MOOC-Diskussion: Metatheoretische Anmerkungen

Aus Anlass einer von mir angestoßenen Diskussion über MOOCs stellt der nachfolgende Artikel metatheoretische Anmerkungen dar. Ich befasse mich dabei mit soziale Erklärungmodellen, insbesondere den Zusammenhang von Mikro-Ebene (=Individuum) und Makro-Ebene (=Gesellschaft).

Ehrlich gesagt war ich ein wenig erstaunt, ja sogar erschrocken, dass mein (verspäteter) Beitrag MOOCs: Überzogene Kritik und überzogene Erwartungen zu zwei MOOC-Referaten von der Campus Innovation Tagung 2012 so viele – und zum Teil recht heftige – Reaktionen hervorgerufen hat. Ich habe ja schon öfters über verschiedene Sachen nachgedacht und geschrieben und das hat nur begrenzte Aufmerksamkeit erzeugt und war kaum Stoff für erregte Diskussionen. 😳

Zuerst habe ich geglaubt, dass es damit zusammenhängt, dass dieser Artikel mein erstes Posting in der WordPress-Version meines Weblogs war, weil ich vorher (in Plone) alle Trackbacks und Pingbacks wegen Spam-Attacken abschalten musste. Meine – zugegebenerweise sehr naive – Vermutung war, dass es auch früher schon solche Diskussionen gab, ich aber davon gar nicht mitbekommen habe 🙄 . Tatsächlich war das Plone-Weblog so etwas wie ein Blindflug: Ich habe das Schreiben in Plone-„Gedankensplitter“ in erster Linie zum Nachdenken und Ausformulieren meiner Positionen genutzt und weniger zum Diskurs mit der Community. Das wird übrigens wahrscheinlich auch bei WordPress-„Gedankensplitter“ so sein, weil ich mich der zeitlichen Unmittelbarkeit und der damit erforderlichen raschen Reaktion des virtuellen Diskurses aus beruflichen Gründen nicht unterwerfen kann und auch nicht will.

Inzwischen bin ich jedoch der Auffassung, dass andere Gründe für die (zumindest für mich) überraschend heftige Reaktionen verantwortlich sind. Ich hätte – früher oder später – auch beim Plone-Weblog etwas von der diskursiven Aufregung mitbekommen. Wenn schon nicht über Pings, dann über Twitter, Mail oder über direkte Hinweise meiner MitarbeiterInnen, KollegInnen oder  Freunde. Offensichtlich muss ich da in irgendein inhaltliches Minenfeld getreten sein indem ich (unbewusst) einen extrem empfindlichen bzw. sensiblen Punkt angesprochen habe.

Dass ich kritische Kommentare von Rolf Schulmeister (persönlich über Mail) und von Joachim Wedekind (öffentlich über Twitter) bekommen habe, habe ich erwartet. Es ist immer grenzwertig bzw. mit Risiko behaftet, wenn eine inhaltliche Auseinandersetzung sich auf – zwar öffentlich gemachte – aber doch persönliche Aussagen bezieht. Ich habe mir diese Freiheit herausgenommen (die hoffentlich nicht als Frechheit interpretiert wird), weil ich sowohl Rolf als auch Joachim jahrelang – nein jahrzehntelang! – kenne und über die Jahre aus der beruflichen Zusammenarbeit und Wertschätzung auch Freundschaft entstanden ist. (Das trifft übrigens auch für Claudia Bremer, die ich ja ebenfalls in meinem Beitrag persönlich erwähnt habe, zu.)

MOOC-Diskussion: Zusammenhang von Mikro- und Makro-Ebene

Nach dieser langen Vorrede: Worin besteht nun dieser neuralgische Punkt, den ich in meinem Beitrag unwissentlich getroffen habe? Ich glaube, dass die Aufregung mit dem Dualismus bzw. mit dem Zusammenhang von Mikro- und Makroebene in sozialen Erklärungsmodellen zusammenhängt.

  • Auf der einen Seite (Mikroebene) gibt es die  erkenntnistheoretischen Haltung des sogenannten methodologischen Individualismus. Darunter wird die Position verstanden, dass gesellschaftlichen Phänomene auf der Makroebene sich aus der Summe von individuellen Verhaltensweisen bzw. Handlungen erklären lassen. Danach wäre z.B. Neoliberalismus (oder auch konkreter: neoliberale Geschäftsmodelle von MOOC-Kursen) nicht nur auf die Handlungen von Individuen rückführbar, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen müssten beim einzelnen Menschen ansetzen (z.B. wenn argumentiert wird, dass durch entsprechende individuelle Motivation oder Überzeugungsarbeit die 90-9-1 Regel bei Großveranstaltungen außer Kraft gesetzt werden sollte).
  • Auf der anderen Seite (Makroebene) wird umgekehrt individuelles Handeln durch die Prägung und Strukturierung gesellschaftlicher (Sub-)Systeme zu erklären versucht. Der einzelne Mensch wird dann z.B. bloß als eine Charaktermaske bzw. die Personifizierung ökonomischer Verhältnisse (Karl Marx) gesehen oder – in einer anderen Version – bloß als der „Träger“ einer Rolle interpretiert (Talcott Parson), aus der sich die individuellen Handlungen ableiten lassen. Unter diesem Erklärungsmodell ist es beispielsweise eine folgerichtige Argumentation, dass MOOC-Kurse nicht viel taugen können, weil sie nur die weitere Zuspitzung bzw. Realisierung kapitalistischer Marktmechanismen darstellen, sozusagen nur als weiterer Meilenstein in der neoliberalen Tendenz zur Ökonomisierung von Bildung zu interpretieren sind.

