Forschen – Schreiben – Forschen

Oder zur Wechselwirkung von Messinstrument und Messung

Vor Weihnachten habe ich im Beitrag Blogpause beendet?  geschrieben, dass ich in unregelmäßigen Folgen über meine beiden aktuellen Buchprojekte berichten werde. Ich hoffte so die Schreibsperre, die automatisch aus meiner Dekan-Tätigkeit resultiert, zu überwinden. Nach meiner Erfahrung sind nämlich die in einer Managementfunktion entwickelten Gedanken (z.B. Pläne zu inhaltlichen Strategien oder Ideen zu organisatorischen Veränderungen) wegen ihres internen Charakters nicht besonders gut für Webpublikationen geeignet.

Nun zeigt sich aber, dass die Strategie vermehrt über die Inhalte meiner beiden Buchprojekte zu schreiben, sowohl aus technischer aber auch aus inhaltlicher Sicht ebenfalls Probleme für laufende und aktuelle Webpostings mit sich bringt.

Technische Probleme der ausschnittsweisen Darstellung:

Die technischen Probleme für eine schrittweise Veröffentlichung einzelner Kapitel oder Ausschnitte aus meinen geplanten Buchpublikationen sind rasch genannt und überschaubar:

  1. Im Buchmanuskript gibt es eine Reihe von Querbezügen, die über das einzelne Kapitel bzw. den einzelnen Abschnitt hinausgehen. Diese Querverweise ergeben in einem isolierten Text nicht nur keinen Sinn, sondern generieren auch vom Textsystem her – wegen des fehlenden Textbezugs – bloß unverständliche Fragezeichen, statt auf die entsprechende Seite oder das Kapitel zu verweisen. — Nun gut, das wäre akzeptabel und würde interessierte LeserInnen nicht besonders stören.
  2. Aufschließende Hilfstexte wie Inhaltsverzeichnis, Verzeichnisse der Abbildungen, Index, Sach- und Personenregister, Glossar und Literaturverzeichnis müssten entweder speziell für die Publikation des einzelnen Abschnitts produziert  oder ausgelassen werden.

Diese beiden Probleme sind eher technischer Natur und würden sich mit einem relativ kleinen zusätzlichen Aufwand leicht erledigen lassen. Es hat sich aber gezeigt, dass sich dahinter eine Reihe inhaltlicher Probleme verbergen, die nicht so leicht gelöst werden können. Sowohl Querverweise als auch die Verzeichnisse, Register etc. dienen ja vor allem dazu einen komplexen, vernetzten Text aufschließen zu helfen.

Inhaltliche Probleme der ausschnittsweisen Darstellung

Womit wir bei der inhaltlichen Seite des Problems wären, die sich sogar nochmals in drei Unterpunkte gliedern lässt.

(1) Komplexe, vernetzte Argumentation

Die Argumentation für ein Buch ist meist nicht nur umfangreicher d.h. länger als bei einem isolierten Artikel, sondern in ihrer Struktur und Gang der Argumentation auch komplexer und schwieriger zu erfassen. Ein guter Artikel ist in sich abgeschlossen und kreist im wesentlichen um eine einzige Idee. Ein Buchkapitel einer Monographie ist aber zum Unterschied von einem Sammelband nicht in sich selbstgenügsam abgeschlossen. Es kann z.B. auch mehrere Aspekte einer Fragestellung (oberflächlich) behandeln und sie später in einem Kapitel wieder aufgreifen und sie (vertiefend) diskutieren. Aus meiner Perspektive ist ein gutes Buch ein holistisches Gesamtwerk, das sich nicht so einfach ohne Verlust in einzelne Bausteine zerlegen lässt. Ein einzelner isolierter Abschnitt kann nicht den Kontext, d.h. die komplex  vernetzten inhaltlichen Querbezüge vermitteln.

