Habitate für die Forschung generieren

Anmerkungen zu: Creating a World Without Poverty – Social Business and the Future of Capitalism (Muhammad Yunis)

Ich habe vor einigen Wochen Creating a World Without Poverty – Social Business and the Future of Capitalism gelesen. Darin legt der durch die Mikrokredite bekannt gewordene Ökonom und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus eine hoch interessante Zukunftsvision vor. Er vertritt in seinem zweiten Buch die These, dass neben den „normalen“ auf Profit ausgerichteten Firmen (Profit Maximazing Business, oder PMB) Unternehmen gegründet werden sollen, die ausschließlich soziale Ziele verfolgen sollten (Social Business oder Soziales Unternehmen – als Fachbegriff schreibe ich „Soziales Unternehmen“ im weiteren Text immer mit großem „S“). Siehe dazu auch die Linksammlung im Anhang dieses Beitrags.

Im ersten Blick scheint es sich um eine verrückte – im besten Fall gut gemeinte aber illusionäre – Idee zu handeln: Warum sollten Kapitalgeber auf Profite verzichten und sich darauf beschränken nur ihre Investitionskosten zurück zu bekommen? Bei näheren Hinsehen stellt sich aber heraus, dass der Ökonom Yunus einen Vorschlag unterbreitet, der auf eine humanere, aber durchaus realistische alternative Perspektive innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hinaus läuft. Und das frappierende daran: Die allgemeine Struktur seiner Idee könnte vielleicht auch auf andere gesellschaftliche Bereiche (z.B. der universitären Forschung) nutzbringend angewendet werden.

Was sind Soziale Unternehmungen?

Soziale Unternehmen sollen zwar das in sie investierte Kapital erwirtschaften und zurückzahlen und haben auch einen oder mehrere Eigentümer. Sie sind also nicht mit einer „Vergesellschaftung“ und/oder Verstaatlichung im sozialistischen/marxistischen Sinne gleich zu setzen.  Wenn Investition inklusive Zinsen zurückgezahlt worden sind, erwirtschaften Soziale Unternehmen immer noch einen Überschuss. Doch wird dieser Gewinn nicht mehr an den Eigentümer abgeführt, sondern in die sozialen Sache re-investiert d.h. so eingesetzt, dass er maximal dem verfolgten sozialen Anliegen dient.

Das klingt am Anfang ziemlich verrückt: Warum auch sollten Investoren dies tun, war auch ich anfangs sehr skeptisch. Nun – so antwortet Yunus mit einer Gegenfrage – warum gibt es dann Wohlfahrts-Unternehmen (Charities)? Das ist ja nach der oben unterstellten Logik noch viel verrückter, weil dabei Geld ohne jegliche Rückflussmöglichkeit einfach weg gegeben wird. Für Yunus gibt es viele Menschen, die Gutes tun wollen, dies aber unter der normalen Profitlogik nicht tun können. Es bieten sich daher zwei Alternativen an:

  1. Geld, Geräte, Kleider, Arbeitszeit etc. an soziale Projekte verschenken: Es hat sich aber gezeigt, dass diese „Geschenke“ eine nachteilige Struktur der Abhängigkeit implizieren. Namhafte ExpertInnen der Entwicklungshilfe weisen in aktuellen Studien nach, dass diese „Hilfen“ nicht nachhaltig wirken. Mehr noch: Diese Hilfen stiften auf lange Sicht keinen Nutzen, sondern sind sogar schädlich. Dambisa Moyo ist sogar der Auffassung, dass die Entwicklungshilfe eine der Hauptverursacher für die Armut in der 3. Welt ist.
  2. Profitziele mit sozialen Zielen koppeln: Die Hoffnung, dass neben dem Profit auch andere soziale Ziele (wie Umwelt, soziale Verantwortung) gleichermaßen verfolgt werden können (sog. „pluralistisches Zielsystem“), ist eine seltene Ausnahme und meistens daher eine Illusion: Im Konfliktfall ist es immer nur die Profitlogik, der gefolgt werden muss, weil das Unternehmen sonst nicht am kapitalistischen Markt bestehen kann.

Yunus bietet nun eine dritte Alternative an: Soziale Unternehmen verpflichten sie gleich zu Beginn (bei ihrer Gründung) gegenüber den Investoren den Kapitaleinsatz zwar zurückzuzahlen, stellen aber von vornherein klar, dass die Maßstäbe, nach denen ihre Effektivität und Effizienz gemessen wird, nicht der kapitalistischen Profitlogik, dem sogenannten Shareholder Value, unterliegt. Vielmehr muss der Erfolg eines Sozialen Unternehmens daran gemessen werden, inwieweit es in der Lage ist mit den eingesetzten Mittel die gestellten soziale Ziele effektiv und effizient zu erreichen.