Der Zusammenhang zwischen Mikroebene (Handlungen von Menschen) und Makroebene (gesellschaftliche Phänomene) war schon immer ein zentrales Problem mit der sich viele „große“ Soziologen auseinander gesetzt und Lösungsvorschläge angeboten haben. Sei es Jürgen Habermas mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns und dem Zusammenspiel bzw. Gegensatz von System und Lebenswelt , Anthony Giddens mit seiner Strukturationstheorie oder Pierre Bourdieu mit seinem Habituskonzept: Immer wird versucht ein Erklärungsmodell zu entwickeln, das nicht auf einen einfachen und unidirektionalen Durchgriff von Mikro- auf die Makroebene bzw. umgekehrt beruht. Häufig wird dazu auch eine Zwischenebene (Meso-Ebene) postuliert, wie es z.B. das Habituskonzept darstellt.

In meinem Beitrag von voriger Woche habe ich eigentlich nichts anderes versucht als  diese komplexe Verknüpfung von Mikro- zu Makro-Ebene zu beachten und mögliche Lösungswege für gesellschaftliche Handlungsstrategien auf der Meso-Ebene vorgeschlagen.

Objektive Einschränkungen nicht missachten

Gegenüber den – aus meiner Sicht zu optimistischen – Erwartungshaltungen von Wedekind/Bremer habe ich argumentiert, dass bestimmte objektive Bedingungen einer hohen didaktische Qualität und Vielfalt bei Massenveranstaltungen, beispielsweise intensive didaktische Interaktionen wie wir sie aus Kleingruppen kennen, entgegenstehen. Ich habe das nicht ausdrücklich gesagt, aber ich bin natürlich der Auffassung, dass ein qualitativ hochstehendes didaktisches Arrangement  kostenintensiv sein wird und daher durch entsprechende Rentabilitätsüberlegungen in unserer kapitalistischen Gesellschaftsformation wenig Chancen auf Realisierung hat. Das kann auch der – sicherlich gut und aufrichtig gemeinte – Enthusiasmus Einzelner nicht ändern, der sich dann in der Begründung seiner Hoffnungen quasi automatisch – wenn auch unbewusst – der Erklärungsschablone des methodologischen Individualismus bedienen muss.

Aus der empirischen Sozialforschung wissen wir, dass Hilfeleistungen z.B. bei Unfällen eher dann erfolgen, wenn nur ein einzelner Mensch oder sich gegenseitig kennende Personen in der Nähe sind als wenn eine viele sich  gegenseitig nicht kennender PassantInnen den Vorfall beobachten. Es existiert zwar ein individuelles potentielles Engagement, das aber bei einer größeren Zahl von Menschen nur dann realisiert werden kann, wenn jemand die einzelnen Menschen anspricht und die „erstarrte Situation“ auflöst indem Rollen verteilt werden: Zum Beispiel: „Sie da rufen den Krankenwagen und Sie dort stellen das Warndreieck auf!“1

Ganz wesentlich für meine Argumentation zu den motivationalen Begrenzungen bei MOOCs (um beispielsweise eine Verbesserung der 90-9-1 Regel zu erreichen) ist es, dass  für die erfolgreiche Motivation zur Kooperation bzw. zur aktiven Partizipation am Lernprozess als Co-Lehrende ein gewisses Maß an gegenseitiger Wahrnehmung (meistens durch Sichtkontakt) hilfreich ist.2 Es ist nicht ausgeschlossen, dass selbst in Situationen, wo sehr viele Menschen zusammen kommen, einige wenige helfen, bzw. aktiv sind. Deshalb heißt es ja auch 90-9-1 und 100-0-0 Regel. Doch wird es mit zunehmender Anzahl von (Un-)Beteiligten immer schwieriger ein gutes Partizipationsverhältnis von engagierten Personen zu erreichen.

Evidenzbasierte Forschung ist in diesem Zusammenhang sehr heilsam, weil sie uns vor überzogenen Erwartungen schützt: Ich erinnere in diesem Zusammenhang auf die empirische Untersuchungen von Rolf Schulmeister zu E-Learning Arrangements in den USA. Er weist dabei nach, dass E-Learning keineswegs die Tür für didaktische Innovationen geöffnet hat, sondern sich vor allem als Paukerkurse (Remedial Learning) etabliert hat3 Wie enttäuscht waren wir – mich eingeschlossen – über diese Nachricht und haben darauf mokiert reagiert. Oder welche Aufregung haben erst seine Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs erzeugt!4. Nicht die schlechte Botschaft wurde kritisch aufgenommen, sondern der Überbringer der Botschaft wurde kritisiert…

Es ist methodologischer Individualismus der uns dazu verleitet unsere gut gemeinten Hoffnungen und Erwartungshaltungen zu überschätzen und die Tendenz stärkt, dass wir unsere Augen vor der objektiven Realität und ihren strukturellen Schwierigkeiten verschließen.

