Neutraler Standpunkt und Einstiegshilfen – Subjektive Nachlese zur WikiCon 2012

Vom 31. August bis 2. September fand an der FH Dornbirn die WikiCon 2012 statt. Unter dem Motto „WikiCon – Wissen fängt mit W an“ wurde ein breit gemischtes Tagungsprogramm geboten. Es wurden sowohl neue inhaltliche Projekte (z.B. Wiki-TV, Open SeaMap), Softwareprojekte (z.B. Render) präsentiert als auch interne Organisationsstrukturen (z.B. Schiedsgericht, Förderprogramm) diskutiert.

Persönliche Eindrücke aus der Konferenz

Der wesentlich Grund meiner Teilnahme an einer Konferenz wie WikiCon 2012 war diesmal nicht ein Vortrag, sondern einen Anker bzw. Ansatzpunkt zu finden, um an der Erstellung und Verbreitung freier Inhalte teilzunehmen. Bereits August 2008 hatte ich einen ersten Versuch gestartet an der Wikipedia teilzunehmen; bin aber bald durch die Komplexität der gesamten Organisationsstruktur – und den dafür notwendigen Detail-Kenntnissen – abgeschreckt worden. Längst hat der berühmt-berüchtigte Spruch Spruch „Be bold“ („Sei mutig“) seine Faszination verloren und sollte eigentlich durch „Sei nicht frustriert!“ verändert werden. Frustration, die z.B. einkehrt, wenn eine neu angelegte Seite als nicht relevant gleich wieder gelöscht wird. 

Sowohl eine spannende Dissertation von Johann Herzog zu den Steuerungsprozessen bei der Wikipedia-Artikelproduktion als auch mein Wunsch die fehlenden 6 Jahre bis zu meiner Pension nicht bloß weitere wissenschaftliche Beiträge zu schreiben, sondern in meinem Fachgebiet auch stärker politisch tätig zu werden – wozu sich das Thema der „Freien Inhalte“ meiner Meinung nach gut eignen würde – waren Gründe genug einen zweiten Annäherungsversuch an die Wikipedia-Bewegung (eigentlich Wikimedia-Bewegung, weil dies die übergreifende Bezeichnung für die Projekte für Freies Wissen darstellt) zu versuchen. Diesmal habe ich es aber nicht mit neuerlichen Schreibversuchen probiert, sondern versuche durch persönliche Kontakte einen Anker für die Mitarbeit zu finden.

Bevor ich einige subjektive Eindrücke aus der Konferenz darstelle, muss ich natürlich betonen, dass ich kein Experte zu Wikipedia-Fragen bin. Vielleicht kann aber gerade die Wahrnehmung eines außenstehenden Sympathisanten der Bewegung einige hilfreiche Hinweise bzw. Gedanken für die weitere Entwicklung der Bewegung anstoßen?

Fünf B’s: Breit, Bunt, Beeindruckend, (z.T. auch) Blauäugig: aber (noch) in diskursiver Bewegung!

Beeindruckend war für mich nicht nur die große soziale und demographische Breite der TeilnehmerInnen (von jungen Arbeitslosen bis zu 90-jährigen pensionierten Universitätsprofessoren war alles vertreten), sondern sowohl der Umfang der Projekte als auch die große Meinungsvielfalt. Wikipedia ist bloß das erfolgreichste, älteste und bekannteste Projekt. Eine umfangreiche Liste sogenannter Schwesterprojekte der Wikimedia Foundation zeigt eine breite Vielfalt weiterer Projekte.

Als Außenstehender konnte ich vor allem bei den plenaren Podiumsdiskussionen, an denen sich das Publikum rege beteiligte, eine gewisse inhaltliche Spannung bemerken: Es gab einerseits unverhohlene Kritik an einigen Prinzipien (und z.T. – etwas abgeschwächt und etwas verschämt – auch an Jimmy Wales), andererseits aber auch durchaus dogmatische Positionen (nach dem Motto: „so sind unsere Regeln und damit basta“, „das hat Jimmy Wales so festgelegt“ etc.)

