H5P: Visuelle Exploration

In diesem Beitrag bespreche ich zwei H5P Module für visuelle Exploration: Image Juxtaposition und Agamotto. Ich beschreibe ihre Unterschiede und diskutiere gute und weniger gute Beispiele.

Visuelle Exploration bei Image Juxtaposition und Agamotto

In diesem Beitrag bespreche ich Image Juxtaposition und Agamotto1 gemeinsam; zwei H5P Inhaltstypen, die visuelle Exploration als didaktisches Ziel haben.

Visuelle Exploration mit Image Juxtaposition: Lernende können mit einem horizontalen oder vertikalen Schieberegler zwei Bilder im Detail miteinander vergleichen.

Visuelle Exploration mit Agamotto (Image Blender): Lernende können eine Sequenz von Bildern ganzheitlich miteinander vergleichen.

Beide Inhaltstypen werden sehr selten verwendet (siehe die Nutzung im eCampus Ontario), was aus meiner Sicht ihrem didaktischen Wert nicht gerecht wird. Zudem werden sie in ihrem didaktischen Nutzen häufig auch miteinander verwechselt.

Wann Image Juxtaposition nutzen?

Bei Image Juxtaposition ist es wesentlich, dass zwei (!) Bilder im Detail miteinander verglichen werden. Das Rufzeichen besagt, dass Juxtaposition ausschließlich mit genau zwei Bildern funktioniert. Entscheidend bei Image Juxtaposition ist also der detaillierte Vergleich auf der Mikroebene.

Typische (gute) Beispiele

Ein sehr gutes Anschauungsmaterial liefern die drei „offiziellen“ Beispiele auf der h5p.org-Seite:

  • Before and after flooding: Es werden aus der Vogelperspektive zwei identische Areale vor und nach der Überflutung gezeigt. Die Unterschiede und damit der verheerend große Schaden kann nun im Detail visuell exploriert werden.
  • Visible and near infrared light: Zwei Fotos von identischen Himmelsarealen liegen als Normal und Infrarotlicht-Aufnahme vor und können mit dem Schieberegler im Detail inspiziert werden.
  • River webcam: Zwei identische Flussareale werden zu verschiedenen Zeitpunkten (Frühjahr/Herbst ?) bzw. vor und nach einem Ereignis dargestellt und können in ihren Veränderungen detailliert untersucht werden.

Weitere gute Beispiele habe ich im eCampus Ontario gefunden:

Wann Agamotto nutzen?

Bei Agamotto hingegen, lassen sich zwei oder mehrere Bilder im Gesamten miteinander vergleichen.

Während es also bei Image Juxtaposition um Details innerhalb des Bildes, d.h. auf der Mikroebene geht, liegt der Fokus bei Agamotto auf eine Serie von ganzheitlichen Veränderungen, d.h. es geht um einen Vergleich auf der Makroebene.

Gute Anwendungen für Agamotto sind weit schwieriger zu entwickeln und daher auch seltener anzutreffen. Die „offiziellen“ Beispiele auf der h5P.org-Seite zeigen zwar sehr gut die Möglichkeiten von Agamotto auf, aber nicht unbedingt den typischen Anwendungsfall im Verhältnis zu Image Juxtaposition. Agamotto hat nämlich noch andere Effekte, die seinen Nutzen didaktisch rechtfertigen.