Soziale Unternehmen konkurrenzieren sogar am Markt mit den PMBs – müssen sie doch sowohl Kundenwünsche nicht nur befriedigen, sondern auch zu einem Preis anbieten, der gegenüber den profitmaximierenden Unternehmen bestehen kann. Yunus hebt hervor, dass Soziale Unternehmen eine enorme intellektuelle Herausforderung für junge, innovative UnternehmerInnen darstellen und will sie auch auf einer eigenen Börse – einem „Social Dow Jones Index“ – handeln. Über erfolgreiche soziale UnternehmerInnen soll berichtet werden, sie sollen ebenfalls als Helden gefeiert werden, so wie es die Presse mit den erfolgreichen Führungskräften von PMBs macht.

So verrückt diese Idee für mich auf den ersten Seiten auch klang, desto mehr wurde ich mit fortschreitender Seitenanzahl überzeugt. Yunus ist kein Spinner, er hat bereits mit seinem Mikrokrediten riesigen Erfolg gehabt. Nicht nur hunderte Millionen Menschen haben weltweit bereits Mikrokredite in Anspruch genommen und Yunus hat nachweislich mit seiner Initiative in Bangladesh bereits zu einer wesentlichen und deutlich messbaren Reduktion von Armut beigetragen. (Nebenbei gemerkt, ist es nicht die bloße die Idee der Mikrokredite gewesen, die den Erfolg gebracht hat. Vielmehr war diese Initiative deshalb erfolgreich, weil die Grundidee der Mikrokredite mit einem riesigen, sehr differenzierten und auf die jeweiligen Verhältnisse angepassten Bildungsprogramm unterstützt bzw. begleitet wurde. – Doch das ist eine andere Geschichte und ein anderes Buch: Banker for the Poor.)

Habitate für eine andere Logik generieren

Interessanterweise lässt sich eine wesentliche Konsequenz aus der Idee der Sozialen Unternehmung von Yunus verallgemeinern: Es ist innerhalb der kapitalistischen Logik nicht möglich neben dem Ziel der Profitmaximierung gleichrangig und gleichwertig auch Ziele zu verfolgen. Die allgemeinen Rahmenbedingung unserer Wirtschaftsordnung sind so gestrickt, dass andere betriebswirtschaftliche Ziele nur soweit erfolgreich umgesetzt werden können, als sie der allgemeine Profitlogik nicht langfristig widersprechen.

Damit wie andere Ziele langfristig und mit aller Kraft verfolgen können brauchen wir – um in der Sprache der Ökologie zu sprechen – ein eigenes Habitat (Lebensraum), damit sich diese anderen – die sozialen – Ziele entwickeln und umsetzen lassen.  Zwar können beide Ausrichtungen auf demselben Markt existieren, doch funktionieren sich nach einer unterschiedlichen inneren Logik. Daher müssen die „schwächeren“ sozialen Ziele durch eigene Vereinbarungen (eine d.h. eigene innere Logik) geschützt werden.

Ich glaube, dass diese Idee der getrennten „Habitate“ auch für Privatuniversitäten – und leider immer mehr auch für das gesamte Universitätssystem – von Bedeutung sind. Es ist kein Zufall, dass die Logik der Drittmittelfinanzierung immer dominanter wird und – wie Richard Münch in Die akademische Elite gezeigt hat – unbeabsichtigte nachteilige Folgen für die Entwicklung der Forschungsexzellenz mit sich bringt (Siehe auch meine Rezension dazu): Viele der von DrittmittelforscherInnen notwendigerweise entwickelten Kompetenzen (Screenen von Forschungsprogrammen, Anträge schreiben, Forschungsinteressen nach den Ausschreibungskriterien zurecht biegen, Forschungsmanagement etc.)  haben sehr wenig mit dem Gewinnen neuer Erkenntnis zu tun. Die Drittmittelforschung folgt einer anderen inneren Systemlogik, die sich in einer endlosen Spiralbewegung immer mehr vom eigentlichen Ziel (dem Erkenntnisgewinn) entfernt – schließlich müssen sich ja die Drittmittelstellen immer wieder reproduzieren. Ähnlich wie bei den PMBs, die immer größer werden müssen um im Konkurrenzkampf zu bestehen (also das, was Marx die Kapitalakkumulation genannt hat), führt das von Münch kritisierte dominante naturwissenschaftliche Paradigma zu immer größeren und riskanteren Großforschungsprojekten.