Besonders interessiert war ich an zwei Problembereichen:

1) Diskussion zum Neutralen Standpunkt (= neutral point of view: NPOV)

Der NPOV ist einer der Grundpfeiler aller Wikimedia-Projekte und kommt,
im Gegensatz zu vielen anderen Regeln, nicht durch ein Meinungsbild oder
Kompromissbildung zustande, sondern ist gemäß des Wikipediagründers
Jimbo Wales nicht diskutierbar (siehe auch [1]). – Zitat aus de.wikibooks.org

Die Idee ist verständlich und nachvollziehbar: Gerade bei einer Enzyklopädie soll eine möglichst sachliche Darstellung erreicht werden und damit vermieden werden, dass AutorInnen ihren persönlichen Standpunkt versteckt als neutrale Position unterschieben können. Abgesehen davon, dass diese Idee davon ausgeht, dass es so etwas wie einen neutralen Standpunkt. neutrales bzw. objektives Wissen gibt (was ich von einer konstruktivistischen erkenntnistheoretischen Position für falsch halte), darf dieser Punkt nicht diskutiert werden, sondern wird als eines der vier unveränderlichen Grundprinzipien als Dogma der gesamten Bewegung angesehen.

Nun mag der NPOV für die eigentliche Enzyklopädie noch eine gewisse Berechtigung haben, obwohl ich ihn persönlich auch da gleich aus mehreren Gründen hinderlich für die Entwicklung Freies Wissens sehe: 

  1. So muss jede andere Meinung, so absurd sie auch sei, dargestellt werden – wenn sie nur einmal irgendwo zitiert wurde. Jede Position muss mit (schriftlichen) Quellen belegbar sein, was auf der WikiCon 2012 in einer Session zur Diskussion führte, wieso lebende Quellen (Augenzeugenberichte, „Oral History“) nicht denselben Status hat und auch als zitierbarer Beleg gelten dürfen. (Glücklicherweise wurde dieses Punkt durchaus kritisch gesehen und es soll ein Projekt diesbezüglich aufgesetzt werden: Das Zeitzeugen-Wiki, das aus einer Initiative zur Gewinnung älterer Wikipedia-AutorInnen, dem Projekt Silberwissen hervorgegangen ist. Unklar ist noch, welches Bedeutung und wie das Zeitzeugen-Wiki aufgebaut werden soll, siehe die Diskussion dazu.)
  2. Dass dieses Prinzip auch beim Schreiben von Büchern zu gelten hat, finde ich besonders schädlich:  Jedes (Lehr-)buch stellt nach Thomas Kuhn ein gewisses Paradigma, dh. eine verbreitete, vielleicht sogar die gerade herrschende (Wissenschafts-)Meinung dar. Es ist gerade die Aufgabe dieser Lehrbücher den (wissenschaftlichen) Nachwuchs auf die eigenen Prinzipien einzuschwören und die eigene (Themen-)Geschichte ohne Brüche so darzustellen, als ob alle Fakten und Belege die im Buch vertretene Meinung unterstützen. (Auch hier kamen die versammelten TeilnehmerInnen zur gemeinsamen Auffassung, dass zumindest für WikiBooks dieses Prinzip nicht gelten darf. Es wurde eine Änderung der entsprechenden Wiki-Einträge besprochen um zu sehen, was dann wohl passiert… (Nur im Schwesterprojekt Wikiversity wird explizit betont, dass „nicht vorrangig die Quellenangaben zu etablierter wissenschaftlicher
    Sekundärliteratur entscheidend [ist], sondern die richtige Argumentation… im Vordergrund [steht].)

Dieses Prinzip des NOPV unterläuft nach meiner Ansicht eine sachliche Diskussion und Weiterentwicklung des Wissens, weil (a) auf belegbare Quellen hingewiesen werden muss. Argumente zählen also nur dann etwas, wenn sie bereits (in welchen abstrusen Medien auch immer) bereits veröffentlicht wurden. Ein weiteres schädliches Ergebnis sind (b) schwer verdaulichen Seiten, weil jeder Standpunkt danach strebt, möglichst gleichwertig vertreten zu sein. Statt eine bestimmte Position ausführlich und umfassend darzustellen, mussen ständig die verschiedenen vorhandenen Gegenargumente gleichrangig dargestellt werden. Auch (c) die Edit Wars haben hier eine ihrer inhaltlichen Grundlage, weil um jede Formulierung gerungen wird. 

