LyX: Dokumentenverarbeitung für WissenschaftlerInnen

Nachdem meine bisherige Publishing-Software FrameMaker für den Mac nicht mehr weiter entwickelt wird, stehe ich vor dem Problem mir eine neue Software für Buchpublikationen zu suchen.  Ich habe dazu die Weihnachstsfeiertage benutzt, um diesen bereits lange aufgeschobenen Such- und Umstellungsprozess anzugehen. Konkreter Anlass ist die Fertigstellung von Wissenschaftlich.Arbeiten.Buch (Sprich: „wissenschaftlich-punkt-arbeiten-punkt-buch“), an dem ich derzeit gemeinsam mit Sabine Payr schreibe. Die von mir gesuchte Software muss im wesentlichen zwei Anforderungen erfüllen:

  1. Sie muss die Anforderungen einer modernen Textverarbeitung mit allem typographischen Schnick-Schnack erfüllen, damit die Texte bereits druckfertig an den Verlag gehen können. Besonders wichtig für mich dabei ist natürlich, dass das Verwalten von langen komplexen Texten sowie das Generieren von Listen (Inhaltsverzeichnis, Bibliografie, Sach- und Personenregister etc.) einfach und komfortabel gelöst ist.
  2. Weil viele meiner Arbeiten naturgemäß Kooperationsprojekte sind, brauche ich eine Software, die
    • auf allen Plattformen (Windows, Mac, Unix) lauffähig ist,
    • deren Texte leicht in alle möglichen – und (un)möglichen Formaten wie z.B. Word 😉 – konvertiert werden können und außerdem auch noch
    • leicht erhältlich, d.h. möglichst Open Source ist.

In Summe genommen, sind das keine trivialen Anforderungen. Ich glaube aber, dass ich mit LyX eine gute Lösung gefunden habe.

LyX basiert auf LaTeX (siehe dazu meine letzten beiden Einträge: LaTeX am Mac und LaTeX: erste Erfahrungen) und bezeichnet sich selbst als WYSIWYM-Software. Nein, das ist kein Tippfehler, der letzte Buchstabe ist wirklich ein „M“ und steht für „mean“ (bedeuten, Sinn geben). Bekannt ist die Abkürzung WYSIWYG (What-You-See-Is-What-You-Get = „Was Du am Bildschirm siehst, ist das was Du im Druck dann bekommst“) die vor allem als Kritik moderner Textverarbeitungssoftware an jenen alten Systemen gedacht war, die nicht in der Lage waren, das Drucklayout bereits am Bildschirm darzustellen.

LyX geht aber noch eine Stufe weiter und kritisiert auch diese Auffassung als bereits überholt: AutorInnen sollten sich nicht in erster Linie um das Layout, also um die Gestaltung ihrer Texte kümmern, sondern um deren inhaltlichen (= logischen) Struktur. Es geht – so die Argumentation – gerade nicht darum, das genaue und detaillierte Aussehen des Druckprodukts bereits am Bildschirm simuliert zu bekommen. Die Darstellung des Textes während des Schreibprozesses sollte vielmehr den logischen Gedankengang, die Struktur der Ideen widerspiegeln. Welche Schrifttypen und Schriftgrößen dann letztlich für den Ausdruck genommen werden, sollte den AutorInnen (und damit der Software: sie heißt ja Textverarbeitung und nicht Druckvorschau!) vorerst egal sein.

Statt beispielsweise eine Überschrift 24pt, fett und zentriert zu gestalten, sollte es vielmehr genügen zu sagen, dass es sich um eine Kapitelüberschrift zweiter Ebene (also um eine Unterüberschrift) handelt. Die Information über die Gestaltung darf vor allem deshalb nicht direkt mit dem Text verbunden werden, weil sonst jede Änderung (z.B. statt 24pt will der Verlag nun doch lieber 18pt Unterüberschriften) nur sehr mühsam und händisch durchzuführen ist. Es muss jede einzelne Unterüberschrift im Text aufgesucht werden und auf 18pt umgestellt werden.

Formatieren des Layout versus logisches Auszeichnen

OK, ok; ich kenne schon Ihren Einwand: Natürlich wissen auch alle moderneren Textverarbeitungsprogramme um dieses Problem und haben daher die äußerst praktischen Formatvorlagen (auch Stilvorlage oder Stylesheet) eingeführt. Damit weisen Sie einen bestimmten Typus von Überschrift (z.B. „Überschrift2“) alle Formatierungsbefehle zu und können dann an einer einzigen Stelle (nämlich in der Formatvorlage) alle Erscheinungsformen von Überschrift2 im Text mit einem einzigen Handstreich ändern. Erst mit dieser Trennung der Form vom Inhalt ist es möglich einfach und konsistent komplette Layouts zu ändern.