Subjektive Handlungsstrategien nicht überbetonen

Gegenüber Rolf Schulmeister wiederum habe ich in meinem MOOC-Beitrag eingewandt, dass nicht nur die (subjektiven) Ziele der BetreiberInnen von MOOCs kritisch zu betrachten sind, sondern dass es unabhängig davon auch objektive Potentiale von MOOCs gibt, die genutzt bzw. gestärkt werden sollten. Man kann und soll sich kritisch dazu äußern, dass MOOC-Provider eine Hochschulausbildung „für das Volk“ anstreben, dass aber die Realität anders aussieht. Nur sollte man dabei nicht vergessen – dass unabhängig davon was subjektiv einzelne Leute meinen –, es auch objektive Potentiale gibt, die davon relativ unabhängig sind.

Mit meinen Hinweis zu „volksbildnerischen“ Potentialen von MOOCs wollte ich gar nicht in erster Linie – wie mir verschiedentlich unterstellt wurde – eine politische Einschätzung und Positionierung von MOOCs vornehmen. Das wäre in der Tat ein wenig simpel. Ich wollten den Hinweis nur im Zusammenhang mit der Kritik, dass die didaktische und inhaltliche Realität von MOOCs keiner qualitativ hochstehenden Ausbildung entspricht, verstanden wissen. Ich wollte damit Kritikpunkte wie beispielsweise, dass MOOCs häufig kein weitergehendes Curriculum haben, dass die Überprüfung des Lernerfolgs und damit die Zertifizierung schwierig ist usw. relativieren. Ich wollte damit quasi als Gedankenexperiment vorschlagen eine andere (niedrigere) Messlatte einziehen, die nicht von den überzogenen werbewirksamen Sprüchen der MOOC-Betreiber dominiert wird. Dann wird nämlich deutlich, dass es objektive Potentiale gibt, die aber nicht so hoch angesiedelt sind, wie einige Leute bzw. Firmen es behaupten.

Nach wie vor glaube ich, dass die Forderung, dass alle Materialien von MOOCs prinzipiell immer weiter öffentlich zugänglich bleiben sollen, eine gesellschaftskritische Position stärken könnte. Weil MOOCs bereits laut Definition den massenhaften offenen Zugang erfordern, steckt darin ein objektives gesellschaftliches Potential der Stärkung von freien Bildungsressourcen. Wie sich nämlich MOOCs entwickeln ist unter anderem auch eine Frage der gesellschaftlichen Zuschreibung und der damit verbundenen kollektiven Erwartungshaltungen.

Dieser letzte Absatz scheint ein Widerspruch in meiner Argumentation zu sein: Zuerst kritisiere ich, dass objektive Einschränkungen nicht missachtet werden dürfen, dann wiederum fordere ich dazu auf, dass wir diese Beschränkungen überwinden sollen. Die (Auf-)Lösung dieser scheinbar widersprüchlichen Beweisführung liegt darin, dass es sich im einen Fall um gesellschaftliche Verhältnisse auf der Makro-Ebene, das andere Mal um die soziale Struktur auf der Meso-Ebene handelt. Selbstverständlich bilden sich aus Verhaltensweisen und Verhaltungserwartungen soziale Strukturierungen heraus. Aber das ist nicht ein unidirektionale Angelegenheit, weil diese Erwartungen selbst wiederum die Strukturen befördern oder einschränken können.

Trotz dieser sozialkonstruktivistischen Sichtweise, kommt immer wieder ein konservatives, ein beharrendes, gesellschaftliche Entwicklungen entschleunigendes Moment ins Spiel: Die gegenseitigen Erwartungen bremsen die Variationsmöglichkeiten. Alle soziale Handlungen sind in diesem Sinne an Erwartungs-Erwartungen gebunden, die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzen… ((ebenda, S.37)

Zusammenfassung

Im Übrigen hat sich die Community zu diesem Teil meiner Kritik wenig mokiert. Es war vor allem die mit dem methodologischen Individualismus verbundene und von mir kritisierte Hoffnung, dass objektive Verhältnisse alleine durch individuell motivierte Handlungsstrategien unterlaufen bzw. geändert werden können, die den Protest ausgelöst hat.

Und das ist auch verständlich, nachvollziehbar und letztlich auch sympathisch: Wer möchte von uns nicht gerne gerechtere soziale Verhältnisse, höher qualitative und weiter verbreitete Bildung etc. haben? Nur glaube ich, dass von wohlmeinenden subjektiven Wünschen alleine keine gesellschaftlichen Änderungen entstehen. Wir müssen uns vielmehr – sehr wohl anknüpfend an individuellen Potentialen – Strategien auf der Meso-Ebene überlegen, die nicht nur unseren subjektiven Wünsche auf der Makro-Ebene förderlich sind sondern auch eine objektive Grundlage haben. Die Forderung nach freien Zugang von Bildungsressourcen (Open Educational Ressources, OER) auch nach dem MOOC-Kurs könnte vielleicht solch eine Funktion erfüllen.

