GLL-03: 3.Woche: Handeln ist dislokal – ein Beispiel

Was bedeutet es, dass Handeln nicht lokalisierbar, verschoben, verlagert, dislokal ist?

Die Überschrift des Kapitels der 3. Woche („Handeln wird aufgehoben“)  beeinhaltet den Begriff  der „Aufhebung“, der aus der – zumindest für mich – etwas dunklen Hegel’schen Ausdrucksweise stammt. Für mich drückt sich darin die nach meinem Gefühl für die ANT nicht ganz richtige Vorstellung einer Spiralbewegung aus, wo auf einer „höheren Ebene“ etwas Neues entsteht, dabei aber das Alte – in anderer Form – weiter wirkt bzw. beibehalten wird. Zum Unterschied davon finde ich den Neologismus „dis-lokal“ für das Verständnis von ANT geeigneter und auch insgesamt aussagekräftiger. Keine Spiralbewegung oder dialektischer Widerspruch sondern eine Zerstreuung, eine Art von Auflösung im Raum, eine Nicht-Lokalisierbarkeit.

Wiederum: Eine Analogie mit der (Quanten) Physik

Zerstreuung, Auflösung im Raum, Nicht-Lokalisierbarkeit: Das bringt natürlich den schon einmal strapazierten Vergleich mit der Physik in den Fokus. Eine instruktive Passage für diese Analogie habe ich in einer Diskussion der Newsgroup de.sci.physik gefunden: Auf die Frage, was denn nun ein „Teilchen“ sei, ob ein Quant denn auch stofflich zu verstehen sei oder nur eine Wirkung verursacht, heißt es ungefähr in der Mitte des Diskussionsstranges (nach „dislokal“ suchen):

Die Interferenz dieses Photons muß durch eine (dislokal wirksame) Wellenfunktion beschrieben werden, und sobald es wieder lokalisierbar ist, „kollabiert“ diese wieder. Quanten scheinen es als erste Wahl „vorzuziehen“, dislokal zu interferieren und erst dann wenn das wegen lokaler Definitheit nicht möglich ist lokal zu „kollabieren“.

Der Neologismus „Dis-lokal“ ist also bloß in den Sozialwissenschaften eine bisher nicht allgemein verwendete Begrifflichkeit. Er wurde von Cooren 2001 in The Organizing Property of Communication eingeführt um den (scheinbaren?) Widerspruch zwischen Mikro- versus Makroanalysen begrifflich „aufzuheben“ – um bei der Hegel’schen Terminologie zu bleiben. Die Idee dahinter ist folgende Beobachtung:

Den Widerspruch zwischen Mikro- und Makrosoziologie „aufheben“

SoziologInnen, die sich vor allem mit der Mikroebene beschäftigen (z.B: Ethnomethodologie, Phänomenologische Soziologie, Symbolischer Interaktionismus), fokussieren auf das „Hier und Jetzt“ („here and now“), also auf kleinräumige, lokale, aktuelle, situationale Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. MakrosoziologInnen (z.B. Systemtheorie, Strukturalismus bzw. Post-Strukturalismus) hingegen fokussieren auf das „Dort und Damals“ („there and then“), also auf großräumige, globale, allgemeine, strukturelle Interaktionsfolgen bzw. Handlungstheorien. Können bzw. sollen diese beiden unterschiedlichen Zugänge harmonisiert werden? Wenn ja – wie?

Die ANT-Wort ist ja! In Anlehnung an die Ethnomethodologie werden alltagspraktische Handlungen, also aktuelle, kleinräumige Situationen (Mikrosoziologie) untersucht. Dieser „Bottom-Up Ansatz“ wird dann jedoch durch die Einbeziehung der Rolle nicht-humanen Akteure zeitlos und disloziert. Ein Beispiel von Cooren & Fairhurst soll dies verdeutlichen:

3 Tage lang wurde der Generalmanager eines 60-stöckigen Hochhauses mit einer Videokamera begleitet. Ziel der Feldarbeit war es ein besseres Verständnis von seinen alltäglichen Routinetätigkeiten zu gewinnen.  Während dieses Beobachtungszeitraums zeigte sich, dass bestimmte Vorschriften (z.B. eine Anschlagtafel beim Eingang) und Geräte (wie z.B. die TV-Überwachungskamera), die nach 9/11 eingeführt worden waren, eine wichtige Handlungsrolle übernommen haben:

