Kindle Anmerkungen weiter verarbeiten

Wie bekomme ich meine Hervorhebungen und Anmerkungen aus Kindle heraus, damit ich sie weiter verarbeiten kann?

Dieser Artikel beschreibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie Hervorhebungen und Anmerkungen aus Ihren Kindle eBooks weiter verwenden können. Ich beschreibe verschiedene Varianten: Export aus dem Kindle-Gerät, Export aus der Amazon-Website inklusive Nutzung verschiedener Apps, Weiterverarbeitung mit clippings.io – einem speziell dafür entwickelten Webservice und die Umwandlung der proprietären Kindle-Formate in das offene ePUB Format.

Es ist leider gar nicht so einfach, aus der Kindle Umgebung „auszubrechen“. Natürlich können Sie jederzeit die entsprechende Anmerkung in Ihrer Kindle App aufsuchen und mit copy & paste die Passage in Ihren Text einfügen. Das ist aber umständlich und unpraktisch. Besser ist es, wenn Sie alle gesammelten Hervorhebungen und Anmerkungen als komplette Datei frei zur Verfügung haben und damit dann jegliche Art von Weiterverarbeitung (Ergänzen, Löschen, in andere Dateien einfügen) leichter möglich ist. 

Variante 1: Die Standardmethode

Die einfachste, aber etwas versteckte, Möglichkeit ist:

  1. Laden Sie in Ihrem Kindle Programm das entsprechende Buch.
  2. Rufen Sie Ihre Notizen von diesem Buch auf. (Wie das geht ist leider von Gerät zu Gerät in der Kindle-App verschieden.)
  3. Wählen Sie dann bei mobilen Geräten das Share-Symbol an. (Dieser Schritt entfällt auf dem Desktop-PC.) Achtung: Ein häufiger Fehler ist es, gleich direkt aus dem Buch das Share-Symbol aufzurufen. Damit werden aber nur allgemeine Buchinformationen versendet.
  4. Danach wählen Sie bei mobilen Geräten „E-Mail“ bzw. am PC „Exportieren“ aus. Während im ersten Fall die Datei als E-Mail Anhang verschickt wird, speichert die PC-Version direkt auf die Festplatte. Je nach der verwendeten Geräteversion können Sie vorher noch die zu exportierende Datei nach Farbe der Markierung, Notiz oder Lesezeichen nach Farben, Notizen oder Kapitel filtern.

Ein kleines Video-Tutorial

Exportieren Sie Ihre Kindle Markierungen und Anmerkungen in Ihr Mail-Konto

Soweit, so gut. Allerdings werden – angeblich aus Copyright-Gründen – nur ein Prozentsatz (meistens 10%) „des vom Herausgeber festgelegten Limits“ exportiert. Ich schreibe „angeblich“, weil diese Begrenzung auch bei Public Domain, Open Access oder Büchern mit der Creative Common Lizenz von Amazon zum Tragen kommt.

Sie können das Programm auch nicht dadurch überlisten, indem Sie Ihre Anmerkungen durch Filter in verschiedene Portionen zerlegen. Alle Markierungen, die das Limit übersteigen, werden nicht exportiert und sind bei dieser (Standard-)Methode für die Weiterverarbeitung verloren!

Mit diesem Export wird das vom Herausgeber dieses Buchs festgelegte Limit von 10% um 4% überschritten. Nach dem erreichen des Limits werden keine neuen Elemente mehr exportiert.

Amazon Kindle: Obwohl das Buch bei dem diese Meldung geniert wurde, Open Access ist und eine Creative Common Lizenz hat, begrenzt Amazon den Umgang. Defective by Design!

Nun – so mag man einwenden – sind Markierungen, die mehr als 10% des Textes ausmachen, bei einem vernünftigen Gebrauch dieser Funktion sowieso kaum zu erreichen. Bei dünnen Büchern ist dieses Limit jedoch mit ein paar längeren Zitaten oder z.B. der markierten Literaturliste, die später bearbeitet noch bearbeitet (bzw. ausgeliehen oder gekauft) werden soll, schnell erreicht.