  1. zitiert nach Stegbauer, Christian, Alexander Rausch, Elisabeth Bauer und Victoria Kartashova. 2009. Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation. 2009. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.40-43 []
  2. ebenda: s.47 []
  3. Rolf Schulmeister: eLearning in the USA: The Standard? The Benchmark? http://eleed.campussource.de/archive/3/688 []
  4. In: P. Bauer, H. Hoffmann & K. Mayrberger (Hrsg.): Fokus Medienpädagogik – Aktuelle Forschungs- und Handlungsfelder. Festschrift für Stefan Aufenanger kopaed: München 2010, S. 317-347 []

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11 Kommentare zu MOOC-Diskussion: Metatheoretische Anmerkungen

  1. Lisa Rosa sagt:

    Vielen Dank für die ausführliche Lektion!
    Da ich bisher die einzige war, die auf Ihr MOOC-Posting im Blogkommentar kontra gegeben hat, die anderen „oft heftigen Reaktionen“ hier ja gar nicht öffentlich zu sehen waren … Gehe ich recht in der Annahme, dass dieses Post eine Antwort auf meine Einwände darstellt?
    Ich muss gestehen, ich fühle mich gar nicht „beantwortet“. Denn weder sind meine Kommentare „emotional heftig“, noch bin ich „enthusiastisch“. Und wie ich schon versuchte klarzustellen, gehe ich nicht mit der Haltung „Die Welt als Wille und Vorstellung“ ran. Ich „glaube“ nicht, dass man dem 90-9-1″Gesetz“ mit Enthusiasmus entgegentreten muss, sondern ich halte sie schlicht für kein Gesetz – nicht im Sinne eines Naturgesetzes oder eines Gesellschaftsgesetzes, das kontextfrei und kulturhistorisch unbestimmt quasi als anthropologische Konstante wirkt – wie es mir auch hier wieder gemeint zu sein scheint.
    Man muss ja nicht den Subjektivismus vermeiden, indem man die Falle des Positivismus betritt. Man kann ihn nur vermeiden, indem man historisch denkt.
    Dann wäre die Aussage, dass etwas „nicht rentabel“ sei, natürlich sofort zu hinterfragen: Für wen?
    Und selbst, wenn man in den Grenzen des betriebswirtschaftlichen Rechnens bliebe, gibt es doch auch dort die Unterscheidung zwischen Effektivität („es wirkt“) und Effizienz („unter der Maßgabe einer kurzfristigen Gewinnerzielung rechnet es sich“).

    Aber die Gesellschaft ist kein Betrieb. Es rechnet sich eben nicht, wenn wir unsere Ressourcen nicht nachhaltig behandeln, sondern dem kurzfristig realisierbaren Gewinn zum Opfer werfen. Der einzelne Betrieb darf und muss zuweilen sogar verschwinden – weil das Kapital nicht an ihn gebunden ist. Die Gesellschaft darf nicht verschwinden oder im Chaos versinken – denn mit ihr würde auch das menschliche Leben untergehen. Sie darf und muss sich jedoch wandeln, um die Menschheit zu erhalten. Und damit sind wir bei der Historizität, die eine positivistische Sichtweise nicht enthält.
    Es mag Zeiten geben, da reicht es aus, die Welt, die Gesellschaft, die herrschende Praxis für unveränderlich und anthropologisch konstant gegeben zu halten. Das sind Zeiten der Konsolidierung, in denen solche ahistorische Illusionen nicht zu viel Schaden anrichten. Aber in unserer Zeit, einer Zeit des Wandels und vor allem großem Wandlungsdrucks, ist Historizität ein unverzichtbares Element in der Methodologie des Erkennens.
    Und es geht in meinen Augen auch weniger um ein Micro entgegen einem Makro dort, sondern um ein Big Picture, in dem die Komplexität durch zunehmenden Vernetzung des vordem Ausdifferenzierten sichtbar wird. Wenn ich recht verstanden habe, ist die Mikro/Makro- Sache bei Ihnen ein Äquivalent für die Unterscheidung zwischen sozialen Systemen und ihren Teilnehmern? Letzteres ist für mich auch eine wesentliche Unterscheidung! Wie sich Systeme bei Bedarf – wegen veränderter Systemumwelt – radikal verändern können, beschreibt ja grade die zeitgenössische nach-Luhmannsche Systemtheorie. Willke u.a. verstehen sie gerade nicht positivistisch als ewige Reproduktion immer gleicher Praxis.
    Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass das bisherige Verständnis von „Wachstum“ und von „Lernen“, wenn es sich nicht ändert (in der Praxis von Systemen und Individuen), in absehbarer Zeit zur Selbstvernichtung aller Systeme führen wird. Wenn wir also nicht lernen ANDERS zu „rechnen“, als im Effizienzmodus der Betriebswirtschaft, dann wird es möglicherweise nichts mehr zu rechnen geben.