Mit dem lapidaren Hinweis auf Formatvorlagen ist aber noch nicht automatisch die Abbildung einer logischen Struktur gegeben:

  1. Sie und ich, wir beide wissen, dass die Verwendung von Formatvorlagen bereits ein sehr fortgeschrittenes Feature ist, das nicht viele Leute auch tatsächlich benutzen. Ein Text im Word lässt sich auch ohne der Verwendung von Formatvorlagen schreiben – und schön gestalten. Dagegen lässt sich ja bei privaten Texten, die nicht von anderen Leuten weiter verarbeitet werden müssen auch nichts sagen. Das Problem taucht ja erst bei Änderungswünschen auf. Beim Schreiben eines Buches sind jedoch meist mehrere Akteure beteiligt, so dass die Verwendung von Formatvorlagen ganz entscheidend ist. Ein gute Textverarbeitung sollte daher – im Interesse aller am Produktionsprozess Beteiligten – das Schreiben ohne Formatvorlagen möglichst sogar verbieten!
    Das ist natürlich eine übertriebene Forderung: Immer wieder wird es Situationen geben, wo es darum geht, bestimmte Text-Stellen (wie diese soeben) schnell auszuzeichnen. Aber auch hier wäre es möglich eine eigene Formatvorlage „Hervorhebung“ zu entwickeln, statt z.B. <i>Text-</i> (i für italic = kursiv) zu schreiben. LyX kommt der Verbotsforderung aber recht nahe: So wird z.B. verhindert, dass mehrere Leerzeichen oder Leerzeilen im normalen Textmodus eingegeben werden können.
  2. Die wesentliche Kritik gegenüber traditionelle Formatvorlagen besteht aber darin, dass bei der obigen Änderung der Überschrift2 von 24pt auf 18pt die relative Struktur der Überschriften zueinander (im allgemeinen) nicht mit verändert wird. So muss dann beispielsweise auch die Überschrift3 – die vorher 18pt war – nun auch noch erkleinert werden, was wiederum Überschrift4 in Probleme bringt usw. usf.

Ich denke, dass die Erstellung eines Systems gegenseitiger Abhängigkeiten von Formatvorlagen zueinander, wahrscheinlich auch z.B. in Word möglich sind (mittels „Formatvorlage basiert auf…“). Aber Hand auf’s Herz: Jetzt wird es schon kompliziert und vor allem: Wer macht das schon so?

Wesentlich in meiner bisherigen Argumentation ist es, dass es nicht der Text selbst, der formatiert wird, d.h. nicht das Layout mit den Textpassagen fix verknüpft wird. Es soll vielmehr der Text in seiner logischen Struktur so ausgezeichnet werden soll, dass damit jeweils konsistente Gestaltungen mit einfachen Änderungen erreicht werden können.

Textverarbeitung und Programmiersprache

Der größte Vorteil für mich bei LyX besteht aber darin, dass es die vielfältige Funktionalität der für spezielle typografische Zwecke entwickelte Programmiersprache TeX (versteckt) und auf der Oberfläche – dem User Interface- (fast) wie eine normale Textverarbeitungssoftware zu bedienen ist. Damit können zwei Vorteile miteinander verbunden werden: Extrem hohe Flexibilität bei gleichzeitig relativ einfacher Bedienung.

Für normale Fälle ist es im allgemeinen nicht notwendig LyX „unter die Haube“ zu blicken und sich mit LaTeX herumzuschlagen. Wenn es aber für Spezialfälle notwendig wird, ist dies sehr leicht möglich. Durch den Befehl ERT erscheint ein rotes Textfeld, wo direkt LaTeX-Befehle eingegeben werden können. ERT steht für „Evil Red Text“ und verweist ironisch darauf, dass ein Spezialbefehl innerhalb LyX notwendig wurde.

Ganz besonders toll für mich als LaTeX-Lernenden habe ich auch gefunden, dass man ein eigenes Fenster öffnen kann, in dem man sieht, wie LyX die Textverarbeitungsbefehle in LaTeX-Kommandos verwandelt. Damit ist ein laufendes spielerisches Lernen von LaTeX so ganz nebenbei (sog. incidental learning) möglich.

Weitere Hinweise

Nachfolgend einige Links zur Unterstützung meiner Argumentation:

  • Eine kurze Einführung über die Vorteile von TeX findet sich in What are TeX, LaTeX, and friends? der TeX User Group (TUG)
  • Um einen Eindruck von den Bedeutung der für einen Laien nicht immer leicht zu sehenden typografischen Feinheiten zu bekommen, lesen Sie The beauty of LaTeX von Dario Taraborelli.
  • Die enormen Unterschiede in der Benutzerführung zeigen die beiden screenshots im oberen Teil des Artikels auf: Es handelt sich in beiden Fällen um denselben Textausschnitt: Links sehen Sie die den Text in der Programmumgebung TeXShop, recht denselben Textausschnitt in LyX. (Übrigens ist bereits TeXShop bereits eine enorme Weiterentwicklung: Früher mussten alle Programmcodes händisch eingegeben werden und der Text über ein Kommandozeilen-Interface umständlich kompiliert werden.)