Gute (nicht typische) Beispiele

  • Map Layers: Eine Landkarte zeigt dreimal dasselbe Areal (Europa). Einmal jedoch nur die Umrisse des Kontinents, dann mit Flüssen und schließlich mit Flüssen und Ländergrenzen. Nun kommt es natürlich darauf an, worauf der Fokus der Fragestellung (des Interesses) liegt. Wären nur zwei Bilder zu vergleichen (z.B. Flüsse alleine und dann mit Ländergrenzen) wäre auch Image Juxtaposition eine didaktische Möglichkeit gewesen. Hier ist es also die Anzahl der Bildvergleiche (und nicht der ganzheitliche vs. detailreiche Vergleich), die nur Agamotto als Wahl zulassen.
  • Microscope Zoom: Eine relativ große Anzahl (12 Bilder) von Mikroskop-Aufnahmen mit verschiedenem Vergrößerungsfaktor können miteinander verglichen werden. Wiederum geht es hier nicht um einen ganzheitlichen Vergleich, sondern Agamotto wird hier als Image Blender (so auch sein alternativer Name) genutzt. Bei Agamotto wird ein Bild durch ein anderes nicht bloß ersetzt, sondern schrittweise überblendet. Wird der Schieberegler verschoben, entsteht der Eindruck von bewegten Bildern, d.h. einer kleinen Filmsequenz. Hier werden also mehrere Merkmale (nicht zwei, sondern mehrere Bilder und Überblendung) genutzt. Ein ganzheitlicher Vergleich zweier unterschiedlicher Auflösungen ist zwar möglich, aber bei dieser Nutzung nicht das Entscheidende. (Von den drei h5p.org-Beispielen ist es aber meiner Meinung nach noch die typischste Anwendung.)
  • Four Seasons: Bei den vier Bildern zu den Jahreszeiten geht es zwar auch um Unterschiede, aber nicht um deren ganzheitlichen Vergleich. Vielmehr wird hier die Eigenschaft genutzt, dass mit Agamotto beliebig langer Text für jedes einzelne Foto (d.h. für jede „Station“) als Bildunterschrift eingefügt werden kann. Das ist ein ganz wesentlicher Vorteile von Agamotto gegenüber Image Slider, einem anderen H5P-Modul.

Gute und typische Beispiele

Aus meiner Sicht wären gute und typische Anwendungen, Bildsequenzen, die eine Entwicklung, eine zeitliche Sequenz, fortschreitende Stadien etc. darstellen, die jeweils in ihrem Gehalt zur vorigen bzw. nachfolgenden Phase visuell verglichen werden können. Ich will damit aber nicht sagen, dass die „offiziellen“ Beispiele nicht sehr gute Anwendungen von Agamotto sind. Sie nutzen aber zusätzliche Merkmale von Agamotto und erschweren daher vielleicht, die Unterscheidung von Image Juxtaposition und Image Blender.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch kein Beispiel, das genau meinen Vorstellungen entspricht, gefunden habe. Das könnte natürlich auch als Argument gegen meine Definition und die damit einhergehende eingeschränkte Sichtweise aufgefasst werden. Ich glaube aber (derzeit noch), dass die aufwändigere Erstellung (mehrere Bilder in verschiedenen Stadien/Etappen/Zeitpunkten) und die damit leider sehr geringe Nutzung dieses Inhaltstyps der eigentliche Grund für fehlende typische Beispiele ist.

Diskussion von weniger guten Juxtaposition und Agamotto-Beispielen

Einschränkende Vormerkung

Nach meiner eCampus Ontario Studie aber auch nach einer oberflächlichen Durchsicht der ZUM-Beispiele habe ich manchmal Anwendungen gesehen, die aus meiner Sicht nicht optimal gelungen sind. Wenn ich diese Beispiele nun in meinen Beiträgen heranziehe und diskutiere, so möchte ich damit weder Besserwisserei noch eine Polizeifunktion (Das ist gut! Das ist schlecht!) demonstrieren. Das geht alleine schon deshalb nicht, weil jede einzelne didaktische Interaktion mit einem H5P-Inhaltstyp immer ein spezielles didaktisches Szenario verlangt und nur dort auch Sinn macht. Aber genau diese Überlegungen und Konzeptionen für ein bestimmtes didaktisches Szenario, didaktisches Ensemble oder didaktischer Modul sind mir eben gar nicht bekannt.

Wenn ich nachfolgend einige Beispiele kritisch diskutiere, dann gehe ich von der Annahme selbstbestimmender Lernenden aus, die einen H5P-Modul als alleinstehende Übungsform nutzen wollen. Abgesehen von dieser vielleicht völlig unterschiedlichen Rahmenbedingung als es die Autor*innen intendiert hatten, kann es natürlich auch sein, dass meine didaktischen Gedankengänge selbst fehlerhaft sind 🤓.

