The Slow Professor: Strategies against Fast Capitalism

Berg, M., & Seeber, B. (2016). Slow Professor: Challenging the Culture of Speed in the Academy. University of Toronto Press.

Berg, M., & Seeber, B. (2016). Slow Professor: Challenging the Culture of Speed in the Academy. University of Toronto Press.

Über das Wochenende habe ich das Buch The Slow Professor Challenging the Culture of Speed in the Academy als eBook gelesen. Die beiden Autorinnen Maggie Berg (Chair in Teaching and Learning) und Barbara K. Seeger (Englisch Language & Literature, Humanities Researach Institute and Centre for Pedagogical Innovation) sind  Professerinnen an kanadischen Universitäten (Queen’s bzw. Brock University). Das Buch hat mich sehr berührt, weil es  viele Beispiele aus der alltäglichen Praxis von Professor/innen bringt, die mir alle sehr bekannt vorgekommen sind…

Fast und Slow

Ausgehend von der Slow Food-Bewegung bzw. ganz generell dem sich weltweit entwickelten Slow Movement, zeigen sie anschaulich, wie die „Corporate University“ die Lebenswelt der Academia in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend zum Nachteil verändert hat.

In the past two decades, our work has changed due to the rise in contractual positions, expanding class sizes, increased use of technology, downloading of clerical tasks onto faculty, and the shift to managerialism – all part of the corporatization of the university. (Pos. 126)

Beim Slow Movement geht es aber nicht darum, Sachen bloß langsamer zu machen oder  sich gar auf vergangene Mythen (z.B. den „Elfenbeiturm“) zu berufen. Es ist eine philosophische Anschauung, die sich dem Diktat des Kapitalismus „Time is Money“ widersetzt. Eine gute Definition von Fast und Slow (groß geschrieben) gibt Carl Honore in In Praise of Slow: How a Worldwide Movement is Challenging the Cult of Speed:

Fast and Slow do more than just describe a rate of change. They are shorthand for ways of being, or philosophies of life. Fast is busy, controlling, aggressive, hurried, analytical, stressed, superficial, impatient, active, quantity-over-quality. Slow is the opposite: calm, careful, receptive, still, intuitive, unhurried, patient, reflective, quality-over-quantity. It is about making real and meaningful connections— with people, culture, work, food, everything. The paradox is that Slow does not always mean slow. (Pos. 298) … the Slow philosophy can be summed up in a single word: balance. Be fast when it makes sense to be fast, and be slow when slowness is called for. Seek to live at what musicians call the tempo giusto— the right speed. (Pos. 308)

Not everything that counts can be counted

Abgesehen davon, dass „Fast“ ganz allgemein eine falsche Ausrichtung darstellt, wirkt sich diese Entwicklung auf Bildung und Forschung besonders katastrophal aus:

  • Wann ist denn ein Bildungsprozess abgeschlossen und was sind denn die „Produkte“, die daraus hervorgehen? „Fast“ bevorzugt eine ganz bestimmte Art von Forschung (die Suche nach neuen und anwendbaren Produkte, Prozessen, Technologien) während kritische Reflexion, Interpretation bekannter Dinge in neuem Licht vernachlässigt wird, als minderwertig gilt. Damit ist auch der relative Abstieg der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaften verbunden. (Übrigens geht damit einher auch eine weitere „Vermännlichung“ von Wissenschaft, weil der Frauenanteil in den Human- und Geisteswissenschaften größer als in den Natur- und Technikwissenschaften ist.)
  • managerialismWie kann Forschung, d.h. die Entdeckung von Neuem, sich mit Stunden kalkulieren lassen? Die ständige Ausweitung administrativer Tätigkeiten und deren Übertragung auf die Professor/innen geht unhinterfragt vom Glauben aus, dass die Methoden des Managements nicht nur wertvoll, sondern allgemein gültig sind, eine neuzeitliche Manie, die abwertend managerialism genannt wird. Hierarchie, Rechenschaft ablegen über jede noch so kleine Zeiteinheit und Messbarkeit sind die drei heiligen Götter. Aber: „Not everything that counts can be counted.“ (zitiert nach Collini, What Are Universities For?, In Slow Professor, Pos. 120).

Alle Forschenden wissen, dass sich der gewundene Forschungsprozess nicht über Zeiteinheiten alleine belegen und aufzeichnen lässt. Wer kennt das nicht: Die erste Stunde sind schnell vier Seiten geschrieben, die aber dann am nächsten Tag – wegen neuer Erkenntnisse (z.B. durch Lesen – das ja in der Fast-Welt abgewertet wird, weil keine greifbaren Ergebnisse vorhanden sind) – wieder zu revidieren sind und daher der Artikel nochmals neu begonnen werden muss.