  2. Peter Baumgartner sagt:

    Mein Beitrag war eigentlich nicht als „Lektion“ gedacht, sondern um mich selbst über meine Argumentation zu versichern und sie schriftlich zu formulieren. Ich hatte auch nicht in erster Linie Ihre Kommentare auf meinem Weblog dabei im Blick. Einer „metatheoretischen“ Anmerkung entsprechend habe ich mich nicht direkt auf wörtliche Zitate (in Twitter bzw. in Weblogs) bezogen, sondern meine Position allgemein dargestellt. Ob sich wer angesprochen fühlt oder nicht, war mir nicht so wichtig.

    Ich kann mich mit ihrem neuen Kommentar anfreunden, aber es wäre interessant die Frage aufzuwerfen: Na und? Was resultiert aus Ihrer Position?

    Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass das bisherige Verständnis von “Wachstum” und von “Lernen”, wenn es sich nicht ändert (in der Praxis von Systemen und Individuen), in absehbarer Zeit zur Selbstvernichtung aller Systeme führen wird. Wenn wir also nicht lernen ANDERS zu “rechnen”, als im Effizienzmodus der Betriebswirtschaft, dann wird es möglicherweise nichts mehr zu rechnen geben.

    Wenn wir (beide) davon ausgehen, dass unsere Gesellschaftsformation durch gewisse Gesetzmäßigkeiten geprägt ist (z.B. durch die Akkumulation des Kapitals und dem dazugehörigen Streben nach Profit), wie kann sich dann ein anderes System, eine Alternative durchsetzen? – Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine Frage, die mich bewegt und auf die ich so leicht keine Antwort weiß. Mein gestriger Beitrag war der Versuch Überlegungen dazu anzustellen, mehr nicht.

    Ich gehe übrigens auch nicht davon aus, dass die 90/10/1 Regel ein Gesetz ist, jedoch ein empirisches Faktum, das wir in Betracht ziehen müssen und nicht ignorieren oder wegwischen dürfen.

  3. Lisa Rosa sagt:

    Ah, danke für die Klärung! (Aber Lektionen müssen ja nicht schlecht sein!) Und es sieht ja so aus, als gingen wir in vielem ähnlich an die Sachen ran, wenn es um das Verständnis geht.
    Was die Frage betrifft:
    „Wenn wir (beide) davon ausgehen, dass unsere Gesellschaftsformation durch gewisse Gesetzmäßigkeiten geprägt ist (z.B. durch die Akkumulation des Kapitals und dem dazugehörigen Streben nach Profit), wie kann sich dann ein anderes System, eine Alternative durchsetzen?“
    Ich denke das ist zu groß gefragt. Auf dieser allgemeinen Ebene der Gesellschaftsbeschreibung (die ich nicht falsch finde), kann man ja die Strategien, eine Systemänderung zu befördern, nicht finden, weil dazu mehr verstanden werden muss. Ich denke, auf der Ebene der Strategien kommt man mit Marx nicht mehr weiter. Ich finde es fruchtbarer, über Kontextsteuerung nachzudenken.
    Wenn sich die Frage auf das bezieht, was ich als Person tun kann, dann kann ich so antworten: Da, wo ich arbeite, versuche ich in diesem Verständnis von effektiver Intervention zu arbeiten, in der Lehrerbildung. Bezogen auf andere Systemkomponenten habe ich weniger Möglichkeiten, weil ich dort keine Entscheidungsmacht habe. In der Lehrerbildung bin ich aber nicht nur mit meinen „Kunden“ – Referendaren und Lehrern – direkt zusammen, sondern über die (Partizipations-) Möglichkeiten von Web 2.0 habe ich auch die Möglichkeit, Entscheider zu „beraten“, andere Entscheidungen zu treffen als bisher – mit meinen Posts z.B. oder wir zusammen in dieser Diskussion hier. Andere haben andere Möglichkeiten. Und anders als derart personalisiert kann ich diese Frage, die sich mir natürlich auch seit Jahrzehnten stellt, nicht beantworten.