Variante 2: Aus der Amazon-Website kopieren…

Mit einem Trick können Sie diese Begrenzung umgehen.

  1. Gehen Sie zu https://read.amazon.com/notebook. Dort finden Sie die Markierungen und Anmerkungen aller eBooks, die Sie bei Amazon gekauft haben.
  2. Scrollen Sie mit der Laufleiste auf der linken Seite zu Ihrem Buch und selektieren es. (Die Liste der Bücher ist nach dem Datum der zuletzt getätigten Anmerkungen geordnet.)
  3. Sie können nun alle Ihre Anmerkungen auf der rechten Seite der Webseite (ohne Begrenzung) selektieren und mit Copy & Paste weiterverarbeiten.

… und mit anderen Apps weiter verarbeiten

Einige Apps nutzen die oben beschriebene zweite Variante, um die Kindle Markierungen in ihr jeweiliges Programm zu importieren. Jedoch ist diese Funktionen bei vielen Apps nur in der kostenpflichtigen Premium-Version vorhanden. Nachfolgend habe ich eine kleine Liste solcher Apps, die ich selbst nutze, zusammengestellt:

Bookcision ist ein kostenloses kleines Javascript-Programm, das als Bookmarklet (Favlet) wie ein Browser-Lesezeichen genutzt werden kann. Es wird zwar auf der Website der kostenpflichtigen Readwise App angeboten, ist aber als Open Source Entwicklung auf GitHub frei nutzbar. Mit Bookcision können die Markierungen sowohl in das Clipboard geladen oder als Text-, XML oder JSON-Datei gespeichert werden.

Zotero ist ein quelloffenes Programm zur Verwaltung von Literatur und Erstellung von Bibliografien. Als Browser-Erweiterung kann Zotero Webseiten in eine lokalen Desktop-App oder in die Cloud speichern. Der Trick dabei ist, dass Zotero so eingestellt werden kann, dass es mit dem Abspeichern bibliografischer Angaben bei Webseiten auch immer einen HTML-Schnappschuss der Seite automatisch erstellt. Obwohl die Datei lokal in den Tiefen der Browser-Erweiterung auf dem Rechner versteckt ist, kann sie von Zotero aus im Betriebssystem sichtbar gemacht werden oder durch Doppelklick als lokale HTML-Webseite aufgerufen und an einem geeigneten Ort gespeichert werden. (ACHTUNG: Wegen der Apple-Umstellung bei der Schnittstelle von Browser-Erweiterungen, ist diese Software – wie viele andere Programme auch – auf Safari nicht mehr (voll) funktionsfähig.)

Evernote ist eine Software zum Erstellen und Verwalten von Notizen. In einer ihrer Funktionen erstellt sie als Browser-Erweiterung Screenshots von Webseiten. Zum Unterschied von Zotero, kann aber in Evernote nur der eigentlich interessante (rechte) Teil der Amazon-Webseite für den Schnappschuss ausgewählt werden. Diese Funktion ist auch in der Freemium-Version von Evernote verfügbar. Die Weiterverarbeitung ist allerdings nicht besonders intuitiv.

Diigo ist ein Programm zum Verwaltung und Teilen von annotierten Webseiten (Social Bookmarking) und hat auch eine Funktion zum Importen der Amazon/Kindle Notizbücher. Leider ist die Importfunktion nur in der Premiumversion enthalten. Mit Diigo können die eBook-Notizen durch einen integrierten Gliederungseditor (Outliner) komfortabel weiterverarbeitet (ergänzt, gekürzt, umsortiert) werden.