Von wegen Accountability! Es gibt für jeden von uns Forschenden einen „Schatten-CV“, Aktivitäten, über die nicht berichtet wird, sondern die einfach unterschlagen werden.

You can’t put a good conversation on your vita. (Pos. 1221)

Aber es sind durchs wertvolle bzw. notwendige Aktivitäten, die da unterschlagen werden und weder im CV noch im Rechenschaftsbericht des Instituts, der Fakultät etc. einen Platz haben. Im Jahresbericht steht z.B.

  • nicht wie viel Zeit Kolleg/innen für gegenseitiges Feedback verwendet haben,
  • nicht, dass neue Mitarbeiter/innen eingeschult worden sind,
  • nicht, dass das vom Rechenzentrum neu eingeführte System installiert werden muss und nicht gleich funktioniert hat,
  • nicht, dass ständig verschiedene Formulare, Berichte, Bescheinigungen ausgestellt werden müssen
  • nicht, dass eine Laudatio gehalten worden ist,
  • nicht, dass eine Reihe intensiver Gremiensitzungen stattgefunden haben,
  • nicht, dass die Webseite infolge eines Neuauftritts der Universität und dem damit notwendigen „Corporate Design“ neu gestaltet werden muss,  etc. etc.

All die oben genannten Leistungen sind keine Zeile in einem professoralen C’V wert. Zumindest würde es etwas schräg klingen, wenn jemand eine Zeile in seinen wissenschaftlichen CV hinein nimmt, etwa „Mitarbeit an der neuen Webseite“ oder „250 Webseiten des Instituts auf das neue Webdesign umgestellt“. Der neue Webauftritt z.B. mag ja noch vielleicht in den Zielvereinbarungen der Universität mit dem Ministerium als Meilenstein stehen, aber diese Leistungen sind nicht für die einzelnen Professor/innen und Mitarbeiter/innen „rechenschaftspflichtig“ in dem Sinne, dass sie als Leistung berichtet werden können – obwohl sie letztlich die „Knochenarbeit“ dafür machen müssen.

Gute Diagnose aber unbefriedigende Handlungsstrategien

So genau beobachtet und charakterisiert die vielen Alltagsfälle im Buch auch sind, bei den vorgeschlagenen Lösungen, hat mich der „Slow Professor“ doch ein wenig enttäuscht. Aber vielleicht habe ich mir einfach zu viel erwartet? Die geschilderten und gut nachvollziehbaren Symptome sind Eigenschaften eines intrinsisch falschen und schädlichen Systems und können daher auch nicht durch einzelne Maßnahmen gelöst werden.

Das erste Kapitel „Time Management und Timelessness“ zeigt auf, dass die Methoden des Time-Managements keine Lösung sind, weil sie ja die Zeit in immer noch kleinere Einheiten teilen und bloß auf möglichst effiziente (wirtschaftliche) aber nicht grundsätzliche andere (richtigere, notwendigere) Arbeitsweisen hinauslaufen. Interessant dabei ist, wie stark wir diesen Zwang nach Effizienz bereits internalisiert haben. Es zeigt sich z.b. in der Scham, dass wir „bloß“ ein Buch gelesen haben, und wie bereitwillig wir uns schon die Buzzwords des Managerialism zu eigen gemacht haben: Unsere Forschung ist

“competitive, ground-breaking, cutting-edge, relatable, applicable, impactful, transferable, research cluster grant-winning, profit-generating, and easily packaged for media coverage (a photo, please!).“ (Pos. 297)

Das von Time-Management-Leitfäden häufig genannte Multitasking ist besonders schädlich und letztlich gerade nicht (wegen der notwendigen Zeiten des kognitiven Umrüstens) effizient. Also die Mails während einer Sitzung abarbeiten, beseitigt zwar den Mailstau, führt aber zu einer geistigen Abwesenheit und verminderten Aufmerksamkeit. Ganz abgesehen davon, dass damit eine gewisse Kälte und Wurstigkeit verbreitet wird. Sherry Turkle kritisiert das in „Alone together“ besonders scharf:

… in the world of paper mail, it was unacceptable for a colleague to read his or her correspondence during a meeting. In the new etiquette, turning away from those in front of you to answer a mobile phone or respond to a text has become close to the norm (161) (Pos. 1259).

