz als eine Schablone für eine differenzierte Problemanalyse

Die nachfolgende Beschreibungen sind erst rudimentäre Gedanken, die meine Sichtweise andeuten aber noch nicht voll inhaltlich argumentieren. Dazu sind mir die intrinsischen Implikationen des Muster-Ansatz – wie ich ihn jetzt verstehe – noch nicht genügend klar.

Auf der EuroPLoP gab es eine Einführung in „Pattern Writing“. Dabei wurde klargelegt, dass ein Muster aus 4 Teilen besteht, die miteinander in einer Wechselbeziehung stehen (siehe Grafik).

Die Kräfte oder Widersprüche charakterisieren das Problem in detaillierter Form und Weise. Daraus lassen sich dann Konsequenzen ziehen. Begonnen wird die Analyse jedoch mit einer verfügbaren Lösung; das Pferd wird also von hinten aufgezäumt. Danach kann schon kurz auf die Konsequenzen eingegangen werden; hauptsächlich aber geht es darum das Problem für die betreffende „Best Practice“ genau zu beschreiben. Das schließt auch eine erste Formulierung des Kontexts mit ein. Erst danach gibt es ein Wissen bzw. Verständnis zu den wirkenden Kräften bzw. Widersprüchen, für die die Lösung bereits häufig eingesetzt wird. Immer wieder gilt es dabei den „dazwischen liegenden“ Kontext zu spezifizieren.

Pattern Experten berichten, dass es sich um einen iterativen Prozess handelt, bei dem vor allem tradiertes Wissen („Tacit Knowledge“) expliziert und weitergegeben wird. Die Schwierigkeiten bestehen in der Zuordnung der einzelnen Bedingungen zu den 5 Begriffen: Dasselbe Problem kann unterschiedliche Lösungen haben, meistens aber ist es eine eigene, angepasst Lösung, die durch unterschiedliche Kräfte charakterisiert wird. Unterschiedliche Lösungen haben ganz unterschiedliche Konsequenzen.

Ein Muster ist also nicht als Idealbild oder Vorbild zu verstehen, sondern es ist immer nur in Bezug zu einem Problem zu verstehen. Auf der Erscheinungsebene ist es eine generative Vorgangsweise für eine spezifische Problemlösung, auf der analytischen Ebene ist es jedoch die detaillierte Analyse und Beschreibung einer bereits bekannten Lösung für ein immer wiederkehrendes Problem innerhalb eines genau spezifizierten Kontexts.

So wie das Muster rückwärts entwickelt wird (die Nummer in der Grafik signalisieren den Weg der Analyse), so ist das Muster auch differenziert zu lesen. Die Sequenz der schriftlichen Präsentation Context -> Problem -> Forces -> Solution -> Conseuences ist nicht die Reihenfolge, wie das Muster reinterpretiert wird. Hier ist die Reihenfolge Problem -> Solution -> Forces – Consequences; immer wieder mit einem reflektierenden Blick zum Context.

Es ist also nicht die Lösung, die ein Muster innovativ macht, sondern die Analyse des Problems, seiner Kräfte und Konsequenzen sowie die Beschreibung des Kontexts, der vorhanden sein muss. Meine bisherige Kritik, dass viele Entwurfsmuster trivial sind, hat sich vor allem auf die „Neuheit“ der Lösung bezogen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall: Ein Muster ist umso besser, je besser die triviale Lösung und das in ihr verstecktes implizite Wissen in den Forces und Consequences beschrieben wird. Mit Bezug auf das „implizite Wissen“ lässt sich bezüglich der Lösung sogar sagen: Je trivialer und banaler, desto wertvoller ist das Muster für seine Weitergabe und Anwendung!

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