Eine möglicher Kompromiss wäre es, wenn ich die einzelnen Kapitel  für die getrennte Darstellung und Publikation entsprechend vorbereite. Das habe ich auch tatsächlich versucht. Wie sich aber gezeigt hat, ist diese spezielle Aufbereitung  mit einer nicht unbeträchtlichen Mehrarbeit verbunden. Die Kosten- / Nutzenrelation für eine solche Mehrarbeit erscheint mir jedoch äußerst zweifelhaft.  Ich brauche etwa einen Tag um einen bereits relativ fertigen Abschnitt von etwa 20 Seiten für eine separate Webpublikation vorzubereiten:

  • Ist es nicht sinnvoller diese Zeit direkt in die kommende Buchpublikation zu stecken?
  • Werde ich überhaupt entsprechendes Feedback bekommen, damit sich diese Mehrarbeit auszahlt?
  • Oder führen die aus dem Kontext gerissenen Kapitel bloß zu Missverständnissen – auf die ich antworten muss – was mir wieder zusätzliche Zeit kostet und die vielleicht bereits in einem anderen Abschnitt geklärt sind?
  • Es wird nicht zu vermeiden sein, dass die Diskussionen sich manchmal auf eine überholte Version bezieht, die (dann noch immer) im Umlauf ist, aber meine neueren (und hoffentlich besseren) Argumente bzw. Darstellung gar nicht beinhaltet?
  • Mit einem Wort: Bringt eine schrittweise und rudimentäre Argumentation einen inhaltlichen Fortschritt für mich oder besteht nicht sogar die Gefahr, dass – neben hohen Zeitverlusten – sogar der konstruktive inhaltliche Diskurs behindert wird?

(2) Wechselwirkung von Forschungs- und Schreibprozess

Entscheidend aber für bisherige Nicht-Veröffentlichung einzelner Kapitel ist die Tatsache, dass ich mich vor allem im Buch zur Taxonomie von Unterrichtsmethoden („Plädoyer für didaktische Vielfalt“) mit einer Situation konfrontiert sehe, die ich in dieser Deutlichkeit bisher noch nicht erlebt habe: Forschungsbemühungen und Schreibprozess sind ganz eng miteinander verzahnt, sodass eine Trennung im noch unfertigen („flüssigen“) Zustand wenig Sinn macht. Ich schreibe nicht bloß linear ein Kapitel nach dem anderen auf, sondern Forschungs- und Schreibprozess greifen ineinander, sind ein iterativer Prozess.

Ein Beispiel: Nachdem ich im theoretischen Buchteil einen längeren Abschnitt zur Unterscheidung von Unterrichtsmuster und Unterrichtsmodellen geschrieben habe, muss diese Passage durch spätere Untersuchungen im explorativen (Anwendungs-)Teil wieder verändert (erweitert bzw. modifiziert) werden. Umgekehrt führen diese neuen Formulierungsanstrengungen wiederum im praktischen Buchteil zu besseren d.h. klareren Formulierungen oder gar neuen Inhalten und Beispielen.

Zuerst habe ich dieses Wechselspiel Forschen-Schreiben-Forschen zum Teil auf meine immer noch vorhandenen inhaltlichen Unklarheiten geschoben. Ich dachte, dass dieser „Mangel“ ab einem bestimmten Zeitpunkt, wo eine grundsätzliche Klarheit erreicht ist, behoben ist. Mit Jahresende 2010 glaubte ich eine gewisse Stabilität des Textes erreicht zu haben, die es mir erlaubten würde einzelne Passagen mit Gewinn für mich und potentielle InteressentInnen als Rohfassung zu veröffentlichen. Das Grundgerüst der Taxonomie steht bereits und der Gang meiner Argumentation ist erkennbar.

Inzwischen ist mir aber klar geworden, dass es nicht dieses Wechselspiel von Darstellung (Schreiben) und Forschung (Entwicklung der Argumentationsstruktur, Systematisierung, Verallgemeinerung etc.) alleine ist, die eine ausschnittsweise, z.B. kapitelweise Veröffentlichung schwierig macht. Dieser Prozess ist letztlich immer ein unendlicher Kreislauf und muss immer irgendwann (z.B. für die Buchfassung) abgebrochen und (zumindest zeitweilig) „eingefroren“ werden.

