Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Irgendwie habe ich das Gefühl beim Lesen mit dem Kindle einen historischen Moment zu erleben: Ich denke dabei weniger daran, dass mit dem eBook eine jahrhunderte alte – für mich aber abstrakte – Tradition des gedruckten Buches zu Ende geht. Es ist vielmehr das ganz persönliche Erlebnis eine meiner wichtigsten Lebensgewohnheiten – das Lesen – komplett neu zu erfinden.

Irgendwie habe ich das Gefühl beim Lesen mit dem Kindle einen historischen Moment zu erleben: Ich denke dabei weniger daran, dass mit dem eBook eine jahrhunderte alte – für mich aber abstrakte – Tradition des gedruckten Buches zu Ende geht. Es ist vielmehr das ganz persönliche Erlebnis eine meiner wichtigsten Lebensgewohnheiten – das Lesen – komplett neu zu erfinden.

Nach ein paar Minunten Herumprobieren mit der gelieferten Bedienungsanleitung habe ich mir gesagt, dass nur ein lebensechtes Experiment, das neue Geräte wirklich testen kann. Also habe ich mir gleich zwei Bücher herunter geladen: Den Krimi The Scarpetta Factor von Patricia Cornwell und das Fachbuch Laboratory Life – The Construction of Scientific Facts von Bruno Latour und Steve Woolgar.

Nachdem ich ein paar Mal Probleme hatte eine Internet-Verbindung herzustellen (Netzüberlastung) ging der Download schnell und problemlos vor sich. (Zusammen keine 60 Sekunden!). Nachdem ich mir die Schrift für meine Bedürfnisse = größer eingestellt hatte (Super Feature!) ging es mit dem Krimi los.

Veränderte Lesegewohnheiten

In guter Tradition eines Selbstversuches habe ich mir dabei im Detail alles Auffallende aufgeschrieben. Zusammenfassend kann bereits jetzt gesagt werden: Mit dem Kindle lesen ist anders, aber durchaus angenehm und lustvoll. Die nachfolgend ungeordneten Punkte geben meine ersten spontanen Eindrücke zu den veränderten Lesegewohnheiten wider:

  • Vorblättern: Wenn ich mit dem Lesen aufhören möchte, habe ich es mir angewöhnt vorzublättern um zu schauen, wieviel Seiten das gerade aktuelle Kapitel noch hat. Je nachdem entscheide ich dann sofort aufzuhören oder noch die paar Seiten bis zum Kapitelende fertig zu lesen. Nun: Dieses gewohnte Vorblättern geht nun nicht mehr so schön, weil
    1. das Vorblättern durch den jedesmal notwendigen Seitenaufbau langsamer vor sich geht und
    2. auch das Zurückkehren zu Startseite umständlicher ist (Lesezeichen markieren, dann zum Lesezeichen zurückkehren)
  • Lesezeichen: Zum Unterschied eines Buches brauche ich kein Lesezeichen einlegen, Kindle merkt sich automatisch die Seite, auf der ich abgeschaltet habe. Außerdem kann für jede Seite ein Lesezeichen (Bookmark) angelegt werden.
  • Dictionary: Das integrierte New Oxford American Dictionary ist wirklich praktisch und schnell einsetzbar. Den Cursor vor ein Wort gestellt und sofort erscheint ganz unten die (engl.) Erklärung des Begriffs.
  • Text-to-Speech: Viele Text bieten die Möglichkeit sich mit einer künstlichen Stimme sich den Text vorlesen zu lassen. Die Geschwindigkeit des Lesers, sowie die Stimme (männlich oder weiblich) kann ausgewählt werden. – Wenn dieses Feature auch ein wenig – wegen der holprigen und teilweise verzerrten Computerstimme – gwöhnungsbedürftig ist, ist es beim Erlernen der englischen Aussprache durchaus sinnvoll.
  • Schriftgröße/Schriftbreite ist anpassbar. Das halte ich für einen ganz wesentlichen Vorteil Bei einigen Büchern habe ich inzwischen wegen meiner Augen, die eine bestimmte Schriftgröße und es vor allem auch hell brauchen, ernste Probleme Texte leicht und mit Vergnügen zu lesen.
  • Blinken beim Umblättern: Das ist ungewohnt und empfinde ich als kleinen Nachteil, der mich sogar soweit stört, dass ich beim Umblättner jedes Mal ganz kurz die Augen zumache, um den weiß/scharz-Schock auszuweichen.
  • Leichter und handlicher: Der Kindle ist insgesamt leichter und handlicher als selbst kleinere und dünnere Taschenbücher; ganz zu schweigen von Hardcover-Ausgaben mit 1.500 Seiten wie Unheimlicher Spass. Dieser Vorteil wird sich besonders beim nächsten Urlaub in zweierlei Hinsicht bemerkbar machen: Erstens werde ich nicht mehr die Qual der Wahl haben (welche Bücher mitnehmen) und zweitens werde ich (hoffentlich) weniger oft für Übergewicht zahlen müssen <smile>
  • Portabel wie ein Buch: Der Kindle lässt sich auf alle Plätze genauso leicht mitnehmen, wie ein Buch. Ich habe beim Frühstück genauso damit gelesen, wie am stillen Örtchen. Wie ein Buch habe ich ihm auch auf das Bett geworfen. – Allerdings ist diese Kleinheit und Portabilität auch ein Nachteil: Wenn ich ein Buch z.B. in einem Kaffeehau vergesse und liegen lasse, so war das bisher meist kein großes Problem, da ich es häufig wieder bekommen habe. Im schlimmsten Fall musste ich mir es neu kaufen. Ärgerlich war da eher die Lesenunterbrechung und nicht der Geldverlust. Das sieht nun mit dem Kindle ganz anders aus: Wie beim Handy bzw. der Brille ist hier erhöhte Aufmerksamkeit notwendig!
  • Lesefortschrittsanzeige: Gegenüber der Seitenanzeige bei einem Buch gibt der Kindle die Fortschrittsanzeige in – für mich nicht ganz durchschaubaren Zahleneinheiten und Prozentsätzen an. Das ist äußerst ungewohnt. So hat der Cornwell-Krimi  statt 512 Seiten 7.368 (na was denn: Absätze, Punkte?). Es ist schon etwas ungewohnt , wenn mit dem Beginn des 8. Kapitels 31% des Buches gelesen sind. Auch das Aufsuchen einer Buchstelle gestaltet sich – wenn kein verlinktes Inhaltsverzeichnis wie beim Cornwell-Krimi vorhanden ist – gewöhnungsbedüdürftig. Es muss z.B. auf die „Location 2402“ gesprungen werden, um zum Beginn des 8. Kapitels zu springen.