  4. Lisa Rosa sagt:

    Zur 90-9-1 „Regel“ möchte ich doch noch etwas sagen. Die braucht man nicht im Lichte der Kapitalakkumulation und Profitmaximierung zu sehen. 😉 Sie funzt überall dort, wo Menschen nicht persönlich beteiligt werden. Auch das haben ja die empirischen Untersuchungen in verschiedenen Kontexten gezeigt: Entweder, weil sie sich unangenehmen ethischen Dilemmata durch Eintauchen in Masse entziehen können – oder, weil sie im positiven Sinne in einem Lernkontext nicht so beteiligt werden, dass sie persönlichen Sinn bilden können, was die einzige Möglichkeit ist, soviel Movtivation zu erzeugen (und das ist immer selbst erzeugt), dass sie sich einbringen wollen.
    Aber diese Behinderungen der persönlichen Beteiligung kann man tatsächlich ändern. Und es gibt genügend Kontexte, in denen so ist, sei es SDL Lernen in Sudbury Schools oder sei es das massenhafte Training von Menschen für unsichere, irritierende und Angst erzeugende Situationen, die wissen, wie man in solchen Situationen bitzschnell Einzelne in Verantwortung nimmt, eine Gruppe zu bilden, die deeskalierend reagiert, und so fort.
    Natürlich sind wir dann wieder beim Geld. Aber wie kommt es, dass Finnland tatsächlich nicht nur bei PISA vorne ist, sondern als Land in allen Ratings zu Recht ganz vorne steht, was Lebensqualität angeht, und zwar mit großem Abstand? Und das, obwohl sie denselben Kapitalismus haben wie wir? Und obwohl sie noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein hoffnungslos abgeschlagenes Hinterwald-Agrarland waren, als wir schon hoch industrialisiert? – Sie haben andere Entscheidungen getroffen, die Finnen, ganz andere, als Deutschland oder Österreich. Und offenbar ist das möglich im System der Kapitalakkumulation und Profitmaximierung. Es lohnt sich, näher hinzuschauen! Es hat – zumindes was den Bildungsbereich angeht – genau damit zu tun, wo wir schon mehrfach argumentativ waren: Mit der Art und Weise, wie Lernen und Wachstum konzeptualisiert wird und wie Ressourcen dafür eingesetzt werden. Denn: Finnland gibt viel weniger Geld für die Bildung aus, gemessen am BIP , als bspw. die USA (aber mehr als D und A). Sie geben es vor allem in „Zuwendung“ von Personal zu den Lernenden aus. 20 Schüler in den Klassen – statt wie 30 bei uns. Und viel weniger Unterrichtsstunden, die die Lehrer geben müssen, dafür können sie sich dann die Zeit nehmen, etwas wirklich gut vorzubereiten und sich wirklich den Lernproblemen ihrer Schüler zu widmen. So kriegt man offenbar mehr „Elite“ aus dem “ Volk“. Denn was das Land inzwischen exportiert ist Wissen. Nirgendwo gibt es auf der Welt soviele Unis, Forschungsinstitute, Labore und Wissenschaftler pro Kopf wie in Fi. (An den Genen wirds ja wohl nicht liegen.)
    Es geht also noch was im Kapitalismus – ohne eine Polit-Revolution wie im Sturm aufs Winterpalais zu bemühen. Das ist übrigens auch Marx! (Im Manifest beschreibt er, welche unglaublich innovative Gewalt der Kapitalismus besitzt.) Eine soziale Revolution vollzieht sich gerade, auch, wenn wir sie gar nicht wollen, aber so langsam, dass sie von den meisten nicht als solche bemerkt wird. Die Prozesse sind so widerspruchsvoll und unübersichtlich (auch hier bin ich nach wie vor Marxist), dass wir, selbst unter Einbeziehung der von Lenin zitierten Echternacher Springprozession im „Drei Schritt vor, zwei zurück“, als Beteiligte, Betroffene und Zuschauer, die mittendrin sind, gar nicht die Übersicht haben, was sich da an gesellschaftlichen Veränderungen vollzieht. (vgl. Helmut Willke, Atopia; Michael Giesecke, Von den Mythen der Buchgesellschaft zu den Visionen der Informationsgesellschaft; Ulrich Beck, et cetera et cetera.)

    • Peter Baumgartner sagt:

      Ich habe gerade Marx als Beispiel dafür gebracht, dass – wie Sie richtig sagen – „Auf dieser allgemeinen Ebene der Gesellschaftsbeschreibung (die ich nicht falsch finde), kann man ja die Strategien, eine Systemänderung zu befördern, nicht finden…“.

      Umgekehrt alleine auf die individuelle Ebene zu verweisen, finde ich ebenfalls wieder unbefriedigend. Es geht also wiederum um dieses Mikro-/Makroproblem bzw. um die Konstruktion und/oder Einflussnahme auf einer mittleren Ebene.

      Ihre Finnland-Schulbeispiele verstehe ich und finde sie ich auch im Zusammenhang unserer Diskussion angebracht, nützlich und erhellend. Ich kenne mich dazu allerdings nicht besonders gut aus, weiß zu wenig um die Rahmenbedingungen. Ich habe da irgendwo im Hinterkopf die Vorstellung (oder Vorurteil?), dass Finnland wegen großer Ölressourcen sehr reich ist und daher vielleicht eine Ausnahme bildet? – Aber offensichtlich „rechnen“ sich niedriger Klassenzahlen, höhere Vorbereitungszeiten auch unter kapitalistischen Verhältnissen. Wieso werden dann solche Rahmenbedingungen nicht auch bei uns implementiert? Das wundert mich insbesondere auch deshalb, weil Finnland ganz offiziell als Musterland und Paradebeispiel gilt. – Aber wie gesagt: Ich schreibe da jetzt zu Dingen, wo ich (leider) nur naiver Laie bin…

      Sie erwähnen „Kontextsteuerung“. Ich weiß nicht was Sie damit meinen. Offensichtlich sehen Sie darin eine Möglichkeit der systemischen Einflussnahme?

