Pressefreiheitsindex – ein Vierteljahrhundert des Niedergangs

Der Durchschnittswert des Pressefreiehitsindex über alle 180 Länder und Gebiete hinweg ist so niedrig wie noch nie seit Beginn des Index im Jahr 2002. Zum ersten Mal in der Geschichte des Index fallen mehr als die Hälfte der Länder und Gebiete der Welt in die Kategorien „schwierig“ oder „sehr ernst“ – gegenüber 13,7 % im Jahr 2002. Der Anteil der Weltbevölkerung, die in einem als „gut“ eingestuften Land lebt, ist von 20 % im Jahr 2002 auf weniger als 1 % heute eingebrochen.

Mit KI-Unterstützung habe ich eine interaktive Website zur Analyse der Pressefreiheit (Pressefreiheitsindex) entwickelt. Als Grundlage für die Visualisierung habe ich die jährlich publizierten Daten von Reporters Sans Frontières (RSF) aufbereitet und in einem eigenen R-Paket pressfreedom.data veröffentlicht. Die technischen Details habe ich zusammen mit meinen Lernerfahrungen in einer Artikelserie auf meinem englischen Weblog veröffentlicht (siehe: Encoding Resilience, When Data Cleaning Becomes Decision-Making und Automation versus Judgement Calls). Hier möchte ich einige inhaltliche Ergebnisse einer vorläufigen Datenanalyse berichten.

Pressefreiheitsindex 2026: Niedrigster Wert seit 25 Jahren

Im April 2026 veröffentlichte RSF seinen 25. World Press Freedom Index.Und obwohl sich die Methodologie der Indexberechnung mehrmals geändert hat, lässt sich feststellen: Der Durchschnittswert über alle 180 Länder und Gebiete hinweg ist so niedrig wie noch nie seit Beginn des Index im Jahr 2002. Zum ersten Mal in der Geschichte des Index fallen mehr als die Hälfte der Länder und Gebiete der Welt in die Kategorien „schwierig“ oder „sehr ernst“ – gegenüber 13,7 % im Jahr 2002. Der Anteil der Weltbevölkerung, die in einem als „gut“ eingestuften Land lebt, ist von 20 % im Jahr 2002 auf weniger als 1 % heute eingebrochen.

Die von mir aufbereiteten Daten seit 2013 (als die auch noch heute geltende Methodologie der Evaluierung eingeführt wurde) zeigen den Trend sehr deutlich: Jede Zone verzeichnet in diesem Zeitraum einen Rückgang; keine Zone bleibt von dem Trend verschont, selbst in den Jahren, in denen der Weltdurchschnitt etwa stabil bleibt. Aber der Verlauf ist kein glatter Abstieg – von 2013 bis 2021 sinkt der Weltdurchschnitt jedes Jahr um etwa einen Punkt, und dann unterbrechen zwei schärfere Einbrüche dieses Muster: 2021→2022 und 2023→2024. Beide sind im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren so groß, dass sie als eigenständige Ereignisse und nicht nur als Fortsetzung des zugrunde liegenden Trends betrachtet werden sollten.

Pressefreiheit: Wo steht die Welt heute?

Bereits 2008 habe ich zur schlechten Lage der Pressefreiheit in diesem Blog geschrieben und zu einer Cyberdemonstration aufgerufen. Inzwischen hat sich die Situation wesentlich weiter verschlechtert:

RSF teilt die Punktzahl jedes Landes in fünf Kategorien ein:

  • Gut (85–100),
  • Zufriedenstellend (70–85),
  • Problematisch (55–70),
  • Schwierig (40–55) und
  • Kritisch (0–40).

Die Abbildung der Scores von 2026, die mit diesen Kategorien eingefärbt wurde, zeigt, wie viel der Welt nun in den unteren beiden Bereichen liegt: Die Karte macht die Statistik „mehr als die Hälfte der Welt“ greifbar: Die roten und orangefarbenen Kategorien erstrecken sich über weite Teile Osteuropas, Zentralasiens, des Nahen Ostens sowie große Teile Afrikas und Asiens, während die grünen Bereiche auf Nord- und Westeuropa sowie einige Außenposten (Kanada, Teile Ozeaniens sowie wenige Länder in Lateinamerika und Afrika) konzentriert sind.

RSF-Analyse des Pressefreiheitsindex

RSFs eigene Analyse für 20261 lautet, dass sich die Mechanismen des Niedergangs diversifiziert haben. Die klassischen Instrumente – Inhaftierung, Gewalt, direkte Zensur – sind nicht verschwunden, werden aber nun durch subtilere, gesetzliche und wirtschaftliche Druckmittel ergänzt, die selbst in die etablierten Demokratien vordringen.