Das zweite Kapitel „Pedagogy and Pleasure“ von „Slow Professor“ hingegen habe ich weniger interessant gefunden, weil die darin enthaltenen Tipps nicht neu und zum Teil aus meiner Sicht recht hausbacken sind: Enjoy your teaching, breathing, laughing, listening etc.

Das dritte Kapitel „Research and Understanding“ und vierte Kapitel „Collegiality and Community“ entschädigt dafür mit vielen Literaturhinweisen zum „akademischen Kapitalismus“, d.h. dem schädlichen Modell der Corporate University. Dazu gibt es noch in diesen Abschnitten gut vorgetragene Kritik, die zeigt, wie fatal es ist, wenn wir nicht das Prinzip des „Slow Downs“ beherzigen: Das reicht von Gesundheitssymptomen, über gereizte Stimmung (Kälte) und schlechten, lustlosen Lehr-Ergebnissen bis hin zur  fehlenden Wärme, Isolation und Vereinzelung (weil wir alle zu Hause bleiben, in der Annahme, dass wir dann – mit Unterstützung von Technologie – effizienter arbeiten können).

So faszinierend ich das Buch auch gefunden habe, hat es doch die Schwäche, dass die Alternative bloß in einer Partisanentaktik der kleinen Stiche besteht. Die Konsequenzen sollen zwar nicht nur individuell gelebt, sondern öffentlich angesprochen werden, müssen aber trotzdem mal in erster Linie als individuelle Handlungsstrategien gelebt werden müssen. Wer kann sich das – außer verbeamtete Professor/innen – schon leisten und selbst die fürchten Nachteile bei der Zuteilung von Budget oder anderer Ressourcen.

Slow Professor und Slow-Science Manifest: slow-science.org

slow-professorIch habe bei der unten stehenden Liste der Maßnahmen einen – aus meiner Sicht – falschen Zungenschlag des Slow Movement nach meinem eigenen Gutdünken abgeändert. Die Korrektur besteht darin, dass im Slow-Science Manifest ausdrücklich gegen Weblogs und Twitter Stellung genommen wird. Diese (zentrale) erste Zeile, die nicht für richtig finde, lautet: „We are scientists. We don’t blog. We don’t twitter. We take our time.“Warum ich das für falsch finde? Für mich ist gerade dieser Blog hier, jene Partisanen-Strategie, wo ich mir Zeit nehme, für Dinge die mir Spass machen und die ich aber auch für meine Arbeit wichtig finde. Auch wenn ich es nicht im CV besonders gut positionieren kann. Ich formuliere beim Bloggen meine Gedanken, gehe in mich und „take my time“, also gerade das, was vom Manifest der Slow-Sciencebei für Blogs und Twitter abgestritten wird.

Natürlich ist im Manifest das dauernde, kurzatmige und inhaltsleere gebloggere und getwittere gemeint. Blogseinträge können aber durchaus inhaltsreich sein und selbst Twitter – so versuche ich jetzt gerade neu zu experimentieren – kann Vernetzen helfen und damit dem Bilden von „Partisanen“-Communities äußerst dienlich sein. Ein Beispiel: Auf meinen Tweet: „Evolution works on the principle of survival of the fittest, not the fastest.“ erhielt ich eine Einladung mich an der Gruppe Everything Evolution zu beteiligen.

Nachfolgend also nun die von mir redigierte Liste von Partisantaktiken, wie ich sie im vom „Slow Professor“ vorgefunden und verstanden habe:

  • Vermeide publicatio preacox, lieber weniger publizieren, dafür aber qualitativ besser. Oft kommt man/frau mit dieser Strategie sogar schneller zum Ziel, z.b. wenn der eingereichte Artikel zurückgeworfen wird und dabei viel Zeit „verloren“ gegangen ist. (Was eigentlich bei einem inhaltlich guten Feedback einen Lerneffekt bedeutet und gar nicht als verlorene Zeit gelten dürfte!)
  • Hallo Schatten-CV! Sprich über all die Dinge, Umwege, Erfahrungen die nicht der Karriere dienen, also keine Zeile im CV darstellen, trotzdem aber nützlich bzw. wertvoll sind.
  • Stöbere in der Literatur!, weil dies manchmal nicht nur neue Ideen bringt, sondern auch unerwartete Zusammenhänge aufdeckt. Gemeint ist hier v.a. echte Literatur, nicht online-Postings oder veröffentlichte Artikel in sogenannten „Impact-Journalen“, die genau zum eigenen Forschungsthema passen. Es gibt hierzu eine interessante statistische Untersuchung von