  • Jeder Mieter kann nun nur mehr mit einem Sicherheitsausweis das Gebäude betreten. Wenn die Karte ungültig ist oder vom Lesegeräte nicht erkannt wird, dann ertönt im Büro des Überwachungspersonal ein Signal, das zur Handlung auffordert.
  • BesucherInnen hingegen haben – da sie keine gültigen Ausweise besitzen – sich in der Empfangshalle bei einem eigens installierten Lesegerät, das mit einer Videokamera gekoppelt ist, zu registrieren.

Im Rahmen der Mikrosoziologie können die Beobachtungen der Verhaltensweise von Gästen (Außensicht durch „objektive“ Beobachtung) nun folgendermaßen als sinnstiftende Handlungen (subjektive Innensicht durch Akteure) interpretiert werden:

  • Ich sehe eine Anschlagtafeln, die mich darauf hinweist, dass ich mich anmelden muss
  • Ich weiß – durch direkte oder indirekte Erfahrung –, dass ich bei einem (funktionierenden) Sicherheitssystem nicht ohne Anmeldung hinein komme.
  • Ich weiß – durch direkte oder indirekte Erfahrung –, dass normalerweise die Anmeldung für Gäste beim Eingang zu erfolgen hat.
  • Daher: Ich muss mich bei der automatisierten Anlage in der Empfangshalle registrieren lassen.

Es fällt auf, dass alle angeführten Aktionen intentionale Handlungsfolgen eines menschlichen Akteurs sind („Ich“). Zum Unterschied davon bezieht die ANT nun auch nicht-menschliche Akteure (wie die Anschlagtafel und die Überwachungskamera) in die Analyse ein. Es heißt dann:

  • Die Anschlagtafel weist die Besucher auf den Notwendigkeit der automatisieren Anmeldung in der Empfangshalle hin.
  • Die Anlage registriert die Besucher durch die Personaldaten, die der Besucher eingibt und durch eine Portraitaufnahme mit der Videokamera und druckt dann eine magnetische Sicherheitskarte aus

Es fällt auf, dass in diese Beschreibung weniger Vermittlungsschritte verwendet. Gleichzeitig zeigt die Verwendung von Verben bzw. Tätigkeitswörter verwendet worden sind (hinweisen, registrieren), dass auch nicht-humane Akteure handeln können, d.h. eine Veränderung bewirken können. Wäre die Anschlagtafel nicht dort wo sie ist und hätte sie nicht diesen Text, den sie hat, dann würden die Handlungsfolgen von Gästen ganz anders verlaufen. Weiters fällt auf, dass sich die nicht-menschlichen Aktanten jeweils auf Menschen beziehen, d.h. es wird eine Subjet-Objekt Relation eingenommen (Anschlagtafel – Besucher bzw. Anlage – Besucher), womit diese Beschreibung nicht nur kürzer sondern auch vollständiger ist.

Vorteil der „ANTeren“ Beschreibungsmethodik:

  1. Es werden in die Beschreibung der Szene die nicht-menschlichen Impulse für die menschliche Handlungen einbezogen. Im ersten Fall bleiben diese Handlungstrigger nicht berücksichtigt.
  2. Die automatische Registrieranlage ersetzt das menschliche Empfangspersonal, darf jedoch nicht mit den Handlungen eines Portiers gleichgesetzt werden. Weder kann ein Pförtner 24/7 Stunden anwesend sein, noch kann eine automatisierte Anlage eine Ausnahme machen (etwa weil der Postbote ja bereits bekannt ist).
  3. Es wird damit ein Geflecht von aufeinander wirkenden (menschlichen und nicht menschlichen) Handlungsträgern beschrieben, das nicht mehr  kleinräumig, situational und lokal ist: Die Zentrale der Anlage befindet sich nicht in der Empfangshalle, die Überwachungskameras werden ganz woanders ausgewertet, sind disloziert.
  4. Trotzdem die traditionelle Mikroebene  des „hier und jetzt“ überwunden ist, wird keine Makroebene (Klassen-, Rollen-, Gesellschaftstheorie) für die Beschreibung benötigt. Es braucht kein theoretischer Rahmen „über gestülpt“ werden.