Kriminalisierung durch Gesetze

RSF nennt den rechtlichen Indikator als den schärfsten Einzelverursacher für den Niedergang des Pressefreiheitsindex in diesem Jahr, der in mehr als 60 % der 180 verfolgten Länder schlechter geworden ist. Vieles davon läuft über nationale Sicherheits-, Verleumdungs- und Notstandsgesetze – Gesetze, die ursprünglich für andere Zwecke beschlossen wurden, nun aber als Nebeneffekt zur Verfolgung des Journalismus eingesetzt werden. RSF beschreibt dies als ein 25-jähriges Erbe der Ausweitung des nationalen Sicherheitsrechts nach 9/11, das nun einen Wendepunkt erreicht hat. Strategische Klagen gegen die öffentliche Beteiligung (SLAPPs) – kostspielige Rechtsstreitigkeiten, die darauf abzielen, einzuschüchtern, anstatt zu gewinnen – sind Teil desselben Musters, und RSF stellt fest, dass sie sich von einer Handvoll Ländern auf viele ganz unterschiedliche andere Länder ausgeweitet haben wie z. B. Bulgarien, Guatemala und Frankreich.

Politische Feindseligkeit durch gewählte Führungspersönlichkeiten

Mehrere der steilsten nationalen Rückgänge des Pressefreiheitsindex 2026 sind darauf zurückzuführen, dass Regierungschefs die Presse als Gegner und nicht als Kontrollinstanz behandeln. Die Vereinigten Staaten sind um sieben Plätze gefallen, was RSF auf eine „systematische Politik“ der Angriffe auf Journalisten und Presseinstitutionen durch den US-Präsidenten zurückführt. Argentinien unter Javier Milei und El Salvador unter Nayib Bukele verzeichneten beide signifikante Rückgänge, die spezifisch auf eine Verschlechterung politischer und sozialer Indikatoren zurückzuführen sind – nicht auf Konflikte oder wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern auf Regierungen, die Kritik als etwas behandeln, das bestraft werden muss.

Wirtschaftlicher Druck und Plattformabhängigkeit

Die breitere Analyse von RSF über die letzten 25 Jahre nennt räuberische wirtschaftliche Akteure und unregulierte Online-Plattformen neben autoritären Staaten als direkt verantwortlich für den Niedergang – Medienhäuser, die durch schrumpfende Werbeeinnahmen unter Druck geraten und zunehmend von Plattformen abhängig sind, deren Anreize nicht mit dem unabhängigen Journalismus übereinstimmen.

Bewaffnete Konflikte

Wo Kriege wüten, bricht die Pressefreiheit am schnellsten und sichtbarsten zusammen. Seit Oktober 2023 wurden mehr als 220 Journalisten im Gazastreifen durch das israelische Militär getötet, mindestens 70 davon während ihrer Arbeit. Der anhaltende Bürgerkrieg im Sudan hat laut RSF den unabhängigen Journalismus dort fast ausgelöscht. Und der steilste einzelne Länderabfall im gesamten 2026-Pressefreiheitsindex – Niger, mit einem Rückgang um 37 Plätze – spiegelt einen breiteren Zusammenbruch in der Sahelzone wider, wo Militärjuntas und bewaffnete Gruppen Sicherheitsgesetze nutzen, um die unabhängige Berichterstattung auszuschließen.

Nicht neu, aber gleichzeitig

Keiner dieser vier Mechanismen ist an sich neu. Was das Jahr 2026 laut RSF auszeichnet, ist, dass sie gleichzeitig wirken – sowohl in Demokratien als auch in Autokratien –, was auch der Grund dafür ist, warum der Gesamtwert selbst in Jahren ohne eine einzelne dominante Krise stetig sinkt.

Wer die Daten zum Pressefreiheitsindex selbst explorieren möchte, dem ermöglicht die begleitende Shiny-App das Eintauchen in einzelne Länder und Zonen. Wer sich mit R auskennt, kann auch das pressfreedom.data-Paket herunterladen und eigene Auswertungen mit dem standardisierten Datensatz durchführen.

  1. Der Pressefreiheitsindex wird von RSF immer im Mai/Juni veröffentlicht und bezieht sich auf das vergangene Jahr. Wenn wir also vom Index 2026 sprechen. bezieht sich der Wert auf das Jahr 2025. ↩︎

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