In gewisser Weise ist der Trend nach einer Aufspaltung von Lehr- und Forschungskompetenzen, wie wir sie in europäischen Ländern immer stärker sehen, eine (falsche!) Anwendung dieser Habitat-Idee. Die finanzielle Aushungerung der Universitäten macht immer deutlicher, dass die Hochschulen ihren Aufgaben in vollem Umfange nicht mehr nachkommen können. Die Trennung von Forschung und Lehre kann selbstverständlich dieses Problem unter den gleichen finanziellen Rahmenbedingungen nicht lösen, sondern soll die Mittelzuweisung direkter gestalten helfen. Statt mit den Universitäten einen Globalhaushalt zu verhandeln, birgt die Trennung der beiden Bereiche die sich klar abzeichnende Gefahr in sich, dass die Forschungsressourcen auf Kosten der notwendigen Mitteln zur Bewältigung des steigenden Studierendenzahlen weiter relativ eingeschränkt werden. Es werden dann von staatlicher Seite die beiden Teile (Lehre und Forschung) direkt alimentiert. Und wer hier benachteiligt werden wird, ist jetzt schon klar. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Investitionen in die Forschung langfristiger anzulegen sind und die erzielten Wirkungen sich nicht so klar quantitativ und direkt zuordnenbar messen lassen.

Und wieder sind wir bei der Ökonomie angelangt

Also auch hier von dieser Seite gesehen: Wir brauchen – und das ist eine Grundbedingung für jegliche weitere Diskussion, Um- oder Neuorientierung – eine ausreichende Finanzierung von Lehre und Forschung. Und dann stellt sich natürlich die Frage aus dem Liedtext von Gus Backus: Wer soll das bezahlen? Und wieder sind wir bei der Ökonomie angelangt (Vgl. meinen anderen Weblog-Eintrag: Uni-Forschung: It’s the economy, stupid.)

Aber das ist eine andere Fragestellung, auf die ich später nochmals zurück kommen möchte. Nur eines möchte ich jetzt bereits pauschal deutlich machen: Ich halte die Forderung nach ein gebührenfreies Studium bzw. Abschaffung der Studiengebühren für die Zementierung einer soziale Ungerechtigkeit!

Nach wie vor sind die Kinder der ärmeren Schichten in der Studierendenpopulation unterrepräsentiert. Damit aber finanziert die breite Masse der Bevölkerung über die Steuern das Studium der Mittelschicht und der Reichen, die – nach erfolgreichem Abschluss des Studium – auch weiterhin zu den besser verdienenden Schichten gehören. Die scheinbar sozial-radikale Forderung nach gebührenfreien Hochschulzugang erweist sich so als eine Spirale der sozialen Ungerechtigkeit. Die immer wieder geäußerte Idee eines Darlehens für Studiengebühren, die von sozialkritischen Leuten („Linken“) stark angefeindet wird, halte ich – verbunden mit einem die sozialen Unterschiede abfedernden Stipendiumsystem für eine gute und auch sozial gerechtere Lösung. Aber wie gesagt: das hoffe ich später noch mal ausführlicher darstellen zu können (vgl. aber trotzdem jetzt schon den älteren Beitrag von Pechar und die Neuauflage der Diskussion Kommentare der Anderen im Zusammenhang mit der aktuellen Protestwelle auf derStandard.at)

Die Frage, die ich in diesem Beitrag aufgeworfen habe, jedoch vorerst unbeantwortet lassen muss, lautet: Wenn es richtig ist, dass die Forschung nach einer anderen inneren Logik funktioniert als es Lehre und Verwaltung tun, wie kann dann ein Habitat, Lebensraum, Biotop für die Forschung aussehen? Was muss getan werden, damit Forschung im Konfliktfall der sich verengenden Ressourcen trotzdem weiter gedeihen kann?

Natürlich wäre ich sehr froh, wenn ich von LeserInnen auf mögliche Lösungen hingewiesen werde! Aber das ist vielleicht zu unbescheiden, zu viel verlangt. Mir würde es schon reichen, wenn es eine Diskussion darüber gibt, ob überhaupt meine Ausgangsfrage richtig gestellt ist!

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