Zum Abschluss nun noch ein langes Zitat, das diese Analyse in den Worten von Cooren & Fairhurst widergibt. Zitiert aus dem Abstract von: Local? Global? No, Dislocal: How to Scale Up From Interactions to Organization, eine Vorversion des Beitrages Cooren François & Gail T. Fairhurst: „Dislocation and Stabilisation: How to Scale Up From Interactions to Organization“ in Putnam, Linda, und Anne Nicotera. 2008. Building Theories of Organization: Centering Organizational Communication. 1. Aufl. (Routledge: Oxford, S.117-152).

How can we describe and analyze the details of interactions while showing that they literally contribute to the constitution of an organization? While this issue is hardly new, it is our hope that our answer will prove to be original. We undertake this analysis using a concrete situation to illustrate how “scaling up” occurs through actions that first appear to be locally performed. To do so, we will introduce concepts that have been developed by Bruno Latour (1986; 1994; 1996; 1999) to depict and analyze how non-human entities tend to not only dislocate interactions, but also stabilize them. This bottom-up perspective will then enable us to show that interactions are never completely local. Instead, they are what we call, using a neologism, “dis-local,” that is, their local achievement always mobilizes a variety of entities—documents, rules, protocols, architectural elements, machines, technological devices—that dislocate, i.e., “put out of place” (Webster’s Dictionary) what initially appeared to be “in place,” i.e., local. Our analyses will show that the “here and now” is always contaminated by the “there and then” (whether in the past or future). However, and this is the main point of our argument, this “there and then” was or will be another “here and now.” We never leave the level of events and actions even as these events become linked to one another through space and time. Paraphrasing Latour (1993) while giving it a Derridian flavor, we could say that the immanent (micro) is always already transcendent (macro).

Das Alarmnetzwerk der WHO wieder als Fingerübung

Es wäre jetzt vielleicht wieder interessant das bereits diskutierte Beispiel zum Alarmnetzwerk von der WHO als Anwendungs- bzw. Übungsbeisiel her zu nehmen.

  • Wie können die Kontroversen zu den Handlungsträgern entfalten werden?
  • Welche Figurationen der Handlungsträger?
  • Wer handelt und warum? (Was sind die Handlungstrigger?)
  • Wo gibt es Handlungsketten von humanen und nicht-humanen Aktanten?
  • Die Frage nach der Nicht-Lokalisierbarkeit der Handlung muss bei diesem bereits im Ansatz globalen Netzwerk vielleicht umgedreht werden: Wie verschiebt sich, verlagert sich die Handlung? Worin besteht ihre Buntschickkeit, ihre Multiplizität? Wo ist das Rätsel, die Überraschung für Analytiker wie Akteure?

Re:GLL-03: 3.Woche: Handeln ist dislokal – ein Beispiel

Kommentar von kattiblue am 03.11.2009 23:26

Ich weiß nicht, ob das hierher gehört. Ich habe mich zu meiner Studienzeit mit dem Thema ANT und alternative Sozialforschungsmethoden bzw. Feldzugängen schon einmal beschäftigt. Ich hatte es nur bisher erfolgreich verdrängt.
Es gab 1933 eine Studie, die sehr bekannt ist und aus meiner Sicht der Vorgänger der ANT ist. Schaut man sich die Struktur der Marienthal-Studie an, erkennt man zunächst die Hauptakteure, aber auch das die Akteure beeinflussende z. T. immaterielle Umfeld (z. B. die Zeit) und dessen sozialen Zusammenhänge.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal

Weiterführung des ANT-Ansatzes ist evtl. auch die Themenzentrierte Interaktion, die das Dreieck Ich – Wir – Globe beschreibt und dementsprechend flexibel auf die Wirklichkeit eingeht.

Was meint Ihr dazu? Seht Ihr ebenfalls die Verknüpfung zu den beiden Ansätzen?

Viele Grüße
Katja Caspari

Re:GLL-03: Arbeitslosen von Marienthal – Vorläufer von ANT?

