Warum blogge ich?

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Warum blogge ich? – Wortwolke dieses Beitrags (wordle.net)

Die Frage „Warum blogge ich?“ habe ich mir während meiner Blogger-Tätigkeit schon mehrmals gestellt (z.B. in Blogpause beendet). Anja Lorenz hat nun in einen Aufruf für eine Blogparade „Hilfe, mein Prof blogt!“ diese Frage im Hochschulbereich öffentlich aufgeworfen. Da ich im Aufruf an prominenter Stelle erwähnte werde, muss ich da natürlich mitmachen 😉

Die allgemeine und ganz grundsätzliche Frage, warum ich mir meine (Frei-)Zeit am Wochenende/Abend mit Bloggen zerstöre, habe ich mir erst nach einiger Zeit gestellt. Zuerst war es  beruflich – als Professor für Bildungstechnologie – sozusagen ein Muss auch ein Weblog zu führen. Mit der Zeit aber kamen immer wieder Rückschläge, Veränderungen in der Arbeitssituation, die diese Frage erneut aufgeworfen haben. In den letzten Jahren war dies jedoch nicht mehr der Fall.  Es ist mir nämlich inzwischen völlig klar, warum ich es tue: Aus rein eigennützigen Gründen! Ich bin in dieser Hinsicht ein extremer Egoist.

Warum ich nicht blogge

Ich blogge aber

  • nicht etwa, weil ich mir da eine größere Reputation erhoffe: Das stimmt meiner Meinung nach nämlich nicht für die immer noch recht traditonelle scientific community, von der man/frau in seiner (Karriere-)Bewertung (Publikationen, Ruf) abhängt. Da zählen Blogbeiträge nicht, die werden eher mit Stirnfalten quittiert.
  • nicht etwa, weil ich mich selbst darstellen möchte: Da müsste ich wohl regelmäßiger und vor allem zu aktuellen Hype-Themen (mehr) schreiben, mich in Diskussionen einklinken etc.
  • nicht etwa, weil ich meinen Studierenden zusätzliches Material zu den Lehrveranstaltungen anbieten möchten: Ich verwende bzw. verweise zwar auf Material in meinem Weblog, aber primär nicht in Zusammenhang mit Lehre, sondern aus einem Peer-Kontext heraus, um z.B. Doktoratsstudierenden Hinweise zu geben.

Warum blogge ich

Für mich ist bloggen eine ausgezeichnete Möglichkeit mir selbst zu verschiedenen inhaltliche Fragestellungen größere Klarheit zu verschaffen. Das Ziel, dass das, was ich da schreibe, für eine (kleinere) Öffentlichkeit verständlich und interessant sein soll, zwingt mich zu allererst Klarheit für mich selbst zu schaffen.

Dieses systematische Durchdenken ist aber mehr als „lautes Denken“ oder sich private Notizen zu machen. Beim Schreiben habe ich ständig im Kopf, dass andere interessierte Leute, den von mir verfassten Text lesen werden. Diese Vorstellung ist ein „mentaler Rahmen“, der mich einerseits zwingt Dinge zu Ende zu denken (super!) aber andererseits aber auch als eine Art Zensur wirkt (blöd, aber nicht zu umgehen!).