  • Markierungen und Notizen: Ein weiterer wesentliche Vorteil ist es, dass nicht nur jede virtuelle Seite markiert werden kann, sondern auch beliebiger Text, der außerdem mit eigenen Notizen ergänzt werden kann. Das war natürlich für meinen ersten eBook-Krimi nicht von Bedeutung. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass dies für wissenschaftliche Bücher einen enormen Vorteil bietet. Die englische Tastatur macht sich nicht nur mit dem Vertauschten y/z unangenehm bemerkbar, sondern vor allem darin, dass alle Umlaute fehlen.
  • Suchen: Textstellen können im eBook natürlich sehr einfach aufgesucht werden. Wieder ein Feature, das seine Stärke nicht gerade bei einem Krimi zeigt.
  • Haptischer Eindruck: Bücher sind für mich auch wegen der Haptik wichtig. Ein angenehmer haptischer Eindruck ist beim Kindle durchaus gegeben, auch wenn sich der eben nicht für jedes Buch anderes gestaltet, sondern immer gleich bleibt und letztlich wahrscheinlich eintönig wird.
  • Visueller Eindruck: Es fehlt nicht nur Farbe in den Seiten (was z.B. für didaktische Gestaltung von Handbüchern/Lehrbüchern wichtig ist), sondern auch am Umschlag. Auch das Format (Groß/Kleinformat, dickes/dünnes Buch) ist natürlich nicht mehr gegeben.
  • Olefaktorischer Eindruck: Ich gebe es zu: Ich rieche Bücher auch gerne. Dieser – für mich – angenehme Papiergeruch wird jetzt durch den (nichts sagenden und kaum merkbaren) Geruch des Ledereinbandes ersetzt.
  • Preis: Der Krimi wurde mit $ 27,95 (Publisher’s List Price, entspricht 18,59 € angeführt, was ganz knapp unter den normalen Printpreis 19,95 € in der gebundenen Ausgabe – alerdings der gebundenen Ausgabe! – liegt. Der Kindle Preis liegt mit $13,79 (= 9,17 €) deutlich darunter, ist allerdings höher als der (kommende) äquivalente Taschenbuchpreis von 7,70 € (das vorige – etwa gleichstarke Buch Scarpetta, wird jedoch als eBook nun mit $11,49 (7,64 €) gehandelt. Zusammenfassung: Die Preise sind etwas, aber nicht viel billiger.Es gibt allerdings die Idee, dass zukünftig jedes neue eBook – ähnlich wie die CD über iTunes – mit $10,00 gehandelt wird. – Amazon zahlt die Differenz; Ziel ist es die Marktdominanz – wie Apple mit iTunes im Musiksektor – zu gewinnen. Allerdings wird diese Preisnachlässe uns hier in Österreich/Deutschland wegen der Buchpreisbindung wohl kaum erreichen. (Wie ist das eigentlich in der Schweiz?)
  • Nicht sehen, was gelesen wird: Eine für mich wichtige Angewohnheit, wann immer ich jemanden ein Buch lesen sehe fällt weg: Es ist nicht mehr erkennbar, welches Buch jemand liest. Der heimliche Spruch: „Sag mir was Du liest und ich sag Dir wer Du bist!“ muss jetzt wohl durch „Sag mir wie Du liest (elektronisch oder noch mit Hardcopy) und ich sag Dir wer Du bist!“ ersetzt werden.
  • Sich nicht mehr an der Bibliothek erfreuen: Ein (perverses ?) Vergnügen werde ich auf lange Sicht mit eBooks nicht mehr frönen können: Es macht mir Freude meine Buchregale durchzustöbern, mich von der Laune leiten lassen und eines meiner vielen noch nicht gelesenen Bücher herauszugreifen und es zu lesen zu beginnen. Manche Umschichtaktionen sind einer ähnlichen Freude geschuldet: Die Bücher – im Zuge des Umgruppierungsprozesses – in die Hand zu nehmen, sie durchzublättern bzw. kurz hineinzulesen.

