GLL-12: Von der Gesellschaft zum Kollektiv

Im letzten Kapitel zieht Latour die Schlussfolgerungen zur politischen Relevanz der ANT. Er wendet sich insbesondere gegen den Vorwurf, dass ANT eine reaktionäre Sozialtheorie sei, die „Menschen wie Objekte behandelt“ (438).

Ausgehend von meinem eher methodologischen Interesse bringt dieses Kapitel, das sich vorwiegend mit politischer Epistemologie beschäftigt, nicht mehr viel Neues. Außerdem verweist Latour hier auf seine ausführlichere Argumentation in „Wir sind nie modern gewesen“ und „Die Hoffnung der Pandora“. Ich kann mich also bei diesem Schlusskapitel ebenfalls kurz halten.

Vielfalt und Vereinigung – Mannigfaltigkeit und Einheit

Gegenüber der Kritik, dass ANT eine reaktionäre, den Menschen verdinglichende Sozialtheorie sein, hält Latour entgegen:

Wenn es eine Gesellschaft gibt, dann ist keine Politik möglich. (430)

Gemeint ist einfach, daß eine andere Rollenverteilung zwischen Wissenschaft und Politik versucht werden sollte. (431)

  1. Die kritische Soziologie verschmilzt Wissenschaft und Politik zu schnell, weil sie in allen Dingen immer das Soziale (Nr. 1) versteckt bzw. verborgen gesehen hat: Die Macht, die Verdinglichung, die Fetischisierung, die Unterdrückung, die Ausbeutung etc. Statt dessen geht es darum, dass drei verschiedene Pflichten nacheinander erfüllt werden: Zuerst gilt es (a) die Kontroversen zu entfaltet bzw. den Akteuren zu enfalten lassen, dann erst können (b) die Aktivitäten zur Stabilisierung untersucht werden um schließlich zu sehen, wie (c) die Zusammensetzung vorgenommen wird.
  2. Es geht darum einerseits die Mannigfaltigkeit der Welt (der Existenzformen) zu untersuchen und erst dann zu schauen, wie sich die Vielfalt in einer einzigen Welt versammelt. Die Gesellschaft (das Soziale Nr. 1) schließt diese Untersuchung bereits ab, indem sie den zweiten Akt als einzigen als bereits gegeben annimmt. Der Begriff der Gesellschaft ist ein statischer Begriff, der einer geschlossenen Black Box ähnelt, statt dessen geht es darum, die dynamische Versammlung nach zuzeichnen, d.h. aufzuspüren mit welchen Mitteln und wie sich das Kollektiv versammelt. Zuerst muss die Black Box geöffnet werden und die Frage aufgeworfen werden „Wie viele sind wir?“ (= Kontroversen entfalten) und erst danach kann daran gegangen werden die politische Frage „Wie können wir zusammenleben?“ zu beantworten.
  3. Weil Soziologie das Soziale Nr. 1 als statisch und dominant gegeben ansieht, hat sie einerseits immer recht, weil jeder Einwand der Akteure gerade eine Widerspiegelung dieser Macht-/Verdinglichung/Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse darstellt und ausdrückt. Andererseits hat sie aber keine politische Relevanz, weil gegenüber diesen totalitären Moloch von Gesellschaft kein aussichtsreicher Widerstand, keine Revolution möglich erscheint. Statt Ansatzpunkte für eine (schrittweise) Veränderung zu erkennen, bleibt der „kritischen“ Soziologie nur Ohnmacht, Enttäuschung und Resignation. Damit ist sie aber empirisch leer und politisch letztlich irrelevant.

Zuerst zerlegen, dann zusammenbauen – Kritische Nähe, nicht kritische Distanz

Wenn die sozialen Kräfte nicht zerlegt und analysiert werden, dann besteht auch keine Möglichkeit gegen sie etwas zu tun. Sie erscheinen überwältigend und übermächtig. Deshalb muss das „Totale“ aufgelöst, inspiziert und Unterschiede gesucht werden. Die mannigfaltigen Äußerungen der Wirklichkeit dürfen nicht weg erklärt werden, sondern müssen ernst genommen werden. „Nur in einer Welt, die aus Unterschieden besteht, machen die eigenen Handlungen ‚einen Unterschied'“. (433)

Aus diesem Grund geht es nicht darum kritische Distanz zu üben, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen uns die Dinge ganz aus der Nähe anschauen und trotzdem aber kritische Distanz bewahren. Diese Gefahr des „Going Native“ ist nicht nur für Antrophologie aktuell, sondern gilt für alle (Sozial-)Wissenschaften!

Hier gibt es zwischen Sozial- und Naturwissenschaften eine interessante Asymmetrie: Die Objekte der Naturwissenschaften können nicht so einfach weg erklärt werden oder unberücksichtigt bleiben, wie dies in den Sozialwissenschaften möglich ist. Der Widerspruch der realen Welt (wenn z.B. Experimente scheitern oder technische Entwicklungen versagen) macht sich leichter als „umstrittene Tatsache“ in der Physik, Chemie, Biologie bemerkbar, als es dies Akteure in den Sozialwissenschaften vermögen.

Diese Asymmetrie soll aber nicht verleugnen, dass auch in den Naturwissenschaften die Tendenz besteht eine vorzeitige Schließung vorzunehmen, d.h. bestreitbare Tatsachen als unbestreitbare Tatsachen darzustellen. Sie soll nur darauf verweisen, dass der Widerstand der Objekte weniger leicht wegdiskutiert werden kann, als der Widerstand der Subjekte. Wenn bestimmte Dinge  wie beobachtete Erscheinungen, Stimmen im Kopf einen religiösen Menschen zu bestimmten Handlungen bringen, dann ist es für SozialwissenschaftlerInnen leicht und einfach, diese Dinge als übernatürlich und eingebildet weg zu rationalisieren. Unbeachtet dabei aber bleibt, dass es diese Dinge in der subjektiven Welt des Akteurs wirklich gibt, sie als Akteure, die den Gläubigen zum Handeln bringen, tatsächlich existieren.

Hintern den Wörtern „sozial“ und „Natur“ lagen zwei völlig verschiedene Projekte verborgen, die quer zu diesen schlecht versammelten Versammlungen standen: eines, das Verbindungen zwischen unerwarteten Entitäten aufzeichnet, und ein anderes, das diese Verbindungen in einem irgendwie lebensfähigen Ganzen dauerhaft macht. Der Fehler besteht nicht darin, zwei Dinge gleichzeitig tun zu wollen – jede Wissenschaft ist auch ein politisches Projekt –, sondern darin, das erste Projekt aufgrund der Dringlichkeit des zweiten zu unterbrechen. Die ANT ist einfach eine Möglichkeit zu sagen, daß die Aufgabe, eine gemeinsame Welt zu versammeln, nicht ins Auge gefaßt werden kann, wenn nicht die andere Aufgabe ein gutes Stück über die engen Grenzen hinaus verfolgt wird, die ihr von der vorzeitigen Schließung des sozialen Bereichs gesteckt worden sind.“ (445)

Die traditionelle „kritische“ Soziologie überspringt die primäre Aufgabe des Einbeziehen aller bestreitbaren Tatsachen und ersetzt sie mit der nachfolgenden und daher sekundären Aufgabe des Ordnens und Sortieren. Darin aber besteht nach Latour genau der wesentliche Vorteil der ANT, nämlich davon auszugehen, dass diese „beiden Aufgaben des Einbeziehens und des Ordnens getrennt bleiben müssen.“ (440)

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