Ergebnisse sind dann gesperrte Seiten, wo nicht nur über jedes einzelne Wort und/oder Halbsatz gestritten wird, sondern die auch durch ihren häufigen Wechsel in der Darstellung der Positionen unleserlich sind  wie z.B. Abortion/Schwangerschaftsabbruch. Artikel zu Intelligent Design oder zur Kreationsimus-Evolution Debatte dürfen nur die Position und deren Kritiken oder die Geschichte der Debatte darstellen, müssen jedoch von einer finalen Schlussfolgerung bzw. Positionierung Abstand nehmen. Ob eine Position relativ unbehelligt sich positiv darstellen kann/darf, hängt nicht bloß von der sachlichen Darstellung ab, sondern in gewissem Grade auch von der Anzahl von TeilnehmerInnen, die am Disput aktiv teilnehmen. Minderheiten, wie z.B. sogenannte „Klimaskeptiker“ können ihre Positionen innerhalb der Wikipedia nicht ausführlich darstellen, sondern müssen ihre Position als als kleinen Beisatz in den jeweiligen Hauptartikel (z.B. Klimaskepsis) bzw. in der Geschichte der Kontroverse unterbringen (oder aber auf eine eigene Webseite wie z.B. Klimaskeptiker.info außerhalb der Wikimedia-Bewegung ausweichen).

Selbstkritisch muss ich festhalten, dass meine seinerzeitige (recht positive) Darstellung von Google Knol als mögliche Alternative inzwischen historisch entschieden und damit überholt ist. Google Knol wurde mit 1. Mai 2012 eingestellt! Als Grund wurde eine Prioritätensetzung innerhalb der Google-Projekt genannt, ein euphemistische Bezeichnung, dass Google Knol nicht erfolgreich war.

Als Alternative, wo die eigenen Beiträge in einem ähnlichen System eingestellt werden können, verweist Google auf das gemeinsam mit Solvitor und Crowd Favorite® entwickelte  Annotum, ein auf WordPress basierendes, speziell für wissenschaftliche Publikationen eingerichtetes Contentmanagementsystem (CMS).

2) Hilfe für Neu-EinsteigerInnen und zukünftige Entwicklungsrichtungen

  1. Wikipedia communities are aging, some more rapidly than others. The percentage of editors with less than one year of experience has fallen quickly since 2006. Among the five Wikipedias studied, the German Wikipedia has seen the most rapid drop in the percentage of „young“ users, while Russian Wikipedia has seen the least rapid drop.
  2. The retention of New Wikipedians dropped dramatically from mid 2005 to early 2007, and has since remained low. In the English Wikipedia, this drop coincided with the largest continuing influx of new editors in the history of the project, while the stabilization of retention coincides with the stabilization of editor numbers.
  3. This trend cannot be simply attributed to increased newbie experimentation or vandalism. The aforementioned trends hold up even when performing analysis on registered editors who have made at least 50 edits.
  4. Editor retention has not worsened over the past three years. After the drop in retention rates during 2005–07, editor retention has remained relatively stable, albeit at a substantially lower level. It appears as though the factors that caused the sharp drop in retention during 2005–07, while still exerting their force, aren’t causing retention to get significantly worse.
  5. The retention rate of long-time editors is about 75–80%. We can expect editors who are over three wiki-years old to stay at a retention rate of about 75–80% over the next year (based on historical trends). This retention rate also appears to be relatively stable, suggesting that the participation trends of experienced editors are not undergoing some massive positive or negative change.
http://strategy.wikimedia.org/wiki/Editor_Trends_Study/Results

Es war hochinteressant in einer lockeren Atmosphäre mit (z.T.) hohen Funktionären der Wikimedia-Bewegung persönlich diskutieren zu können. Es gab durchaus ein Verständnis und Wissen darüber, dass das Regelsystem der Wikipedia recht komplex und unübersichtlich ist. Überrascht war ich jedoch, dass die Entwicklung seit 2007, die mit einem ständig sich verlangsamerten Wachstum neuer AutorInnen gekennzeichnet ist, wenig bekannt ist. Dies ist insofern interessant, als dies eine Studie der Wikimedia Foundation selbst festgestellt hat. Vor allem die deutsche Wikipedia hat am stärksten den Alterungstrend gezeigt, der darin besteht, dass ein immer größerer Prozentsatz neuer WikipedianerInnen immer schneller wieder zum Editieren aufhört. Gleichzeitig aber gibt es auch einen (leichten) Schwund erfahrener WikipedianerInnen, weil etwa 20-25% jener Personen, die bereits 3 Jahre aktiv mitarbeiten, im vierten Jahr aus der Wikipedia aussteigen bzw. sich zurückziehen.