  1. Dinge zu Ende denken: Es geht hier um Ideen, die erst im status nascendi sind, und die ich mal ausformulieren und in ihren Konsequenzen untersuchen und abschätzen möchte. Nicht alle Inhalte eignen sich dazu: So werden z.B. umfangreiche, komplexe Zusammenhänge in einem Weblog leicht unübersichtlich, daher konzentriere ich mich auf einzelne, noch nicht ausgegorene Gedankensplitter. Andererseits können interne organisatorische Überlegungen häufig nicht dargestellt werden, weil sie vertraulichen Charakter haben oder nicht auf meiner persönlichen Ebene entschieden werden.
    „Dinge zu Ende denken“ ist sozusagen eine innere Probeaufführung („Rehearsal“), die jedoch manchmal gar nicht zu einem guten Ende kommt, d.h. von mir (noch) nicht als reif für einen Blogeintrag gefunden wird. Aber selbst in diesem Fall, hat mir die intensive Beschäftigung geholfen und gezeigt, dass ich hier (weiter-)arbeiten muss. Ich lege dann diesen Beitrag in der Hoffnung ab, auf ihn später nochmals  zurück kommen zu können (was leider aus zeitlichen Engpässen häufig eine unerfüllte Hoffnung bleibt).
  2. Sich Ideen/Konzepte aneignen: In anderen Fällen ist es keine neue Idee, sondern ein bereits bekanntes Konzept, das ich mir aber für meinen eigenen Anwendungsbereich erst noch adaptieren, mir „zurecht schneiden“ muss. Veröffentlicht wird das nur dann, wenn ich glaube, dass es eine gewisse Neuigkeit bzw. Eigenleistung in der Adaption gibt, die auch für andere Leute interessant sein könnte. (Schließlich will ich mich ja nicht blamieren mit trivialen Überlegungen.)
  3. Dokumentation: Viele Einträge sind Berichte, die über beruflichen Aktivitäten von mir berichten und dabei sowohl den Zusammenhang mit meinen Forschungsinteressen darstellen als auch entsprechendes Material (z.B. Foliensätze, PDFs von Pre-Prints) zur Verfügung stellen. Diese Einträge haben sicherlich auch einen gewissen Werbecharakter in doppelter Hinsicht: Sie sollen einerseits Gusto auf (zu bezahlende) DUK-(Lehr-)Aktivitäten machen und sind daher m weitesten Sinne PR. Andererseits können diese Beiträge auch als „Reputationsmanagement“ aufgefasst werden, weil sie eben auch einen (Selbst-)Darstellungscharakter haben. Allerdings versuche ich selbst solche Beiträge inhaltlich motiviert zu schreiben und sie dienen immer auch gleichzeitig zum internen Leistungsnachweis.
  4. Rückmeldung suchen: Manchmal geht es mir auch bei manchen Blogbeiträgen direkt darum Feedback in Form von Kommentaren zu bekommen. Das ist nicht besonders erfolgreich, doch haben selbst die wenigen veröffentlichten Rückmeldungen für mich eine wichtige Funktion. Darüber hinaus gibt es aber mindestens ebenso viele interne Rückmeldungen über Mail und besonders freut es mich, wenn in internen persönlichen Gesprächen z.B. am Rande von Veranstaltungen bestimmte Weglob-Einträge von mir kommentiert werden.
  5. Wissensbilanz: Es gibt Teile auf dieser Webseite, die mit einem Blog nichts zu tun haben, sondern statische Webseiten entsprechen. Dazu gehört natürlich die Rubrik Berufliches, meine Publikationsliste (Schriften), aber auch die Einträge zu Dissertationen und Veranstaltungen. Ich nutze diese Seiten für die regelmäßig abzugebenden (internen) Berichte zur Wissensbilanz, habe aber auch die Hoffnung, dass die Inhalte dieser Seiten auch für „Externe“ von Interesse sind.
  6. Lexikon: Im Bereich Goodies, der im Aufbau ist, möchte ich zu verschiedenen Themen Inhalte sammeln (Begriffsglossar, Links etc.). Auch hier wiederum gilt, dass diese Inhalte in erster Linie für mich selbst Nachschlag-Charakter haben sollen aber unter Umständen auch für Andere interessant sind. Letztlich sollten solchen Einträge als ein Seiteneffekt für eine Recherche zu einem Blogeintrag hervorgehen. Häufig komme ich dann aber nicht (gleich) dazu den entsprechenden Artikel auch wirklich zu schreiben.

Da ein großer Teil meiner Zeit mit Management-Aufgaben ausgefüllt ist, komme ich leider sehr häufig nicht dazu, viele der auftauchenden Überlegungen hier tatsächlich als Gedankensplitter aus zu formulieren und festzuhalten. Das ärgert mich, weil diese Ideen dann meistens – durch den ganz normalen Alltagsdruck – unklar bleiben oder gar in Vergessenheit geraten.

Zusammenfassung:

Oops, das ist aber jetzt ein langer Artikel geworden :oops:. Das illustriert aber sehr gut meine hauptsächliche Motivation zu bloggen: Erst beim Schreiben nehmen viele Gedanken erst Gestalt an, werden sie komplex und kommen mir viele Differenzierungen in den Sinn. Bevor ich diesen Artikel heute morgens begonnen habe, hätte  meine Antwort auf die Frage „Warum blogge ich?“  mit einer Twittermeldung ausreichend beantwortet werden können:

Ich blogge, weil das Schreiben für ein öffentliches Publikum mich zwingt, Ideen systematisch auszuarbeiten und verständlich zu kommunizieren (= exakt 140 Zeichen)

Diese Motivation hat zwei Seiten:

  • Einerseits ist es der Schreibprozess selbst, der Bloggen für mich wertvoll macht.
  • Andererseits sind meine Blogbeiräge als Schreibprodukt zum Nachschlagen/Referenzieren für mich selbst extrem wichtig.