      • Lisa Rosa sagt:

        „Umgekehrt alleine auf die individuelle Ebene zu verweisen, finde ich ebenfalls wieder unbefriedigend.“ Ja, es kann also kein „entweder oder“ sein. Sondern muss ein „sowohl als auch“ sein. Nun ist ja die spannende Frage, wie dieses „sowohl als auch“ beschaffen ist. Ist es additiv? – wohl kaum. Also irgendwie wechselwirkend. Aber wie? Marxistisch betrachtet auf jeden Fall dialektisch. Das hätten wir schon mal nicht im Boot, wenn wir das Individuelle als Mikro- und das Gesellschaftliche als Makro-Ebene verorten. Denn da haben wir eine quantitative Unterscheidung eingeführt. Und wie: Treffen sich das Individuelle und das Sozietale dann etwa in der Meso-Ebene? – Mir leuchtet diese Zuordnung gar nicht ein. Sie ist mir zu mechanisch.
        Und wie wird das Individuelle und das Sozietale in der sozialen Systemtheorie gesehen? Da wird unterschieden zwischen Individuum (psychisches System) und Organisation, Subsystem, Gesellschaft (soziales System). Die Mikro- und Makroebene entspricht hier den verschieden großen sozialen Systemen! Organisation = z.B. ein Betrieb. Subsystem ist z.B. das Bildungswesen einer Gesellschaft, daneben sieht man anderes Subsysteme, wie Politik, Wirtschaft, Religion, etc. Das finde ich überzeugend! Und Willke weist permanent darauf hin, dass, was für die untere Ebene des Betriebs z.B. gilt, keinesfalls automatisch für die anderen Ebenen gilt. Aber er verwechselt die Ebenen nicht mit den Kategorien Gesellschaft-Individuum. Denn die Unterscheidung zwischen psychischen Systemen ( = Individuen), die bloß Teilnehmer sein können an sozialen Systemen, aber eben weder mit ihnen identisch noch ihnen bloß entgegengesetzt, ermöglicht diverse kostbare Einsichten. Z.B. die, dass Systeme immer Systemumwelt(en) haben. Die Umwelt eines Systems zu ändern, bedeutet, das System anzuregen, darauf selbststeuernd zu reagieren. (Wir kennen es aus der Biologie wenn wir an die Evolution denken. Und ebenso funzt dieses Modell für die Domänen „Gesellschaftstheorie“ und „Psychologie“. Systemtheorie ist die zeitgenössisch avancierteste Metatatheorie für alle Wissenschaftsdomänen.)

        Dieses Ölreichtum-Land ist Norwegen. Leider hat ausgerechnet Norwegen ein Schulsystem, das – obwohl in Skandinavien gelegen – eher dem unseren ähnelt als dem Finnischen. Norwegen ist seit einigen Jahren halbherziger Reformen im emanzipatorischen Sinne wieder auf die neoliberale Variante der OECD-Bildungspolitik eingeschwenkt. Finnland hat außer Holz eigentlich nichts. Nur eben Wissen. Es ist das Land, das am weitesten ist auf dem Weg in die Wissengesellschaft vorangegangen ist, und das in seiner Praxis wie auch in seinem erklärten Verständnis von Bildungsprozessen die eher „emanzipatorische Variante“ der OECD-Bildungspolitik zeigt. Es ist offenbar nichts alternativlos. Auch nicht in der Europäischen Politik. Es gibt was zu entscheiden! Es gibt Optionen.
        Warum wir uns nicht ein Beispiel nehmen an Finnland, ist eine gute und zwingende Frage. Und m. Ansicht nach gibt es keinen VERNÜNFTIGEN Grund dafür. Aber viele Ausflüchte. Das verrückteste und gleichzeitige beliebteste Argument, warum wir angeblich von Fi nichts lernen können, lautet: „Weil wir anders sind.“ Das muss man sich mal richtig klar machen, was das bedeutet. Es ist so dumm, dass es eigentlich aus dem Denkraum des Mittelalters entsprungen scheint, denn wenn wir es gedanklich durcharbeiten, bedeutete es, dass LERNEN überhaupt nicht möglich ist, denn von sich selbst lernen (und nur wir sind wie wir, also identisch mit uns) – das geht nicht.
        (Empfehle, falls es interessiert: Pasi Sahlberg: Finnish Lessons. What can the world learn from educational change in Finland?, New York/London 2011)

        Dass sich Gesellschaftssysteme bzw -formationen ändern, ist keine Frage des Ob, nicht? (Denn wir hatten ja schon diverse, da würde eine solche Frage keinen Sinn machen.) Ob man mit Marx den Wechsel einer Formation als soziale Revolution in Form von Klassenkämpfen sieht, oder mit der modernen sozialen Systemtheorie in Form von Systemwandel aufgrund von Anpassung an veränderte Systemumwelt (auch das als soziale Transformation gedacht – nicht etwa als Optimierung des bestehenden Systems) – eins ist klar: es findet statt unter Beteiligung der Individuen, aber nicht aufgrund voluntaristischer Entscheidungen (allein), sondern aufgrund von Notwendigkeiten des Überlebens des Gesamtsystems. Unter letzterem verstanden die Menschheitsgesellschaft/-kultur/-gattung … wie auch immer.