Nachtrag

Bevor ich es vergesse:

  • LyX läuft auf allen Plattformen
  • LyX ist Open Source
  • Die Texte von LyX können mit Konverter in alle mögliche Format konvertiert werden. Das ist aber zugegebenermaßen – vor allem wenn es um deutsche Umlaute geht 😉 – nicht immer ganz trivial. Vor allem haben anderen Textverarbeitungen nicht diese enorme Vielzahl an Funktionen und Flexibilität, so dass bei der Konvertierung meist etwas auf der Strecke bleibt. Aber schließlich geht es ja vor allem darum für Notfälle eine Ausweich- bzw. Exit-Strategie zu haben. Wenn Sie einen Text für Word oder OpenOffice brauchen, dann sollten Sie nicht erst durch umständliche Konvertierungen dort hingelangen, sondern den Text auch dort erstellen, wo sie ihn brauchen. (Oder wie es auf österreichisch heißt: „Warum zum Schmiedl gehen, wenn Du zum Schmied willst.“)

Re:LyX: Dokumentenverarbeitung für WissenschaftlerInnen

Kommentar von bz am 04.01.2008 16:54

Wenn Sie schon so ausführlich über LaTeX schreiben muss ich mich Ihrer Begeisterung auch anschließen – als eine, die in LaTeX geschrieben hat bevor sie mit Word begonnen hat *g* …

Dokumente werden mit LaTeX einfach wunderschön und sehen professionell aus. Ohne viel Mühe bzgl. Layout, Abständen, Schriftgrößen, Platzierung von Tabellen und Grafiken… durch einen internen Logarithmus kommen diese so genannten floats, also „table“ und „figure“-Umgebungen automatisch dort hin, wo sie vom Textfluss her hinpassen (wobei zugegeben, das kann auch ganz schön mühsam sein, wenn man eine Grafik mal genau HIER haben will… das LaTeX klar zu machen ist zwar möglich aber meist etwas mühsam). Auch bei der Fehlersuche darf man nicht so schnell verzweifeln – es hat alles einen logischen Grund.

Erst vor ein paar Tagen (ich arbeite auch gerade an einem Manuskript für ein Buchprojektchen) wollte ich meine Arbeit auf einer anderen LaTeX Installation (auf meinem neuen Notebook) zum Laufen bringen. Mühsamer als ich gedacht hatte. Bis ich alle packages beisammen hatte und das System dazu gebracht, diese auch zu erkennen hat einiges an Geduld erfordert. Noch dazu wenn man wie ich damals ein makro schreibt und in einem sty file speichert, das dann natürlich auf anderen Installationen nicht gefunden wird: 100 Fehlermeldungen… nicht zu empfehlen wie ich jetzt weiß. Aber – noch vor Mitternacht am 31.12. war alles gelöst. Das neue Jahr kann beginnen 😉 – und LaTeX wirft mir 0 Fehler und nur mehr 12 Warnungen aus… wie idyllisch!

Für Windows User muss ich noch dazu sagen: ich benutze als Editor TeXnicCenter. Funktioniert nur unter Windows soweit ich weiß, ist aber auch sehr empfehlenswert. Es hat auch ein Interface, wo man sich teilweise Befehle zusammenklicken kann, wenn man sie nicht weiß. Müsste mal direkt Lyx probieren, aber Sie wissen ja: never change a running system!

Extrem praktisch ist die Verwaltung von Projekten, d.h. man hat ein Masterfile, in dem die Präambel steht und das „Skelett“ der Arbeit und wo die einzelnen Kapitel jeweils eingebunden werden. Zum Beispiel sieht das so aus:

———————————–

documentclass[11pt,b5paper]{book} % book wird automatisch für einen zweiseitigen Druck ausgegeben und kennt, im Gegensatz zu article auch chapters. Report wäre ein Mittelding.

usepackage{} % Einbinden von benötigten Packages

begin{document}

begin{titlepage}
% Titelseite
end{titlepage}

thispagestyle{empty} & hier kommt keine Seitenzahl und keine headings
tableofcontents % das ist das Inhaltsverzeichnis
pagebreak % Seitenumbruch

thispagestyle{empty}
listoftables % hier kommt das Tabellenverzeichnis
listoffigures % hier das Verzeichnis der Grafiken

input{chapter_introduction} % hier kommt die Einleitung rein
input{chapter_elearning} % hier kommt das erste Kapitel rein. Das besteht dann wiederum aus sections und subsections
input{chapter_evaluation}
input{chapter_overview}
input{chapter_VEL.tex}

end{document}

———————————-

Viel Spaß noch!
Liebe Grüße
BZ

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