Fazit: Ich bin wahrscheinlich derjenige User, der am häufigsten und intensivsten meine  Beiträge liest!


 

Ach noch etwas, was ich vergessen zu erwähnen habe: Es ist mir peinlich, aber meine egoistische Motivation zum Bloggen führt zu einer autistischen Nutzung von Weblogs: Ich lese zwar häufig mein eigenes Blog, aber selten und überhaupt nicht systematisch andere Blogs: Meistens nur dann, wenn sie auf mein Blog referenzieren oder wenn ich durch MitarbeiterInnen/KollegInnen auf interessante Beiträge hingewiesen werden.

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6 Kommentare zu Warum blogge ich?

  1. Hallo, ich bin absolutes Anfänger im Bloggen und auch noch nicht sicher, ob ich wirklich jemals intensiv dabei bleiben kann. Dieser Artikel ist für mich wirklich augenöffnend. Vielen Dank für die ehrlichen Worte.

    Zitat:

    „Ich blogge, weil das Schreiben für ein öffentliches Publikum mich zwingt, Ideen systematisch auszuarbeiten und verständlich zu kommunizieren (= exakt 140 Zeichen)

    Diese Motivation hat zwei Seiten:

    Einerseits ist es der Schreibprozess selbst, der Bloggen für mich wertvoll macht.
    Andererseits sind meine Blogbeiräge als Schreibprodukt zum Nachschlagen/Referenzieren für mich selbst extrem wichtig.
    Fazit: Ich bin wahrscheinlich derjenige User, der am häufigsten und intensivsten meine Beiträge liest!

    Ach noch etwas, was ich vergessen zu erwähnen habe: Es ist mir peinlich, aber meine egoistische Motivation zum Bloggen führt zu einer autistischen Nutzung von Weblogs: Ich lese zwar häufig mein eigenes Blog, aber selten und überhaupt nicht systematisch andere Blogs: Meistens nur dann, wenn sie auf mein Blog referenzieren oder wenn ich durch MitarbeiterInnen/KollegInnen auf interessante Beiträge hingewiesen werden.“

  2. Ich kann vor allem dem zustimmen, dass der eigene Blog irgendwie zum eigenen Nachschlagewerk wird: schnell was in der Masterarbeit nachschauen, kurz mal durch die letzte Prezi klicken, da hatte ich doch mal so ein Bild in der WordPress-Mediathek…. All diese Medien und Informationen sind leicht durchsuchbar und an einem Ort zu finden. Dazu gibt’s (wenn man fleißig war) eventuell noch eine Reflexion oder gar einen Kommentar von Peers.
    Aber auch nicht nur in beruflicher/wissenschaftlicher Hinsicht ist ein Blog praktisch: wer schon mal einen Reiseblog geführt hat, wird sicher öfter mal nachschauen, wie der Ort nochmal hieß, in dem man verweilte oder welche Airline wegem schlechten Essen auf alle Ewigkeit gemieden werden sollte (nur ein fiktives Beispiel, kenne keine Airline mit schlechtem essen ;-)).
    Was ich sagen will: Wenn das Bloggen dem Professor beim „Zuende-Denken“ hilft, warum bloggen Studierende dann nicht ganz selbstverständlich?

    • Peter Baumgartner sagt:

      > Wenn das Bloggen dem Professor beim “Zuende-Denken” hilft, warum bloggen Studierende dann nicht ganz selbstverständlich?
      Tja, gut Frage: Das müssten aber die Studierenden selbst beantworten.