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Posted by mons7 at Oct 26, 2009 10:27 PM

Die genannten Vorteile machen mich wieder einmal geneigter, auch „umzusteigen“.
Nur eines macht mir (wirklich) Sorgen:
Ich kann bestimmte Stellen zum Zitieren in der Regel dadurch (wieder)finden, dass ich genau weiss, wie dick das Buch war, in dem das Zitat steht, hinter dem ich her bin, welche Farbe es hat, … ob es links oben oder rechts unten im Text irgendwo steht… und mit welcher Farbe ich es wie markiert habe.

Wird mein Hirn eine äquivalente Strategie auch über die Benutzung mit dem Kindle entwickeln… oder werde ich bestimmte Stellen einfach nicht wiederfinden können?

Re:Kindle – Suchen und visuell/räumliches Gedächtnis

Posted by baumgartner at Oct 27, 2009 10:02 AM

Genau! Geht mir genauso! Habe ich ganz vergessen zu erwähnen. Hätte wohl in den Abschnitt „Lesefortschrittsanzeige“ hineingehört! Dieses optische/räumliche Gedächtnis wird im eBook nicht angesprochen. Wahrscheinlich wird dies aber durch die Volltextsuche und dem Möglichkeit Notizen anzuhängen – da haben bei mir die Buchränder oft viel zu wenig Platz! – mehr als ausgeglichen.

Die praktische Nutzung des Wieder-/Auf-Findens konnte ich mit dem Krimi bisher noch nicht wirklich sinnvoll testen. Ich kann vielleicht mehr berichten, wenn ich jetzt meinen Selbstversuch mit einem wissenschaftliches Buch weiterführe.

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Posted by mons7at Oct 28, 2009 12:47 PM

…Notizen anhängen ohne Platzbeschränkung… o.k., jetzt habe ich wirklich und endgültig Feuer gefangen… und mir auch so ein Teil bestellt!
Darf ich nachfragen, welches die ersten 10 Werke auf Ihrem Kindle sind/waren? (Also nicht die „Top 10“ sondern vielmehr die „First 10“).

Re:Meine ersten 10 Werke auf dem Kindle – gibt es noch nicht!

Posted by baumgartner at Nov 02, 2009 04:10 PM

Es ist fast noch zu früh diese ersten 10 Werke auflisten. Ich experimentiere ja erst herum und habe mir erst 3 Bücher gekauft: 2 habe ich im obigen Artikel bereits erwähnt, das dritte E-Buch ist selbstreflexiv: Free Kindle Books and How to Find Them. 😉 Und da habe ich dann auch tatsächlich ein paar Beispiele herunte geladen, vor allem um mit den verschiedenen Formaten zu experimentieren. (Ich werde noch einen Artikel zu den Formaten und Orten, wo es Bücher zum Herunterladen gibt, schreiben. Einstweilen mag die Liste unter /goodies/linksammlungen/freie-ebooks-links/ hilfreich sein.)

Neben diesen gekauften Büchern und eBooks zum Testen habe ich aber schon eine ganz erkleckliche Anzahl von (pirvaten) PDF-Dokumenten raufgeladen. Statt mir PDF-Diplomarbeiten, Dissertationen oder Bücher (z.B. über scribd.com) ausdrucken und als Papier auf meine Reisen mitzunehmen, habe ich dieses Material jetzt auf meinem Kindle einsatzbereit.

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Posted by rboulanger at Nov 22, 2009 10:23 PM

Was mich interessieren würde ist, wie das mit dem Kindle und dem immer und überall online hier in Österreich aussieht. Hat der eine eigene Simkarte drin, oder braucht man einen eigenen Vertrag mit einem Provider oder funktioniert er nur im häuslichen WLAN ?

Re:Erste Erfahrungen mit dem Kindle

Posted by baumgartner at Nov 26, 2009 07:15 PM

Ich werde dazu demnächst ausführlich schreiben. Die Sache ist kompliziert: Bestellen über Amazon lässt sich über die eigene SIM-Karte gratis, sogar im Ausland. Wenn es nicht ums Betellen geht, dann sind die Dienste bereits schlechter: Weblogs gehen bei mir derzeit überhaupt nicht, weder In- noch Ausland. Eigene Dateien müssen an den kindle-eigenen Konvertierdienst geschickt werden. Da gibt es eine Gratisversion, die lässt sich dann aber nur über dem am PC über USB angesteckten Kindle manuell hinauf spielen und eine Version, die zwar über Whispernet zu laden ist, aber pro MB abgerechnet wird.

Ich werde das – sowie ich ein wenig mehr Zeit habe – noch ausführlich beschreiben. Muss noch ein paar Recherchen machen. Die Situation ist durchwachsen: Es gibt (noch) vieles was unmöglich ist und einer professionellen Nutzung widerspricht.

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