Kommentar von baumgartner am 04.11.2009 10:30

> Ich weiß nicht, ob das hierher gehört.

Der Latourtext ist so grundsätzlich, dass es wahrscheinlich kaum etwas gibt, was nicht hierher gehört 😉 Außerdem sind Hinweise, Verknüpfungen (auch wenn sie sich dann nicht als passend herausstellen) genau das, was wir mit dieser gemeinsamen Lektüre erreichen wollen.

Mit einem österreichischen Soziologiestudium muss man natürlich die Marienthal-Studie kennen 🙂 Sie ist methodisch wirklich gut, weil das Zeitverhalten Arbeitsloser mit vielen Tricks aus der Methodenkiste untersucht wird. Das Buch ist gut geschrieben und es gibt auch einen Superfilm dazu („Einstweilen wird es Mittag“), der einem sehr betroffen macht: Am Ende des Films ziehen die WissenschaftlerInnen ab und es kommen die Nazis, deren Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt.

„Die Arbeitslosen von Marienthal“ werden immer als „Frontrunner“ für qualitative Sozialforschung zitiert. Ich würde sie aber nicht als Vorläufer für ANT einordnen. Ich sehe eher einen Zusammenhang mit der Ethnomethologie, weil die AutorInnen vor allem eine dichte Beschreibung des Zeitverhaltens und der Zeitwahrnehmung vorgenommen haben und sie die traditionelle „Falle“ der empirischen Forschung vermieden haben: Hypothese aufstellen, Hypothese überprüfen bzw. zu falsifizieren.

Nach den bisherigen Text würde ich eines der wesentlichen Charakteristika bei ANT in dem Netzwerk von humanen und nicht-humanen Aktanten sehen. Darauf geht aber die Marienthal-Studie nicht ein.

Aber vielleicht ist die Frage nach einem „Vorgänger“, „Vorläufer“ oder „Frontrunner“ auch falsch gestellt: Wahrscheinlich ist es vielmehr so, dass bestimmte empirische Methoden einige Momente mit der ANT teilen, sozusagen einige der 5 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Darauf geht ja Latour in der von Frank Vohle bereits zitierten Fussnote selbst ein (Nr.30 S.105f. der deutschen Fassung, bzw. Nr.66, S.60 der englischen Fassung). Da sagt er, dass z.B. der Ansatz der situierten Kognition die ersten 3 Quellen der Unbestimmtheit teilen. Unter diesem Aspekt scheint mir da und dort auch ein Teilen mit einer Unbestimmtheiten bei der Marienthal-Studie gegeben. So ist möglicherweise Dislokalität („Handeln wird aufgehoben“, Unbestimmtheit Nr.2) auch bei der Jahoda/Lazarsfeld/Zeile-Studie gegeben.

Ich schreibe „möglicherweise“, weil das interessante bei der Studie eigentlich gerade ist, dass der traditionelle Handlungsbegriff umgedreht wird und „Nicht-Handeln“ im Mittelpunkt der Untersuchung steht: Da wird ein Mann beobachtet, der sich langsam und umständlich eine Pfeife anzündet und sich dann gemächlich aus dem Schatten des Hauses zur Mitte des Platzes, wo der Kirchturm steht, begibt. Als er dann endlich dort ankommt ist es „einstweilen … Mittag geworden“ (siehe Filmtitel).

Wenn aber „Nicht-Handeln“ (unter Anführungszeichen, weil natürlich z.B. sich nicht-bewegen, nicht kommunizieren auch eine Handlung bzw. Kommunikation darstellt. Das hat Watzlawik für die Kommunikation schön gezeigt.) untersucht wird, dann gibt es natürlich automatisch eine Nähe zur 2. Quelle der Unbestimmtheit („Handeln wird aufgehoben“).Aber soweit ich weiß, gehen die AutorInnen theoretisch darauf nicht. Es ist also eher eine Ähnlichkeit aus verschiedenen Gründen, denn eine Geistesverwandschaft.

PS.: Nur so ganz nebenbei: Interessant wie die obige „unschuldige“ Frage eine ganze Batterie neuer Gedanken, Analogien, Querverbindungen, Abgrenzungen etc. auslösen. Von wegen vielleicht nicht dazu gehören…

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