(3) Taxonomie: Wechselwirkung von Messinstrument und Messung

Neben dieser immer vorhandenen Schwierigkeit bin ich beim Taxonomiebuch auf ein zusätzliches inhaltliches Problem gestoßen, das mit meiner spezifischen Forschungsfrage selbst zusammenhängt. Die von mir zu entwickelnde Taxonomie hat nämlich einen doppelten Charakter:

  • Die Taxonomie kann einerseits als ein Gliederungssystem im Sinne eines statischen Produkts aufgefasst werden. Unter dieser Sichtweise besteht sie aus festgelegten und klar definierten Kategorien, die bei der systematischen Einordnung von (bestehenden) Unterrichtsmethoden helfen sollen.
  • Die Taxonomie ist aber auch ein heuristisches Werkzeug, das bei der Planung von Unterrichtsgestaltung unterstützend wirken soll. Damit generiert sie aber einen bestimmten Blick auf das Unterrichtsgeschehen, der wiederum Auswirkungen auf Definition, Sichtweise und dem Verständnis von Unterrichtsmethoden hat.

Wenn beispielsweise der Faktor „Zeit“ eine wichtiges Unterscheidungsmerkmal (Kategorie) darstellt, dann werden damit die Unterrichtsmethoden unter zeitlichen Aspekten betrachtet und können damit auch unterschieden bzw. abgegrenzt werden. Spielt Zeit jedoch keine Rolle in der Taxonomie, sondern statt dessen vielleicht die Anzahl der beteiligten Lernenden, dann ergibt das wiederum einen ganz anderen Blick auf das Unterrichtsgeschehen und sieht die Unterrichtsmethoden aus einer anderen Perspektive.

Die praktische Konsequenz dieses Doppelcharakters der Taxonomie beim Buchschreiben zeigt sich darin, dass die Änderungen in der Gestalt der Taxonomie auch das zu erschließende Ziel (die Unterrichtsmethode) verändern. Ein scheinbares Paradoxon, das wir als eine Konsequenz des Welle-Teilchen-Dualismus unter dem Begriff der Heisenbergschen Unschärferelation auch bereits aus der Quantenphysik kennen — vgl. auch Quanten.de (PDF, 373kB) Newsletter Juli/August 2001, ISSN 1618-3770.

Es scheint daher, dass diese Wechselbeziehung, die in einer Verschränkung von Messung und Instrument, von Forschung und Repräsentation (Beschreibung) besteht, ein ganz genereller Zug unserer Welt darstellt. – Und das gilt auch ganz besonders für Sprache, oder allgemeiner ausgedrückt der „Darstellungsweise“: Sprache, das habe ich schon öfters in Webbeiträgen ausgeführt, ist nicht nur ein Instrument zur Konstruktion von Wirklichkeit sondern auch ein Instrument zur Welterkennung.

Doch sehen wir uns diese „vollmundigen“, weil philosophischen Behauptungen näher und damit konkreter an:

(A) Die Untersuchung des Objekts (z.B. einer Unterrichtsmethode) mit einem (rudimentären) Instrument (z.B. einer vorläufigen Taxonomie) kann bei der Konstruktion eines verbesserten Messinstrumentes (einer modifizierten oder erweiterten Taxonomie) helfen.

  • In meinem Beispiel der Taxonomie von Unterrichtsmethoden, das ich den Sozialwissenschaften zurechne, wird das rudimentäre Messinstrument „Taxonomie“ durch ein höheres Verständnis des Untersuchungsobjekts „Unterrichtsmethode“  verbessert.
  • In der Quantenphysik weist das Problem der Heisenbergsche Unschärferelation indirekt auf immer neue, verbesserte Experimente hin, die letztlich zu einem besseren, präziseren Verständnis unserer Welt bzw. des Welle-Teilchendualismus unserer Materie führen sollen.

Das heißt, dass wir durchaus sagen können, dass die Untersuchung (Messung, Forschung) selbst in gewisser Weise auf das Messinstrument zurück wirkt und es verändert.

(B) Die Anwendung des Instruments verändert aber auch rückwirkend das Untersuchungsobjekt.

  • Im Beispiel der Taxonomie von Unterrichtsmethoden erfährt das Untersuchungsobjekt „Unterrichtsmethode“ durch die verwendeten Kategorien eine bestimmte Änderung seiner Gestalt (seiner strukturellen Charakteristika). Durch die Hervorhebung bestimmter Aspekte sind aber gleichzeitig andere bestimmte Eigenschaften nicht mehr so deutlich zu erkennen.
  • In der Quantenphysik erfährt das Untersuchungsobjekt d.h. das zu messende Teilchen mit der Messung seines Ortes einen Impuls, d.h. es wird angestoßen, womit der Ort nicht mehr präzise bestimmt werden kann. Je genauer die Messung des Ortes, desto kurzwelliger („härter“) muss die für die Messung notwendige Strahlung sein und desto weniger kann über den Ort gesagt werden.