  5. Lisa Rosa sagt:

    zum Begriff „Kontextsteuerung“ – er ist ein drittes neben den häufig nur als Entgegensetzung gedachten Selbststeuerung-Fremdsteuerung. In der Systemtheorie gilt ja immer die Beziehung System-Systemumwelt. Und Kontext ist Umwelt, also Kontextsteuerung bedeutet dem zu intervenierenden System die Umwelt so zu ändern, dass es genötigt oder überredet wird, selbstgesteuert sich selbst zu ändern (d. i. Lernen).
    Dazu z.B. meine Buchbesprechung: „Und bist du nicht willig … Systemtheorie für Lehrer.“
    http://shiftingschool.wordpress.com/2012/08/17/und-bist-du-nicht-willig-so-brauch-ich-gewalt-systemtheorie-fur-lehrer-helmut-willkes-grundzuge-einer-theorie-der-intervention-in-komplexe-systeme/

    • Peter Baumgartner sagt:

      Diese verschiedenen (hierarchischen) Ebenen sehe ich nicht mechanistisch: Ich habe zu den Wechselwirkungen der „unteren“ mit der „oberen“ im Zusammenhang mit Michael Polanyi (va. Personal Knowledge: Towards a Post-critical Philosophy. University of Chicago Press) aber auch in Zusammenhang von „Emergenz“ nachgedacht und auch schon einiges publiziert.

      Danke für die Richtigstellung Finnland/Norwegen und für die Literaturhinweise. Ich muss mir das alles mal bei Gelegenheit zu Gemüte führen. — Habe soeben Pasi Sahlberg und die drei Bände zur Sysemtheorie von Wilke gekauft 😉

      • Lisa Rosa sagt:

        Wow! Was hatte ich da für eine durchschlagenden „Interventions-Erfolg!“ 😉 Bin gespannt, ob Sie v.a. mit der Willkeschen Systemtheorie etwas anfangen können.

  6. Hallo Peter,
    etwas verspätet habe ich jetzt auch deine kritischen MOOC-Kommentare und die metatheoretische Abrundung gelesen. Dazu mein Kommentar: Montag vor einer Woche war ich beim Bayerischen Rundfunk zu einem Interview – also nur als „Informationsquelle“ zum Thema „Digitale Medien in der Lehre“. Wie zu erwarten bildeten MOOCs, die Khan Academy etc. einen relativ breiten Fragen-Pool und während des Fragen-Beantwortens ist mir dann immer wichtiger geworden, deutlich zu machen, dass man unterscheiden muss zwischen einer Art informeller Bildung (und genau: dazu sind MOOCs doch wirklich ganz hervorragend!) und formalen Bildungsangeboten mit Prüfung und Zertifizierung. Eine weitere Unterscheidung, die man wohl treffen muss, ist die zwischen dem Angebot von bildungsrelevanter Information zur selbstorganisierten Erschließung (und auch hier dürfte gelten: MOOCs sind dafür wohl sehr gut geeignet) und einem didaktisch aufwändig aufbereiteten Angebot mit zwangsläufig einschränkenden Bedingungen (z.B. was die Ziele und die Teilnehmerzahl betrifft). Was die soziologische Deutung betriff, von wo und wem aus (Individuen, ganze Organisationen) Initiativen gehen müssten, dass sie möglichst wirksam sind, muss ich passen – da habe ich eher wenig Ahnung. Meine persönliche Erfahrung ist die, dass man beides braucht: das Engagement Einzelner und unterstützende Strukturen – ob sich das dann auf irgendeiner „Meso-Ebene“ trifft – keine Ahnung 😉
    Gabi

    • Peter Baumgartner sagt:

      Hallo Gabi,

      Bin gerade auf Department-Klausurtagung, daher nur kurz: Ja, so ähnlich wie Du sehe ich es auch. Gut auf den Punkt gebracht!

      Dass mit der „Meso-Ebene“ und den metatheoretischen Anmerkungen ist ein Versuch in zweierlei Richtungen: Einerseits zu überlegen, wie die positiven Seiten eines Trends zu stärken sind; andererseits nachzudenken darüber, warum es zu meinen Beitrag soviel Aufregung gab.

      Ich habe ja schon öfters kritische Kommentare geschrieben, und keiner hat besonders viel Diskussion erregt 😉 Das (Meta-)Phänomen d.h. die Tatsache dieser aufgeregten Diskussion selbst, sagt meiner Meinung auch etwas aus, bzw. ist ein „Anzeichen“ für andere, tiefere, dahinter liegende Fragestellungen. Ich weiß allerdings nicht genau, was das ist. Vielleicht Angst oder Hoffnung oder ??, dass MOOCs unser Bildungssystem radikal revolutionieren (könnten/sollten)?

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