      • Katharina Janke sagt:

        Mir geht es so, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir zwar auf der einen Seite über meine Gedanken, durch schriftliche Reflexionen einen Überblick über meine eigene Meinung mache, auf der anderen Seite aber das Gefühl habe, dass ich sehr schnell dieKontrolle über Zeit und Auswirkungen verliere. Zum einen im Bezug auf die Leserschaft/ Deutung meiner Worte/ Verbreitung etc. Mir macht das Bloggen Bauchschmerzen weil mir die Offenheit des Internets Angst macht. Blogs sind extrem persönlich und manchmal nehmen sie Ausmaße an, die ich für extrem gefährlich halte (vgl. http://www.kayture.com/ http://onlyanacanjudgeme.blogspot.de). Ich empfinde sie als eine Art persönliche online Anerkennungssuche, mit der sogar der Lebensunterhalt verdient werden will. Man schaue sich Blogs an, die eine Art Lebensabbild darstelle. Meistens sind sie mit Themen gefüllt, die ich für weniger relevant halte, die aber extrem viel Zeit in Anspruch nehmen. Professionelle Fotoshots und Videos inklusive. Alles ein riesiger Aufwand. Ganz abgesehen von den nicht reflektierten Kommentaren auf den privaten Blogs. Wer nimmt auf einem solchen Diätblog noch die Moderatorfunktion ein? Wer hat noch den Überblick in wieweit diese Art von Blog das gesamte Verhalten eines solchen armen Mädchens verstärkt. Erschreckend habe ich durch unseren SOOC13 direkt die Schattenseiten dieser anderen Welt kennengelernt. Ich präferiere die reale Kommunikation und das geregelte Zeitmanagement. (Nun sitze ich hier um 2.00 Uhr nachts tippe meine Gedanken in den Laptop und sollte doch vielleicht auch mal aufhören und schlafen) Sind dies schon erste Züge eines nicht kontrollierbaren Ausmaßes des Bloggens? Entweder ganz oder gar nicht? Man sollte nicht zu viel Angst haben, aber meine Erfahrungen mit dem Umgang mit Smartphones und Social Networks zeigt, dass die Ausmaße kaum noch ausreichend qualitativ von Betroffenen und insbesondere Heranwachsenden in dieser Generation reflektiert wird/werden kann. Mir kommt die Frage auf, wie wir als Lehrer dieser Flut Herr werden sollen? Wie können wir filtern und den Kindern bewusst machen, welche Auswirkungen ihr Tun haben kann? Unverzichtbar ist eine eigene Auseinandersetzung mit dieser Welt- Definitiv!

  3. Peter Baumgartner sagt:

    Nachfolgend einige persönliche Kommentare – vom Flughafen; die Wartezeit produktiv nutzend 😉

    Mir macht das Bloggen Bauchschmerzen weil mir die Offenheit des Internets Angst macht. Blogs sind extrem persönlich und manchmal nehmen sie Ausmaße an, die ich für extrem gefährlich halte


    Aber das ist ja der Vorteil des Bloggens: Sie haben es selbst in der Hand wie offen/persönlich Sie sind. Dabei würde ich auch noch „persönlich“ und „privat“ unterscheiden. Die Darstellung eigener Gedanken/Denkprozesse hat sicherlich immer etwas persönliches, muss sich aber nicht auf private Themen beziehen.

    Professionelle Fotoshots und Videos inklusive. Alles ein riesiger Aufwand.


    Das kann einerseits (mir selbst) Spass machen; andererseits lernt man/frau dabei vielleicht etwas (ein neues Tool, eine neue Technik etc.).

    Ganz abgesehen von den nicht reflektierten Kommentaren auf den privaten Blogs.


    Abdrehen, bzw. nicht veröffentlichen! Auch das haben Sie mit einer modernen Software selbst in der Hand.

    Entweder ganz oder gar nicht?


    Warum nur schwarz/weiß; warum nicht auch Grautöne (wenn sie persönlich passen) zulassen?

    Mir kommt die Frage auf, wie wir als Lehrer dieser Flut Herr werden sollen? Wie können wir filtern und den Kindern bewusst machen, welche Auswirkungen ihr Tun haben kann?


    Mhhh, da habe ich auch keine perfekte Lösung. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt? Vielleicht sollten wir gar nicht Herr/Frau diese(r Reflexions-)Flut werden? Vielleicht müssen wir eigene Erfahrungen vermehrt zulassen, nicht von vorn herein alles „filtern“ (=verbietend bewahren), sondern aufklären und vor Folgen schützen? – Ich weiß, dass sind nur Allgemeinplätze; ich bin da auch unsicher.

    [Wir planen einen Weiterbildungslehrgang „Cyber Safety“ wo nicht technische Fragen (= „Security“) sondern soziale Fragen im Mittelpunkt stehen werden. Vielleicht weiß ich dann mehr…]

    • Katharina Janke sagt:

      würde mich freuen weitere Informationen zum Thema Cyber Safety zu erhalten. Schicken Sie mir gerne Links wenn es soweit ist…

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