Image Juxtaposition ohne detaillierte visuelle Exploration im Mikrobereich

Eine häufige Fehlanwendung meiner Ansicht nach ist es, wenn Image Juxtaposition für zwei Bilder verwendet wird, wo es keine Vergleiche innerhalb des Bildes, also im Mikrobereich gibt. Ich meine, dass dann Agamotto besser dafür geeignet wäre.

  • Symptoms of Skin Cancer: Der Schieberegler hat bei diesem Beispiel keine Bedeutung. Es soll gezeigt werden, an welchen Stellen im Gesicht sich meistens Hautkrebs entwickelt. Image Juxtaposition wäre dann bestens geeignet, wenn zwei unterschiedliche Stadien von Hautkrebs an genau denselben Stellen gezeigt werden. Lernende könnten dann die Unterschiede in den beiden Entrwicklungsstufen studieren.
  • Sample Memorandum (Memo): Hier ist der Schieberegler sogar störend, weil sowohl die unterschiedliche Formatierung als auch der Text des Memorandums erst bei einem vollständigen Bild gelesen und gewürdigt werden kann. Geringfügig besser wäre es, wenn der Regler von oben nach unten zu verschieben ist. Dann könnten zumindest die Unterschiede im Kopf des Memorandums schrittweise und damit detailliert (also eine Zeile nach der anderen) exploriert werden.
  • Mechanische Energien: Ich weiß nicht, ob ich dieses Bild richtig interpretiere. Wenn es darum geht, zu zeigen, welche Energiepotentiale an verschiedenen Stellen im Parcour der Kugel herrschen, dann müsste meiner Meinung nach die Bilder umgedreht werden: Also von der Nichtbeschriftung zur Version mit der Beschriftung. Soll hingegen gezeigt werden, wie sich die einzelnen Energieformen (potentielle/kinetische Energie) der rollenden Kugel verändern, wäre vielleicht sogar Agamotto mit sechs Bildern (für jede Phase im Parcour) besser zu verwenden gewesen.
  • Bogen und Gradmaß: Diese kreative Anwendung hat mich von ihrer Grundidee positiv überrascht: Eine (Rechen-)Aufgabe anzeigen, deren verschiedene Rechenschritte dann schrittweise mit dem Schieberegler enthüllt werden. Der Text verlangt aber, dass die Lücken – offensichtlich auf einem eigenen Blatt Papier – gefüllt werden sollen. Dafür wäre aber eine Fill in the Blank (oder auch Advanced Fill the Blanks)-Aufgabe weit besser geeignet. Doch selbst wenn es um gedankliche Lösungen mit einem unmittelbaren Vergleich ginge, würde ich Agamotto mit Lösungsbildern dem nicht auf Fixpunkte einzurichtenden Schieberegler von Image Juxtaposition vorziehen.

Agamotto ohne visuelle Exploration im Mikrobereich

Bei der Nutzung von Agamotto sind mir zwei Fehler aufgefallen2:

  • Neil deGrasse Tyson with Jon Stewart: Einerseits wird Agamotto als Bildfolge konzipiert, die aber nicht zum Vergleichen präsentiert wird, sondern z.B. durch Sprechblasen eine Geschichte erzählt. Auch das zweite Beispiel im eCampus Ontario Horsing Around with H5P nutzt Agamotto für seine Sprechblasen-Geschichte als einfachen H5P Image Slider.
  • van Helmont, Fotosynthese: Andererseits wird Agamotto – wie ich beim Durchsehen der ZUM-Beispiele gelernt habe – häufig zum „Aufdecken“ von Lösungen benutzt. Bei diesem Beispiel ist aber nicht klar, nach welchem System einige Lösungsfelder ausgefüllt sind. Außerdem fehlen die Positionierungen (Einstellungen: „Schieberegler einrasten“ und „Bildpositionen anzeigen“), sodass unklar ist, wie wiele Bilder es gibt und wo sich die Bilder befinden.

Image Slider versus Agamotto

Wir haben gesehen, dass Agamotto teilweise als Image Slider genutzt wird. Das ist zwar durchaus möglich, birgt aber die Gefahr, dass auf das Positionieren des Schiebereglers vergessen wird. (Bei Image Slider sind die Positionen fix eingebaut und daher entsprechend der Anzahl der Bilder immer vorhanden.)