Variante 3: clippings.io als spezialisiertes Webservice

Clippings.io hat sich als Webservice ganz auf die Weiterverarbeitung der Amazon-Notizbücher spezialisiert. Die Nutzung ist allerdings nicht frei, sondern kostet € 1,49/Monat. Wie auch bei den Apps der Variante 2 können Sie über eine Browser-Erweiterung Ihre Notizbücher in Ihren Account von clippings.io importieren. Allerdings sind Sie dann wieder mit dem leidigen Problem der (10%igen) Textbegrenzung konfrontiert.

Allerdings bietet clippings.io einige Vorteile für die weitere Verarbeitung der Notizen. So können Sie nicht nur Ihre Notizen bearbeiten, sortieren und filtern, sondern auch Schlagwörter vergeben – eine Funktion, die ich bei Kindle sehr vermisse. Mit Schlagwörtern können Sie nämlich Ihre Markierungen und Anmerkungen von mehreren Büchern thematisch zusammenstellen.

Besonders hervorzuheben bei clippings.io sind auch die vielfältigen Exportmöglichkeiten: Sie können Ihre eBook Markierungen als Text, PDF, Word oder auch als Exceldatei speichern. Mit dem systematischen Aufbau der Exceldatei ist – wie bei Bookcision mit seinem XML- bzw. JSON-Export – auch eine weitere automatische Verarbeitung durch Software möglich. Auch ein Export nach Evernote in ein eigenes Notizbuch mit dem Namen „Clipplings.io“ ist vorgesehen.

Das Programm hat leider auch einige Schwächen: So funktioniert der Export zurück an Kindle (bei mir) nicht. Schade! Das wäre eigentlich eine interessante Funktion, die keine der anderen Varianten bietet. Das Anlegen einer neuen Notiz erfordert den manuellen Refresh der Browsers und es gibt die Browser-Erweiterung nur für Google Chrome. Was mich dann aber besonders gegen eine langfristige Nutzung eher skeptisch macht: Der letzte Blogeintrag stammt von Ende Februar 2020 und der Support meldet sich bei Anfragen nicht.

Variante 4: Aus der Kindle/Amazon Umgebung ausbrechen

Die radikalste Variante ist es, wenn Sie ganz aus dem einengenden Amazon-Umfeld ausbrechen und die proprietäre Kindle-Produkte in eBooks mit dem ePUB-Standard umwandeln. Das geht allerdings ohne weiteres nur bei Büchern ohne DRM (Digital Restrictions Management / Digitales RechteManagement).

Amazon Kindle is Defective by Design: A quote from the Free Software Foundation.
Amazon Kindle Swindel (Read more about it)

DRM wird häufig auch als „Defective by Design“, also etwa „absichtlich fehlerhaft“ bezeichnet. Es schränkt die Nutzung Ihres Produktes ein. Solange Sie nicht die Copyright-Bestimmungen verletzen, halte ich das „Knacken“ von DRMs nicht nur für begründbar, sondern sogar für die freie Nutzung der gekauften Produkte notwendig. (Mehr dazu speziell zur eBook-Problematik im Guide to DRM-Free Living: Literature der Free Software Foundation.

Die Entfernung des Kopierschutzes ist allerdings nicht einfach und erfordert Computer-Kenntnisse, die über die Standardnutzung von Anwendungsprogrammen hinausgehen. Ohne hier näher darauf einzugehen, möchte ich zumindest Calibre, das wohl wichtigste Open Source Werkzeug für die Verwaltung von eBooks als auch mobileread, die auf eBooks spezialisierte Webseite, als erste Anlaufpunkte angeben.

Von Peter Baumgartner

Seit mehr als 30 Jahren treiben mich die Themen eLearning/Blended Learning und (Hochschul)-Didaktik um. Als Universitätsprofessor hat sich dieses Interesse in 13 Bücher, knapp über 200 Artikel und 20 betreuten Dissertationen niedergeschlagen. Jetzt in der Pension beschäftige ich mich mit Open Science und Data Science Education.

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