Das heißt, dass wir durchaus sagen können, dass die Messung selbst in gewisser Weise auf das Untersuchungsobjekt wirkt und es verändert.

Die Idee einer sauberen Trennung von Messung und Messinstrument ist sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine prinzipielle Illusion. Manchmal (bei großen Körpern, die nicht der Quantenwelt zuzurechnen sind bzw. bei allgemeineren Fragestellungen, die nicht der Sphäre einzelner Subjekte zuzurechnen sind) ist diese gegenseitige Beeinflussung sehr klein und vernachlässigbar, vorhanden ist diese Wechselwirkung jedoch immer.

Sättigung?

„Dieser schrittweise Prozess soll dann zu einem Ende kommen, wenn „genügend“ Evidenz für die verallgemeinerten Aussagen zusammengekommen ist (Prinzip der Sättigung).“ (Mayring 2007, [16])

In den Sozialwissenschaften wird bei den unter (2) erwähnten iterativen Verfahren mit induktiven Elementen vom Prinzip der „Sättigung“  (z.B. beim sogenannten „Theoetical Sampling“ der Grounded Theory) gesprochen.  Die Idee dabei ist es, dass neue „Fälle“ keine wesentlichen Änderungen bei den von ihnen induzierten Verallgemeinerungen mehr mit sich bringen. (Mayring 2007 – PDF, 168 kB).

Wenn ich diesAsymptote-Sättigunges Kriterium anwende, dann ist in meinem Buch zur Taxonomie der Unterrichtsmethoden bisher noch keine Sättigung eingetreten. Immer wieder inspirieren mich neue Literaturstellen und Beschreibungen von Unterrichtsmethoden zu einer überarbeiteten Version des theoretischen Teils. Umgekehrt bringt eine Neuformulierung des theoretischen Teils Ideen für neue Sichtweisen von Unterrichtsmethoden mit sich, die letztlich auch zu neuen (anders abgegrenzten) Unterrichtsmethoden führen.

Vom Begriff der Sättigung wäre eigentlich zu erwarten, dass sich dieser Prozess in Form einer asymptotischen Annäherung einer Kurve an einer Geraden vorstellen lässt, wie dies die nebenstehende Abbildung zeigt. Aus der Grafik lässt sich dann z.B. erkennen, dass Sättigung etwa bei einem X-Wert von 500 eintritt. Weitere Vergrößerungen auf der X-Achse bringen nur mehr relativ geringe Veränderungen auf der Y-Achse mit sich. Die Sättigung tritt aber nicht plötzlich auf, sondern lässt sich ab dem Zeitpunkt, wo die Kurve beginnt, absehen.

Dieser vorausschauende quantitative Zugang lässt sich bei qualitativer Forschung, die auf wenigen Fällen beruht, leider nicht so leicht abschätzen. So kann es beispielsweise vorkommen, dass ein Interview in der Grounded Theory keine neuen Kategorien mehr generiert, das nächste Interview hingegen jedoch wieder eine ganze Menge. Einmal – zu Weihnachten – war ich der Meinung, dass ich Sättigung erreicht habe, weil die von mir zusammengestellten Beispiele von Unterrichtsmethoden sich alle eindeutig in meine Taxonomie einordnen ließen. Als ich aber in Jänner durch einen weiteren neuen Artikel und Überlegungen zur Unterscheidung von Muster im Sinne von Anordnung, Konfiguration und Modell im Sinne von Abbild, Schablone zu einer neuen Sichtweise inspiriert wurde, haben sich plötzlich wieder neue Horizonte – mit den dazugehörigen neuen Typen von Unterrichtsmethoden – eröffnet. Es scheint daher, dass es zur Bestimmung von Sättigung in den Sozialwissenschaften einer gewissen Redundanz bedarf. Erst wenn einige (mehrere? viele?) neue Interviews, Beispiele bzw. Materialien keine Änderungen mehr mit sich bringen, kann mit einer gewissen Sicherheit davon ausgegangen werden, dass eine Sättigung erreicht wurde.

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