James A. Evans, in “Electronic Publication and the Narrowing of Science and Scholarship,” [he] shows that “as journal archives came online, either through commercial vendors or freely, citation patterns shifted. As deeper backfiles became available, more recent articles were referenced; as more articles became available, fewer were cited and citations became more concentrated within fewer articles” (398) (Pos. 1139) … searching online is more efficient and following hyperlinks quickly puts researchers in touch with prevailing opinion, but this may accelerate consensus and narrow the range of findings and ideas built upon (395) (Pos.1142)  … Evans, in his article on the effects of digitalization on scholarship, posits that “modern graduate education parallels this shift in publication – shorter in years, more specialized in scope, culminating less frequently in a true dissertation than an album of articles” (398) (Pos. 1173).

  • Lies einfach! (Just read it): Lassen wir uns nicht die Freude am Lesen nehmen! Lesen ist für viele Humanwissenschaften eine essentielle Forschungstätigkeit, auch wenn sie nicht gut medial vermittelbar ist. Wenn wir für Zeitungen interessante Forschungsaktivitäten darstellen sollen, ist es für Geisteswissenschaftler/innen schwer etwas publikumswirksames aufzubieten. Ein Großteil ihrer Forschungsaktivitäten besteht im Lesen…
  • Sei selbstreflexiv und sprich darüber, d.h. wende Deine Forschungsmethoden auch bei der Untersuchung des eigenen Faches an. Untersuche die Machtverhältnisse, Netzwerke und strukturelle Bedingungen unter denen Du Deine Arbeit verrichtest. Damit soll verhindert werden, dass die auftretenden Probleme bloß als individuelle Schwächen abgetan werden.
  • Folge Deinen eigenen Forschungsinteressen, sei entspannt … und schreib/lies weiter! Das mag absurd klingen, weil die Konkurrenz nicht schläft und der Tag der Abrechnung (der Impact Points) sicherlich kommt. Diesen Tipp können sich – auch wenn das folgende Zitat stimmen mag – nur Leute in gesicherten Positionen leisten.

“The neoliberal agenda,” as argued by Fanghanel among many others, “stands at odds with ideals of discovery, enquiry and intellectual advancement that academics may attach to the research endeavour” (82).(Pos. 1188).

  • Setze auf Freiwilligkeit: „If you want an event to be joyless, make it mandatory.“
  • Riskiere Offenheit: Sprich auch über Deine Umwege, Rückschläge, aber nicht um zu jammern, sondern um mitzuteilen, dass Du zwar keine verwertbaren (messbaren) Fortschritte, aber doch sehr wichtige Erkenntnis gewonnen hast.
  • Sprich darüber, was Dir fehlt: Wenn wir darüber aussprechen,  was uns individuell abgeht, dann können wir – trotz aller Unterschiede – Gemeinsamkeiten feststellen, woran es uns allen mangelt, was anders sein müsste.
  • Und letztlich: Gib niemals die Hoffnung auf…

Gemeint ist hier, dass sich – wenn die obigen Handlungsstrategien beachtet werden – nicht nur Nischen ergeben, sondern Gleichgesinnte gefunden werden. Kolleg/innen, die sich gegenseitig stärken und zuerst bloß als Subkultur ihr Eigenleben pflegen, können manchmal – wenn sie stark genug sind – auch einen Kulturwechsel herbeiführen.

Tja, ich weiß nicht so recht. Einige dieser Tipps für den „Slow Professor“ klingen zwar schön, aber haben wir viele davon nicht schon immer (wieder) probiert? Vielleicht aber ist einfach die Zeit nun „reif“, weil die Defizite und Defekte der „Corporate University“ bereits viel deutlicher geworden sind und weil sich gleichzeitig zeigt, dass Fast Capitalism insgesamt ein Systemfehler ist, wo nicht nur einzelne Symptome behoben werden müssen, sondern grundsätzlich  Alternativen entwickelt werden muss. Das zumindest zeigen verschiedene Initiativen, wovon ich heute gerade wieder eine (für mich ein neues Projekt, das es aber schon seit einem Jahr in den USA gibt) kennengelernt habe: The Next System Project.

Ein Bild des Eröffnungsvideos aus thenextsystem.org

Aus dem Eröffnungsvideo von The Next System Projekt

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Ein Kommentar zu The Slow Professor: Strategies against Fast Capitalism

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