Außerdem wird ein weiterer großer Vorteil gegenüber Image Slider – nämlich eine beliebig lange Bildbeschreibung – häufig nicht genutzt. Das wäre aber eine gute didaktische Möglichkeit um Unterschiede zwischen den einzelnen Bildern/Stationen aber auch Lösungsansätze, die „aufgedeckt“ werden, detailliert zu erläutern.

Didaktische Einstellungen

Das Formular für Image Juxtaposition ist selbsterklärend. Ich beschränke mich daher auf die Einstellungen von Agamotto.

Einstellungen für visuelle Exploration mit Agamotto
Abb. 1: Für jedes einzelne Bild muss in Agamotto das oben dargestellte Formular ausgefüllt werden.

Wichtig in Abb. 1 ist der Unterschied zwischen Beschriftung und Beschreibung. Die Beschriftung wird in derselben Leiste dargestellt, in der auch die Positionen der Schieberegler vorgesehen werden. Dementsprechend ist der verfügbare Platz von der Bildschirmbreite und der Anzahl von Bildern abhängig.

Abb 2: Ausschnitt aus dem Startbild eines H5P Agamotto-Moduls. Es sind zwar keine Positionen des Schiebereglers sichtbar, trotzdem muss die Beschriftung in der schwarzen Leiste wegen der 12 verwendeten Bilder sehr kurz sein. Die Beschreibung hingegen kann beliebig lang sein.

Der dritte und letzte Screenshot zeigt die Verhaltenseinstellungen für Agamotto:

Abb. 3: Formular für Verhaltenseinstellungen von Agomotto

Zusammenfassung

Image Juxtaposition und Agamotto sind beides H5P Module, die Bildvergleiche fördern.

Bei Image Juxtaposition ist die visuelle Exploration auf zwei Bilder beschränkt, die jedoch in den einzelnen inneren Bilddetails untersucht werden können. Es ist entweder eine horizontale oder vertikale Inspektion des „darunter“ liegendes Bildes durch einen Schieberegler möglich.

Agamotto hingegen ist auf den ganzheitlichen Vergleich von zwei oder mehreren Bildern spezialisiert. Damit kann besonders gut eine Sequenz von Entwicklungen (Phasen, Stadien, Zeitpunkte) dargestellt und exploriert werden.

Agamotto hat aber darüber noch andere Eigenschaften, die es für bestimmte didaktische Szenarien empfehlenswert macht:

  • Beim mehreren Bildern entsteht Schieben ohne fixierte Positionen des Schiebereglers eine kurze Filmsequenz. Erreicht wird dieser Effekt durch das Überblenden der Bilder. Daher wird Agamotto auch als Image Blender bezeichnet.
  • Agamotto erlaubt es, dass für jedes Bild eine beliebig ausführliche Beschreibung gegeben werden kann. Damit kann dieser Inhaltstyp – auch ganz unabhängig vom Bildvergleich – eine wichtige didaktische Funktion wahrnehmen.

Beide Inhaltstypen werden (derzeit noch) unter ihrem didaktischen Wert genutzt. Einerseits weil sie sehr selten verwendet werden, andererseits weil ihre jeweilige Nutzung nicht immer der intendierten didaktischen Situation angebracht ist.

Fußnoten

  1. Soweit ich über Wikipedia herausgefunden habe, stammt die Bezeichnung „das Auge von Agamotto“ aus amerikanischen Comics, wo einer der Figuren (Doctor Strange) ein magisches Amulett mit diesen Namen trägt.
  2. Mit Entsetzen habe ich soeben festgestellt, dass es im eCampus Ontario doch zwei Beispiele mit Agamotto gibt, die ich in meiner Untersuchung offensichtlich übersehen habe ☹️.

Von Peter Baumgartner

Seit mehr als 30 Jahren treiben mich die Themen eLearning/Blended Learning und (Hochschul)-Didaktik um. Als Universitätsprofessor hat sich dieses Interesse in 13 Bücher, knapp über 200 Artikel und 20 betreuten Dissertationen niedergeschlagen. Jetzt in der Pension beschäftige ich mich mit Open Science und Data Science Education.

3 Antworten auf „H5P: Visuelle Exploration“

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