Es war für mich während der Konferenz ganz deutlich spürbar, dass es innerhalb der Bewegung nicht nur strategisches Interesse gab, neue AutorInnen zu gewinnen, sondern auch eine Reihe konkreter Maßnahmen dafür gesetzt werden. Das reicht von gedruckten und kostenlos verteilten kurgefasten Wikipedia Spickzettel (PDF, 258kB) wie in einem Wiki formatiert geschrieben werden kann, über Tagungs-Sessions, die sich speziell an Neulinge wendeten bis hin zur finanzierten Projekten, die die Wikipedia-Beteiligung (z.B. den mehrmals angesprochenen relativ geringen Frauenanteil, siehe auch das eingereichte und genehmigte Community-Projekt dazu) anheben sollen.

So bemüht die Bewegung ist, muss ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Hürden einer Teilnahme ziemlich hoch sind:

  • So gibt es – wie auch die Wikimedia-Community zugesteht – ja nicht mehr (wie zur Anfangszeit der Wikipedia) die vielen leeren Flecken bzw. noch unbeschriebenen Themengebiete, wo sich neue Wikipedia-AutorInnen austoben können. Ohne ein spezielles Fachgebiet anzusprechen ist es schon ziemlich schwierig eine neue Seite eröffnen zu können, die den Relevanzkriterien entspricht und die sogenannte Eingangskontrolle übersteht.
  • Es ist – zumindest für mich – deprimierend, dass ich ständig im Hinterkopf habe, dass mein neuer Beitrag bei weitem nicht den geforderten Kriterien der Qualitätssicherung (wie z.B.  zu verwendende Formatvorlagen, Wahl der passenden Kategorie, geeignete Formatierung und Verlinkung etc.) und der bereits recht komplexen Liste der Wikifizierung entspricht.
  • Trotzdem versucht wird AnfängerInnen eine erste Hilfe, die nur die grundlegenden wesentlichen ersten Schritte enthält, ist selbst dieser Schnelleinstieg „Neu bei Wikipedia“ inzwischen recht komplex und nicht mehr leicht zu verdauen. Selbst das Tutorial, das als Schritt-für-Schritt Anleitung aufgebaut ist, ist durch die vielen querverweisenden Links, die tiefer ins Thema einsteigen, furchteinflößend und kann die dahinterstehende Komplexität kaum verbergen.
  • Selbst die tolle Möglichkeit einen menschlichen Mentors (Mentorenprogramm) hat – zumindest bei mir – nicht geholfen, die Hürden zu überwinden bzw. abzutragen. Obwohl auf meine Fragen zu einer gendersensitiven Sprache in der Wikipedia (selbst in der Urlaubszeit) gleich mit dem Hinweis auf einen Artikel „Generisches Maskulinum“ beantwortet wurde, hat mich der komplexe Artikel, der absolut nicht meinen Auffassungen entsprach und beispielsweise völlig konträr zu den Empfehlungen zur „Geschlechtergerechten Sprache“ (PDF, 751 kB) des österreichischen Bundesminstierums für Wissenschaft und Forschung entspricht, gleich aus der „Mit-mach“-Bahn geworfen. Heute weiß ich, dass der Beitrag selbst innerhalb der Wikipedia nur einer bestimmten Position entspricht, es gibt in der Wikipedia auch andere Positionen bzw. Artikel dazu (z.B. Geschlechtergerechte Sprache, Binnen-I). 

Ich glaube, dass aus didaktischer Sicht für Einstiegshilfen für AnfängerInnen noch ein wesentliches Verbesserungspotential vorhanden ist. Die Wikipedia-Gemeinschaft wird überwiegend durch eine (immer kleiner werdende) Zahl von langjährigen BenutzerInnen getragen, die als ExpertInnen in dieser Kultur „aufgewachsen“ sind. Für Neuankömmlinge (ImmigrantInnen) wird es immer schwieriger in dieser komplexen Kultur Fuss zu fassen und sich anzupassen. Konkret könnte ich mir zwei Wege der Verbesserung von Einstiegshilfen vorstellen:

  1. Videos on Demand: Ich meine hier die Möglichkeit, dass bei auftauchenden Problemen (z.B. einen Bearbeitungskonflikt) gleich auf ein entsprechendes kurzes Video hingewiesen wird, das die Lösung für das Problem zeigt. 
  2. Musterbeschreibungen: Eine andere Möglichkeit wäre es, durch eine umfassende Mustersammlung die langatmigen, sequentiellen, häufig für den jeweiligen Kontext nicht relevanten Beschreibungen von Leitfäden bzw. Schritt-für-Schritt Anleitungen zu umgehen. (Zum Thema Musterbeschreibung vgl. auch die verschiedenen Beiträge auf dieser Webseite.)
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